Lucy Rose – 100 Prozent ich

12.10.2012

Es braucht schon viel Mut, sich voll und ganz der Musik zu widmen, ohne dabei ein Hintertürchen Richtung Studium oder „normales“ Berufsleben offen zu lassen. Die Engländerin Lucy Rose hat sich im Alter von 18 Jahren voll und ganz für die Musik entschieden. Fünf Jahre später sehen manche in ihr die neue Feist. Was ist dran an den Lorbeeren, haben wir uns gefragt und Lucy Rose getroffen.

Verkauft bei ihren Konzerten selbstgemachten Tee und Marmelade - Lucy Rose (Foto: Wizard Promotions)

Gefühlvolle Songs, vorgetragen von einer zarten Stimme, begleitet von einer eingespielten Band – wenn man Lucy Rose auf der Bühne erlebt, sind große Emotionen im Spiel.

„Eigentlich bin ich ziemlich kalt, wenn es um Gefühle geht“, sagt die 23-jährige über sich selbst. Der offene Umgang mit Emotionen im alltäglichen Leben falle ihr schwer. Hinter ihrer Akustik-Gitarre und einem Mikrofon aber hat sie einen Weg gefunden, sich auszudrücken. So ist es auch kaum verwunderlich, dass in den Songs von Lucy Rose auch 100 Prozent Lucy Rose stecken.

Das bin definitiv zu 100% ich. Ich find es schwierig einem Song über Gefühle zu schreiben, die mir selbst fremd sind. Alles worüber ich singe, ist mir irgendwann selbst passiert. Normale Leute sprechen darüber, ich versperre mich dagegen und nutze stattdessen die Songs, um meine Emotionen rauszulassen.

Wer seine Gefühle in Songs verpackt, begibt sich in die skurrile Situation, diese Gefühle nicht mit engen Vertrauten, sondern sie bei jedem Konzert mit einer Horde fremder Menschen zu teilen. Und in der Tat, sagt Lucy Rose, ist es schwieriger, neue Songs zu spielen, bei denen die Emotionen noch frisch sind.

Wenn die Emotionen frisch sind und die Gefühle, über die man gerade singt, gerade noch in einem brodeln, ist es in der Tat schwieriger. Bei älteren Songs erinnert man sich an die Gefühle von damals, aber man empfindet sie nicht mehr so intensiv. Das ist wie bei einem Beinbruch. Der Schmerz ist weg, aber man erinnert sich an ihn.


Vielleicht hat Lucy Rose gerade deswegen darauf gedrängt, die Platte jetzt rauszubringen und nicht, wie von der Plattenfirma vorgeschlagen, im Januar nächsten Jahres. In England ist Lucy Rose nun schon in aller Munde. Die BBC spielt ihre Songs im Radio und bei manchen Festivals tritt sie schon als Headliner auf. Trotz ihres jungen Alters hat die Engländerin schon einiges an Live-Erfahrung gesammelt. Zusammen mit Bombay Bicycle Club stand sie schon auf großen Bühnen, wie denen des Glastonbury Festivals.

Das hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben. Bombay Bicycle Club sind eine unglaublich tighte Live-Band. Ich dachte: Genauso soll meine Live-Band auch mal klingen.

Eine gute Live-Band nach dem Vorbild von Bombay Bicycle Club wollte Lucy Rose um sich scharen – ein Vorhaben, dass ihr nach fünf Jahren London-Erfahrung geglückt ist. Die Songs von Lucy Rose sind weit mehr als simple Singer/Songwriter-Stücke. Sie spielt mit vertrackten Rythmen und Tempo-Wechseln, wie etwa in dem Song Lines.

Lucy Rose nennt sich selber einen Kontroll-Freak. Angefangen bei den Album-Aufnahmen, über marketingstrategische Entscheidungen, bis hin zum Merchandise-Stand: Lucy Rose macht so viel wie möglich selbst und bringt dafür auch den nötigen Einfallsreichtum mit. Weil sie bei ihren ersten Konzerten noch keine CDs hatte, brachte sie am Merchandise-Stand selbstgemachten Tee und Marmelade unter die Konzertbesucher.

Wir hatten kein Merchandise und ich dachte, irgendwas müssen wir ja anbieten. Ich bin süchtig nach Tee. Ich dachte, daraus könnte man was machen. Ich kreierte eine eigene Tee-Mischung und hab sie bei Konzerten als „Lucy Rose Tea“ verkauft. Und Marmelade hatten wir auch dabei, Ingwer und Rhababer. Den Leuten hat es gefallen, also haben wir weitergemacht.

Mittlerweile kann Lucy Rose am Merch-Stand auch ihr erstes Album feilbieten: Like I Used To. Darauf zu hören gibt es Songs, in denen das Zwischenmenschliche den Ton angibt. Musikalisch erinnert das hier und da an die Kanadierin Leslie Feist.

Das Lustige ist, dass ich noch nie was von Feist gehört hatte, als ich meine Songs schrieb. Dann hab ich ihr neues Album bekommen, kurz nach dem wir mein Debüt aufgenommen haben. Ich dachte: „genau so soll meine Musik klingen“. Da ich die Platte erst nach den Aufnahmen zu meinem Debüt gehört habe, hat es mich nicht beeinflusst. Es ist schon ein Zufall, dass wir uns ähneln. Ihre Musik ist unglaublich und ich liebe sie. Feist hat schon so viel erreicht. Genau in diese Richtung möchte ich mich auch entwickeln.

Eine Karriere wie Feist – mit ihrem ersten Album hat Lucy Rose den Grundstein für dieses Vorhaben gelegt. Mag sein, dass die Songs auf Like I Used To bei manchen Hörern zunächst im Ordner „niedliche Mädchenmusik“ landen. Doch wenn Lucy Rose weiterhin so aufrichtige und eindringliche Pop-Songs schreibt, dann dürfte sie bald auf der ganzen Welt in aller Munde sein. Und würde sie dafür den unbequemen Weg über die Werbung gehen, so wie Feist damals mit ihrem Song „1234“?

Sag niemals nie! Es käme darauf an, für welche Werbung man einen Song hergibt. In Zeiten wie diesen, in denen es so schwer ist, von Musik überhaupt leben zu können, kann ich verstehen, warum Künstler das machen. Sonst könnten sie es sich wahrscheinlich nicht leisten, das nächste Album aufzunehmen.