Nive Nielsen – Sängerin aus Grönland

Songs statt Selfies

09.12.2015

Der Lebenslauf von Nive Nielsen listet einen Job im grönländischen Weihnachtspostamt, ein Politik-Studium in Ottawa und einen Auftritt vor der dänischen Königin. Ihr neues Album ist wie eine Reisetagebuch mit passender Playlist.

Reisen als Inspirationsquelle - Nive Nielsen aus Grönland. Foto: Promo

Nive & The Deer Children Nielsen - Feet First

Feet First

Nive & The Deer Children Nielsen

(Glitterhouse, bereits erschienen)

Die meisten Musiker nehmen erst ein Album auf und gehen dann auf Tour. Nive Nielsen hat es genau umgekehrt gemacht: sie ist erst um die Welt gereist, hat unterwegs Songs geschrieben und die dann an ganz verschiedenen Orten aufgenommen. Einige Stücke sind mit ihrer Band „The Deer Children“ entstanden, einige mit Menschen, die sie erst auf der Reise getroffen hat.

Ich reise von immer gern und ich mag es, neue Leute zu treffen. Wenn du unterwegs bist, werden manche Stimmungen einfach viel intensiver. Das ist eine große Inspirationsquelle – der Stoff, aus dem Songs gemacht sind.

Weltenbummlerin mit Heimweh

Das neueste Ergebnis des Nomadenlebens der Nive Nielsen sind die 12 Songs auf dem Album „Feet first“. Gleich das Eröffnungsstück „Still the Same“ zeigt, dass Nive eine ziemlich illustre Kontaktliste in ihrem Telefon gespeichert hat.

Wir haben den Song erst in Tucson aufgenommen mit Howe Gelb, Brian Lopez, Gabriel Sullivan und ein paar anderen aus dem Giant-Sand-Freundeskreis. Und dann hat Ralph Carney in San Francisco die Bläserparts für uns eingespielt. Die Kombination hat überraschend gut funktioniert – ich liebe es! Es ist erstmal ein sehr ruhiger Song und dann wird daraus diese verrückte Party.

Erst zurückhaltend, dann Party; eine Weltenbummlerin mit Heimweh, die auf Englisch und auf Grönländisch singt; mal laut, dann wieder still: in Gegensätzen wie diesen findet Nive Nielsen ihre Inspiration.

Manchmal mag ich es krachig, dann aber auch wieder super ruhig und sanft. Ich finde solche Kontraste toll, das macht die Songs überraschend und nie langweilig.

Briefe aus dem Weihnachtspostamt

Langeweile ist tatsächlich das Letzte, was man bei Nive & The Deer Children erwarten darf. Immerhin listet der Lebenslauf von Nive Nielsen einen Job im grönländischen Weihnachtspostamt, ein Politik-Studium in Ottawa und einen Auftritt vor der dänischen Königin. Was fehlt, ist der klassische Musikunterricht. Lange hat Nive sich nicht mal getraut, vor Publikum zu singen. Und sie hat immer noch Schwierigkeiten damit, von sich selbst als „Musikerin“ zu sprechen.

Diese anfängliche Unsicherheit war ein Grund, sich Verstärkung von befreundeten Musikern zu holen. Mittlerweile ist diese Arbeitsweise volle Absicht und einer der Aspekte, die ihre Musik so spannend machen. Ganz bewusst lässt Nive Nielsen den Gastmusikern deshalb jeden Freiraum, etwas Besonderes aus dem Song zu machen.

Ich sage den Musikern nie, was sie tun sollen. Ich zeige ihnen den Song und erkläre ein bisschen, worum es darin geht, ob es ein aggressives oder fröhliches Stück ist. Aber letztlich vertraue ich ihrem Geschmack und versuche nicht, jemandem irgendwas aufzudrücken. Sie sollen lieber etwas draus machen, was sich außer ihnen niemand so ausdenken könnte.

Reisetagebuch mit passender Playlist

„Feet first“ ist kein klassisches Bandalbum, sondern dank seiner mobilen Entstehungsgeschichte eher ein Reisetagebuch mit passender Playlist. Und die fängt nicht nur ein stückweit Wetter, Landschaft und die Atmosphäre der verschiedenen Orte ein, an denen Nive Nielsen unterwegs war. Als Bonus gibt es immer auch das besondere Plus X an Talent und Ideen der Menschen, mit denen sie diese Musik gemacht hat. Schöner kann man Erinnerungen eigentlich nicht festhalten: Songs statt Selfies.