Reingehört: Tom Liwa mit Flowerpornoes – Umsonst & Draussen

Der treue Begleiter

03.11.2015

Fast hätte der Duisburger Songschreiber Tom Liwa mit dem Musikmachen aufgehört. Zum Glück nur fast: Zusammen mit seiner Band Flowerpornoes hat Tom Liwa jetzt ein neues Album veröffentlicht. Wir haben reingehört.

Tom Liwa mit Flowerpornoes - Umsonst & Draussen

Umsonst & Draussen

Tom Liwa mit Flowerpornoes

(Grand Hotel Van Cleef, bereits erschienen)

Was erwartet man im Jahr 2015 von Tom Liwa und den Flowerpornoes? Klar, die warme, melancholische Stimme, die scharf beobachteten Texte und die überraschend virtuosen Instrumentalpassagen – das versteht sich von selbst. Aber was hat jemand, der seit den achtziger Jahren Platten veröffentlicht, überhaupt noch zu sagen?

Ende 2013 ist sich Tom Liwa da selbst nicht mehr sicher gewesen. Der Erfolgsdruck im Kulturbetrieb hat ihn angeödet. Für echte Rebellion und sich selbst hat er keinen Platz mehr gesehen. Er musste sich von allem lösen, erzählt er, vor allem von seiner Identität als Künstler. Dann kamen auf einmal wieder Songs – und mit den Songs die Lust am Spielen.

Besinnungslose Ströme im Keller

Tom Liwa und die Flowerpornoes haben das neue Album im Keller vom Schlagzeuger Giuseppe Mautone aufgenommen. Ihre Herangehensweise beschreibt die Band als „Stream of Unconsciousness“, frei nach dem Motto „alles ist erlaubt, solange es sich gut anfühlt“. Dementsprechend bunt ist das Album auch ausgefallen. Schlichte Folksongs reihen sich an klassischen Flowerpornoes-Indierock – aber auch Funkgrooves und ausgeprägte Krach-Jams sind auf dem Album vertreten.

Die stärksten Momente auf „Umsonst & Draussen“ entstehen aber immer dann, wenn sich Liwa und die Flowerpornoes auf ihre alten Stärken besinnen und ihren entspannten, lyrischen Indierock spielen. Songs wie „Planetenkind“ oder „Federkleid“ klingen wie die Flowerpornoes zu ihren besten Zeiten – gerade erst aufgestanden, aber hellwach.

Mit 20 Songs in 74 Minuten ist „Umsonst & Draussen“ ein echter Brocken. Tom Liwa sieht die Länge vor allem als Herausforderung an seine Hörer. Man solle sich vom Album eine Weile lang begleiten lassen, sagt er. In nur einem Durchgang kann man sich „Umsonst & Draussen“ sowieso nicht komplett erschließen. Immer wieder offenbart die Platte neue Facetten und bisher unscheinbare Songs werden plötzlich zu Lieblingen. Das mag nicht unmittelbar befriedigend sein, macht „Umsonst & Draussen“ aber zu einer Platte mit großem Langzeitpotenzial.

Von Bob Dylan verraten

So vielseitig „Umsonst & Draussen“ musikalisch ist, so stringent sind die Texte. In den meisten Songs zeigt Tom Liwa sich desillusioniert von Musik, Musikindustrie und vom kreativen Schaffen an sich. Das Neil Young-Konzert auf der Waldbühne ist ihm zu unpersönlich, in den Beatles sieht er vor allem eine Band, die sich für den Erfolg verbiegen musste. Sogar von Bob Dylan fühlt Tom Liwa sich verraten. „Ich werde keinem Mann mit einem Schellenkranz mehr ewige Treue schwören“, singt er im Song „Jahre des Verrats“ – und wer sich an die Ehrfurcht gewöhnt hat, die Tom Liwa Bob Dylan in vielen seiner Lieder entgegenbringt, der fühlt sich kurz so wie Liwa sich Ende 2013 gefühlt haben muss. Gut, dass es ihm jetzt besser geht.

Das Album ist aber keine bloße Abrechnung mit der Kulturindustrie geworden. Unter den 20 Songs finden sich auch wieder die feinen Beziehungsgeschichten, die Tom Liwa so gut beherrscht. Da ist  „Der Trost der Dinge“ mit seiner leisen Konsumkritik und die kleine Familientragödie „Papa“. Dass keiner der Songs allzu kitschig wird, ist vor allem der Verdienst von Liwas zerknautschter Stimme. Die nimmt jeder noch so theatralischen Formulierung ein bisschen die Schwere.

Anspruchsvoller Weggefährte

„Umsonst & Draussen“ von Tom Liwa und den Flowerpornoes ist ein herausforderndes Album. Weil es so lang ist, weil es so vielschichtig ist und weil es so viel zu sagen hat. Man muss Zeit mitbringen und sich einlassen wollen auf diesen Klotz, aber es gibt sicher schlechtere Weggefährten für die kommenden Monate als „Umsonst & Draussen“ von Tom Liwa und den Flowerpornoes.


Redaktion: Vincent Raßfeld


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