Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview

"De Maizières Äußerungen sind widerlich"

08.10.2015

Seit 22 Jahren stehen Tocotronic regelmäßig auf der Bühne. Heute geht die Band einmal mehr auf Tour. Ein Gespräch mit Sänger Dirk von Lowtzow über Karriereverweigerung, die Ökonomisierung der Liebe und Ressentiments gegenüber Flüchtlingen.

"Wenn man heute politische Kunst machen will, dann muss man über Liebe singen" - Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Foto: Jutta Pohlmann

Songs schreiben, Alben rausbringen, Bandproben, Konzerte spielen – für Tocotronic gehört das seit 22 Jahren zum ganz normalen Arbeitsalltag. Von Album zu Album ist diese Band gewachsen. Die zitierfähigen Slogans von damals sind verästelten Textcollagen gewichen, statt Trainingsjacke trägt man heute Hemd (oder Buffy-T-Shirt) und der ergraute Dirk von Lowtzow singt neuerdings über die Rottöne der Liebe.

Gibt es die „bessere Liebe“?

Der Clou des „roten Albums“ aber war es, den Veröffentlichungs-Termin auf den 1. Mai zu legen. „Wenn man heute politische Kunst machen will, dann muss man über Liebe singen“, sagt von Lowtzow.

Liebe ist sehr durchsetzt von einem Konsumgedanken oder von der Idee, eine bessere Liebe zu finden. So wie einen besseren Job oder ein besseres Auto. Es gibt einen gesellschaftlichen Imperativ, sich permanent zu verbessern. Wenn es aber jemand besseren gibt, dann war das keine Liebe. Liebe kann man nicht steigern. Das ist ein absolutes Gefühl.

Eine Band mit Haltung

Politisch waren Tocotronic schon immer. Sie kommen aus einem linken Hamburger Umfeld, haben damals in der Roten Flora eines ihrer ersten Konzerte gespielt. Heute unterstützt die Band Pro Asyl und bezieht eine klare Stellung in der Flüchtlingsdebatte.

Wir haben jetzt Äußerungen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière gehört, die an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten sind. Das alles ist so ressentimenthaft und so widerlich, dass ich gar nicht weiß, wie viel ich essen möchte um kotzen zu können.

Wir haben mit Dirk von Lowtzow telefoniert. Ein Gespräch über Karriereverweigerung, die Ökonomisierung der Liebe und Ressentiments gegenüber Flüchtlingen.