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Mehr Waffen, mehr Tote?

Wo es mehr Schusswaffen gibt, sterben auch mehr Menschen durch Schüsse, so die Statistik. Zufall oder Zusammenhang?

Jedes zehnte Mordopfer mit Schusswaffe getötet

Wer regelmäßig Tatort guckt, könnte denken, dass die meisten Morde in Deutschland mit einer Schusswaffe begangen werden. Denn in der ARD-Kultserie steht der Tod durch Erschießen mit Abstand ganz oben auf der Liste der häufigsten Todesursachen. Die Realität sieht anders aus. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt für 2019 an, dass bei jedem zehnten Mordfall die Tatperson mit einer Waffe geschossen hat – das heißt in 22 von 218 Fällen. Im Verhältnis zu den Millionen Schusswaffen, die in deutschen Privathaushalten lagern, scheint das wenig zu sein.

Dennoch: Könnten wir Leben retten, wenn es in Deutschland weniger Waffen gäbe? Eine Studie aus den USA legt das nahe. Wissenschaftler haben Anfang der 2000er berechnet, dass die Mordrate signifikant mit der Verfügbarkeit von Schusswaffen zusammenhängt. Wo es mehr Waffen gibt, gibt es also auch mehr Morde – und zwar Morde mit Schusswaffen. Das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für 25 weitere Länder mit hoher Wirtschaftskraft wie Finnland, Japan, Israel und Deutschland.

Begrenzte Aussagekraft

Nur sagt die Studie nichts über die Kausalität aus, also darüber, warum Mordrate und Waffenbesitz in diesen Ländern zusammenhängen. Es könnte sich um einen Zufall handeln oder aber Menschen kaufen in Gegenden mit höherer Mordrate häufiger Schusswaffen, um sich sicherer zu fühlen.

Mehr Aussagekraft hat das Ergebnis einer weiteren Studie aus den USA, die auf Daten von 1996 bis 2010 basiert. Sie zeigt, welche Gefahr von privatem Schusswaffenbesitz für die Polizei ausgeht. In den US-Staaten mit den meisten Waffen war das Risiko für Polizeikräfte, erschossen zu werden, dreimal so hoch wie in den Staaten mit den wenigsten Waffen. Die Forschenden konnten ausschließen, dass andere Faktoren wie beispielsweise unterschiedliche Kriminalitätsraten zu dem Ergebnis geführt haben.

Kaum Forschung über Schusswaffen in Deutschland

Trotzdem bräuchte es mehr Studien, um sicher sagen zu können, dass allein die höhere Verfügbarkeit von Waffen schon zu mehr Morden führt. Gleichzeitig fällt es schwer, andere Erklärungen für bisherige Forschungsergebnisse zu finden. Zum Beispiel dafür, dass 5- bis 14-Jährige im Waffenland USA 13-mal wahrscheinlicher mit einer Schusswaffe getötet werden als Gleichaltrige in ähnlich entwickelten Ländern. Oder dafür, dass Beziehungen für Frauen häufiger tödlich enden, wenn der gewalttätige (Ex-)Partner Zugang zu einer Schusswaffe hat.

Das National Research Council plädiert schon lange für mehr Forschung und mehr verlässliche Daten zum Waffenbesitz in den USA. Beides gibt es hierzulande kaum. Das macht es schwer zu sagen, inwieweit sich amerikanische Erkenntnisse auf Deutschland übertragen lassen.

Die deutsche Waffenlobby argumentiert oft, dass unser Waffenrecht eines der schärfsten sei. Zudem seien Menschen, die Waffen besitzen, besonders gesetzestreu. Schließlich wären sie ihre Waffe sonst schnell wieder los. Wenn überhaupt, dann würden vor allem illegale Waffen ein Problem darstellen. Ob das stimmt, ist unklar. Denn die Kriminalstatistik unterscheidet nicht zwischen legalen und illegalen Schusswaffen. Die Zeit recherchierte für das Jahr 2013, dass von 54 bekannten Todesfällen durch Schusswaffen mindestens 27 Menschen mit einer registrierten Waffe getötet wurden, also die Hälfte.

Mehr Waffen, mehr Suizide

Wie viele Menschen durch legale Schusswaffen sterben, ließe sich aber ohnehin nicht allein an Kriminalstatistiken ablesen. Denn wenn ein Mensch in Deutschland einen tödlichen Schuss abfeuert, dann vor allem auf sich selbst. 2018 gab es 687 Suizide mit Schusswaffen. Getötet haben sich fast ausnahmslos Männer. Genau wie bei Morden hängt die Suizidrate signifikant mit der Verfügbarkeit von Waffen zusammen und vieles spricht für die naheliegendste Erklärung: Wer die Möglichkeit hat, greift beim Suizid zu Pistole oder Gewehr und stirbt mit höherer Wahrscheinlichkeit beim ersten Versuch.

Waffen scheinen Menschen in Krisensituationen die Chance zu nehmen, sich Hilfe zu suchen. Der Suizidversuch ist schnell in die Tat umgesetzt, sodass kaum Zeit bleibt, es sich anders zu überlegen. Darüber hinaus endet der Versuch häufiger tödlich als bei anderen Suizidmethoden. Eine US-Studie hat gezeigt, dass Suizid die häufigste Todesursache bei Menschen ist, die kurz zuvor eine Waffe gekauft haben. Der Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Suizidrate kommt allerdings nicht allein daher, dass Menschen gezielt Waffen kaufen, um sich in naher Zukunft umzubringen.

Denn auch wenn der Waffenkauf schon Jahre zurück liegt, bleibt das Suizidrisiko von Waffenbesitzenden höher als das von Menschen, die keine Schusswaffen besitzen. Das gilt nicht nur für die Person, die die Waffe gekauft hat, sondern für den gesamten Haushalt. Zum Beispiel töten sich Jugendliche in den USA meist mit den Schusswaffen der Eltern. Diverse Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen in Haushalten mit Schusswaffen weder mehr psychische Probleme noch häufiger Suizidgedanken haben. Auch andere Risikofaktoren wie Drogenmissbrauch kommen nicht vermehrt vor. Entscheidend bleibt, ob suizidgefährdete Menschen Zugang zu Schusswaffen haben oder nicht.