Das neue Jahr ist ja noch ziemlich frisch, und wir nutzen diese Episode hier, um unseren Ausblick auf das Jahr 2026 zu vertiefen, den wir ja in der vergangenen Folge auch schon so ein bisschen begonnen haben. Denn die Zeit zu Beginn des Jahres ist ja auch so ein bisschen die Zeit, innezuhalten, aus Fehlern zu lernen und herauszutreten aus dem Klein-Klein des Alltags. Bevor es dann ja wirklich schnell genug meistens wieder mit voller Geschwindigkeit irgendwie los und weitergeht. Ich bin Christian Bollert, habe gar keine Neujahrsvorsätze und auch gar kein Jahresmotto, schaue aber zuversichtlich auf das Jahr 2026 und freue mich auf diese Ausgabe unseres gemeinsamen Podcasts. Glaubt man den Umfragen unter Unternehmerinnen und Unternehmern, wie zum Beispiel dem IFO-Geschäftsklimaindex, dann hat sich die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland weiter verschlechtert. Demnach endet das vergangene Jahr ohne Aufbruchsstimmung. Kanzler Merz hat ja diese Woche auch angekündigt, dass er sich intensiver um die Wirtschaft kümmern will. Wir bleiben hier im Podcast natürlich zuversichtlich und schauen in dieser Ausgabe auf eine Vision für eine neue wirtschaftspolitische Kultur in Deutschland. Und dabei hilft mir ein Gesprächspartner, der viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet hat und schon deshalb auch eine andere Perspektive auf den Standort Deutschland hat. Jochen Andritzky hat Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert, war Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den sogenannten Wirtschaftsweisen, und ist über 15 Jahre lang als Ökonom beim Internationalen Währungsfonds in Washington und auch als Berater der ukrainischen Nationalbank in Kiew tätig gewesen. Vor etwas mehr als drei Jahren hat er den unabhängigen Think Tank Zukunftsfabrik 2050 mitgegründet, und jetzt im Januar erscheint sein Buch „Visionen braucht das Land“ für eine langfristige Politik mit Mut zur Zukunft. Ich freue mich, mit ihm hier im Brandeinspodcast über seine Ideen sprechen zu können und sage Hallo, Herr Andritzky, und herzlich Willkommen im Brandeinspodcast. Ja, hallo! Sehr schön, vielen Dank für die Einladung. Sie teilen ja die Analyse, dass wir in Deutschland lange vom Rückenwind der Globalisierung gelebt haben. Was wäre denn so aus Ihrer Sicht der erste wirtschaftspolitische Hebel, den die Bundesregierung jetzt am Anfang des Jahres unbedingt umlegen sollte? Naja, also ich teile auf jeden Fall diese Auffassung, dass wir schon seit Jahrzehnten im Prinzip mit diesem Rückenwind sehr gut gelebt haben, aber es im Prinzip verlernt haben, während dieser Zeit Reformen wieder anzupacken. Und deswegen glaube ich, ist es nicht die eine Maßnahme, auf die ich jetzt warte, sondern es ist einfach der Aufbruch, den ich mir wünsche. Und ich glaube, zunehmend haben wir eine Stimmung, dass der Aufbruch auch wirklich stattfinden kann. Woran machen Sie das fest? Naja, also erst mal am Anfang steht ja immer die Erkenntnis. Und ich glaube, so langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir sehr gut gefahren sind. Im Prinzip die letzte Reformperiode, die die Bundesrepublik hinter sich hat, war ja die Agenda 2010. Das ist jetzt 20 Jahre lang her. Und danach lief es sehr gut. Also noch vor zehn Jahren hatten wir ja die letzten Probleme mit der Eurokrise. Und da haben wir noch den anderen Ländern erzählt, was sie für Reformen umsetzen sollen. Aber seitdem haben wir selber eigentlich sehr wenig oder sogar gar nichts gemacht. Und ich glaube, diese Erkenntnis setzt sich jetzt so langsam durch, weil wir eben diese Wachstumsraten haben, die uns als Schlusslicht unter den Industrienationen positioniert. Also aus Ihrer Sicht braucht es auch so einen großen Wurf wie die Agenda 2020? Ja, auf jeden Fall. Genau. Also mit den einzelnen Reformen glaube ich, wird man jetzt nicht mehr weiterkommen. Dazu ist auch einfach die Welt zu sehr in Veränderung. Und ich glaube, das ist im Prinzip der richtige Moment, auch darüber nachzudenken, wo wir stehen wollen und mal wirklich langfristig zu denken. Das ist meine Hauptkritik an der Politik der letzten Jahrzehnte, dass wir zunehmend im Prinzip symptomorientiert Politik gemacht haben. Wir müssen wieder an den großen Wurf ran. Wie könnte der denn aussehen? Ja, da habe ich natürlich auch nicht die Kristallkugel. Ich wünsche mir im Prinzip, dass die Politik diese Zukunftsentwürfe vorlegt und dass wir darüber mal eine Debatte haben. Ich glaube, da würde es anfangen. Also ich habe in meinem Buch selber ein paar Visionen formuliert. Aber ich sage ganz absichtlich, dass es nicht so ist, dass ich jetzt irgendwie es besser weiß als alle anderen, sondern es ist so, dass ich einfach in dem Buch mal auch skizzieren möchte, wie man sowas auch in der öffentlichen Kommunikation darstellen könnte. Eine Vision für eine Wissensgesellschaft, eine Vision für eine Innovationsnation. Und darüber kann man dann streiten, ob wir das wollen oder wollen wir eine andere Vision? Wollen wir eine Vision, in der wir geringes Wirtschaftswachstum haben oder gar nichts oder sogar schrumpfen und dafür andere Ziele erreichen? Also darüber kann man sich einfach wunderbar streiten. Aber wir müssen uns über diese Zukunftsbilder streiten und nicht denken, dass wir jetzt mit der einen oder den zwei Maßnahmen oder einer anderen Reformkommission hier irgendwie das Ruder rumreißen. Würden Sie so weit gehen? Und es gibt ja mittlerweile tatsächlich einige, die das auch sagen, dass so dieses geflügelte Wort von Helmut Schmidt „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, dass wirklich die falsche Lösung ist und dass wir eigentlich mehr Zukunftsbilder brauchen, so wie Sie es ja gerade auch beschreiben? Ja, also ich glaube, Helmut Schmidt hat das auch gar nicht so gemeint. In meinem Buch mache ich Werbung für Mut zu einer Politik der Visionen, aber auch gleichzeitig eine Demut vor den Möglichkeiten, die die Politik hat. Und ich glaube, das ist im Prinzip auch so, wie man es lesen sollte. Die Politik kann nicht jedes Problem lösen. Sie kann Rahmenbedingungen vorgeben und dann gibt es trotzdem noch ganz viele Unwägbarkeiten. Die Welt ist einfach komplex, und man sollte Politik wirklich durch diese Linse der Komplexitätswissenschaft auch sehen. Und dann wird man merken, dass man eben nicht alles bestimmen kann. Und ich glaube, so ist es auch gemeint. Sie haben ja auch gerade, finde ich, ganz schön beschrieben, dass es auch durchaus unterschiedliche Bilder geben kann, wie das in Zukunft aussehen soll. Und ich habe so ein bisschen das Gefühl, dass in Deutschland auch viel, na ja, betrauert wird, dass beispielsweise die Industriegesellschaft zu Ende geht und dass es uns nicht mehr gelingt, irgendwie so industriell weit vorne zu sein. Verstehen Sie das oder sagen Sie, na ja, Leute, wir brauchen eigentlich andere Ideen? Ja, ich kann das verstehen. Also das ist eine Vision, dass wir nach wie vor eine Industriegesellschaft sind. Und das hat ja uns lange auch sehr gut getragen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es einfach auch andere Wege gibt. Und wir müssen einfach anerkennen, dass wir hatten unsere Industrie, das lief alles sehr gut. Da gab es Zeiten, in denen die Energie billig war. Da gab es Zeiten, wo wir auch durch eine Verlagerung, zum Beispiel in die osteuropäischen Länder, als die gerade sozusagen sich öffneten und da sehr niedrige, sehr kompetitive Kosten hatten, konnten wir dann Teile darüber verlagern. Und so ist unsere Industrie weiterhin sehr gut gefahren. Und jetzt haben wir einfach auch eine andere Wettbewerbslage. Wir haben eine starke Konkurrenz durch China, die durch laufende im Prinzip so etwas wie Japan auch schon vor 40, 50 Jahren gemacht hat. Und da müssen wir uns wieder anpassen. Und es geht im Prinzip mehrmals darum, dass man diese Rahmenbedingungen erkennt, langfristig auch sich überlegt, was sind mögliche Szenarien? Wie könnte das in der Zukunft funktionieren? Dazu kommt ja noch technologischer Wandel. Also nicht nur alles das, was um uns herum passiert, sondern auch die neuen Entwicklungen, die wir teilweise noch gar nicht kennen. Und das muss man alles zusammennehmen und dann daraus sich mögliche Zukunftsbilder malen. Und da ist die Industriegesellschaft eine. Und ja, ohne billige Energie zum Beispiel wird es da nicht gehen. Und es gibt aber auch andere, also eben die Innovationsnationen. Da nehme ich mal als Beispiel die Schweiz. Die ist ja ein Standort mit sehr hohen Arbeitskosten. Da verlagern sich die Firmen hin, die sehr innovativ sein wollen. Die gehen hohes Risiko ein und bauen dort die Tätigkeiten auf, wo hohe Wertschöpfung geschieht. Das sind zum Beispiel Forschung und Entwicklung. Und da gab es ja einen enormen Strukturwandel. Die Schweiz habe ich vor 20 Jahren noch als Bankenstandort kennengelernt. Inzwischen, wenn man sich in Zürich umschaut, da sitzt Google und Microsoft und die ganzen Softwareunternehmen. Und so einen Strukturwandel, den müssen wir bei uns vielleicht auch zulassen. Jetzt bin ich weit entfernt von Regierungssprecher zu sein, aber der würde beispielsweise Herr Cornelius oder so vielleicht dann sagen: Na ja, aber das machen wir doch. Wir sind doch da auf einem guten Weg als Bundesregierung. Wir machen Investitionen, wir wollen weniger Bürokratie, wir wollen auch Innovationen fördern. Und so ist doch alles super. Ja, vor allem. Also was die Politik will und was sie dann macht, sind ja immer zwei verschiedene Sachen, habe ich so den Eindruck. Klar, Bürokratie ist auch so ein Thema. Aber wir machen ja auch ganz viele Sachen, die auf die Vision nicht einzahlen. Also wenn ich jetzt zum Beispiel an den Industriestrompreis denke, also verknappen wir zuerst mal das Energieangebot und dann subventionieren wir wieder für Unternehmen, die viel Strom brauchen, weil sie ansonsten an dem Standort nicht mehr kompetitiv fertigen können. Und das passt doch nicht zusammen. Das sind da Gegensätze. Und ich erwarte mir im Prinzip, dass die Wirtschaftspolitik hier mit einer klaren Aussage diese Gegensätze auch benennt und dann für einen Weg wirbt. Und das würde ich mir eigentlich am liebsten wünschen, dass sie das eben in großen Linien tut, eben ausgerichtet an einem Zukunftsbild anstatt immer diese einzelnen Maßnahmen vorzuschieben. Und das glaube ich, ist immer genau das, was der Regierungssprecher sagen würde: Wir haben doch dieses gemacht, wir haben doch jenes gemacht. Klar, es gibt immer Stichpunktlisten. Da hat man immer irgendwas erledigt. Aber das große Bild, diese Orientierung, die geht mir ab. Sagt Jochen Andritzky, ehemaliger Generalsekretär der Wirtschaftsweisen, langjähriger Mitarbeiter beim Internationalen Währungsfonds und Mitinitiator des unabhängigen Thinktanks Zukunftsfabrik 2050, hier im Gespräch beim Podcast Radio detektor.fm. Wir sprechen in dieser Episode noch ein bisschen intensiver darüber, wie Deutschland seine wirtschaftspolitische Zukunft erfolgreich gestalten kann, welche grundlegenden Änderungen und Visionen es dafür möglicherweise auch braucht. So ein paar sind ja schon angerissen worden: Innovation, Wissensgesellschaft. Und wir sprechen auch darüber, welche vielleicht unpopulären Schritte möglicherweise helfen würden. Herr Andritzky, ich habe es gerade schon mal so ein bisschen auch angerissen. Gibt es denn ökonomisch sinnvolle Punkte oder Reformen, die aus Ihrer Sicht dringend notwendig wären, die aber möglicherweise so unpopulär sind, dass sich niemand so richtig traut, daran zu gehen? Ja, also da sind wir wahrscheinlich beim Sozialstaat, den wir nochmal grundsätzlich meiner Ansicht nach überlegen müssten, was wir eigentlich da wollen. Das Sozialstaatsmodell ist ja im Prinzip geprägt von der Zeit von Bismarck. Also der hatte das Bild, dass da der Fabrikarbeiter am Band steht und von den Kapitalisten eventuell auch ausgenommen wird und davor geschützt werden muss. Und ich glaube einfach, dass dieses Bild von Arbeit nicht mehr zeitgemäß ist, beziehungsweise das ist eigentlich nicht das Bild, was wir heute haben wollen. Und ich würde mir wünschen, dass man eher zu dem Bild kommt, wo wir alle selbstbestimmt und auch mit Freude sinnstiftende Tätigkeiten ausüben. Und dann muss man sich halt fragen, was brauchen wir da im Prinzip für eine sozialstaatliche Absicherung. Und da kommt man wahrscheinlich zu einem Modell, was anders ausschaut. Gibt es nur ein Beispiel: Es ist ja so, dass wir im Prinzip kann man heute drei unterschiedliche Beschäftigungsformen wählen. Es gibt die Angestellten, es gibt die Selbstständigen, es gibt die Beamten. Aber wir reden ja heute über sehr lange Arbeitsbiografien. Und während dieser Zeit verändern sich die Tätigkeiten sehr schnell. Also ist es ja vielleicht auch nicht mehr so, dass man heute mit einer Ausbildung einmal in den Beruf eintritt und dann nach 40 oder 45 Jahren wieder da austritt, sondern die Tätigkeiten verändern sich. Man will ja vielleicht auch dann in der Mitte der Karriere noch mal was anderes machen. Die Menschen verändern sich auch. Und das alles muss ermöglicht werden. Das ist einfach unglaublich schwierig, wenn wir diesen Spurwechsel zwischen, sage ich mal, Angestellten und Selbstständigkeit und Beamtentum, der es zur Zeit einfach sehr schwierig möglich ist. Also vielleicht kennen Sie es aus Ihrem eigenen Arbeitsumfeld. Es gibt natürlich Kollegen, die bleiben im Prinzip im Job und warten dann auf die Rente, weil sie wissen, dass sie jetzt im Prinzip am Arbeitsmarkt ansonsten wenige Chancen haben. Und das liegt vielleicht auch daran, dass sie eben dann auch Einschnitte erleiden würden und Tensionsansprüche, die man dann verlieren würde als Beamter, wenn man diesen Beamtenstatus aufgibt und so weiter. Und so bleiben die Leute vielleicht, das ist meine Hypothese, vielleicht zu einem gewissen Anteil auch in Jobs gefangen, die nicht mehr so viel Spaß machen. Und da würde ich mir einfach wünschen, dass man neu nachdenkt, wie ein Arbeitsmarkt in dem die Wissensnation arbeitet, mit Selbstbestimmtheit. Es gibt so ein schönes Wort: die Hoheit über den eigenen Lebenslauf, also selbstbestimmt im Prinzip sich überlegen kann, was möchte ich in den nächsten Jahren noch machen? Was macht mir Spaß? Wo bin ich gut? Und dann diese Anpassungen auch möglich sind. Das heißt, Sie träumen jetzt nicht so ganz marktliberal davon, den Sozialstaat einfach auf die Hälfte runter zu kürzen, sondern Sie träumen eigentlich von einem eher durchlässigen System? Ja, genau. Also man kann es mir natürlich dann jetzt immer in den Mund legen, dass es alles darum geht, den Sozialstaat einzukürzen. Aber ich gebe mal ein Beispiel. Also die genannte Schweiz, hoch innovativ. Warum gehen hoch innovative Unternehmen dorthin? Nun, wer innovativ ist, der geht ein hohes unternehmerisches Risiko ein. Also wenn ein Unternehmen sich gründet, dann merkt es, das funktioniert nicht mit dem Geschäftsmodell. Es muss dann das Geschäft aufgeben, das Unternehmen wieder abwickeln. Dann sind diese Restrukturierungskosten in der Schweiz wesentlich geringer als in Deutschland. Woran liegt das? Natürlich auch, wenn der Kündigungsschutz ein ganz anderer ist, nämlich ein geringerer. So, jetzt kann man natürlich sagen, das ist ganz böse für den Arbeiter, da gibt es weniger Sicherheit. Aber die Kehrseite ist eben, die innovativen Unternehmen gehen dann nicht an einen Standort, wo diese Flexibilität nicht gegeben ist. Und da würde ich einfach anraten, nochmal neu zu denken. Die Schweiz beweist es ja. Die hat ja deswegen keine wesentlich höhere Arbeitslosigkeit. Es ist ja nicht so, dass die Jobs alle in der Schweiz unglaublich prekär sind. Aber das muss man hier in der Debatte einfach mal kühl überdenken, welche Art der Absicherung wir haben wollen. Und da kann man bei den Rentensystemen und so weiter weitermachen. Wir müssen nicht alle Risiken im Leben absichern. Wir müssen schauen, dass die Opportunitäten stimmen. Das ist meiner Ansicht nach die wesentliche Botschaft. Und das zahlt ja im Prinzip auch, wenn man sich jetzt mit Ihren Ideen und Ihrem Buch beispielsweise beschäftigt, doch stark auf diese Idee oder Vision einer Wissenswirtschaft ein. Was meinen Sie denn damit? Also damit meine ich, dass mehr und mehr Leute heutzutage eine sehr gute Ausbildung haben. Und das ist auch gut so. Das sind dann Menschen, die sehr produktiv sein können. Und hier müssen wir im Prinzip oder hier könnten wir unter dieser Vision einfach weitergehen. Da würde man dann anfangen, beim Bildungssystem nochmal genau zu schauen. Da sind ja auch die Kennzahlen, zeigen alle Richtung Süden. Also das heißt, so hochqualifiziert, so gut ist das Ergebnis, haben wir nicht mehr in unserem Ausbildungssystem. Und dann eben schauen, einen Arbeitsmarkt zu schaffen, dass die Unternehmen hierher kommen, die diese hochproduktiven Jobs auch anbieten, dass die sind dann entsprechend auch besser entlohnt. Und ich glaube, in diesem Bereich können wir auch international unsere wettbewerbliche Fähigkeiten ausspielen. Also denken wir jetzt nur auch an den Mittelstand. Wir waren ja mit den Hidden Champions immer Weltklasse darin, in Nischenmärkten sehr gute Produkte anzubieten. Und ich glaube, das funktioniert heute genauso. Vielleicht ist eben diese Massenproduktion wandert ab. Das haben wir in verschiedenen Industrien auch schon gesehen. Aber nichtsdestotrotz gibt es dann immer noch Tätigkeiten im Service-Sektor oder in Sektoren, die komplementär zu dieser Massenproduktion sind, die mehr ein Nischen- Dasein haben. Aber dort haben sehr innovative Unternehmen, kleine anpassungsfähige Hidden Champions, auch sehr gut gefahren. Und ich glaube, das ist auch ein Modell, was in der Zukunft funktionieren könnte. Das heißt, um auch da nochmal so ein bisschen im Schweizbild zu bleiben, es geht eher nicht darum, die große Uhrenfabrik zu bauen, aber die neuen Uhreninnovationen zu entwickeln. Genau, so könnte man sich das vorstellen. Wie gesagt, es ist eine Vision, könnte auch andere geben. Aber ich könnte mir gut vorstellen, das passt zu unserem Standort. Und da könnten wir wirklich auch bei den veränderten Rahmenbedingungen, die die Welt heute bietet, erfolgreich sein. Was müsste denn dafür passieren? Also Bildung haben Sie schon angesprochen, das heißt, das Schulsystem und das Bildungssystem müsste auch nochmal von Grund auf überprüft werden. Genau. Also Bildung über Sozialstaatssystem haben wir auch schon gesprochen. Dann geht es, glaube ich, darum, dass wir hier im Prinzip offen sein müssen für Neues. Und da scheitern wir sehr oft an der Bürokratie. Also wir versuchen ja sehr viel zu regulieren, auch durch die EU, vielleicht präventiv zu regulieren. Und das ist im Prinzip ein Wettbewerbsnachteil für die, die sehr innovativ unterwegs sein wollen. Auch hier vielleicht ein Beispiel: Beim autonomen Fahren hat es viele Jahre gedauert, dass ein autonom fahrendes Auto eine Typenzulassung bekommt. Das heißt, dass dann ein Entwickler gleich mehrere Autos auf die Straße setzen kann, wo die Software dann modifiziert wird, um das mal auszutesten. Für lange Jahre war das der Fall, dass bei jeder Modifizierung sozusagen eine neue Zulassung erforderlich war, und das dauerte jeweils eine Zeit. Das ist wertvolle Entwicklungszeit, die dann eben verloren geht, und dann ist man hinten dran. Und insofern ist ein Vorschlag, eine Idee in dem Buch, die ich auch darlege, die Idee oder die Vision der Experimentierrepublik, dass wir nicht nur bei der Bürokratie insgesamt zurückfahren, sondern auch dort, wo wir auch wohl regulierte Produktmerke haben wollen, dass wir dort Freiräume schaffen, wenn ein Unternehmen was innovieren möchte. Das heißt, eine Experimentierklausel ins Gesetz dann reinzuschreiben, zu sagen: Ja, hier kann es eine Ausnahme geben, wenn es darum geht, hier was Neues zu entwickeln. Und dann darf das Unternehmen die entsprechenden Produkte eben auch am Markt platzieren. Und dann schaut man: Ist die Experimentierklausel jetzt ein halbes Jahr oder ein Jahr oder auch zwei Jahre in Kraft? Und dann danach schaut man, ob es sich durchgesetzt hat, ob es gut war oder nicht. Dann wird das evaluiert und dann folgt auf dieses Experiment sozusagen eine Gesetzesänderung. Das ist ja ganz erstaunlich. Alle Unternehmen, die neue Produkttypen entwickeln, die testen das ja auch erstmal aus. Im Gesetzgebungsbereich macht man das nicht, sondern da entwickelt man einmal eine Gesetzgebung und dann ist die da und oft viel zu lange, auch selbst wenn sich die Welt inzwischen schon vollkommen anders entwickelt hat. Sie haben es auch schon ein bisschen zwischen den Zahlen angedeutet, das wäre natürlich schon, das muss man ganz klar so sagen, glaube ich, für Europa ein ganz schön neues Mindset, um es mal so zu sagen, weil wir ja doch in der Regel eher nach dem Vorsorgeprinzip agieren und das ja dann doch mehr Risiko wäre. Jein, also die Idee der Experimentierklausel findet man auch schon im Koalitionsvertrag. Es ist halt jetzt die Frage, wie beherzt sowas auch umgesetzt wird. Und logischerweise, genau im Bereich der EU können wir zwar nur mitreden, aber da können wir mitreden und sollten wir mehr mitreden, weil die EU, das stimmt, die neigt sehr stark zu dieser präventiven Regulierung und hofft auf den Brüssel-Effekt. Also dass dann eine Regulierung, die in der EU sich implementiert wurde, sich auch weltweit durchsetzt. Das funktioniert manchmal, funktioniert nicht immer. Und vielleicht wäre Deutschland gut beraten, erstmal in Europa wieder eine relevante Stimme zu werden, die ja auch in Vorlage geht, anstatt am Schluss dann nur durch Dissonanz zu schaffen, indem sie sehr spät entscheidet oder eben dann schon eigentlich von anderen EU-Partnern getroffene Entscheidungen wieder zu kippen versucht. Ja, auf jeden Fall. Das ist ja auch die Absicht der Koalition. Es ist nur die Frage, ob es schon sozusagen in Umsetzung ist. Der Volkswirtschaftler Jochen Andritzky im Brand 1 Podcast, und wir sind gleich wieder da. Herr Andritzky, das Schlagwort von den Multikrisen, das ist ja, das kann man glaube ich wirklich so sagen, berechtigt mindestens seit dem russischen Angriffskrieg. Lieferketten haben wir gesehen, Geopolitik, Energie, Europa, haben Sie angesprochen. Was sollten wir denn aus all diesen Krisen für die Wirtschaftsordnung im Jahr 2050, und jetzt gucken wir wirklich mal ein bisschen weiter in die Zukunft, was sollten wir denn daraus lernen? Also ich bin dagegen, vor allem mal von Krise zu sprechen. Wir sind ja, wir sind in einer Welt des Umbruchs. Also es ist ja auch nichts Neues, dass wenn technologische Innovationen sind, Veränderungen wie auch der Klimawandel, dass die Welt immer mal wieder unruhige Zeiten durchlebt. Und da muss man auch nicht bei jeder Veränderung gleich von einer Krise sprechen. Krise wird dann sehr oft benutzt, um eben auch einen Handlungsbedarf darzustellen, der unglaubliche Eingriffsmöglichkeiten des Staates eröffnet. Ich wäre deswegen vorsichtig, das Wort Krise so oft zu benutzen. Aber es stimmt, wir sind in einer Welt in der sich viel verändert. Und dort gibt es ein Prinzip, und das ist eine der Visionen, die ich in meinem Buch beschreibe: die einer resilienten Nation. Also Deutschland ist ja eine sehr offene Volkswirtschaft, sehr stark abhängig von den Weltmärkten. Und da ist im Prinzip die Antwort, wenn sich die Welt stark verändert, muss sich auch Deutschland anpassen können. Das heißt, wir müssen im Prinzip uns so aufstellen, also resilient aufstellen. Das heißt jetzt nicht notwendigerweise immer die Wertschöpfungsketten im Ausland zu verkürzen oder Verbindungen zu anderen Ländern zu kappen, sondern einfach uns flexibel auf eine sich verändernde Welt einzustellen. Und dann bedeutet das einfach, dass wir sehr früh auch an Szenarien denken, die uns nicht so gut passen. Man hätte schon lange darüber nachdenken können, zum Beispiel, wie das Szenario ohne russischem Gas ausschaut, wenn gewisse Handelspartner ihre Handelspolitik verändern, wie das dann aussehen würde. Und dann würden wir wahrscheinlich auf eine andere Außenhandelspolitik auch kommen, nämlich nicht eine, die mit moralischen Zeigefingern auf einzelne Länder deutet und sagt: Oh, ihr habt hier ja irgendwelche Lieferketten-Sorgfaltspflichten verletzt, und mit euch wollen wir deswegen gar nicht handeln, sondern im Prinzip sagt: Wir passen uns hier flexibel an, und wir geben den Unternehmen auch selber die Verantwortung in die Hand, ihre Lieferketten so abzusichern und nicht zu sagen: Ja, wir machen jetzt hier eine staatliche Bewirtschaftung von seltenen Erden oder wir geben euch Sorgfaltspflichten mit auf den Weg. Man muss auch einfach in so einer resilienten Vision den Unternehmen selber die Verantwortung in der Hand lassen. Das heißt aber auch, wenn man das weiterdenkt, resilienter heißt in dem Fall wahrscheinlich häufiger diversifizierter und nicht mehr so abhängig von einem Partner oder einer Partnerin, die 80, 90, 100 Prozent liefert. Ja, aber das muss das Unternehmen selber. entscheiden. Ich glaube, wir haben dann verloren, wenn wir staatlicherseits versuchen, diese Abhängigkeiten irgendwie zu steuern. Die Analyse dafür, die kann man, die sollte man an der Hand haben. Da kann man auch einiges machen, dass wir überhaupt die Daten zur Verfügung haben. Also, wir haben ja, ich glaube, immer wieder im Dunkeln. Das hat man auch während der Corona Pandemie gemerkt, was so die Abhängigkeiten gibt. Da haben andere Länder auch schon ganz wesentlich bessere Analyse-Daten. Da müssen wir jetzt erstmal unsere Hausaufgaben machen, diese Analyse zur Verfügung stellen. Da sehe ich vielleicht noch eine Rolle, wo man staatlicherseits das anreizen kann, dass diese Analyse entsteht. Aber dann zu sagen, wir müssen jetzt hier irgendwie ein Diversifizierungsreporting oder was aufsetzen, da wäre ich jetzt wiederum sehr vorsichtig. Das können die Unternehmen, glaube ich, wesentlich besser selber bestimmen. Dann bleiben wir doch nochmal gedanklich kurz in diesem Jahr 2050. So heißt ja auch hier Think Tank. Was hätte denn in den Jahren 2026, 2027 aus Ihrer Sicht passieren müssen oder mindestens angestoßen werden, damit wir 2050 sagen: „Guck mal, damals, das war eine gute Reform, die Agenda 2050“ oder was auch immer? Ja, genau. Also, meiner Ansicht nach, unsere Kinder, wenn sie 2050 auf uns zurückgucken, dann glaube ich, werden sie stolz auf uns sein, wenn sie merken, dass hier jetzt der Grundstein gelegt wird für die wesentlichen Reformen, die unser Wirtschaftsstandort braucht. Und da würde ich zuerst jetzt mal schauen in das politische Vorfeld, gar nicht mal die Politik selber, sondern das politische Vorfeld muss im Prinzip die Gedanken machen, wie eine große Reform ausschauen könnte. Und da müssen oder wäre es sehr wünschenswert, wenn sich die entsprechenden Reformkonzepte jetzt entwickeln würden. Und dann ist die Politik wieder gefragt, mit den entsprechenden Zukunftsbildern dann für einen Satz diese Reformen zu werben. Also, ich würde mir das so vorstellen: Es gibt ja auch schon einige Vorschläge, die im Raum stehen, und dann vor der nächsten Wahl, dass diese Reformkonzepte dann zusammengefügt werden, wie ein Galerist, der dann eine Gesamtausstellung kuratiert, dass diese Reformen zu einem Gesamtbild, zu einer Gesamtvision zusammengefasst werden. Und mit denen dann die Politik in den Wahlkampf zieht, dafür Werbung macht und letztendlich so der Wähler dann auch entscheiden kann, welche Vision er dann möchte. Und dann danach natürlich mit dem entsprechenden politischen Mandat. So ist es ja auch bei Schröder gewesen: Der hat ja dann die Agenda 2010 erst entwickelt, dann ein politisches Mandat, vielleicht auch mit etwas Glück, erhalten. Und wenn man das politische Mandat dann hat, dann kann man eben auch in die Umsetzung gehen. Und ich glaube, dann haben wir gute Chancen, dass unsere Kinder in 2050 zurückgucken werden und sagen werden: „Ja, da habt ihr dann das Ruder rumgerissen.“ Braucht es dafür tatsächlich noch mehr vorpolitische Paper, wie weiß ich nicht, Initiative für einen handlungsfähigen Staat und so weiter? Die gibt es ja eigentlich auch schon relativ viel, oder sind die alle noch nicht gut genug aus Ihrer Sicht? Naja, also der große Wurf der fehlt meiner Ansicht nach. Und es traut sich meiner Ansicht nach noch niemand so richtig groß zu denken. Und gerade im, sag ich jetzt mal, im bürgerlichen Vorfeld, also da schaue ich insbesondere auf die CDU. Dort fehlen meiner Ansicht nach die großen Konzepte. Das hat man ja dann auch gemerkt, als es jetzt bei der großen Koalition in die Koalitionsverhandlungen ging. Da sind im Prinzip die Verhandler da mit relativ leeren Händen in die Verhandlungen rein, weil sie im Prinzip dann doch nicht genau, der Wille war zwar da, aber dann letztendlich das Handwerk hat ein bisschen gefehlt. Und das heißt, da würden sich neue ich sag mal im besten Falle konservative Visionen und Zukunftsbilder mehr wünschen. Naja, also es muss ja irgendwie eine Konkurrenz, muss ja ein Wettbewerb zwischen den Ideen stattfinden. Und dieser politische Ideenmarkt in Deutschland, der ist noch lange nicht so entwickelt, wie er entwickelt sein könnte. Wir haben im Bereich der ganzen Klimapolitik und so weiter einen unglaublichen Aufwuchs an NGOs und Thinktanks gesehen. Mir fehlt allerdings im wirtschaftspolitischen Bereich eine ähnlich innovative Entwicklung. Das ist meiner Ansicht nach nicht gegeben in Deutschland. Das finde ich sehr erstaunlich, weil es gibt ja genügend Unternehmer, die darüber lamentieren, wie wenig sich hier tut. Und es wäre doch ein leichtes, sozusagen, dass die sich zusammentun und eben dieses Konzept der Reformen zusammenstellen. Es ist ja auch schon viel geschrieben worden. Vielleicht ist es auch einfach nur die Frage, das mal wieder aus den Schubladen rauszuholen, was 20 Jahre schon da drin liegt. Sagt Jochen Andritzky im Brand1 Podcast. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch und die Gedanken. Danke, hat mich gefreut. Das Buch von Jochen Andritzky „Visionen braucht das Land für eine langfristige Politik mit Mut zur Zukunft“ erscheint am 19. Januar im Herder Verlag und es hat 256 Seiten und kostet 25 Euro. Alle Informationen zum Buch findet ihr natürlich auch im begleitenden Onlineartikel auf detektor.fm. Den Link dazu findet ihr wie gewohnt in den Shownotes dieser Podcast-Episode. Und egal, wo ihr uns gerade so hört, folgt doch gerne diesem Podcast bei Amazon Music, bei Apple Podcast, bei RTL Plus, Spotify oder auch bei YouTube Music. Und am meisten freuen wir uns, wenn ihr unseren Podcast hier weiterempfehlt, an eine Freundin, an einen Freund oder auch an Leute, die sich für diesen anderen Blick auf Wirtschaft interessieren. Möglicherweise ja auch CDU-Leute, die ein neues Wirtschaftskonzept entwickeln wollen. Und ich danke auf jeden Fall fürs Zuhören in dieser Ausgabe. Wünsche euch einen guten Start ins Arbeitsjahr 2026, wenn ihr nicht schon eingestartet seid. Wir hier im Brand1 Podcast freuen uns auf jeden Fall auf das Jahr 2026 und liefern wie gewohnt auch kommende Woche wieder eine neue Episode mit neuen Gedanken. Und in diesem Sinne gern bis dahin. Tschüss! Der Brand1 Podcast – Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brand1 Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer, in Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1 Magazin. Moderation: Christian Bollert.