Das Schöne an Podcast-Geburtstagen ist ja, dass man meist mindestens einen Monat lang feiern kann. Wir machen das anlässlich von 10 Jahren brand eins Podcast auf jeden Fall so. Und wir blicken hier im April aus diesem Anlass in ganz verschiedenen Bereichen mal 10 Jahre zurück ins Jahr 2016 und gucken, was daraus 10 Jahre später so geworden ist. Die Panama Papers oder den Brexit haben wir in den ersten beiden Episoden schon intensiver angeschaut. Und in dieser Folge gucken wir mal Fernsehen. Packt also die Fernbedienung weg. In der nächsten halben Stunde bin ich, Christian Bollert, euer Showmaster.
Die Welt des Fernsehens sieht im Jahr 2016 deutlich anders aus als heute. Vor 10 Jahren scheinen die wirtschaftlichen Krisen wie Finanzkrise oder Eurokrise gerade ziemlich gut gelöst. Und Plattformen wie Instagram oder YouTube haben noch lange nicht die Bedeutung, die sie heute haben. Und TikTok heißt damals noch Musical.ly. Streaming-Dienste wie Netflix sind 2016 erst seit ein paar Monaten überhaupt offiziell in Deutschland verfügbar. Und mein heutiger Gesprächspartner spielt damals bereits eine entscheidende Rolle im Geschäft von Fernsehen und Streaming. Markus Wolter ist seit Jahren ohne Frage einer der profiliertesten Medienmanager Deutschlands. Einem breiteren Publikum wird er in den 90ern als Sidekick von Stefan Raab in der Sendung Viva Sion beim Musikfernsehsender Viva ein Begriff. Ein Format, als dessen Vater er übrigens gilt. Und das ist auch ein Fingerzeig für seine spätere Laufbahn als Medienmanager. Denn nach Viva arbeitet er unter anderem für Endemol oder gründet mit Wiedemann und Berg Television die Firma, die für die erste deutsche Netflix-Serie Dark verantwortlich ist. 2011 ist er auch gemeinsam mit Klaas Heufer Umlauf und Joko Winterscheid bei der Gründung von Florida TV beteiligt. Und seit 2018 ist Markus Wolter Geschäftsführer und Gesellschafter von Bunny J Germany, einem Zusammenschluss von gut 25 Firmen. Deren bekannteste Formate sind Wer wird Millionär, TV Total, Temptation Island oder auch The Masked Singer. Kurzum, es gibt wohl kaum jemanden, der die deutsche Entertainment-Branche so gut kennt wie Markus Wolter. Und ich freue mich, dass er in dieser Episode zu Gast ist im brand eins Podcast. Hallo und herzlich willkommen, Markus.
Hallo Christian, ich freue mich über die Einladung. Was fällt dir denn als erstes ein, wenn du an die Medienwelt 2016 denkst? So, da muss ich mal ein bisschen zurückdenken. Also ich war 2016 Geschäftsführer von Endemol Shine. Wir hatten eigentlich die Endemol und die Shine gerade gemerged. Ich habe damals mit Joko und Klaas zusammen die Florida TV gegründet. Also Endemol und Joko und Klaas haben die wunderbare Firma Florida TV gegründet. Wir haben damals Zirkus Halligalli produziert. Das war eine geile Show. Also das fällt mir dazu auf jeden Fall ein. Stimmt ja, man erinnert sich. Ja, wir haben die erste deutsche Netflix-Serie in diesen Jahren. Das war, glaube ich, 2017. Aber die haben wir 2016 verkauft. Dark mit Wiedemann und Berg. Ja, das war eine Hochzeit, muss man auch sagen, des klassischen Fernsehens. Streamer, Netflix, war gerade im deutschen Markt angetreten. Und wir haben dann das erste Fiction-Format verkauft. Es war eine, wie auch jetzt, eine bewegte, spannende Zeit. Und ja, Zirkus Halligalli sprach für all das, was wir damals gemacht haben. Sehr viel Zirkus und sehr viel Entertainment.
Stichwort Zirkus und Entertainment. Wenn du jetzt heute so mit ein bisschen Abstand auch zurückguckst auf 2016, ist da noch was, was dir da so auffällt? In diesem, du hast es ja schon gesagt, linearen Fernsehmarkt doch noch. Aber die Streamer kamen ja auch schon irgendwie um die Ecke. Ja, es ist ja eine ewige Evolution. Eigentlich. Wir haben 2016, war die Hochzeit der Privatsender, die sich damals im Battle befanden mit den Öffentlich-Rechtlichen. Damals waren die Privatsender ganz klar vorne. Alle wollten am Ende zu den Privatsendern. Und dann kam auf einmal Netflix in den Markt. Und das war ja noch ein relativ frisches Phänomen, wenn man das jetzt mal mit heute vergleicht. Inzwischen sind ja alle eine Plattform. Es gibt ja eigentlich kaum noch so eine klassische Verabredung mit dem Viertel nach acht Fernsehen. Das gibt es zwar noch, aber es ist inzwischen so, dass ja jeder Content seine eigene Plattform hat. Und das war damals sicherlich noch nicht so.
Gibt es was, wenn du jetzt so in der Rückschau bist, was dich 2016 so beruflich umgetrieben hat? Du hast schon gesagt, mit Endemol Shine wart ihr dabei, Florida zu gründen und so. Erinnerst du dich an irgendwelche Herausforderungen auch von damals? Ja, es gab ohne Ende Herausforderungen. Also eine der Herausforderungen, eine ganz praktische Herausforderung war, dass wir die Show Duell um die Welt erfunden hatten. Und diese Missionen, die die Herren damals unternommen haben, waren ganz schön gefährlich. Und ich habe manchmal gedacht, was ist eigentlich, wenn die von irgendeiner ihrer Missionen sich im U-Boot zu versenken oder sich in irgendwelche Stämme in Afrika infiltrieren? Wenn die da nicht zurückkommen, das war zum Beispiel eine der echten Herausforderungen, zumindest im operativen Bereich. Das heißt, da hast du dir wirklich Sorgen gemacht. Ich habe mir teilweise wirklich Sorgen gemacht. Im Nachhinein muss ich sagen, war das wahrscheinlich völliger Quatsch. Aber ich habe mir immer gedacht, wie weit können wir eigentlich gehen? Und es war natürlich auch eine Diskussion. Das Reality-Fernsehen bestand damals mehr oder weniger nur aus Big Brother, was wir ja damals produziert haben. Und dieser riesige Reality-Boom, der war noch gar nicht da. Ja, man hat einen ganz anderen Umgang zu Reality-Programmen gehabt. Den richtigen Beruf des Reality-Stars, den gab es damals noch nicht. Der war noch nicht so richtig erfunden, das stimmt.
Jetzt gab es ja Anfang des Jahres auch so in den sozialen Netzwerken so einen besonderen Moment, als viele Leute fast schon nostalgisch auf 2016 zurückgeschaut haben. Wirtschaftlich ging es Deutschland damals ohne Frage besser. Aber Russland hatte da schon die Krim besetzt. Die Briten haben im Sommer 2016 für den Brexit gestimmt. Und in den USA gewinnt ja dann im Herbst auch so ein gewisser Donald Trump die Präsidentschaftswahl. Also kurzum, problem- und konfliktfrei war das ja auch nicht 2016. Nein, offensichtlich nicht. Und du hast dich da wirklich gut vorbereitet. Aber ja, das ist, viele Dinge haben dort offensichtlich ihren Anfang genommen und sind dann in den zehn Jahren danach weitererzählt worden.
Markus Wolter von Bunny J Germany im Gespräch beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir sprechen anlässlich des zehnten Geburtstags des brand eins Podcasts mit ihm über die vergangenen zehn Jahre, wie gerade eben über die kommenden Jahre und jetzt gleich über die Gegenwart des Entertainment-Geschäfts. Markus, wenn du jetzt heute in deiner Rolle als Geschäftsführer und Gesellschafter mal so auf eure Aktivitäten schaust, wo steht ihr denn da im Markt? Du hast gesagt, einen Punkt hast du schon angesprochen. Diese ganzen Reality-Formate, die sind in den letzten zehn Jahren wirklich nochmal ganz schön gewachsen. Ja, also wir sind insgesamt, verstehen wir uns nicht als TV-Produktionsfirma, sondern wir verstehen uns als Entertainment House. Man kann sagen, dass nur noch 70 Prozent unserer Umsätze überhaupt aus dem klassischen Bewegtbild, aus der klassischen Bewegtbild-Herstellung generiert wird. Und 30 Prozent sind inzwischen andere Geschäftsfälle. Dazu gehört das Live-Geschäft, was wir aufgebaut haben. Dazu gehört Influencer-Marketing-Geschäft. Dazu gehört das Geschäft, was wir direkt mit Brands machen, wenn wir zum Beispiel für einen Film Stromberg im Vorfeld bereits Kampagnen mit McDonald’s in diesem Film oder um diesen Film herum verankern oder Lorenz. Wenn wir zum Beispiel Creator über das Meer schicken, über den Atlantik schicken und dann im Vorfeld bereits mit Brands besprechen, wie man denn diese Brands integrieren kann. Und jetzt im zweiten Schritt dann zu unseren Partnern von Amazon Prime geht und sagt, wollt ihr dieses Format, was wir schon produziert haben, by the way, wollt ihr das gerne lizenzieren? Was ich damit sagen will, der Markt hat sich verändert und wir haben uns natürlich auch verändert. Wir sind ganz klar zu einem klassischen Entertainment House geworden, was auf eigenes Risiko mit unseren kreativen Formaten kreiert, Marken kreiert und dann immer Step by Step guckt, wie man die Marke am besten gemeinsam mit Brands und natürlich dann auch am Ende gemeinsam mit Partnern aus dem Streaming oder TV-Markt am besten in Richtung Publikum bringt und dort Menschen begeistern kann.
Jetzt hast du drei verschiedene Aspekte auch genannt: Werbekunden, Live-Events und Influencer-Marketing. Auf alle drei würde ich gerne hier nochmal eingehen, weil ich glaube, dass viele Hörerinnen und Hörer hier dieses Podcast sich auch sehr dafür interessieren dürften. Aber was mich vorher noch interessieren würde, ist, wer sind denn so eure größten Wettbewerber? Kannst du das sagen? Also in Deutschland ist sicherlich die Leonine unser größter Wettbewerber. Also eine private, wenn du so willst, oder eine unabhängige Firma. Aber natürlich sind unsere Wettbewerber auch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz, die Bavaria, die ZDF Studios oder das Studio Hamburg, die ja letztendlich in der gesellschaftlichen Struktur öffentlich-rechtlichen Sendern gehören und die uns ganz gehörig Konkurrenz machen. Und natürlich auch die Töchter der Privatsender. Das heißt, RTL Studios zum Beispiel oder auch die Tochter der ProSiebenSat1, Red Arrow. Das sind ganz klar unsere wichtigsten oder größten Wettbewerber. Da gibt es natürlich noch kleinere Produktionsfirmen, die jetzt in bestimmten Nischen sich bewegen. Aber wenn man mal den Markt sieht, dann sind das unsere größten Wettbewerber. Und wo steht ihr da so aus eurer Perspektive? Ja, ganz unbescheiden. Wir stehen aus unserer Perspektive und auch ganz objektiv an der Nummer eins. Wir sind das Unternehmen, was die meisten Stunden Bewegtbild im deutschen Markt produziert. Wir sind das Unternehmen, das, glaube ich, einfach durch unsere Unabhängigkeit, die wir haben, eben in unterschiedlichen Geschäftsfeldern spielt. Und was jetzt die Umsatzgröße angeht, sind wir in den Top drei. Das wird immer wechselt, man sich immer ab. Und auch je nachdem, was dann einberechnet wird. Aber wenn es ums klassische Bewegtbildgeschäft geht, sind wir sicherlich die Nummer eins.
Jetzt hast du die Veränderung auch schon angesprochen. Und ich glaube, das haben viele mitbekommen. Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert im Fernsehen im Videobereich allgemein. Und es gibt auch einen stärkeren Kampf um die verbliebenen Budgets. Das kann man, glaube ich, auch so konstatieren. Täuscht der Eindruck, dass die Großen, und dazu gehört ihr ja logischerweise, davon vielleicht sogar auch profitieren können, weil sich der Markt so ein bisschen konsolidiert? Erstens, ja, der Markt konsolidiert sich. Das ist mal ganz klar. Aber ich möchte nicht davon sprechen, dass wir profitieren von einem sich konsolidierenden Markt, sondern es ist dann am Ende des Tages ein Effekt. Der Markt wandelt sich heftigst. Und es ist natürlich so, dass man mehrere Bewegungen beobachtet. Die eine Bewegung ist, dass ausländische Medienkonzerne, es gibt den türkischen Medienkonzern Archon Media, der hat Sport 1 übernommen, also hat einen deutschen klassischen Sender übernommen. Dann Berlusconi hat ProSiebenSat1, hat die Mehrheit an ProSiebenSat1, also am zweitgrößten deutschen Medienkonzern übernommen. Und es gibt noch ein paar andere Beispiele. Auch wir mit der Bunny J haben den Merger mit Orthry Media gerade verkündet. Das heißt, viele Firmen aus Europa sind dabei, in deutsches Mediengeschäft, Unterhaltungsgeschäft zu investieren. Und was machen die Deutschen? Viele deutsche Medienteilnehmer beklagen die Marktsituation, sagen, da kommt zu wenig Werbegeld rein. Und das ist nicht die Art und Weise, wie ich mit Dingen umgehe. Das ist nicht die Art und Weise, wie wir mit Dingen umgehen. Das heißt, ja, der Markt ist in Bewegung. Das heißt, also, dass sich die Werbegelder, die immer noch genauso da sind wie sie vorher waren, jetzt in andere Kanäle gehen, in andere Contents gehen. Und das ist sicherlich Fakt. Aber Fakt ist auch, dass die Zeit in der Zuschauerinnen und Zuschauer vor dem Big Screen verbringen, diese Zeit hat sich nicht verringert. Das sind immer noch round about drei Stunden am Tag. Und für uns gilt es eben, wie natürlich auch für unsere Wettbewerber, es gilt für uns, den besten Content zu produzieren, auch zu investieren in Content und nicht in so eine deutsche Jammerstimmung zu verfallen, sondern ganz im Gegenteil zu sagen, das ist unsere Zeit, das ist die Zeit, in der man wachsen kann. Dazu gehört natürlich auch Konsolidierung, aber eben auch ein Investment. Ein Investment in Content, ein Investment in Menschen, ein Investment vielleicht auch in die ein oder andere Company, die was macht, was wir vielleicht nicht so gut können wie die. Und deswegen beobachte ich den Markt eigentlich als einen sehr positiven und auch einen, in dem wir auch absolut das Ziel haben, weiter zu wachsen.
Und wir haben jetzt über Fernsehen gesprochen, über lineares Fernsehen. Wir haben über Streaming gesprochen. Da müssen wir natürlich auch über Social Media sprechen. Das heißt, viel von dieser Nutzung findet natürlich auf Meta, auf TikTok, auf YouTube und so weiter statt. Absolut. Das ist erst mal Fakt. Und für uns ist ja ganz entscheidend, wie wir als Content Hersteller, als Markenerbauer, wie wir von diesem Kuchen möglichst viel abbekommen. Denn eins ist ja auch klar: Jede Plattform, die von dir genannten, eben aber auch jede andere Plattform, ich zähle erst mal Netflix dazu, Amazon Prime dazu, Disney dazu und wie sie alle heißen, HBO. Wodurch unterscheiden sich denn letztendlich all diese Plattformen? Sie unterscheiden sich oder ihre Markt Marktstellung richtet sich immer danach, wie gut ihr Content ist. Und wir sind diejenigen, die Content kreieren und Content herstellen. Und deswegen ist das für uns kein Horrorszenario, sondern eher eine Chance.
Und du hast gerade angesprochen, ich sag mal, die europäische Perspektive. Das ist ja auch eine Perspektive, die wir spätestens seit einem Jahr, also seit Trump 2, würde ich mal sagen, verstärkt sehen in verschiedenen Bereichen. In der Software diskutieren wir irgendwie darüber, dass wir unabhängiger werden wollen von Microsoft und Apple. Wir diskutieren über KI-Modelle, wir diskutieren über andere alternative soziale Netzwerke und so. Und ich höre daraus, du siehst auch in der Kreativwirtschaft, und das seid ihr ja am Ende, eine Aufgabe, sich da auch auf europäischer Ebene sozusagen neu aufzustellen oder stärker aufzustellen oder missinterpretiere ich das? Nein, das interpretierst du richtig. Ich würde es nur noch kleiner machen, weil ich finde schon, dass wir auch aus Deutschland heraus die regionale Ebene betrachten dürfen. Ich glaube schon, dass wir aus Zuschauersicht, wenn wir mal angucken, ich weiß nicht, wie dein User oder Zuschauerverhalten ist, aber wenn du auf amerikanische Streamer zurückgreifst im deutschen Markt, die du ja auch im deutschen Markt bezahlst, und dann hast du wahrscheinlich Abos von, keine Ahnung, 70, 80, 100 Euro im Monat, da beobachtet man ja, dass im Prinzip, wenn du dann mal einen tollen deutschen Content suchst, dann wirst du nicht überrascht sein, dass ich dir jetzt sage, dass nur ungefähr 7 Prozent der Contents hier in Deutschland hergestellt werden. Und das sage ich jetzt gar nicht aus Produzentensicht, sondern in diesem Fall mal aus Zuschauersicht. Ich weiß nicht, ob du Sportfan bist oder unsere Zuhörerinnen und Zuhörer Sportfans sind. Ich bin großer Fußballfan. Und der Zone zum Beispiel habe ich abgeschlossen, weil ich da die Bundesliga sehe, die gute alte Bundesliga. Wenn ich da jetzt nur dänische Liga und irgendeinen Trendsport aus den USA bekommen würde, so gut ich den vielleicht finde, das wäre für mich kein Grund, da ein Abo abzuschließen. Und jetzt mal andersherum gedreht: Ich finde schon, dass wir auch auf unsere regionale Kultur genauso stolz sein dürfen und die herstellen dürfen, genauso wie wir Nordic Filme lieben. Und ich finde, dass wir durchaus auch in unseren Content investieren sollten. Der kann europäisch sein, der kann in Kooperation sein mit UK, der kann in Kooperation sein mit unseren Freunden, wie gesagt, aus den Nordics. Aber ich finde auch, deutsche Serien dürfen durchaus noch mehr produziert werden, denn das ist auch, finde ich, im Sinne der Zuschauerinnen und der Zuschauer und auch übrigens im Sinne der kulturellen Vielfalt. Also das siehst du ganz offensichtlich so, dass diese 7 Prozent deutlich zu wenig sind und dass da noch großes Potenzial ist, gerade in Deutschland. Ich sehe definitiv ein großes Potenzial und ich finde auch durchaus, dass wir, was Serien angeht, was insgesamt deutschsprachigen und deutschen Content angeht, auch auf den internationalen Streamern in Deutschland alle gemeinsam daran arbeiten sollten, dass das mehr wird.
Markus Wolter von Bunny J Germany im brand eins Podcast. Und wir sind gleich wieder da und sprechen dann auch über die schon angesprochenen drei konkreten Wachstumsfelder, nenne ich die jetzt mal, die er sieht für seine Firma. Markus, du hast es vorhin angesprochen, dass ihr mit Werbekunden intensiver zusammenarbeitet, Live-Events für euch eine große Rolle spielen und natürlich auch Influencer oder Creator, wie man ja mittlerweile sagt. Fangen wir mal bei den Werbekunden an. Was sind denn das da so für Kooperationen? Also ich habe zum Beispiel letztes Jahr Stromberg mitbekommen. Da gab es gefühlt eine ganze Welt, die da entstanden ist. Ja, es gibt ein strategisches Feld, was ich sehr priorisiere. Das heißt Brand Horizon bei uns in-house. Und Brand Horizon bedeutet für mich, dass wir eben nicht mehr nur Content produzieren, gemeinsam mit Streamern und gemeinsam mit Fernsehsendern und dass wir bei vielen unserer Produkte und viele unserer Projekte und natürlich auch bei vielen unserer Stars, ja, sind ja auch Künstleragenturen, die unter unserem Bunny J Dach sind, dass wir bei vielen dieser Projekte und Produkte sagen, okay, gibt es vielleicht schon in einem Vorfeld eine Brand-Partnerschaft? Gibt es vielleicht einen Brand, der Interesse hat, sich hier von Anfang an zu engagieren, mit dem wir vielleicht gemeinsam Dinge machen können? Wir haben tolle Marken, wir entwickeln tolle Marken und das besprechen wir über unsere Tochterfirma Bunny J Media, aber auch innerhalb unserer Produktionsunternehmen. Inzwischen immer mehr mit Agenturen, aber auch teilweise mit den Werbetreibenden direkt. Und das ist ein wichtiges neues Geschäftsfeld. Das ist ein Teil dessen. Der andere Teil ist aber, dass wir uns auch über eine Firma, wo wir die Mehrheit erworben haben, Influence Vision, eine Company aus Österreich, die sitzen in Wien. Das ist im Prinzip ein Marktplatz zwischen Creatorinnen und Creatoren und Brands, so dass wir im Prinzip auch sehr intensiv damit zusammenarbeiten, zu sagen, so lieber Creator, was hast du für Content? Möchtest du, dass wir vielleicht den professionalisieren, dass wir vielleicht direkt mit Brands deinen Creator-Content übersetzen, um ihn noch erfolgreicher zu machen? Und das sind zwei Beispiele, die ich mit der strategischen Überschrift Brand Horizon zusammenfassen würde.
Und warum ist das aus deiner Sicht so ein wichtiges Feld für die Zukunft? Warum priorisierst du das? Am Ende des Tages ist es ja so, dass das Content zum Zuschauer muss und der Zuschauer begeistert. Wir uns wünschen, dass der Zuschauer begeistert ist von unserem Content, aber finanziert wird er ja in den meisten Fällen eben nicht direkt vom Zuschauer, sondern am Ende des Tages immer in Kombination mit den Werbetreibenden. Und wenn wir als diejenigen, die die Entertainment-Marken kreieren, sind ja gut beraten, auch in bestimmten Fällen auch gemeinsam direkt mit Brands zu überlegen, wie man zusammenarbeiten kann. Und deshalb ist das in diesen Zeiten, finde ich, sehr, sehr wichtig. Warum ist das in diesen Zeiten besonders wichtig? Weil sich das Business ein Stück weit insofern verändert hat, dass die Budgets der Streamer und der Sender insbesondere natürlich unter Druck stehen hier und da. Und man hat inzwischen eine viel größere Offenheit auch bei unseren Partnern darüber, zu sagen, Mensch, gibt es vielleicht Modelle, die auch von euch direkt mit Brands gemeinsam entwickelt worden sind? Das ist sicherlich nicht bei allen unserer Projekte so, aber bei einigen ist es so. Und das ist dann etwas, was wir entsprechend dann auch strategisch aufsetzen und daraus dann auch einen Prozess machen. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, auch dass Werbung eben nicht nur irgendwie gestreute Werbung ist, sondern dass man vielleicht auch hier, wenn man direkt mit dem Künstler zusammen, direkt mit dem Projekt zusammen, direkt mit der TV- oder Entertainment-Marke zusammen etwas kreiert, sehe ich da große Chancen. Ja, weil es verspricht natürlich exklusiven Zugang, das ist ganz klar, ist irgendwie nachvollziehbar. Und um es mal flapsig zu sagen, früher hätte eine Netflix oder RTL gesagt, komm, ich bezahle den ganzen Bums, aber jetzt braucht man auch noch einen Werbepartner, der zumindest ein Teil der Kosten hat. Also es ist eine zusätzliche Finanzierung auch. Ja, es ist auch eine zusätzliche Finanzierung. Es gab eine Zeit, ich war ja, wie du auch vorhin erwähnt hast, wir haben eben von 2016 gesprochen. Wenn ich mal diesen Bogen schlage, ich weiß, dass es irgendwann mal eine Anfrage gab für eins unserer Formate, Wer wird Millionär. Und dann hatte einer unserer Mitarbeiter hatte dann irgendwie einen Kontakt gehabt und war angesprochen worden. Es gab irgendeine Brandinterpretation oder Adaption, was relativ kleines, ob wir vielleicht bereit wären, auf einem Schiff irgendwie bla bla bla auf der AIDA das zu spielen oder irgend so was. Und da bin ich richtig so einbestellt worden in Richtung, das kann ja wohl nicht eure Aufgabe sein, wir bezahlen das und es kann nicht eure Aufgabe sein, hier mit irgendwelchen Brands zu reden. Das war damals die Haltung. Wir haben uns dann wirklich entschuldigt, mehr oder weniger, und gesagt, okay, sorry, passiert nicht wieder. Heute ist eine ganz andere Zeit. Heute ist es so, dass der Markt sich insoweit verändert hat, es gibt wesentlich mehr Player, also auf der Streamer-Seite. Es gibt nicht einen Streamer, sondern es gibt sechs oder sieben Streamer. Es gibt natürlich YouTube und Co. und es gibt die Privatsender und es gibt die öffentlich-rechtlichen Sender. Und da ist natürlich das Spielfeld wesentlich breiter geworden. Und entsprechend sind auch die Kooperationsmodelle, ja, es ist Raum für unternehmerische Kooperationsmodelle. Und da ist natürlich für uns wichtig, auch mit unserer Größe und den tollen Marken, die wir haben, dort auch eine Vorreiterrolle einzunehmen.
Und der dritte Punkt, den du vorhin angesprochen hast, den würde ich gerne auch noch kurz diskutieren, das ist das ganze Thema Live-Geschäft. Auch das finde ich ganz interessant. Gerade nach der Pandemie, sag ich mal, ist das ja ein Ding, was wirklich immer wichtiger geworden ist, dass die Leute so einen direkten Kontakt auch zu ihren Stars haben wollen. Ja, es ist aus meiner Sicht auch ein Stück weit eine, ja, es ist eine soziodemografische Sache. Es ist eine Sache, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Denn im Zuge der Vereinsamung durch die Digitalisierung haben viele Menschen natürlich nach der Corona-Zeit das Homeoffice beibehalten, haben dann teilweise extrem viel Zeit vor ihren Bildschirmen verbracht, immer weniger Kontakte. Und ich glaube, die Gegenbewegung, die natürliche menschliche Gegenbewegung, ist, dass man gemeinsam erleben möchte, dass man gemeinsame Erlebnisse schaffen möchte. Und deswegen boomt das Live-Geschäft im Moment so. Und es geht gar nicht nur um Künstlerinnen und Künstler, um Comedians. Es geht auch um gemeinsame Erlebnisse. Ich gebe dir ein Beispiel. Wir haben eine Veranstaltung gemacht, die heißt Illuminissance. Die gab es im Münsteraner Dom oder Dom zu Münster, wie es richtig heißt. Inzwischen ist es auch nach Nürnberg gegangen und wird auch im Hamburger Michel stattfinden. Das ist eine Großveranstaltung, wo jede Nacht oder jeden Abend dreimal die Kirche komplett voll ist mit einem Licht-, Musik- und Stimmen-Event, was unheimlich berührend ist. Und diese Events sind absolut ausverkauft. Wir haben allein in Münster, glaube ich, 150.000 Tickets verkauft für diese wirklich sehr ans Herz gehende Show. Und das ist ein gutes Beispiel. Wird ergänzt durch TV-Marken, die wir inzwischen in die großen Hallen, die großen Arenen in Deutschland, haben wir gebracht. Das wird natürlich ergänzt durch das Tourneegeschäft unserer Künstlerinnen und Künstler. Und wir merken, dass die Lust auf Live-Erlebnisse, gemeinsame Erlebnisse, groß ist. Und das gehört natürlich bei uns als Entertainment-Business absolut dazu.
Jetzt haben wir schon ein paar Sachen angesprochen, die du, ich sag mal, siehst in der Entwicklung. Aber wir wollen ja hier auch ein bisschen ambitioniert den ganz großen Blick in die Glaskugel wagen. In die Zeit, wenn der Brand1 Podcast vielleicht 20 Jahre alt wird, also in zehn Jahren. Was glaubst du denn, wo geht die Reise hin? Wird sich das noch weiter verstärken? Das vermute ich mal, dass du das annimmst, sonst würdest du da jetzt nicht rein investieren. Aber siehst du noch weitere Trends? Ich glaube, dass die Marke, das heißt die Entertainment-Marke, immer wichtiger werden wird im Verhältnis zu der Plattform. Ich glaube, dass die Marken immer plattformunabhängiger werden. Das heißt, entscheidend ist es, dass man in der Lage ist, eine Marke zu kreieren, Content zu kreieren, dass man in der Lage ist, den direkt mit entsprechendem Cast zusammenzubringen. Dass man dann in der Lage ist, vielleicht auch schon in einer relativ frühen Phase diese Gemengelage in Richtung einer Markenentwicklung dann auch mit einem Brand zusammenzubringen. Mit einem ausgewählten Brand, der natürlich auch seine Botschaft innerhalb dieser Marke wiederfinden kann. Und dass man dann in einer relativ großen Unabhängigkeit mit diesem Produkt, mit dieser Marke, sich seine Plattform sucht, seinen Partner sucht. Und das ist eine gegenteilige Entwicklung zu der Situation von zum Beispiel 2016, wo es halt drei oder vier Sender gab. Und wenn man mit einem mal Krach hatte, dann hatte man ein richtiges Problem als TV-Produzent damals, weil dann von den vieren nur noch drei übrig blieben. Und heute ist die Unabhängigkeit größer. Allerdings, das gehört auch zur Wahrheit: Du musst auch eine Risikobereitschaft mitbringen als TV-Produzent, als Bewegtbild-Produzent, als Entertainment-Firma. Weil du natürlich auch entsprechend, ja, so ein bisschen, wie man sich das in einem guten alten Hollywood-Studio vorstellt. Du hast ein ganzes Portfolio an Ideen. Du musst Entscheidungen treffen: Was sind die Ideen, die du vorantreibst? Was sind die Dinge, denn das ist natürlich auch ein Teil der Wahrheit, in die du investierst? Du musst Geld in Kreation investieren. Du musst Geld in die besten Leute investieren, Geld in Cast investieren. Und dann entsprechend möglichst versuchen, eine hohe Hitrate zu haben. Das heißt, mehr Marken zu kreieren, die erfolgreich sind und beim Publikum gut ankommen, als die, die nicht gut ankommen. Und das ist am Ende des Tages die Veränderung in dem Geschäft, im Gegensatz zum Beispiel zu 2016. Aus meiner Sicht jedenfalls.
Ja, und im Prinzip lässt sich das ja auch schon ganz gut in dieser ganzen Begriffswelt der Creator Economy zusammenfassen. Du musst natürlich dann auch aufpassen, dass die Creator oder Creatorin da nicht alle weg sind oder dass du nicht nur ein Paar hast, ein Duo, was dann zum anderen Anbieter wechselt. Ja, aber auch die Creator Economy als solches wird sicher auch unterlaufen, ja, auch einer evolutionären Bedingung. Das heißt, auch die Creator von vor fünf, sechs Jahren sind ja auch nicht mehr genau dieselben. Einige konnten in ihrem Geschäft älter werden und konnten wirkliches Business daraus machen. Andere sind wieder verschwunden. Und ich glaube auch, dass auch die Creator Economy sich ja auch stetig verändert. Und das, was ich eben gesagt habe, das gilt auch für die Creator Economy ganz einzeln gesprochen. Denn auch dort ist ja ein viel größeres Angebot, als am Ende des Tages Geld auf dem Tisch liegt. Und entsprechend auch hier wird es Entwicklungen geben, wo sich die einzelnen Creator auch entsprechend weiterentwickeln müssen. KI ist ein gutes Beispiel, was natürlich auch da eine große Rolle spielen wird. Und ich glaube, dass auch hier die Werbetreibenden kommen nicht mehr mit der Gießkanne und sagen: Alles, was nach Creator aussieht, dort ist irgendwie Geld. Sondern es ist auch hier so, dass natürlich sich auch die Spreu vom Weizen trennen wird. Und ähnlich, wie es eben auch, du sprachst eben von Konsolidierung. Es braucht am Ende des Tages auch Firmen, die in den Markt investieren, die den Markt ein Stück weit auch erklären. Die vielleicht einige Creator auch mit Top-Marken zusammenbringen. Damit meine ich Entertainment-Marken, die vielleicht dann auch Produkte schaffen, die sich von anderen wiederum abheben. Und auch dort ist eine große Bewegung drin. Und ich glaube auch, dass sich die Creator Economy mit dem klassischen Entertainment-Business auch immer mehr verbinden wird. Und das klingt alles so, als ob du wirklich auch ziemlich zuversichtlich bist für die nächsten Jahre. Ich bin sehr zuversichtlich. Ich bin erstens ohnehin ein positiv denkender Mensch. Zweitens ist ja das, was wir machen, den ganzen Tag macht einem ja ganz, ganz große Freude. Denn wenn es das nicht tun würde, dann sollte man sich dringend was anderes überlegen. Und drittens finde ich, dass jede Zeit in der Entertainment-Branche ihre Herausforderungen gehabt hat. Es gab die Zeit, wo plötzlich Privatsender explodierten. Dann gab es die Zeit, wo die ihre eigene Plattform gegründet haben. Dann gab es die Gegenbewegung der amerikanischen Plattform und so weiter und so weiter. Und was eigentlich immer sich durchgesetzt hat, war Content. Content, der in den jeweiligen Zeitgeist passt. Und noch mehr Content, der den jeweiligen Zeitgeist geprägt hat. Und das ist ja unsere Aufgabe als Entertainment-Firma, nach Content zu suchen, der in der Lage ist, den Zeitgeist zu prägen. Und entsprechend bin ich da zuversichtlich, dass uns das auch in der Zukunft Freude machen wird, erstens. Und zweitens auch ab und zu mal gelingen wird.
Markus Wolter von Bunny G Germany im Gespräch in dieser besonderen Episode des Brand1 Podcasts. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch. Sehr gerne. Vielen Dank für dich. In diesem Monat hört ihr hier im Podcast noch viele weitere spannende Gespräche zur Medienwelt von vor zehn Jahren, von heute. Und natürlich auch ein bisschen den Blick in die Glaskugel in zehn Jahren. Und wenn ihr uns hier vom Brand1 und detektor.fm Team ein kostenloses Geburtstagsgeschenk quasi machen wollt, dann folgt doch gern diesem Podcast, wenn ihr das nicht eh schon tut. Und lasst uns gern bei Apple Podcasts oder Spotify 5 Sterne da. Denn dadurch wird dieser Podcast hier noch sichtbarer. Oder um es mit den Worten von Markus Wolter zu sagen: Dieser Content hier noch sichtbarer. Im Namen des gesamten Teams danke ich euch auf jeden Fall schon mal für eure Treue. Teilweise hört ihr ja wirklich schon seit zehn Jahren diesen Podcast hier. In diesem Sinne sage ich wirklich Dankeschön dafür. Eines ändert sich auch zum runden Geburtstag übrigens nicht: Die nächste Ausgabe, die kommt wie gewohnt am nächsten Freitag. Und ich würde mich freuen, wenn wir uns da hier an dieser Stelle wiederhören. Ausgewogen, differenziert und hoffentlich mit ein paar Impulsen für euch und euren Arbeitsalltag. In diesem Sinne gern bis zum nächsten Mal. Der Brand1 Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brand1 Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1 Magazin. Moderation: Christian Bollert.