Der Mai steht bei uns im Zeichen der Arbeit, und deshalb schauen wir aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf Arbeit. In der letzten Ausgabe habe ich ja mit Christian Steiger von Lexware über den Wandel in der Arbeitswelt, vor allem bei kleinen Unternehmen, geschaut und die Frage besprochen, welche Rolle dabei künstliche Intelligenz spielen kann. Heute schauen wir auf eine ganz andere Branche, nämlich die Energie. Da beeinflussen sich Arbeit, Technologie und globale Entwicklungen momentan vielleicht besonders stark. Gucken wir uns das also einmal an. Ich bin Christian Bollert und grüße euch.
Der Iran-Krieg führt uns allen gerade vor Augen, wie anfällig wir in Deutschland und Europa immer noch von fossiler Energie, wie Öl oder Gas, sind. Öl ist knapper geworden, die Preise massiv gestiegen und viele Abhängigkeiten so sichtbar wie selten zuvor. Da müsste man ja denken, dass erneuerbare Energie und Cleantech-Unternehmen boomen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Fragen wir doch mal bei 1,5 Grad nach, denn die Firma aus Hamburg verspricht, Menschen ihre Häuser klimaneutral mit Energie zu versorgen. 1,5 Grad kombiniert Handwerk, Technik, Software und passende Stromtarife. Die Ziele: Energieverbrauch optimieren, Kosten senken und CO2 einsparen. In wenigen Jahren ist 1,5 Grad zu einem sogenannten Einhorn geworden, also einem Startup mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar, und hat mittlerweile weltweit tausende Mitarbeitende. Auch 1,5 Grad setzt auf künstliche Intelligenz. Damit will das Unternehmen Schwankungen bei erneuerbaren Energien ausgleichen, Energieflüsse intelligent steuern und Strom günstiger machen. Was bedeutet das für die Arbeit im Unternehmen und auch mit Kundinnen und Kunden? Darüber spreche ich mit dem Gründer und Geschäftsführer von 1,5 Grad, mit Philipp Schröder. Hallo und herzlich willkommen im Grund1-Podcast, Philipp. Vielen Dank, ich freue mich.
Ihr seid ja innerhalb von gut fünf Jahren extrem schnell gewachsen. Mittlerweile arbeiten mehr als 3000 Leute für euch. Ist dieses massive Wachstum von Anfang an euer Plan gewesen? Wir haben tatsächlich einen Plan gebaut, und den haben wir leicht untererfüllt. Das heißt, in anderen Worten: Ja, das war der Plan, dass wir so stark wachsen. Wir wollten sogar noch ein bisschen stärker wachsen, haben aber gemerkt, so bei dem siebten Markteintritt, dass es auch ganz gut tut, mal zumindest eine minimale Atempause zu nehmen. Insofern, ja, das war der Plan.
Wie stark wolltet ihr denn wachsen? Wolltet ihr schon 5000 Leute sein? So knapp 1000 mehr wären wir laut Plan schon gewesen, und wir wollen auch noch deutlich darüber hinaus wachsen. Also der Businessplan sieht auch vor, dass wir da auf jeden Fall nochmal eine 10x, also eine Verzehnfachung sehen werden, sowohl beim Umsatz, aber auch beim Personal wird sich da deutlich was tun. Man muss allerdings jetzt schon sagen, dass die Mitarbeiterzahl sich entkoppelt vom Wachstum. Das ist natürlich auch gut so, weil wir natürlich nicht nur linear Handwerkskräfte aufbauen, sondern eben auch vor allem auf eine Automatisierung und Software setzen.
Du hast gerade schon angesprochen, die sieben Markteintritte. Waren das tatsächlich so die Momente, wo ihr gemerkt habt: Moment mal, ist ja schön, wenn wir so einen ambitionierten Plan haben, aber ein bisschen langsamer ist auch okay? Es ist in der Tat ziemlich schwierig, Budgetpläne, ich sage immer, das ist ein Versprechen gegenüber unseren Shareholdern, ordentlich zu machen. Und natürlich muss man fairerweise auch sagen, es gibt kaum Firmen, die in der Lage sind, auf allen Vertikalen das so abzuliefern. Es ist immer, glaube ich, auch ganz normal, dass es irgendwo schneller geht, als man glaubt, und auf der anderen Seite vielleicht auch irgendwo langsamer geht, als man sich das wünscht oder als man es plant. Und wir haben beides gesehen. Im Großen und Ganzen sind wir schon ziemlich an der Richtschnur hochgelaufen, aber zum Beispiel mal der Markteintritt in Australien mit der Zeitverschiebung, mit eigenen Servern, die wir da aufbauen müssen, mit einfach auch regulatorischen Hindernissen. Also da gibt es zum Beispiel für den Markteintritt in Australien eine CEC, das ist eine Clean Energy Council Commission, die muss jedes elektrische Gerät prüfen und freigeben, bevor das überhaupt in den Markt darf. Und wir haben da Produkte eingeführt, also Batteriespeicher zum Beispiel. Dann dauert es auch mal ein bisschen länger. Das kann schon passieren. Und ja, das haben wir gemerkt.
Ich habe es vorhin angesprochen, ihr kombiniert ja interessanterweise ziemlich unterschiedliche Bereiche, also Handwerk, Technik, Software und dann eben diese passenden Stromtarife. Speicher hast du gerade angesprochen. Wie kriegt ihr das denn alles zusammen gedacht? Also das sieht ja von außen sehr, sehr komplex aus. Am Ende ist der Gedanke, der Gründungsgedanke oder auch die Mission bei 1,5 Grad relativ simpel. Wir nennen das Energy Abundance. Das ist eine sehr günstige Energie, für alle im schieren Übermaß haben können. Und wir glauben, dass wir dafür zwei Dinge machen müssen, die sind eigentlich im Kern sehr simpel. Das eine ist, wir müssen die gesamte Energie, die wir verbrauchen, erst mal auf elektrische Energie umstellen. Also wenn du von Diesel auf ein Elektroauto, von Heizöl auf eine Wärmepumpe, damit wir überhaupt erst mal elektrifiziert sind. Und wenn wir das geschafft haben, dafür brauchen wir eben die gesamte handwerkliche Aufstellung, die Hardwareprodukte, die Lieferketten dort, damit das eine in das erste Vertikale. Und die zweite Vertikale ist, dass wir dann eben all diese Systeme in den Rhythmus aussteuern, den eben die volatilen Erneuerbaren uns geben. Das ist einmal Solarenergie und Windenergie. Und davon gibt es ja in der Tat sogar zu viel. Das heißt, es gibt Zeitpunkte, jetzt schon auch oft in den Medien, wo wir zwar auf der einen Seite lesen, dass Ölpreise durch die Decke gehen und alles teurer wird. Und auf der anderen Seite lesen, dass Erneuerbare nicht nur günstig sind, sondern man auch Geld dafür bekommt, wenn man diese Überschussenergie abnimmt. Genau das ist unser zweite Vertikale, dass wir die Erzeugung von volatilen Erneuerbaren so nutzen, dass wir in diese Zeitzonen rein den Verbrauch reinsteuern. Und das hat mehrere Vorteile. Erstens ist der Strom sehr günstig. Zweitens ist der Strom sauber. Und drittens müssen diese Systeme dann nicht später noch mal Energie verbrauchen, also Strom verbrauchen, wenn zum Beispiel Gas und Kohle am Netz sind. Und das ist aus unserer Sicht auch die Lösung für das Dilemma, was wir in der Energiewende teilweise haben, nämlich dass das System noch nicht ausreichend funktioniert, weil es eben teilweise zu viel Strom gibt, den dann keiner haben will, und der wird transportiert ins Ausland. Und dann muss man den später zurückkaufen aus Frankreich und dann muss man ihn wieder transportieren. Sondern dass wir tatsächlich einfach daran arbeiten, dass die Systeme im Markt in Masse und skaliert intelligent so gesteuert werden, dass wir das einfach direkt weg verbrauchen und speichern.
Jetzt ist ja unser Schwerpunkt in diesem Monat das Thema Arbeit, und du hast es gerade ganz gut erklärt. Es gibt bei euch sehr unterschiedliche Bereiche, also die Handwerkerinnen und Handwerker und dann beispielsweise irgendwie Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler. Wie arbeiten die denn zusammen, oder arbeiten die am Ende gar nicht zusammen? Die arbeiten dort zusammen, wo beides aufeinandertrifft. Und ich muss dir so vorstellen: Die handwerkliche Seite, das ist ja nicht nur Handwerk. Das ist ja, wir nennen das Neudeutsch Fulfillment. Das heißt, alles, was wir brauchen, um einen Kunden oder eine Kundin zu bedienen. Und das ist ja von der Heizung über die Lieferung, die Lieferketten, die Logistik, den intelligenten Stromzähler und natürlich die Systeme und den Handwerkern, also Dachdeckern, Elektrikern und auch Heizungsbauern. Die müssen alle involviert sein in dieses Projekt. Und wir haben eine Software, die nennt sich das 1,5 Grad OS, und das ist für uns so eine Art virtuelle Assembly Line. Das heißt, da wird quasi über Systeme erfasst und optimiert. Zum Beispiel Elektroplanung wird automatisiert, Fahrzeugplanung, Routenplanung wird automatisiert, und auch jeder Handgriff von einer Handwerkerin oder Handwerker, der wird dokumentiert für die Qualitätssicherung und auch, weil wir einfach schneller sein möchten und auch mehr Effizienz reinbringen wollen. Und dort treffen die beiden Welten sehr wohl aufeinander, weil wir eben das Handwerk nicht einfach so, wie es vor 100 Jahren oder seit langer Zeit praktiziert wird, praktizieren, sondern wir finden uns da tatsächlich neu. Und da knallt es auch mal, im Positiven wie im Negativen. Das heißt, da trifft dann natürlich auch mal der gestandene Elektromeister auf die Softwareentwicklerinnen und wir versuchen, diesen Prozess so kreativ und positiv wie möglich zu gestalten. Und das Ziel ist, dass wir dort einfach auch Handwerk 2.0, also eine ganz neue Art des Fulfillments entwickeln. Und da treffen beide aufeinander. Und man mag jetzt meinen, dass das vor allem herausfordernd ist, aber wir haben festgestellt, dass es vor allem dazu führt, dass wir eine ganz besondere Art der Kommunikation erleben, nämlich tatsächlich zwischen der Hafermilch-Cappuccino-Bubble, die irgendwie Softwareentwicklung macht, und den Meistern. Und das funktioniert in vielen Fällen extrem gut, weil wir so natürlich sofort lernen können. Also wir gehen in die Anwendung und können am nächsten Tag direkt sehen, ob diese virtuelle Assembly Line besser funktioniert oder nicht. Und ja, da treffen diese beiden Welten aufeinander.
Und wann klappt es besonders gut, dieses Aufeinandertreffen? Es klappt dann besonders gut, wenn man in der Lage ist, iterativ schnell zu reagieren. Das heißt also, wenn man sagt: Komm, wir probieren jetzt mal was aus. Das heißt, wir nehmen zum Beispiel einen Baustein: Elektroplanung wird automatisiert, Auftragsmanagement wird automatisiert, Routenplanung wird automatisiert oder Material wird automatisch in der Logistik schon hingeliefert, dass der Elektriker das gar nicht mehr selber machen muss. Das kommt vor Ort hin. Oder auch Abnahmeprotokolle werden digitalisiert und automatisiert. Und wenn man das erst mal macht, dann bringt man natürlich erst mal Leute, die das lange anders gemacht haben, aus dem Rhythmus. Super cool ist es, wenn man dann das Feedback sofort aufnehmen kann und dann die Veränderung auch schnell kommt. Also wir arbeiten nur mit eigener Software. Wir haben gar keine externe Software, und insofern können wir es ausprobieren und dann schnell lernen. Und dieses schnelle Lernen und das Feedback aufnehmen, das führt auch dazu, dass wir einfach eine höhere Akzeptanz haben bei den Menschen. Und das macht dann auch Spaß, weil man halt sagen kann: Hey, linksrum war ganz cool, aber lass uns das doch mal so versuchen, und dann können wir das tatsächlich auch schnell umsetzen. Die Frustration käme immer dann, wenn man da nicht schnell genug ist und, sage ich mal, im Perfekt arbeiten muss. Kommt aber vermutlich auch mal vor. Natürlich, selbstverständlich. Und was ist schon perfekt? Also bestimmte Prozesse gibt es, heiße Diskussionen darüber, ob es die überhaupt geben sollte. Also wir versuchen auch, Arbeitsprozesse, die bis jetzt ja getrennt gelaufen sind voneinander, diese Gewerke sind ja traditionell getrennt, die denken wir jetzt zusammen, und da betreten wir auch Neuland. Und das ist natürlich auch kontrovers, aber das macht das Ganze auch spannend und es macht so aus.
Philipp Schröder, Gründer und Geschäftsführer von 1,5 Grad beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir schauen in dieser Folge noch ein bisschen genauer darauf, warum Strom trotz günstiger erneuerbarer Energien oft teuer bleibt und welche Rolle auch politische Rahmenbedingungen und Marktstrukturen dabei spielen und möglicherweise auch, wie ein neues dezentrales Energiesystem für Deutschland und international auch aussehen könnte. Philipp, im Moment klagen ja eigentlich fast alle politischen Lager über teure Stromkosten, und du sagst und bist überzeugt, dass Strom eigentlich viel, viel günstiger sein könnte, wenn das System anders aufgebaut wäre. Wie müsste es denn aufgebaut sein? Es muss so aufgebaut sein, dass es einen Unterschied macht, wann ich Strom verbrauche und wann ich Strom auch produziere. Zurzeit ist es zum Beispiel so, dass wir eine Einspeisevergütung haben in Deutschland für alle Erneuerbaren, und da ist es vollkommen egal, wann ich Strom produziere. Und tatsächlich wird dieser Strom ja auch gleichzeitig produziert. Ich nehme ein Beispiel: Mitten in der Nacht, zwischen zwei und vier, es ist irgendwie ein Herbsttag und es gibt sehr viel Wind, dann glühen quasi die Netze, weil es niemanden gibt, der diesen Strom in Deutschland braucht. Und der Strom muss sehr weit transportiert werden, bis nach Italien oder Frankreich. Das ist sehr teuer, die Netze müssen ausgebaut werden dafür, oder im schlimmsten Fall wird dieser Strom, der da produziert werden könnte, sogar abgeschaltet. Und das kostet uns dann doppelt Geld, weil erstens zahlt die Allgemeinheit diese Vergütung trotzdem, und zweitens ist es immer schlecht, wenn ein Generator, der da ist, seinen Strom nicht los wird. Volkswirtschaftlich geht er ja verloren, und das ist der Status Quo. Das heißt, am nächsten Morgen, dann drei Stunden später, wachen alle auf und verbrauchen ganz viel Strom, und dann ist der Wind aber leider weg, und der Strom ist längst über die Kupferplatte nach ganz Europa verschenkt worden. Das ist wirklich buchstäblich so. Und dann kaufen wir diesen Strom aus Frankreich oder aus Italien zurück und transportieren den wieder über lange Strecken, und der ist dann auch noch sehr teuer. Das heißt, dass das keinen Sinn macht, glaube ich, kann man nachvollziehen. Das was wir vorschlagen, und das ist im Übrigen ein ganz normales volkswirtschaftliches Modell, wenn es darum geht, Netze besser zu nutzen und natürlich günstiges Angebot mit dem Verbrauch zu korrelieren. Gib mal ein Beispiel: Wenn du weißt, dass am Donnerstag das iPhone nichts kostet, dann wirst du nicht am Montag eins kaufen, sondern am Donnerstag. Und es gibt unglaublich viele Systeme, die man steuern kann, die einen Beitrag leisten können, dafür, dass eben das Netz dann eben nicht belastet wird, dass zum Beispiel zwischen zwei und vier die zwei Millionen Energiespeicher, die es in Deutschland gibt, befüllt werden von Happy AI, das ist unsere Energie-AI, die wir da entwickelt haben und die eben diesen Strom nachts abnehmen. Das gleiche geht mit Elektroautos. Das heißt, auch diese können einfach in dieser Phase den Strom sehr günstig abnehmen. Das gleiche gilt für Wärmepumpen, die haben ja in der Regel so einen Wasserpufferspeicher, der kann eben auch beladen werden über Nacht. Und das geht noch weiter, zum Beispiel bei Airconditioning und auch anderen steuerbaren Einheiten. Und das sind riesige Potenziale. Also wenn wir Happy AI in die Skalierung bekämen, würden wir in Europa 255 Milliarden Euro sparen. Und alles, was man dafür braucht, ist eigentlich die Intelligenz und diese kleine Box, die sich hinter dem Zähler, also dem Stromzähler, verbindet mit diesen Energiesystemen. Und das ist ein Riesenpotenzial, weil wir einfach, sage ich mal, diese Dysfunktionalität beenden können. Und das wird in Schweden schon so gemacht oder in Dänemark, wo man einfach das Marktmodell so verändert, dass es möglich wird, zu unterschiedlichen Preisen zu unterschiedlichen Zeiten einzuspeisen und auch Strom dann auch zu verbrauchen. Und dafür setzen wir uns ein. Und wie gesagt, das funktioniert auch in Deutschland schon. Das heißt, wer jetzt einen intelligenten Zähler hat, so einen Stromzähler, der kann auch einfach mitmachen. Und es ist auch vollkommen egal, ob ich eine Solaranlage habe oder keine, solange ich einen steuerbaren Verbraucher habe, also von einer Waschmaschine bis hin zum Elektroauto, kann ich halt da mitmachen. Und das nimmt unglaublich Last von den Netzen, und es heilt am Ende fast alle Symptome, die man in der Presse liest, die kritisiert werden. Also sowohl das sogenannte Redispatch, das Abschalten von Erneuerbaren, wird dadurch weniger und gleichzeitig kann man durch das Netz, was wir heute haben, mehr Strom transportieren. Das senkt die Netzengelder für alle sofort, ohne dass man investieren muss, und es braucht keine Subventionen. Insofern ist es ein sogenannter No Brainer, und das ist das Geschäftsmodell und auch das, woran wir arbeiten.
Wenn man sich mit euch beschäftigt, dann kriegt man natürlich mit, dass ihr sehr, sehr schnell gewachsen seid, dass ihr eine Erfolgsgeschichte seid. Ich glaube, das ist unbestritten. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Kritikerinnen und Kritiker, die sagen: Na ja, Moment mal, die picken sich so die Rosinen raus und das, ich sage mal, attraktive Geschäftsmodell, und das entwickeln sie weiter, und die Rosamen bleiben für die anderen. Wie reagierst du darauf? Ich würde erst mal sagen, dass mir die Kritik in der Form irgendwie neu ist. Okay, mich interessieren, wer das so sagt. Also natürlich Leute, die von außen drauf gucken. Das, was wir schon öfter hören, ist so: Ja, das funktioniert ja nur für Einfamilienhäuserbesitzer, und was ist mit den Leuten in den Wohnungen? Da wäre meine Antwort drauf: Wenn das Stromsystem dysfunktional ist und die Netzengelder hoch sind, weil eben die Erneuerbaren und der Verbrauch nicht korrelieren, dann sind die Kosten für alle hoch. In dem Moment, wo wir die Assets, die es ohnehin gibt, also diese Systeme, einbinden, damit das System für alle günstiger wird, haben auch alle was davon. Und diese Systeme gibt es ja schon. Das heißt, wir müssen die nicht subventioniert werden. Die sind ohnehin da. Auch wieder ein einfaches Beispiel: Man kann sich natürlich dazu entscheiden, dass Wärmepumpen, Elektroautos und Batteriespeicher oder auch Solaranlagen alle ungesteuert einfach machen, was sie wollen und nicht für die Allgemeinheit eingesetzt werden. Das ist der Status quo. Oder man setzt sich dafür ein, dass diese Systeme, die ohnehin da sein werden, Teil der Lösung sind und macht das. Und dafür haben wir ja wieder AI entwickelt. Und dann sinken die Stromkosten für alle, auch für Oma Erna, die irgendwie nur eine Einzimmerwohnung hat und sehr wenig Strom verbraucht. Insofern ist mir keine inhaltliche Kritik bekannt, die auch hält, weil es am Ende wirklich darum geht, bei 1,5 Grad ein System zu finden, ein Marktmodell zu finden, was für alle die Probleme der Dysfunktionalität, die wir teilweise heute haben, löst. Und das merkst du wahrscheinlich schon an meiner Antwort. Mir nehme ich auch persönlich, weil das ist eben genau nicht der Fall. Wir sind oft im Clinch mit Oldsola, nennen wir das. Das heißt also mit Unternehmen, die auch gut verdient haben an den Subventionen, die es in dem Bereich gab und gibt. Wir setzen uns für ein Ende aller Subventionen ein. Wir brauchen ein Marktmodell, was intelligent und automatisiert dem Rhythmus der Erneuerbaren folgt. Und dann wird es auch günstiger für alle. Und wie gesagt, diese Roland Berger Studie mit den 255 Milliarden, das ist auch nichts, was wir uns einfach ausgedacht haben, sondern das ist einfach Physik und Mathematik. Und insofern ist uns das ganz wichtig, dass es hier nicht um ein System für wenige geht, sondern um einen Ansatz, der uns hilft. Das wahrscheinlich größte Problem, was es zurzeit gibt, ist ja, egal ob wir über Klima sprechen, über wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, über AI. All das braucht viel Energie, und die sollte am besten sauber sein und die sollte am besten nicht aus autokratischen Staaten kommen, wie wir gerade sehen. Inflation möchten wir auch nicht haben. Insofern belaste ich es dabei. Aber das System, was wir entwickeln, hat den Anspruch, das Operating System zu werden, um eben in ganz Europa, im Übrigen, dieses Ungleichgewicht zumindest zu verringern, wenn nicht sogar ganz zu beseitigen. Und Energy Abundance, also saubere Energie im Überfluss für alle, möglich zu machen. Und natürlich müssen wir irgendwo anfangen. Und diejenigen, die jetzt schon mitmachen, haben Vorteile, die andere nicht haben. Das finde ich aber auch okay.
Ich glaube, das ist so ein Punkt, den ich so in den Vorgesprächen auch gehört habe, dass es natürlich auch, ich sage mal, so eine Art Angst gibt, dass ihr dann das Operating System seid und damit auch bestimmt und das nicht offen genug ist. Also diese Sorge gibt es, glaube ich. Also ja, erstens muss man das vielleicht noch mal in Perspektive setzen. Wenn man sich mal vorstellt, eine EON als größter Netzbetreiber Europas mit 14 Millionen Kunden und mit Infrastruktur, die monopolistisch betrieben wird, oder RWE mit großen Kraftwerkparks, wo es jetzt gerade ja darum geht, mit Steuergeldern Gaskraftwerke dauerhaft über Abgaben zu finanzieren, die nochmal alles teurer machen. Und das ins Verhältnis zu setzen gegenüber einem Anbieter, der bis jetzt Hunderttausenden, also noch nicht mal Millionen von Menschen, die Möglichkeit gibt, ihre Systeme, die ohnehin da sind, so einzusetzen, dass es die Strompreise für alle senkt. Dann ja, also kann ich schon verstehen, das ist so ein Reflex, der dann oft kommt. Aber alleine bei den Größenordnungen merkst du, da müssen wir nochmal ein paar Millionen Kunden zusammenbringen, und dann kann man irgendwann darüber sprechen, dass das eine Positionierung wird, die vielleicht wirklich das Operating System wird. Aber das wollen wir ja auch und das finden wir auch unproblematisch, weil das Operating System macht ja nichts anderes, als eine Echtzeit-Synchronisierung herzustellen zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch. Und die ist klug und die sollte ohnehin passieren. Und da werden wir ja auch im Wettbewerb stehen mit anderen. Insofern, unser Ziel ist es sicherlich, dass wir da, wir wollen eine maßgebliche Rolle übernehmen, und die brauchst du auch, weil, wie gesagt, die Herausforderungen auf der Energieseite, auch in der Energiewende, sind riesig, und es gibt wenige Lösungen, die in der Lage sind, ohne Subventionen sofort Abhilfe zu schaffen. Also die Netze kann man nicht schnell ausbauen, AI wird auch in Europa sehr groß werden müssen, weil durch den Zeitversatz die Datencenter auch hier nötig sein werden. Und man kann jetzt ja schon sehen, dass es ein soziales Thema wird. Und insofern glaube ich, sollten wir uns lieber darauf fokussieren, zu überlegen, wie kann Europa aus dieser Misere sogar einen Gewinn ziehen, also sich auch einen strategischen Vorteil erarbeiten. Und das Konzept von Energy Abundance finden wir, ist dort für Europa wie gemacht.
Sagt der Geschäftsführer von 1,5 Grad, Philipp Schröder, hier im brand eins Podcast. Und wir sprechen gleich weiter. Philipp, du hast die künstliche Intelligenz oder ich sage mal euer Produkt, den Energiemanager Heartbeat AI, schon ein bisschen angesprochen hier und da. Und wir sprechen ja hier im Podcast in diesem Monat besonders über verschiedene Dimensionen auch von Arbeit. Wie verändert denn KI tatsächlich eure Arbeit im Konzern, im Unternehmen? Also AI hat gerade in der Softwareentwicklung natürlich den größten Einfluss, weil am Ende künstliche Intelligenz erstmalig den Flaschenhals der Softwareentwicklung ja automatisiert. Das heißt, bis noch vor sehr kurzem war jedes Unternehmen, was Software schreibt, davon abhängig, dass man sehr, sehr gute Entwicklerinnen und Entwickler hat. Und das war immer der Flaschenhals und auch der Kostentreiber. Und dort ist der Kern der Anwendung. Das heißt natürlich, dass auch die Softwareentwicklung und das Produktmanagement dort sich massiv verändert. Das kann man sich so vorstellen, als wenn man bei Webern in den Raum geht und ihnen erklärt, dass man jetzt den mechanischen Webstuhl hat und das auch im Übrigen jeder sogenanntes Weibcoding machen kann. Das heißt, man kann Software-as-a-Service-Produkte, die man vielleicht noch nutzt extern, selbst nachbauen, und man kann Prozesse deutlich schneller automatisieren. Und am Ende ist die Entwicklung, also die Softwareentwicklung, kein Flaschenhals mehr, sondern tatsächlich sind Flaschenhals sehr gute Entscheidungen, Ideen, die helfen und direkt verwoben sind auch mit dem Geschäftsmodell. Das ist jetzt der Flaschenhals, und das überfordert natürlich auch ein bisschen in einer positiven Art und Weise jetzt auch uns als Unternehmen, weil auf einmal ist halt dieser Punkt nicht mehr da: Verdammt, wir brauchen da 100, 200 neue Entwicklerinnen und Entwickler, sondern man kann sehr schnell eigene Vertikalen und Ebenen über Software abdecken, und das automatisiert. Und das verändert den Umgang mit Software. Es ist ein komplett neues Selbstverständnis in die Entwicklung. Und das ist eine kreative Explosion, eine Produktivitätsexplosion, die wir sehen. Und mal ein Beispiel: Also 90 Prozent unseres Codes – und wir haben relativ viel Software auf der energiewirtschaftlichen Seite und der Handwerksseite – wird mittlerweile automatisiert geschrieben. Der wird natürlich vorgegeben und auch in der Quality Assurance überwacht von unseren Entwicklerinnen und Entwicklern. Das führt aber auch dazu, dass wir etwas erreichen, das nennen wir Peak OPEX. Das heißt, Peak Personalkosten, wenn man so will. Denn wir sehen einfach, dass wir mit der jetzigen Anzahl an Mitarbeitenden nicht mehr weiter ins Wachstum gehen müssen, weil man am Ende die Produktivität eines jeden Entwicklers verzehnfachen kann. Ehrlicherweise wissen wir noch gar nicht, wo das Ende der Produktivitätssteigerung ist. Und das ist eine extrem spannende Phase. Also, das heißt, das ist der Kernbereich, da trifft AI halt voll ins Schwarze. Und ansonsten haben wir natürlich die üblichen Themen. Also wir haben uns für einen Hyperscaler entschieden, und das ist Google in dem Fall. Das heißt, alle Mitarbeitenden können auch mitarbeiten, um eigene Automatisierung auszuprobieren. Da sind wir schon ziemlich weit, aber das ist eher ein Booster, eine Begleitung des täglichen Tuns, vom Callcenter bis in die Elektroplanung. Und in der Softwareentwicklung verändert sich wirklich das Geschäft an sich und zwar fundamental. Also bei den einen ist es quasi der Assistent, so wie er auch immer verkauft wird, der Dinge einfacher macht. Und beim anderen ist es schon, und das stelle ich mir schon auch durchaus anstrengend vor, eben nicht mehr: „Wir machen dieses eine Projekt, weil darauf haben wir uns jetzt committed“, sondern wir können jetzt 100 oder vielleicht sagen wir mal 50 irgendwie machen. Ja, genau. Das ist typisches Queuing. Also das ist, dass man sich anstellen muss, um dann irgendwann dran zu kommen für das eine coole Feature. Das ist weg. Ich glaube, die größte Herausforderung liegt darin, dass Cloud AI und ganz viele andere Anwendungen schon dazu führen, dass sich auch viele überschätzen. Das heißt, man muss sehr aufpassen, dass man aufgrund der unglaublichen Opportunität – weil man kann jetzt ja alles machen und zwar gleichzeitig – nicht über die eigenen Füße fällt. Und deswegen braucht man, glaube ich, eine gesunde Balance zwischen, sage ich mal, Menschen, die willens sind, radikal in Anwendung zu gehen und eine Breaking-Glass-Mentalität haben. Und auf der anderen Seite auch den Gegenpol, der gerade bei Cyber Security, aber auch bei dem Thema Fokus aufpasst. Also insofern müssen wir damit auch gerade umgehen. Es ist auf der einen Seite herrlich erfrischend und auf der anderen Seite auch unglaublich überfordernd, weil natürlich auch plötzlich jeder eine Meinung haben kann, inklusive des CEOs, also des Geschäftsführers. Und auch das ist nicht immer gut.
Wie macht ihr das denn? Ja, also wir haben begonnen damit. Das Erste, was du machen musst, ist, du musst dich entscheiden, wie kannst du die Mitarbeitenden im Tagesgeschäft einbeziehen. Dafür haben wir unsere Software so aufgebaut, dass wir Schnittstellen haben, wo mit AI-Applikationen unsere Mitarbeitenden selbst ran können. Das heißt, die können datenschutzkonform selber Zugang haben zu den Datenstacks und dann können die anfangen, mit verschiedenen Systemen zu spielen oder Dinge auszuprobieren in der Automatisierung. Das ist die Ebene Tagesgeschäft. Dann gibt es die Ebene Entwicklung. Da muss man sich ja vor allem entscheiden: Okay, wie wird das Coding neu aufgebaut und wie wird auch QA gemacht? Also wie wird tatsächlich beauftragt für AI, dass eben der Code geschrieben wird und wie wird der überprüft? Das haben wir alles gemacht. Und oben streiten sich zwei, das ist auch angelegt, so zwei große Pole. Und das eine ist, dass wir so eine Art Fraktion der jungen Wölfe haben. Das sind einfach Business-savvy Menschen, die Projektverantwortung haben, nah am Geschäft sind, die jetzt challengen und sagen: „Wir gehen rein, wir wipecoden selbst auf der Sandbox, die wir gebaut haben, sodass das eben im sicheren Raum stattfinden kann.“ Und fangen selber an, Wettbewerb zu machen gegenüber dem klassischen Produktmanagement und auch den klassischen Entwicklern. Und auf der anderen Seite haben die Entwickler, die natürlich die Grundlagen hier auch geschaffen haben, die Möglichkeit, das Gleiche zu tun. Das heißt, wir versuchen wirklich, Wettbewerb der Ideen reinzubringen und auszuprobieren, was geht. Und wir müssen aber natürlich auf der anderen Seite auch dafür sorgen, dass das in einer Sandbox, also in einem sicheren Raum, stattfindet. Und das macht gerade sehr viel Spaß, bringt viel Geschwindigkeit rein, aber ist natürlich auch neu. Also gerade einigen Entwicklern fällt es schon schwer, und einige sind auch, glaube ich, noch am Hadern damit, ob das wirklich stimmt. Also, ist es wirklich so, dass jetzt AI in der Lage ist, Software und Code grenzenlos zu erschaffen? Und ich würde dazu tendieren, das ist wirklich so, mit ein paar Einschränkungen. Aber es gibt auch ein paar andere Meinungen. Insofern ist das, glaube ich, ähnlich wie bei der Digitalisierung, nur noch schneller und brutaler. Und ja, ich denke, alle Unternehmen müssen sich da jetzt klar werden darüber, wie sie damit umgehen wollen. Und wir nehmen das offensiv an. Also wir gehen da voll rein, sagt Philipp Schröder im brand eins Podcast. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch und vor allem auch für die Einblicke. Dankeschön.
Und wenn ihr tiefer ins Thema Arbeit einsteigen wollt, dann empfehle ich euch das aktuelle brand eins Magazin mit dem Titel „Der Job geht, die Arbeit bleibt.“ Darin geht es um die Zukunft unserer Jobs, veraltete Arbeitszeitgesetze im digitalen Zeitalter oder auch um Menschen, die für echte Sinnhaftigkeit radikale Neustarts wagen. Den Link zum Magazin findet ihr in den Shownotes. Und für analoges Lesen im Mai Sonnenschein könnt ihr das Heft beim Zeitschriftenhändler oder bei der Zeitschriftenhändlerin eures Vertrauens kaufen. Wir vom Podcast Radio detektor.fm haben übrigens für euch mit „Mission Energiewende“ auch noch den passenden Klimapodcast. Darin schaut meine Kollegin Ina nämlich genauer darauf, wo es hakt, welche Lösungen es für den Klimawandel schon gibt und in welchen Bereichen es vielleicht auch besonders gut läuft. Den Podcast packen wir euch ebenfalls in die Shownotes. Und sollten euch „Mission Energiewende“ und der brand eins Podcast gefallen, dann folgt doch in eurer Lieblings-Podcast-App uns, erst recht, wenn es eine unabhängige Podcast-App ist, wie Castro, Overcast, Pocketcast oder auch Antennapod. Damit unterstützt ihr nämlich uns und unsere Arbeit. Nächsten Freitag hört ihr dann hier das nächste Ergebnis unserer Arbeit. Und dafür bin ich mit der Soziologin Judith Muster und mit Susanne Risch von der brand eins verabredet. Wir wollen dann darüber diskutieren, wie es Führungskräften gelingt, einen Plan für Veränderungen dann auch wirklich in der Breite der Belegschaft zu vermitteln. Denn sehr oft hakt es nicht an der Analyse oder am Plan, sondern an der Kommunikation. Das dann kommende Woche. In diesem Sinne, gern bis dahin. Der brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert.