Die AfD hat kein schlüssiges und kein zielführendes wirtschaftliches Programm. Es ist purer Opportunismus, und die AfD steht für eine Wirtschaftspolitik, die eine Katastrophe wie die deutsche Wirtschaft bedeuten würde. Das sagt Marcel Fratschart, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der Ökonom zählt zu den Stimmen, die schon lange und laut vor der Wahl der AfD warnen, gerade auch wegen ihrer Wirtschaftspolitik.
Bei der bevorstehenden Landtagswahl im September wird Wirtschaft eines der entscheidenden Themen werden. Warum warnen Ökonomen wie Fratschart so eindringlich vor der AfD? Was sagen Unternehmen aus Sachsen-Anhalt dazu? Und wie steht es eigentlich überhaupt zurzeit um die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt? Darüber sprechen wir dieses Mal bei Dazwischen.
Aber vorher gibt es noch mal den Blick zurück. Ja, aber heute ein klein wenig anders als sonst. Erinnerst du dich noch an unsere dritte Folge? Ist eine Weile her. Ja, es ging um das Mitmachlokal in Dessau und ich glaube auch allgemein um dritte Orte, also Orte, an denen Menschen sich begegnen können. Genau darum ging es. Aber ich habe genau dazu erst vor kurzem auf LinkedIn einen Post von unserem damaligen Experten, dem Soziologen Reinhard Mante, entdeckt. Und spannend war nicht der Post, sondern die Kommentare darunter.
Er erwähnt nämlich in dem Post Katrin Hinze. Die hatte ja die ursprünglichen Ideen zum Mitmachlokal. Und darunter schreibt Paul N.: „Danke für den Tipp, Katrin Hinze. Zum Mitmachlokal würde ich gerne mal mit dir in den Austausch kommen, denn tatsächlich suchen wir gerade für den Herbst noch einen Raum in Dessau für ein gelostes Dialogformat von etwa 25 Menschen. Schreib dir mal eine DM.“ Ja, ach schön! Ja, und Katrin Hinze reagiert darauf und die kommen da offenbar zusammen. Richtig cool, wenn sowas klappt, finde ich. Und irgendwie auch das schönste Feedback für unsere Folge und natürlich auch für deren tolle Arbeit vor Ort.
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Wirtschaftliche Lage in Deutschland
Die deutsche Wirtschaft vom Paradebeispiel zum Dauerpatienten lautet die Überschrift eines Beitrags beim SWR. Die Wirtschaftswoche schreibt: „Der deutsche Arbeitsmarkt kriselt weiter.“ Oder die EU hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland halbiert, heißt es bei ZDF heute. Das sind alles Meldungen, ja, Beiträge aus den vergangenen Wochen und Monaten.
Was macht das mit dir? Ja, das ist schon ein bisschen deprimierend. Das ist mal so ein sehr düsteres Bild. Also unserer Wirtschaft, der geht es schlecht. Das ist so das, was in den letzten Monaten auch in meiner Wahrnehmung vermittelt wurde. Ja, und klar, es gibt diverse Herausforderungen, die nicht von der Hand zu weisen sind. Die bekommen wir auch zu spüren, zum Beispiel beim Einkaufen oder beim Tanken. Vieles ist teurer geworden über einen längeren Zeitraum. Es scheinen sich Meldungen zu Unternehmensinsolvenzen und Schließungen zu häufen. Naja, und die Sorge und Ängste der Menschen wachsen dadurch natürlich.
Ich muss sagen, ich kann das erst mal nachvollziehen, gerade in Sachsen-Anhalt, denn da herrscht ja mit das niedrigste Gehaltsniveau. Und laut paritätischem Armutsbericht ist jeder Fünfte in Sachsen-Anhalt von Armut betroffen. Dazu muss man aber sagen, das ist jetzt nicht unbedingt ein neues Problem und nicht erst durch die aktuelle Wirtschaftslage entstanden, sondern besteht schon länger und hat halt auch strukturelle Ursachen.
Aber klar, ich meine, wenn du davon betroffen bist, wenn das deine Lebensrealität ist oder vielleicht geht es dir sogar finanziell noch ganz gut, aber du liest eben seit Jahren solche Meldungen, vielleicht hast du auch Menschen in deiner Familie oder im Bekanntenkreis, die davon betroffen sind, dann kann ich mir schon vorstellen, dass man sich einfach schneller und wahrscheinlich auch größere Sorgen macht.
Also ich finde es nicht so überraschend, dass sich Wirtschaft in all ihren Facetten als das Thema bei der Landtagswahl im September herauskristallisiert. Nicht nur da. Es hat ja jetzt erst eine ganz neue Befragung von Infratestima gegeben. Die Teilnehmenden sollten da auch angeben, welches politische Problem ihrer Meinung nach das Wichtigste ist. Und da landete auf dem ersten Platz, vor Migration, das Thema Wirtschaft.
Ja, da würde ich jetzt zumindest denken, dass da der Zuspruch für die AfD zurückgehen müsste. Immerhin war ihr zentrales Thema bislang eher Migration und nicht Wirtschaft. Und trotzdem erreicht die AfD bei den letzten Wahltrendbefragungen in Sachsen-Anhalt bis zu 42 Prozent. Ja, und das finde ich total interessant, denn bei einer deutschlandweiten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen von November 2025 hielten 29 Prozent die CDU am kompetentesten in Sachen Wirtschaft, weit vor der AfD mit 11 Prozent. 28 Prozent gaben übrigens an, keine Partei für wirtschaftlich am kompetentesten zu halten. Das sagt natürlich dann auch relativ viel aus.
Warnungen vor der AfD
Trotzdem, nachdem die AfD im Frühjahr ihr Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt vorgestellt hat, hat es viele Warnungen gegeben, gerade wegen ihrer Wirtschaftspolitik. Gerade am Anfang der Folge haben wir Marcel Fratscher gehört. Er spricht ja sogar von einer Katastrophe für die Wirtschaft. Was schreibt denn die AfD in ihrem Wahlprogramm zum Thema Wirtschaft? Ich lese mal vor, wie sie den Abschnitt einleitet. Zitat: „Okay, also da wird auch erstmal ein ziemlich düsteres Bild gezeichnet. Jetzt vielleicht auch in Verbindung mit den Schlagzeilen der letzten Monate. Wie schlimm ist es denn wirklich? Also wie steht es denn um unsere Wirtschaft? Das habe ich mich auch gefragt und deshalb als erstes darüber mit Marcel Fratscher gesprochen.
Er wirft erst einmal einen Blick auf die Wirtschaft in Deutschland insgesamt und sagt: „Es steht sicherlich nicht gut, aber bei weitem nicht so schlecht, wie die öffentliche Wahrnehmung ist. Also ich denke, die Stimmung in Deutschland ist deutlich schlechter als die Realität. Wenn man sich nüchtern die Zahlen anschaut, sieht man, dass Deutschland in den letzten drei, dreieinhalb Jahren eine wirtschaftliche Stagnation hatte. Also wir sind nicht stark geschrumpft. Wir sind auch nicht gewachsen. Aber wir können nicht von einer tiefen Rezession reden, wie Anfang 2020 oder auch in der Vergangenheit.
Wir haben sehr viel Beschäftigung. Ja, die Arbeitslosenzahl steigt, aber noch immer auf einem recht niedrigen Niveau. Wir haben immer noch recht viele offene Jobs. Also auch da die Lohnentwicklung war ordentlich in den letzten Jahren. Also auch da jetzt sicherlich nicht so schlecht, wie es häufig wahrgenommen wird. Und auch bei den Unternehmen realisieren wir ja, die Insolvenzzahlen gehen hoch, aber sind immer noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Und viele Unternehmen machen ordentliche Gewinne, übrigens auch in der Industrie. Auch solche, die schrumpfen, wie zum Beispiel Volkswagen.
Also das ist jetzt erstmal so eine Bestandsaufnahme. Also ich bin überzeugt, die Sorge um die deutsche Wirtschaft ist berechtigt, aber nicht für uns hier und heute, sondern eher: Schaffen wir die Transformation? Können wir den Wohlstand und viele gute Jobs auch über die nächsten fünf bis zehn Jahre schützen? Also es ist weniger konjunkturell das Problem, sondern vielmehr strukturell.
Branchenunterschiede
Und wahrscheinlich gibt es dann ja noch innerhalb von den verschiedenen Branchen große Unterschiede, denn die Wirtschaft an sich gibt es ja in dem Sinn nicht. Wo ist es denn wirklich gerade eher schwierig? Schwierig ist es in manchen Industrien, beispielsweise in der Automobilbranche. Baden-Württemberg erlebt das gerade sehr stark. Die sind recht stark abhängig von der Automobilbranche, von vielen Zulieferern auch. Wir sehen es bei energieintensiver Industrie. Auch die kämpfen beispielsweise mit den hohen Energiepreisen. Gut, dagegen läuft es in vielen Dienstleistungsbereichen, auch zum Beispiel in der Reisebranche oder auch in anderen Branchen. Denen geht es eigentlich ganz gut. Da sehen wir Wachstumszahlen.
Also ja, Sie haben völlig recht, man muss es differenziert betrachten. In manchen Branchen ist es schlecht, in anderen ist es durchaus gut. Wir beschäftigen uns jetzt natürlich sehr spezifisch mit Sachsen-Anhalt. Dort gibt es die Chemieindustrie, die ist sehr wichtig, die ist sehr energieintensiv. Es gibt eher viele mittelständische Unternehmen, wenige große Player. Wie würden Sie die Situation dort gerade bewerten? Sachsen-Anhalt ist sicherlich auch betroffen, wie Sie sagen. Die Chemieindustrie ist wichtig, die ist energieintensiv, die ist hart betroffen.
Aber Sachsen-Anhalt ist wirtschaftlich nicht so stark betroffen wie beispielsweise Baden-Württemberg, was ich eben als Beispiel genannt habe, oder auch zum Teil Niedersachsen mit Volkswagen, die dort eine sehr große Bedeutung haben. Ja, mittelständische Unternehmen haben zu kämpfen, aber ich bin bei Sachsen-Anhalt gar nicht so negativ. Wir haben gute mittelständische Unternehmen, die sich auch behaupten. Manche stellen auch ein und schaffen neue Jobs.
Also die Situation in Sachsen-Anhalt ist sicherlich nicht rosig, das muss man so offen und ehrlich sagen, aber sie ist auch keine Katastrophe. Sondern auch hier gibt es Chancen, gibt es Branchen und Unternehmen, die wachsen und andere, die schrumpfen. Also auch hier ein gemischtes Bild, aber bei weitem nicht so schlecht, wie das manchmal vermittelt wird.
Optimismus und Herausforderungen
Marcel Fratscher sagt also, die Lage der Wirtschaft ist nicht so dramatisch, wie es manchmal scheint. Das passt ja auch so ein bisschen dazu, dass Bundeskanzler Merz beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Brandenburg vor etwa zwei Wochen plötzlich für mehr Optimismus und Zuversicht geworben hat. Das ist ja auch so eine ziemlich spannende und nicht so oft gehörte Perspektive.
Auf jeden Fall. Aber diese negative Grundstimmung, die hat sich ja über Monate verfestigt. Und ich glaube nicht, dass sich das trotz differenzierter Bewertungen von Ökonomen so schnell ändert. Jetzt hast du ja gesagt, Marcel Fratscher warnt vor allem vor der AfD und ihrer Politik. Was sind denn seine großen Kritikpunkte?
Also im Wesentlichen sind es drei grundlegende Kritikpunkte, die er an der AfD hat, gerade mit Blick auf die Beschlüsse der Bundesparteitage, die ja die Linie der Partei vorgeben und den großen Rahmen, den sie auch in ihrem Bundestagswahlprogramm gesetzt hat.
Erstens: Die AfD will die EU verlassen, die Europäische Union verlassen, will den Euro abschaffen. Das würde Millionen von Arbeitsplätzen in Deutschland zerstören, weil die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung kommt von den Exporten. Ein großer Teil, die Hälfte aller Exporte, gehen nach Europa. Und ohne Europa, ohne offene Grenzen, ohne freien Verkehr von Gütern, von Dienstleistungen, übrigens auch von Arbeitskräften, würden in Deutschland Millionen von Arbeitsplätzen verloren gehen. Auch in Sachsen-Anhalt. Das muss man so klar und offen sagen.
Die AfD lehnt das, was die EU ist, ab. Ein gemeinsamer wirtschaftlicher, politischer, aber eben auch wertebasierter Raum, der für Frieden sorgt, aber eben auch Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fördert. Eine starke Staatengemeinschaft, die gemeinsam in einer globalisierten Welt mehr erreichen kann. Die AfD hält das für zentralistische Bestrebungen, will ein Europa der Vaterländer. Also statt Gemeinschaft wieder zurück zu einzeln agierenden Nationalstaaten, die in bestimmten Interessensbereichen miteinander kooperieren.
Exporte aus Sachsen-Anhalt
Marcel Fratscher hat ja eben gesagt, die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung in Deutschland kommt von Exporten. Wie sieht es denn da in Sachsen-Anhalt aus? Exporte sind in den letzten Jahren auch für Sachsen-Anhalt immer wichtiger geworden. Zu den wichtigsten Exportprodukten gehören da vor allem sogenannte chemische Enderzeugnisse, pharmazeutische und Mineralerzeugnisse, Kunststoffe, Halbzeug aus Aluminium, also so Rohre, Bleche, Stangen oder eben Fahrgestelle, Karosserien und Motoren. Nachzulesen zum Beispiel in der Import-Export-Statistik des Wirtschaftsministeriums.
Und wo gehen diese Produkte vor allem hin? Naja, 2024 waren das vor allem Polen, die Niederlande, die Tschechische Republik, Frankreich, Italien und Österreich. Also alles Länder der Europäischen Union. In den Top 10 Exportländern Sachsen-Anhalts gibt es nur drei Nicht-EU-Länder, und das sind das Vereinigte Königreich, die Schweiz und die USA.
Während die AfD auf Bundesebene eine Abkehr von der EU fordert, fordert sie ja gleichzeitig in dem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt die Sanktionen gegen Russland zu beenden. Genau, im Wahlprogramm heißt es konkret: „Vor Beginn des Ukraine-Konfliktes zählte Russland zu den wichtigsten Handelspartnern des Landes Sachsen-Anhalt. Durch die von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland im Jahre 2022 ist der Handel sachsen-anhaltischer Unternehmen mit Russland fast zum Erliegen gekommen.“
Das finde ich total interessant, weil diese Erzählung, die hält sich ja sehr hartnäckig. Also ich habe die so im Bekanntenkreis in Sachsen-Anhalt auf jeden Fall auch immer mal wieder gehört. Aber ist da überhaupt was dran? Ich habe mir das mal näher angeschaut in verschiedenen Daten des Statistischen Landesamtes. Die gehen bis 2005 zurück, und in der gesamten Zeit bis 2022 war Russland kein einziges Mal in den Top Ten der Exportländer vertreten. Das heißt auch nicht in der Zeit vor der Annexion der Krim 2014 und bevor erste Sanktionen gegen Russland in Kraft getreten sind. Russland war vor allem ein sehr wichtiger Partner an Sachen Importe, vor allem eben von Erdöl und Erdgas.
Für die Sanktionen gegen Russland gibt es ja auf Bundesebene eine Mehrheit, unter anderem aus geopolitischen Gründen. Die kann die AfD aus Sachsen-Anhalt auch nicht einfach so aufheben, weil das ja auf Bundesebene entschieden werden muss. Ja, und nicht nur auf Bundesebene, das sind vor allem ja auch Beschlüsse auf EU-Ebene. Die Forderung, die Sanktionen aufzuheben, die hat ja was mit Energiepolitik zu tun, also speziell dem Import von russischem Öl und Gas. Davon erhoffen sich viele günstigere Energiepreise, zum Beispiel beim Tanken oder beim Heizen.
Also ich kann mir schon vorstellen, dass die Forderung der AfD deshalb bei einigen Wählern richtig gut ankommt, auch wenn sie eben aus geopolitischen Gründen umstritten ist und auf Landesebene eben gar nicht umsetzbar. Du hast ja eben gesagt, Marcel Fratscher hat drei Hauptpunkte, die er an der Wirtschaftspolitik der AfD kritisiert. Der erste Punkt war die Abkehr von der EU. Was ist denn der nächste Punkt?
Kritik an der AfD-Wirtschaftspolitik
Zweitens steht die AfD für eine Politik, die den Staat massiv beschneiden würde. Die AfD steht für Steuersenkung für die Spitzenverdiener, für die sehr reichen Menschen, nicht für eine steuerliche Entlastung von Menschen mit mittleren und geringen Einkommen. Aber die AfD will letztlich die staatliche Aktivität beschneiden. Heißt konkret: Der Staat wird weniger investieren. Die Infrastruktur in Sachsen-Anhalt wird deutlich schlechter werden. Es werden mehr Schulen schließen, die Schulen werden schlechter ausgestattet sein. Es wird weniger in Kitas investiert werden können, weniger in soziale Infrastruktur. Und das sind ja eigentlich alles Dinge, die sehr vielen Menschen sehr wichtig sind.
Zumindest erlebe ich das immer wieder in Gesprächen, wenn ich in Sachsen-Anhalt unterwegs bin. Und drittens steht die AfD für eine Sozialpolitik, die den Menschen, die Unterstützung brauchen, und ich rede hier nicht nur von Menschen, die arbeitslos sind, sondern auch junge Menschen in Ausbildung, hier Unterstützung, Hilfen zu kürzen. Und in jeglicher Hinsicht sind diese drei jetzt mal Beispiele dafür, dass das, was die AfD will, wirklich in die wirtschaftliche Katastrophe führen will.
Und wenn ich noch einen letzten Punkt sagen darf, ich habe es das AfD-Paradox genannt, weil die AfD bekommt Unterstützung von denen, die von der AfD-Politik am meisten zu leiden hätten, nämlich Menschen mit weniger Einkommen, mit mittleren und geringeren Einkommen, Menschen, die in strukturschwächeren Regionen leben, die eigentlich mehr Unterstützung, eine bessere Infrastruktur, mehr Investitionen bräuchten. Und das ist das Perfide, dass Menschen für die AfD wählen, ohne zu realisieren, dass sie die größten Opfer dieser AfD-Politik werden.
Das überrascht mich ehrlich gesagt in Gesprächen auch immer wieder, dass offensichtlich vielen Menschen gar nicht so recht bewusst ist, was sie da eigentlich wählen. Marcel Fratscher blickt natürlich vom großen Ganzen, also vom Gesamtprogramm der AfD auf Sachsen-Anhalt, weil das eben großen Einfluss auf Sachsen-Anhalt haben würde.
Reaktionen von Experten
Aber auch wenn wir ganz konkret nach Sachsen-Anhalt schauen und ganz spezifisch auf die Wirtschaftspolitik der Landes-AfD, da gibt es eindeutige Reaktionen von Ökonomen. Als die AfD vor ein paar Wochen ihr Wahlprogramm vorgestellt hat, hat sich kurz darauf Thomas Brockmeier, Chef der IHK Halle-Dessau, im Deutschlandfunk geäußert. Er ist aufgrund seines Amtes zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet. Seine Aufgabe ist es, die Parteiprogramme aus wirtschaftlicher Sicht für die Unternehmen, die zu seinem IHK-Bezirk gehören, einzuordnen.
In dem Interview vom 11. April 2026 hat er sehr deutlich vor den Folgen der Wirtschaftspolitik der AfD gewarnt. Insbesondere der Punkt internationale Fachkräfte bereitet ihm große Sorgen. Wir wissen, es gibt deutschlandweit einen enormen Fachkräftemangel. Gleichzeitig schlägt der demografische Wandel immer stärker zu, und das eben ganz besonders in Sachsen-Anhalt. Das würde für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt massive Nachteile bedeuten.
Die Verflechtung in die internationale Arbeitsteilung mit Menschen, mit ausländischem Kapital, hat diesem Land extrem gut getan. Und wer eine Art von Nationalisierungsstrategie fährt, der keine Menschen mehr aus dem Ausland in dieses Land lassen will, der legt die Hand oder die Axt an die Wurzel dessen, was Wohlstand ausmacht. Dass er als IHK-Chef Halle-Dessau sich da so klar äußert, das war ja schon überraschend und wurde ja dann auch von anderen Medien aufgegriffen.
Genau, und deshalb hat Leonard noch mal bei ihm nachgefragt. Das, was ich scharf kritisiert habe, ist, dass man die Vorstellung nicht nur selbst hat, sondern auch weckt. Und damit suggeriert, es ist eine realistische Option, die Wirtschaft am Laufen zu halten, den erarbeiteten Wohlstand erhalten zu können, Wertschöpfung erzielen zu können, wenn man Menschen dazu bewegt, das Land zu verlassen.
Wir sind auf jede Hand, auf jede fleißige Hand, auf jeden klugen Kopf angewiesen. Und das beginnt bei einfachsten Tätigkeiten und endet bei Chefärzten und Direktoren von Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten oder Instituten der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Leitungsgemeinschaft. You name it. Es ist jeder willkommen, der hier anpacken will. Und da haben wir zum Glück die Situation erlebt, über mehrere Jahre, dass es gelungen ist, Sachsen-Anhalt zu einem international attraktiveren Standort zu machen. Das hat unsere Arbeitskräftebasis gestärkt.
Und wenn Sie als Volkswirt auf sogenannte Produktionsfaktoren schauen, dann haben Sie nicht nur Arbeit im Blick, sondern auch Kapital. Und auch das ist gelungen. Sachsen-Anhalt war in den letzten Jahren ein sehr attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen.
Ähnliche Kritik haben wir schon mal im Podcast gehört, und zwar in der Folge zu Startups. Jonas Krakau, der an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg mehr als 100 Unternehmensgründungen begleitet hat, ist überzeugt davon, dass junge, innovative Unternehmen unseren zukünftigen Wohlstand sichern. Er sagte da unter anderem: „Das AfD-Wahlprogramm ist meiner Einschätzung nach ein Verbrechen an zukünftigen Generationen.“
Was wir im Gründungskontext brauchen, sind vor allen Dingen freie Märkte. Bei uns sind ca. 60 bis 70 Prozent der Unternehmen auf internationale Fachkräfte angewiesen. Wenn sich bei uns im Land eine Stimmung der Ausländerfeindlichkeit etabliert, werden wir diese verlieren.
Wählerzuspruch für die AfD
Trotz solcher kritischen, lauten Stimmen bleibt der Zuspruch der Wählerinnen und Wähler für die AfD ja groß. Woran liegt das alles? Einfach weil das Vertrauen in die anderen Parteien so erschüttert ist. Ja, ein bisschen schon. Aber genauer ist da die Antwort von Marcel Fratscher.
Ich sehe den Fehler vor allem bei den demokratischen Parteien. Alle demokratischen Parteien haben beim Bundestagswahlkampf vor einem Jahr oder anderthalb Jahren den Bürgerinnen und Bürgern das Blaue vom Himmel versprochen. Und das realisieren die Bürger jetzt. Die Bundesregierung liefert nicht. Sie liefert keine Entlastung, sie liefert keine Steuersenkung, sie liefert keine besseren Sozialsysteme, sondern eher das Gegenteil.
Also die demokratischen Parteien haben erstens den Bürgerinnen und Bürgern keine Ehrlichkeit gegenüber entgegengebracht und gesagt: „Wir müssen ein Stück weit und eine Zeit lang den Gürtel enger schnallen. Wir müssen ein Stück weit Verzicht üben. Es werden harte Reformen kommen, da wird kein Weg dran vorbeigehen.“ Und zweitens sind sie jetzt nicht gewillt, wirklich Reformen umzusetzen. Und das führt zur Frustration bei Wählerinnen und Wählern. Das ist völlig verständlich, das verstehe ich komplett.
Nur die Wählerinnen und Wähler, die enttäuscht sind, müssen sich auch ehrlich überlegen, dass die AfD keine Alternative ist, sondern dass sie die Sache deutlich schlimmer machen würde. Thomas Brockmeier von der IHK Halle-Dessau weint ja ebenfalls vor der Wirtschaftspolitik der AfD. Trotzdem findet er auch, dass nicht alle Ideen in ihrem Programm schlecht sind.
Also die AfD setzt wirtschaftspolitisch stark auf Mittelstand, auf Handwerk, auf regionale Wertschöpfung und auf Entlastung von Regulierung. Also den Mittelstand fördern, gegebenenfalls Sonderwirtschaftszonen in strukturschwachen Regionen einrichten, um einfach mal auszuprobieren, ob man nicht etwas auch anders machen kann. Bürokratie spürbar abbauen, Führerscheinzuschüsse für Auszubildende, Ausbildungsprämien für junge Nachwuchskräfte. Also ganz konkrete hands-on praktische Vorschläge, Maßnahmen, die die Herausforderung einer gelingenden Unternehmensnachfolge irgendwie verbessern.
Aber wir dürfen eben nicht vergessen, dass diese Maßnahmen, die dort vorgeschlagen werden, gewissermaßen sehr stark binnenwirtschaftlich beschränkt sind, orientiert sind, regionalistisch, zum Teil hier und da protektionistisch gerahmt sind. Und da fängt eben die Kritik schon an, denn man kann so etwas nicht isoliert betrachten.
Positionierung der Unternehmen
Und ich finde, da muss ganz klar gesagt werden, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es ist absolut nicht so, als wäre die AfD die einzige Partei, die sich mit, nehmen wir mal den von Thomas Brockmeier erwähnten Mittelstand und Handwerk, auseinandersetzt. Ohne in die Details zu gehen, Handwerk und Mittelstand, das ist wirklich in jedem Wahlprogramm ein großes Thema.
Jetzt haben wir ja viel aus der Perspektive von Experten gehört. Wie positionieren sich denn die Unternehmen aus Sachsen-Anhalt dazu? Tatsächlich sind da bislang relativ wenig eindeutige klare Positionierungen zu finden. Was ich aber entdeckt habe: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, greift natürlich das Thema Wirtschaft auf. Er ist ja auf Social Media bei Instagram und TikTok schon lange sehr präsent.
Und auf TikTok gibt es da Videos mit dem Titel „Anpacken statt Zuschauen“. In dem einen Video fährt er bei so einem Containerdienst aus Tangerhütte LKW und Radlader. In dem anderen ist er bei einer Walzengießerei in Quedlinburg. Und ich würde schon sagen, dass es das noch vor zwei, drei Jahren so nicht gegeben hätte. Da hätte es mehr Zurückhaltung gegeben, dass Unternehmen sich wirklich so offen mit der AfD zeigen, mit einer Partei, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist.
Und was ist mit Reaktionen auf das Wahlprogramm, als das veröffentlicht worden ist? Da habe ich zum Beispiel einen Artikel von der Volksstimme gefunden. Da bezeichnet der Geschäftsführer des Batteriespeicherherstellers Tesvoid aus Wittenberg, Daniel Hannemann, die Pläne der AfD gerade im Bereich Migration als wirtschaftsschädlich. Ähnlich argumentiert da auch Dirk Seidel vom Motorenbauer Ramel in Osterwijk.
Gleichzeitig hat er der Volksstimme aber auch gesagt, dass er es falsch finden würde, jeden AfD-Vorschlag von vornherein abzulehnen. Sag mal, ich erinnere mich, dass es in Thüringen die Initiative „Weltoffenes Thüringen“ gibt. Da waren so große, auf dem internationalen Markt agierende Unternehmen wie Jenoptik mit dabei. Aus Sachsen-Anhalt habe ich sowas glaube ich nicht gehört. Ja, gibt es so auch nicht.
Es gibt tatsächlich die Initiative Anhalt Plus von der IHK Halle-Dessau. Die wollen sich dafür einsetzen, dass die Region ein besseres Image bekommt und Fachkräfte anzieht. Laut unseren Recherchen machen sich einige Unternehmen dort große Sorgen, dass die AfD Fachkräfte und Investoren abschreckt, vor allem aus dem Ausland. Deshalb hatten Leonard und ich uns erhofft, dort irgendwie Gesprächspartner für den Podcast zu finden. Das ist leider nicht gelungen.
Wir haben niemanden erreicht, der offiziell mit uns sprechen wollte. Ich wollte mich damit aber nicht abfinden. Deshalb habe ich mir mal angeschaut, was so die größten Unternehmen in Sachsen-Anhalt sind. Da gibt es eine relativ aktuelle Übersicht von der NordLB für das Jahr 2024, herausgegeben im Dezember 2025. Da sind ganz vorne dabei natürlich Konzerne wie die Deutsche Bahn, die Post AG oder auch das Universitätsklinikum Halle.
Ich habe in die Top 40 geschaut: Wer ist kein Konzern oder Teil einer Unternehmensgruppe? Wer ist kein städtischer Betrieb und hat wirklich seinen Hauptsitz in Sachsen-Anhalt? Und davon habe ich zwölf Unternehmen angeschrieben. Von der Produktion bis zur Dienstleistung war da eigentlich alles dabei.
Und was hast du die gefragt? Ich habe allen die gleichen Fragen gestellt, und zwar, wie sie die wirtschaftliche Lage ihrer Branche bewerten. Aber ich habe auch gefragt, wie sie das Wahlprogramm der AfD in Sachen Wirtschaft bewerten. Eine Woche habe ich ihnen Zeit gegeben, um zu antworten. Und was kam zurück? Von den zwölf Unternehmen haben fünf geantwortet.
Davon haben zwei geschrieben, dass sie an der Befragung nicht teilnehmen bzw. sie aufgrund ihrer unternehmensweit beschlossenen parteipolitischen Neutralität absagen, weil sie sich einfach grundsätzlich nicht zu so etwas äußern. Okay, aber die hätten ja zumindest so einen Teil der Fragen beantworten können. Absolut, genau das haben beispielsweise die Schwarzproduktionsstiftung und KUKAG Weißenfels sowie die Infraleuner GmbH getan.
Die Schwarzproduktionsstiftung, ein großer Lebensmittelproduzent, schrieb: „Wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand sind für uns untrennbar mit Freiheit und Demokratie verbunden. Ein stabiles politisches Umfeld sowie eine weltoffene Gesellschaft sind die entscheidenden Grundvoraussetzungen, um auch künftig qualifizierte Fachkräfte für unsere Standorte in Sachsen-Anhalt zu gewinnen und weiterhin langfristig in die gemeinsame Zukunft investieren zu können.“
Das klingt zumindest zwischen den Zeilen dann doch relativ deutlich. Finde ich auch relativ deutlich bezogen auf politische Fragen. Was hat denn Infraleuner geschrieben? Ja, also auch die Infraleuner GmbH wollte das Wahlprogramm nicht bewerten und schrieb, dass sie als Betreiber des Chemiestandorts Leuna politisch neutral sind.
Aber sie haben eben ausführlich auf die ganzen anderen Fragen geantwortet. Zum Beispiel schrieben sie: „Der dringendste Handlungsbedarf liegt eindeutig beim Thema Energie. Wir haben in Deutschland zu hohe Energiepreise. Die Preise sind deshalb sehr hoch, weil das Angebot verknappt ist. Die hohen Energiepreise sind auf jeden Fall ein super wichtiges Thema für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt.“
Thomas Brockmeyer von der IHK Halle-Dessau sagt: „Sachsen-Anhalt ist von hohen Energiepreisen besonders betroffen, weil hier viel energieintensive Industrie produziert, wie eben auch die Chemieindustrie.“ Wir haben ja gerade darüber gesprochen, die Energiepreise wieder runterzubekommen, das ist für die deutsche Politik gerade eine riesige Herausforderung.
Aber Energiepolitik ist in der Regel eben auch eng verbunden mit anderen politischen Interessen, zum Beispiel Klima- und Umweltschutz, Wirtschaft oder eben auch außenpolitischen Fragen. Ja, es gibt verschiedene Ansätze, wie Energie günstiger und sicher bereitgestellt werden kann, und die sind häufig umstritten. Perspektivisch bleibt das wahrscheinlich erst einmal eine Herausforderung für die Chemieindustrie.
Und weil die aber so wichtig für die Wirtschaft von Sachsen-Anhalt ist, werden wir sie in einer eigenen Folge näher und umfassender unter die Lupe nehmen. Und da werden wir auch noch mal ausführlicher auf die Antworten von Infraleuner eingehen.
Uns hat noch ein weiteres Unternehmen geantwortet, das eigentlich ganz gut zum Thema Energie passt: Regiocom. Das ist ein Dienstleistungsunternehmen aus Magdeburg und das arbeitet eben vor allem für die Energiewirtschaft. Es ist eines der größten inhabergeführten Unternehmen in Sachsen-Anhalt mit etwa 6000 Mitarbeitenden aus 40 Ländern.
Okay, also Regiocom hatte ich auf jeden Fall schon mal gehört. Aber dass die so groß sind und vor allem so international, das hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm. Ja, und spannend: Vor 30 Jahren von drei Leuten als Start-up gegründet. Das zeigt also wirklich, was für ein Potenzial in Start-ups steckt.
Und meine Fragen hat Clemens Gutmann, einer der Gründer, beantwortet. Was so aktuelle Herausforderungen betrifft und die allgemeine Lage der Branche, sei in der Energiewirtschaft im Bereich Logistik, wo sie vor allem arbeiten, der Kostendruck enorm hoch. Er sagt: „Die effizienteren und gut digital Arbeitenden, die bleiben, andere verschwinden. Gleichzeitig gibt es viel zu tun: Netz- und Energieoptimierung, die Einbindung von KI ist ein Riesenthema.“
Okay, also auch wirklich große politische Themen, die ja auch in vielen anderen Bereichen eine Rolle spielen. Auch so etwas wie Digitalisierung hören wir ja auch immer wieder an verschiedenen Stellen. Hat Clemens Gutmann denn etwas zum Wahlprogramm der AfD gesagt? Ja, und damit ist Regiocom das einzige Unternehmen, das hier geantwortet hat.
Auf die Frage zur allgemeinen Bewertung schrieb er: „Nach meiner Kenntnis sind die wirtschaftsbezogenen Forderungen auf der obersten Abstraktionsebene natürlich zum Teil mehrheitsfähig (diverse Steuersenkungen, weniger Regulierung etc.). Problematisch ist hier das Zurückstutzen der EU. Was meines Wissens nach für Aufregung sorgte, waren die wenig durchdachten, inkohärenten Ideen zur Umsetzung. Hier etwa der Austausch sämtlicher höherer und hoher Beamter. Das ist rechtswidrig und lähmt die Verwaltung. Es führt erst einmal zu einem Bearbeitungsstau und höht das Vertrauen in die Rechtstreue der Regierung aus. So etwas ist schon jetzt für Sachsen-Anhalt standort- und investitionsschädlich.“
Spannend finde ich hier auch den ersten Teil, dass es natürlich Forderungen gibt, die auf den ersten Blick sehr mehrheitsfähig klingen. Ich finde, das macht die AfD ja auch gar nicht so schlecht, dann immer an so Punkten anzusetzen, wo man natürlich erst mal sagen muss: Ja, das klingt jetzt erst mal gar nicht so schlecht. Absolut, da muss man sehr genau hinschauen.
Und auf meine ganz konkrete Frage, welche Auswirkungen die Umsetzung des Wirtschaftsprogramms der AfD auf seine Branche hätte, lautete die Antwort: „Landesregulierung und Landesvorgaben berühren unsere Wirtschaftsfelder kaum. Was uns berührt, ist unter anderem das Schulwesen. Die Idee, die Schulpflicht aufzuweichen oder gar aufzuheben, halten wir für schlicht falsch. Wir engagieren uns in der beruflichen Bildung. Klare Schulpflicht und bundesweit einheitliche Bildungsziele sind hier ein Eckstein.“
Ja, das Bildungssystem, das ist auf jeden Fall nochmal so ein Thema für sich und ein Bereich, in dem die AfD tatsächlich ja vieles verändern könnte, weil Bildung eben Ländersache ist. Deswegen werden wir dazu auch eine Extrafolge produzieren. Vielen Dank an der Stelle an die Unternehmen, die uns geantwortet haben.
Es wäre wirklich spannend gewesen, wie die anderen Unternehmen die Lage ihrer Branche einschätzen. Ich habe Marcel Fratsche natürlich auch erzählt, dass die Recherche für diese Folge hier gar nicht so einfach war. Und er meinte, dass es teilweise sehr nachwürziger ist: Wenn etwa 40 Prozent der Menschen die AfD wählen oder wählen würden, ist für Unternehmen natürlich davon auszugehen, dass ein Großteil ihrer Mitarbeitenden diese Partei wählt, ein Teil der Kundschaft und natürlich auch jemand in der Unternehmensführung selbst.
Aber er sagt auch: „Wir brauchen diese Courage und Zivilcourage, gerade von Unternehmerinnen und Unternehmern. Sie müssen sich nicht parteipolitisch sagen: Wählt die eine Partei und wählt nicht die andere Partei. Sondern was ich von Unternehmerinnen und Unternehmern mir wünschen würde und auch erwarte, ist, dass sie Farbe bekennen und sagen: Wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen offene Grenzen, damit wir unsere Produkte verkaufen können, damit Menschen über die Grenze pendeln können und auch arbeiten können. Wir brauchen Europa, wir brauchen einen Staat, der ordentlich investiert und seine Aufgabe erfüllt. Das wünsche und erwarte ich auch von Unternehmerinnen und Unternehmern.“
Ja, das kann ich eigentlich nur unterschreiben, was Marcel Fratscher sagt. Das haben wir ja in der Folge zur Wissenschaftsfreiheit auch schon besprochen, dass es da dringend sozusagen mehr klare Worte braucht aus Wissenschaft und eben auch aus der Wirtschaft und natürlich auch aus der Gesellschaft.
Jetzt hat ja aber die Wirtschaft, das haben wir heute besprochen, tatsächlich schon auch mit anderen großen Herausforderungen zu kämpfen. Wir haben über hohe Energiepreise gesprochen, überhaupt schwankende Rohstoffpreise wegen internationaler Krisen und Konflikte, aber auch klimatische Veränderungen, Fachkräftemangel, demografischer Wandel und so weiter. Gibt es denn dafür Lösungsansätze?
Ja, wie so oft gibt es natürlich die eine Lösung nicht. Marcel Fratscher hat aber sehr konkrete Vorschläge. Wir brauchen erstens eine große Steuerreform und deutlich mehr öffentliche Investitionen. Also Steuerreform, die sowohl Menschen mit mittleren und geringen Einkommen entlastet, geringere Steuern, geringe Abgaben, aber auch Unternehmen entlastet, gerade mit großen und kleinen Unternehmen steuerlich entlastet.
Das erfordert, dass Menschen mit hohem Vermögen mehr Steuern zahlen. Also wir brauchen eine weniger starke Besteuerung von Arbeit, im Gegenzug eine stärkere Besteuerung von Kapital. Und diese Gelder, die dort frei werden, die mobilisiert werden, eben nicht nur für steuerliche Entlastung von Menschen und Unternehmen, sondern eben auch für deutlich mehr Investitionen, eine gute Infrastruktur, vor allem auch ins Bildungssystem zu investieren.
Zweitens brauchen wir eine Modernisierung der Sozialsysteme. Für viele ältere Menschen reicht die Rente nicht. Viele ältere Menschen haben Sorge um gesundheitliche Kosten und Kosten der Pflege. Also hier müssen wir die Sozialsysteme grundlegend reformieren, wieder leistungsfähiger machen und zielgenau Menschen mit wenig im Alter entlasten.
Und drittens brauchen wir ein stärkeres Europa. Also nicht, wie die AfD fordert, weniger Europa, sondern wir brauchen mehr Europa. Denn ein starkes Europa ist unsere einzige Chance, in Deutschland und auch in Sachsen-Anhalt uns gegenüber den USA mit ihren Zöllen und gegenüber China behaupten zu können. Und das sind für mich die drei wichtigen Reformen.
Und eigentlich in allen Bereichen zeigt sich sehr deutlich, dass die AfD genau fürs Gegenteil steht. Natürlich hat das auch immer was mit Einschnitten zu tun. Die müssen kommuniziert werden an die Menschen. Was sollten also die demokratischen Parteien genau jetzt tun, damit die Menschen das verstehen?
Ehrlichkeit ist das, was meiner Überzeugung nach das Wichtigste ist und was fehlt. Dass die Politik den Menschen reinen Wein einschenkt und sagt: So ist die Situation. Wir müssen uns verändern. Wir müssen unsere Wirtschaft umgestalten. Wir müssen unsere Industrie, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist, zukunftsfähig machen. Wir müssen mittelständische Unternehmen entlasten und auch kleinere Unternehmen, wie die Handwerksbetriebe, dass die wieder bessere Rahmenbedingungen haben, um zu investieren.
Dazu gehört steuerliche Entlastung, auch weniger Bürokratie. Also diese Ehrlichkeit, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, dass das aber die beste Chance ist, dass wir diese Transformation schaffen und damit wieder eine bessere Zukunft haben. Das ist, was ich mir am meisten wünschen würde. Und natürlich mehr Mut, auch Reformen anzugehen, nicht an roten Linien festzuhalten.
Okay, also so viel zu dem, was sich Marcel Fratscher wünscht. Was lässt sich daraus vielleicht aber auch ganz konkret für den Wahlkampf jetzt in Sachsen-Anhalt ableiten? Naja, er sagt klar benennen, wo es gut läuft. Genauso aber klar benennen, wo es auch in Sachsen-Anhalt Reformen braucht und was wirklich realistisch ist umzusetzen.
Vor allem aber meint Marcel Fratscher, dass die demokratischen Parteien jetzt im Wahlkampf die eigenen Positionen deutlich machen müssen, dafür werben sollen und vor allem die Unterschiede zur AfD auch klar machen müssen.
Marie, das ist eine ziemlich komplexe Folge mit vielen Zahlen, Daten, Fakten geworden, vielen Informationen, viel zum Drüber nachdenken. Und ich glaube, deswegen wird es umso nötiger, dass wir zum Ende nochmal einen kleinen schönen Tipp für unsere Hörerinnen und Hörer haben.
Ja, wir haben einen Lieblingsort und der kommt von Malin aus Magdeburg. „Hallo, ich bin Malin. Wenn ihr mal in Magdeburg seid, dann empfehle ich euch das Danzelf. Dort gibt es das allerbeste Eis mit hausgemachten Waffeln. Also super lecker! Blick auf den Dom, direkt an der Elbe. Ihr könnt also super schön spazieren. Und wenn ihr schon gleich hier seid, dann schaut vielleicht auch direkt noch zur Milchkuranstalt. Viel Spaß!“
Ja, also die Milchkuranstalt, die kenne ich, aber das Danzelf, das war auch mir noch neu und ein guter Tipp für meinen nächsten Heimatbesuch. Also vielen lieben Dank dafür! Wenn ihr auch noch einen Lieblingsort habt oder einen Helden oder eine Heldin des Alltags, dann schickt uns einfach eine Mail oder viel besser noch eine Sprachnachricht an dazwischen@detektor.fm.
Nächste Folge nimmst du uns dann mit nach Spora in den Burgenlandkreis, unter anderem, und nach Halle. Und was beide Orte gemeinsam haben: Dort dürfen junge Menschen mitbestimmen. Ich habe mich nämlich gefragt, wann und wie lernen wir eigentlich Demokratie und warum müssen wir das überhaupt lernen? Und dafür habe ich mir verschiedene Projekte angeschaut.
Und wir reden natürlich auch darüber, was passiert, wenn genau solche Demokratie-Bildungsprojekte wegfallen oder eben nicht mehr gefördert werden. Klingt gut! Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche!
Audio Produktion: Benjamin Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.