Stell dir vor, du stehst in einem Operationssaal. Um dich herum steht ein Team aus Chirurgie, Anästhesie und OP-Pflege. Alle sind total konzentriert bei der Sache. Die Abläufe wirken eingespielt, fast selbstverständlich. Jede Person weiß, was zu tun ist. Die OP verläuft gut, aber der Eingriff ist komplex. Die Patientin muss danach auf die Intensivstation. Aber auch bei der Übergabe wissen alle, was zu tun ist. Das nächste Team bekommt alle Infos, die es braucht, zum Beispiel, was während der Operation passiert ist oder ob es irgendwelche besonderen Vorfälle gab. Die Zuständigkeiten sind also alle klar verteilt. Und obwohl so viele Dinge gleichzeitig passieren, wirkt alles ruhig und routiniert. So sieht in vielen Kliniken ein gut funktionierender Ablauf aus.
Aber das war nicht immer so. Lange Zeit sind gerade solche Übergaben extrem fehleranfällig. Informationen gehen verloren, Abläufe sind nicht klar definiert und die Teams stehen sich oft selbst im Weg. Und genau das ist problematisch. Denn wenn Informationen nicht vollständig oder klar weitergegeben werden, kann das im schlimmsten Fall auch eine Lösung herbeiführen. Und die kommt überraschenderweise nicht aus der Medizin selbst, sondern aus einer ganz anderen Welt: dem Motorsport. Genauer gesagt aus der Formel 1. Denn auch beim Boxenstopp muss ein Team in nur wenigen Sekunden sehr viel gleichzeitig machen. Wenn ein Auto rein fährt, springen knapp 20 Mechaniker an ihre Position, wechseln Reifen und überprüfen Teile. Das alles ist einstudiert und dauert mittlerweile kaum mehr als zwei Sekunden.
Und genau diesen Prozess hat sich Mitte der 2000er Jahre ein Team aus einer Kinderklinik in London angeschaut und diese Prinzipien einfach auf die Übergabe im Krankenhaus übertragen: mit klar verteilten Rollen, festen Abläufen und strukturierten Übergaben. Die Lösung für ein Problem kommt also nicht immer aus der eigenen Disziplin. Und genau solche Verbindungen zwischen unterschiedlichen Branchen gibt es immer wieder. Zum Beispiel Produktempfehlungen. Also dieses Prinzip: Andere, die das gekauft haben, fanden auch dieses und jenes interessant. Das haben die meisten sicher zum ersten Mal so richtig bei Amazon wahrgenommen. Und genau diese Logik findet man heute auch bei Plattformen wie Netflix oder Spotify wieder, nur eben für Filme, Serien oder Musik.
Oder in der Medizintechnik: Ein Designer beobachtet, dass Kinder Angst vor einer MRT-Untersuchung haben. Die Lösung dafür kommt nicht aus der Technik, sondern aus der Welt des Storytellings. Das Ergebnis: Ein MRT, das aussieht wie ein Piratenschiff und den Kindern dadurch weniger Angst macht. Oder in der Luft- und Raumfahrt. Dort ist ursprünglich ein spezieller Schaumstoff entwickelt worden, um Piloten und Astronautinnen besser abzufedern. Heute steckt derselbe Memory-Schaum in Matratzen, Kissen oder Sportschuhen. Bei all diesen Beispielen wurde einfach mal über den Tellerrand geschaut, um zu sehen, ob man Lösungen aus anderen Branchen nicht auch einfach auf das eigene Problem anwenden kann.
Und genau dieses Prinzip hat einen Namen: Cross Innovation. Aber wie funktioniert das eigentlich konkret? Warum gilt Cross Innovation für viele gerade jetzt als spannender Ansatz? Und wenn das wirklich so innovativ ist, warum machen das dann nicht noch mehr Unternehmen? Genau darum geht es in diesem Podcast. Wir schauen uns an, wie solche Ideen entstehen, welche Voraussetzungen es braucht, damit eine Zusammenarbeit über den Tellerrand überhaupt möglich ist und was alles entstehen kann, wenn Menschen zusammenarbeiten, die eigentlich ganz unterschiedlich ticken.
Ich bin Feline Klinger. Schön, dass ihr zuhört. Machen statt quatschen: Neue Impulse durch Cross Innovation. Ein Podcast in Kooperation mit dem Kreativbund. Aber fangen wir mal von vorn an. Cross Innovation, das klingt erstmal nach einem dieser typischen Buzzwords. Tatsächlich interessieren sich aber mittlerweile ziemlich viele bekannte Unternehmen dafür, zum Beispiel Airbus, Bosch oder Rewe. Und auch Politik und Forschung beschäftigen sich mit dem Thema.
Das ist Professor Dr. Thorsten Posselt. Er forscht an der Uni Leipzig zu Innovationsmanagement und Innovationsökonomie. Und er hat mit zwei KollegInnen ein Buch über Cross Innovation herausgegeben. Für ihn bedeutet Cross Innovation, eine Idee in einen neuen Kontext zu übertragen. Das heißt sozusagen nicht, dass es schon in dem Ursprungskontext irgendwas gibt, was dann gleich eins zu eins auch im Zielkontext übersetzt wird, sondern dass es auch ausreicht, wenn aus dem Ursprungskontext sozusagen eine Idee in den Zielkontext landet und realisiert wird.
Entscheidend ist also die Lösung muss nicht schon irgendwo fertig existieren und einfach kopiert werden. Oft reicht schon ein neuer Gedanke, ein anderes Prinzip oder eine Perspektive aus einer anderen Branche. Wie zum Beispiel bei der Autoproduktion. Also ein Beispiel wäre die Übertragung der Softwarelogik auf die Autoindustrie. Da muss man sich vorstellen, dass jahrzehntelang das Auto ja geprägt gewesen ist durch den Maschinenbau und dass es darum ging, Sicherheit zu schaffen und Motoren zu optimieren, den Energieverbrauch zu senken und ähnliches.
Aber aus der Softwareperspektive kann ich ja hingehen und kann sozusagen den Wert des Autos erhöhen, obwohl das Auto gar nicht neu ist, sondern indem wir ein Softwareupdate auf das Auto schicken. Und das ist ein Denkmuster, das aus der Autoindustrie heraus natürlich nicht entwickelbar ist, weil man jahrzehntelang sich selber sozusagen so sozialisiert hat, indem man gesagt hat: Okay, wir denken nach über leichtere Gewichte, wir denken nach über bessere Bremssysteme und eben im Grunde genommen immer Themen, die in Richtung Sicherheit gingen oder in Richtung Energiesparen. Und diese Logik wird jetzt auf einmal sozusagen durchbrochen.
Der Begriff ist dabei aber gar nicht mal so neu. Ich würde sagen, den Begriff gibt es schon lange. Der Begriff geistert sozusagen rum, der ist aber nicht geschärft. Und jetzt zunehmend wird es sozusagen konzeptualisiert. Also es wird beschrieben, wie kann man das denn machen und so weiter. Wirklich genauer beschäftigt sich die Forschung mit dem Konzept aber erst seit den letzten ein, zwei Jahrzehnten. Wichtig dabei ist: Cross Innovation bedeutet nicht einfach nur Zuarbeit oder Zusammenarbeit, weil Kooperationen zwischen unterschiedlichen Bereichen gibt es ja schon lange.
Der Unterschied ist, bei Cross Innovation geht es ganz konkret darum, dass Denkweisen, Technologien oder Prinzipien aus einer anderen Branche übernommen werden und in der eigenen DNA verankert werden. Und damit unterscheidet sich Cross Innovation auch von der Art und Weise, wie Innovation bisher gedacht wurde, sagt Thorsten Posselt. Bei klassischen Innovationsprojekten denken wir gerade in Deutschland ja sehr oft daran, dass wir sozusagen Fortschritte bei dem machen, was wir schon haben. Das heißt also, es gibt ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Dienstleistung und diese Leistung wird einfach graduell verbessert über die Zeit.
Da reden wir dann von inkrementeller Innovation, also ganz kleine Schritte nach vorne. Und im Unterschied dazu sind wir jetzt die letzten ein, zwei Dekaden eigentlich in ein Zeitalter gekommen, wo wir erleben, dass es sehr viele dramatische Änderungen gibt. Man denke an iPhones, man denke an das Internet, man denkt an viele Dienstleistungen durch das Internet. Wir haben immer weniger Zweigstellen von Banken, wir machen immer mehr Online-Konten, wir schließen Versicherungen online ab und so weiter. Das heißt, wir beobachten große Umbrüche. Und diese Umbrüche da genügte das Konzept dieser traditionellen Innovation nicht mehr.
Aus meiner persönlichen Sicht ist Cross Innovation für die deutsche Wirtschaft sehr wichtig, weil wir große Sprünge brauchen. Wir brauchen radikale Innovationen, wir brauchen große Fortschritte und das bedeutet, wir müssen mit Branchenlogiken ein Stück weit auch brechen. Klassische Innovation made in Germany reicht also nicht mehr aus. Technologien verändern sich rasend schnell, Märkte verschieben sich, Geschäftsmodelle geraten unter Druck. Gleichzeitig greifen viele Entwicklungen auch ineinander. Künstliche Intelligenz verändert komplette Arbeitsprozesse, die Digitalisierung ganze Wertschöpfungsketten und die Klimakrise zwingt Unternehmen dazu, Produkte und Produktionen neu zu denken.
Die Probleme, vor denen Unternehmen heute stehen, sind also oft zu komplex, um sie nur innerhalb der eigenen Branche zu lösen. Genau deshalb entstehen viele neue Ideen heute an Schnittstellen, also dort, wo unterschiedliche Perspektiven, Technologien oder Branchen zusammenkommen. Und genau das wird gebraucht. Und es wird auch gebraucht eine sehr starke Kundenzentrierung. In der Welt des Internets und der künstlichen Intelligenz werden wir erleben, dass User Experience immer eine immer größere Rolle spielt. Also es geht nicht mehr darum, ein Produkt zu verkaufen, sondern möglichst auch zu gestalten, welche Erfahrungen denn ein Kunde mit einem Produkt macht.
Und dann in dem Zusammenhang sprechen wir auch oft von Customer Journey, also welche Reise muss eigentlich ein Kunde machen, wenn er dieses Produkt kauft und welche Erlebnisse wird er haben in der Zeit der Lebensdauer des Produktes. Und wenn wir das in den Blick nehmen, dann bekommen wir eine ganz andere Perspektive auch. Und dann ist die Frage der Analogien auch eine andere, die sie stellt, als wenn ich mich sozusagen auf ein Produkt fokussiere und nur aus der Logik eines Produktes komme.
Und für solche neuen Perspektiven und neuen Möglichkeiten, die bestehen, ist Cross Innovation ein sehr hoffnungsvolles Konzept, um neue Impulse und große Sprünge in Branchen hineinzubringen. Für viele Forschende und Unternehmen ist Cross Innovation deshalb vor allem eins: Der Versuch, bewusst andere Perspektiven in Innovationsprozesse hineinzubringen. Die Frage ist also: Wer kann sich schnell in neue Themen hineindenken und Probleme anders betrachten als die Branche selbst und dabei gleichzeitig die Menschen mitdenken, die das Produkt am Ende nutzen?
Die Kreativwirtschaft ist die einzige Branche, in der von vornherein in verschiedenen Welten gedacht wird. Wir sind normalerweise, wenn wir in einem Arbeitskontext, stolz darauf, diesen Arbeitskontext zu kennen und dort in die Tiefe zu gehen. Die Kreativwirtschaft ist eigentlich dadurch konstituiert, dass sie ständig etwas Neues macht. Und das ist eine Fähigkeit. Und diese Fähigkeit macht die Kreativwirtschaft in gewisser Weise einmalig. Wer sich mit Cross Innovation beschäftigt, der landet ziemlich schnell bei der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dazu gehören zum Beispiel Design, Musik, Werbung, Software und Gamesentwicklung oder auch die darstellenden Künste. Also alles Branchen, in denen ständig neue Ideen und Formate entstehen.
Und genau das macht sie für Cross Innovation auch so interessant. Denn viele Kreative sind es gewohnt, Probleme anders zu denken und bestehende Perspektiven aufzubrechen. Die Frage ist jetzt: Wie sieht sowas konkret aus, wenn Kreative und Unternehmen tatsächlich zusammenarbeiten? Wie das aussehen kann, will ich mir anschauen an einem konkreten Beispiel, bei dem der Kreativbund, der auch Kooperationspartner dieses Podcasts ist, ein Unternehmen und Kreative zusammengebracht hat.
Ich bin unterwegs auf dem ehemaligen Gelände einer Brauerei in Berlin, genauer gesagt im Prenzlauer Berg. Zwischen historischen Backsteingebäuden, alten Brauereibauten und gepflasterten Innenhöfen ragt ein mächtiger alter Schornstein in die Höhe. Darauf steht in großen roten Buchstaben: FUTURING. Heute findet man hier passenderweise verschiedene Start-ups und die Berliner Büros von Otto Bock. Das Unternehmen entwickelt schon seit über 100 Jahren Prothesen, Orthesen und andere Produkte für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Laut eigenen Angaben sind sie im Bereich Prothetik sogar Weltmarktführer.
Hier auf dem Gelände gibt es neben den Büros auch ein eigenes Versorgungszentrum, in dem Menschen mit Prothesen trainieren und lernen können, sich mit ihnen im Alltag zu bewegen. Mein Ziel ist aber ein Konferenzraum mit ziemlich hohen Decken im zweiten Stock. Ich bin Larissa Wewitzer. Ich arbeite bei der Firma Otto Bock und verantworte hier die Abteilung Digital Health Solutions. Ich bin mit Larissa Wewitzer verabredet. Gemeinsam mit ihrem Team beschäftigt sie sich mit digitalen Lösungen und der Frage, wie Menschen mit Bewegungseinschränkungen besser begleitet werden können.
Otto Bock stellt sich seit über 100 Jahren der Aufgabe, Menschen mit Bewegungseinschränkungen ihre Lebensfreude und Bewegungsfreiheit wieder zurückzugeben. Und das sind Menschen, die teilweise Amputationen haben oder Multiple Sklerose, Cerebralparese. Und das machen wir nicht nur mit hochinnovativen Produkten wie zum Beispiel mikroprozessorgesteuerten Prothesen, die anhand der Bewegungen des Anwenders schon lernen und die nächsten Bewegungen voraussehen und unterstützen können. Wir haben auch weltweit über 400 Versorgungszentren, wo bewegungseingeschränkte Menschen versorgt werden.
Und darüber hinaus, auch mit den digitalen Lösungen, für die ich natürlich auch verantwortlich bin, wollen wir sozusagen diese unterschiedlichen Welten miteinander verbinden, um den Menschen herum sozusagen die Versorgung zu vereinfachen. Digitale Lösungen gibt es also nicht nur bei den Prothesen selbst, sondern auch bei der Rehabilitation, also beim Lernen, Trainieren und Leben mit der Prothese. Aber genau hier liegt ein Problem, das Otto Bock seit Jahren noch nicht so richtig lösen konnte.
Unsere zentrale Herausforderung liegt in der Versorgungslücke bei Menschen unmittelbar nach der Amputation. Das heißt, die Zeitspanne zwischen der Amputation und der ersten Versorgung durch einen Orthopädietechniker ist häufig relativ lang. Und ein späterer Einstieg erschwert vielen Anwendern den Umgang mit ihrer Prothese. Warum? Weil man muss sich vorstellen, wenn wir uns jetzt zum Beispiel, wenn ich jetzt nach einem Glas greife, dann passiert das sehr intuitiv. Ich denke nicht groß darüber nach. Nach der Amputation ist das nicht mehr so. Das heißt, die Anwender müssen lernen, gezielt ihre Gedanken zu steuern. Und je länger man damit wartet, umso anspruchsvoller wird für sie dieser Lernprozess.
Und Ziel ist es daher, eine Lösung zu erarbeiten zur Überbrückung dieser Wartezeit, um die Anwender sowohl psychologisch als auch physiologisch zu unterstützen, um ihnen wiederum einen einfachen Einstieg in die Prothesennutzung zu ermöglichen. Die eigentliche Herausforderung beginnt für Otto Bock also in der Phase, in der Betroffene noch gar keine Prothese haben. Und das hat drei Gründe.
Grund 1: Bürokratie. Nach einer Armamputation kann es bis zu sieben Monate dauern, bis die Menschen ihre erste Prothese bekommen. Denn bevor die Versorgung starten kann, müssen häufig erst Verordnungen, Kostenvoranschläge und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen geprüft werden.
Grund 2: Trauma. Eine Amputation ist für die meisten auch eine enorme psychische Belastung. Viele Betroffene stehen erstmal unter Schock, müssen mit Phantomschmerzen, Reha und der ganzen Bürokratie klarkommen und überhaupt erst mal akzeptieren, dass plötzlich ein Teil ihres Körpers fehlt. Für intensives Training fehlt dann die Kraft.
Grund 3: Gewöhnung. Viele entwickeln in der Zeit nach der Amputation schon eigene Routinen ohne Prothese und gewöhnen sich daran, den Alltag mit nur einem Arm zu bewältigen. Die Prothese wird dann nach diesen sieben Monaten nicht immer als Erleichterung wahrgenommen, sondern eher als zusätzliche Umstellung. All das hat Folgen. Studien zeigen, dass die Ablehnungsrate bei Armprothesen je nach Amputationshöhe teilweise bei bis zu 60 Prozent liegen kann. Also mehr als die Hälfte der Betroffenen wollen gar keine Armprothese.
Die bürokratischen Prozesse kann Otto Bock nicht beschleunigen. Aber sie können sich fragen, wie kann man Menschen direkt nach einer Amputation besser unterstützen, damit ihnen der Einstieg in die Prothesennutzung leichter fällt? Und hier kommt dann auch die Kreativbranche ins Spiel. Mein Name ist Nujin Kartal. Ich bin ursprünglich 3D-Toningenieur, habe mich darauf spezialisiert und mittlerweile ist mein Alltag aber viel Projektmanagement, Projektplanung und auch Beratung für immersive interaktive Medien und Räume.
Nujin Kartal gehört zu dem Kreativteam, mit dem Otto Bock in mehreren Workshops genau an diesem Problem arbeiten will. Die Zusammenarbeit findet im Rahmen der sogenannten Cross Innovation Labs des Kreativbunds statt. Bei den Workshops dabei sind außerdem Menschen von Schauspiel über Design bis zur Software- und Gamesentwicklung und eine Physiotherapeutin und ein Produktmanager von Otto Bock. Laut Nujin Kartal startet der Workshop dann erstmal ganz anders als erwartet, zumindest für Otto Bock.
Und hier ging es auf einmal richtig um Healthcare und wirklich um die Menschen. Wie geht es denen eigentlich damit? Deswegen waren wir voll schnell, was im Prozess auch überrascht hat. Also von denjenigen, die das ja initiiert haben, die waren überrascht, dass alle Kreativen gesagt haben: Wir müssen erstmal auf den Mensch gucken. Was braucht denn der Mensch? Wir haben nicht bei der Technik und sonst was angefangen.
Das Team hat also bewusst erstmal geschaut, wie erleben Betroffene die Zeit direkt nach der Amputation? Wo entstehen Frust, Unsicherheit oder Überforderung? Also genau dieses nutzerzentrierte Denken, das wir ja auch schon von Wissenschaftler Thorsten Posselt gehört haben. Das war ja wirklich Ideen finden, egal was. Das war komplett offen und das fand ich schön, weil da fühle ich mich auch wieder zu Hause, einfach mal reinzuwerfen, was mir gerade einfällt, auch wenn es keinen Sinn macht vielleicht.
Und das heißt, erstmal na klar Kommunikationsmittel. Wie finde ich überhaupt die Leute? Wie spreche ich sie an? Zielgruppenansprache finden und sowas. Das Ergebnis dieses ersten Treffens sind Wände voller Post-its und Skizzen. Gearbeitet wird dabei ganz bewusst offen und experimentell, also erstmal ohne direkt nach der einen fertigen Lösung zu suchen.
Wenige Wochen später findet dann ein Konzeptionsworkshop statt. Jetzt geht es darum, die Bedürfnisse der Betroffenen noch genauer zu verstehen und erste Anwendungen zu entwickeln, die später getestet werden können. Also wir hatten zwei unterschiedliche Reisen entwickelt, wo wir auditiv die Leute begleiten wollten und dabei war ein Thema: Frust und lass den Frust raus. Du darfst ihn spüren. Das ist frustrierend gerade, aber nutze es konstruktiv.
Der erste Prototyp dazu hört sich so an: Spür das. Das ist keine Schwäche, das ist Kontrolle. Jetzt machen wir das stärker: Anspannen, halten und lösen. Wieder Anspannen, halten, lösen. Wenn da Frust ist, perfekt. Pack ihn da rein. Jede Kontraktion heißt ein Stück raus davon. Und jetzt machen wir daraus etwas, das sich nicht wie Training anfühlt, sondern wie Kontrolle, wie Reaktion, wie Macht. Wir gehen jetzt in den nächsten Schritt. Du zielst, du reagierst, du triffst. Und jedes Mal, wenn du anspannst, passiert etwas. Nicht irgendwann, jetzt. Okay, los geht’s.
Hier geht es also nicht nur um Muskeltraining, sondern auch um Motivation und das Gefühl, Kontrolle wieder zurückzugewinnen. Diese Audio-Reisen sind aber nur ein Teil der Ideen. Ein anderer Entwurf ist eine Art Onboarding-App für die erste Zeit nach der Amputation. Sie soll Betroffenen bei der Entscheidung helfen, ob sie eine Prothese möchten oder eben nicht. Und dafür gibt es dann verschiedene Fragebögen, Checklisten und Erfahrungsberichte.
Die zweite Anwendung setzt stärker auf die emotionale Begleitung. In einer Art digitalem Tagebuch können NutzerInnen festhalten, wie es ihnen gerade geht, ob sie Schmerzen haben, frustriert sind oder motiviert trainieren wollen. Die App reagiert dann mit passenden Audio-Inhalten oder interaktiven Übungen. Das dritte Beispiel ist ein kleines Zeichenspiel. Also man zeichnet etwas und andere raten, was es sein soll. Ungefähr so wie Montagsmaler. Nun malen die NutzerInnen hier nicht mit der Hand, sondern mit ihrer Bewegung, also zum Beispiel mit dem Stumpf. Die Smartphone-Kamera erkennt die Bewegung und überträgt sie auf den Bildschirm. So soll Aktivierung Spaß machen und sich nicht nur wie Training anfühlen.
Für Otto Bock ist das vor allem erstmal eins: ein Experiment. Ich finde es aktuell sehr erfrischend, aber auf dem Alltag getrieben. Natürlich durch Projekt-Deadlines hat man wenig Raum und Zeit dafür. Und das ist wirklich auch ein Experiment, um zu schauen, wie gut kann das funktionieren. Also ich erhoffe mir vor allem neue Perspektiven, würde ich sagen, weil externe Partner oft die Freiheit mitbringen, Probleme ohne interne Limitationen, die wir haben, zu denken. Und dadurch entstehen oft auch Lösungen, die wir intern so nicht entwickelt hätten.
Und genau darin zeigt sich auch ziemlich gut, wie Cross Innovation hier funktioniert. Spielelogik, Audio-Design und Apps, die mit Hilfe von KI-Tools visualisiert werden, treffen auf klassische Medizintechnik. Und daraus entstehen Ansätze, auf die man innerhalb der eigenen Branche vermutlich nicht gekommen wäre. Was ich persönlich mitnehme, ist vor allem Mut, Probleme zunächst breiter zu betrachten, bevor man direkt in Lösungen geht. Weil in unserem Alltag sind wir oft von Geschwindigkeit, Effizienz, Projekt-Deadlines, Turn to Market getrieben und wollen natürlich schnell umsetzen, schnell Ergebnisse sehen.
Und die Gefahr dabei ist aber, dass man bestimmte Aspekte übersieht und dadurch auch innovative Ansätze verpasst. Dort, wo Kreativität auf etablierte Geschäftsmodelle trifft, erleben wir ganz viel Kraft und damit Innovation. Das ist Gitta Connemann. Sie ist Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung und parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium. Dass die Kreativwirtschaft ein wichtiger Innovationstreiber ist, hat auch die Politik erkannt.
Wir haben Gitta Connemann deswegen gefragt, was die größten Hürden für branchenübergreifende Kooperationen sind. Für diese Folge hat sie uns eine Sprachnachricht geschickt. Die Kreativwirtschaft generiert einen jährlichen Umsatz von mehr als 200 Milliarden Euro und beschäftigt rund zwei Millionen Erwerbstätige. Es ist also kein Aschenputtel, über das wir sprechen, sondern eine wunderbare Braut, die aber wachgeküsst werden will und muss. Denn ihr großes wirtschaftliches und innovatives Potenzial ist noch zu wenig bekannt.
Die Frage ist also: Wie kann das Potenzial der Kreativwirtschaft noch bekannter werden? Genau damit beschäftigen sich inzwischen immer häufiger gezielte Programme und Förderinitiativen, die Unternehmen, Wissenschaft und Kreativbranche zusammenbringen. Auch Hochschulen und Universitäten fördern Projekte, in denen Unternehmen und Kreative gemeinsam neue Ideen entwickeln können. Daneben gibt es auch auf Landesebene immer mehr Formate rund um Cross Innovation. In Hamburg zum Beispiel der Cross Innovation Hub der Hamburg Kreativgesellschaft, in Sachsen Projekte wie Cross Innovation Made in Saxony oder das Programm CoVision von der Medien und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.
Und auch auf Bundesebene wird das Thema inzwischen stärker gefördert. Ein Beispiel dafür ist der Kreativbund. Das Netzwerk organisiert gezielt Cross Innovation-Projekte zwischen Unternehmen und Kreativschaffenden, so wie hier im Fall von Otto Bock. Damit so ein kreativer Prozess gelingen kann, müssen aber auch ein paar Bedingungen erfüllt sein. Erstmal müssen die Unternehmen wirklich offen sein für neuen Input.
Ich glaube auch, Bereitschaft da auch das anzunehmen, was von außen kommt. Und also was ich auch gemerkt habe in dieser Zusammenarbeit: Es entstehen vor allem, wenn man stark personenzentriert arbeitet oder anwenderzentriert, patientenzentriert arbeitet, oft Ideen oder Lösungen, die außerhalb des Kernkompetenzbereichs eines Unternehmens sind. Also auch wirklich die Offenheit zu haben und zu sagen: Okay, es ist, wenn ich patientenzentriert entwickeln möchte, habe ich Lösungen hier entwickelt, die fernab von der Kernkompetenz meines Unternehmens, aber im Alltag der Nutzer und Patienten sehr hilfreich sind.
Kann ich mich als Unternehmen auch wirklich darauf einlassen, solche Lösungen zu entwickeln und auch geduldig zu sein, wenn es auch vielleicht ein bisschen länger dauert? Ich hoffe, dass wir aber mit dem Leuchtturmprojekt auch wirklich sagen können: Okay, wir öffnen auch dafür, weil es auch einen Mehrwert gibt, auf jeden Fall. Genau darin liegt offenbar oft die größte Herausforderung, dass Unternehmen bereit sein müssen, andere Denkweisen zuzulassen. Das bestätigt auch Thorsten Posselt von der Uni Leipzig.
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Und wir wissen, dass diese Art der Übertragung oder des Transfers traditionell auf sehr große Widerstände stößt, weil Organisationen wie Menschen auch erstmal natürlich beharrlich sind. Das heißt, man möchte eigentlich das, was man macht, möchte man gerne in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln, aber diesen Pfad möchte man nicht verlassen.
Cross Innovation
Und Cross Innovation bricht mit dieser Logik. Denn eigentlich sind Unternehmen ja nicht darauf ausgelegt, ständig alles neu zu denken. Sie sollen vor allem verlässlich funktionieren, über Jahre, oft sogar Jahrzehnte hinweg. Vermeintlich starre Prozesse und klare Routinen sorgen dabei für Stabilität. Und genau deshalb wirken neue, ungewohnte Perspektiven oft erstmal wie ein Risiko und nicht wie eine Chance.
Cross Innovation funktioniert also nicht automatisch. Bei den Workshops mit Otto Bock gibt es zwischendurch zum Beispiel auch die Sorge, dass am Ende zwar viele kreative Ideen entstehen, aber davon nichts wirklich umgesetzt wird. Genau daran arbeitet das Team jetzt aber weiter. Nach den ersten Workshops geht es aktuell darum, die vielen Ideen und Prototypen zu sortieren, weiter zu schärfen und zu entscheiden, welche Ansätze tatsächlich weiterentwickelt werden sollen.
Fördermöglichkeiten
Aus dem großen Blumenstrauß an Ideen könnten also konkrete Anwendungen entstehen, die Menschen nach einer Amputation wirklich helfen. Am Ende geht es aber nicht nur darum, dass Unternehmen offen sein müssen für Veränderungen. Es geht natürlich auch ums Leute zusammenbringen. Zeit investieren, all das kostet. Und das können sich Unternehmen und AkteurInnen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft ohne Förderung oft nicht leisten.
Diese Förderprogramme gibt es auch schon vom Bund und von den Ländern. Aber offenbar gibt es auch sehr viele, sehr unterschiedliche Programme. Und das macht die Sache nicht so ganz leicht. Felix Neute ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Firma Rotes Pferd. Dort entwickelt er mit seinem Team interaktive Ausstellungen. Als Kreativschaffender kennt er die Hürden, überhaupt erstmal die passende Förderung zu finden.
Es gibt so Förderkategorien im kreativen Bereich, was zum Beispiel bildende Kunst oder darstellende Kunst angeht oder Softwareentwicklung. Aber alles, was im Grunde crosssektoral ist und genau eben nicht sich in eine Bürokratie-Schublade einordnen lässt, das ist ganz schwer, dafür den richtigen Fördertopf zu finden und dann auch noch irgendwie so viel Vertrauen aufzubringen, dass man weiß, wenn ich den Fördertext nach bestem Wissen und Gewissen schreibe, dass ich dann nicht daran scheitere, dass irgendjemand die Bewertung nach Schubladen trifft, wo man nicht reinpasst.
Laut Felix Neute braucht es also vor allem einen besseren Zugang zu Fördermöglichkeiten und mehr Orientierung. Welche Programme gibt es überhaupt und wer fördert Ideen, die eben nicht klar in eine einzige Kategorie passen? Branchenübergreifende Kooperationen scheitern oft nicht am Willen, sondern an fehlenden Räumen oder Brückenbauern.
Neue Strukturen
Das ist noch mal Gitta Connemann, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium. Wir brauchen deshalb gezielte neue Strukturen, um die Innovationskraft der Kultur- und Sichtbarkeit zu erhöhen. Die Sichtbarkeit von Fördermöglichkeiten erhöhen, genau das ist das Ziel des sogenannten Cross Innovation Boosters. Der ist vor ein paar Tagen online gegangen.
Umgesetzt wurde das Projekt vom Kreativbund, der unter anderem im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums arbeitet. Der Booster wird Förderprogramme für Cross Innovation gebündelt, zugänglich machen und eine zentrale Struktur bieten, die den Zugang zu Cross Innovation, zu Beratung, Netzwerken und Förderprogrammen erleichtert. Der Booster ist also schon mal ein Versuch, bessere Rahmenbedingungen für Cross Innovation zu schaffen.
Klar ist am Ende aber auch: Cross Innovation ist kein fertiges Rezept, das automatisch funktioniert. Viele Projekte stehen noch am Anfang, vieles wird ausprobiert und nicht jede Zusammenarbeit führt am Ende sofort zu einem marktfähigen Produkt. Gleichzeitig sieht man auch am Beispiel Ottobock, warum sich trotzdem immer mehr Unternehmen, Forschende und politische Initiativen mit dem Thema beschäftigen.
Ausblick
Und genau das schauen wir uns noch genauer an, denn hier im Podcast geht es noch weiter. Im Herbst kommen fünf neue Folgen, in denen wir uns anschauen, wie Cross Innovation in ganz unterschiedlichen Bereichen funktioniert. Von KI über Kreislaufwirtschaft bis hin zu neuen Organisationsformen. Wenn ihr das nicht verpassen wollt, folgt doch gerne diesem Podcast. Ich freue mich, wenn ihr wieder reinhört.
Skript, Recherche und Moderation dieser Folge kam von mir, Feline Klinger. Redaktionell unterstützt hat mich Stefan Ziegert. Das Sounddesign kommt von Benjamin Serdani. Er hat die Folge auch produziert. Danke fürs Zuhören und wenn ihr mögt, bis ganz bald hier im Feed. Tschüss.