Mit Forschung das Leben auf unserem Planeten verbessern – nichts Geringeres hat sich die Helmholtz Gemeinschaft für die kommenden Jahre auf die Fahnen geschrieben. Konkreter fragt man sich dort zum Beispiel: Wie können wir den Planeten schützen und erhalten und trotzdem in Freiheit leben? Wie können WissenschaftlerInnen relevante Lösungen entwickeln für Probleme in Deutschland und der Welt? Wie die Helmholtz Gemeinschaft die Aufgaben der Zukunft angeht, das schauen wir uns heute an. Ihr hört das ForschungsQuartett. Ich bin Ina Lebedjew. Hi! Das ForschungsQuartett – Wissenschaft bei detektor.fm.
Helmholtz ist da, wo die Action ist, das sagte Martin Keller. Er ist seit November 2025 der Präsident der Helmholtz Gemeinschaft. Zuletzt hat er in den USA gelebt und gearbeitet. Fast 30 Jahre lang hat er in den Vereinigten Staaten führende Forschungsinstitute für das US-Energieministerium geleitet. So war er unter anderem zehn Jahre lang Direktor des National Renewable Energy Laboratory im US-Bundesstaat Colorado und der Präsident der Alliance for Sustainable Energy. Zusammen mit Kathrin Böning Gäse, der frischgebackenen Vizepräsidentin der Helmholtz Gemeinschaft, will Keller die Entwicklung der Forschungsgemeinschaft voranbringen. Kathrin Böning Gäse ist über ihre neue Rolle als Vizepräsidentin hinaus seit 2024 für die wissenschaftliche Ausrichtung des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) verantwortlich. Sie hat außerdem eine Professur für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig inne.
Meine Kollegin Klara Fröhlich war beim Antrittsbesuch von Martin Keller im Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig dabei und hat dort mit Kathrin Böning Gäse und Martin Keller gesprochen. Herr Keller, Sie blicken auf 30 Jahre Erfahrung, Arbeit, Karriere, Renommee in den USA zurück. Was hat Sie denn bewogen, wieder zurückzukommen? Ja, das ist wirklich eine sehr interessante Frage. Für mich war das natürlich sehr überraschend, als ich vom Bundesministerium für Forschung und Technologie diesen Anruf bekommen habe: „Herr Keller, Sie sind nominiert unter anderem für den Präsidenten der Helmholtz Gemeinschaft. Wäre das denn für Sie interessant?“ Das war sehr, sehr überraschend, weil wir haben eigentlich nicht vorgehabt, nach 30 Jahren zurückzukommen nach Deutschland. Aber ich kenne natürlich Helmholtz über meine Tätigkeiten hier in Deutschland. Ich war also über die letzten Jahre im Vorstand auch vom Forschungszentrum Jülich. Da habe ich ein bisschen Einblick gehabt, und das hat mich sehr, sehr interessiert wegen der weitreichenden Forschung, die bei Helmholtz passiert. Das ist nach meiner Meinung wirklich einmalig in der ganzen Welt. Und dann haben wir gesagt: „Mensch, da schauen wir uns doch jetzt mal an.“ Also haben Sie nicht lange gezögert? Ja, ich sage Ihnen, von dem Aufgabenfeld war keine Zögerung notwendig. Was uns am meisten Kopfweh bereitet hat, ist, nach 30 Jahren zurückzukommen nach Deutschland, ist gar nicht so einfach. Und da haben wir öfters mal gesagt: „Mensch, ich hoffe, ob wir das überhaupt schaffen, da wieder zurück einzusteigen.“ Man ist ja nicht in dem Sozialsystem, man hat keine Steuernummer, man kann keine Bankverbindung aufmachen. So einfach. Es war ein kleines Abenteuer, hierher zurückzukommen.
Frau Böning Gäse, Sie sind jetzt auch Vizepräsidentin der Helmholtz Gemeinschaft. Das kommt auch mit dem Amt der Geschäftsführung. Sie sind ja, würde ich dann sagen, die rechte Hand. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor? Und wie oft haben Sie beide jetzt Kontakt als Präsident und Vizepräsidentin? Sehr regelmäßig. Also natürlich hat sich Martin Keller überall vorgestellt und ist durch die einzelnen Forschungsbereiche gereist. Aber wir hatten zum Beispiel letzte Woche eine Klausur für das Ganze, für alle Helmholtz-Zentren, wo wir intensiv diskutiert haben, welche Rolle Helmholtz spielen kann in der Forschungslandschaft, auch in der Entwicklung von Lösungen hier in Deutschland und darüber hinaus. Das heißt, gerade habe ich das Gefühl, man sieht sich fast wöchentlich. Ja, und vor allem, wenn es um diese Bereiche geht, so wie Erdenumwelt, und das hier, wo wir jetzt auch sind, ist ja ein weltberühmtes Zentrum in diesem Bereich, wo Deutschland, glaube ich, in Erdenumwelt weltführend auch mit ist. Und mit diesen Zentren, und da ist das jetzt halt auch, glaube ich, für Deutschland so als Leader in diesem Bereich. Wie können wir unsere Gesellschaft weiterhin ausbauen, dass wir praktisch unseren Planeten erhalten können? Und ich sage immer: Wie erreichen wir das, dass wir die gleichen Freiheiten haben, zum Beispiel auch trotzdem noch in Urlaub zu fahren, aber das in einer Weise machen, dass wir den Planeten eben nicht kaputt machen? Und da ist glaube ich halt diese Zusammenarbeit um diese Zentren und diese Zusammenarbeit auch über diese Bereiche der Erdenumwelt hinaus, zum Beispiel in die Energie, auch in die Materialentwicklung, super wichtig. Und das ist für Helmholtz echt spannend.
Sie sind ja eine große Familie mit 18 Zentren, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Sie sind jetzt an der Spitze von all diesen Zentren. Was bringen Sie denn für eine Stoßrichtung mit? Oder wo sehen Sie Ihre Aufgabe als Präsident? So, für mich ist die Aufgabe, dass wir sagen, wo sind die Stärken aller Zentren und wie können wir noch verstärkt die Kooperation über die traditionellen Bereiche der Forschung hinaus verstärken. Also zum Beispiel, ich habe das jetzt vorher ein bisschen angekündigt und angedeutet: Wissenschaft verändert sich momentan rasant, auch getrieben natürlich durch die großen Datenmengen, durch KI, wo jetzt auf einmal alles verknüpft wird. So hat zum Beispiel die Gesundheit sehr stark beeinflusst von unserer Erdenumwelt. Und wir sehen es ja auch, wie sich Krankheiten ausbreiten nach dem Klimawandel. Das Gleiche ist natürlich von der Energie und Umwelt und KI. So wird es immer wichtiger, dass wir diese Verknüpfungen schaffen. Das ist das, was mich wirklich am meisten bewegt. Wie können wir das und wie können wir das noch verstärkt angehen? Und da ist Helmholtz, da ist diese Struktur, die wir hier haben in Deutschland, nach meiner Meinung außergewöhnlich. Es gibt keine dieser Strukturen woanders in anderen Ländern. Und wenn wir es schaffen, diese Strukturen weiter auszubauen und diese Forschung zu etablieren, die über diese Ränder hinweg geht und es verbindet, dann glaube ich, sind wir sehr gut aufgestellt hier in Deutschland.
Frau Böning Gäse, Sie sind ja jetzt ein Teil von der großen Maschine. Wie kann denn das UFZ diese Verlinkung zu den anderen Bereichen vielleicht schaffen? Findet das schon statt? Auf jeden Fall! Wir sind im Forschungsbereich Erde und Umwelt, wo das UFZ, also das Umweltforschungszentrum, zusammen mit anderen Zentren die Kernzentren bilden, schon untereinander sehr gut vernetzt. Was bedeutet, dass wir die Lösungen und die Systemanalysen integrativ angehen. Was bedeutet das? Wir schauen halt nicht nur aufs Klima, sondern auch, was verändert sich von der Umweltverschmutzung her? Was verfolgt der Verlust der biologischen Vielfalt auch auf das Klima? Sodass wir nicht nur Lösungen anbieten, die dann Teillösungen sind, sondern dass wir auch Lösungen erarbeiten, die integrativ viele verschiedene Punkte adressieren. Ein Beispiel: Wenn wir jetzt haben, wir ja im Osten richtig als Problem das Problem der Wasserversorgung. Wir haben Niedrigwasser letzten Sommer wieder in der Elbe gehabt. Wir haben im Zweifelsfall Hochwasser. Wie gehen wir mit der Wasserproblematik um? Wir brauchen wahrscheinlich Wasser in der Landwirtschaft. Wir brauchen das für die Industrie. Wie machen wir ein Wassermanagement, sodass alle Sektoren was davon haben? Und das sind Themen, die gehen wir zusammen mit den anderen Zentren in der Helmholtz Gemeinschaft an. Und da bin ich bei Martin Keller. Das müssen wir noch viel breiter angehen, weil das eben auch um Infrastruktur und Energieversorgung, um Verkehrswege, um Informationsinfrastrukturen geht, sodass wir alles wissen, dass wir hier bieten können, auf den Tisch legen und dann Lösungen erarbeiten, die dann wirklich auch in der Breite und langfristig funktionieren.
Sie haben eine große Aufgabe. Ich bin beeindruckt. Wenn wir noch mal einen Schritt zurückgehen: Helmholtz hat ja diese ganzen unterschiedlichen Bereiche und wirkt auch schon zusammen. Aber Sie, Herr Keller, haben auch lange außerhalb von Deutschland gewohnt. Wie wird denn eigentlich Helmholtz so von außen wahrgenommen? Naja, auch das ist eine sehr, sehr interessante Frage, wo wir auch wie wir vorher erwähnt haben in dieser Klausur angesprochen haben: Wie können wir die Marke Helmholtz noch stärken? Ich glaube, so von der Sicht von außen, also viele meiner Kollegen von den US Department of Energy National Laboratories, die haben gesagt: „Ich wünschte, wir hätten so etwas wie Helmholtz.“ Oft ist es halt so, dass wir in Deutschland vergessen, wie wertvoll diese Sache ist, weil man kennt sie ja schon. Aber die Chance, die wir haben mit Helmholtz, eben diese Verbindung zu schaffen, ist sehr einzigartig. Und jetzt die Frage: Wie machen wir uns besser bekannt? Nicht nur, glaube ich, auch im Ausland. Ich würde sagen, auch in Deutschland. Wie verstärken wir das, dass unsere Mitbürger in Deutschland sehen, live sehen, wie ihre Steuergelder auch ihr Leben besser gemacht haben? Und da hat Helmholtz natürlich in diesen 30 Jahren, sind wir auch gerade dran, ganz verstärkt das mal darzustellen: Was haben wir denn bewirkt? Man sieht es ja, wir haben vorher darüber diskutiert, man sieht es ja hier in Leipzig, in dieser ganzen Region um die Stadt herum, alles sich verändert hat, wo jetzt die Leute lieben, wieder mit dem Rad an die Seen zu fahren. Und das sind ja auch so Beispiele, wo Wissenschaft uns hilft, einfach unsere Gesellschaft, unsere Gemeinschaft lebenswerter zu gestalten.
Sie haben es schon angesprochen, Frau Böning Gäse, und Sie haben es jetzt auch noch mal genau gesagt: Wissenschaft kann unser Leben besser machen. Manchmal ist es aber so ein bisschen losgelöst von den Leuten, die davon profitieren. Vielleicht merken Sie es nicht immer so. Gibt es da was, wo das UFZ was tun kann und wie Sie das besser in den Köpfen der Menschen verankern können? Auf jeden Fall! Das UFZ hat in den letzten Jahrzehnten da schon unglaublich viel geleistet. Es ist vielleicht nicht immer an allen Punkten angekommen. Zum Beispiel direkt nach der friedlichen Revolution und nach der Wende war der ganze Leipziger Süden ein riesiges Braunkohleabbaugebiet mit vergifteter Luft, vergifteten Böden. Da hat auch das UFZ mit seiner Forschung über Sanierung, über Chemikalien, über Chemikalienreinigung, einen Beitrag geleistet, dass das jetzt diese wunderbaren Seenlandschaften sind, wo eben jeder auch gerne badet, wo man dann auch wieder Beratung vom UFZ Gebiete um die Seen angelegt hat, die Naturschutzgebiete sind, wo seltene Vogel- und andere Arten in dieser relativ kurzen Zeit wieder zurückgekommen sind, wo man dann auch noch einen Beitrag nicht nur zum Urlaub machen und sich entspannen, sondern eben auch zum Schutz der Natur geleistet hat. Bis hin zu den Lösungen, die wir hier im Zusammenhang mit der chemischen Industrie erarbeiten und auch Arbeitsplätze geschaffen haben. Wir haben am UFZ in Summe 16 Ausgründungen geschaffen über die letzten Jahre, Jahrzehnte und in Summe etwa 350 Arbeitsplätze geschaffen. Das heißt, wir machen durchaus einen Beitrag zur lokalen Wertschöpfung, liefern Arbeitsplätze und schaffen auch mehr Sicherheit in Leipzig, die Region, die ja sehr von einzelnen Industrien abhängig ist.
Das klingt beeindruckend. Ich würde noch mal kurz darauf eingehen, dass Sie, Herr Keller, ja auch gesagt haben, als Sie Ihr Amt angetreten haben, Sie möchten eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Wie stellen Sie sich das vor? Warum? Ich glaube, es ist, und da geht es genau so ein bisschen, was wir auch diskutiert haben. Die Forschung, und das ist ja auch hier in Deutschland, wir sind ja da an einem wunderbaren Ausgangspunkt, wenn wir sagen, wir haben diese langjährige, sichere Finanzierung unserer Forschung. Wir haben das Forschungsfreiheitsgesetz, wo wir wissen, dass es einfach nicht so einfach ist, wie zum Beispiel jetzt in dem Land, wo ich jetzt gerade ausgezogen bin, dass man einfach das alles über den Haufen wirft, sozusagen ganz schnell. Sondern wir haben ja diese Sicherheit und die Möglichkeit, Forschung auch langjährig zu planen. Das ist sehr, sehr wichtig. Und wir dürfen es nicht unterschätzen. Jetzt kommt aber noch dazu, dass letztendlich müssen wir dann auch überlegen, wie kann denn Forschung dann auch jedem deutschen Bürger zur Hilfe kommen? Wir machen ja Forschung natürlich auch um Wissen anzureichern, um neue Erkenntnisse zu schaffen. Aber Forschung dient ja auch dazu, dass man dann sagen kann: Wie können wir das dann in unsere Wirtschaft bringen? Wie können wir das zu jedem Deutschen bringen? Und da spielt die Industrie dann einfach eine große Rolle. Wenn wir einfach Forschungsergebnisse skalieren wollen, ist es wichtig, dass wir da auch mit der Industrie zusammenarbeiten, die dann das umsetzt und dann zum Beispiel jetzt neue Energieträger baut, wie wir jetzt hier gehört haben, die Umwelt verbessert. Wie verändert sich das in den nächsten Jahren jetzt über die KI und das Wissen? Wie trägt es dazu bei, zum Beispiel auch in der Landwirtschaft mehr vorausschauend zu denken? Das sind alles Sachen, wo sich die Forschung und die Wirtschaft verbünden sollte. Und dann kommt das dann ja auch unserer Wirtschaft zugute und damit kommt es auch unseren Bürgern zugute.
Nichtsdestotrotz gibt es ja auch Forschung, die, weil sie einfach nur sein darf, was sie ist, ohne den Profit rauszubringen, für uns wichtig ist. Soll die auch dabei bleiben? Ich sage immer, wir können nicht nur in dem einen oder in dem anderen Exzellenz sein. Wir brauchen Exzellenz in beiden. Also ganz gezielt, was mir wichtig ist, wenn wir anschauen, durch diese stabile Förderung Grundlagenforschung zu machen, die momentan vielleicht keinen direkten Einfluss hat. Das ist absolut wichtig und wir sollten das auf jeden Fall weiterführen. Aber dann ist auch noch der zweite Teil: Viele dieser großen Grundlagenforschung wird irgendwann mal auch den Einzug in die Wirtschaft finden. Ich sage immer, wie damals das GPS entwickelt worden ist. Wer hätte das gedacht, dass wir das dann hernehmen, um zu finden, wo wir die nächste Pizza kriegen? Keiner hätte das gedacht. Und da gibt es viele Beispiele. Aber das Wichtigste ist, wir brauchen Grundlagenforschung, gar keine Frage. Aber wir müssen uns auch überlegen, welche der Forschung können wir zum Beispiel skalieren zum nächsten Level? Und wie können wir das dann gemeinsam mit der Wirtschaft zurück in unsere Gesellschaft bringen? Also wir brauchen beides, nicht das eine oder das andere. Wir brauchen beides. Und ich denke, für die vielfältigen Krisen, die wir erleben, ist Wissenschaft ein echter Schlüssel.
Jetzt hatten Sie schon so die Grundvoraussetzungen angesprochen, die man braucht, um gut Wissenschaft zu machen. Vielleicht noch einmal daraufhin: Was ist Ihrer Meinung nach, können auch vielleicht Sie beisteuern, Frau Böning Gäse, was brauchen Sie, um gute Wissenschaft zu machen? Wir haben ja eine stabile Finanzierung von Bund und Ländern, die derzeit immer noch mit einem Aufwuchs von in Summe drei Prozent läuft. Der Pakt für Forschung, für den sind wir unglaublich dankbar, weil der erlaubt uns wirklich langfristige Projekte anzugehen und jetzt nicht von Projekt zu Projekt zu hüpfen, sondern wirklich die ganz großen Herausforderungen zu adressieren. Und gerade im Bereich der Umweltforschung wissen wir auch bei der Analyse innerhalb der Wirtschaft, dass die großen Risiken in Zukunft, das sind eben von den zehn größten Risiken fünf Umweltrisiken. Wir müssen den Klimawandel in Griff kriegen. Wir müssen das Artensterben aufhalten. Wir müssen das mit der Umweltverschmutzung drehen, weil das ein zentraler Faktor ist für die Gesundheit der Menschen und für die Gesundheit der Ökosysteme. Da brauchen wir langfristige Forschung. Aber auf der anderen Seite, da gebe ich Martin Keller recht, müssen wir genauso gut sein, diese Sachen auf die Straße zu bringen. Wenn wir Lösungen zum Schutz des Klimas haben, dann müssen die auch funktionieren. Sie müssen skalierbar sein, also in der Fläche funktionieren. Dann müsste es für Unternehmen gut sein, da einzusteigen, weil man damit gutes Geld macht. Und wir müssen die Gesellschaft mitnehmen. Was nützt das schönste Windrad, wenn niemand es in seinem Hinterhof aufbauen möchte? Selbst darüber kann man forschen. Wie verstehen Menschen sich als Akteure? Wann fühlen sie sich überrollt? Da leisten wir als UFZ einen Beitrag. Und insofern, und auch bei der Größe der Helmholtz-Zentren denke ich, man kann wirklich beides gleichermaßen voranbringen. Und vielleicht ist das jetzt auch natürlich von meiner Sicht, jetzt zurück in Deutschland. Ich sage immer, in Deutschland, wir brauchen uns nicht verstecken. Wir sind sehr, sehr gut. Ja, es gibt Bereiche, wo wir überlegen müssen, wie machen wir sicher, dass wir da dranbleiben. Aber wir müssen uns auch überlegen, wie können wir noch besser werden. Und da kommt es jetzt genau darauf an, so diese Grundsätze, dass wir aufgrund der langjährigen stabilen Forschung können wir auch langjährig planen. Das ist fantastisch. Wir brauchen aber auch neue Werkzeuge, um agiler und schneller zu werden. Und das ist nach meiner Meinung nicht nur in vielen Bereichen, wo man ja auch in Deutschland hört, so wie: Wie machen wir sicher, dass wir schneller bauen können? Wie überwältigen wir diese ganzen Baustellen, die wir überall haben in Deutschland? Diese gleiche Frage müssen wir auch uns in der Wissenschaft stellen: Wie können wir auf dieses fantastische System, das wir hier haben, zum Beispiel noch verstärkt diese Forschung fördern, die dann auch die Forschung zurückbringt in die Industrie und in die Wirtschaft? Also wir brauchen auch da neue Mechanismen. Die Zeit wird immer schnelllebiger. Und wie verbinden wir diese tolle Stabilität mit neuen Tools? Und das ist diese große Herausforderung, die wir uns stellen müssen und angehen müssen. Die Schnelligkeit, die Effizienz, die ist, glaube ich, wirklich wichtig.
Nun haben wir in Deutschland glücklicherweise eine stabile Demokratie. Und trotzdem sind unsere Abläufe nicht immer die schnellsten auf der Ebene. Sie sind natürlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Aber könnten Sie sich etwas wünschen von der Politik, was Ihnen diese Aufgabe ein bisschen leichter macht? Die Politik ist ein wichtiger Teil, weil letztendlich setzt die Politik die großen Bereiche auch in der Forschung. Sie soll natürlich nicht die Forschung bestimmen. Aber wir überlegen natürlich gemeinsam mit der Politik, was ist denn wichtig? Wo geht die Forschung hin? So, das ist wichtig. Und dann kommt es zu dem nächsten Level: Wie könnte die Politik unser Leben leichter machen? Jeder redet davon, aber es geht letztlich um diesen sogenannten Bürokratieabbau. Und das ist ja nicht nur in allen Bereichen innerhalb von Deutschland, sondern auch hier in der Forschung, wo natürlich Bürokratie das ist, wie so ein Ballon, der sich so in den letzten Jahren aufgebläht hat. Und da muss man, glaube ich, schon ganz gezielt jetzt wir müssen uns da mit allen Beteiligten mal hinsetzen und sagen: Wie können wir diesen Bürokratieabbau? Wie können wir dadurch das System schnelllebiger machen? Und ich sage immer, es ist natürlich wichtig, dass wir Prozesse haben, um sicherzugehen, dass die Mittel richtig verfügt werden, die Berichte richtig geschrieben werden. Das ist natürlich schon auch wichtig. Auch die Begutachtung der Wissenschaft ist absolut wichtig. Aber wir haben über die letzten Jahre schon gewisse Prozesse entwickelt, wo eine Entschlankung vielleicht nicht schlecht wäre. Und auch ganz konkret, was wir gerne machen würden jetzt in der anwendungsorientierten Umweltforschung: Wir wollen Sachen auch mal ausprobieren dürfen. Vorhin haben wir über das Wasserproblem gesprochen. Wenn man zum Beispiel jetzt dafür sorgen möchte, dass man ein anderes Wassermanagement macht, dass man mal Gebiete flutet und die dann im Sommer langsam ablässt, sodass dann das Hochwasser aufgefangen ist und man in der trockenen Zeit es mit Wasser wieder versorgen kann. Da muss man einfach mal experimentieren dürfen, auch auf Landschaftsebene, und da nicht im Zweifelsfall zehn Jahre auf Genehmigung warten müssen. Wir brauchen da die Freiheit, Sachen ausprobieren zu dürfen. Das ist, glaube ich, für jeden Forscher ein macht einen Glitzern in den Augen, nehme ich mal an.
Herr Keller, da, wo Sie, wie Sie so schön gesagt haben, gerade ausgezogen sind, ist es mit der Wissenschaftsfreiheit ein bisschen am Wankeln. Wie sehen Sie das in Deutschland? Haben wir hier Freiraum genug? Freiraum? Kann da mehr kommen? Vielleicht im Vergleich zu den USA? Oder ich glaube, dass wir uns generell Gedanken machen sollten, wie wir das demokratische Verständnis unserer Nation auch bewahren können. Also ich formuliere das jetzt ganz bewusst in einer größeren Größe, weil es geht ja nicht nur um unsere Wissenschaftsfreiheit. Es geht ja um das demokratische Verständnis. Und Sie haben das vorher erwähnt: Dass wir Gott sei Dank in einer stabilen Demokratie leben. Und da müssen wir uns die Frage stellen: Was müssen wir beachten, dass wir auch weiterhin in einer freien Demokratie leben? Und das ist dann letztendlich ein Unterpunkt, ist da auch dann die Freiheit der Wissenschaft. Was haben uns andere Länder gezeigt? Man darf im Leben nichts für garantiert halten. Und das ist ja jetzt nicht nur in Amerika. Es gibt ja auch hier innerhalb von Europa Länder, wo das so ein bisschen im Angriff ist. Und da glaube ich, sollten wir uns schon überlegen: Haben wir die richtigen Prozesse? Sind wir da auch richtig aufgestellt, um weiterhin unsere demokratische Sicherheit und dieses fantastische System weiterhin zu bewahren? Und auch in der Wissenschaft haben wir letztlich die Verantwortung, einmal darzulegen, machen ja die Forschung und die Anwendung mit Hilfe von Steuergeldern, wie wir damit umgegangen sind und wo wir das Leben der Menschen besser gemacht haben und auch, wie wir jetzt einen konkreten Beitrag dazu leisten, die Probleme die wir haben, zu lösen. Ist unsere Verantwortung, das erstens zu tun und zweitens dann auch drüber zu reden.
Wir haben vorhin darüber gesprochen, wie diese unterschiedlichen Bereiche der Forschung eigentlich nicht so ganz allein zu denken sind. Die Umweltforschung ist einerseits so relevant wie nie, andererseits oftmals irgendwie hintendran. Nehmen Sie das so wahr oder hat sie da einen schwereren Stand? Gerade fühlt sich das in der Tat so an. Da beherrschen andere Themen die politischen Diskurse. Da redet man über anderes. Auf der anderen Seite ist klar, die Umweltprobleme gehen nicht weg, wenn wir die ignorieren. Die bleiben da und die werden größer und größer. Und irgendwann mal fallen die uns noch zusätzlich zu den ganzen Herausforderungen, die wir jetzt haben, auf die Füße. Deswegen ist es sehr klug, wenn wir das sofort mitdenken und immer im Hinterkopf behalten, weil der Klimawandel diskutiert nicht. Der schreitet einfach voran und wir müssen uns dem stellen. Und es ist unsere Verantwortung.
Haben Sie noch etwas, wo Sie sagen: Wir diskutieren über Wissenschaft in Deutschland. Irgendwie haben wir das noch gar nicht angesprochen. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Wissenschaft in Deutschland auch der Motor ist für erstens ganz viele Arbeitsplätze und ganz viel Ausbildung. Letztlich werden an den Universitäten, aber auch an Helmholtz-Zentren, an Leibniz- Instituten ganz viele Menschen ausgebildet und qualifiziert, um dann zum Teil in ganz anderen Positionen wichtige Entscheidungen zu treffen. Das ist auch eine Rolle von Wissenschaft, dass sie eine Basis dafür legt, dass wir diese Demokratie, dass wir unsere auf Wissen aufbauende Demokratie haben. Von meiner Seite, wie ich sehe es: Die Forschung ist der Motor der Innovation. Und oft vergisst man das, dass man sagt: Ja, wir machen diese tolle Wissenschaft und wir stellen natürlich diese Erkenntnisse dann so der Welt auch zur Verfügung. Und das ist auch ein bisschen so einige früheren Fragen. So brauchen wir, so wohin geht diese Wissenschaft für zusätzliche Erkenntnisse, die wir gewinnen? Und dann ist es oft so, dass man dann das vergisst, dass diese Wissenschaft ja dann auch diese große Innovation bringt, die dann auch letztendlich dann umgesetzt wird, zu Arbeitsplätzen führt, zu einer Gesellschaft führt, wo es uns auch besser geht. Und das ist ein Bereich, glaube ich, wo wir ganz verstärkt auch in Betracht ziehen müssen. Warum? Weil einfach unsere Zeit noch schnelllebiger wird. Es wird immer alles schneller und Das Ganze wird sich durch KI noch wesentlich verschnellen, und dann wird es kritisch. Und zu der anderen Frage: Die Umweltforschung steht hinten dran. Also ich würde jetzt mal behaupten, dass sehr, sehr bald die Umweltforschung eigentlich über alles sich ergreift. Also ich würde sagen, dass das sich genau flippt, wenn es jetzt momentan, wie du auch gesagt hast, vielleicht so langsamer erscheint. Warum? Weil letztendlich dreht sich doch alles um das. Wir haben nur einen Planeten. Also wir werden sicher nicht so einfach alle in irgendeiner Raumschicht steigen und auf dem Mars fliegen, sondern wir haben einen Planeten. Und dann ist die Frage: Wie schaffen wir das, dass wir auf einem Planeten weiterhin alle glücklich und zufrieden zusammenleben, die gleichen Freiheiten genießen können, wie wir es jetzt können, in einer Art, wo wir nicht unseren Planeten zerstören? Und da wird die Forschung für Erde und Umwelt der maßgebliche Faktor werden, wo dann Energie eine Rolle spielt, wo Gesundheit eine Rolle spielt, wo die ganzen Datensätze eine massive Rolle spielen werden. Deswegen glaube ich auch hier in Deutschland, wo wir weltführend sind auf diesen Gebieten und viele Sachen hier angestoßen haben in den letzten Jahren, was sich weltweit jetzt als wirklich Führungsposition darstellt. Deswegen wird es noch wichtiger, nach meiner Meinung.
Vielen Dank. Ich habe absolutes Vertrauen, und ich finde es total gut, dass wir so optimistisch und positive Ansichten haben, gerade auch für die Umweltforschung. Aus meinem Umfeld kam immer mal, auch weil ich mit Wissenschaftlerinnen befreundet bin, die Kritik an den Wissenschaftlern nimmt zu. Das Vertrauen in die Wissenschaft nimmt ein bisschen ab. Manchmal äußert sich das auch in offenen Anfeindungen. Gibt es Lösungen für so etwas? Also wenn individuelle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Kritik geraten, dann müssen wir als Gemeinschaft uns gegenseitig stützen. Also bis hin zu rechtlichen Schritten, aber auch sozusagen unterhaken und gemeinsam gehen. Wenn ein Element der Wissenschaft angegriffen wird, dann wird die Wissenschaft als Ganzes angegriffen. Wir hatten immer wieder die Debatten, ob wir in Europa, in Deutschland, nicht davon profitieren sollten, dass jetzt die Wissenschaft in den USA so unter Beschuss ist. Sehe ich komplett anders. Das sind die Kolleginnen und Kollegen, die wunderbare Arbeit leisten, und gemeinsam können wir viel besser einen Beitrag leisten als alleine und in Konkurrenz mit den USA. Solidarität und Unterstützung, das würde ich als wichtigen Aspekt sehen. Der Angriff gewisser Wissenschaftler ist ja auch ein Symbol dafür. Was ich sehr, oder sehr besorgt darüber bin, ist, dass man andere Meinungen auch nicht toleriert. Und natürlich wir als Wissenschaftler, das ist ja eigentlich so, man wird erzogen und trainiert als Wissenschaftler, dass man verschiedene Darstellungen hat. Einer denkt, A ist richtig, einer denkt, B ist richtig, und man macht dann Wissenschaft, um herauszufinden, ob A oder B richtig ist. Und oft ist es halt so, ja, so ein bisschen aus beidem. Das ist doch auch so, wie Gesellschaft funktioniert, dass wir verschiedene Darstellungen haben und dass wir es dann auch tolerieren müssen, solange es natürlich innerhalb unseres demokratischen Verständnisses bleibt. Das ist mir da ganz, ganz wichtig, dass wir sagen: Okay, wir haben unterschiedliche Meinungen, jetzt gehen wir trotzdem ein Bier trinken und verstehen uns. So, und das ist auch, glaube ich, auch wichtig in der Wissenschaft.
Was wir vielleicht auch gelernt haben, ist, dass das momentan, wie gesagt, wie in anderen Ländern vielleicht unter Beschuss ist. Und da müssen wir, glaube ich, ganz, ganz aufpassen, weil das, wie vorher erwähnt, ja wirklich auch das demokratische Verständnis beinhaltet. Und da, glaube ich, müssen wir aufpassen, denn wenn wir diese Meinungsfreiheit nicht mehr erlauben, dann schränken wir auch unser demokratisches Verständnis ein. Das sagt Martin Keller. Er ist der neue Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und kümmert sich mit Vizepräsidentin Katrin Böning-Gäse um die Entwicklung der Forschungsgemeinschaft. Meine Kollegin Clara Fröhlich hat mit den beiden gesprochen. Vielen Dank dafür. Und in diesem Zuge auch ein dickes Dankeschön für die Produktion dieser Folge. Die hatte nämlich diesmal Paula Bültemann. Und das war das Forschungsquartett für diese Woche. Jeden Donnerstag gibt es eine neue Folge, und wir freuen uns, wenn ihr uns liked und teilt, damit Menschen diesen Podcast entdecken, die sich ebenso für Wissenschaftsthemen begeistern können wie ihr. Ich bin Ina Lebedjew. Ich sage Danke fürs Zuhören, Danke fürs Teilen. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal, hoffentlich. Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm.