La Serre und der Fotograf
2013 in La Serre, in den französischen Pyrenäen im Südwesten Frankreichs. In dem Ort leben nur wenige hundert Menschen. Wenn man in das Dörfchen hineinfährt, fährt man auch fast schon wieder hinaus. Hier passiert eigentlich nicht so viel. Aber 2013 wandert ein international anerkannter Fotograf durch die huckeligen Straßen des Dorfes. Mit im Gepäck: seine Fotokamera. Seine Mission: ein einziges Foto und damit eventuell ein jahrelanges Rätselraten zu beenden.
Der Fotograf klingelt an einer Tür, und aus dem Garten kommt ein Mann in merkwürdiger Kleidung. Wie ein Druide aus Asterix und Obelix sieht er aus. Er hat einen langen grauen Bart. Der Mann trägt eine dunkle Kutte, und die Kapuze umrandet sein gealtertes Gesicht. Mit der rechten Hand stützt er sich auf einen Gehstock. Der Mann ist kaum wiederzuerkennen, doch der Fotograf ist sich sicher: Das ist der Mann, den er gesucht hat. Das ist die Lösung des Rätsels, wo er all die Jahre abgeblieben ist. Als der Fotograf das Dorf wieder verlässt, hat er sein Foto im Gepäck.
Die Geschichte von Alexander Grotendieck
Das ist die Geschichte von Alexander Grotendieck. Schön, dass ihr wieder reinhört bei einer neuen Geschichte aus der Mathematik. Mein Name ist Rabea Schlotz, ich bin eure Host für diesen Podcast, und natürlich dürfen auch meine beiden KollegInnen von Spektrum der Wissenschaft nicht fehlen. Die Geschichte bringt wie immer Demian Nahuel Gos mit. Die Mathematik erklärt uns natürlich Manon Wischoff. Hallo ihr beiden!
Hallo Rabea, schön, dass ihr wieder da seid. Wir haben ja am Ende unserer letzten Folge, wie immer, angeteasert, worum es in dieser Folge geht, und ich hatte ja gesagt: Leute, kommentiert doch einfach mal. Und tatsächlich, es hat jemand richtig erraten, dass es in dieser Folge um Alexander Grotendieck geht. Überrascht euch das? Mich hat es überrascht, aber ich kenne mich auch nicht so aus. Also vielleicht deswegen. Es gibt nicht viele, die in diese Kategorie passen, aber man muss schon ein bisschen drin sein. Also, congrats! Auf jeden Fall auch Kudos von mir.
Aber vielleicht für alle, die nicht wissen, wer Alexander Grotendieck ist: Alexander Grotendieck gilt als einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, bis er sich plötzlich aus der Mathe-Community zurückzieht und schließlich auch irgendwie komplett aus der Welt. Jahrelang wusste kaum jemand, wo Grotendieck eigentlich ist, angeblich nicht mal seine Familie. Und es gab sogar Gerüchte, dass Grotendieck schon längst verstorben ist, bis ihn ein Fotograf in einem kleinen Pyrenäendorf aufsucht, ablichtet und die Mathe-Welt damit in Furore versetzt.
Die Geschichte von Alexander Grotendieck ist ja auch irgendwie eine besondere, denn es ist die Geschichte, ich sag mal, eines Revolutionärs, der zum Eremiten wird. Ist ja doch ein eher untypischer Weg. Demian, lass uns vielleicht mal beim Revolutionär anfangen. Wie ist denn Alexander Grotendieck zum Mathe-Rebell geworden?
Grotendiecks Herkunft
Also, ich würde mal sagen, das kommt aus der Familie. Also ganz fangen wir am Anfang an: Grotendieck wächst in Jahren politischer Unruhen und Umbrüche auf. Also sein Vater ist sowas wie ein jüdischer Anarchist, war an der russischen Revolution von 1905 gegen den russischen Zaren beteiligt. Ihm ging damals ein Todesurteil nur wegen seines Alters. Danach war er zehn Jahre in Haft und floh schließlich während der Revolution von 1917 Richtung Berlin. Dort trifft er Grotendiecks Mutter, die auch Teil verschiedener linker Gruppierungen ist.
Grotendieck kommt am 18. März 1928 auf die Welt, und da bekommt er dieses Rebellische fast schon ein bisschen in die Wiege gelegt. Also zum einen durch seinen Vater, aber er kommt ja auch zu einer unfassbar unruhigen Zeit zur Welt. Also 1928, Europa hat im letzten Jahrzehnt gerade mal einen Weltkrieg hinter sich. Der Wirtschaft geht es dadurch total schlecht. Dann crasht 1929 die New Yorker Börse, dann geht es wirtschaftlich richtig bergab auf der ganzen Welt. Und in Deutschland machen sich die Nationalsozialisten bereit. Also turbulent, würde ich behaupten.
Ja, auf jeden Fall. Am 30. Januar 1933, da ist Grotendieck gerade mal vier Jahre alt, wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Für Grotendiecks jüdische Familie bedeutet das natürlich Flucht. Die Familie flieht Richtung Frankreich. Ein Stolperstein erinnert heute noch in Berlin Mitte an diese Flucht. Zeitweise bleibt Grotendieck bei Pflegeeltern in Hamburg, unter anderem auch, als die Eltern während des Spanischen Bürgerkriegs zwischen 1936 und 1939 sich der republikanischen Seite anschließen. Er kommt erst dann zu den Eltern zurück, als sich die Pflegefamilie dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten anschließt.
Und ich möchte hier mal ganz kurz einhaken und nochmal betonen: Das sind nur die ersten zehn Lebensjahre von Alexander Grotendieck. Also Weltwirtschaftskrise, Vater wird verfolgt, die Eltern müssen fliehen und schließen sich dann nebenbei auch noch dem Spanischen Bürgerkrieg an, während er in Hamburg zurückbleibt. Und da hat der Zweite Weltkrieg noch nicht mal angefangen. Das muss man sich mal vorstellen. Also zehn Jahre alt und schon so viel erlebt.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen
Und es kommt ja nicht besser, würde ich mal sagen. Denn mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wird es noch gefährlicher für die Familie. Sein Vater wird dann im August 1942 schließlich gefangen genommen und in Auschwitz ermordet. Seine Mutter überlebt den Krieg, aber nach dem Krieg ziehen die beiden nach Montpellier. Das ist eine mittelgroße Stadt an der Mittelmeerküste Frankreichs. Von da an wird sein Leben aber ein bisschen ruhiger. Aber diese Zeit hat Grotendieck ja schon irgendwie geprägt.
Also er bleibt ja Zeit seines Lebens Pazifist und auch seine Mathematik wird das beeinflussen und vor allem eben auch seinen Platz in der Mathe-Community, sage ich mal. Aber erstmal muss Grotendieck überhaupt zur Mathematik finden. Das ist nämlich gar nicht so leicht. Was passiert jetzt, Demian?
Grotendiecks Weg zur Mathematik
Genau, fangen wir mit der Mathematik an. Grotendieck genießt die Schule, sehr untypisch, würde ich mal sagen. Aber okay, der Unterricht macht ihm halt Spaß. Aber er hat ein Problem mit der Mathematik. Das würde ich jetzt nicht als sonderlich guten Start bezeichnen, um Mathematiker zu werden. Naja, also es gefällt ihm nicht, dass man ihm keine korrekten Definitionen vieler mathematischer Begriffe liefert. Was ist zum Beispiel ein Volumen? Was ist eine Länge? Also ganz blöde Fragen, aber die Definitionen davon sind halt ein bisschen schwierig.
Also eigentlich hat er kein Problem mit Mathe, sondern mit der Wahrheit, mit dem Lehrplan, ja oder so. Und das wird sich auch sein Leben lang durchziehen. Aber okay, zurück. Und schon damals fasst er halt diesen Entschluss, später in seinem Leben halt alle Lücken zu füllen. In Montpellier findet er aber niemanden, der ihm dabei hilft. Und so macht er sich selbst an die Arbeit und bringt sich vieles einfach selbst bei.
Als ein Professor die Integraltheorie von Lebesgue für zu komplex für den jungen Grotendieck hält und sie ihm deswegen nicht beibringt, rekonstruiert Grotendieck die ganze Theorie einfach alleine, aus dem Nichts. Und so schreibt er später in seine Biografie: Das habe ich alles selbst gemacht. Und das ist absolut krass.
Die Integraltheorie von Lebesgue
Manuel, vielleicht kannst du uns mal ganz kurz erklären, wie krass das tatsächlich ist. Ist die Integraltheorie von Lebesgue so kompliziert? Also ist das wirklich so krass beeindruckend, dass sich das Grotendieck quasi im Alleingang beibringt?
Also ich finde schon, die Integraltheorie von Lebesgue ist von der Idee her allein schon deutlich abstrakter als das Riemann-Integral, das wir halt in der Schule kennenlernen. Also falls du dich erinnerst, beim Riemann-Integral überlegt man sich, wie man die Fläche unter einer Kurve am besten annähert. Und dabei geht man so geometrisch vor. Also man baut wie mit so einem Lattenzaun den Bereich unterhalb der Kurve nach und rechnet dann die Flächen der einzelnen Latten zusammen.
Ah, ich kann mir das so vorstellen. Wenn man schon mal ein Haus renoviert hat, dann kennt man vielleicht diese Dinger, die man so zum Beispiel in eine unebene Wand drückt, um zu gucken, wie die Form der Wand ist, um dann ein Brett oder so nachzuzeichnen. Ist das so ein bisschen das? Also dass es genau das abgibt und dann kann ich das ausrechnen?
Genau, ja. So ist das. Okay, cool, das kann ich mir vorstellen. Und deswegen lernt man das auch in der Schule, und das macht auch sehr viel Sinn. Allerdings gibt es halt auch kompliziertere Dinge als eine glatte Kurve, von der man zum Beispiel eine Fläche ausrechnen möchte. Und da braucht man halt eben die Lebesgue-Integraltheorie. Und die hat halt nicht wirklich eine geometrische Darstellung, sondern die beginnt auf viel, viel abstrakterer Ebene mit der sogenannten Maßtheorie.
Und da überlegt man sich halt, wie man die wildesten Objekte überhaupt vermessen kann. Das passt ja auch zu den Fragen, die sich Grotendieck gestellt hat. Also wie kann man eine gewöhnliche Fläche berechnen? Was ist denn die Fläche? Wie kann man die Fläche von der zerstückelten Linie berechnen oder sogar von Punktwolken? Und deswegen definiert man da halt diese Flächen über eine neue Art von Integral. Und das ist eben das Lebesgue-Integral. Und das alles als Jugendliche alleine herzuleiten, ist einfach super crazy aus meiner Sicht.
Grotendiecks Aufstieg in der Mathematik
Okay, danke, Manon, an dieser Stelle, dass du mir recht gegeben hast. Aber okay, ja, also der Professor ist genauso, ja, ich sag mal, begeistert und auch schockiert, wie das, was du gerade erzählt hast, Manon. Und deswegen schickt er halt Grotendieck direkt nach Paris zum École Normale Supérieure, also zur mathematischen Elite in Frankreich.
Ich finde es irgendwie total spannend, denn das hören wir ja hier in den Geschichten der Mathematik häufiger, dass sich die späteren Genies zunächst irgendwie erst super viel selbst beibringen. Das haben wir ja bei Srinivasa Ramanujan auch gesehen. Die Geschichte packen wir euch auf jeden Fall auch nochmal in die Shownotes, denn dazu haben wir ja schon eine Folge gemacht. Und er hat sich da auch alles autodidaktisch irgendwie draufgepackt.
Ja, also diese Neugierde, die Grotendieck aufweist, die ist, ich würde mal sagen, charakteristisch für Mathe-Talente. Und dieser Zug an Grotendieck zur Mathematik, der meist halt eben darauf basiert, dass er etwas von Null auf in Anführungsstrichen neu entdeckt. Also weil er halt irgendwie keine Bücher liest, sondern einfach sich alles selbst beibringt, wird charakteristisch in seinem Leben sein.
Kollegen, die ihn dann irgendwie Jahre später bei ihm zu Hause besuchen, werden später oft verblüfft bemerken, dass bei ihm zu Hause halt kaum Mathebücher zu finden sind. Es steckt halt alles in seinem Kopf. Stehe ich mir ja auch irgendwie schwierig vor, weil er muss ja erst mal durchs Studium kommen. In Paris ist er da noch. Wie geht es dann weiter für ihn?
Grotendiecks akademische Laufbahn
Ja, genau. Also in Paris besucht er das mathematische Seminar von Henri Cartan über algebraische Topologie und Gabentheorie. Unter den anderen Teilnehmern finden sich, wie gesagt, die Crème de la Crème der französischen Mathematik: André Weil, Laurent Schwarz und Jeux de Donets zum Beispiel. 1953 schließlich promoviert er mit gerade mal 24 Jahren. Und sechs Jahre später dann nimmt er eine Stelle am Institut des Haut Etudes Scientifiques an. Er fokussiert sich hier jetzt auf algebraische Geometrie.
Und die Jahre 1959 bis 1970, das sind sowas wie die goldenen Jahre von Grotendieck. Er revolutioniert mit seiner Arbeit, wie Mathematik gemacht wird, was man darunter versteht und ja auch, was gerade so in ist. Er arbeitet an sehr vielen verschiedenen Themen wie Geometrie, Zahlentheorie, Topologie oder komplexe Analysis. Das Institut wird bald Dreh- und Angelpunkt der Mathematik und die Topadresse für algebraische Geometrie. Und Grotendieck ist all das zu verdanken.
Grotendiecks revolutionäre Ansätze
Also, du droppst jetzt schon ziemlich viele Mathe-Vokabeln: Topologie, Gabentheorie, algebraische Geometrie, Analysis. Ich denke, das ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, dass Manon uns noch mal so ein bisschen was zur Mathematik Grotendiecks erzählt. Manon, wir haben jetzt schon ein paar Mal gesagt, dass Grotendieck die Mathematik revolutioniert hat, dass er so eine Art Mathe-Rebell war. Und in der letzten Folge haben wir geteasert, dass es um einen Mann gehen wird, der die abstrakte Mathematik noch mal abstrakter gemacht hat. Also jetzt mal Butter bei die Fische: Was hat Grotendieck denn genau gemacht?
Okay, also um das zu erklären, muss ich erst mal ein bisschen ausholen. Also in der Mathematik gibt es ja etliche verschiedene Bereiche, die Demian ja auch gerade so schön aufgezählt hat. Und die unterscheiden sich halt teilweise sehr stark voneinander. Also eben Algebra, Gleichungen, Geometrie. Die scheinen ja erst mal ziemlich unterschiedlich. Das eine ist mit Zahlen und Buchstaben, oder das andere ist mit Malen.
Genau, ja. Also dann lernt man ja in der Schule auch noch die Arithmetik kennen, also das Rechnen mit Zahlen. Dann gibt es noch die Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Vektorrechnung und so weiter. Also ich könnte jetzt ewig lang weitermachen. Das kann ich mir vorstellen. Deswegen unterbreche ich dich ganz kurz. Wir haben ja nur ein bisschen begrenzte Zeit. Also zurück zu Grotendieck. Was macht der genau?
Also der Punkt ist ja, dass auch wenn die Bereiche sehr unterschiedlich wirken, sie eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind. Also eines der berühmtesten Beispiele dafür, die wir im Podcast auch schon häufiger erwähnt haben, das sind die Algebra und die Geometrie. Also wie du vielleicht noch aus der Schule weißt, kann man für eine Gleichung ja auch immer einen entsprechenden Graphen malen. Also wir haben da so etwas wie die Gleichung x², und dann kann ich eben eine Parabel malen.
So, was? Genau. Und wenn ich dich jetzt bitte, den Schnittpunkt von zwei Parabeln zu bestimmen, dann kannst du das entweder am Graphen ablesen oder aber die beiden zugehörigen Gleichungen gleichsetzen und dann nach x auflösen und den Schnittpunkt so berechnen. Ich kann mich da noch daran erinnern, weil wenn man die Parabel nicht so super sauber gemalt hat, was durchaus mal vorkommen konnte, dann hat plötzlich die Lösung überhaupt nicht mehr gestimmt, weil es halt einfach nicht dort eingezeichnet war, wo es eigentlich hätte sein sollen.
Deswegen ist dann wahrscheinlich die Gleichung noch mal ein bisschen genauer, zumindest wenn man so krüzelig malt wie ich. Ja, genau, das war bei mir auch immer der Fall. Also das macht aber die Geometrie gerade auch so zugänglich. Also ich kann theoretisch jeder geometrischen Figur eine Gleichung zuweisen, und die Eigenschaften der Figur, also zum Beispiel die Krümmung oder so, die kann ich dann mithilfe von der Gleichung auch ausrechnen. Und zwar exakt. Muss ich nicht perfekt für zeichnen können.
Und der Zusammenhang zwischen Algebra und Geometrie, der weist sich halt als mega nützlich. Also auf diese Weise haben Mathematiker in etlichen Problemen in der Vergangenheit gelöst und auch Fragen beantwortet. Also nehmen wir mal René Descartes. Der hat nämlich überhaupt diesen Zusammenhang zwischen Geometrie und Algebra im 17. Jahrhundert erstmals beschrieben und das auch ausgenutzt. Und so hat er zum Beispiel auch ein 2000 Jahre altes Problem von Apollonius von Perge gelöst, das sich um Kreise dreht.
Und hat bewiesen, wie man zu drei Kreisen, die sich je in einem Punkt berühren, zwei weitere Kreise konstruieren kann, die diese drei Kreise auch in jeweils einem Punkt berühren. Ich muss kurz nachdenken, damit ich es mir bildlich vorstellen kann. Also wenn du drei Münzen aneinanderlegst, zum Beispiel, und die berühren sich jeweils gegenseitig, dann kannst du um diese Münzen nochmal einen Kreis drumherum zeichnen, der alle drei Münzen in einem Punkt berührt. Und du kannst noch einen ganz kleinen Kreis zeichnen, der quasi zwischen diesen drei…
In der Mitte ist. Ja, genau. Okay, jetzt kann ich es mir vorstellen. Dankeschön! Gerne. Und genau das hat Descartes bewiesen und halt auch quasi die Rechenvorschrift für diese Kreise angegeben. Und das konnte er halt eben dadurch machen, dass er diese Gleichungen hatte. Und das war halt damals eine echte Revolution, weil 2000 Jahre lang hatte man versucht, solche Probleme eigentlich immer nur rein geometrisch zu lösen.
Verbindungen in der Mathematik
Und ja, Descartes hat der gesamten Community plötzlich so einen komplett neuen Werkzeugkoffer in die Hand gegeben, mit der man halt solche Probleme lösen kann. Finde ich total cool, weil klar, auf die Idee zu kommen, einen Kreis drum zu malen, kann man irgendwie noch nachvollziehen. Aber das dann tatsächlich mathematisch ausrechnen zu können, ist natürlich nochmal was ganz anderes. Cool.
Aber dieser neue Werkzeugkoffer, der war offensichtlich nicht abstrakt genug. Denn ich vermute mal, solche Verbindungen sind ja irgendwie nicht nur in der Geometrie nützlich, sondern wahrscheinlich auch in anderen Formen. Also wie kann man das Ganze dann irgendwie vielleicht auch dafür nutzen?
Genau, also allgemein ist das für die Mathematik immer super, wenn man eine Verbindung hat. Und das sorgt dann immer schlagartig für neue Entwicklungen. Also wenn ich zum Beispiel ein Problem aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht lösen kann, es aber irgendwie eine Verbindung zur Analyse gibt, dann kann ich versuchen, das Problem mithilfe der Analyse zu lösen. Und vielleicht habe ich ja dann noch mehr Werkzeuge zur Hand, also zum Beispiel Ableitungen oder Integrale, und kann so das Problem überhaupt erst angehen.
Und all das weiß halt eben auch Grotendieck. Also er weiß, dass Verbindungen in der Mathematik echt key sind. Und er will halt mehr davon aufdecken. Klingt jetzt erstmal ziemlich vernünftig, würde ich behaupten. Genau, ist es auch. Aber solche Verbindungen zu finden, das ist natürlich alles andere als einfach. Das habe ich mir fast gedacht.
Also man braucht halt so einen Überblick über alle mathematischen Bereiche, wenn du so willst. Es reicht ja nicht, in einem speziellen Teilgebiet Experte zu sein, sondern du musst ja dafür echt nur einen Überblick haben. Man muss wie so eine Art Vogelperspektive über alle verschiedenen Gebiete der Mathematik einnehmen. Und das Problem ist aber, dass durch so eine Vogelperspektive gehen ja auch meistens dann auch Details verloren.
Klar, und damit ich erstmal alles sehen kann, muss ich erstmal ziemlich weit nach oben und ein bisschen weiter weg. Und dann sehe ich aber vielleicht auch nicht mehr alles. Aber vielleicht sind ja irgendwie auch so diese ganzen kleinen Details im ersten Moment gar nicht so super relevant, um erstmal zu sehen, was ist überhaupt miteinander verbunden und wie kann ich das Ganze irgendwie verbinden.
Also wenn ich, sag ich mal, wir sprechen ja häufiger über Gebäck. Also wenn ich in eine Kuchentheke reingucke und ich gucke erstmal so von ganz oben drauf, dann kann ich ja trotzdem schon mal erkennen: Ah, das ist Schokokuchen und das ist eine Himbeertorte. Da muss ich ja gar nicht die einzelnen Schichten der Torte sehen, um trotzdem entscheiden zu können: Heute habe ich mehr Bock auf Schoko.
Also ist das ja dann vielleicht trotzdem irgendwie hilfreich. Ja, genau. Also zum Beispiel könntest du ja auch von beiden sehen: Oh, beide sind mit Sahne gemacht worden. Also werde ich wahrscheinlich für beide, wenn ich die nachbacken wollen würde, Sahne kaufen müssen. Also solche Sachen willst du sehen.
Und genau so was etabliert Grotendieck halt. Also anstatt sich jetzt gezielt einem konkreten Problem zu widmen, also zum Beispiel die Lösung von der Differenzialgleichung zu berechnen, schaut er sich lieber an, welche Art von Differenzialgleichung ganz generell in der Regel für Lösungen haben. Also das ist zwar vielleicht wertvoll zu wissen, aber halt komplett nutzlos, wenn man wirklich am Ende eine konkrete Lösung wissen möchte.
Grotendiecks Abstraktion
Und ich gehe mal davon aus, er hätte schon gerne auch ein paar Lösungen. Also wird es noch ein bisschen abstrakter. Genau. Also er selbst muss gar nicht diese Lösungen haben. Er selbst arbeitet auch gar nicht an diesen konkreten Lösungen, sondern wie gesagt, er schwebt oben drüber. Der ist so in der Sphäre oben drüber und kann so aber zu krassen Fortschritten führen und völlig neue Forschungsbereiche erschaffen.
Und wie gesagt, das Ganze ohne irgendwie ein konkretes Theorem oder so was zu beweisen. Da muss ich mir das Ganze vielleicht auch mal vorstellen: Er schwebt so in seiner abstrakten Ebene herum und guckt so ein bisschen: Ach, vielleicht passt ja dieses Themengebiet mit diesem Themengebiet zusammen. Hast du denn da vielleicht auch ein konkretes Beispiel für so einen Forschungsbereich, den Grotendieck da vorangetrieben hat? Einfach damit man sich das mal ein bisschen genauer vorstellen kann.
Ja, klar. Also ich bin ja auch Fan von eher handfesten Ergebnissen, deswegen habe ich da mal ein bisschen genauer geguckt. Sehr gut. Also als Grotendieck so in seinen 20ern ist, da steckt die algebraische Topologie noch ganz in den Kinderschuhen. Also die ist eigentlich kaum vorhanden. Das sagt mir jetzt tatsächlich auch erst mal absolut nichts. Kein Problem.
Das begegnet einem in der Regel auch überhaupt erst im Mathestudium und auch eher spät. Also im Prinzip geht es da darum, den Bereich der Topologie mit der Algebra zu verbinden, wie der Name sagt. Also ganz ähnlich wie davor Descartes halt eben die Algebra und die Geometrie miteinander verbunden hat. Und hier im Podcast haben wir auch schon häufiger über Topologie gesprochen. Und bevor ich den Podcast selbst moderiert habe, habe ich auch immer sehr gerne zugehört.
Und deswegen fällt mir zur Topologie vor allem eins ein: und das ist Donuts. Auf jeden Fall! Das ist auch das Wichtigste. Wusste ich! Was hat denn die Topologie mit Donuts zu tun? Ja, also das ist immer das Paradebeispiel, weil Topologie ist ein bisschen so wie die Geometrie ohne Details. Also Topologen klassifizieren halt auch Figuren, aber halt nach ihren groben, ganz unveränderlichen Eigenschaften.
Also ein Beispiel dafür sind die Anzahl der Löcher. Und für Topologen ist dann halt alles, was irgendwie ein einzelnes Loch hat, gleich. Also ob es jetzt ein Donut ist, ein Bagel, ein Schwimmreif oder halt eine Kaffeetasse. Solange es ein Loch hat, ist es gleich. Und dann ist halt alles, was kein Loch hat, auch gleich. Also zum Beispiel ein Fußball, ein Baguette oder ein Würstchen. Genau.
Und in unserer 3D-Welt ist das ja super easy. Also da fragt man sich, warum braucht man dafür einen Forschungsbereich überhaupt? Weil 2D-Oberflächen, ich gucke drauf, kann ich direkt sagen: Hat ein Loch, hat kein Loch, hat zwei Löcher, was auch immer. Aber man sieht ja nicht immer auf den ersten Blick, was ein Loch hat oder nicht.
Also in der Topologie zum Beispiel schaut man sich halt nicht nur 2D-Oberflächen in der 3D-Welt an, sondern geht nochmal in ganz andere Dimensionen. Ich hab’s ja geahnt! Ja, genau. Wenn du dir jetzt was in fünf Dimensionen vorstellen willst, dann weiß man halt auf einmal nicht mehr, ob irgendwas ein Loch hat oder nicht.
Und tatsächlich hat es auch einen praktischen Nutzen. Also es machen MathematikerInnen nicht nur aus Spaß, sondern in der Physik zum Beispiel braucht man das halt auch wirklich. Da ist man zum Beispiel an der Topologie von Elektronenzuständen interessiert, weil die darüber Auskunft geben, ob ein Stoff leitet oder nicht. Also Strom leitet. Und da braucht man halt auch mal mehr als drei Dimensionen.
Herausforderungen der höheren Dimensionen
Ich finde es super schwierig, mir allein vorzustellen. Also klar, drei Dimensionen kann ich mir super vorstellen. Spätestens wenn man mal irgendwie im Kino war und der letzte 3D-Film, wahrscheinlich der einzige 3D-Film, den ich gesehen habe, war Avatar. Und dann kommt dieses blaue Viech und fliegt auf einen zu. Das kann man sich irgendwie vorstellen. Aber fünf Dimensionen kann ich mir schon überhaupt nicht vorstellen. Und ich kann es ja irgendwie auch überhaupt nicht visualisieren.
Genau. Und das ist halt die Schwierigkeit. Also eine Anschauung für hochdimensionale Räume, die gibt es halt nicht. Und deswegen brauchen MathematikerInnen halt ganz andere Werkzeuge. Und in der Geometrie beschreibt man hochdimensionale Objekte eben durch die Gleichung. Also man springt dafür halt dann ins Reich der Algebra und kann dann alles Mögliche darüber ableiten.
Und kann man das für die Topologie dann auch machen, also dass die Objekte irgendwie durch Gleichungen beschrieben und klassifiziert werden, so wie wir es in der Algebra auch machen? Ja, das ist hier viel, viel schwieriger, weil die Geometrie sich eher lokal abspielt. Also ich kann sagen, an diesem Punkt habe ich diese Krümmung auf der Oberfläche. Aber um sowas wie ein Loch zu sehen, brauche ich ein Gesamtbild. Also da reicht es nicht, einen kleinen Punkt anzugucken.
. Und da brauche ich ganz, ganz viele Punkte, um dann zu erkennen, dass es ein Loch darstellt. Genau, und das ist halt die Topologie. Das macht es so schwierig.
Grothendieck und die Algebra
Und hier kommt jetzt Grothendieck ins Spiel. Also vor ihm hatten auch schon andere Fachleute Ideen, unter anderem Emmy Noether. Über die haben wir im Podcast auch schon gesprochen. Und zwar, dass man halt auch Strukturen aus der Algebra nutzt, um über die Topologie eines Objekts zu sprechen. Also Strukturen aus der Algebra könnten zum Beispiel eine Gleichung sein. Aber da haben wir ja schon festgestellt, funktioniert nicht so gut, weil die Gleichung halt eben die Geometrie widerspiegelt.
Aber Emmy Noether erkannte, dass man andere algebreiche Größen, zum Beispiel Gruppen, benutzen kann. Und über die haben wir im Podcast zu Galois gesprochen. Und die eignen sich schon mal besser, um die Topologie eines Objekts widerspiegeln zu können.
Jetzt ist es so, okay, ich schmeiße dir zum Beispiel irgendeine Gleichung hin, sage, das ist das Objekt, was wir uns angucken wollen, die Figur. Wir haben kein Bild dazu, weil es lebt in fünf Dimensionen. Und jetzt möchte ich aber wissen, wie sieht denn die dazugehörige Gruppe aus, um was über die Topologie auszusagen. Aber ich kann halt diese Gruppe nicht berechnen.
Der Einfluss von Grothendieck
Und das ist die Zeit, in der Grothendieck dann endlich ins Spiel kommt. Ich musste leider lange ausholen. Es tut mir leid. Das muss dir überhaupt nicht leid tun. Wir sind doch eine Geschichte. Wir erzählen doch. Genau, ja. Und es ist halt eben keine einfache Mathematik, die er gemacht hat. Das sieht man ja schon daran.
Und als Grothendieck anfängt zu forschen, ist das Gebiet der algebreichen Topologie noch ziemlich chaotisch. Also es gibt zwar mehrere Methoden, um die algebreichen Gruppen zu ganz bestimmten topologischen Objekten zu bestimmen. Aber diese Methoden unterscheiden sich halt je nach Art des Objekts total voneinander. Also es gibt nicht so etwas wie ein einheitliches System, um eben diese Gruppen zu berechnen.
Und dann kommt aber Grothendieck und der räumt auf. Also der nimmt halt eben diese Vogelperspektive ein und kann dann so ein gemeinsames Fundament für viele dieser Konzepte schaffen. Also Demian hatte ja eben schon die Gabentheorie des Busworth hier reingedroppt. Das nehme ich jetzt auch mal. Also das hilft zum Beispiel dabei.
Methoden und Blaupausen
Und er findet so halt immer weitere Methoden, um halt eben diese algebreichen Gruppen zu topologischen Figuren zu berechnen. Das heißt, er erstellt so eine Art Blaupause, so eine Art Rezept, die dann die einzelnen MathematikerInnen verwenden können, um ihre Probleme ein bisschen genauer zu identifizieren. Genau, also um eben diese Gruppen berechnen zu können, tatsächlich.
Für viele Fälle. Also tatsächlich sucht man noch heute nach einem Allgemeinrezept, das für jedes topologische Objekt, also jede Figur oder was auch immer, die dazugehörige algebreiche Gruppe ausspuckt. Das gibt’s nicht. Aber er macht halt trotzdem einen gigantischen Schritt nach vorne, in dem er halt für ganz viele Arten von Objekten eben angibt, wie man dann auf die Gruppe kommt.
Abstrakte Methoden und ihre Anwendung
Und es geht noch weiter. Also die extrem abstrakten Methoden, die er dabei ausarbeitet, finden eine extrem breite Anwendung. Also zum Beispiel fußt ein tausendseitiger Beweis, der 2024 veröffentlicht wurde und für viel, viel Aufsehen in der Mathe-Community gesorgt hat, auf den Grundlagen, die Grothendieck damals gelegt hat.
Da sieht man ja schon, also wir befinden uns ja gerade erst noch so Mitte des letzten Jahrhunderts. Jetzt sind wir quasi bei einer Ausführung aus dem Jahr 2024. Also da sieht man ja schon, warum Grothendieck als so ein großer Mathematiker gilt, der eben über ganz, ganz viele Jahrzehnte auch noch Mathematik beeinflusst hat.
Ja, aber er ist trotzdem bei einigen Mathematikern immer noch umstritten, sag ich mal. Also das liegt halt eben an der extremen Abstraktheit von seinen Methoden. Also der Bereich, an dem er gearbeitet hat oder den er quasi begründet hat, sowas wie die Kategorientheorie, die werden oft als abstrakter Unsinn bezeichnet.
Kritiken und Herausforderungen
Also eben gerade, weil es so schwer ist, aus dem Ganzen überhaupt handfeste Ergebnisse zu erzielen. Der tausendseitige Beweis zum Beispiel. Es ist ja super schwer, im Detail zu beschreiben, worum sich das Ganze dreht. Und im Prinzip zeigt er auf, dass halt gewisse mathematische Gebiete zusammenhängen, aber halt eben auf super abstrakter Ebene.
Und überhaupt gab es wohl bloß ein Dutzend Leute weltweit, die zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beweises der komplexen Argumentation überhaupt folgen konnten. Also das zeigt mal, was das überhaupt bringt, so am Ende. Und auch jetzt, zwei Jahre nach dem Ergebnis, ist noch immer nicht ganz klar, welche nützlichen oder handfesten Ergebnisse sich aus den bewiesenen Verbindungen da überhaupt ziehen lassen.
Und genau das kritisieren halt manche Fachleute, also dass die Mathematik teilweise in Sphären abhebt, denen niemand mehr folgen kann. Ich will der Mathe-Community jetzt nicht zu nahe treten, aber war Grothendieck halt einfach zu klug für seine KollegInnen und für die Generation danach? Oder war er vielleicht einfach ein bisschen zu, naja, ein bisschen crazy auch einfach?
Grothendieck als Mathematiker
Also zu crazy auf jeden Fall. Zu klug werden vielleicht manche auch sagen. Aber also er ist halt als Mathematiker bekannt, der wenig selbst bewiesen hat oder kaum eigene Ergebnisse so an sich handfeste produziert hat, aber einfach wahnsinnig gute Ideen in den Raum auch geworfen hat.
Also er hatte eine unschlagbare Intuition und hat komplett um die Ecke gedacht. Aber nicht alles von dem, was er vorher gesagt hat, hat sich auch bewahrheitet. Also der hat auch mal Fehler gemacht. Aber insgesamt hat er halt die Mathematik wie kaum ein anderer in den letzten 60 Jahren geprägt.
Persönliche Einschätzungen
Und wie ist denn deine persönliche Einschätzung zu Grothendieck? Ich kann mich daran erinnern, dass in der Vorbereitung Demian mal meinte, dass er den total faszinierend findet. Ich hoffe, Demian, ich lege dir da jetzt keine falschen Worte in den Mund. Aber wie ist denn deine persönliche Einschätzung, Manon?
Also ich denke, dass, wie wohl auch die meisten MathematikerInnen, das halt alles seine Daseinsberechtigung hat. Also es ist super wichtig, dass es Fachleute gibt, die sich mit konkreten Problemen beschäftigen. Also etwa der genauen Lösung von der Differenzialgleichung, weil das eine konkrete Aufgabe weiterbringt.
Aber auch die abstrakte Forschung, die Grothendieck gemacht hat und eingeführt hat, also die ist extrem nützlich. Denn einige der Prinzipien, die er eingeführt hat, haben ja letztlich dazu geführt, dass auch große Fragestellungen, wie die große Fermatische Vermutung, die wir auch schon im Podcast besprochen haben, dass die halt überhaupt bewiesen werden konnte.
Grothendieck in der Mathe-Community
Demian, was kannst du uns denn zur Persönlichkeit Grothendiecks sagen? Also wir haben jetzt schon ein bisschen gehört, wie er so als, ich sag mal, Mathematiker angekommen ist. Aber wie ist denn der Mensch Grothendieck so in der Mathe-Community angekommen?
Als Person war Grothendieck sehr beliebt. Hat mich ehrlich gesagt überrascht, aber man sagt immer wieder, dass er sehr charismatisch war, super energievoll und voller Lebenslust. Ich habe hier ein Zitat von einem Kollegen, Valentin Ponyrou: „Der Grothendieck, den ich damals kannte, war eine sehr beeindruckende Persönlichkeit. Und damit meine ich nicht nur seine mathematischen Fähigkeiten. Er war einer der stärksten und charismatischsten Menschen, die mir je begegnet sind.“
Ich stelle ihn mir wie eine Figur direkt aus einem Dostojewski-Roman vor. Er war zudem ein überaus gütiger und großzügiger Mensch. Er schien stets gut gelaunt zu sein, besaß eine große innere Ausgeglichenheit und auf seine Weise eine gewisse Lebensfreude. Damals konnte er schlafen, wann und solange er wollte, um anschließend umso erholter arbeiten zu können. Seine Leistungsfähigkeit war für mich geradezu ein Wunder.“ Zitat Ende.
Grothendiecks Zugang zur Mathematik
Gleichzeitig hat Grothendieck einen vollkommen eigenen Zugang zur Mathematik. Es gibt eine kleine Notiz von ihm aus dem Jahre 71, die inzwischen berühmt geworden ist, weil sie das sehr schön beleuchtet. Da schreibt er ein Theorem auf, den Riemann-Roch-Satz, zusammen mit einem Diagramm.
Um das Diagramm herum zeichnet Grothendieck in Comic-Manier zwei kleine Teufelchen zusammen mit einem großen Feuer, das die Hölle darstellen soll. Fett schreibt Grothendieck hier „Hexenküche“ dazu. Eine Metapher aus Goethes Faust. Was er genau jetzt damit meinte, ist eigentlich Interpretationssache.
Manche sehen darin eine Kritik an dem mathematischen Establishment oder eben, wie das Systemwissenschaftler-Ganzes funktioniert. Andere sehen darin die Klagen eines intellektuell ausgelaugten Mathematikers, der einfach nur müde ist. Vielleicht interpretiert man aber auch ein bisschen zu viel rein. Kann auch sein.
Aber auf jeden Fall ist diese Notiz super symptomatisch für Grothendieck. Diese Kombination aus mathematischen Gedanken, Polesie, Systemkritik und auch dieses, ja, sich nicht wirklich dazugehörig fühlen.
Grothendiecks Platz in der Mathematik
Da muss ich noch mal einhaken, denn eigentlich gehört er ja schon dazu. Also er lehrt ja am Institut des Hautes Études Scientifiques, einem der führenden Institute für Mathematik und Physik in Frankreich. Er ist bei seinen KollegInnen hoch angesehen, das haben wir eben gehört. Seine SchülerInnen sehen zu ihm auf.
1966 wird er ja sogar mit der Fields-Medaille für seine Arbeit ausgezeichnet. Das ist ja die wohl größte Auszeichnung und Ehre in der Mathe-Welt. Und den Nobelpreis, den gibt es ja nicht für Mathe. Und deswegen gibt es als Ersatz quasi diese Fields-Medaille.
Warum gehört er denn trotzdem nicht so richtig dazu oder fühlt sich zumindest nicht so zugehörig? Ja, absolut wichtig, dass du dir hier die Fields-Medaille erwähnst. Aber das passt wirklich super als Beispiel.
Boykott der Fields-Medaille
Also die Fields-Medaille wird ja seit 1950 alle vier Jahre im Rahmen des Internationalen Mathematikerkongresses vergeben. 1966, also in dem Jahr, in dem Grothendieck geehrt werden soll, findet der Kongress allerdings in Moskau statt. Und als Pazifist ist es für Grothendieck halt überhaupt nicht tragbar, an einer Veranstaltung in der Sowjetunion teilzunehmen.
Es ist die Zeit der Kuba-Krise und des atomaren Wettrüstens des Kalten Krieges. Ja, da möchte Grothendieck nicht in die Sowjetunion. Er geht tatsächlich nicht hin und boykottiert die Veranstaltung. Das ist bis heute das einzige Mal, dass die Verleihungszeremonie der Fields-Medaille aus politischen Gründen boykottiert wird.
Und obwohl man meinen könnte, dass es nach einer Ehrung mit der Fields-Medaille noch mal richtig gut für den Gelehrten läuft, geht es für Grothendieck eher abwärts. Also da sieht man ja auch schon, du sagst, das ist das einzige Mal, dass ein Mathematiker oder eine Mathematikerin das boykottiert hat.
Das zeigt ja schon so ein bisschen seinen Sonderstatus, auch dass er da auch irgendwie noch mal ein bisschen anders in der Mathe-Community mit solchen Sachen umgeht. Aber er boykottiert ja letzten Endes nicht nur die Verleihung in Moskau. Denn als er erfährt, dass die Forschung an seinem Institut auch durch das Militär finanziert wird, gibt Grothendieck eben durch Pazifist seine Stelle kurzfristig auf.
Radikalität und Rückzug
Also das zeigt ja auch schon so eine gewisse Radikalität, dass er sagt: „Vom Militär finanziert werden will ich nicht.“ Und 1970 kündigt er dann eben und gibt einfach seine krass renommierte Stellung auf. Ja, er war super konsequent, würde ich da mal sagen.
Aber er hat auch einen absoluten Burnout. In dieser Zeit kommt bei ihm ja, ich muss mal sagen, vieles zusammen. Er geht vom Universitätsleben zurück. In den Folgejahren wird er zwar immer wieder mal unterrichten, hier und da. Aber er wird immer mehr zum Außenseiter.
Bald wird klar, dass er dringend medizinischer und psychiatrischer Hilfe bedarf. Er wirkt oft manisch, wendet sich dem Esoterischen und Mystischen zu. Aber es kommt anders. Statt Hilfe zu suchen, taucht er unter. Und zwar komplett. Nicht einmal seine fünf Kinder wissen, wo er ist. Er ist einfach verschwunden.
Isolation und Mythen
Ich habe dazu auch einen Guardian-Artikel gelesen und da habe ich gelesen, dass die Kinder tatsächlich nur durch einen Zufall erfahren haben, wo ihr Vater ist. Denn sein Sohn Alexandre wollte eine Autoversicherung abschließen und dann meinte die Versicherung, dass sie für den Alexander Grothendieck schon eine Adresse hinterlegt haben.
Und dann dachte der Sohn sich, ich habe noch gar keine Versicherung, dann muss das mein Vater sein. Nur so hat der Sohn quasi erfahren, wo der Vater lebt. So hat er es zumindest dem Guardian erzählt. Ich packe den Artikel auch in die Shownotes.
Und das finde ich ist ja irgendwie schon unfassbar kurios. Zumal der Kontakt dann trotzdem über Jahrzehnte komplett abbricht. Grothendieck zieht sich immer mehr zurück und weil niemand etwas Genaueres weiß, entstehen vor allem Mythen um diese einstige Mathelegende. Wo er wohl ist, ob er überhaupt noch lebt, was er wohl so macht.
Heute weiß man ein bisschen mehr darüber, über sein Leben in La Serre. Tatsächlich hat er auch dort kaum Kontakt zu seinen Nachbarn gehabt. Und wenn dann ist er eher durch seine wirren Reden und kleinere Streitereien aufgefallen.
Wiederentdeckung durch Peter Battge
Die Mathe-Community aber bekommt erst 2013 ein erstes offizielles Lebenszeichen von ihm wieder. 2013, die Zahl kommt mir bekannt vor, denn ganz zu Beginn unserer Folge haben wir ja von diesem Fotografen gehört, der Grothendieck wiederfindet.
Und dieser Fotograf ist Peter Battge. Und du hast mit ihm sprechen können, Demian. Was genau hat er denn mit Alexander Grothendieck zu tun? Also ich fand es eine super faszinierende Geschichte. Hier nochmal ein Dankeschön raus.
Und zwar 2013 findet zum ersten Mal das Heidelberg Laureate Forum statt. Das ist eine Konferenz, die wir auch immer wieder hier im Podcast erwähnen, weil sie uns bei verschiedenen Folgen unterstützt haben. Würde ich sagen, dorthin werden auch alle Gewinner der Fields-Medaille und des Abel-Preises eingeladen.
Und damit das alles ein bisschen netter wirkt, hat die Organisation dazu ein Porträtbuch in Auftrag gegeben mit Fotos aller lebenden Preisträger. Und der Fotograf, der diese Porträts machen soll, das ist der Peter Battge. Und dem sagt man zu seinem Auftrag vor allem eins: „Du wirst alle auffinden können, bis auf zwei, die ja geradezu unauffindbar sind.“ Und einer davon, das ist natürlich Alexander Grothendieck.
Die Suche nach Grothendieck
Das war aber die perfekte Motivation für den Fotografen, ihn jetzt auch zu finden. Und er hat schon Erfahrung damit, die ganz großen Genies vor die Linse zu bekommen. Seit 2000 fotografiert er für diverse Organisationen schon Nobelpreisträger. Er ist also auch gewohnt, für seine Porträts durch die ganze Welt zu reisen.
Er hat sich dann also auf die Suche gemacht. Ganze fünf Jahre hat ihn die Recherche in Anspruch genommen. Das war die reinste Detektivarbeit, bis er schließlich mit der großen Hilfe eines Mathematikerfreundes von Grothendieck einen super wichtigen Tipp bekommen hat.
Und dann fährt er also in dieses Dorf in der Nähe der spanisch-französischen Grenze. Und da im Garten vom Haus trifft der Fotograf schließlich auf einen alten Mann. Er sieht eher aus wie so ein Druide und ehrlich gesagt weniger wie so ein Mathe-Professor, wie man ihn sich vorstellt. Und doch ist es tatsächlich Alexander Grothendieck. Und der Fotograf hat ihn tatsächlich gefunden. Und der durfte ihn ja auch fotografieren.
Eindrücke von der Begegnung
Was hat er dir denn von dieser Begegnung erzählt? Also was war denn sein Eindruck von Grothendieck? Also vieles von dem hat er mir tatsächlich nicht erzählen wollen, denn er hatte so eine Abmachung gemacht, dass er halt das nicht weitergibt.
Und also diese Tipps, die er bekommen hat, um den Grothendieck halt zu finden, auch dazu hat er nichts verraten. Und dann hat er mir halt auch erzählt, dass die Kommunikation halt generell nicht einfach war mit Grothendieck dann. Genau.
Er war natürlich schon älter, konnte deswegen schwer hören und war auch schwer zu verstehen. Aber er hat mir erzählt, dass man erkennen konnte, dass Grothendieck nicht bei guter Gesundheit war. Er als körperlich gebrochener Mensch. Das Foto würde Grothendieck eher schmeicheln.
Grothendiecks Gesundheitszustand
Und wir haben uns ja auch darüber unterhalten, dass halt bei der Mathe-Community die Meinung zu hören war, dass man ihm eigentlich helfen müsste. Also nachdem dieses Foto bekannt wurde. Und gleichzeitig gab es auch noch Stimmen, die meinten, ja, man müsste eigentlich die Entscheidung Grothendiecks respektieren.
Ich finde es total interessant, dass du sagst, dieses Foto Grothendieck eher geschmeichelt hat. Weil wenn man das jetzt vielleicht mal ganz kurz googelt, kann man irgendwie schon sehen, das ist wirklich ein sehr alter Mann, so mit Rauschebart und er sieht wirklich gebrechlich aus.
Und wenn er dann quasi sagt, dass ihm das sogar noch schmeichelt und sein Gesundheitszustand wohl eigentlich sogar noch schlechter war, dann finde ich, ist das irgendwie schon krass, wie er das so erzählt.
Grothendiecks Tod und Vermächtnis
Es ist ja dann eben auch tatsächlich so, dass Grothendieck schließlich im Oktober 2014 stirbt. Also gar nicht mal so viel später nach diesem Foto. Und Grothendieck stirbt allein in einem Krankenhaus.
Und erst nach seinem Tod wird das Ausmaß seiner Isolation auch wirklich sichtbar. Also sein Haus ist voller Pflanzen, also wirklich komplett voll. In so einer kleinen Hütte im Garten stapeln sich so Glasflaschen mit Gemischen aus Alkohol und Pflanzen.
Niemand weiß so richtig, wofür das eigentlich gedacht ist. Aber alle sind sich sicher, trinken sollte man es definitiv lieber nicht. Und man findet Schriften über Schriften. Und sie handeln oft weniger von Mathematik, sondern vielmehr so vom Bösen auf der Welt, von Kosmologie.
Vieles ist super wirr geschrieben und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Und vom Genie Alexander Grothendieck, der die Mathematik ein halbes Jahrhundert früher noch revolutioniert hat, ist ehrlich gesagt nicht mehr so viel übrig.
Abschließende Gedanken
Und ich finde, das ist schon irgendwie ein trauriges Ende für unsere Geschichte aus der Mathematik. Das kann und will ich so nicht stehen lassen. Und deswegen nochmal meine Frage an euch beide. Vielleicht erstmal Manon. Was ist denn dein allerliebster Grothendieck-Funfact, deine liebste Geschichte zu Mathe-Rebellen? Also irgendwas Schönes, was du uns noch zu Grothendieck sagen kannst?
Also mein Lieblings-Funfact hängt mit der Zahl 57 zusammen. Also die wird nämlich auch als Grothendieck-Primzahl bezeichnet. Aber wenn ich mal ganz kurz durchrechne, also Primzahlen kann man durch sich selber teilen, durch 1 und das war’s.
Und wenn ich mir jetzt aber 57 durchrechne, bin ich mir ziemlich sicher, dass das keine Primzahl ist. Oder? Genau, ja. Also das merkt man, wenn man sich die Quersumme anguckt, weil die ist 12, also 5 plus 7. Und 12 ist durch 3 teilbar, deswegen muss 57 auch durch 3 teilbar sein.
Stimmt ja. Also du hast recht, das ist keine Primzahl. Aber ich finde, auf den Primzahlen ist es auch intuitiv. Nein, nee. Aber ich habe mir auch noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Primzahlen aussehen. Also ich weiß nicht, wie eine Primzahl ist.
Ja, genau, erst mal ungerade. Okay, okay. Also ich weiß nicht, ich habe da ja viele Mathematiker, haben da schon so wie so eine Art Blick, manchmal so, ich weiß nicht, die 103 sieht irgendwie aus wie eine Primzahl. Absolut, ja. Oder? Ja, wenn ihr das sagt.
Grothendieck und die 57
Ja, und jedenfalls hat wohl auch Grothendieck gedacht, dass die 57 wirkt wie eine Primzahl. Weil laut einer Erzählung soll er mal von Kollegen gefragt worden sein: „Ey, hier Alex, sag mal eine Primzahl.“ Und er sagt dann halt einfach ganz trocken: „57.“
Guck mal, mir ist aufgefallen, dass es keine Primzahl ist. Ich finde, das ist gut. Das ist auf jeden Fall gut. Und ich finde aber in der Geschichte, was ich so schön finde, ist halt nicht nur, dass es irgendwie lustig ist, sondern halt auch einfach, das zeigt, dass halt auch Genies fehlbar sind.
Und ja, das ist in der Mathematik auch große Mathematikerinnen und Mathematiker halt manchmal halt auch daneben liegen bei den einfachsten Dingen. Ich stelle mir gerade so die Gesichtszüge des Gegenübers vor, wenn Grothendieck plötzlich sagt: „57!“
Tatsächlich wurde die 57 auch von einem anderen großen Mathematiker, von Hermann Weil, in der Veröffentlichung sogar als Primzahl bezeichnet. Skandal! Vielleicht hat das Grothendieck daher. Aber ich weiß jetzt auch nicht, wann der andere gelebt hat. Also von daher.
Deswegen wird auch eben halt diese Zahl 57 als Ehrenprimzahl genannt, weil so viele Mathematiker daneben liegen damit.
Weitere Fun-Facts
Okay, hast du denn auch so eine Fun-Fact-Geschichte über Grothendieck? Also das ist jetzt keine Fun-Fact-Anekdote, aber es gibt ein Zitat aus seinem Buch, das mir, ich sag mal, gefällt.
Sein Buch, seine Autobiografie, die für unsere heutige Folge die Hauptquelle war. Da vergleicht er sich mit seinen alten Freunden aus der Studienzeit. Er meint, dass diese auch Tiefgreifendes und Schönes in der Mathematik erreicht hätten.
Aber er meint auch gleichzeitig, dass sie auch eher diesem mathematischen Establishment, sagen wir mal, angepasst hätten, um dadurch halt nicht wirklich eine mathematische Revolution anstoßen zu können. Er selbst dagegen hätte es geschafft, sich davon loszulösen, dank einer besonders wichtigen Fähigkeit, nämlich die, allein sein zu können.
Ich möchte dieses Zitat jetzt nicht romantisieren oder irgendwie feiern, weil wir ja eben gesehen haben, dass er am Ende seines Lebens ja körperlich und seelisch gelitten haben muss, eben weil er einsam war.
Aber es könnte kaum ein symptomatischeres Zitat für ihn geben. Darin spiegelt sich meiner Meinung nach zum einen der Einfluss seiner revolutionären Eltern wider, aber auch sein ganzes mathematisches Werk und auch seine Sehnsucht danach, sich selbst treu bleiben zu müssen.
Ich finde, das kann man ja vielleicht auch ein bisschen so zusammenfassen, dass Grothendieck einfach sein Ding gemacht hat und gesagt hat: „Fuck it, wenn ihr das halt irgendwie doof findet, dann ist das halt so, aber das ist nicht mein Problem.“
Ich finde, das ist schon schön. Da ist auch ein bisschen Schönheit dabei, auf jeden Fall.
Abschluss und Ausblick
Ja, dann vielen lieben Dank, ihr beiden, dass ihr euch so viel Zeit genommen habt, um über Alexander Grothendieck zu sprechen. Danke zurück. Danke für deine Geduld.
Wir hören uns in zwei Wochen wieder mit einer neuen Geschichte aus der Mathematik. Und wir werden von dem Mathematiker sprechen, der die Quadratur des Kreises als Sprichwort wohl so sehr mochte, dass er daraus sein ganzes Lebenswerk gemacht hat.
Zum Schluss habe ich aber noch einen Podcast-Tipp für euch, denn am 22. Mai ist der Weltbiodiversitätstag. Und mein Kollege Marc Zimmer vom Spektrum-Podcast schaut darauf, dass heute zwar mehr Arten entdeckt werden als je zuvor, einfach weil wir in immer mehr entlegene Gebiete kommen können, aber gleichzeitig täglich so viele Arten aussterben, dass wir trotzdem eine Artenvielfaltskrise haben.
Die Folge dazu könnt ihr euch ab dem 22. Mai überall dort anhören, wo es Podcasts gibt und natürlich auch auf spektrum.de und detektor.fm.
Geschichten aus der Mathematik ist eine Kooperation vom Podcast Radio detektor.fm und Spektrum der Wissenschaft. Die Idee für den Podcast und die Story kommen von Demian Nauel Gosz, die Mathematik erklärt hat Manon Bischoff. In der Redaktion mitgeholfen habe ich, Rabea Schlotz. Die Musik kommt von Tim Schmutzler. Die Folge produziert hat Benjamin Serdani. Und die Moderation kommt von mir, Rabea Schlotz. Alle Folgen findet ihr auf detektor.fm und spektrum.de. Ciao, bis zum nächsten Mal.
Untertitel von Stephanie Geiges.