Curt Herzstark und die Curta
Sie sieht aus wie eine Pfeffermühle, wiegt nicht mehr als ein Smartphone und passt bequem in eine Hand: Die Curta, benannt nach ihrem Erfinder Curt Herzstark, ist der kleinste mechanische Taschenrechner der Welt. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt kommt, gilt sie als Sensation. Schließlich versuchen Ingenieurinnen und Ingenieure schon seit Jahrhunderten, eine handliche Rechenmaschine zu entwickeln — und scheitern immer wieder. Die Modelle sind fehleranfällig, umständlich zu bedienen oder schlicht zu schwer und zu groß, um sie im Alltag zu transportieren.
So ein kleines Ding, das so viel kann — das ist schon krass.
Manon Bischoff, Mathe-Redakteurin von Spektrum der Wissenschaft

Mit der Curta ändert sich alles. Plötzlich ist ein echter Taschenrechner verfügbar, der nicht nur klein und leicht, sondern auch außergewöhnlich leistungsfähig ist. Mit der Curta lassen sich problemlos mehrstellige Zahlen multiplizieren; wer ein bisschen Übung hat, kann sogar Wurzeln ziehen oder Kubikwerte berechnen. Kein Wunder, dass die Nachfrage groß ist. Mehr als 140.000 Mal verkauft sich die Curta nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor sie in den 1970er Jahren von den ersten digitalen Taschenrechnern abgelöst wird.
„Kein Geschenk für den Führer“
Wie man die Curta bedient, ist bis heute leicht zu verstehen: mit mechanischen Schiebern Zahlen eingeben, einmal die Kurbel drehen, schon erscheint das Ergebnis. Kaum vorstellbar, unter welchen Bedingungen die feine Mechanik erdacht wurde, die diese Rechenleistung möglich macht. Der Wiener Ingenieur Curt Herzstark, dessen Vater Jude war, wird 1943 von den Nazis verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Die SS weiß von seinen Plänen, eine kleine Rechenmaschine zu entwickeln, und zwingt Herzstark, im Lager weiter an seiner Erfindung zu arbeiten.
Für Herzstark war sein Taschenrechner ganz klar ein Weg, um zu überleben.
Demian Goos, Mathematiker

Die Nazis wollen den Taschenrechner Adolf Hitler zum Geschenk machen. Dazu kommt es nicht: Im April 1945 wird das KZ Buchenwald von amerikanischen Truppen befreit. Herzstark überlebt und erinnert später in einer Autobiografie „Kein Geschenk für den Führer“ an die Entstehungsgeschichte seiner berühmten Erfindung.
Was wollten die Nazis mit einem Taschenrechner, wie hat Curt Herzstark später auf seine Zeit im KZ zurückgeschaut, und wie funktioniert die Curta eigentlich genau? Darüber spricht detektor.fm-Moderatorin Karolin Breitschädel in dieser Folge von „Geschichten aus der Mathematik“ mit Manon Bischoff, Mathe-Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft, und dem Mathematiker Demian Nahuel Goos.
„Geschichten aus der Mathematik“ ist ein detektor.fm-Podcast in Kooperation mit Spektrum der Wissenschaft. Die Idee für diesen Podcast hat Demian Nahuel Goos am MIP.labor entwickelt, der Ideenwerkstatt für Wissenschaftsjournalismus zu Mathematik, Informatik und Physik an der Freien Universität Berlin, ermöglicht durch die Klaus Tschira Stiftung.