Hey, bevor es gleich losgeht, habe ich noch eine Podcast-Empfehlung für euch. Wir von detektor.fm haben nämlich mit Spektrum der Wissenschaft noch einen neuen Podcast gestartet. „Die großen Fragen der Wissenschaft“ heißt er, und genau darum geht es auch. Die beiden Hosts, Katharina Menne und Carsten Könnecker von Spektrum, stellen nämlich in jeder Folge eine große Frage der Wissenschaft. Was ist Zeit, zum Beispiel? Oder woher kommt das Leben? Oder auch, sehr spannend, gleich in der ersten Folge: Was lauert in der Tiefsee? Und das ist tatsächlich eine sehr große Frage der Wissenschaft, denn wir wissen mehr über die Rückseite des Mondes als über den Grund unserer Ozeane. In jeder Folge sprechen Katharina und Carsten ausführlich mit Forschenden, fragen sie, was sie über die Welt, die Naturgesetze und über das Leben wissen, wie sie arbeiten und was sie antreibt. Das also die Hörempfehlung vorab. Den Link zum Podcast packe ich euch nochmal in die Shownotes, oder ihr geht einfach auf spektrum.de oder detektor.fm, da findet ihr auch nochmal alle Infos. So, und jetzt geht’s mit der Folge los.
Herbst 2014. Im Gefängnis von St. Petersburg stehen vier Polizisten. Sie sehen ein bisschen ratlos aus. Heute ist hier ein Text angekommen, ein Text, den sich eine Gefangene gewünscht hat, und die Polizisten müssen ihn jetzt prüfen – jede einzelne Seite. Das Problem ist nur: Man versteht kein Wort. Wird hier zu einem Aufstand aufgerufen? Gibt es vielleicht einen versteckten Code? Oder wer bitte kommt ins Gefängnis und will nichts haben außer ein Paper über motivische Homotopie-Theorie? Das ist die Geschichte von Maria Jakasson. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Geschichte aus der Mathematik. Ich bin Caroline Breitschädel und ich hoste diesen Podcast. Schön, dass ihr alle da seid. Alle zwei Wochen erzählen wir euch, wie der Name schon sagt, eine Geschichte aus der Mathematik in diesem Podcast. Und wir, das sind neben mir Manon Bischoff, Mathe-Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft, und Mathematiker Demian Nauel Gos. Und ohne unsere vorigen Geschichten abwerten zu wollen, aber die Geschichte heute ist irgendwie eine echt besondere Geschichte. Die Mathematikerin, um die es geht, ist die jüngste noch lebende Mathematikerin, die wir hier im Podcast je vorgestellt haben. Es ist außerdem die erste Mathematikerin, die Demian und Manon beide persönlich kennenlernen durften. Und das ist auch der Grund, weshalb wir sie in dieser Folge bei ihrem Vornamen nennen. Das hat sie sich nämlich selbst so gewünscht. Ab jetzt sagen wir also nicht Maria Jakasson, sondern Mura. Das ist so etwas wie ihr Spitzname, und so nennt sie sich auch selbst. In Muras Geschichte geht es um einen Gefängnisaufenthalt und darum, wie man es schafft, eine schreckliche und herausfordernde Situation zu überstehen. Aber Manon hat mir versprochen, es geht auch noch um Donuts.
Erstmal Hallo, Manon. Hi, Caro! Das ist ja schon fast eine gute alte Tradition hier im Podcast, dass wir Gebäck mit ins Brot holen. Ja, also du hast im Einstieg ja schon gesagt, mathematisch geht es heute um die motivische Homotopie-Theorie. Aber ja, ich verspreche, es geht auch um Donuts. Das finde ich sehr gut, denn motivische Homotopie-Theorie klingt jetzt ehrlich gesagt noch nicht so sexy. Und Donuts machen mich da ehrlicherweise schon ein bisschen mehr an. Ja, das ist so ein bisschen das klassische Beispiel, das man nimmt, wenn es halt um algebraische Geometrie geht. Das ist der Oberbegriff für das mathematische Gebiet, um das es heute geht. Und das versucht man oft anschaulich zu machen über Donuts, weil man sich das halt eben ganz gut vorstellen kann. Aber ich muss euch auch ein bisschen vorwarnen: Das, was Mura da macht, das ist auch schon eher ein bisschen kompliziertere Mathematik und ein bisschen kompliziertere Donuts.
Okay, ich ahne schon, dass ich mich vielleicht ein bisschen zu früh gefreut habe. Da kommt dann wahrscheinlich wieder sowas wie ein 10-dimensionaler Donut direkt auf uns zu. Ja, vielleicht eher sogar ein 10-dimensionaler Donut, wo das Loch auch noch super viele andere Löcher hat, die auch verschiedene Dimensionen haben. Aber ja, das wird heute mal wieder ein bisschen herausfordernd, sage ich mal. Aber auch ziemlich cool, ich verspreche es. Okay, na gut. Also wir sind vorgewarnt und ich freue mich trotzdem auf den Donut. Genauso freue ich mich aber, dass natürlich auch Demian wieder mit von der Partie ist. Hallo, Demian! Grüß dich, Caro! Ich habe schon gesagt, das ist eben heute eine besondere Geschichte, weil ihr beide, also du, Demian, und Manon, Mura persönlich kennengelernt habt. Und ich muss sagen, ich finde sie wirklich einfach super sympathisch. Ganz viel von dem, was sie erzählt, das kenne ich aus der Mathematik selber. Also das sind ganz oft Anekdoten, wo ich gedacht habe: Ja, genau, das habe ich auch so erlebt, als ich früher Studi war. Ja, für mich war vor allem beeindruckend, wie offen sie von ihrer persönlichen Geschichte halt auch gesprochen hat und dabei auch ihren Humor die ganze Zeit bewahrt hat. Also ich meine, das, was sie erlebt hat, war sicher keine leichte Erfahrung. Und hier muss ich auch noch sagen, ich bin ihr super dankbar, dass sie sich uns geöffnet hat und dass sie ihre Erzählung mit uns geteilt hat. Und natürlich ihr Weg in die Mathematik, also dass sie im Gefängnis war, das ist auch einfach eine super krasse Geschichte. Oh ja, ja. Also heute forscht Mura ja in Paris an der Universität Sorbonne, aber diese Geschichte beginnt in St. Petersburg im Herbst 2014. Eigentlich beginnt sie sogar ein Stückchen früher, genauer gesagt am 7. Juli 2014. Mura ist ja gerade 20 Jahre alt, also wirklich noch sehr, sehr jung. Sie lebt damals noch in Russland, in St. Petersburg, und studiert Mathematik. Und sie hat gerade ihren Führerschein gemacht. Mura sagt selbst: Mathe und Homotopie-Theorie, das ist etwas, was ihr damals noch große Angst bereitet. Aber Autofahren – Autofahren ist halt noch deutlich schlimmer, erst recht im Winter in Russland. Und trotzdem hat sie irgendwie ihren Führerschein geschafft, aber noch nicht so viel Autofahren geübt, als sie zum Bahnhof fährt, um einen Freund abzuholen. Und die Geschichte fängt dann damit an, dass Mura in St. Petersburg ein Auto schrammt. Oh je, ausgerechnet Mura kriegt das erstmal gar nicht richtig mit, was da eigentlich passiert ist. Aber es gibt Überwachungskameras, die alles aufnehmen. Oder wie Mura selbst sagt: „Hey, ich habe ja nicht mitten in Moskau einen Oppositionsführer erschossen, ich habe ja nur ein Auto geschrammt. Ist ja klar, dass die Kameras hier super funktionieren.“ Auf dem Videomaterial ist also zu sehen, wie Mura das andere Auto tuschiert. Die Polizei kann Mura identifizieren auf dem Material und meldet sich dann bei ihr. Ja, blöd gelaufen, aber ein Kratzer im Auto, dafür muss man ja vermutlich auch in Russland normalerweise nicht sofort ins Gefängnis. Das nicht. Aber Mura muss eben vor Gericht. Schließlich hat sie ja auch Fahrerflucht begangen. Und der Richter dort, der stellt sie vor die Wahl: Entweder du gibst deinen Führerschein ab für ein halbes Jahr, oder du gehst drei Tage ins Gefängnis. Okay, wenn man jetzt nicht unbedingt diesen Führerschein braucht, würde ich sagen, nicht so eine schwere Entscheidung. Genau, also ich bin da total bei dir. Ich würde auch sagen, ich gebe einfach meinen Führerschein ab, oder? Ist ja klar. Und Mura braucht den Führerschein überhaupt nicht dringend, wie sie selbst sagt. Aber sie denkt, dass es ja voll das Versagen wäre, den Führerschein direkt wieder abzugeben, nachdem sie ihn geschafft hat. Ich glaube, Mura weiß heute selbst nicht wirklich so genau, warum. Aber sie steht da vor dem Richter und sagt: „Es ist ja voll das Versagen, den Führerschein direkt wieder abzugeben, nachdem sie ihn geschafft hat.“ Und Mura steht da vor dem Richter und sagt: „Okay, drei Tage Gefängnis.“ Ihren Optimismus finde ich echt beeindruckend. Drei Tage Gefängnis, und Mura denkt sich: Ach na ja, drei Tage ohne Ablenkung, top! Da kann ich mich endlich mal richtig auf Mathematik konzentrieren. Aber wirklich, wortwörtlich eine Sekunde nach der Verhandlung wird ihr sofort klar, dass diese Entscheidung wahrscheinlich ein großer Fehler war. Als die Verhandlung vorbei war und vier Polizisten mir die Arme genommen haben und mich involuntär ins Auto genommen haben, obwohl ich gegangen bin, aber sie haben sich nicht geäußert, was ich gesagt habe, habe ich dann begonnen zu realisieren, dass das nicht nur eine Verlustablenkung ist, sondern mehr als das. Wie die Polizisten Mura nach dem Prozess dann sehr unsanft zu ihrem Auto geleiten, das ist wahrscheinlich schon so ein Ausblick darauf, wie es im Gefängnis auch zugeht, kann ich mir vorstellen. Also dass es da gar nicht ruhig und entspannt ist, sondern wahrscheinlich ziemlich furchtbar. Ja, das ist es auch. Mura kriegt erstmal nichts zu essen und nichts zu trinken – mehr als 24 Stunden. Das muss man sich erstmal vorstellen. Sie hat überhaupt keine eigenen Sachen dabei, sie darf nicht raus aus ihrer Zelle, sie kann nicht wirklich mit anderen Menschen sprechen. Also es gibt da eine Frau, mit der Mura die Zelle teilt, die schwer krank ist und die halt die ganze Zeit schreckliche Horror-Stories erzählt. Und dann gibt es noch die Gefängniswärter. Und das war’s. Es gab einen Mann, der versucht hat, meine Nummer zu bekommen. Und ich habe ihm gesagt, dass ich meine Nummer nicht erinnere, auch wenn ich es ihm geben wollte. Mein Handy ist weg, wie kann ich dir meine Nummer geben? Das war die lustige Interaktion, die ich hatte. Gefängniswärter, die sie angraben und nach ihrer Nummer fragen. Also ich finde es echt krass, wie Mura davon auch erzählt. Sie macht ja auch voll viele Jokes. Manon hat es ja auch schon gesagt, sie bewahrt sich ihren Humor. Aber man hört schon auch durch, dass das wahrscheinlich überhaupt nicht lustig, sondern ziemlich unangenehm war. Ja, also das merkt man schon, wenn sie erzählt, was das für so eine krasse Erfahrung ist in dem Moment, wie schrecklich das alles für sie ist. Mura sitzt da also allein in ihrer Gefängniszelle und findet es viel schlimmer, viel einschränkender als erwartet. Ich denke da gerade an Hausarrest, den man als Kind oder Jugendliche vielleicht mal hatte, wenn man nicht raus darf und sich nur mit dem beschäftigen kann, was man halt so in der Gefängniszelle macht. Und nach ein paar Stunden wird es dann schon echt langweilig. Aber Mura, die hat halt nichts – nur sich selbst und ihre eigenen Gedanken. Und obwohl das machbar klingt für ein paar Stunden oder Tage, ist es halt super hart, weil wir so an das Privileg der Freiheit gewöhnt sind, sagt sie. Und in dieser Ausnahmesituation, in der man ja wirklich einfach nur nach Hause will, frage ich mich also bei aller Liebe zur Mathematik: Warum wünscht sie sich in dieser Situation ausgerechnet ein Paper über motivische Homotopie-Theorie? Ja, gute Frage. Ich glaube, um das zu verstehen, da müssen wir vielleicht ein bisschen zurückspringen, wie Mura zur Mathematik gekommen ist. Denn in ihrer Familie sind alle eher Geisteswissenschaftler. Also wirklich alle. Okay, Geisteswissenschaften liegen ja nicht jedem. Aber Mura ist neugierig und sagt: „Ich will das machen, was ich nicht verstehe.“ Und das ist diese geheimnisvolle Mathematik. Also Mura will Mathematikerin werden, gerade weil es da Probleme gibt, die sie nicht so leicht lösen kann. Das hat für sie etwas Verlockendes. Und sie will dann als junge Studentin in St. Petersburg unbedingt diese Welt der Mathematik richtig kennenlernen. Aber das ist nicht so einfach. In St. Petersburg, in Russland, bekommt Mura keine Infos zu internationalen Konferenzen oder so. Also googelt sie einfach selbst. Und Mura denkt sich schon beim Googlen: „Ach du Scheiße, ich verstehe ja nicht mal die Titel. Also ich kenne ja noch nicht mal alle Wörter, die in den Namen der Konferenzen vorkommen.“ Aber dann gibt es die eine Konferenz, die heißt „Vektorbündel und algebraische Kurven“. Und das sagt ihr was, zumindest genug, um Mut zu fassen. Und das wird dann also ihre erste internationale Konferenz im September 2014 in Berlin. Also offensichtlich hat Mura eine sehr, sehr große Leidenschaft für Mathematik. Da ist es ja auch logisch, dass sie auf Mathekonferenzen gehen will. Und ich finde es auch einen echt starken Schritt, dass sie das dann einfach selbst in die Hand nimmt. Der Besuch ihrer ersten Konferenz ist dann auch ein echter Glücksgriff für sie. Und das liegt daran, dass sie auf dieser Konferenz einen Mathematiker kennenlernt. Und zwar einen Mathematiker, der wirklich weltweit ein Experte für Muras Lieblingsgebiet in der Mathematik ist: Homotopie-Theorie. Sein Name ist Marc Levin. Ich war vorher nicht so sicher, ob er ein weltweiter Experte für Mathematik in der Mathematik in der Mathematik.