Dass die Klimakrise ein Risiko für die Weltwirtschaft darstellt, ist spätestens seit dem Stern Report von 2006 bekannt. Damals veröffentlichte der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, einen Bericht, der sagt: Wenn wir als Menschheit nichts gegen die Klimakrise tun, dann werden wir mindestens 5 % des globalen Bruttoinlandsprodukts verlieren pro Jahr. In seinem Worst-Case-Szenario geht er sogar von bis zu 20 % Verlust aus. Neuere Studien rechnen damit, dass wir pro Grad Erderwärmung 12 % des Bruttoinlandsprodukts verlieren. Nach dem letzten Bericht des Weltklimarats steuern wir aktuell auf 2,8 Grad bis 2100 zu. Wie hängen die Weltwirtschaft und das Klima zusammen, und was können wir tun, um beides zu retten? Darum geht es heute. Ihr hört den Klima-Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Hi! Mission Energiewende! Der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.
Wer aktuell die Klimapolitik in Deutschland verfolgt, der kommt nicht umhin zu bemerken, dass gerade ein klimapolitischer Rollback stattfindet. Das Heizungsgesetz wird abgeschafft, genauso wie die Förderung für Solaranlagen. Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche denkt über Fracking in Deutschland nach, und Kanzler Friedrich Merz sinniert über den Ausstieg aus dem Kohleausstieg. Und das alles, um die Wirtschaft zu retten. Wirtschaft ist die Grundlage für fast alles, auch für Klimaschutz, sagte Merz in seiner Grundsatzrede im Januar dieses Jahres. Konservative Politiker:innen führen immer wieder an, dass man erst einmal die Wirtschaft retten muss, bevor das Klima geschützt werden kann. Klimaschutz dürfe nicht zum Wirtschaftskiller werden. Aber kann diese Rechnung aufgehen? Studien wie die der New Economics Foundation sagen nein, denn die Klimakrise stellt ein massives Risiko für unsere Wirtschaft und für öffentliche Finanzen dar. Worin dieses Risiko besteht und was Staaten tun können, um es zu minimieren, darüber spreche ich mit meiner Kollegin Marisa Becker. Hallo! Marisa! Hallo, Ina!
Konservative Politiker:innen, wie auch unser Bundeskanzler Friedrich Merz, votieren oft gegen strenge Klimaschutzmaßnahmen mit dem Argument, dass diese der Wirtschaft schaden würden. Zuletzt haben wir das beim Aus vom Verbrenner gesehen, das vom Kanzler unter anderem mit dem Schutz von Arbeitsplätzen und der Automobilindustrie begründet wurde. Hier wird also Klimaschutz gegen die Wirtschaft ausgespielt. Jetzt erstmal an dich die Frage: Ist das eine Rechnung, die aufgehen kann? Nein, das ist eine Rechnung, die uns in Zukunft sogar ziemlich um die Ohren fliegen könnte. Denn das Klima nicht zu schützen, schadet unserer Wirtschaft. Klimaschutzmaßnahmen hingegen sind gut für unsere Wirtschaft. Letztes Jahr kam zum Beispiel ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, also der OECD, heraus, der zeigt, dass das globale Bruttoinlandsprodukt wächst, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten, im Vergleich zu einem Szenario, wenn wir das nicht tun. Und zwar um satte 13 Prozent bis 2100. Ergo: Klimaschutz ist gleich Wirtschaftsschutz.
Okay, woran liegt das genau? Das hat mehrere Gründe. Einmal ist es so, dass Naturkatastrophen, die durch die Klimakrise häufiger auftreten, Schäden verursachen. Also haben wir ja zum Beispiel im Ahrtal 2021 gesehen, da ist ziemlich viel zerstört worden. Und wenn zum Beispiel eine Fabrik eines Unternehmens von einer Überschwemmung betroffen ist, dann wirkt sich das negativ auf deren Bilanz aus. Extremwetterereignisse und Hitze können auch für sowas wie Ernteausfälle sorgen. Und auch das wirkt sich negativ auf die Wirtschaft aus. Und dann ist es so, dass unter Hitze auch die Produktivität sinkt. Ich glaube, das kennt jeder und jede von uns. Wenn es draußen 37 Grad sind, dann kann man kaum noch denken. Und gerade in sehr körperlichen Berufen ist es noch mal viel extremer. Und ich denke zum Beispiel an den Menschen, der irgendwie auf dem Bau arbeitet. Der kann bei 37 Grad einfach keine acht Stunden in der prallen Sonne stehen. Und so sinkt dann eben die Produktivität und damit im Ergebnis auch das Bruttoinlandsprodukt. Und das ist verheerend, weil sich das eben auch auf die öffentlichen Finanzen auswirkt.
Kannst du das noch mal genauer erklären? Inwiefern? Ein geringeres BIP bedeutet immer auch weniger Einnahmen für den Staat. Denn wenn es weniger zu versteuern gibt, dann gibt es eben auch weniger Steuereinnahmen. Und tatsächlich ist das, was uns durch die Klimakrise droht, ja nicht weniger als eine fiskalische Zeitbombe. Zumindest nennen die Forschenden der New Economics Foundation das so. Das ist ein progressiver britischer Think Tank, der untersucht hat, wie sich die Klimakrise auf die Schuldenquote der europäischen Staaten auswirkt.
Okay, bevor wir da genau reingehen, kannst du noch mal kurz erklären, was die Schuldenquote eines Staates überhaupt aussagt? Gerne! Also die Schuldenquote setzt die Verschuldung eines Staates ins Verhältnis mit dem Bruttoinlandsprodukt. Die deutsche Schuldenquote lag Anfang 2024 zum Beispiel bei rund 62 bis 63 Prozent. Das heißt, unsere Schulden als Land Deutschland entsprechen von ihrer Höhe her ungefähr 63 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Vielleicht kurz als Einordnung: So 60 Prozent gelten laut Maastricht-Verordnung für die Mitgliedstaaten der EU als Zielwert. Die realen Schuldenquoten sind aber sehr unterschiedlich. Also in Griechenland liegt die bei ungefähr 160 Prozent, und andere Länder wie Estland haben nur eine Schuldenquote von rund 20 Prozent. Das heißt, die Bandbreite ist da relativ groß. Und was sagt das dann genau aus? Die Schuldenquote sagt im Endeffekt aus, ob ein Land finanziell stabil dasteht. Und von der Schuldenquote hängt auch ab, wie kreditwürdig ein Staat ist. Aber nicht alle Schulden sind schlechte Schulden. Zum Beispiel Schulden, die eine Investition in die Infrastruktur und in Wachstum darstellen, das sind tendenziell gute Schulden.
Okay, alles klar, das habe ich verstanden. Und wie wirkt sich jetzt aber die Klimakrise auf die Schuldenquote aus? Sie erhöht die Schuldenquote massiv, wenn wir sozusagen Business as usual betreiben. Und ein Grund dafür ist, und das habe ich vorhin auch schon so ein bisschen angerissen, dass unser Bruttoinlandsprodukt durch die Klimakrise sinkt, wenn wir weitermachen wie bisher und uns eben nicht anpassen. Und da die Schuldenquote die Schulden ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt setzt, geht die Quote hoch, wenn wir weniger einnehmen. Okay, logisch. Genau. Aber es spielen auch zwei weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Und über die habe ich mit Sebastian Mang gesprochen. Der hat die Studie der New Economics Foundation mit durchgeführt. Aber dann gibt es auch einen zweiten Kanal, nämlich dass staatliche Ausgaben steigen werden. Das heißt, Extremwetterereignisse verursachen direkte Kosten für den Staat: Nothilfe, Wiederaufbau von Infrastruktur, Unterstützung von betroffenen Bevölkerungsgruppen und so weiter. Zum Beispiel gab es 2021 eines der schlimmsten Extremwetterereignisse in Deutschland, nämlich diese Hochwasserkatastrophe, die fast 200 Leute das Leben gekostet hat. Das hat auch Milliarden Euro Schäden verursacht, und der Staat hat einen Wiederaufbaufonds kreiert, nämlich für 30 Milliarden Euro. Und wenn diese Ereignisse häufiger passieren, dann wird es natürlich auch bedeuten, dass der Staat öfter einschreiten muss. Und der dritte Weg, in dem Klima die Haushalte betreffen wird, ist in der Weise, dass wahrscheinlich die Zinsen nach oben gehen würden, weil der Finanzmarkt dann sagt: Ihr habt ganz viele Klimafolgen. Das heißt, die Investitionen, die der Staat tätigt, werden vielleicht auch kaputt gehen oder werden dann nicht so effektiv sein, als wäre Klimawandel nicht passiert. Dadurch entsteht dann ein sich selbst verstärkender Mechanismus. Höhere Klimarisiken bedeuten dann höhere Zinsen, höhere Zinsen bedeuten höhere Schulden, und höhere Schulden bedeuten dann einen engeren fiskalischen Spielraum für Klimainvestitionen.
Kannst du das noch mal in Zahlen übersetzen? Also in welchen Dimensionen bewegen wir uns da? Sebastian Mang und seine Kolleg:innen haben als Basis die Debt Sustainability Analysen der EU genommen, die Prognosen darüber abgeben, wie sich die Schuldenquote in Zukunft entwickelt. In dieser Berechnung werden Klimaschäden, sinkende Produktivität durch die Klimakrise und so weiter bisher nicht berücksichtigt. Und genau das wollten die Forschenden der New Economics Foundation ändern. Sie haben also diese Rechnung genommen und geschaut, wie die Zahlen ausfallen, wenn man die Klimakrise als Faktor mit einberechnet. Und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Schuldenquote in Deutschland im Jahr 2070 um 175 Prozent höher liegen würde als in aktuellen Prognosen. Um das einmal einzuordnen: Laut dem sechsten Tragfähigkeitsbericht des Bundesfinanzministeriums wird für Deutschland im Jahr 2070 ein drastischer Anstieg prognostiziert, sofern keine Reformen erfolgen. Wir sprechen da im pessimistischen Fall über eine Schuldenquote von 345 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Oh wow, das ist krass! Das ist auf jeden Fall eine ziemliche Hausnummer und ein bedrohliches Szenario. Wie entwickeln sich denn diese Zahlen, wenn wir es schaffen würden, in Klimaschutz zu investieren in Zukunft? Die gute Nachricht ist, wir können diese Prognose tatsächlich deutlich verbessern. Wenn wir zum Beispiel die globale Netto-Null schaffen, dann können wir die Schuldenquote durch ausreichenden Klimaschutz im Vergleich zur Prognose sogar senken, und zwar bis 2070 um minus 28 Prozent. Woran das liegt, hat Sebastian Mang erklärt. Und da haben wir gezeigt, dass erstens weniger Emissionen dann weniger Schäden bedeuten, und weniger Schäden dann weniger Schulden. Das heißt, Klimainvestitionen reduzieren den Ausstoß von Treibhausgasen und begrenzen dadurch dann den Temperaturanstieg und dadurch dann halt die physikalischen Klimaschäden. Und zweitens kann man sich dann auch anschauen, dass Klimainvestitionen einen ziemlich riesengroßen wirtschaftlichen Multiplikator quasi erzeugen. Das heißt, 1 Euro Investitionen in grüne Investitionen oder Zukunftsinvestitionen erzeugen zwischen 1,10 Euro und 1,50 Euro an Wirtschaftsleistung. Und dann letztens drittens kann man auch sehen, dass diese Investitionen in Anpassung, das heißt in Hochwasserschutz, in klimaresiliente Infrastruktur, dann quasi die zukünftigen Schäden auch reduzieren können. Es gibt also handfeste wirtschaftliche Argumente dafür, in Klimaschutz zu investieren. Und trotzdem macht unsere Regierung da gerade eine Rolle rückwärts in Sachen Klimaschutz. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) soll abgeschafft und durch das Gebäudemodernisierungsgesetz und die Biotreppe ersetzt werden, wodurch fossile Energieträger länger eine Rolle in der Energieversorgung spielen. Gleichzeitig soll das Netzpaket, so es denn kommt, den Ausbau der Erneuerbaren begrenzen. Es wird über Atom- und Kohlekraft diskutiert, und Bohrungen nach Gas in Deutschland, also Fracking, sind auch im Gespräch. Woran liegt das denn? Ich glaube, dass ein wirklich wichtiger Punkt ist, dass wir die negativen Auswirkungen des Nichtinvestierens im Moment noch nicht zu spüren bekommen oder zumindest noch nicht genug zu spüren bekommen. Gerade liegt der Fokus der Diskussion darauf, die hohen Kosten der Transformation zu benennen. Und das wurde auch in einem Gastbeitrag von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Anfang April ziemlich deutlich. In dem schreibt sie nämlich, dass die Erneuerbaren hohe Systemkosten verursachen würden. Was stimmt. Das ist also nicht falsch. Was sie aber nicht beschreibt, ist, dass wir insgesamt durch die Energiewende keine CO2-Zertifikate kaufen und keine fossilen Energieträger mehr importieren müssen und dass wir dadurch am Ende trotz der hohen Investitionen sogar ein volkswirtschaftliches Plus machen. Mal ganz abgesehen von den Klimaschäden, die uns erspart bleiben, weil wir eben weniger emittieren.
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Wann werden wir denn voraussichtlich auch diese fiskalischen Auswirkungen der Klimakrise überhaupt zu spüren bekommen? Das wird wahrscheinlich nicht mehr allzu lange dauern. Zumindest nimmt Sebastian Mang das an. Sobald wir über die 1,5-Grad-Grenze stoßen, wir sind ja jetzt da oder knapp darüber oder sogar an diese 2-Grad-Grenze stoßen, dann werden diese fiskalischen Auswirkungen einfach größer und größer, und diese Effekte summieren sich und verstärken sich. Und bis dann die politische Debatte diese Dimension aufholt, könnte der Haushaltsspielraum für eine geordnete Reaktion bereits erheblich eingeschränkt sein. Das heißt, wir müssen einfach auch über diese Zeitdynamik denken. Wenn wir jetzt agieren, können wir die schlimmsten Folgen in der Zukunft verringern. Aber wenn wir die schlimmsten Folgen so langsam erleben, dann ist es vielleicht schon zu spät, um die schlimmsten Folgen zu verändern.
Was müsste denn die Politik tun, um die Folgen abzumildern? Sebastian Mang sagt, die Politik müsste in Deutschland wie auch auf EU-Ebene vor allem Geld in die Hand nehmen und das eben in Klimaschutz und Transformation investieren. Aber eigentlich bräuchte man so einen europäischen Investitionsfonds, so wie wir in Deutschland das Sondervermögen haben, das für Klima oder für die Energiewende und für unsere grüne Industriepolitik quasi verwendet wird. Und das zeigt es wieder mit dem Iran-Krieg. Eigentlich müsste man jetzt doppelt so schnell und doppelt so stark in Erneuerbare und Energieeffizienz investieren. Und gleichzeitig muss man sich auch überlegen, wie eine gerechtere Finanzierung ausschaut. Wir haben gerade eine Debatte in Deutschland zur Erbschaftsteuer, und diese Debatte sollte dazu führen, dass wir eine progressivere Erbschaftsteuerreform erhalten. Auf der europäischen Ebene arbeiten wir auch dahin, dass wir eine progressive Vermögensteuer bekommen, dass auch die, die am meisten haben in der Gesellschaft, auch ihren fairen Beitrag bezahlen. Der Schlüssel liegt darin, Geldströme global gesehen in nachhaltige Technologien und in Klimaschutz zu lenken. Sebastian Mang schlägt dafür zum Beispiel die Vermögensteuer vor. Dazu hatten wir hier ja auch schon mal eine Folge. Die verlinken wir euch auf jeden Fall in den Shownotes. Und zu dem Schluss, dass wir vor allem die Finanzströme verändern müssen, kommt auch der State of Finance for Nature 2026 Bericht des UN-Umweltprogramms. Für jeden Dollar, der global in Naturschutz investiert wird, werden nämlich 30 Dollar in Naturzerstörung investiert. Das fand ich total beeindruckend, als ich das zum ersten Mal gehört habe. Und solange dieses 30 zu 1-Verhältnis besteht, haben wir einfach ein strukturelles Problem. Und das gilt es eben umzudrehen. Zum Beispiel, indem Staaten gezielt klimaschädliche Subventionen abbauen und das Geld stattdessen in klimafreundliche Investitionen reinstecken. Und gleichzeitig müsste man im Privatsektor Umweltrisiken viel stärker in die Investments einpreisen. Das sagt zumindest der UNEP-Bericht. Erst Wirtschaft, dann Klimaschutz. Das geht sich nicht aus. Das hat meine Kollegin Marisa Becker recherchiert. Dafür hat sie mit Sebastian Mang von dem britischen Think Tank New Economics Foundation gesprochen. Vielen Dank für deine Recherche und für das Gespräch, Marisa. Gerne! Die Audioproduktion für diese Folge hatte Wiebke Stark, und die Redaktion hatte ich, Ina Lebedjew. Das war der Klima-Podcast von detektor.fm für diese Woche. Wenn ihr über unsere nächsten Folgen rund um Klimaschutz informiert sein wollt, dann folgt doch dem Podcast in der App eurer Wahl. Dann hören wir uns schon in einer Woche wieder. Bis dahin macht’s gut! Tschüssi! 100 Ökostrom.