Medienberichterstattung
ZDF heute überschrieb einen Beitrag mit „Lobbyministerin oder Macherin? Die Provokateurin im Kabinett.“ „Fossile Energie statt Klima-Tempo“ hieß es bei der Taz, und Deutschlandfunknova fragte: „Will Katharina Reiche die Energiewende ausbremsen?“ Lange hat Deutschland beim Thema Klimaschutz und Energiewende als Musterschüler gegolten. Aber wenn es um die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche von der CDU geht, schätzen Fachleute ein, dass die Bundesrepublik die gesetzten Klimaziele in Zukunft verfehlen wird. Darum geht es in dieser Folge. Ihr hört den Klimapodcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
Mission Energiewende – der Detektor FM Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Die angestrebten Klimaziele seien nicht erreichbar, stellte kürzlich der Unabhängige Expertenrat für Klimafragen in einem aktuellen Prüfbericht fest und empfiehlt der Bundesregierung eine Überarbeitung des Klimaschutzprogramms. Die Fachleute erwarten, dass der Bundesregierung weitere Klagen gegen ihre Klimapolitik drohen könnten.
Und unterdessen sind sich die Energieminister aller Bundesländer parteiübergreifend einig: Die Energiewende müsse weiter vorangetrieben werden, hieß es nach einem Treffen auf Norderney Mitte Mai. Bärbel Heidebrook ist Präsidentin des Bundesverbands Windenergie (BWE). Das ist ihr Ehrenamt. Im Hauptjob ist sie selbst Unternehmerin und Leiterin der Landwindgruppe in Niedersachsen. Und ich sage ganz herzlich Willkommen im Klimapodcast hier bei detektor.fm. Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, da zu sein.
Energiepolitik und Auswirkungen
Wir wollen über die Energiepolitik und die Auswirkungen sprechen. Ich habe auf Ihrer Unternehmenswebsite gelesen, ich zitiere mal: „Erneuerbare sind unsere Leidenschaft. Wir planen, bauen und betreiben Projekte rund um Wind und Sonne, weil wir es können.“ Sieht so aus, als würde sich da was ändern oder als würde sich der Wind drehen, sozusagen. Wie schätzen Sie denn die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche im Moment ein?
Ja, also das ist im Moment ja noch – es ist keine Blackbox, aber es ist ja doch so, dass wir bisher nur Leaks haben bei den Gesetzentwürfen. Wir haben noch keine fertigen Gesetzentwürfe, keine Einigung in den Ressorts. Wir haben zu Beginn der Legislatur ja so einen Monitoringbericht gegeben, der eben den Stand einfach so beim Ausbau der Erneuerbaren gemonitort hat. Mit diesem Bericht waren wir als Branche eigentlich relativ fein. Allerdings hat Katharina Reiche ihn dann doch anders interpretiert als die Gutachter selbst. Und das hat uns schon sehr erstaunt.
Bottleneck und Lösungen
Also wir glauben, dass die Analyse, dass die Netze jetzt der Bottleneck sind, dass die auf jeden Fall richtig ist. Da stimmen wir mit der Ministerin auch vollkommen überein. Allerdings sehen wir die Lösung dieses Problems einfach anders als die Ministerin, zumindest als die Leaks bisher vermuten lassen. Können Sie das mal ein bisschen ausführen? Inwiefern sehen Sie das anders? Oder wie sehen Sie das und wie sehen Sie das als Branche?
Ja, also ich glaube, dieses doch sehr schwierige Wort „Redispatch-Vorbehalt“ hat nun mittlerweile fast jeder Bürger auch schon mal gehört. Das bedeutet einfach, dass wir Netze haben, die kommen zu weiten Teilen aus dem letzten Jahrtausend. Und das meine ich jetzt genauso, wie ich es sage. Sie haben einfach auch den technischen Stand vom letzten Jahrtausend. Das bedeutet, dass sich in den Netzen sehr häufig sehr viel Puffer einbauen muss. Das heißt, ich weiß nicht genau, was in den Netzen passiert, weil sie nicht digitalisiert sind.
Das heißt, ich weiß nicht, wie viel Energie wird da tatsächlich transportiert. Deswegen brauche ich sehr viel Sicherheitspuffer. Daher kommt es dazu, dass zu manchen Tageszeiten oder bei besonderen Wetterereignissen die Netze an bestimmten Stellen eben dicht sind, dass man keine zusätzliche Energie einspeisen kann. Katharina Reiche sagt, dass in diesen Gebieten ja ein weiterer Zubau von Windenergie eben nicht mehr förderlich wäre. Deswegen sagt sie, wenn das Netz an der Stelle gerade mal überlastet ist, dann dürfen die Abregelungen da nicht mehr entschädigt werden.
Planungssicherheit und Investitionen
Bisher ist es so, wenn der Energieversorger unsere Anlagen abregelt, dann werden wir trotzdem entschädigt. Und nun sollen wir dafür nicht mehr entschädigt werden. Das sind die Pläne. Das klingt erstmal logisch und verständlich. Allerdings bedeutet das, dass man in diesen Gebieten für Neuparks keinerlei Planungssicherheit mehr hätte und keinerlei Investitionssicherheit. Weil wenn ich nicht weiß, wie oft ich eben abgeregelt werde, kann ich eben meine Einnahmen aus diesem Projekt überhaupt nicht kalkulieren. Das heißt, ich bekomme keine Bankfinanzierung.
So, die Lösung der Ministerin würde faktisch bedeuten, in den Gebieten – und das betrifft das ungefähr ein Drittel der ausgewiesenen Vorranggebiete – also das ist schon erheblich, greift auch erheblich in die Planungen der Länder ein. Da könnten keine Windparks wirtschaftlich mehr gebaut werden. Wir sagen als Branche, es ist eigentlich überhaupt gar nicht logisch, dass wenn das Netz voll ist, dass dann meine Anlage abgeregelt wird. Es wäre verständlich, wenn man sagt: „Okay, das Netz ist jetzt gerade diese zwei Stunden voll, du darfst also nicht mehr einspeisen.“
Ob ich aber in dieser Zeit meine Anlage weiter betreibe und einen Speicher fülle, einen Elektrolyseur betreibe, einen Industriebetrieb beliefere, das müsste ja eigentlich meine Sache sein. Und das ist bisher aber nicht geregelt. Bisher heißt es einfach: „Nein, wenn das Netz signalisiert, es hat keine Kapazitäten mehr, dann dürft ihr eben auch die Anlage nicht mehr betreiben.“ Und da sagen wir, das ist schon mal der erste Punkt, der nicht richtig ist.
Wegwerfstrom und Überschuss
Und die Ministerin spricht ja sehr oft auch von Wegwerfstrom, von Überschussstrom, von Strom, den keiner will. Auch da würde ich widersprechen. Es würde ja kein Mensch sagen: „Immer im Sommer, immer im August haben wir viel zu viel Getreide, weil da gerade Ernte ist.“ Da sagt ja jeder: „Ist ja klar, das ist der Zeitpunkt, das müssen wir speichern, packen wir in Silos.“ Genauso ist es: Wir haben natürlich zu manchen Tages- oder Jahreszeiten zu viel Strom an der falschen Stelle. Das ist vollkommen richtig.
Aber das heißt ja nicht, dass ich im Gesamten zu wenig Strom habe, sondern ich müsste die Möglichkeit haben, diesen Strom auch zu speichern und zu anderer Zeit wieder ins Netz einzuspeichern, weil er da ja gebraucht wird, weil er da den Strompreis auch günstig macht. Also wir sagen einfach, mit diesem anerkannten Problem muss man deutlich kreativer und deutlich flexibler umgehen, als die Ministerin es tut. Denn in diesem Jahr werden wir vermutlich Energie für bis zu 99 Milliarden Euro Energie importieren, fossile Energieträger.
Flexibilität und Kreativität
Solange wir das tun, kann mir niemand erzählen, dass wir insgesamt in Deutschland zu wenig Energie haben. Wir müssen sie besser verteilen, wir müssen sie besser speichern, dürfen wir müssen sie besser einsetzen. Wir müssen da flexibler werden, wir müssen da kreativer werden, wir müssen die Elektrifizierung weiter vorantreiben. Also wir müssen das Energiesystem nach vorne denken. Und wir als Branche haben den Eindruck, die Ministerin denkt es so ein bisschen nach hinten. Sie möchte erstmal langsamer machen, weniger Erneuerbare, dafür eventuell mehr Fossile.
Und wir glauben, das ist eine Sackgasse und führt uns nicht in die Zukunft. Also es waren jetzt sehr viele Aspekte, die bei mir wieder auffloppen, aber dieser Gedankestrom der „keiner will“, wenn wir auf der anderen Seite darüber sprechen, dass Nationen Krieg führen um Energie und dass das ja ein wertvolles Gut ist und es kostet ja auch alles Geld, das zu produzieren.
Wertvolle Energie
Wie Sie gerade beschrieben haben, ich kann ja nicht einfach irgendwie das Getreide einfach wegkippen, nachdem einfach auch wahnsinnig viel Geld, Energie und Kraft da reingeflossen ist, das zu produzieren. Genau, also wir sagen, ein Windrad oder eine Solaranlage, die nicht produziert, weil das Netz nicht die Energie aufnehmen kann, ist einfach ziemlich sinnlos. Also wir glauben, wir brauchen jede Kilowattstunde Erneuerbare, die wir produzieren können. Jedes Windrad sollte jede PV-Anlage sollte, wenn immer möglich, produzieren.
Und dann müssen wir halt gucken, was machen wir zu dem Zeitpunkt mit der Energie? Brauchen wir sie ad hoc? Brauchen wir sie vor Ort für einen Industriebetrieb beispielsweise? Oder brauchen wir sie, um sie in Wasserstoff zu speichern, um eben die Wasserstoffproduktion endlich auch in Gang zu bringen? Also wir sagen, die Energie, die wir erzeugen können, potenziell ist immer wertvoll. Und wir müssen nur gucken, wie wir sie intelligent in Deutschland verteilen beziehungsweise wie wir sie speichern und so weiter.
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Netzausbauinitiative
Jetzt haben Sie ja beschrieben, dass die Infrastruktur nicht optimal ist und dass es schwierig ist, das zu lösen. Wie könnte denn aus Ihrer Perspektive dieses Kreativdenken, dieses „das anders machen“, als Katharina Reiche das jetzt eventuell plant, wie könnte das aussehen aus Sicht der Branche? Was haben Sie da für Ideen?
Also wir brauchen auf jeden Fall eine Netzausbauinitiative. Wir müssen die Netze einfach besser ausbauen. Wir müssen das sogenannte Repowering von Netzen erleichtern. Das bedeutet, dass ich eigentlich an einer bestehenden Trasse nur die Seile tausche. Dafür brauche ich im Moment ein wirklich aufwendiges Baugenehmigungsverfahren, das sich über Jahre hinzieht, mit artenschutzfachlicher Tartierung und so weiter und so fort.
Wobei ich sage, wenn ich nur ein Seil gegen ein anderes austausche, dann sind die Umweltauswirkungen ja absehbar. Dann müsste das eigentlich nur mit einer Änderungsanzeige sein. Und damit spare ich sechs bis acht Jahre allein da im Repowering von Netzen. Ja, ich bin definitiv auf dem Gedanken, dass Naturschutz natürlich beachtet werden muss an der Stelle. Aber wenn man sagt, man tauscht nur ein Kabel aus, dafür acht Jahre aufzuwenden, das klingt sehr nach Deutschland.
Temperaturmonitoring
Ja, und wir haben ein weiteres: Wenn ich bei den Leitungen ein Temperaturmonitoring hätte, also wenn ich immer weiß, es ist ja ganz klar, wenn Energie transportiert wird, werden die Leitungen wärmer und so weiter und so fort. Wenn ich aber immer weiß, wie die Temperatur in meinem Netz ist, dann kann ich optimal steuern, wie viel Energie ich da durchleiten kann. Wenn ich dieses Temperaturmonitoring hätte, könnte ich das dreifach an Energie produzieren.
Also das sind alles sozusagen low hanging fruits, wo wir sehr schnell, auch ohne wahnsinnig viel Geld aufzuwenden, wo wir sehr schnell da vorankommen könnten und wo wir die Netze effizienter machen können. Es ist völlig klar, wir haben da ein Defizit. Die Netze sind der Bottleneck. Und es bringt auch gar nichts, jetzt zu schimpfen, das haben die Netzbetreiber verschlafen oder so, den Schuldigen zu suchen. Das bringt uns ja keinen Schritt voran.
Netzgipfel
Aber wir müssten gemeinsam mit den Netzbetreibern uns an einen Tisch setzen. Deswegen habe ich auch schon mehrfach gefordert, wir bräuchten eigentlich einen Netzgipfel, wo die Erzeuger, die Verbraucher, also die Industrie, der industrielle Mittelstand und die Netzbetreiber an einem Tisch sitzen und einfach mal diskutieren: Was können wir beitragen, was brauchen wir?
Also wir wissen, der industrielle Mittelstand möchte unsere Energie, möchte elektrifizieren, möchte CO2-neutral werden. Von daher, sie brauchen unsere grüne Energie. Und man müsste sich an einen Tisch setzen und gucken, was können wir tun und wie können wir das voranbringen. Und das hat es unter der Ampelregierung durchaus gegeben. Da hatten wir mal so einen Netzgipfel, der war auch sehr produktiv.
Wind und Photovoltaik
Der hat auch zum Beispiel ergeben, dass es eben sinnvoll ist, Wind und Photovoltaik an einem Netzverknüpfungspunkt anzuschließen, weil die beiden Erzeugungsarten sich sehr gut ergänzen. Das heißt, wenn PV erzeugt, dann erzeugt Wind häufig nicht und umgekehrt. Also damit kann ich wieder das Netz besser auslasten. Ich glaube, so die Maxime muss sein: Wie kann ich das erst mal das bestehende Netz optimal nutzen?
Und da haben wir, wie ich eben schon über das Thema Temperaturmonitoring gesagt habe, da haben wir ganz viel Luft nach oben. Also erst mal das Netz optimal nutzen, das Netz digitalisieren, die Verbraucher digitalisieren, Smart Meter, dass auch der Verbraucher weiß, wenn viel Energie da ist. Wenn in der Mittagszeit die Sonne scheint, dann kann ich auch mein E-Auto laden, dann kann ich meine Waschmaschine anstellen. Der Verbraucher braucht einfach Signale.
Smart Meter Rollout
Dafür brauchen wir den Smart Meter Rollout. Da sind wir in Deutschland auch deutlich langsamer als viele, viele andere europäische Länder. Also mit diesen Maßnahmen könnte ich schon sehr viel erreichen. Und dafür braucht es eben einen runden Tisch, wo jeder sagt: „Das brauche ich“ und jeder auch sagt: „Das kann ich dazu einbringen, das kann ich leisten.“ Und wo man dann auch ein Zielbild definiert.
Ich habe immer das Gefühl, Katharina Reiche fehlt so dieses energiepolitische Leitbild: Wo will ich eigentlich hin? Es wirkt so ein bisschen einerseits erneuerbaren Ausbau und andererseits aber doch nicht so schnell und dann doch vielleicht lieber fossil. Also man hat das Gefühl, wir wissen nicht so richtig, wo wir eigentlich hinwollen. Und das verunsichert sowohl die Branche ungemein als auch die Industrie natürlich.
Worst-Case-Szenario
Wenn die Pläne so vorangetrieben werden, wie es jetzt aussieht, welche Folgen kann das haben? Wie sieht so ein bisschen das Worst-Case-Szenario vielleicht aus aus Ihrer Perspektive? Also das Worst-Case-Szenario wäre beispielsweise jetzt bei dem Thema Redispatch-Vorbehalt, dass bis zu ein Drittel der ausgewiesenen Windvorrangflächen nutzlos werden. Wir dürfen ja nur in den Flächen bauen, die als Windvorranggebiete ausgewiesen sind.
Das ist unter Habeck, da war das, meine ich, sehr gut. Man hat das auf die ganze Bundesrepublik verteilt. Man hat gesagt: „Zwei Prozent in jedem Bundesland.“ Also das war wirklich sehr gut. Die Länder haben jetzt diese Flächen alle ausgewiesen. Ungefähr ein Drittel und dann auch noch der eben sehr guten Standorte würden davon wegfallen. Also Worst-Case-Szenario wäre wirklich ein Ausbremsen der Energiewende, ein Ausbremsen von Investitionen.
Investitionen und Arbeitsplätze
Wir haben das für Niedersachsen mal hochgerechnet. In Niedersachsen stehen in den nächsten fünf Jahren 32 Milliarden Euro bereit, um investiert zu werden in erneuerbare Energien. Also das ist Geld, wo Menschen bereit sind, Unternehmen bereit sind, Geld zu investieren. Im Worst-Case-Szenario würden diese Investitionen in Frage stellen. Es würde zu Entlassungen natürlich bei den Projektierern kommen. Es würde aber auch die Hersteller der Windenergieanlagen betreffen.
Da haben wir ja in Europa durchaus noch große Hersteller. Die haben sich nach diesem Einbruch des Ausbaus 2017 sehr gut erholt. Die haben übrigens auch die gleichen Zulieferbetriebe wie die Autoindustrie. Also sie können da auch die Schwäche der Automobilindustrie ganz gut auffangen und die Arbeitsplätze eben sicherstellen. Also wir würden wirklich Hunderttausende von Arbeitsplätzen gefährden und der Ausbau würde absolut ausgebremst und wir kämen da nicht weiter.
Stillstand der Energiewende
Also das wäre schon eine Vollbremsung der Energiewende. Also ist sozusagen die gesamte Energiewende das, was da auch auf dem Spiel steht aus Ihrer Sicht? Im Prinzip ja. Also sie würde zumindest zunächst zum Stillstand kommen. Und ich sage mal, gerade auf die Hersteller bezogen: Wenn die Hersteller wirklich nochmal einen solchen Einbruch erleben würden, ich glaube nicht, dass sie sich davon erholen könnten.
Dann hätten wir dann vermutlich zukünftig chinesische Windenergieanlagen für den weiteren Ausbau, mit allen Sicherheitsbedenken, mit allen Risiken, die damit zusammenhängen, wenn wir chinesisch kontrollierte Anlagen bei uns in Deutschland haben. Also mit allem, was dann auch ein Staat an Drohpotenzial hat, dass er eben die Energieversorgung in Deutschland lahmlegen könnte und so weiter und so fort.
Sicherheitsstandards
Ich glaube, das ist ein Bild, ein Szenario, was keiner in Deutschland wirklich will. Weil die auch ganz andere Sicherheitsstandards haben als deutsche Normen. Oder einmal das, aber es ist ansonsten so, das muss auch so sein. Jeder Hersteller kann auf seine Windenergieanlage zugreifen. Der kann sie stoppen. Muss er auch, weil es kann ja ein technischer Defekt sein. Es kann ein Servicetechniker da irgendwie ein Problem sein.
Also alle Anlagen sind fernsteuerbar, sowohl vom Betreiber als auch vom Hersteller. Und wenn der Hersteller chinesisch wäre, wäre so eine Anlage dann aus China fernsteuerbar. Und wenn man sich jetzt vorstellt, wir hätten 90 Prozent chinesische Anlagen in Deutschland, dann könnte der chinesische Staat das ja wirklich als Szenario benutzen und könnte sagen: „Wenn ihr dieses oder jenes nicht politisch akzeptiert oder zu diesem oder jenem keine Stellung bezieht oder wenn ihr nicht akzeptiert, dass ich Taiwan annektiere, dann lege ich eure Energieversorgung lahm oder störe sie in erheblichem Maße.“
Auswirkungen auf die Windenergiebranche
Und das sind wirklich Außenwirkungen, die wir so uns in den letzten Jahren überhaupt nicht vorgestellt haben, die jetzt aber durchaus ja nicht völlig unrealistisch sind, dass so etwas passieren kann. Ja, das kann man gar nichts zusagen. Es klingt nach Weltuntergang, so ein bisschen in der Windenergiebranche, wenn ich das so sagen darf. Aber gibt es sozusagen Bereiche, wo es die Leute härter trifft?
Die meisten Hersteller haben ja einen Schwerpunkt schon eher in Norddeutschland. Niedersachsen ist insgesamt einfach Energiewendeland Nummer eins. Da haben wir einfach auch sehr viel Projektierer. Von daher sind natürlich die Bundesländer im Norden und im Osten auch, wo eben besonders viel Projektierung bisher stattgefunden hat, wo auch Produktion eben stattgefunden hat. Die wären schon die Länder, die dann von den Entlassungen stärker betroffen wären.
Aber natürlich, also das setzt sich dann ja fort über die Zulieferbetriebe und so weiter und so fort. Und die sind natürlich schon auch im ganzen Bundesgebiet verteilt. Jetzt nehmen wir mal an, die Pläne werden so weiter verfolgt und Dinge ändern sich aus Ihrer Perspektive zum Schlechteren. Dann ist das ja wahrscheinlich auch nicht relativ easy reparierbar oder umkehrbar, wenn man später eine andere Politik bekommt. Wie sehen Sie das?
Drastische Folgen
Also wie drastisch ist das, wenn das alles passiert und danach irgendwie weitergehen muss? Also wir haben das ja 2017 schon einmal erlebt. Da hat es wirklich einen Einbruch im Ausbau der Erneuerbaren gegeben, insbesondere Wind. Das hatte mit einer Änderung im Förderregime zu tun, mit dem die Branche nicht umgehen konnte. Wir haben gemerkt, wie viele Hersteller da eben auch Belegschaft entlassen haben.
Und wir sehen jetzt, so in den letzten zwei Jahren hat sich die Herstellerlandschaft in Europa davon erholt. Also wir haben ungefähr acht Jahre gebraucht, um uns davon zu erholen. Aber man muss es ja auch noch weiter denken. Wir haben ja ganz viele Unternehmen, die sich wirklich auf den Weg gemacht haben, wie zum Beispiel Salzgitter Stahl in der grünen Stahlherstellung. Wenn die jetzt plötzlich das Signal bekommen: „Das war der falsche Weg“, die können nicht mehr zurück.
Ich war neulich da und habe sie mit der IHK gemeinsam besucht. Ich habe gefragt: „Habt ihr irgendeine Alternative? Gibt es einen Plan B zum grünen Stahl?“ Haben sie gesagt: „Nein. Entweder wir produzieren in Zukunft grünen Stahl oder wir produzieren in Deutschland überhaupt gar keinen Stahl mehr.“ Von daher merkt man, es sind einfach auch andere Industriebereiche, die davon betroffen sind.
Unsicherheit in der Wirtschaft
Und es sind eben ja auch ganz viele Unternehmen, die die Klimaziele ernst genommen haben, die auch die Pläne der Bundesregierung ernst genommen haben, die gesagt haben: „Wir müssen elektrifizieren, weil das eben energieeffizienter ist. Wir müssen CO2 einsparen.“ Die haben sich alle auf den Weg gemacht. Die haben Geld in die Hand genommen, viel Geld in die Hand genommen. Wenn man denen jetzt plötzlich sagt: „Das haben wir alles nicht so gemeint und wir halten das erstmal an“, das erzeugt ja eine enorme Unsicherheit in der gesamten Wirtschaft.
Dazu haben wir ja auch jetzt, was noch in die Zukunft geht. Wir haben ja die Rechenzentren, die auch alle einen immensen Energiebedarf haben, die auch häufig auf grüne Energie setzen, die die brauchen. Also wir würden mit einem Ausbremsen der Energiewende heute den Wirtschaftsstandort Deutschland ausbremsen.
Erneuerbare Energien und Industrie
Es wird ja häufig so der Gegensatz gemacht: „Ja, entweder wir bauen die erneuerbaren Energien weiter aus oder wir halten die energieintensive Industrie in Deutschland.“ Also ich meine, das ist kompletter Quatsch. Ich meine, wir können die Industrie nur in Deutschland halten mit den Erneuerbaren, weil wir eben die günstigsten sind.
Wir haben jetzt in der Kriegssituation im Iran gesehen, wie sehr wir davon abhängig sind, wie sehr es zu Preisschwankungen im Öl- und im Gasgeschäft kommt. Also wir merken diese Abhängigkeit und wir haben gemerkt, in dieser Zeit, der Strompreis, der von den Erneuerbaren beeinflusst ist, der ist stabil geblieben.
Stabile Energieversorgung
Also von daher, wenn wir eine stabile Energieversorgung, eine unabhängige Energieversorgung, auch eine krisensichere Energieversorgung in Deutschland haben wollen, dann kann die nur erneuerbar sein. Denn wir haben definitiv keine wirklich andere eigene Energie. Atomenergie haben wir nicht mehr. Außerdem wären wir auch davon brennstäbenabhängig vom Import. Das, was wir an fossilen Gasvorkommen und so weiter haben, das ist, glaube ich, auch einfach sehr überschaubar.
Von daher, wenn wir den Industriestandort Deutschland halten wollen, dann geht es nur gemeinsam mit den Erneuerbaren. Und dann müssen wir die Erneuerbaren schneller ausbauen und nicht langsamer.
Forderungen an die Politik
Gibt es Forderungen, die Sie an die Politik richten können in dem Zusammenhang? Wir haben sehr viele Vorschläge gemacht, wie man das Netzpaket besser ausgestalten kann, wie man dieses Problem der Netzengpässe besser adressieren kann. Da haben wir wirklich eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen. Wir sagen, Redispatch-Vorbehalt ist einfach der falsche Weg.
Das haben ja auch die Energieminister auf Norderney sehr deutlich artikuliert, eben die Länder, weil ja in den Ländern die Energiewende stattfindet und weil sie wissen, was das auch zur Wertschöpfung in den Landkreisen beiträgt. Also die wissen einfach, wie viel Wertschöpfungspotenzial da ist und die sagen: „Wir dürfen das jetzt nicht ausbremsen.“ Und das haben wir sehr deutlich adressiert.
Enttäuschung über Gesetzentwürfe
Also das ist unsere Hauptforderung eigentlich im Netzpaket, diesen Redispatch-Vorbehalt nicht so wie da vorgeschlagen. Und auch im EEG fehlen uns einige Punkte, die im Koalitionsvertrag drin standen, wo man gesagt hat, man möchte mehr Energy Sharing, also dass sich Leute in Quartieren ihre Energie teilen können. Der eine hat eine große Photovoltaikanlage und kann das problemlos an den Nachbarn weiter beliefern.
Diese Konzepte im Koalitionsvertrag standen auch drin. Man wollte Direktbelieferung von Industrie fördern, also dass ich einen Windpark baue und damit direkt beispielsweise ein Stahlwerk beliefere oder so. Man wollte auch den Eintritt der Erneuerbaren in den Markt, also dass sie sich im Markt bewegen können, ohne eben eine Absicherung durch das EEG zu haben. Auch das wollte man erleichtern.
Rückschritt in der Gesetzgebung
Das alles finden wir jetzt leider in den Gesetzentwürfen nicht. Also von daher sind wir sehr enttäuscht, dass die Gesetzentwürfe hinter dem eigenen Koalitionsvertrag so stark zurückbleiben. Sie haben gesagt, das erschüttert das Vertrauen, das macht mürbe. Dieser ganze Prozess. Gibt es irgendwas, woran Sie festhalten können oder wo Sie sagen: „Das gibt mir Hoffnung oder Mut oder Kraft“?
Ich bin der felsenfesten und ganz ehrlichen Überzeugung, dass wir ohne Energiewende nicht weiterkommen. Also ich glaube einfach, Deutschland hat und auch Europa hat keine andere Lösung. Wenn wir weltweit gucken, sehen wir auch, die Erneuerbaren sind da. Selbst in den Ländern, die fossile Energieträger haben, sind die Erneuerbaren ganz stark im Vormarsch. Von daher glaube ich einfach, dass der Ausbau der Erneuerbaren richtig ist.
Also ich glaube, dass es nicht nur für meine eigene Branche, sondern gesamtgesellschaftlich, gesamtindustriepolitisch bin ich der festen Überzeugung, dass die Erneuerbaren der richtige Weg sind. Und von daher bin ich auch der festen Überzeugung, dass sie sich über kurz oder lang durchsetzen können, auch wenn es im Moment politisch nicht danach aussieht.
Gibt es einen Aspekt, den Sie noch ergänzen würden, wenn es um dieses Thema geht? Wir haben noch nicht so viel darüber gesprochen, was das eigentlich für die Kommunen bedeutet, wenn eben erneuerbare Energienprojekte dort entstehen. Das ist ja häufig wirklich im ländlichen Raum.
Das sind häufig sehr strukturschwache Gegenden, die wenig Einnahmen haben. Gerade durch klug ausgestaltete Beteiligungsgesetze, wie es sie beispielsweise in Niedersachsen oder in Nordrhein-Westfalen gibt, wo einfach die Kommunen vor Ort und die Menschen vor Ort einfach an der Wertschöpfung teilhaben, wo sie Geld in die Kommunen bekommen, wo sie eventuell vergünstigte Stromtarife bekommen oder so.
Da merken wir einfach, dass auf dem Land flächendeckend Wertschöpfung entsteht. Und das ist ja noch ein zusätzlicher positiver Aspekt der Erneuerbaren, der auch sehr viel für die Akzeptanz der Erneuerbaren sorgt.
Das sagt Bärbel Heidebrook. Sie ist Präsidentin des Bundesverbands Windenergie (BWE) und leitet die Landwindgruppe in Niedersachsen.
Erstmal ganz, ganz vielen Dank für die spannenden Einblicke und das Gespräch. Sehr gerne.
Und das war es für diese Woche mit dem Klimapodcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch gern ein Abo da, teilt den Podcast mit Menschen, die sich für unsere Themen interessieren könnten.
Und ein Dank geht natürlich auch raus ans Audio-Team. Produziert hat diese Folge Clemens Möller. Und die Redaktion für diese Folge hatte ich, Ina Lebedjew.
Und ich freue mich, wenn wir uns auch nächste Woche wieder hören. Bis dahin macht’s gut. Alles Liebe. Tschüss!
Mission Energiewende – der Detektor FM Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.