In der Mittagspause eine Maschine Wäsche anschmeißen oder den Paketboten die Tür aufmachen können, weil man den Tag im Homeoffice verbringt. Auf der Almhütte oder auf einer Südseeinsel den Laptop aufklappen, während die KollegInnen weiter jeden Tag ins Büro fahren. Oder vom Küchentisch bei der Familie ausarbeiten, weil man dort nach Feierabend gebraucht wird. Mobiles Arbeiten hat viele Gesichter. Aber welchen Einfluss hat die Art, wie wir heutzutage arbeiten, eigentlich aufs Klima? Und wie könnte sich das in Zukunft auswirken? Darum geht es heute. Ihr hört den Klima Podcast von detektor.fm, und ich bin Ina Lebedjew.
Mission Energiewende – der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen, in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom. Laut der Berufsgenossenschaft Verdi arbeiten in Deutschland derzeit etwa 25 Prozent der Berufstätigen ausschließlich im Homeoffice. Das sind rund 10,5 Millionen Menschen. 71 Prozent der Befragten glauben, dass Homeoffice in Zukunft weiter verbreitet sein wird. Nach Informationen des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der Menschen, die aus dem Homeoffice arbeiten, 2024 gegenüber dem Vor-Corona-Niveau fast verdoppelt. Demnach hatten im Jahr 2019 12,9 Prozent der Erwerbstätigen im Homeoffice gearbeitet. Im ersten Corona-Jahr 2020 waren es dann 21 Prozent.
Aber nicht alle Jobs können vom heimischen Schreibtisch aus erledigt werden. Wer Menschen pflegt, im Verkauf arbeitet, im Handwerk oder im öffentlichen Nahverkehr, kann sich ja selten oder nie aufs Homeoffice ausweichen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind es vor allem Führungskräfte, WissenschaftlerInnen, Bürokräfte und Selbstständige, die von zu Hause aus arbeiten. Männer arbeiten dabei etwas häufiger aus dem Homeoffice als Frauen.
Wie wollen wir also in Zukunft arbeiten? Mit welchem Ziel? Und welche Rolle soll und wird mobiles Arbeiten dabei spielen? Das haben sich Dr. Simone Kimpeler und ihr Team auch gefragt. Im Auftrag des Umweltbundesamts haben sie sich angeschaut, wie mobile Arbeit in der Zukunft aussieht. Simone Kimpeler leitet seit 2013 die Abteilung Foresight am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Die Menschen, die dort arbeiten, suchen zum Beispiel nach frühen Signalen des Wandels. Horizon Scanning nennt sich das. Sie analysieren und bewerten technologische und gesellschaftliche Trends und Treiber und arbeiten heraus, wie wir robuste Zukunftsstrategien entwickeln können. Und ich freue mich sehr, dass wir darüber sprechen können.
Hallo Frau Dr. Kimpeler, willkommen im Klimapodcast. Hallo Frau Lebedjew, danke für das Interview. Ich muss vorab erst mal kurz erklären, dass die Studie, über die wir sprechen, ja schon Ende 2023 erschienen ist. Aber ich fand es trotzdem inhaltlich – ich bin darauf gestoßen und fand es so interessant, dass ich trotzdem mit Ihnen darüber sprechen wollte. Wir haben uns ja vorab so ein bisschen ausgetauscht, und es ist ein bisschen komplexer als erwartet. Deswegen können Sie mir ganz kurz erst mal nochmal erklären, was Sie genau erforscht haben und wie Sie da vorgegangen sind.
Ja, das mache ich sehr gerne. Es ging in dieser Studie, die im Rahmen eines größeren Projektes durchgeführt worden ist, zu diesem Thema. Es gab auch noch zwei andere Schwerpunktthemen. Es ging um gesellschaftliche Entwicklungen, für die es erste Anzeichen gibt und noch unklar ist, inwieweit die sich in Zukunft weiter verstärken können. Da gehört eben auch die Zunahme des mobilen Arbeitens dazu, was im Jahr 2023 nach der Corona-Pandemie und den Lockdowns eine ganz neue Dimension hatte für uns in Deutschland und deshalb ein großes Thema war.
Und die Fragestellung des Projektes ging dahin, inwieweit laufende Klimaschutzmaßnahmen in der Bundesregierung in verschiedenen Ministerien jeweils möglicherweise angepasst werden müssen aufgrund neuerer, aktuellerer gesellschaftlicher Entwicklungen. Und da gehört das mobile Arbeiten dazu. Andere Beispiele, die wir ebenfalls in anderen Teilstudien in diesem Projekt bearbeitet haben, waren zum Beispiel der Zusammenhang von Wohlstand, also die Entwicklung des Wohlstands, Förderung des Wohlstandserhalts und mögliche Bezüge zur Klimaschutzpolitik. Ein weiteres Thema ist, inwieweit die Verstärkung der Krisen, die sogenannte Polikrise, ebenfalls die laufenden Klimaschutzmaßnahmen beeinträchtigen oder vielleicht sogar auch begünstigen könnte.
Und wo wir heute darüber reden, inwieweit wird das mobile Arbeiten, was sicherlich keine Randerscheinung oder vorübergehende Entwicklung war nach der Pandemie, inwieweit hat das auch Auswirkungen auf unsere Bemühungen für den Klimaschutz? Und Sie haben da so Trends und Entwicklungen herausgearbeitet. Was haben Sie da so gefunden? Wie hat sich das entwickelt damals?
Ja, also wir haben eine ganze Reihe von Einzelsignalen erst mal gesammelt und gesucht, die wir dann verdichtet haben zu insgesamt, glaube ich, waren das genau sieben Trends, bei denen wir einen sehr starken Zusammenhang gesehen hatten. Und dazu gehört zum Beispiel erstens der Trend, dass es grundsätzlich mehr Homeoffice gibt, auch tendenziell weiterhin mehr. Also das ist nicht so, dass man das Gefühl hat, dass es weniger wird mit der Zeit. Einhergehend mit weniger Büropräsenz. Also das ist auch nochmal ganz wichtig, dass die Kehrseite von Zuhause arbeiten eben auch bedeutet, dass Büros leer stehen.
Dann eine Entwicklung, für die wir ebenfalls sehr viele einzelne Trendsignale gefunden haben, ist, dass sich das Verständnis oder die Bedeutung von privaten Räumen wandeln in der Gesellschaft. Auch bis hin zur Richtung von Wohnungsgröße, von Möbeltrends, von technischer Ausstattung in der Heimtechnik. Dann ein drittes Thema ist die Entwicklung, die wir auch schon seit Längerem beobachten können, dass es auf der einen Seite Bewegungen gibt, dass Menschen wieder zunehmend an den Rand von Großstädten ziehen, dass es gleichzeitig aber immer noch auch Regionen in Deutschland gibt, in denen es schon längerfristig einen Schwund an Bevölkerung gibt, gerade in einigen sehr ländlichen Regionen. Und auch da kann man einen Zusammenhang, eine Wechselwirkung mit mehr oder weniger Homeoffice beobachten.
Ein weiterer Trend, der, als wir die Studie gemacht haben, noch recht aktuell war, der mittlerweile schon etwas bekannter ist, ist das sogenannte Workation. Das haben Sie auch in Ihrer Einleitung gut erwähnt, dass es eben natürlich auch schon das Angebot gibt, dass man an Orten arbeiten kann, wo andere Urlaub machen oder dass man dort Urlaub und Arbeit noch stärker integriert. Also zum Beispiel das Homeoffice in der Hängematte in Thailand oder im Family Resort auf Mallorca, wo die Kinder betreut werden, während man selber dann in so einem Workspace sitzt. Also all diese Dinge, die werden sogar auch von Reiseanbietern bewusst in einzelnen Programmen schon bespielt.
Der fünfte, den wir wichtig finden, ist die Entwicklung zum Coworking, also das zumindest sehr populär geworden ist, auch als Modell, was auch Kommunen anbieten, wenn sie Leerstand haben, dass sie zum Beispiel überlegen, dort neue Räumlichkeiten gewerblich zukunftsfähig zu machen, indem sie Coworking Spaces anbieten. Und Coworking ist am Anfang sehr, sehr stark thematisiert worden als eine Möglichkeit, gerade für Menschen, die selbstständig sind oder Gründerinnen und Gründer, dass sie halt am Anfang geteilte Büroräume mit Infrastrukturen nutzen können. Aber es gibt eben auch die Möglichkeit, einen Coworking-Platz zu nutzen anstelle des Homeoffice. Wenn man zum Beispiel eine lange Anreise in das Büro oder in die Firma vermeiden möchte, dann kann man auch einen Coworking-Platz in der Nachbarschaft anmieten. Auch dieses Potenzial besteht, und es wird auch in Großstädten durchaus genutzt.
Ein sechster wichtiger Trend ist eher technisch getrieben, dass es eben auch in vielen Branchen Tendenzen dazu gibt, dass sich die Arbeit insgesamt stärker in den virtuellen Raum verlagert. Also ein Beispiel ist, dass wir auch in meiner Arbeit sehr viele Workshops machen. Die haben wir lange Zeit vor Ort gemacht. Wir waren sehr viel unterwegs. Seit ein paar Jahren finden die zunehmend online statt mit Online-Workshops. Das heißt, es verlagert sich auch Arbeit sehr stark in den virtuellen Raum, und damit verändern sich auch die Bedarfe, mobil zu sein, sich zu bewegen bei der Arbeit.
Dann dazu gehört natürlich auch das Online-Shopping. Dazu gehören Freizeitaktivitäten online, dass man eben nicht mehr ins Kino geht, sondern zu Hause eine Serie guckt. Das sind alles Veränderungen, die Leben in den virtuellen Raum zeigen und damit auch Veränderungen für die Arbeitswelt, weil bei jeder Aktivität, auch in unserer Freizeit, hängt ja am Ende auch ein Anbieter dran und eine Branche dran, wo auch Menschen arbeiten.
Und der letzte wichtige Punkt ist, dass sich das Konsumverhalten wandelt, wenn wir zu Hause arbeiten. Und da gibt es Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken. Also nicht, dass Homeoffice der Auslöser dafür ist, aber wenn ich eh schon mehr online bestelle, dann tue ich das natürlich auch noch mehr, wenn ich auch zu Hause arbeite. Wir hatten vorhin schon das Stichwort, dass ich dann halt dem Paketdienst die Tür öffne, wenn ich zu Hause bin.
Wichtig ist, das haben wir auch, da gibt es mehrere Studien, auf die wir gestoßen sind, die untersucht haben, wie sich Homeoffice auch auf die Umgebung von Vierteln mit vielen Büros auswirkt. Also wenn ich ein Bankenviertel habe, zum Beispiel, oder Büroviertel habe, wo sehr viele Menschen in der Mittagspause was essen gehen, dann gibt es da entsprechende Anbieter für Fast Food oder Einkaufsmöglichkeiten. Wenn aber immer weniger Leute dort in den Büros täglich arbeiten, dann gibt es weniger Kundschaft für die. Das verändert das Stadtbild.
Und was macht aber stattdessen jemand, der im Homeoffice arbeitet? Entweder er kocht sich was selber oder sie bestellt online dann das Essen dorthin, je nachdem, wo man wohnt und je nachdem, wie erreichbar das ist. Also das sind auch Dinge, die letztlich bis hin zur Veränderung des Stadtbilds und damit wieder meinen eigenen Lebensbedingungen an meinem Wohnort Auswirkungen haben können, die sich durch Homeoffice verstärken können.
Also das bedeutet ja, dass dadurch, wie ich arbeite, ganz individuell für mich wie sich die Sachen sozusagen verschieben, dass die wiederum Auswirkungen haben auf alles, was sozusagen in meinem Kontext drumherum passiert. Und ja, also wenn ich sozusagen, keine Ahnung, zu Hause arbeite, dann muss ich zu Hause heizen oder meine Chefs müssen hier die Büros warm halten, damit wir nicht frieren und krank werden. Also jedes Verhalten hat sozusagen eine Konsequenz. Das ist eigentlich doch das, was Sie herausgefunden haben.
Ganz genau. Das ist etwas, was wir dann für jeden dieser sieben Trends, die ich gerade nur kurz vorgestellt habe, untersucht haben. Wir haben bei jedem Trend geschaut, was sind denn direkte Wirkungen und damit auch Chancen oder Risiken, die klimaschutzpolitisch relevant sind. Und ganz zentral für den Klimaschutz ist eben auch der Energieverbrauch und der Ressourcenverbrauch. Also sprich, welche Materialien werden benötigt, um Dinge herzustellen, die ich für meine Arbeit benutze? Wie viel Energie brauche ich dafür?
Und da sind wir dann schon mal, wie gesagt, wie es von Ihnen erwähnt, sehr, sehr wichtig. Thema Nummer eins: heizen. Also wenn ein Bürogebäude mit vielen Büros dort dann auf einmal zwei Drittel der Büros täglich leer sind, dann müssen diese trotzdem zumindest zu einem gewissen Grad beheizt werden, weil man sonst natürlich Schimmelbildung und so was erlebt. Das heißt, Bürogebäude werden beheizt, obwohl sie nicht genutzt werden. Gleichzeitig sitzt aber jemand zu Hause und heizt dort den ganzen Tag nochmal zusätzlich, weil man eben anwesend ist.
Das ist etwas, was durchaus auch ein Riesenthema war zu Beginn der Pandemie, als die Homeoffice gezwungenermaßen stattfand und man dann eben erst gemerkt hat, was das eigentlich für Belastungen auch finanzieller Art sind für die Beschäftigten und dass sich das auch die Menschen also nicht alle Menschen leisten können und wollen. Das geht dann weiter in Richtung Ausstattung. Also wir haben ganz wichtige Regelungen für die Sicherheit am Arbeitsplatz im Büro, die auch eingehalten werden, die unterstützt werden mit entsprechenden Möbeln und entsprechenden Schutzvorkehrungen, sei es jetzt Licht oder verstellbare Stühle etc.
Der Arbeitgeber ist aber nur zu einem gewissen Grad verpflichtet oder in der Lage, das auch für das Homeoffice sicherzustellen. Wenn jemand die gleiche Ausstattung zu Hause haben möchte, muss das unter Umständen oder ist das tatsächlich dann privat erfolgen in den meisten Fällen. Dann Stromverbrauch. Also man muss die Geräte anschaffen, man muss die Geräte betreiben, und wir reden hier tatsächlich von einer de facto Doppelausstattung von Arbeitsplätzen, weil die auch oft in der Firma weiterhin vorgehalten werden und eben zu Hause ausgestattet sind.
Und die Ausstattung zu Hause unterscheidet sich sehr stark von verfügbarem Einkommen der Arbeitnehmer und was sie dafür investieren möchten und können. Das beeinträchtigt dann am Ende möglicherweise auch die Gesundheit, die Gesundheitsgefahren und Risiken. Genau, wenn ich die ganze Zeit auf so einem Holzstuhl sitze. Also wenn ich jetzt so an meine Bestuhlung zu Hause denke, dann ist das einfach sehr viel einfacher und weniger ergonomisch als das jetzt im Büro der Fall ist.
Genau, und dann kommt auch hinzu psychischer Stress. Also dann sitzt die ganze Familie in Lockdowns zu Hause. Da hatten wir es sehr extrem. Jetzt ist es auch so, dass man merkt, dass es natürlich einen Unterschied macht, ob ich den sozialen Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen auch in der Kaffeepause in der Kaffeeecke habe oder ob jemand jetzt den ganzen Tag alleine zu Hause vorm Rechner sitzt und hier und da zwar einen Call hat, aber doch der Austausch zu kurz kommt.
Also psychische Folgen von Homeoffice sind ebenfalls hochrelevant. Man muss dazu sagen, das ist jetzt nur indirekt relevant für Klimaschutz, aber auch da gibt es ja Zusammenhänge, nämlich in dem Moment, wo ich doch stärker unterwegs sein möchte, um eben soziale Kontakte zusätzlich zu pflegen, dann habe ich zusätzliche Wege, die andere Wege als ich sie bisher hatte, morgens zur Arbeit, abends zurück. Dann gehe ich mittags halt nochmal mit Freunden essen. Dann gehe ich abends nochmal ins Fitnesscenter und mache das möglicherweise alles mit dem Auto.
Und das sind dann schon auch direkte Klimawirkungen bis hin zu den sogenannten Wegeerledigungen. Also wenn ich auf dem Weg zur Arbeit einkaufen gehe, dann ist das okay. Dann stoppe ich irgendwo kurz. Wenn ich aber nicht mehr zur Arbeit fahre, dann muss ich trotzdem einkaufen fahren. Und dann sollte jeder für sich überlegen, bin ich dadurch länger unterwegs oder öfter unterwegs? Oder ist es immer noch am Ende so, dass ich dadurch Wege spare und damit auch Sprit spare und die Umwelt nicht belaste?
Bitte widmet eure Aufmerksamkeit doch kurz unserem Werbepartner. Ihr wollt 100 Prozent Ökostrom? Dann wechselt jetzt zu Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter. Hier bekommt ihr Ökostrom aus Sonne und Wind, intelligente E-Mobilität und Solaranlagen für günstigen Strom vom eigenen Dach.
Sie haben vorhin angesprochen, Sie haben so auf Chancen und Risiken geguckt. Wenn wir das jetzt nochmal großziehen auf die gesamtgesellschaftlichen Wirkungen, haben Sie da vielleicht mal so zwei, drei Beispiele? Also ich meine, natürlich individuelles Autonutzen sorgt auch wiederum dafür, dass große Veränderungen passieren oder eben nicht. Aber das sieht man ja vielleicht auch nicht sofort. Aber was haben Sie beobachtet?
Genau, also eine Auswirkung von der Workation-Tendenz, die vielleicht noch nicht so verbreitet ist, aber sich durchaus zu etablieren scheint, dass eben Menschen nicht zu Hause arbeiten, sondern an einem Ort arbeiten, wo sie oder andere dann auch durchaus Urlaub machen würden oder wo man Urlaub und Arbeiten enger verzahnt. Da kommen einem sofort die Bilder in den Sinn, dass jemand irgendwo an einem Südseestrand sitzt oder an der Hängematte liegt. Tatsächlich gibt es Länder, die massiv schon da oder Orte, die da massiv schon drunter leiden und auch schon Gegenmaßnahmen dazu getroffen haben. Also Stichwort Lissabon ist recht bekannt. Die haben jetzt auch verboten oder haben halt entsprechend strikte Vorgaben gemacht, dass dieses Workation nicht weiter zunimmt, dass nicht Leute nur zum Arbeiten nach Lissabon fahren und dann dort eben dafür sorgen, dass die Preise sich so stark verändern, dass die Einheimischen sich das Wohnen und Einkaufen nicht mehr leisten können.
Das ist eine Folge, die durchaus auch klimarelevant ist, letztlich, wenn man dann an die Versorgungsketten denkt, die damit zusammenhängen. Ein anderes großes Thema ist natürlich Fernreisen und Umweltbelastungen an den jeweiligen Orten, an denen man sich dann aufhält. Klimafolgen durch Infrastruktur und Siedlungsausbau. Es gibt tatsächlich Länder, die auch das wirklich in ihr Tourismusprogramm aktiv aufgenommen haben. Auch in Deutschland gibt es Regionen, die jetzt da mitwerben, die dann aber auch entsprechend die Infrastruktur dafür bereitstellen müssen, also auch Breitband-Internet und so weiter.
Ein großes Thema ist übergreifend über alle Trends der Rohstoffbedarf für die IT-Ausrüstung, die da gebraucht wird. Wenn wir davon reden, dass wir jeden Arbeitsplatz quasi doppelt ausstatten müssen, dann werden eben von den kritischen Rohstoffen, die für Computer, für Rechner gebraucht werden, für Rechenzentren gebraucht werden, deutlich mehr benötigt. Das heißt, nicht nur, dass die Preise steigen, sondern das heißt eben auch, dass es Umweltauswirkungen für den Abbau dieser Rohstoffe gibt.
Und wenn wir von dem veränderten Konsumverhalten reden, dann haben wir hier vor allen Dingen auch die Emissionen, die durch die Produktion und den Transport massiv zunehmen. Also wenn sich jeder seine Pizza nach Hause bestellen lässt, anstatt die unten um die Ecke im Laden zu kaufen in der Mittagspause, dann macht das schon einen Unterschied.
Jetzt hat sie auch gesagt, es gibt auch positive Aspekte und Chancen, die wir da sehen können. Was haben Sie da herausgefunden damals?
Ja, also es gibt natürlich tendenziell die Chance, dass sich Wege reduzieren. Wenn ich nicht jeden Tag zur Arbeit fahre, dann bleibt mein Auto möglicherweise einfach in der Garage, und ich kann vielleicht in der Nachbarschaft oder im Ort einkaufen gehen, dort mit dem Fahrrad hinfahren. Also das gibt es natürlich schon. Deshalb war mein Punkt vorhin auch, dass man schon für sich individuell prüfen sollte, wie sich das auswirkt und ob man jetzt dadurch mehr oder weniger umweltfreundlich oder einen umweltfreundlichen Fußabdruck hat.
Die Chance besteht natürlich, weil der Weg zur Arbeit wegfällt. Die Frage ist, welche Wege zusätzlich dadurch aber nötig werden oder anfallen. Dann hat natürlich die Verlagerung in den virtuellen Raum auch Vorteile, weil auch da physische Mobilität wegfällt. Ich muss eben jetzt nicht mehr für mein EU-Projekt dann nach Brüssel fahren, und alle anderen aus allen anderen europäischen Ländern müssen nicht da hinfliegen, sondern man kann das alles online machen.
Das hat natürlich dann auch positive Effekte, wenn wir sehr viel mehr im virtuellen Raum machen, zum Beispiel auch Simulationen oder Berechnungen anstellen, anstatt vor Ort Dinge zu begehen, im Baugewerbe zum Beispiel. Dann kann man natürlich auch dadurch die Planung effizienter machen und vielleicht auch Fehlplanungen vermeiden. Es gibt überall auch Chancen, und es ist wichtig, dass man in allen Bereichen nochmal bewusst Chancen und Risiken abwägt.
Und nochmal vielleicht ganz wichtig: Wir möchten mit der Studie nicht zu dem Ergebnis kommen, dass wir sagen, bitte arbeitet nur zu Hause oder arbeitet nicht mehr zu Hause, sondern wir wollten einfach auf diesen Zusammenhang aufmerksam machen und dass man den berücksichtigt, wenn man mehr im Homeoffice arbeitet oder mehr mobil arbeitet, als man es früher gemacht hat, dass man sich einfach auch darüber im Klaren wird, dass es schon auch Auswirkungen hat auf Energieverbrauch, auf Ressourcenverbrauch und natürlich auch auf die private Gesundheit, auf den Stress.
Also wir hatten ja darüber gesprochen, dass die Studie schon eine Weile abgeschlossen ist und dass da zwischen unserem Gespräch und der Veröffentlichung der Studie ja auch einfach eine Menge passiert ist. Was eben nicht mehr Teil der Studie ist. Aber gibt es was, wo Sie sagen, das kann man trotzdem allgemeingültig mitnehmen aus diesen Erfahrungen fürs Jetzt, fürs Heute oder für die Zukunft, weil Sie ja Zukunftsforscherin sind?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben verschiedene Wirkungsbereiche identifiziert, nachdem wir die Chancen und Risiken dargestellt haben in der Studie. Und am Ende fühlen wir Wirkungsbereiche auf, in denen man aktiv werden kann, um die Chancen zu nutzen und die Risiken zu reduzieren. Und dazu gehört zum einen ganz klar das Thema Mobilität, Verkehrsgestaltung und Mobilitätsverhalten der Individuen. Das heißt, hier hat sowohl jede Person natürlich die Möglichkeit, selbst mitzuerlegen, wie oft fahre ich ins Büro? Wie kann ich das mit anderen Wegen, die ich erledigen muss, verbinden? Wo suche ich meinen Wohnplatz, meinen Arbeitsplatz? Wie kann ich bedarfsgerecht und klimafreundlich von A nach B kommen?
Bedarfsgerecht betrifft dann auch die Stadtplanung. Also wie kann sich eine Kommune darauf einstellen, dass sich in Zukunft die Arbeitswege verändern, dass sich dann auch die Verkehrsflüsse in der Stadt möglicherweise wandeln, dass es mehr Leerstand gibt von Bürogebäuden? Wie kann man hier umnutzen? Wie kann man die sinnvoll und energiearm weiternutzen? Und politisch kann man natürlich Anreize setzen, zum Beispiel für klimafreundliche, ja man nennt das Modelsplit, also dass man klimafreundliche Varianten der Kombination von Pendeln und öffentlichem Verkehr hat, dass man Vororte besser an öffentlichen Verkehrswege anschließt.
Es ist immer so, dass wir auch in der Studie aufzeigen, dass auch im 2023 da schon einige Aktivitäten, auch vor allen Dingen ministerienübergreifend, in Arbeit waren und dass sich EU-Richtlinien herauskristallisiert haben, die dann jetzt hoffentlich auch sich weiterentwickelt haben oder in Kraft getreten sind. Das heißt, das Thema ist bewusst, aber wichtig ist, dass es eben nicht nur eine rein politische Frage ist, sondern dass auch sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitenden selbst und auch die Kommunen, die die Verkehrsplanung machen, hier gefordert sind.
Also es ist so, ein bisschen, was ich vorhin schon gesagt habe: Dieses Alles hat eine Wirkung, alles hat einen Einfluss. Und ja, also das Verhalten, was wir an den Tag legen, kann in jede Richtung jeden Tag eine Veränderung bewirken.
Genau. Vielleicht kann ich noch ein Thema ansprechen. Das ist diese technologische Entwicklung und die Arbeitsgestaltung in dem Kontext von mehr Homeoffice. In der Tat ist es so, dass das Recht auf eine klima- und ressourcenfreundliche IT-Ausstattung so nicht gegeben ist, sondern dass es zwar eine Verantwortung gibt seitens des Arbeitgebers, aber der Arbeitgeber nicht jetzt zu Hause den Arbeitsort kontrollieren kann und auch viele Arbeitgeber nicht bereit sind, da viel zu investieren.
Also hier sollte auf jeden Fall noch geprüft werden oder da gibt es noch sehr viel Entwicklungspotenzial, dass man auch die Arbeitsplätze zu Hause nicht nur ökonomischer, sondern auch klimafreundlich und ressourcenfreundlicher gestaltet.
Das sagt Simone Kimpeler. Sie ist Leiterin der Abteilung Foresight am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI. Ganz, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und für Ihre Zeit. Sehr gerne, Frau Lebedjew. Sehr gerne.
Und das war es für diese Woche mit dem Klima Podcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch gern ein Abo da und teilt den Podcast mit Menschen, die sich für Klimathemen interessieren könnten. Vielen Dank fürs Zuhören, sage ich natürlich auch. Und produziert hat diese Folge Stanley Baldauf. Und ich bin Ina Lebedjew, und ich sage noch mal Danke für eure Aufmerksamkeit. Macht’s gut und bis nächste Woche hoffentlich. Tschüss!
Mission Energiewende – der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom.