Viele unserer Alltagsgegenstände sind aus Plastik: Vorratsdosen, Lego-Steine. Plastik ist aber auch in Kosmetikprodukten, Putzmitteln, Tee und Kaugummi drin. Und damit auch längst in unseren Körpern. Mikroplastik wurde vor einigen Jahren zum Beispiel schon in Muttermilch nachgewiesen. Und andererseits brauchen wir Plastik, weil es zum Beispiel in lebenswichtigen Gerätschaften in Krankenhäusern steckt. Das Material ist leicht, bruchfest, elastisch, hält unterschiedlichsten Temperaturen stand, ist billig und langlebig. Sehr langlebig. Es heißt, eine Wegwerfwindel, die eben Plastik enthält, braucht 400 Jahre, um sich zu zersetzen. Aber wie wäre es eigentlich, wenn Kunststoff künftig recycelbar und nachhaltig wäre? Darum geht es heute. Ihr hört den Klima-Podcast von Detektor FM. Ich bin Ina Lebedjev. Hi! Mission Energiewende – der Detektor FM Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Kunststoffe, die vollständig recycelbar sind – immer wieder. Das ist das Versprechen eines Start-ups aus Leipzig. Manuel Häusler ist von Haus aus Chemiker. Während seiner Doktorarbeit an der Universität Konstanz hat er eine neue Sorte von Plastikmolekülen entwickelt und Everloop mitgegründet. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern will er das Material Kunststoff revolutionieren. Und ich freue mich, dass wir jetzt darüber sprechen. Hallo Manuel, willkommen im Klima-Podcast von Detektor FM. Ja, hi Ina, danke für die Einladung. Nachhaltiges Plastik, das alles kann, was herkömmliches Plastik auch kann. Das klingt ja gerade mit Blick auf den Klimaschutz nach einem unwirklichen Traum, nach einer wunderschönen Seifenblase, wenn du mich fragst. Wie seid ihr auf dieses neuartige Material gestoßen und wie habt ihr das entwickelt? Ja, genau, das ist eigentlich wirklich die eierlegende Wollmilchsau, was wir hier versuchen zu entwickeln. Es klingt so, als würden sich da ganz viele Sachen gegenseitig ausschließen. Und deswegen ist die Antwort, wie sind wir da hingekommen, auch Schritt für Schritt mit viel Forschung. Es hat begonnen, dass wir uns in der Grundlagenforschung angeschaut haben, wie auch andere zu dieser Zeit. Wie können wir generell biobasierte Kunststoffe herstellen, also weg vom Erdöl und damit das erste Thema schon mal angreifen, also Rohstoffe. Und so ist das Ganze gestartet. Das war dann auch die Vorarbeit, auf der ich selbst aufbauen konnte, bevor ich dann angefangen habe mit der Doktorarbeit. Da gab es die schon. Und was ich dann noch mal gemacht habe, ist mir die ganzen anderen Themen drumherum anzuschauen. Also die Abbaubarkeit, die Rezyklierbarkeit, und habe festgestellt, das kann man auch schon in das Molekül Kunststoff sozusagen einbauen. Und da kam dann diese Idee zustande, das wie so eine Art Sollbruchstelle zu verstehen. Also wir bauen quasi das nach, was es heute schon gibt, als Molekül so eine lange Kette. Und immer mal wieder bauen wir eine gezielte chemische Sollbruchstelle ein. Und das hat sich dann im Nachhinein eben jetzt etabliert. Und da haben wir gesehen, die Eigenschaften sind dadurch eigentlich nicht beeinflusst. Man kann das immer noch einsetzen wie klassischen Kunststoff. Aber am Ende hat man eben viel mehr Möglichkeiten. Also die Stoffe bauen dann ab in der Natur, und man kann es auch gezielt technisch nutzen, um eben wieder zum Ausgangsstoff zu recyceln, ohne Qualitätsverlust, eigentlich mit einer recht einfachen Änderung. Also habt ihr irgendwie eigentlich eine Stelle genutzt, die vielleicht alle vor euch so als einen Nachteil gesehen haben und habt die in etwas Gutes verwandelt? Oder wie muss ich mir das vorstellen? Ja, genau, so kann man es sehr gut sogar zusammenfassen. Also bis, sag ich mal, zu dem Durchbruch, dass man das als Sollbruchstelle versteht, haben diese Gruppen, die man da in das Molekül eingebaut hat, eigentlich immer einen negativen Touch gehabt. Weil die Leute gesagt haben, ja, das stört dann die Eigenschaften, die Kristallinität und so weiter. Aber wenn man das beherrscht und weiß, welche dieser, wie wir es jetzt nennen, Sollbruchstellen und wie viele man davon einbauen muss, dann bietet das eigentlich eher Vorteile als Nachteile. Also am Ende des Tages war es genau die gleiche Idee, aber positiver gesehen. Also mit mehr Optimismus rangegangen und eher geschaut, was bringt das denn, als sich immer darauf zu fokussieren, wie man es weniger schlimm macht. Und das war das eigentlich Ausschlaggebende hier in der Forschung, das eher als Feature zu sehen und nicht als Bug. Ihr sprecht ja auch davon, dass euer Kunststoff auf natürliche Weise eben abgebaut wird und dass Mikroplastik in diesem Fall eben auch von Mikroorganismen zersetzt werden kann. Das ist ja was ganz Neues, wenn ich das richtig verstehe. Kannst du noch mal erklären, wie das geht? Also von den Ketten hast du schon gesprochen, aber wie kommt es dazu, dass das zersetzt werden kann? Ja, gern. Wenn wir uns klassische Kunststoffe anschauen, jetzt für die Zuhörer, wir sehen uns ja gerade. Das heißt, ich kann jetzt hier was in die Kamera halten, aber ich beschreibe es. Also z. B. Deckel. Wenn man jetzt im Supermarkt mal rumschaut, gibt es so typische Kosmetikartikel mit Tuben. Also ich zeige jetzt hier gerade eine Tube mit so einem roten Deckel, und das ist ein typisches Polyethylen, nennt man das Material. Das ist der meistverwendete Kunststoff weltweit, so ein Feld- und Wiesenkunststoff, sage ich mal. Aus dem kann man alles machen. Das ist auch das einfachste Molekül. Das ist eigentlich eine sehr lange Kohlenstoffkette. Nichts anderes. Einfach Kohlenstoff an Kohlenstoff an Kohlenstoff. Und mit diesem Kohlenstoff kann die Natur aber nichts anfangen, weil den gibt es in dieser Form natürlich einfach nicht. In dieser Länge, und der ist dann auch nicht so kristallin. Deswegen Kunststoff ist halt einfach nichts Natürliches. Was wir jetzt machen, wir nehmen diese Kette und unterbrechen die mit sogenannten Estergruppen. Die findet man z. B. auch in natürlichen Fetten. Also wenn man jetzt ein Sonnenblumenöl sich kauft, dann ist das ein sogenanntes Triglycerid. Da sind dann drei Estergruppen und eine Fettsäure drin. Das hat man vielleicht schon mal gehört. Und das heißt, die Natur weiß also, wie man mit durchaus längeren Ketten umgeht, solange da halt so eine Estergruppe dabei ist. Weil ein Fett können wir als Mensch ja natürlich metabolisieren, gibt uns Energie, wird für Stoffwechsel. Da hat ja auch keine Angst, dass Restfett, das man zu sich nimmt, irgendwo sich im Körper anreichert oder so. Das ist ja insofern problemlos. Und das haben wir uns als strukturelles Merkmal überlegt: Wie wäre es denn, wenn wir diese typischen Längen, die auch in einem Fett drin sind, als sozusagen Distanz zwischen den Sollbruchstellen einbauen? Und genau das haben wir gemacht. Und was wir da sehen, ist, dieser Kunststoff wird dann abgebaut wie Fett. Nicht ganz so schnell, weil es ein großes Molekül ist, aber der Mechanismus an sich ist genau der gleiche und der funktioniert. Also das heißt, so ein Organismus in der Natur, so ein Mikroorganismus, der denkt sich da, ja, habe ich schon mal gesehen, ist ein bisschen zäh, das Zeug, aber ich kriege es auseinander. Also es dauert halt ein bisschen länger, aber es wird abgebaut. Und das ist quasi Plastik, das metabolisiert wird wie Fett. So kann man sich das vorstellen. Wahnsinn! Und wie kommt es, also ich hatte gelesen, dass es sozusagen keinen Qualitätsverlust gibt, also dass es kreislauffähig ist, dass es immer wieder gemacht werden kann. Wie habt ihr das hinbekommen, dass das sozusagen gutes Plastik in Anführungsstrichen, dass das Material so bleibt, wie es ist? Ja, das ist jetzt natürlich die Forschungsseite an dem Ganzen. Das klingt, wenn man das jetzt am Ende so erzählt und runterbricht, natürlich extrem einfach. Und dann denkt man sich, warum hat das noch niemand gemacht? Die Antwort ist, es ist halt natürlich, es steckt der Teufel im Detail. Ganz so trivial ist es dann nicht, das auf wissenschaftlicher Seite eben alles zu verstehen und vor allem diese verschiedenen Eigenschaften gegeneinander zu balancieren. Das hören wir auch immer wieder, so ja, wie macht ihr das? Die Stoffe sind dann abbaubar und trotzdem langlebig. Das widerspricht sich doch? Und das widerspricht sich nicht. Aber man muss natürlich dann ganz fein diese Eigenschaften aufeinander abstimmen, dass eben die Stabilität in der Anwendung einerseits gegeben ist und aber auch diese Nachhaltigkeitsfeatures, sage ich mal, mit reinkommen, also dass ich es am Ende recyceln kann und abbauen kann. Und jetzt kann man sich vorstellen, das ist natürlich eine Frage von: Welche Sollbruchstelle, wie viele davon, wie genau baue ich die ein und wie sieht das Molekül generell einfach aus auf wirklich kleinster Atomebene? Und das verstehen wir halt inzwischen sehr gut, wie wir da sozusagen im Baukastenprinzip ran müssen, um all das gleichzeitig zu ermöglichen. Und das war halt viel, viel Forschung und ist es immer noch, weil wir da immer noch unerwartete Dinge jeden Tag beobachten, weil es einfach ein neues Material ist. Auch wenn es auf den ersten Blick eigentlich eher simpel aussieht, meistens ist es aber genau das Gegenteil. Also vielleicht noch eine Zusammenfassung: Es ist jetzt eher fast schon ein bisschen philosophisch, aber komplexe Probleme komplex lösen ist einfach. Komplexe Probleme einfach lösen ist komplex. Und ich glaube, das fasst es zusammen. Hast du mal ein Beispiel vor, welchen Herausforderungen ihr steht oder womit ihr überrascht werdet, mit Dingen, mit denen ihr nicht gerechnet habt? Ja, man will natürlich als Wissenschaftler, als Mensch generell, will man immer irgendwelche direkten Korrelationen haben. Ich will irgendwo eine Stellschraube drehen, dann geht irgendein Wert hoch oder runter, und dann mache ich das halt feinjustiert, und irgendwann passt es dann. Und das Problem ist, wir denken halt natürlich oft ein zweidimensional in solchen Experimenten. Die Zusammenhänge sind aber deutlich höherdimensional, also einfach in einem Bereich, den sich ein Mensch nicht mehr vorstellen kann. Das heißt, man muss hier eigentlich in die Datenwissenschaft tief rein, um wirklich die Zusammenhänge auf molekularer Ebene zu verstehen. Und das ist einfach dann nicht mehr anschaulich. Und das ist natürlich die Herausforderung. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Idee zu Avalube ja am Bodensee entstanden. Ihr seid mit dem Unternehmen nach Leipzig umgezogen oder habt hier gegründet. Warum? Genau, wir sind ein Spin-off der Universität Konstanz, haben da auch begonnen, haben da das Team angefangen aufzubauen und haben da die ersten grundlegenden Schritte gemacht, weil wir auch da eben die Grundlagenforschung gemacht haben. Haben dann aber bald gemerkt, das ist natürlich ein Thema, was sehr stark skalieren muss. Also das heißt, wir müssen unbedingt ja eigentlich jedes Jahr eine Null an alles dranhängen, was wir tun, also von Kilo in Tonnen und so weiter. Und das lässt sich in der Region da einfach nicht gut machen. Es ist keine Industrieregion für die chemische Industrie. Da gibt es keine Chemieparks. Und das ist der notwendige Schritt, den wir gesehen haben. Und deswegen sind wir eben in der Region mit einer langen Chemiehistorie umgezogen, was eben hier im mitteldeutschen Revier der Fall ist, wo wir viele, viele Chemieparks in der Nähe haben, wo wir auch nach einem Standort umschauen. Und es gab natürlich mit dem neuen Institut mit dem CTC, was jetzt gegründet wird, das Center for the Transformation of Chemistry, auch so ein neues Leuchtturmprojekt, von dem wir uns natürlich auch erhoffen, dass da viel Dynamik noch in die Region reinkommt. Wie muss ich mir dann das vorstellen? Also ihr habt ein Unternehmen gegründet und auch ganz, ganz viel Geld eingeworben. Ihr habt zuletzt 3,25 Millionen Euro Investorengeld eingeworben, und ihr bekommt auch noch weitere 5 Millionen Euro aus einem Fördertopf. Was habt ihr damit vor? Also was sind die nächsten Schritte? Wo schaut ihr hin? Was ist die Vision? Ja, genau, du hast es erwähnt. Also man braucht leider viel Geld für das, was wir da vorhaben. Mit Kunststoffen langfristig verdient man nicht so schrecklich viel Geld. Das ist jetzt natürlich nicht ultra High Tech und super hohe Marge, sondern das ist dann ein Grundprodukt. Also das heißt, da muss man dann mit großen Mengen arbeiten, wenn man Erfolg haben will. Eine Verpackung, da zahlt natürlich kein Mensch viel Geld für. Das muss günstig sein. Textilien zum Beispiel müssen günstig sein aus Kunstfasern. Das heißt, da müssen wir hin. Deswegen müssen wir schlicht viel Geld jetzt aufnehmen. Und das klingt jetzt vielleicht für ein Start-up nach viel Geld, und das hat uns auch gefreut, aber es ist erschreckend, wie schnell das weg ist. Also es sind jetzt in Summe dann 8 Millionen in der Seed-Runde, plus minus, und die sind im Prinzip gefühlt nächstes Jahr schon wieder weg, wenn wir so weitermachen, weil wir müssen skalieren. Das ist jetzt eben der teure Schritt. Einerseits das Team wächst sehr stark, das ist ein Teil, aber die Technologien wachsen jetzt eben auch. Also wir kommen raus aus dieser Forschung und Entwicklung hin in die Produktion. Das heißt, alles, was wir tun, alle Schritte, die wir bisher etabliert haben, müssen jetzt auf Produktion getrimmt werden. Das heißt, es kommen neue Technologien dazu. Es wird viel stärker jetzt verfahrenstechnisch natürlich gedacht, nicht mehr so grundlegend chemisch, was uns eher liegt. Und das heißt einfach neue Geräte, neue Abläufe, neue Personen generell mehr, und das kostet unfassbar viel Geld. Und deswegen sind wir eben halt auch kein klassischer Mittelständler, der jetzt einfach mal ein erstes Produkt auf den Markt bringt und dann organisch wächst, sondern wir müssen hier Risikokapital aufnehmen, Förderungen aufnehmen. Nur so kann es gelingen. Bitte widmet eure Aufmerksamkeit doch kurz unserem Werbepartner. Ihr wollt 100 Prozent Ökostrom? 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Einzelne Anlagen produzieren inzwischen bis zu einer Million Tonnen pro Jahr, die sehr großen. Also das kann man sich fast schon gar nicht mehr vorstellen, was das bedeutet. Und das natürlich mit erstmal Grammmengen, die man im Labor am Anfang herstellt. Und selbst das ist manchmal schon viel. Oft ist es Milligramm in der kleinsten Menge. Das sind natürlich Größenordnungen. Und die muss man in schnellster Zeit dann durchspringen. Das ist genau das, was wir jetzt durchmachen. Wir sind quasi kleinsten Mengen gewöhnt und müssen uns jetzt ganz schnell an ganz, ganz große Mengen gewöhnen und eben auch die Anlagen dafür aufbauen. Und wie könnt ihr sicherstellen, dass ihr konkurrenzfähig seid? Also wo liegen da die Probleme oder die Schwierigkeiten? Die Probleme liegen darin, dass für Nachhaltigkeit keiner Geld bezahlt und auch nicht dazu gezwungen wird. Und jetzt kann man sich darüber unterhalten, ob man da Leute dazu zwingen sollte. Ist dann global gesehen aber halt auch schwierig, weil es nicht überall so ist. Das heißt, eigentlich dürfen wir gar nicht hier irgendwie moralisch argumentieren und sagen, ja, das, was wir tun, das sollten wir aber einsetzen, weil so funktioniert der Markt einfach nicht. Das heißt, entweder sind wir billiger als das, was es heute gibt. Das ist aber unrealistisch, vor allem am Anfang, dass man rein wirtschaftlich überzeugt. Also was müssen wir tun? Wir müssen technische Probleme lösen mit diesen neuen Materialien. Das ist eigentlich immer das Wichtigste. Oder was wir herausgefunden haben, ist für uns das Wichtigste, dass wir nicht nur mit Nachhaltigkeit argumentieren, sondern vor allem technische Probleme mit einem neuen Material lösen. Dann ist es attraktiv. Also wenn einfach der Kunststoff was Neues kann, was die Alten nicht können. Und da findet man erstaunlich viel, weil es ist jetzt nicht so, als wäre das Thema Kunststoff fertig erzählt. Man hat einfach nur lang nicht mehr grundlegend neue Materialien sich jetzt mal überlegt. Das waren immer so Neuaufgüsse von dem, was es eigentlich schon gab. Und so richtig disruptiv neue Sachen kamen jetzt in letzter Zeit ganz, ganz wenig. Und das ist für uns natürlich eine Chance, weil wir können ganz viele Schubladen-Ideen, die überall in der Industrie schon rumliegen, jetzt bedienen und müssen uns eigentlich nur überlegen, welche da am spannendsten sind. Kannst du mir ganz kurz erzählen, wie sozusagen im Moment euer Alltag aussieht? Ich hatte in einem Interview mit dir gehört, Alltag gibt es eigentlich gar nicht in der Form. Ich glaube, das trifft es. Also kein Tag gleicht dem anderen. Besonders jetzt gerade. Jeden Tag kommt irgendein Paket an mit einem neuen Gerät, was man dann in Betrieb nehmen muss. Es wird irgendwas im Labor im Technikum umgeräumt, umgestellt. Neue Personen kommen, müssen onboardet werden. Also das Team ändert sich, die Geräte ändern sich. Forschung gibt es immer noch, wo jeden Tag was Neues passiert. Also im Prinzip gibt es eigentlich keinen deckungsgleichen Tag nochmal. Also sowas wie eine industrielle Routine oder sowas, das haben wir überhaupt nicht und wird es auch lang nicht geben, weil wir jetzt natürlich mit der Produktion dieses Jahr dann auch anfangen, die aufzubauen. Langsam, aber stetig, hoffentlich nächstes Jahr dann hier richtig Gas geben und schon erste große Mengen für Pilottests herstellen können. Und ich glaube, damit müssen wir uns anfreunden, dass es so jetzt erstmal eine Zeit lang weitergehen wird und Routine einfach absolut unrealistisch ist in den nächsten Jahren. Ich habe ja am Anfang schon mal gesagt, Alltagsgegenstände, Verpackungen hast du auch erwähnt, Farben, Lacke, Klebstoffe, Textilien, Baustoffe – überall ist Plastik drin. Wenn ihr das schafft, dass sich euer nachhaltiger Kunststoff, recycelbarer Kunststoff durchsetzt, dann könnte das ja tatsächlich die Welt verändern. Wie sehr müsst ihr euch denn manchmal kneifen, dass ihr da seid oder das habt, was ihr im Moment in den Händen haltet? Also diese Vision, wenn alles gelingt, was am Ende dann dabei rauskommen kann, das ist ja auch das, was uns antreibt. Also wenn wir uns jetzt nur an dem entlanghangeln würden, was wir vielleicht als erstes, zweites Produkt mittelfristig machen können, wäre das sicherlich nochmal was anderes. Also uns verbindet im Unternehmen und auch mit unseren Kooperationspartnern in der Forschung natürlich diese große Vision, dass wir einen riesen Hebel haben, weil das wirklich so eine einfache Änderung eigentlich ist, dass es gerade funktionieren könnte. Wir haben jetzt natürlich viele, viele neue Materialien auch gesehen, die dann irgendwie sehr nischig waren und das auch bleiben, weil sie einfach nicht diesen Massencharakter haben, dass sie so vielseitig sind, dass ich daraus gefühlt alles machen kann. Also wie jetzt eben ein Deckel, eine Verpackung, ein Textil. Und das merken wir, das geht bei uns. Also wir haben sehr viele Prototypen jetzt schon gemacht, machen auch noch viel, viel mehr und sehen einfach, dieses Material ist wirklich wie so ein Chamäleon. Also das kann alles werden. Wir haben Textilprototypen, wir haben Verpackungen, wir haben Spritzgussartikel, also so kompakte strukturelle Bauteile. Da kann man dann auch in Automobilinnenteile denken und alles Mögliche. Also der Kreativität sind da eigentlich keine Grenzen gesetzt. Und das ist natürlich das, was auch unheimlich viel Spaß macht. Gleichzeitig ist es aber auch eine Gefahr, weil man natürlich da sich nicht verlieren darf, sondern man muss natürlich auch vom Ende her kommerziell denken, überlegen, was rechnet sich und wie kann das Unternehmen dadurch erfolgreich werden, dass wir dann irgendwann in diese ganz, ganz großen Anwendungen mal reinkommen. Wie behaltet ihr da die Bodenhaftung? Also wie schafft man das, quasi die richtigen Entscheidungen zu treffen? Das weiß man ja dann immer erst hinterher, ob es die richtigen sind. Genau, also wir wissen das schlicht nicht. Da kann auch keiner einem als Berater jetzt irgendwie gesichert sagen, das wird klappen, das nicht. Da gibt es keine Blaupausen. Also da gibt es natürlich viele, viele Meinungen dazu, aber so die absolute Wahrheit, die wird man da nicht finden. Ich glaube, der Trick ist, nicht verkopfen, einfach machen. Make it and break it. Das ist immer unsere Devise. Wir probieren es einfach, schauen, wie weit wir ohne großen Widerstand kommen, und da, wo wir direkt auf riesen Widerstand stoßen, den wir vielleicht vorher nicht gesehen haben, muss man dann halt sagen, okay, vielleicht war das dann doch nicht der richtige Weg. Und das ist natürlich ein Luxus, weil dieses Material uns auch erlaubt, ganz viele verschiedene Pfade aufzumachen. Und dann können wir auch ein paar wieder schließen. Das haben wir jetzt hauptsächlich in den letzten ein, zwei Jahren gemacht. Jetzt ist es schon deutlich fokussierter. Wir wissen, wo auch, sage ich mal, der regulatorische Schmerz der Anwender besonders drückt. Das heißt, da können wir auch ein bisschen Rücksicht drauf nehmen und schauen, wo müssen sich die Leute denn bewegen, wo vielleicht weniger, und sortieren da immer mal wieder Sachen aus. Ich glaube, momentan ist unsere Ideenliste immer noch übervoll. Also wir sind immer noch dabei zu streichen und haben uns jetzt entschlossen, wir machen mal so drei bis fünf Fokusprodukte dieses Jahr, die dann mal größere Prototypen geben, und dabei belassen wir es. Jetzt gibt es ja so eine Lücke zwischen meinem Kopf und deinem Kopf und den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Gibt es irgendwas, was ich dich jetzt nicht gefragt habe, wo du sagst, das ist eigentlich bei dem Thema total wichtig und das müssen wir unbedingt noch benennen? Es ist wahrscheinlich der politische Aspekt, würde ich sagen. Wenn wir uns anschauen, wo wir uns gerade hinbewegen, kann man eigentlich ohne da groß viel interpretieren zu müssen, ein paar ganz einfache Sachen ablesen an den Daten. Also wenn wir drauf schauen, wo sich Europa hin entwickelt hinsichtlich Kunststoffproduktion, sieht man, dass wir 2006, glaube ich, 22 Prozent Marktanteil weltweit hatten. Wir sind 2024 auf die Hälfte ungefähr oder beziehungsweise jetzt auf die Hälfte runtergebrochen. Das heißt, wir verlieren Marktanteile wirklich im freien Fall. Das heißt, Europa ist nicht mehr in der Lage, seinen eigenen Kunststoffbedarf überhaupt zu decken. Gleichermaßen stellen wir fest, Rezyklat, also recycelter Kunststoff, ist teurer als neuer Kunststoff. Und wir stellen fest, es gibt bisher keine Strategie, wie man aus diesem Teufelskreis entkommt. Das heißt, wenn man das jetzt zu Ende denkt, müsste man eigentlich reißerisch sagen, Europa verkommt zu einem ineffizienten Recycler von chinesischem Billigplastik. Und jetzt kann man natürlich sagen, ja, kann man machen, klingt aber gar nicht mal irgendwie so rosig, diese Zukunft. Wie kann das denn anders aussehen? Und da haben wir bisher keine gute Antwort gehört. Und jetzt sind wir natürlich starker Vertreter von, ja, lass es uns ein bisschen disruptiver versuchen. Aber ich glaube, auch unabhängig von Evolup betrachtet, ist das eigentlich die Nachricht: Worin möchte denn Europa wieder gut sein und weniger hinterher rennen? Weil das ist das, was wir gerade sehen. Europa fokussiert sich bei der Kunststoffproduktion darauf, weniger hinterher zu rennen, aber wird nicht überholen. Und unser Ansatz ist, lasst uns doch mal bitte drüber reden, wie wir wieder überholen können und mit attraktiven neuen Produkten wieder führend sein können und nicht einfach immer nur einen hinterher rennen. Und ich glaube, die Diskussion sollten wir mehr führen. Das ist aber besonders hierzulande kritisch, weil Deutschland ist Weltmeister darin, Technologien ins Grab zu reiten und noch bis zum Ende zu subventionieren. Wir sind einfach nicht die Leute, die sich früh Neues trauen. Und das heißt, was braucht ihr da? Also wer kann diese Debatte mit euch führen? Das kann man auf nationaler Ebene natürlich führen, aber auch auf europäischer. Und am Ende ist es Europa, was da nun mal wichtig ist in der Regulatorik. Wir als Startups werden bisher teilweise gehört. Das ist dann aber eher so schmückendes Beiwerk, dass man sagen kann, man hat die mal eingeladen. So richtig drauf gehört wird da nicht. Es ist sehr, sehr stark momentan die Großindustrie, natürlich, die da einfach ein Gewicht hat. Zu Recht auch, logischerweise. Aber ich finde, man muss auch ein bisschen mehr, sage ich mal, an das Vakuum denken. Also sprich, was hätten wir denn gerne in Zukunft, was es aber heute noch nicht gibt? Und dann muss man ja eigentlich eine Stimme für dieses heutige Vakuum auch in der Diskussion schaffen, dass man eben das in Zukunft haben kann. Weil sonst wird man natürlich immer nur das haben, wofür heute gesprochen wird, mit den Firmen, die es heute gibt. Und das findet meiner Meinung nach zu wenig statt. Also das heißt, wir bräuchten eigentlich Fürsprecher für Disruption, für Technologieführerschaft in Europa. Und das könnten Startups sein. Es könnten aber auch, sage ich mal, strategisch denkende Politiker sein, die sich einfach mal anhören, was denn theoretisch möglich ist und nicht immer nur so sehr darauf hören, was heute nicht geht. Das sagt Dr. Manuel Häusler. Er ist CSO und Co-Founder von Avalube. Er studierte Chemie an der Universität Konstanz und promovierte dort 2021 mit einer Arbeit über neuartige Plastikmoleküle mit Sollbruchstellen aus Sauerstoffatomen. Vielen Dank für das Gespräch. Es war sehr, sehr spannend. Ja, danke dir. Und das war’s für diese Woche mit dem Klimapodcast von Detektor FM. Wenn ihr mögt, was wir hier so machen, dann lasst uns doch gern ein Abo da und teilt den Podcast mit Menschen, die sich für unsere Themen interessieren könnten. Dankeschön dafür und natürlich großes Danke fürs Zuhören. Produziert hat diese Folge Tim Schmutzler. Und ich bin Ina Lebedjev und ich sage Danke für eure Aufmerksamkeit. Macht’s gut. Bis nächste Woche. Tschüss! Musik. Mission Energiewende – der Detektor FM Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter, mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Musik.