Alpakas im Trend
Alpakas sind voll im Trend, egal ob Wanderungen, Therapie-Sessions oder Fotoshootings. Der Hype um diese flauschigen Minikamele ist ja schon erstaunlich, würde ich sagen. Doch viele der Tiere werden falsch gehalten, überzüchtet oder sind permanent gestresst. Das zeigen Untersuchungen, und das ist unser Thema heute im Spektrum-Podcast. Mein Name ist Marc Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – Der Podcast von detektor.fm.
Habt ihr schon mal ein Alpaka gestreichelt oder vielleicht sogar eine Wanderung mit den Tieren gemacht? Das gibt es ja relativ oft jetzt. Eigentlich sind Alpakas ja so exotische Tiere aus den Anden, die man vielleicht früher noch eher aus dem Zoo kannte. Aber mittlerweile begegnen die uns ja auf Wanderwegen, sogar in Therapieeinrichtungen. Bei Yoga-Kursen gibt es das auch, und natürlich sieht man sie viel auf Social Media in solchen Videos. Und die sind natürlich wirklich süß. Also, dieses flauschige Fell, die dunklen Augen, und ja, irgendwie haben die auch so eine drollige Art zu laufen.
Bedürfnisse der Alpakas
Und da kommen wir schon zum Teil des Problems: Die wirken fast so ein bisschen wie lebendige Kuscheltiere. Aber das sind sie eben nicht. Ja, dieses Bild täuscht. Es sind Tiere mit Bedürfnissen. Zum Beispiel bei der Zucht und bei der Haltung ist einiges zu beachten, und auch bei der medizinischen Versorgung. Und deshalb gilt es, gerade wegen des Alpaka-Booms mal zu fragen: Geht es den Tieren dabei denn eigentlich gut? Und genau damit hat sich Spektrum der Wissenschaft gerade beschäftigt, und wir wollen hier im Podcast darüber sprechen. Und zwar mit Anna Lorenzen, die ist Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft und heute mein Gast.
Hallo Anna! Hallo Marc! Anna, hast du schon mal eine Alpaka-Wanderung oder sowas in der Art gemacht? Nein, habe ich nicht, obwohl ich schon Gelegenheit dazu gehabt hätte. Aber irgendwie war mir nie so richtig wohl bei dem Gedanken. Also ich habe mich immer gefragt, ob das artgerecht ist, so exotische Tiere bei uns auf dem Land an der Leine rumzuführen. Ja, ich weiß nicht. Und deswegen finde ich es super interessant, dass wir das mal in einem ausführlichen Artikel von einer Veterinärin haben beleuchten lassen.
Ursprung des Hypes
Ja, total! Und seid ihr denn bei dieser Recherche auch irgendwie drauf gekommen, wie dieser Hype so ein bisschen losging? Also warum jetzt Alpakas und Lamas in Deutschland vor einer Weile plötzlich so populär geworden sind? Ja, also diesen Trend gibt es ja schon recht lange, und es fing wohl in den USA an. Da werden auch sehr viele Alpakas privat gehalten und auch zu Gewerbezwecken. Genau, und dieser Boom ist dann wohl zu uns rübergeschwappt. Ich denke, der Hauptgrund, wie du ja schon sagtest, ist halt, ja, die sind halt so populär, weil sie so drollig aussehen. Dadurch sind sie halt wahnsinnig Social-Media-tauglich, und das hat das Ganze vermutlich wahnsinnig befeuert.
Genau, und Anbieter von Alpaka-Wanderungen haben halt gemerkt, dass man da sehr viel Geld mitmachen kann. Wie viele Alpakas und Lamas es mittlerweile in Deutschland gibt, ist nicht so ganz klar. Es gibt so eine nicht repräsentative Umfrage von 2021. Laut der sind es 3000 Alpakas mindestens auf mehr als 200 deutschen Höfen.
Unterschiede zwischen Alpakas und Lamas
Und wenn wir nochmal so ein bisschen auf die Art gucken: Was unterscheidet Alpakas denn jetzt eigentlich von Lamas und auch von Kamelen? Die sehen ja auch ein bisschen ähnlich aus und sind sich nicht ganz unverwandt, ne? Ja, also die Gattung der Alpakas und der Lamas gehört beide zur Familie der Neuweltkamele. So nennt man die höckerlosen, eher Kleinkamele aus den südamerikanischen Anden. Im Gegensatz dazu sind Altweltkamele wie Dromedare und Trampeltiere deutlich größer und haben Höcker. Der Unterschied zwischen Lamas und Alpakas liegt vor allem im Aussehen. Lamas sind größer, haben lange Ohren und ein eher kahles Gesicht. Alpakas haben kurze, spitze Ohren und einen so flauschigen Kopf.
Aber es gibt auch weitere Unterschiede. So sind die Lamas in ihrer Heimat praktische Lastentiere, und die zarten Alpakas hält man hauptsächlich für Wolle und Fleisch. Das bedeutet, während Lamas in der Tat viel Bewegung brauchen, damit sie nicht verfetten, sind häufige Wanderungen für Alpakas energetisch sehr herausfordernd.
Verhalten der Alpakas
Ah, interessant! Okay, da gehen wir gleich auf jeden Fall noch ein bisschen drauf ein. Erstmal vielleicht vorneweg die Frage: Die werden ja so ein bisschen geframed, auch als, naja, das sind eben diese kuscheligen Tiere. Sind die denn eigentlich wirklich so verschmust und auch menschenbezogen, wie das immer so aussieht? Nein, Alpakas sind nicht menschenbezogen. Alpakas stresst es eher, wenn man sich ständig anfasst. Auch wenn sie so flauschig aussehen, es sind keine Kuscheltiere. Daher sollte man sie auch nicht streicheln. Es sind Distanztiere, und sie sollten erst nach behutsamen Training berührt werden.
Wenn man aber gut mit ihnen umgeht und auch lernt, sie zu lesen, dann kann man ihnen beibringen, an Halfter und Führleine zu laufen. Aber zum Schmusen sollte man sie nicht anbieten. Interessant, aber es ist ja schon bei diesen Wanderungen, zumindest sehe ich das immer so, dass man da schon Kontakt auch zu den Tieren hat. Ja, genau, das ist Teil des Problems. Es gibt auch Alpakahöfe, die halt richtige Kuschelsessions anbieten, und das ist nicht sehr artgerecht.
Alpakas als Therapietiere
Was es ja auch gibt, ist, Alpakas so ein bisschen als Therapietiere im weitesten Sinne. Das habe ich auch schon ein paar Mal gesehen. Jetzt hast du gerade gesagt, die sind ja nicht so menschenbezogen. Eignen die sich trotzdem für diese Zwecke? Ja, sogar gerade deswegen. Alpakas reagieren sehr empfindlich auf Emotionen vom Menschen, und sie lassen sich auch zu nichts zwingen. Und gerade diese Eigenschaft macht sie eigentlich zu geeigneten Therapietieren. Man kann mit ihnen die Balance zwischen Nähe und Distanz ganz gut lernen, also lernen, Nein zu sagen. Man hat bereits Studien dazu durchgeführt und Erfolge gezeigt bei Autismus, Angststörungen und auch Depressionen, unter anderem.
Haltung und typische Fehler
Dann lass uns doch mal zusammen auf die Haltung schauen, weil wir haben ja gerade gehört, es lohnt sich schon, auch diese Tiere zu züchten, weil sie irgendwie auch in Therapiezwecken zum Beispiel was bringen können. Aber was sind denn vielleicht so typische Fehler, die bei der Haltung gerne gemacht werden? Also hierzulande gibt es große Wissenslücken bezüglich dieser exotischen Tiere. Das gilt für Halterinnen und Halter, aber auch teilweise für Veterinäre. Wenn man sich Alpakas oder Lamas halten möchte, dann muss man die Tiere registrieren lassen. Das weiß aber nicht jeder, und daher fehlt auch häufig der Sachkundenachweis, der eigentlich Pflicht ist für die gewerbsmäßige Lama- und Alpaka-Haltung.
Wissenslücken zeigen sich zum Beispiel darin, dass die Tiere leider häufig nicht so gut ernährt sind. Man muss wirklich darauf achten, dass das Futter genug Struktur hat für die Alpakas, damit sie genug zum Kauen haben und genug Speichel produzieren und auch die Zähne ausreichend abnutzen. Wenn die halt dann zu lang werden, dann fressen die nicht genug, und es entstehen auch Stoffwechselstörungen. Das hat man leider relativ häufig.
Auch muss darauf geachtet werden, dass Alpakas in wirklich großen Gruppen gehalten werden. Also manchmal sieht man auch, dass ein Alpaka zusammen mit Pferden oder Schafen auf einer Weide steht, und das geht halt nicht. Man braucht mindestens drei Artgenossen zusammen, weil die sehr sozial sind. Und Tierhalter können sich eigentlich nicht mehr mit Unwissenheit rausreden, denn mittlerweile gibt es viele Informationen dazu. Zum Beispiel bei der Nationalen Fachstelle für Neuweltkamele kann man sich ausreichend informieren.
Probleme bei Alpaka-Wanderungen
Jetzt begegnen Alpakas den meisten wahrscheinlich in so einem Alpaka-Wanderungskontext, würde ich mal denken. Also zumindest habe ich das auch schon im Bekanntenkreis schon öfter mal gehört, dass das irgendwo gemacht wurde. Was kann denn an diesen Alpaka-Wanderungen problematisch für die Tiere sein? Ja, also stundenlange Wanderungen sind für Alpakas sehr anstrengend, denn die sind dafür einfach nicht gemacht. Und wie gesagt, allzu oft reicht das Futter nicht aus für diese energetische Herausforderung.
Zudem kennen nicht alle Halterinnen und Halter die Grenzen ihrer Tiere. Also ein Beispiel: Eine Fackelwanderung im Dunkeln ist gar nicht gut, das löst Panik bei den Tieren aus. Ebenso Selfiesticks und ständiges Gestreicheltwerden. Ein guter Hof achtet darauf, seine Alpakas nicht zu überlasten, zum Beispiel indem man einfach genug Tiere hält, damit die sich auf den Wanderungen abwechseln können und immer wieder eine Pause machen können.
Bisher ist die Stressanfälligkeit von Lamas und Alpakas aber noch nicht ausreichend untersucht, daher fehlen auch klare Richtlinien bisher für den Umgang. Aber woran kann man vielleicht erkennen, dass ein Alpaka gestresst oder überfordert in der Situation ist? Ja, das ist nicht immer so leicht zu erkennen. Also man muss lernen, subtile Zeichen zu deuten. Dazu gehören hängende untere Augenlider, eine herunterhängende Unterlippe und ein geöffnetes Maul mit geblähten Nüstern.
Und es gibt auch Tiere, die dann teilweise offensichtlich aversives Verhalten zeigen, wie ständiges Hinlegen und die Ohren anlegen. Und dann soll man sie auf jeden Fall in Ruhe lassen. Es gibt ja auch das berühmte Spucken, also dass Lamas und Alpakas Menschen bespucken oder auch sogar treten. Aber das kommt wirklich nur vor, wenn sie extreme Angst haben und vor allem im Rahmen des sogenannten Berserker-Syndroms. Das ist eine Störung, die wird durch eine Fehlprägung im Babyalter ausgelöst, also zum Beispiel, wenn kleine Alpakas mit der Flasche großgezogen werden und zu wenig Kontakt zu Artgenossen haben. Und das ist also kein normales Verhalten, das findet eigentlich nur unter Artgenossen statt.
Gesundheitliche Probleme
Gibt es dann auch wirklich, ich sage mal, gesundheitliche oder medizinische Probleme, oder ist das dann eher so etwas wie, ich sage mal, kurz gestresst sein oder kurz überfordert sein? Nein, das ist schon gravierender. Also wie gesagt, Mangelernährung kommt leider recht häufig vor aus Unwissenheit und auch deshalb, weil man den Tieren das nicht ansieht. Also Untergewicht kann man bei Alpakas nicht so schnell erkennen, weil sie ein dickes Vlies haben. Das heißt, man muss das an den Lenden ertasten oder man muss sie halt wirklich aktiv wiegen.
Außerdem zeigen sie das auch nicht im Verhalten, wenn es ihnen schlecht geht, weil es Fluchttiere sind. Und wie dramatisch das sein kann, zeigt eine Analyse der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die haben nämlich mehr als 200 Pathologieberichte ausgewertet von verstorbenen Alpakas und gefunden, dass die Hälfte von diesen untersuchten verstorbenen Tieren dünn bis extrem ausgemärgelt waren.
Außerdem kommt es aufgrund der hohen Nachfrage zu unkontrollierter Vermehrung und auch Zuchtproblemen. Beispielsweise zeichnen Kinder Alpakas häufig mit einem Überbiss. Das ist allerdings quasi eine Qualzucht, die kommt normalerweise nicht vor. Und auch hier geht die Zucht vor Liebe in Richtung verkürzter Schäde, wie man das auch bei Hunden häufig sieht. Also dass man quasi eine Art Kindchenschema anzüchtet, das ist auch ein Problem bei Alpakas.
Und mit ähnlich traurigen Folgen, also Atemprobleme, entzündete Augen, Zahnfehlstellungen. Man züchtet auch gerne weiße Alpakas mit blauen Augen. Die sind allerdings genetisch bedingt taub. Und das alles nur, weil wir das halt schön finden. Wie gesagt, Alpakas sind häufig hier gestresst auf den Höfen, und sie entwickeln dann schmerzhafte Magengeschwüre. Das kommt leider auch relativ häufig vor.
Und ein Problem, das viele sicher nicht auf dem Schirm haben, ist, dass es in Deutschland keine für Neuweltkamele zugelassenen Medikamente gibt. Unter anderem lohnt sich das für die Pharma-Branche nicht, und sie gelten auch theoretisch als Fleischlieferanten, auch wenn das wahrscheinlich keiner machen würde mit seinen Alpakas. Aber sie gelten als potenzielle Fleischlieferanten. Deswegen können sie einfach bestimmte Medikamente nicht bekommen. Das heißt, wenn ein Tier schwer krank wird, kann es passieren, dass es nicht behandelt werden kann und eingeschläfert wird.
Verantwortungsvoller Umgang mit Alpakas
Wow, okay! Also wirklich einiges im Argen beim Thema Alpaka, auch hier gerade in Deutschland. Anna, wenn man jetzt vielleicht sagt, ich würde sowas aber trotzdem gerne machen, so eine Wanderung oder bin an so einer Therapie interessiert oder was auch immer, irgendwelchen Kontakt mit Alpakas. Woran kann man denn vielleicht einen verantwortungsvollen Alpakahof erkennen, und woran kann man vielleicht als Besucher auch achten? Ja, also man sollte sich im Vorfeld über den Hof informieren. Beispielsweise kann man auf der Homepage oft auch schon klare Verhaltensregelungen finden.
Ein gutes Zeichen ist, wenn bei Wanderungen oder auch Teambuilding-Events Vertrauenspersonen dabei sind, die die Grenzen der Tiere kommunizieren und auch darauf achten, dass die eingehalten werden. Wichtig ist, wie gesagt, dass das Tiere sind, die in großen Gruppen gehalten werden. Außerdem bieten verantwortungsbewusste Höfe keine Kuschelfotoshootings an, und alle Alpakas müssen ausgebildet dafür sein und auch nur einmal am Tag mitlaufen.
Also man muss darauf achten, dass die nicht ständig auf Wanderungen sind, über mehrere Stunden, mehrmals am Tag. Und auch Reiten auf den Alpakas ist absolut tabu. Okay, das kann man also mitnehmen, wenn man doch was mit Alpakas gerne machen möchte.
Fazit und Jubiläum
Und wenn ihr das alles nochmal nachlesen wollt, dann könnt ihr das tun auf spektrum.de. Da gibt es einen ausführlichen Artikel dazu mit der Meinung auch von einer Veterinärin. Und Anna, dir sage ich vielen, vielen Dank fürs Erklären! Sehr gerne!
Und zum Schluss habe ich noch was in eigener Sache für euch, denn bei uns hier beim Spektrum-Podcast steht ein besonderes Jubiläum an. Am 10. Juli erscheint nämlich unsere 300. Folge. Den Spektrum-Podcast gibt es ja jetzt also schon eine ganze Weile, und das vor allem natürlich dank euch. Wir sind mega dankbar, dass so viele von euch den Spektrum-Podcast regelmäßig hören, und wir wollten gerne mal wissen, wie der Podcast euch so begleitet.
Seit wann seid ihr zum Beispiel dabei? Wann hört ihr den Podcast normalerweise? In welchen Situationen? Was ist eure Lieblingsfolge? Und das könnt ihr uns zu diesem Jubiläum der 300. Folge gerne mal sagen. Sagt gerne kurz dazu, wer ihr seid, und schickt uns eine Sprachnachricht. Gerne kurz, irgendwie 30 bis 40 Sekunden. Schickt uns das Audio einfach an podcast@spektrum.de. Dort gerne irgendwie eine Sprachnachricht mit einem Gruß oder wie und wo und wann ihr uns hört. Die Adresse findet ihr auch nochmal in den Shownotes, und wir hören uns alle Nachrichten an. Eine Auswahl davon werdet ihr dann auch in der Jubiläumsfolge hören.
So, das war es für diese Woche vom Spektrum-Podcast. Vielen, vielen Dank euch fürs Zuhören! Seid gerne auch kommende Woche wieder dabei. Wie immer am Freitag gibt es dann eine neue Folge von uns, und bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen Dank! Mein Name ist Marc Zimmer, und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft – Der Podcast von detektor.fm.