Könnt ihr pinkeln, wenn jemand daneben steht? Für Menschen mit einer sogenannten schüchternen Blase können öffentliche Toiletten richtig schlimm sein. Aber wie kommt es eigentlich dazu? Und was kann man vielleicht dagegen tun? Das und warum sich einst Psychologen in Toilettenkabinen versteckten, das erfahrt ihr in dieser Ausgabe des Spektrum-Podcasts. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von detektor.fm. Es ist ein Thema, über das kaum jemand spricht, obwohl es viele Leute betrifft: die sogenannte schüchterne Blase. Und es muss schlimm sein. Man muss ganz dringend auf Toilette, aber kaum sind andere Menschen in der Nähe, da geht gar nichts mehr. Die Blase blockiert regelrecht. Vielleicht kennt ihr selber jemanden, dem es so geht. Ich habe tatsächlich mehrere Freunde, die davon betroffen sind. Und sobald sich am Pissoir jemand danebenstellt, ist es dann vorbei. Und mir ging es auch so. Vielleicht lacht man da im ersten Moment drüber oder macht seine Scherze. Aber diese schüchterne Blase, wie der Volksmund eben sagt, ist wirklich eine weit verbreitete, psychisch bedingte Störung. Wo liegen die Ursachen dafür und kann man etwas dagegen tun? Das hat sich Christiane Gehletz gerade für Spektrum der Wissenschaft angeschaut. Und sie ist mein Gast heute hier im Podcast. Hallo Christiane. Hallo Max. Ja, schüchterne Blase, Christiane, sagt der Volksmund. Was genau verstehen wir denn darunter? Damit ist gemeint, dass es einem schwerfällt, die Blase zu entleeren, wenn andere dabei sind. Also klassischer Fall: öffentliche Toilette. Einer steht am Pissoir, ein anderer kommt dazu und stellt sich auch an eins. Und dann klappt das mit dem Pinkeln nicht oder es dauert länger oder es stockt vielleicht zeitweise. Und typischerweise dreht sich für Männer in dem Moment alles um die Frage, ob es klappt. Also sie haben die Sorge, dass, wenn nicht, andere das mitkriegen und denken, dass bei ihnen irgendwas nicht normal wäre. Bei Frauen geht es zunächst eher darum, dass jemand sie dabei hören könnte, wie sie pinkeln, weil das unfein klingt oder zumindest auf unfeine körperliche Vorgänge schließen lässt. Was die Menschen auf der Toilette so umtreibt, ist offenbar eben das andere, ziemlich geprägt von den unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie man als Mann oder Frau idealerweise sein oder nicht sein sollte. Beide Sorgen sind also nicht ungewöhnlich, solange die Probleme nicht sehr ausgeprägt sind. Manche Männer gehen einfach in eine Kabine, sofern sie nur am Pissoir Probleme haben – ein Problem gelöst. Und für manche ist das aber keine Lösung, weil sie glauben, das wäre unmännlich. Ein echter Mann müsste auch am Pissoir pinkeln können. Ich zitiere nur das aus der Literatur: Also mir schien das schon immer merkwürdig, dass Männer ohne jeden Sichtschutz nebeneinander am Pissoir stehen und dann entspannt pinkeln. Und lustigerweise habe ich zufällig während der Recherche einen Podcast gehört, wo zwei Promis darüber reden, und zwar die Tokio Hotel-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz. Vielleicht kennst du den Podcast auch? Ja, klar. Auch sehr erfolgreich. Ja, und die erzählen da ja vieles, was andere Menschen höchstens engsten Freunden erzählen würden. Und unter anderem erzählen sie beide, dass sie auf öffentlichen Toiletten lieber in eine Kabine gehen, weil sie eben nicht pinkeln können, wenn jemand daneben steht. Und das ist psychologisch gesehen super cool, dass die das so entspannt erzählen, weil sie das Problem damit ja auch normalisieren. Betroffene denken oft, sie wären die einzigen mit ihrem Problem und das wäre alles super peinlich. Und wer so denkt, ist dann natürlich in der Situation noch angespannter und dadurch läuft es noch schlechter. Eine schüchterne Blase zeigt aber erst mal nur, dass jemand gut sozialisiert ist. Wir haben ja alle gelernt, intime Körperteile und körperliche Vorgänge nicht zur Schau zu stellen. Das gehört zur Sozialisation dazu. Manche Menschen haben das offenbar besonders gut gelernt. Vielleicht haben sie auch einfach einen feineren Messfühler dafür als andere, wann etwas unpassend ist. Und deshalb, wenn die Blase zumacht, sobald man auf dem Klo Gesellschaft bekommt, dann Glückwunsch! Das Gehirn meldet, dass es gerade unpassend ist und die Blasen schließenden Muskeln reagieren. Die machen ihren Job besser, so als andersrum, würde ich sagen. Also kein Grund, sich Sorgen zu machen. Ja, das ist vielleicht auch nochmal eine entscheidende Frage bei der ganzen Diskussion: Ab wann ist denn jetzt schüchterne Blase wirklich auch etwas, wo man sagt, da reden wir von einer psychischen Störung und da gibt es Behandlungsbedarf? Ja, das hängt davon ab, wie sehr die Lebensqualität leidet. Also wenn jemand deshalb sein Sozialleben einschränkt oder Probleme hat zu arbeiten, weil er sich gedanklich ständig damit beschäftigt, wo er das nächste Mal ungestört pinkeln kann, das ist natürlich extrem einschränkend und genau dann therapiebedürftig. Manche trinken deshalb auch viel zu wenig. Das ist auf Dauer natürlich dann ein Gesundheitsproblem. Es muss aber keine so offensichtlichen Folgen haben. Also es reicht auch, wenn jemand psychisch sehr leidet und deshalb ständig vielleicht unter Angst oder Stress steht, und dann ist das auch behandlungsbedürftig. Es gibt aber ein Ausschlusskriterium, nämlich wenn es eine organische Erklärung gibt. Man muss das also auf jeden Fall einmal medizinisch abklären lassen. Ein deutliches Indiz gegen die schüchterne Blase wäre, wenn die Probleme auch zu Hause unabhängig von Gesellschaft auftreten. Dann ist es entweder körperlich bedingt oder es hat vielleicht auch eine andere emotionale Ursache, die dauerhaft starke Anspannung verursacht. Für Fachleute noch wichtig: Für die schüchterne Blase gibt es zwar einen Fachbegriff, Paruresis, aber keine eigene Diagnose. Man zählt die behandlungsbedürftige Form einfach zu den Angststörungen. Diagnostiziert wird dann eine soziale Phobie, und zwar deshalb, weil es da einige Gemeinsamkeiten gibt, also körperliche Symptome. Bei der sozialen Phobie wäre das zum Beispiel Erröten oder Schwitzen und dazu die Sorge, deswegen negativ aufzufallen und die Tendenz, die gefürchtete Situation zu vermeiden. Das ist aber alles selbst unter Fachleuten wenig bekannt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir das im Psychologiestudium oder in der Therapieausbildung behandelt hätten. Und eine Erklärung wäre, dass das Problem vielleicht nicht so richtig ernst genommen wird. Das sagt jedenfalls der deutsche Experte zu dem Thema, Philipp Hammelstein. Mit ihm habe ich auch für die Recherche telefoniert. Er ist Psychologe, Psychotherapeut und hat viele Betroffene behandelt und hat auch dazu geforscht, wie zum Beispiel, wie häufig die Störung ist. Das ist ja nämlich auch eine spannende Frage. Ist ja so ein bisschen Tabuthema. Gibt es dann trotzdem Zahlen darüber, wie viele Menschen das denn betrifft? Und sind es, wie dem Klischee nach, dann auch vor allem Männer? Ja, also Philipp Hammelstein hat bei einer repräsentativen deutschen Befragung mitgewirkt, und da haben sie mehr betroffene Frauen als Männer gefunden. Aber in allen anderen Studien zu dem Thema, außer eben in dieser einen in Deutschland, waren mehr Männer betroffen. Und er meint, der deutsche Fragebogen war nicht klar genug formuliert. Man hätte irgendwie bei der Beantwortung auch an Hygiene denken können. Und um dieses Thema sorgen sich auf öffentlichen Toiletten halt eher Frauen. Und so könnten die Ergebnisse vielleicht verzerrt gewesen sein. Er selbst hätte über Jahre nur eine einzige Anfrage von einer Frau bekommen, obwohl er als Experte zu dem Thema gilt. Und deswegen wäre es wahrscheinlich, dass sich viele an ihn wenden. Der Frauenanteil ist also immer noch etwas unklar. Bei den Männern schätzt er, wären so zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen, nach seiner Forschung. Es gibt aber auch höhere Schätzungen, und zwar von der International Paruresis Association. Das ist eine gemeinnützige Organisation für Betroffene in den USA. Und die spricht von so rund sieben Prozent Erwachsenen, 90 Prozent Männer. Jetzt ist ja bei solchen Geschichten für mich auch immer sehr interessant, wie erforscht man denn so etwas? Und da hast du in deinem Artikel bei Spektrum auch ein schönes Beispiel aus der Vergangenheit, nämlich ein Experiment aus einer Uni-Toilette. Ja, also nahezu immer werden die Leute eigentlich einfach nur gefragt: Also vermeiden sie öffentliche Toiletten, weil andere anwesend sein könnten? Können sie nicht pinkeln, wenn andere in der Nähe sind? Aber wie du schon sagst, man hat die schüchterne Blase auch schon im Experiment untersucht. Und Experiment bedeutet ja immer, die Forscher variieren systematisch eine Bedingung und die Versuchspersonen werden per Zufall der einen oder der anderen Bedingung zugeteilt. Das ist der Sinn der Sache. Nur diese Bedingungen, die Ursache sein können für unterschiedliche Reaktionen. Und ein solches Experiment auf einer Toilette ist natürlich heikel, weil das ja ein geschützter Raum sein sollte. Aber das hat drei Forscher in den USA in den 70er Jahren offenbar nicht sonderlich gestört. Ich habe keine Erklärung dafür gefunden, wie das Experiment zustande kam, also warum sie sich da keine Gedanken drüber gemacht haben oder ob denen das einfach egal war. Vielleicht gibt es irgendwo eine Erklärung, ich habe sie leider nicht gefunden. Sie haben damals jedenfalls auf einer Unitoilette, wo es drei Urinale gab, eines mit Putzzeug belegt. Und zwar mal das in der Mitte und mal eines am Rand, sodass praktisch die Versuchspersonen, die da ahnungslos zum Pinkeln kamen, per Zufall entweder direkt neben einem eingeweihten Fremden stehen mussten, weil nur noch das eine Urinal frei war, oder zwischen ihnen war noch das mit Putzzeug belegte Urinal. Dann hatten sie eben so ein bisschen Abstand. Und dann gab es noch eine Kontrollbedingung, wo die Versuchspersonen ganz allein an den Urinalen waren. Und soweit ja noch recht harmlos. Aber in einer Kabine war ein Beobachter versteckt. Eventuell war das auch einer der Forscher, das stand leider auch nicht im Paper. Und dieser Beobachter jedenfalls, der hat mit einem Periskop, einem Guckrohr, mit dem man um die Ecke gucken kann, das relevante Körperteil der Versuchspersonen observiert, um die Zeit zu stoppen zwischen dem Öffnen der Hose und dem Moment, wo die Versuchsperson dann wirklich zu pinkeln begann. Und diese Zeit hing wohl tatsächlich davon ab, ob ein Fremder dabei stand. Ohne den Fremden dauerte es im Mittel knapp fünf Sekunden, mit einem Urinalabstand zwischen ihnen gut sechs Sekunden. Und wenn der Fremde direkt am Nachbarurinal stand, dann 8,4 Sekunden. Das heißt, so haben die Forscher das dann erklärt: Die Nähe des Fremden verursachte offenbar Stress, und deshalb konnten die Blasenschließmuskeln nicht so schnell entspannen in der Situation. Und falls du, ich sehe das jetzt deinem Gesicht an beim Zuhören, auch etwas fassungslos und wenn auch belustigt, so bestimmt auch empört bist, dann völlig zu Recht. Die Forscher wurden auch gerügt. Aber ob das für sie noch mehr Folgen hatte, habe ich leider auch nicht rausbekommen. Also klar ist, man darf nicht in die Privat- und Intimsphäre einer Versuchsperson eindringen, ohne dass sie informiert ist und Nein sagen kann. Also es gibt natürlich die wildesten Experimente, die auch sehr in die Intimsphäre eindringen. Aber das machen dann die Versuchspersonen eben freiwillig mit. Die müssen es also wissen und zugestimmt haben. Und heute werden solche Studien natürlich von Ethikkommissionen geprüft. Deshalb, falls du oder auch unsere Zuhörer beim nächsten Toilettenbesuch Bedenken haben: Also heute verstecken sich definitiv keine Psychologen mehr in Toiletten. Also jedenfalls nicht legitimiert durch die Forschung. Voll interessanter kleiner Ausflug, auch so ein bisschen in das große Thema Forschungsethik, das ja auch sehr, sehr spannend ist. Und dann klar, es ist halt auch in den 70er Jahren gewesen, könnte man auch sagen. Aber selbst damals gab es ja Standards. Lass uns noch mal ein bisschen über die Ursachen sprechen. Das ist ja wahrscheinlich auch für die Betroffenen sehr interessant. Kann man aus der ganzen Forschung, die es schon gab, sagen, woher das kommt mit der schüchternen Blase? Ja, also normalerweise gibt das Gehirn den Blasenmuskeln ja das Signal, dass es losgehen kann. Dann zieht sich die Muskulatur in der Blasenwand zusammen. Die Blase wird dann kleiner im Volumen und so steigt dann der Druck am Ausgang. Und gleichzeitig lassen die Schließmuskeln locker. Also das greift so ineinander. Ja, und dann läuft es halt, wenn es laufen soll. Und bei einer schüchternen Blase kommt irgendwo eine Kontrollstation im Gehirn offenbar zu dem Schluss, dass die Situation gerade nicht geeignet ist zum Pinkeln und hält deshalb die Schleusen zu. Das läuft aber völlig automatisiert ab. Glücklicherweise, weil sonst müssten wir auch in anderen Situationen ständig die Blase kontrollieren. Das wird geregelt vom autonomen Nervensystem. Und wie der Name schon sagt, eben ganz autonom. Und normal kann man dieses System überstimmen, auch wenn man angespannt ist. Aber das klappt eben offenbar nicht immer. Und dann kann man in so eine Art Teufelskreis geraten. Also man ist gestresst, weil es nicht gleich klappt. Und dadurch wird man dann noch gestresster und dann klappt es noch weniger. Und dann geht man schon mit der Sorge aufs Klo, dass es vielleicht wieder nicht klappt. Und mit jedem erfolglosen Versuch wird es dann noch schwieriger. Und der Situation aus dem Weg zu gehen, das macht es aber leider nicht besser. Sondern man landet dann in einem anderen Teufelskreis. Also die unangenehmen Gefühle sind dann weg oder bleiben ganz aus. Und genau das hält die Störung auch aufrecht. Das ist das Prinzip der negativen Verstärkung. Das ist Psychologie erstes Semester. Ein Verhalten wird häufiger, wenn damit eine unangenehme Erfahrung vermieden wird. Und dieses Prinzip trägt auch zu ganz vielen psychischen Störungen bei. Also das findet man immer wieder. Und dazu zu dieser ganzen Problematik kommen dann oft auch noch ungünstige Gedanken, die das Problem aufrechterhalten oder vielleicht sogar in Gang gesetzt haben. Also zum Beispiel befürchten die Betroffenen, dass andere merken könnten, dass sie länger brauchen und dann denken, dass sie nicht ganz normal sind oder so. Und dahinter stehen dann eben Ideen wie die, dass ein richtiger Mann kann am Pissoir pinkeln. Der muss nicht in die Kabine und den stört es auch nicht, wenn der andere daneben steht. Manche dieser Gedanken kann man wohl auf Erlebnisse in der Jugend zurückführen. Zum Beispiel könnte das Mobbing auf der Schultoilette gewesen sein. Aber die meisten Betroffenen erinnern sich offenbar nicht an sowas. Das sagt zumindest Philipp Hammelstein. Und auch eine Studie an einer Uni in Wales hat das ergeben. Ich glaube, da waren es so irgendwas unter 10 Prozent der Betroffenen, die sich an so eine Erfahrung erinnern konnten. Ja, genau. Was ich ganz interessant finde, was du gerade eben auch über die Mechanik im Körper gesagt hast, das spricht ja dafür, dass es das zum Beispiel auch beim Stuhlgang geben könnte. Aber wir hören es immer nur vom Pinkeln. Eigentlich gibt es so etwas Ähnliches denn auch? Ja, aber das scheint deutlich seltener zu sein. Wobei man natürlich auch nicht ganz sicher sein kann, weil da kriegt es natürlich auch nicht so viele mit. Also am Pissoir kriegt man das so irgendwie mit. Offenbar, nehme ich an, bei der Kabine dann nicht mehr so sehr. Daher man weiß nicht genau, wie häufig das ist. Es scheint deutlich seltener zu sein. Und es gibt auch einen Fachbegriff dafür, der ist Parcopresis. Und es gibt in Australien einen Psychogastroenterologen, also einen Experten für das Zusammenspiel von Magen-Darm und Psyche. Der hat zum Beispiel mal mehr als 700 Studierende befragt und hat dabei herausgefunden, dass wenn die Leute ihr Geschäft nicht gerne auf öffentlichen Toiletten verrichten wollen, dann lag das häufiger tatsächlich an sozialen Ängsten als an der Hygiene. Das finde ich sehr verblüffend. Also da hätte ich auf jeden Fall anders herumgetippt. Außerdem war es auch so, dass die wenigen, die einen schüchternen Darm hatten, das war auch nur eine Handvoll von diesen 700 Leuten, die hatten immer auch eine schüchterne Blase. Und umgekehrt war das nicht der Fall. Also nur wenige mit schüchterner Blase hatten auch einen schüchternen Darm. Philipp Hammelstein sagt zum Beispiel, er kennt keinen solchen Fall. Es scheint jedenfalls viel seltener zu sein. Dann lass uns doch mal noch ein bisschen über Möglichkeiten sprechen, damit umzugehen. Also welche Therapiemöglichkeiten gibt es denn und wie wirksam sind die? Die bewährteste Therapie für Angststörungen ist ja die Exposition. Und so ist es ja auch. Also man konfrontiert sich mit der Situation, um sich mit der Zeit daran zu gewöhnen, sodass der Körper dann nicht mehr so angespannt darauf reagiert. Den Fachleuten zufolge ist das beste Vorgehen in diesem Fall die graduierte Exposition. Graduiert, das heißt schrittweise. Man beginnt also mit einer Situation, die nur ein bisschen Probleme bereitet. Und wenn man die mehrfach problemlos bewältigt hat, das heißt, die Anspannung ist weg und das Pinkeln klappt gut, dann kommt die nächste schwierige und so weiter. Wichtig ist, man sollte vorher viel trinken, das betont Philipp Hammelstein, damit genug Druck da ist auf der Blase. Laut der International Paruresis Association braucht man so rund acht bis zwölf Sitzungen normalerweise. Und danach sind die meisten Patienten so weit, dass sie wieder in Hörweite von anderen ihre Blase entleeren können. Philipp Hammelstein hat in einer Therapiestudie Männer über insgesamt zwölf Sitzungen behandelt. Ein Teil davon Gruppentherapie, zuvor Nachbereitung dazwischen, dann die Exposition einzeln mit dem Therapeuten. Und danach erfüllten 80 Prozent die Diagnosekriterien nicht mehr. Andere Quellen sprechen von 70 bis 75 Prozent. Und das entspricht auch so ungefähr den Erfolgsquoten bei anderen Ängsten. Die Probleme sind allerdings nicht vollständig und für immer weg. Man kann sie aber auf jeden Fall besser managen. Und unklar ist, ob es dazu auch noch eine kognitive Therapie braucht, um ungünstige Gedanken zu verändern. Also zu hinterfragen, wie man über sich selbst denkt und was man meint, wie andere über einen denken, wenn es mit dem Pinkeln nicht klappt. Philipp Hammelstein sagt aber, er hält es nicht für nötig. Zum einen meint er, nicht jeder hätte überhaupt solche Angstgedanken. Und zum anderen würde eine erfolgreiche Konfrontation die Gedanken ja mit verändern. Entscheidend wäre aber immer die Erfahrung, dass es eben doch irgendwann klappt. Ja, interessant. Okay, das sind also ganz wirksame Methoden, die die Psychologie da liefert. Und jetzt könnte man natürlich auch noch darüber sprechen, kann man sonst Betroffenen irgendwie helfen? Also ich denke zum Beispiel vielleicht an die Gestaltung öffentlicher Toiletten. Ja, absolut. Also öffentliche Toiletten sind ja oft sehr hellhörig und haben schlechten Sichtschutz. Und das passt nicht zu den Tabus, die wir alle gelernt haben. Also dass andere Leute bitte eben nicht sehen, hören oder riechen können sollten, was wir so an Ausscheidungen von uns geben. Wir bekommen also Schamgefühle antrainiert, nach denen wir eigentlich immer handeln sollen. Nur halt dann genau nicht auf öffentlichen Toiletten, denn die sind nicht so gestaltet, dass man sich solche Gefühle leisten könnte. Und was da helfen würde, wären breite und hohe Trennwände zwischen den Pissoirs und geschützte Kabinen mit Seitenwänden vom Boden bis zur Decke. Wobei da vielleicht auch Sicherheitserwägungen irgendwie mit reinspielen in die Gestaltung. Kenne ich mich natürlich nicht mit aus. Also das müsste man eventuell abwägen. Aber auf jeden Fall könnte man Musik spielen oder Geräusche von fließendem Wasser laufen lassen, Meeresrauschen oder sowas. In Japan soll es das bereits öfter schon geben. Ich habe das auch schon hin und wieder hier erlebt. Bei meinem Friseur gibt es oft im Klo zum Beispiel schöne Naturgeräusche. Das ist irgendwie auch so ganz angenehm. Und US-Forscher schreiben, dass Toiletten in Europa insgesamt besser wären in Sachen Privatheit als in den USA. Und ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Mein Gefühl ist, Damentoiletten sind zumindest sehr hellhörig. Und ich weiß aber eigentlich gar nicht, wie es tatsächlich auf Männertoiletten aussieht. Sind da zum Beispiel Trennwände Standard? Also jetzt mal für die Kabinen würde ich sagen, in den allermeisten Fällen gibt es diese freigestellten Trennwände zwischen den Sitztoiletten, die man so kennt, wo oben Platz ist und unten Platz ist. Die sind genau die hellhörigen, würde ich sagen, die du meinst. Seltener hat man da mal was Gemauertes, was wirklich von oben bis nach unten geht und dann auch abschließt. Und bei Pissoirs würde ich sagen, am häufigsten ist da eigentlich nichts dazwischen. Es gibt es ab und zu, dass da auch zwischen den Pissoirs vielleicht so eine kleine Trennwand ist. Also man kann sich dann trotzdem noch in die Augen schauen, aber quasi nicht den betreffenden Bereich unten. Aber ob das dann hilft, ist natürlich eine andere Frage. Okay, also das heißt, das ist tatsächlich doch gar nicht so üblich mit den Trennwänden. Also zwischen Pissoirs würde ich jetzt sagen, ist es seltener als dass es andersrum ist. In der Forschung stand auch etwas über so ungeschriebene Regeln auf Männerklos, die kompensieren sollen, dass die Intimsphäre verletzt wird. Also sowas wie Abstand halten. Klar, aber auch, dass Männer einander auf der Toilette nicht ansprechen oder angucken, vor allem am Urinal. Also man würde es halt so tun, als wäre der andere nicht da. Stimmt das? Macht man das so? Ich glaube, ein bisschen stimmt das vielleicht schon. Also wenn ich mir gerade so vorstelle, dass irgendwo, keine Ahnung, fünf Urinale nebeneinander sind und an einem steht schon einer, dann würde man das nehmen, was am weitesten weg ist, wenn man als Nächster dazukommt. Und so füllt sich das dann nach und nach. Und ja, ich weiß nicht, wenn man sich nicht kennt, ist schon, glaube ich, Prinzip Augen geradeaus und sich möglichst ignorieren. Was natürlich komisch ist, wenn man zehn Zentimeter nebeneinander steht. Und wie ist es bei Frauen? Läuft es ganz anders? Ja, ich glaube schon, so ein bisschen anders. Und ich glaube, das hat auch verschiedene Gründe. Also Frauen wollen eher mal Privates besprechen. Und das geht ja rein akustisch manchmal einfach am besten auf den Klo. Also wenn man zum Beispiel abends in der Gruppe unterwegs ist und dann will man irgendwie plötzlich was besprechen. Oder früher bin ich auch öfter mal mit einer Kollegin zum Quatschen aufs Klo gegangen, weil wir in einem Großraumbüro gearbeitet haben und man konnte sich sonst einfach nirgends austauschen, ohne sicher zu sein, dass niemand mithört. Aber auch wenn man sich so oft im Klo begegnet, dann plaudern Frauen, glaube ich, eher mal am Waschbecken. Also ich habe sogar eine Freundin aus Studienzeiten genau auf die Weise kennengelernt. Und was vielleicht auch ein Faktor ist, ist, dass Frauen auch eher über intime Themen reden. Und man kann ja sogar Fremde nach Tampons fragen. Da gibt es wenig Tabus. Also weil jede Frau kennt das Problem, dass man eins braucht und keins dabei hat. Und jeder hilft dann auch gerne aus. Also dann ist das nicht so unangenehm, wenn man sich da anspricht. Aber in der Regel macht man das natürlich auch alles am Waschbecken. Das ist natürlich dann mit der Situation an einem ungeschützten Pissoir schwer zu vergleichen. Ja, also ein sehr, sehr spannendes Thema, das viele Leute betrifft. Vielleicht kennt ihr auch welche oder seid selber betroffen. Dann erfahrt ihr gerne mehr zu diesem Thema noch in Christianes Artikel auf spektrum.de. Könnt ihr euch das alles nochmal durchlesen. Und Christiane, dir sage ich vielen, vielen Dank fürs Erklären. Danke dir. Ja, das war es für diese Woche vom Spektrum-Podcast. Vielen, vielen Dank euch fürs Zuhören. Kommenden Freitag gibt es wie immer eine neue Folge von uns. Seid doch gerne auch dann wieder dabei. Bis dahin würde ich mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen Dank. Mein Name ist Max Zimmer und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von detektor.fm.