Bildung als Dauerbaustelle
Das Thema Bildung ist eine Dauerbaustelle. Viele klagen über schlechten Unterricht, zum Beispiel. Aber was sagen denn eigentlich Bildungsforscherinnen und Experten? Wie müsste Schule aussehen? Darum geht es heute bei uns im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von detektor.fm.
Wenn es um Schule geht, dann wird gerne viel gemeckert. Marode Gebäude, der Unterricht veraltet, die Schülerinnen und Schüler haben keinen Bock, und die Lehrerinnen und Lehrer sind irgendwie nicht up to date, heißt es dann oft. Soweit jedenfalls das Klischee. Und klar ist auch, es gibt eine Menge Probleme im Bildungssystem. Aber was wäre wenn man mal ein positives Bild von Schule entwirft? Wenn man fragt, was die Forschung und die Schulpraxis denken, welche Veränderungen die wollen? Genau das hat Spektrum der Wissenschaft gerade gemacht. Statt Klagen über den Status Quo haben sie versucht, ein konstruktives Zukunftsbild zu zeichnen und dazu gleich 17 führende Bildungsexpertinnen und Experten gefragt.
Gespräch mit Carsten König
Und darüber will ich natürlich sprechen, und zwar mit Carsten König. Der ist Redaktionsleiter Psychologie und Social Sciences bei Spektrum der Wissenschaft und heute seit langem mal wieder mein Gast hier im Podcast. Hallo Carsten! Ja, hallo Marc! Grüß dich, Grüß dich.
Carsten, vielleicht können wir mal so einsteigen: Was war denn eigentlich euer Ansatz? Also, was habt ihr anders gemacht, als wenn sonst über dieses Thema gesprochen wird? Na ja, der Ansatz, du hast es ja schon skizziert, war in diesem Fall für diesen sehr besonderen, auch aufwändigen Artikel ein gesellschaftliches Problem. Also, wir sind nicht davon ausgegangen, dass es irgendwo ein tolles Paper oder eine tolle Forschungsarbeit gibt und wir jetzt dann den Top-Experten suchen, der uns das noch mal verständlich aufschreibt, sondern wir haben gesehen, es gibt einfach ein Riesenproblem mit Schule aus den verschiedensten Ecken: die verschiedenen Stakeholder, Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern, Schüler im System. Ja, also auch das Stichwort psychische Erkrankungen und so weiter. Das ist also eine Dauerbaustelle.
Expertenmeinungen und Zielbilder
Und gleichzeitig gibt es aber eine Batterie von Fächern, die sich ja in der Forschung damit auseinandersetzen. Also Erziehungswissenschaft, pädagogische Psychologie, also you name it. Und wir haben gedacht, jetzt lass uns doch mal fragen, was diese Fachleute aus der Forschung sagen, wie Schule funktionieren könnte oder wie sie auch funktionieren sollte. Und sie sollten also ein Zielbild quasi für Spektrum entwickeln, so ein Positivbild, gar nicht groß auf dem Problem rumkauen. Und das war so die Hausaufgabe, die wir 17 hochkarätigen Menschen am Ende gegeben haben. Natürlich mit Quellenangabe und so weiter, das kennt ihr von Spektrum der Wissenschaft. Aber es ging jetzt nicht um das Nachbeten von einzelnen Studien, sondern um so ein großes, holistisches Bild.
Ja, das habe ich mir natürlich auch angeschaut im Vorfeld. Und ich habe auch einen Begleitkommentar von dir gesehen, den du zu diesem Projekt geschrieben hast. Da steht auch drin, dass das das redaktionell aufwendigste Einzelprojekt in fast 50 Jahren Spektrum der Wissenschaft war. Worin bestand denn der große Aufwand? Vielleicht kannst du mal so ein bisschen Einblicke in den Maschinenraum geben.
Der Aufwand hinter dem Artikel
Ja, also der Text, den wir jetzt publiziert haben, der trägt ja genau eine Überschrift, nämlich die Schule der Zukunft. Ganz schlicht, aber dahinter verbirgt sich also gehöriger Aufwand. Zunächst mal ging es darum, zu sehen, was sind denn eigentlich so die einzelnen Facetten von Schule, also die Unterthemen sozusagen. Da sind wir so auf 15 Stück am Ende gekommen. Das ging dann von Digitalisierung bis Schulsystem. Können wir vielleicht nachher noch im Einzelnen so ein paar zumindest mal beleuchten.
Dann ging es darum, 15 Experten zu finden, die bereit sind, zu diesen 15 Unterthemen, also nach dem Strickmuster, was wir vorgegeben haben, ein Bild von der Schule der Zukunft für diesen Bereich zu entwerfen. Die sollten bereit sein, sich darauf einzulassen. Und wir haben von vornherein gesagt, na ja, wenn wir jetzt also 15 Forschende da schreiben lassen, dann besteht vielleicht die Gefahr, dass so ein Wolkenkuckucksheim entsteht, was nicht so richtig geerdet ist. Also ich hatte schon gedacht, na ja, und dann kommen irgendwie so die Lehrerinnen und Lehrer aus meinem persönlichen Bekanntenkreis und sagen, ja, was die sich da vorstellen. Das heißt, wir haben auch noch zwei zusätzliche Praxisexperten dazugeholt von Anfang an. Genau.
Und diese 15 Autoren und zwei Co-Autoren, wenn man so möchte, die sollten dann ein einheitliches Bild zeichnen, so aus einem Guss. Und ich kann gerne, wenn du das möchtest, mal nachzeichnen, was der einzelne Text für einen schier unendlich langen Weg nehmen musste, bis wir ihn am Ende publiziert haben. Also möchtest du es hören? Ja, gerne.
Der Weg der Texte
Okay, also nachdem wir mit diesen 15 Autoren einig waren, bekam ich dann irgendwann als federführender Redakteur dann diese Texte der Reihe nach. So, dann geht so ein Text, das ist immer bei uns bei Spektrum so durch zwei Hände, also vier Augenprinzip in der Redaktion. Das heißt, wir gucken uns den Text an, stellen Nachfragen, haben etwas vielleicht selber nicht verstanden, machen hier Formulierungsvorschläge, wie man etwas verständlicher machen kann. Das geht dann zurück zum Autor. So, dann haben wir irgendwann eine Version, wo der Autor sagt, also ich habe immer noch meine Gedanken drin und wir sagen, prima, man kann sie auch verstehen.
Dann ging dieser Text dann eben zu einem Praxisexperten noch, also einem Schulleiter oder einer Schulleiterin. Wir hatten da zwei Stück aus dem Dunstkreis des Deutschen Schulpreises, verbunden mit der Frage, fehlt vielleicht aus Praxissicht irgendein wichtiger Punkt? Dann zurück zum Autor, wieder zum Redakteur und ganz am Ende hatten wir also so kurz vor Weihnachten 15 Einzeltexte, die dann alle soweit geprüft waren. Und die haben wir dann nochmal an alle Autoren geschickt, weil wir wollten wirklich die geballte Kompetenz dieser 17 Menschen in Summe für jeden einzelnen Text haben. Und da kam natürlich auch nochmal Feedback.
Also ich mache es kurz: Am Ende gab es natürlich noch Layoutfragen, Grafiken, Kurzvideos und das alles, wie gesagt, unter einer Überschrift. Und deswegen der aufwendigste Artikel, den wir je gemacht haben. Ja, und im Grunde auch Teil einer größeren redaktionellen Kampagne, kann man sagen. Richtig, also dieser Text ist jetzt sozusagen nur der Auftakt für uns. Wir machen jetzt eine redaktionelle Kampagne die nächsten Wochen und Monaten unter der Überschrift „Schule neu denken“. Da kamen schon und kommen immer wieder auch neue Einzelthemen hinzu, Themen wie Bildungsgerechtigkeit, aber auch Sinn und Zweck von Hausaufgaben. Braucht man die überhaupt noch? Unruhe im Klassenzimmer, Bedeutung von KI, aber auch so spezielle Sachen wie Matheunterricht oder Sport und Bewegung.
In dem Podcast von Katharina Menne und mir, „Die großen Fragen der Wissenschaft“, haben wir mit einem unserer Autoren, Kai Maatz, auch ein großes Gespräch nochmal geführt. Also da ist für Leute, die jetzt wirklich wissen wollen, Schule, was könnte man machen, ist da, glaube ich, noch einiges drin. Ja.
Baustellen im Bildungssystem
Und vielleicht, Carsten, gehen wir mal wirklich rein: Was sind denn so die größten Baustellen, wenn man sich jetzt diese Denkanstöße anguckt, die eure Expertinnen und Experten da identifizieren? Ja, ich glaube, es steckt echt sehr viel drin. Die größten? Gute Frage. Vielleicht nenne ich mal zwei, die mir spontan einfallen: Schulkultur und Unterrichtsentwicklung.
Mit Schulkultur kann man vielleicht auch das Mindset einer Institution Schule zeichnen. Da sagen also unsere Autorinnen und Autoren, alle in diesem System Schule müssen permanent lernen, also längst nicht nur die Schülerinnen und Schüler. Das ist trivial, aber auf allen Ebenen, also auch die Lehrkräfte. Ja, sogar die Schule selbst als lernende Organisation. Wie kann man lernen? Man braucht dafür Informationen, Daten, also Beobachtung, Testdaten auf Ebene des Einzelkindes. Das wird dann auch von den Fachleuten Diagnostik genannt, so wie beim Arzt quasi, aber auch einer ganzen Klasse, einer Schule, eines Bundeslands.
Zu dieser Schulkultur gehört auch so etwas wie Umgang mit Fehlern, also eine positive Fehlerkultur. Ja, vielleicht so eine Art Selbstverständnis entwickeln: Ja, Fehler gibt es, wir machen Fehler auf allen Ebenen, aber nicht schlimm, beim nächsten Mal machen wir eben bessere Fehler. Stichwort Unterrichtsentwicklung: Da habe ich gelernt, dass sehr viel in der Schule der Zukunft auch auf der Ebene von Teams und Kollegien vielleicht sogar entstehen soll. Also, dass nicht so jeder Lehrer, jede Lehrerin so eine Art Einzelkämpfer ist und alles selbst erfinden muss, sondern dass man mit mehreren Kolleginnen und Kollegen also ganze Strecken von Unterricht vorentwickelt, sodass dann auch jeder quasi einspringen kann und man auch nicht alles doppelt und dreifach erfinden muss. Das könnte auch Ressourcen freisetzen.
Multiprofessionelle Teams
Und was ich noch gelernt habe, ist das Stichwort multiprofessionelle Teams, ein kleiner Zungenbrecher. Dass also quasi, wenn man sich jetzt vorstellt, keine Ahnung, vier, fünf Physiklehrerinnen und Physiklehrer bereiten jetzt für eine bestimmte Unterrichtsstufe irgendwie Physikunterricht vor und gestalten den ganzen Unterricht da im Team erstmal durch. Einer bringt es dann auf die Straße. Aber dass man quasi dieses Team von Physiklehrenden auch noch mit Sozialarbeitern oder Schulpsychologen vielleicht auch nochmal aufbohrt, je nach Thema, natürlich je nach Fragestellung punktuell. Und dann spricht man auch von multiprofessionellen Teams.
Ganz wichtig ist natürlich, nicht überraschend, aber ich glaube, es ist wichtig, sich das nochmal klar zu machen für Menschen, die nicht im System Schule drin sind: Schule ist keine isolierte Angelegenheit. Natürlich sind die Lehrkräfte verantwortlich, aber daneben soll es auch, das schlagen unsere Autoren vor, auch Partnerschaften ins Kiez oder ins Dorf oder in den Stadtteil drum herum geben, also mit Institutionen, Bildungsinstitutionen. Vielleicht gibt es ein Museum, Unternehmen, Handwerksbetriebe, gibt es mit Sicherheit, Sportvereine, Musikschulen, Stadtarchive, und die können und sollten auch Angebote machen und eingebunden werden, sodass man also quasi viel mehr Menschen in der Gesamtgesellschaft hat, die sich für Schule auch verantwortlich fühlen und sich einbringen. Das finde ich auch einen ganz interessanten Gedanken.
Die Frage ist natürlich, wie gelingt das dann vor Ort, aber da gibt es in der Praxis schon sehr viele lebende Beispiele. Und man sieht schon an dem, was du jetzt schon so erzählt hast, wie breit gefächert dann auch euer Blick auf dieses Thema ist. Ich würde gerne auf ein paar einzelne Punkte nochmal eingehen, die auch bei mir so hängen geblieben sind. Ein großes Thema ist sicherlich wie man Schule so gestalten kann, damit Lernen eben motiviert, damit Motivation bei den Schülerinnen und Schülern da ist und sich das eben nicht so stark nach Pflicht anfühlt. Gibt es da Ideen?
Motivation im Lernen
Ja, also Motivation. Der Autor, unser Experte, der dieses Thema beackert hat, Ulrich Trautwein von der Uni Tübingen, der formuliert das so schön: Motivation ist die wichtigste Ressource für nachhaltiges Lernen. Also, ist ja klar, das kennen wir selber aus unserer Schulzeit. Wenn du keinen Bock hast, dann wird da auch nichts raus. Also, wie kann man Motivation steigern? Ist ja jetzt die Frage: Wo kommt die überhaupt her? Und da sagt die Forschung: Motivation steigt, wenn Unterricht zum Beispiel klar strukturiert ist, also nachvollziehbar für die Kinder und Jugendlichen. Also, sie sind orientiert, was passiert.
Aber wichtig auch, dass Lehrkräfte persönliche Rückmeldungen geben zu Leistungen, aber auch zum Lernprozess. Also, wenn man so mathematisch betrachtet zur ersten Ableitung, sie ermutigen auch dran zu bleiben. Die Leistung absolut betrachtet ist vielleicht noch nicht so dolle, aber du hast dich echt gemacht in den letzten paar Wochen, bleib da dran. Das hat viel zu tun mit einer grundlegenden Atmosphäre der Wertschätzung und Unterstützung. Das ist also wieder natürlich auch das Thema Schulkultur, von dem was wir eben hatten. Aufgaben müssen für den einzelnen Schüler schon auch herausfordernd sein, also im Sinne von Ansporn, dass man sich schon auch mal strecken muss. Jetzt nicht so ein bequemes sich zurücklehnen, aber eben mit Unterstützung dann auch.
Ganz wichtig für Motivation ist, dass Kinder erfahren, dass ihr Denken, aber auch vor allem ihr Handeln eine Bedeutung hat und dass die Wirklichkeit auch verändert werden kann dadurch. Also, Stichwort Selbstwirksamkeit. Das motiviert natürlich, wenn man sieht, ich mache einen Unterschied. Forscher sprechen da auch von Agency, also die Fähigkeit, das eigene Lernen zu steuern. Also Projektarbeiten sind natürlich spannender als jetzt Frontalunterricht. Da gibt es verschiedene Ideen. Ein Beispiel könnte sein, zur eigenen Dorfgeschichte oder zur Kiezgeschichte mal eine Ausstellung machen oder auch so Rollenspiele mit realem Bezug im Unterricht. Parlamentsdebatten kann man sich vorstellen, dass also Schüler mal in eine bestimmte Rolle schlüpfen und dann mit anderen Argumente austauschen, die sie sich vorher aber auch angeeignet haben, also wo es vorher eine Lernphase gab und dann wird es mal ausgetragen.
Ja, und ganz wichtig in dem Bereich und auch wenn man an die Zukunft denkt: KI. Also KI kann hier bei Motivation eine Rolle spielen. Zum Beispiel kann eine KI natürlich feststellen, Mustererkennung ist ja KI toll drin, wenn ein Kind sich langweilt oder abgehängt ist. Das kriegt vielleicht eine Lehrkraft bei 30 Schülern und Schülerinnen nicht so immer mit. So, was ist an Sprache, Schreibstil auch erkennbar? Und dann kann eine KI natürlich, wenn es eine gute KI ist, auch passend inhaltlich neue Aufgaben vorschlagen, die dann wieder eben neu ansetzen bei dem einzelnen Kind und wieder neu motivieren. Das ist so ein Punkt, wo ich denke, das ist logischerweise ganz klar anders als in den 80er Jahren, wo ich jetzt Schüler war. Und sicher auch ein Punkt, an den viele noch nicht so gedacht haben.
Leistungsdruck und Wohlbefinden
Carsten, wenn wir über Motivation gesprochen haben, dann ist ein nächster Punkt, der sich eigentlich logisch ergibt, finde ich, das Thema Leistungsdruck, Stress. Viele Kinder klagen ja schon über Schulstress. Wie lässt sich sowas denn vielleicht im Schulalltag so ein bisschen bekämpfen oder wie lässt sich, andersherum formuliert, das Wohlbefinden vielleicht steigern? Ja, das ist ein super wichtiges Thema, finde ich. Da haben wir bei Spektrum auch schon einiges an Artikeln vorher gehabt, weil das Thema psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen ist leider auch eins, wo es mehr und mehr Bedarf gibt, dass man darüber forscht und dass man auch hilft.
Das Thema Wohlbefinden und psychische Gesundheit, die hängen also sehr, sehr eng für mich auch zusammen. Wohlbefinden ist vielleicht ein bisschen ungebräuchlicher zunächst einmal. Was heißt das überhaupt? Das ist so ein Gefühl der Sicherheit. Ich fühle mich wohl hier. Ich bin willkommen. Ich bin angenommen. Ich werde auch nicht stigmatisiert oder so. Ich werde nicht in eine Ecke gestellt wegen irgendwelcher Merkmale, die ich habe. Und dann gibt es da eine ganz wichtige Wechselbeziehung zwischen Wohlbefinden und Lernen. Einerseits ist natürlich Wohlbefinden, dass ich mich da also heimisch fühle, in Anführungsstrichen, ist natürlich eine ganz wichtige Grundlage dafür, dass ich überhaupt lernen kann. Wenn ich nur gestresst bin, kann ich ja nicht lernen.
Andererseits aber auch, wer lernt und merkt, dass er vorwärtskommt, der verspürt dann natürlich auch Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, und das stärkt dann natürlich auch wieder die Psyche. Wichtig kann auch die Gestaltung der Räume sein. Der Professor Julian Schmitz von der Uni Leipzig, der diesen Denkanstoß da verfasst hat in unserem Projekt, der beschreibt auch so ganz plastisch, dass also warme Farben im Schulalltag oder auch Holzmöbel und offene Lernumgebung, also im Gegensatz zu Frontalsettings, also auch Wohlbefinden steigern können. Dann der Umgang mit Prüfungen ist natürlich wichtig. Prüfungen reduzieren sich nicht auf Noten im Idealfall, sondern sie zeigen Kompetenzen auf und auch eben Fortschritte, natürlich auch Defizite, aber gehen da konstruktiv mit rum, indem man so eine Roadmap nach vorne auch zeichnet für das einzelne Kind.
Und wenn es eine echte Hilfe gibt, dann ist das ein System, das muss auch ausgebaut werden in Deutschland. Vor allen Dingen passiert, glaube ich, zu wenig in Richtung Prävention. Also wir neigen ja dazu, dahin zu schauen, wo schon das Kind in den Brunnen gefallen ist, um es mal bildlich zu sagen. Prävention, Stärkung von Resilienz und so weiter, das ist eine ganz wichtige Aufgabe. Und das Thema ist riesig. Also, wenn wir da mal Zahlen nennen: Der aktuelle DRK Gesundheitsreport spricht von allein 23.000 Mädchen im Teenageralter, die in Deutschland gerade wegen einer Essstörung in Behandlung sind, 75.000 wegen einer Angststörung und sogar 84.000 wegen einer Depression. Also, wohlgemerkt, schon in Behandlung. Bei den Jungs sind die Zahlen ein bisschen niedriger, aber im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten sind sie alle gestiegen.
Und ein ganz wichtiges Thema ist auch das Wohlbefinden der Lehrkräfte, weil wir denken natürlich gerne an die Kinder und Jugendlichen, und das ist auch wichtig, aber die Menschen, die im System arbeiten, man kann auch sagen, arbeiten müssen, denen geht es ja jetzt auch nicht überall rosig. Und denen hilft zum Beispiel sagen unsere Autoren, wenn eine Schulleitung partizipativ führt, also dass man auch da selbstwirksam sein kann und natürlich auch für eine gute Atmosphäre im Kollegium sorgt. Das ist sehr viel wert, anscheinend.
Kreativität und Selbstständigkeit
Ja, und wie wichtig die Lehrkräfte sind, das ist ja ganz klar, weil sie es natürlich am Ende auch sind, die so ein bisschen Schülerinnen und Schüler auf den Weg bringen. Und auf diesem Weg kann ich mich noch daran erinnern, auch aus meiner Schulzeit, ein Dauerstreitthema immer schon gewesen: Wie viel Raum für Kreativität lässt die Schule? Wie viel Raum für Selbstständigkeit und wie viel ist eigentlich auswendig lernen und sich auf bestimmte Prüfungsleistungen vorbereiten? Was sagen denn eure Expertinnen und Experten da?
Also, wie kann Schule zur Kreativität und Selbstständigkeit beitragen? Ich sage da gleich sofort was zu, Marc, aber wo du gerade sagtest, auch deine eigene Schulzeit: Kreativität ist für mich auch so ein Schlüsselerlebnis in meiner eigenen Schulzeit gewesen. Es gab diese Frau Anand, also so ein indischer Nachname. Ich glaube, die war mit einem Inder verheiratet, leider inzwischen verstorben. Mittelstufenunterricht, Deutsch. Ich sage mal so neunte oder zehnte Klasse. Und in Deutsch, was macht man so in Deutsch am Gymnasium? Was weiß ich, du hast eine Lektüre, du schreibst Interpretationen, vielleicht schreibst du noch Diktate, irgendwie sowas halt.
Und Frau Anand, ich bin ihr heute noch total dankbar dafür, die hat was außer der Reihe gemacht. Die hat nämlich mit uns kreatives Schreiben gemacht, in dem Sinne, dass sie uns zum Beispiel so Satiren hat schreiben lassen. Also, wir mussten zum Beispiel irgendeine Trivialroman Perry Roden, da gibt es so Geroschenhefte, so was, jede Woche kommt was Neues raus, und die mussten wir dann quasi in so einer übertriebenen Art und Weise so nachschreiben und neue Geschichten erfinden. Und das aber auch wirklich nicht nur als Hausarbeit, sondern als Klassenarbeit. Viele fanden das auch doof, glaube ich, in meiner Klasse. Für mich war das der Game Changer im Deutschunterricht. Das war gut.
Egal, darum geht es jetzt ja nicht. Nein, aber Carsten, das ist ganz schön, dass du das erzählst, weil ich kann genau sofort auch an einen Lehrer von mir denken, Englischlehrer, Herrn Rehk, schöne Grüße, falls er zuhört. Da war das nämlich ganz genauso. Der hat sich irgendwann entschieden, dass man auch mal eine Glosse schreiben darf oder so und dass man Macbeth zwar lesen muss, aber vielleicht auch den Actionfilm dazu gucken kann in der Neuadaption und solche Sachen. Und das hat bei mir auch wirklich was im Lernen und in der Motivation kreativ zu sein. Und ich behaupte auch, einen kreativen Job zu machen heute, hat das was verändert. Und insofern kann man diese Leute ja auch mal hochleben lassen. Carsten, also finde ich gar nicht schlimm.
Kreativität in der Schule
Ja, genau, das machen wir jetzt mal. Ein Hoch auf deinen Englischlehrer, meine Deutschlehrerin! Was sagen die Forschenden dazu? Also zunächst mal interessant ist, dass Kreativität sich überhaupt nicht jetzt auf musische Fächer oder meinetwegen noch auf Sprachen irgendwie reduziert. Also, es ist schon gar nicht jetzt auf Kunstunterricht, wo man vielleicht dran denken könnte, sondern der Begriff ist erstmal viel, viel breiter. Kreativ ist so ein bisschen das Gegenteil von Sachen abarbeiten.
In der Schule der Zukunft, so schreiben es unsere Autoren, sollen Schülerinnen und Schüler eben nur Antworten oder Übungsaufgaben in einer vorgegebenen Reihenfolge abarbeiten und Antworten dann irgendwie erarbeiten, so nach dem Motto: Heute Seite 10, nächste Woche Seite 12, sondern auch eigene Fragen formulieren, eigene Hypothesen aufstellen und die dann auch überprüfen. Also, was ich sagen will, ist: Kreativität erstreckt sich auf alle möglichen Lernfelder und eben nicht nur musische Fächer im engeren Sinn. Das war für mich ein ganz erhellender Gedanke.
Und wie ich eben schon gesagt habe, finde ich mich selber drin wieder. Ganz wichtig: Thema Digitalisierung. Also, da gibt es einen Text von Uta Haug-Thum, Professorin an der LMU in München, und sie schreibt sehr überzeugend, finde ich, dass wir, wenn es jetzt um die Vorbereitung auf ein Leben in digitalen Welten geht, dass es nicht reicht, dass wir jetzt in der Schule Kinder zu guten Nutzerinnen und Nutzern von irgendwelchen Programmen erziehen, sondern dass so etwas entstehen muss, was sie digitale Souveränität nennt. Also, Kinder müssen kritikfähige, aber vor allen Dingen Gestalter digitaler Welten werden. Gestalten, da klingt Kreativität an.
Und dazu kann ganz konkret zum Beispiel so etwas wie projektorientiertes Lernen mit digitalen Mitteln helfen. Also, zum Beispiel eine digitale Klassenzeitung erstellen. Da reicht ja auch schon mal eine einzige Ausgabe, vielleicht mit Text, Ton, Video, alles, was so dazugehört. Das hat natürlich was mit Kreativität zu tun. Das leuchtet mir sehr ein, dieses Beispiel.
Zukunftskompetenzen
Aber weil du Digitalisierung gerade ansprichst, wäre auch mein nächster Punkt: Die Kompetenzen, die gefragt sind, die haben sich ja auch stark verändert und werden sich vor allem auch in den nächsten Jahren noch stark verändern. Und natürlich muss sich Schule daran irgendwie anpassen. Was würdest du denn sagen, was müssen Kinder heute und in Zukunft lernen oder wo hat die Schule vielleicht Nachholbedarf, wenn man sich so die Meinungen eurer Expertinnen und Experten anguckt?
Ja, da kommen wir zu dem Stichwort Future Skills oder Zukunftskompetenzen. Also klar, ist es, muss natürlich weiterhin eine Vermittlung von Basiskompetenzen geben: Lesen, Schreiben, Rechnen, so mal ganz platt gesprochen. Und natürlich müssen grundlegende Wissensbestände aufgebaut werden, ob das jetzt Mathe ist oder Geschichte. Also würde ich sagen, niemand, der eine mittlere Reife macht oder ein Abitur, darf verpassen, dass es mal eine deutsche Teilung gab. Nur um ein Beispiel jetzt mal herauszugreifen. Das ist jetzt mein Beispiel, das steht da nicht in den Text dieser Autoren drin, aber das glaube ich wäre so eins. Also, das muss jeder lernen.
Und dann gibt es aber eben auch Zukunftskompetenzen. Und die Anne Slivka, Professorin an der Uni Heidelberg, die diesen Gedanken da in dem Text verantwortet, die nennt als Zukunftskompetenzen unter anderem kritisches Denken, konstruktiven Umgang mit Unsicherheit, Teamfähigkeit, aber auch so etwas wie Selbstregulation und Resilienz. Sprich, also jemand, der die Schule hinterher verlässt, der muss auch das gelernt haben. Wie kann das passieren? Hat natürlich Auswirkungen auf den schulischen Alltag. Lernen ist nicht mehr so stark in kleinteiligen Aufgaben organisiert, die sich mal irgendwer ausgedacht hat und die dann in so Schulbücher gegossen worden sind, hatten wir eben schon.
Sondern Lernen wird durch komplexe, übergreifende Fragestellungen strukturiert, auch orientiert an realen Problemen. Und dann eignen sich die Schüler selbstständig, begleitet von den Lehrkräften, da zu wissen an erstellen vielleicht eigene Präsentationen, untereinander, vielleicht auch mal für die Eltern oder so.
So kann man sich das vorstellen. Und wir sagten es schon: Schule ist nicht auf das Schulgebäude beschränkt. Also ich hatte vorhin dieses Beispiel mit den Partnerschaften so in die Region hinein. Aber man kann sich auch vorstellen, dass Schüler ein Umweltprojekt vor Ort umsetzen oder auch sich mit Themen auseinandersetzen, die sie wirklich interessieren.
Eine eigene Fundraising-Kampagne für irgendein Projekt starten, damit sie quasi im realen Leben lernen und spüren, fast schon körperlich, wie man auch in die Gesellschaft hineinwirken kann. Absolut. Und Karsten, du hast vorhin beim Thema Wohlbefinden eine Sache gesagt, nämlich dass sehr stark damit zusammenhängt, wie man sich gesehen fühlt oder wie man sich auch nicht diskriminiert fühlt.
Und auch das ist natürlich eine Frage der Zukunft. Wahrscheinlich: Wie kann Schule inklusiver werden, damit man auch niemanden zurücklässt? Genau. Also Inklusion, Vielfalt, das ist ja so ein Themenkomplex. Das ist natürlich ein großer, der ist einfach in unserer Gesellschaft größer geworden. Und Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Da ist es auch größer geworden.
Zunächst einmal gilt es natürlich, Vielfalt zu sehen, denn sie ist ja da. Also war schon immer so. Kinder kamen schon immer mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule: Musische Begabung hier, analytische Begabung dort oder motorische Begabung. Wer jetzt toll im Sport ist. Aber auch Begriffe, die früher Unterarbeiterkind oder Akademikerkind so firmiert haben.
Also Unterschiede gab es immer schon im Schulsystem. Das ist überhaupt nichts Neues. Aber heute ist das Spektrum dessen, was da ist, sehr viel größer, sehr viel breiter. Damit da niemand zurückgelassen wird, ist es zunächst einmal natürlich wichtig, dass kein Kind oder Jugendlicher aufgrund von irgendwelchen individuellen Besonderheiten, ob das jetzt Interessen sind oder Muttersprache oder Herkunft, ausgegrenzt wird.
Also da braucht man natürlich klare Regeln gegen Diskriminierung und Mobbing. Und die müssen auch eingefordert und durchgesetzt werden, damit man sich, also Stichwort Wohlbefinden, in seiner eigenen Schule sicher fühlen kann. Wenn man sich da sicher fühlt, ist die Voraussetzung für gesundes Lernen natürlich nicht mehr gegeben.
Und wenn Kinder jetzt neu in die Schule reinkommen, also ob es jetzt sozusagen auf dem ganz normalen Weg ist, wenn man irgendwie sechs Jahre alt wird, das ist ja der typische Fall, und kommt in die Grundschule, oder ob es jetzt vielleicht durch Umzug oder Zuzug oder sonst was ist, dann sollen Kinder durch eine Diagnostik, so nennen das unsere Fachleute, laufen.
Klingt so ein bisschen wie beim Arzt, ist hier aber gemeint: Es wird also genau erfasst, was kann ein Kind, das neu ins Schulsystem reinkommt? Was weiß es und wo hat es individuellen Förderbedarf? Und dieser Förderbedarf muss dann natürlich auch angeboten werden, also gerade auch bei der Sprachförderung, bis irgendwann diese Förderung nicht mehr benötigt wird.
Und das ist natürlich auch eine Ressourcenfrage. Da kann es auch heikel werden. Aber wir haben ja gebeten, das Positivbild der Zukunft zu schreiben und sich nicht bei den Problemen aufzuhalten. Und auch hier ist wieder so ein Fall, wo KI helfen könnte. Beispiel habe ich jetzt auch gelernt, war mir nicht klar. Beispiel LRS, Lese-Rechtschreibschwäche.
Wenn ein Kind erhebliche Leseschwächen hat, dann ist es wenig überraschend, dass es sich nicht freiwillig meldet, wenn es im Unterricht mal laut vorlesen soll. Vielleicht sogar noch nicht mal unter vier Augen mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Das hat was mit Scham zu tun. Das ist massiv unangenehm, wenn man weiß, man hat eine große Schwäche.
Aber die Scham, laut vorzulesen gegenüber einer KI, ist anscheinend radikal gesenkt. Also sprich, ein Kind, das da Probleme hat, und solche KIs gibt es offenbar schon, wird erst mal motiviert, es trotzdem zu versuchen. Weil es ist ja jetzt niemand, kein Mensch im Raum oder keine Mitschüler, die mit den Augen rollen und vielleicht noch andere Dinge machen.
Und die KI kann sehr individualisiertes Feedback geben und passgenaue neue Leseraufgaben geben. Also das ist so ein Beispiel, wo quasi dieses Thema Vielfalt, Inklusion auf der einen Seite und Künstliche Intelligenz auf der anderen Seite sich vielleicht fruchtbar treffen könnten. Sehr, sehr spannend.
Und Carsten, wir waren ja gerade beim Thema Vielfalt. Da springt natürlich als nächstes auch Demokratie direkt in den Kopf. Und Schule ist ja ein Ort der Demokratie und demokratisches Miteinander vermitteln soll, auch wenn das natürlich manchmal schwierig ist. Inwiefern würdest du sagen, ist das im Klassenzimmer überhaupt möglich?
Also in dem Kinder die eigene Klassengemeinschaft, aber auch die eigene Schulgemeinschaft darüber hinaus selber auch ein Stück weit mitgestalten können? Man kann ja an so etwas wie einen Klassenrat denken. Das gibt es auch in verschiedenen Schulen schon längst, der regelmäßig stattfindet. Einmal die Woche, die letzte Stunde vor dem Wochenende oder einmal im Monat oder was auch immer, wo dann die Schülerinnen und Schüler das Zusammenleben in der Klasse reflektieren, wo man Probleme ansprechen kann und dann aber auch gemeinsam Lösungen überlegt und vielleicht sogar Regeln gemeinsam festlegt.
Wie wollen wir damit umgehen, wenn, keine Ahnung, x und y passiert oder so? Natürlich ist es so, Kinder sind Kinder und Schüler treffen natürlich jetzt hier dann keine allgemeingültigen Beschlüsse unter Umgehung der Lehrkräfte. Das kommt immer so ein bisschen auf die Frage natürlich an. Aber sie werden, und das ist das Entscheidende, sie werden nicht einfach übergangen.
Sie werden mindestens mal gehört. Aber es gibt eben nicht eine Lehrkraft oder eine Schulleitung, die einfach kommentarlos irgendwelche Beschlüsse verabschiedet. Und diese Beschlüsse gehen die Schüler vielleicht unmittelbar dann auch an. Sondern man hat das, wie der Professor Markus Glööwe von der LMU München, der beschreibt das so schön: Man merkt durch solche Formate, dass die eigene Stimme ein echtes Gewicht hat.
Das finde ich eine schöne Metapher dafür. Man lernt also, einander zuzuhören. Das ist auch, widersprechen zu dürfen, auch Verantwortung zu übernehmen. Und das ist natürlich für ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft eine sehr, sehr wichtige Voraussetzung. Auch vielleicht mal sich einer Mehrheit auch mal beugen zu müssen. Auch das, auch das gehört dazu.
Natürlich, ganz genau. Aber eben unter der Voraussetzung, dass man vorher seine eigene Meinung, die sich eben dann nicht durchgesetzt hat, aber schon auch artikulieren durfte. Und dass man nicht dafür irgendwie fertig gemacht oder bis zum jüngsten Tag ausgegrenzt wird. Absolut.
Carsten, das waren jetzt sehr, sehr viele schöne Ideen und Utopien, würde ich es mal nennen. Aber die kann man ja anstreben. Ich habe mehrere Lehrerinnen und Lehrer in meinem näheren Umfeld und ich habe so ein bisschen immer die im Hinterkopf gerade gehabt. Und sie sagen mir dann aber: Die Praxis, aber die Praxis.
Und du hast aber ja schon gesagt, ihr habt euch extra auch noch Leute aus der Praxis mit reingeholt. Genau. Und ich würde sagen, jetzt so über allem, was du erzählt hast, steht ja so ein bisschen die Frage: Wie lässt sich das dann in die tägliche Unterrichtspraxis irgendwie integrieren? Geht das? Ist das irgendwie die große Krux bei der Sache? Was sagen die Leute, mit denen ihr dann gesprochen habt?
Ja gut, also die Leute, die für uns geschrieben haben und mit denen ich mich natürlich viel ausgetauscht habe auf dem Weg zu dem Endprodukt, was jetzt publiziert wurde, die sagen natürlich: Ja, das gibt es ja hier schon und da schon. Und dann wird natürlich auf Modellschulen verwiesen oder auf Studien, die das in anderen…
Aber klar, wenn man jetzt wirklich den Anspruch hätte, konjunktiv, ja, jede Schule in Deutschland soll jetzt irgendwie so funktionieren, dann höre ich, und zwar völlig zu Recht, das muss man ja betonen. Diese Einwände, die du gehört hast, auch ich habe auch in meinem Bekanntenkreis Lehrerinnen und Lehrer, und die sind also teilweise am Ende.
Und vor allen Dingen, was ich traurig finde, viele gute und engagierte sind also kurz davor, jetzt nicht repräsentativ, aber zu schmeißen und zu sagen: Also ich lasse mir das, ich kann einfach nicht mehr. Das hat keine Zukunft für mich. Und ich muss noch 20 Jahre arbeiten. Ich gehe aus dem Lehrberuf raus.
Und das ist auch so ein bisschen der Punkt. Wenn viele das vielleicht mal ab und zu so im Herzen bewegen, dann ist natürlich der Schule überhaupt nicht gedient. Deswegen die Idee: Wir zeichnen jetzt mal das positive Bild. Aber du hast recht, wir haben es geerdet durch diese Schulpraxis-Experten, die also gegengelesen haben und sich eingebracht haben.
Aber trotzdem ist völlig klar: Ja, ich kann jeden verstehen, der sagt: Also in der Gesamtheit, wenn ich das alles lese, dann ist das ja also ein Wolkenkuckucksheim. Ja, danke schön, war die Zeit vielleicht nicht wert, dass ich das lesen musste. Also ich meine, gut, ich hoffe mal, dass die Leute nicht so weit gehen.
Ja, was kann man machen? Also klar ist, die großen Hebel in der Hand haben Kultus- und Finanzminister. Die können die ganz großen Veränderungen herbeiführen. Natürlich braucht es Ressourcen für das Bildungssystem. Man braucht Personal, man braucht Bauten, man braucht Infrastruktur, auch digitale Infrastruktur und, und, und.
Das ist klar. Insofern, vielleicht gibt es ja den einen oder anderen in entsprechender Stellung, der dieses Zukunftsbild sich auch mal durchliest. Es ist jedenfalls sehr gut verständlich, behaupte ich mal. Das kann jeder verstehen, was da gezeichnet ist. Da geht es auch jetzt auf dieser ganz hohen Ebene um Fragen der grundlegenden Ausrichtung von Schule.
Also unsere Autoren machen den Punkt, dass es schlauer wäre, die gemeinsame Lernzeit aller Schülerinnen und Schüler mindestens bis zur sechsten Klasse aber vielleicht sogar bis zur zehnten auszudehnen. Weil man weiß aus internationalen Vergleichsstudien, aus der Empirie, dass ein Schulsystem umso mehr Bildungsungerechtigkeit produziert, je früher separiert wird, also aufgeteilt wird in irgendwie ein wie vielgliedriges Schulsystem auch immer.
Aber das ist natürlich ein Riesenhebel. Das kann jetzt kein Lehrer vor Ort entscheiden. Aber so, deine Frage war ja: Was kann man sozusagen selber machen? Und ich denke, dass auf diesen Ebenen, die nicht ganz so hoch hängen, schon viele Leute da auch durch die eine oder andere Idee mitnehmen können.
Das war übrigens auch die Idee hinter unserem Layout. Das ist ja so ein bisschen so gestaltet, so 15 verschiedene Post-its, sage ich mal, wo man ist und in der Rolle, in der man halt nun mal ist. Ob das jetzt Elternpflegschaft sei, es Lehrkraft sei, es Schulverein oder Schulleitung, bildungsfördernde Stiftungen oder so, außerschulische Akteure, Stichwort Musikschule, Stadtarchiv oder Handwerksbetrieb vor Ort.
Also man kann sich, glaube ich, verschiedene Sachen mitnehmen, ohne alles mitnehmen zu müssen. Und man kann also da auch aktiv werden, behaupte ich mal. Also das würde ich auch unbedingt unterstreichen, Carsten. Ich fand es sehr inspirierend zu lesen.
Und natürlich muss man nicht alles davon umsetzen oder kann man vielleicht auch nicht alles davon umsetzen, aber die Gedankenexperimente, die er da aufwirft, die finde ich sehr, sehr gelungen. Und ich würde euch allen empfehlen, da unbedingt noch mal reinzugucken auf spektrum.de. Findet ihr das unter Schule der Zukunft. Ja, nochmal alle Perspektiven dieser Expertinnen und Experten. Die ganze Recherche auch optisch toll aufbereitet.
Und Carsten, dir würde ich zum Abschluss noch gern kurz eine Frage stellen, nämlich: Was ist denn bei dir besonders hängen geblieben? Du hast ja jetzt auch viel Zeit mit diesem Projekt verbracht. Was hat dich vielleicht überrascht oder was bleibt dir in Erinnerung?
Ja, überrascht hat mich zunächst mal, dass ich da mehr als ein Jahr lang mit zu tun hatte. Aber das mal außen vor. Genau, also multiprofessionelle Teams, habe das Stichwort schon gebracht. Das kannte ich bis dahin nicht. Also Teams aus Lehrkräften, aber auch Sozialarbeitern, Schulpsychologen.
Das ist etwas, was mir hängen bleiben wird auf jeden Fall. Dann finde ich das Konzept der förderbasierten Diagnostik als Konzept ziemlich cool. Hat mich überrascht. Damit ist folgendes gemeint: Also man misst in Anführungsstrichen, wo ein Kind gerade steht und fördert dann gezielt, also Schwächen, aber durchaus auch Stärken.
Es gibt ja nun auch Talente. Schule soll ja auch Talente fördern und auch punktuell natürlich auch Hochleistung irgendwie ermöglichen. Also das nennt man dann diagnosebasierte Förderung. Also erste Diagnose, dann die Förderung. Aber was ich ziemlich cool finde, ist das Konzept der förderbasierten Diagnostik.
Es ist genau umgekehrt. Man fördert auf Verdacht, um genau darüber Schwierigkeiten, aber eben auch Stärken eines Kindes zu ermitteln. Und das ist, glaube ich, gerade auch bei Talent- und Begabungsförderung ein Schlüssel sein. Das fand ich ziemlich cool.
Und vielleicht als letztes noch, dass man Verantwortung für das eigene Lernen mehr und mehr übernehmen muss so im Laufe des Älterwerdens in der Schule. Also ich sage mal, ganz selbstkritisch, ich habe in meinem Leben bis in die Uni-Zeit hinein sehr viel auch für Prüfungen und auch für gute Noten gelernt und mir auch gezielt so punktuell genau für diesen Zweck Wissen angeeignet.
Aber schöner ist es natürlich, die Lateiner haben es schon gewusst: ja, non scole sed vite dissimus. Schöner ist es natürlich anders. Ja, insofern ich habe die Schule der Zukunft, so wie sie skizziert worden ist, selber leider nie besucht und habe das mir nicht so angeeignet. Schade drum.
Das kann man wohl sagen. Ja, also fürs Leben lernen und nicht nur für die Schule. Aber die Schule soll das natürlich alles ermöglichen. Wenn ihr euch das alles noch mal anschauen wollt, wie gesagt, auf spektrum.de findet ihr dieses Projekt Schule der Zukunft. Einfach danach suchen und da könnt ihr euch dann alle Perspektiven dieser Expertinnen und Experten noch mal anschauen.
Und Carsten, dir sage ich vielen, vielen Dank, dass du uns nochmal mitgenommen hast ins Klassenzimmer. Ja, danke schön. War ein lustiger Austausch und schöne Grüße an deinen Englischlehrer und deine Deutschlehrerin.
Das war’s dann für diese Woche vom Spektrum-Podcast. Vielen Dank euch fürs Zuhören. Seid gern auch kommende Woche wieder dabei. Wie immer am Freitag gibt es dann eine neue Folge von uns. Bis dahin freue ich mich auch, wenn ihr den Podcast abonniert, kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen Dank.
Mein Name ist Max und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.