Seit Beginn der Menschheit scheint der Mensch verstehen zu wollen, warum seine Lebenszeit endlich ist. Es gibt zahlreiche Geschichten, die das belegen. Unter anderem die älteste Geschichte überhaupt: das Gilgamesch-Epos aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. Mittlerweile wird der Mensch schon sehr viel älter als noch vor einigen Jahrzehnten. Wie sieht das eigentlich in Zukunft aus? Können wir vielleicht doch irgendwann ewig leben? Darum geht’s hier heute. Ich bin Jessi Jus. Hi!
Bislang ist auf dieser Erde kein Lebewesen bekannt, das vom Altern verschont bleibt. Okay, es gibt Grünlandhaie, die können 500 Jahre alt werden, und das älteste bekannte Tier der Welt, ein Riesenschwamm in der Antarktis, der soll mehr als 10.000 Jahre alt sein. Bei uns Menschen sieht das ganz anders aus. Aber warum eigentlich? Welchen evolutionären Sinn hat das Altern? Wird es sich irgendwann aufhalten lassen? Katharina Menner und Carsten Könnecker haben mit Björn Schumacher gesprochen. Er leitet das Institut für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung an der Universität zu Köln und ist einer der profiliertesten Alternsforscher überhaupt.
Warum altern wir und alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten denn aus evolutionärer Sicht überhaupt? Ja, das Altern ist eigentlich so etwas, das passiert mit jedem Makromolekül. Sie müssen sich ja vorstellen, dass das Leben mal losgegangen ist mit so einem ganz einfachen Replikator, das heißt, einem Strang erst von RNA, dann von DNA. Und wenn man solche Makromoleküle, also eine Kette von einzelnen Bauteilen, sich anschaut, dann ist es ganz normal, dass sie auseinanderfällt. Das hängt einfach mit der Chemie zu tun, dass unsere DNA einfach ganz spontan ihre Basen verliert. Und das heißt, das Altern ist schon angelegt, überhaupt in dem Leben an sich. Und jetzt kann eigentlich Leben nur existieren, wenn es auch repariert wiederherstellt. Und das heißt, das ist eigentlich die Limitation, die uns überhaupt am Leben hält. Also am Leben können wir nur sein, wenn wir ständig reparieren und wieder ersetzen, was Neues bauen, regenerieren.
Und nun ist es so, dass die beste Strategie, die sich durchgesetzt hat, die ist, aus einem DNA-Strang möglichst viele zu machen. Denn wenn dann einer oder der andere nicht mehr funktioniert und auseinanderfällt, ist die Erbinformation ja noch in ganz vielen anderen erhalten. Und so haben sich schon ganz früh in der Evolutionsgeschichte Reparatursysteme gebildet, die Voraussetzung dafür waren, dass es Leben gibt und Replikationen, also Kopiervorgänge, sodass das Leben darauf basiert, dass es immer möglichst viele Nachkommen gegeben hat. Aber wenn man sich jetzt vorstellt, man hat seine Nachkommen alle in die Welt gesetzt, dann ist es eigentlich vollkommen egal, ob man selber noch weiterlebt, weiter erhalten wird. Und das heißt, es gibt keine Selektion für unendlich langes Leben, weil man da ja unendlich perfekt immer wieder reparieren müsste. Das ist eine komplizierte Geschichte, die aber gar keinen evolutionären Vorteil mehr hat. Denn die Nachkommen tragen ja die Gene einfach weiter. Und wenn sie immer wieder Nachkommen erzeugen, dann ist die Ursprungsgeneration überhaupt nicht mehr von Bedeutung. Und das ist fundamental, warum wir altern.
Jedes Lebewesen altert. Und je länger es dauert, um Nachkommen zu zeugen, desto länger wird dann der Körper auch erhalten. Und das sehen wir dann zum Beispiel in Schildkröten, die so ganz lange leben. Einige von denen, weil es so lange dauert, bis eine nächste Schildkröten-Generation wieder da ist. Da gibt es eine hohe Sterblichkeit bei den Jungen. Oder wir sehen andere Tiere. Wir zum Beispiel untersuchen den Fahnenwurm, so ein ganz einfaches Tier. Der kann innerhalb von einigen Tagen 300 Nachkommen erzeugen pro Tier. Der braucht gar nicht lange zu leben. Das ist dann vollkommen egal, ob das Muttertier noch da ist, weil es so viele Nachkommen gibt. Das ist fundamental die Antwort darauf, warum wir altern. Es ist schon immer da. Wir merken es ja auch am eigenen Körper. Also um mal von mir zu sprechen: Meine Haare werden grau, Tendenz also schon fast weiß. Ich habe schon etliche Falten im Gesicht, vor allen Dingen morgens. Und das Hürdenlaufen oder Weitsprung, so wie als Jugendlicher, das würde ich heute nicht mal mehr wagen wollen, weil die Sehnen und Muskeln nicht mehr das sind, was sie mal waren.
So, das sind ja so oberflächliche Auswirkungen, wenn man älter wird. Aber was genau geschieht biologisch in unserem menschlichen Körper, wenn wir altern? Also es ist so, dass das Molekular des Altern schon sehr, sehr früh anfängt. Also wir werden ja alle in unserer ganz, ganz frühen embryonalen Entwicklung auf Null gesetzt. Jeder Mensch fängt wieder bei Null an. Faszinierend, nicht wahr? Wir Menschen gibt es seit über 200.000 Jahren, aber in jeder Generation geht es auf Null. Und dann geht das Molekular schon so langsam los. Aber wir haben für die ersten drei, vier Jahrzehnte ganz, ganz tolle Reparatursysteme, die unsere Funktionen überwiderhalten. Deswegen merken wir vom Alter noch gar nicht so viel in unseren ersten drei, vier Jahrzehnten. Bis dahin nämlich war es notwendig, dass Menschen leben, weil das ist so die Generationszeit des Menschen. Denn es ist bei uns ja nicht damit getan, dass wir Nachkommen zeugen, sondern wir müssen denen ja das eine oder andere noch beibringen, damit sie selber unabhängig leben können. Das heißt, das hat bei Menschen so drei, vier Jahrzehnte immer gedauert. Und das heißt, so lange werden unsere Strukturen immer wieder gut repariert. Aber für danach sind wir so gar nicht richtig ausgestattet. Und dann geht es so langsam los. Dann geht es so langsam los damit, dass das erste Organ, was sich wirklich so zurückbildet, ist der Thymus. Der ist notwendig für die Reifung von bestimmten Immunzellen. Und so fängt es dann langsam an. Dann gibt es bei Frauen das ovariale Altern. Das heißt, die Fertilität nimmt ab, und damit verändern sich dann auch unser Hormonhaushalt. Und so kommt es zu immer weniger Wiederherstellung, Regeneration. Und es kommt auch dazu, dass es immer mehr Entzündungsreaktionen gibt. Denn die molekularen Ereignisse, die da passieren, ich hatte am Anfang schon angesprochen, wie wichtig Schäden in der DNA sind, die erzeugen immer wieder diese Entzündungsreaktionen. Die führen dazu, dass Zellen ihren Zyklus anhalten, ihre Proliferation anhalten, die notwendig ist für die Wiederherstellung von Geweben. Und das führt auch zum Absterben von Zellen. Das ist dann wichtig, gerade bei Zelltypen wie unseren Nervenzellen, die einmal gebildet wurden, unser ganzes Leben lang durchhalten. Immer mehr und mehr von denen sterben ab. Und so kommt alles zueinander. Also Altern einerseits auf der Ebene von den Zellen und ihren molekularen Bestandteilen, aber auch auf der Ebene des gesamten Körpers, des Organismus, in dem es immer mehr Entzündungsreaktionen gibt, in denen es Verschiebungen gibt, in dem Hormonhaushalt. Und so altern wir zunehmend progressiv.
Und die ganze Krux daran ist, dass wir viel empfindlicher sind, alternsassoziierte Erkrankungen zu entwickeln. Also zum Beispiel die Demenz. Wenn Sie nichts anderes machen, als alt genug werden, im Alter von 85 Jahren ist Ihr Demenzrisiko bei fast 50 Prozent. Also jeder zweite. Der größte Risikofaktor für Krebs ist Altern. Kardiovaskuläre Erkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall sind so ganz typische alternsassoziierte Krankheiten. Nummer eins Killer: Herz- Kreislaufkrankheiten, die Osteoporose, Nierenversagen, makulare Degeneration, die dann zu mal Blinden führt. Also es ist wirklich alles Furchtbare, was einem passieren kann. Da steigt das Risiko. Und vor allen Dingen, was noch wichtiger ist: Diese Alternserkrankungen kommen selten allein. Es sind vor allen Dingen die Kombinationen chronischer Krankheiten, die das größte Problem sind. Das heißt, wir nennen das die Multimorbidität. Das heißt, zwei oder mehr chronische Krankheiten kommen gleichzeitig vor. Und das trifft einen ganz, ganz großen Teil der älteren Menschen in unserem Land. Das heißt, man müsste ja eigentlich nur das Altern kurieren und schon würde man all diese Krankheiten nicht mehr bekommen. Genau so ist es. Genau das ist ja das Ziel. Das Ziel ist ja, dass wir gesund bleiben. Denn Sie müssen sich jetzt vorstellen, wir leben im demografischen Wandel. Das heißt, wir haben schon bald ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre in Deutschland und in vielen Teilen der Welt. Und von diesen sind über die Hälfte chronisch krank an verschiedenen, an mehr als zwei chronischen Krankheiten gleichzeitig. Das heißt, was wir jetzt machen, ist, das bedeutet, dass wir ja eine Krankheit nach der anderen therapieren und heilen müssen. Das heißt, die eine Krankheit ist vorbei, die andere kommt schon wieder. Und wenn man jetzt nur einzelne Krankheiten perfekt heilen würde, stellen Sie sich eine Welt ohne Krebs vor, wäre ja ein riesen Fortschritt. Aber an der Lebenserwartung würde es gerade mal zwei bis drei Jahre was ändern. Es hat kaum einen Effekt, weil es so viele andere Krankheiten gibt. Und das heißt, unser Ziel ist wirklich die Gesundheitsspanne zu verlängern. Denn Sie verbringen im Durchschnitt über zehn Jahre am Ende des Lebens in Krankheit. Und das ist einfach auch allein gesellschaftlich schon nicht mehr machbar. Und natürlich sind diese Therapien auch keine Zuckerschlecken. Wenn Sie mal anfangen, eine Chemotherapie zu machen bei Krebs, das sind schwere, haben schwere Nebenwirkungen. Das heißt, wenn wir hier besser vorbeugen, präventive Medizin machen, anstatt immer nur die Feuerwehr zu rufen, wenn es schon brennt, das ist eben das essentielle Ziel, was wir verfolgen.
Der Alternsforscher Björn Schumacher zu Gast in unserem Podcast „Die großen Fragen der Wissenschaft“. Das war nur ein ganz kurzer Ausschnitt aus der Folge. Ich empfehle euch, noch weiter zu hören, denn es geht dann auch noch um unseriöse Versprechen der Anti-Aging-Industrie, aber auch um Faktoren, die das Leben tatsächlich verlängern können. Und die Wissenschaft hat tatsächlich ein Ablaufdatum für Menschen errechnet. Da gibt es eine ganz konkrete Zahl, und auch um die geht es im Podcast. Mit dem ewigen Leben, das wird also wahrscheinlich eher nichts, zumindest nicht auf dieser Erde. Ich verlinke euch die Folge mit Björn Schumacher in den Show Notes. Das war’s für heute. Schön, dass ihr zugehört habt. Die Produktion für diese Folge hatte Wiebke Stark, und ich bin Jessi Jus. Ciao, bis zum nächsten Mal. detektor.fm – Zurück zum Thema.