Datenjournalismus | Die ungleiche Verteilung der Großstadtärzte

Die Lage von Arztpraxen in Großstädten - alles nur Zufall?

04.02.2015

Journalisten von Zeit Online haben sich in einem Datenjournalismusprojekt angeschaut, wie die Großstadtärzte in Deutschland verteilt sind. Demnach gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Einkommen und der Lage von Arztpraxen. Ein Blick hinter die Recherche.

Warten auf einen Termin

Wer krank ist, sollte zum Arzt. Am besten sofort. Das sofort funktioniert nur leider nicht immer. Oft gibt es den nächsten freien Termin erst in einigen Monaten.

Lange ist wenig bekannt gewesen, wie sich die Arztpraxen regional verteilen. Mit diesem Impuls beginnt die Recherche für Kai Biermann und Sascha Venohr aus dem Zeit Online Investigativ-Team. Die Datenjournalisten wollen diese Ebene des Gesundheitssystems zeigen: Die Verteilung von Arztpraxen in deutschen Großstädten. Es kann doch nicht so schwer sein, die Daten von Arztpraxen zu bekommen, denken sie.

Zeit Online GroßstadtärzteDie interaktive Karte zum ThemaAbbildung: Zeit Online 

In interaktiven Karten zeigen sie, dass durch jede der vier untersuchten Großstädte (Köln, Hamburg, Berlin, München) eine Linie geht, wenn es um die Versorgung mit Ärzten geht. Die Journalisten verbinden die Lage der Arztpraxen mit der Kaufkraft der Bewohner. So zeigt sich, Ärzte sind vor allem in den Stadtteilen vertreten, in denen die Kaufkraft besonders hoch ist.

Aus diesen Recherchen sind daraufhin weitere Beiträge zum Thema Großstadtärzte entstanden. Natalie Schorr berichtet über die Suche nach den richtigen Daten und die Möglichkeiten des Datenjournalismus.

Der Beitrag zum Nachlesen

Einen Termin bei einem Arzt zu bekommen, ist ein Problem, dem sich fast jeder Deutsche von Zeit zu Zeit stellen darf. Immer wieder wird über den Ärztemangel debattiert. Vor allem Psychotherapeuten sind rar gesät. Akkut Kranke müssen oft sehr lange auf einen Termin warten. Dabei sind gerade Kranke häufig nicht mobil und können nicht für einen Termin quer durch die Stadt fahren. Kai Biermann von Zeit Online:

Ich glaube, wir alle kennen unser Gesundheitssystem und wissen, es ist ein bisschen schwierig, wenn man gesetzlich versichert ist, einen Arzttermin zu kriegen. Wenn man privat versichert ist, soll das leichter sein. Man kann das nicht belegen, es gibt keine Daten dazu. Es gibt so Leute, die das behaupten und erlebt haben. Aber im großen Stile kann man es nicht belegen. Unsere Frage war, kann man das zeigen, wenn man zwei Dinge übereinander legt. Nämlich einmal die Orte, wo Arztpraxen in Deutschland sind und die Frage, wie viel Geld wird dort verdient und wie viel Menschen leben dort. Das haben wir getan und tada! Man kann das zeigen. Man kann zeigen, dass Ärzte nicht dort sind, wo viele Menschen leben, sondern dort, wo viel Geld ist. – Kai Biermann, Zeit Online

Datenjournalismus soll das zeigen, was vorher nicht sichtbar war. Karten veranschaulichen die Geschichte und machen sie für Leser greifbar. Die Daten werden dann mit konkreten Geschichten verknüpft. Leser können so ein Thema auf verschiedene Weisen erkunden. Interaktivität ist Teil der Geschichte. Sascha Venohr aus dem Investigativ-Team von Zeit Online:

Wir versuchen, möglichst viele Zugänge zu den Geschichten zu denken. Im Fall der Ärztegeschichte haben wir natürlich eine große interaktive Grafik, in der man sich die verschiedenen Großstädte in einer großen Karte anschauen und interaktiv damit spielen kann. Dann haben wir aber, wie schon erwähnt, diese Geschichten, die wir vor Ort recherchiert haben. Und in diesen Geschichten selbst ist noch einmal in einer kompakteren Variante die Kartendarstellung, sodass auch diese Geschichten nicht komplett von der Datengeschichte entkoppelt sind. So versuchen wir, die Sachen zu verschränken und bieten so den Lesern völlig unterschiedliche Zugänge. Vielleicht ist der eine Leser eher spielerisch veranlagt und möchte interaktiv sofort einsteigen und der andere Leser findet einen Link auf einen Artikel und kommt so beispielsweise über Twitter in die Geschichten hinein. Das ist, glaube ich ganz ganz wichtig, verschiedene Möglichkeiten da anzubieten. – Sascha Venohr, Zeit Online

Die Daten zu beschaffen, ist manchmal das größte Hindernis. Einige Behörden versuchen unter dem Vorwand des Datenschutzes Informationen zurückzuhalten. In diesem Fall hat sich die Ärztekammer des Landes Berlin schwer getan. Nur widerwillig hat sie die Adressdaten von gemeldeten Arztpraxen weitergegeben.

Wir sind eigentlich ein bisschen naiv an die Sache herangegangen. Wir haben gedacht, Adressdaten von Arztpraxen, kann ja nicht so schwierig sein in Deutschland. Was wir gelernt haben, ist, dass die Ärztekammern völlig unterschiedliche Wahrnehmungen von Öffentlichkeit haben. Bei den einen war das kein Problem von Datenschutz, dort war es ganz einfach, da wurde es per Email geschickt. Andere verwiesen auf ein gedrucktes Buch, das man doch käuflich erwerben könnte, um dann die Adressen zu haben. Wir haben uns dann mit „Scraping“ geholfen. „Scraping“ ist eine Form von automatisiertem Auslesen von Webseiten und wir konnten so über Ärzteverzeichnisse dann doch relativ einfach an die Adressdaten kommen. Kurzum es war doch wieder ein Lehrbeispiel, wie schwer sich doch viele Institutionen in Deutschland mit Daten tun und welche Hürden in diesen Projekten teilweise auf uns lauern. – Sascha Venohr

sascha.venohrWir haben gelernt, dass die Ärztekammern völlig unterschiedliche Wahrnehmungen von Öffentlichkeit haben.Sascha Venohrarbeitet im Investigativ Team von Zeit Online. 

Das Interessante an dieser Recherche, das hat mich wirklich überrascht: Ich hielt Adressdaten von Arztpraxen für keine sensiblen Daten. Das ist etwas, was jeder wissen will. Es gibt Suchmaschinen, die einem die Ärzte in der Umgebung zeigen und solche Sachen. Die Ärztekammern sehen das anders. Die sind der Meinung, wir unterliegen dem Datenschutz dieser Adressen. Die geben wir nicht raus. Sie geben sie raus an einen Buchverlag, der das verkauft, aber nicht an uns. Und schon gar nicht, um es auf einer Karte einzutragen. Warum auch immer. Datenschutz. Man kann Datenschutz für alles mögliche missbrauchen. – Kai Biermann

Das Arbeiten mit einer großen Datenmenge schreckt viele Journalisten ab. Dabei betonen Sascha Venohr und Kai Biermann, dass das Spielen mit Daten keiner speziellen Expertise bedarf. Das Erkennen von Mustern wird mit vielen kostenlosen Tools zur Darstellung leichter gemacht. Sascha Venohr:

Datenjournalismus per se heißt nicht zwingend, dass man riesige technische Aufwände betreiben muss. Sicherlich gibt es einzelne Formen von Geschichten, interaktive Formen, die bisher von Tools nicht dargestellt werden. Da fängt man wirklich wieder bei Null an mit Kodierung. Aber Datenjournalismus ist eine Philosophie, ist eine Haltung. Das ist glaube ich erst mal das Wichtigste, was man voranstellen muss. Ansonsten werden immer mehr Tools dazukommen. Gerade im Bereich Karten gibt es sehr viele tolle Tools mittlerweile, die man völlig ohne Programmierkenntnisse bedienen kann. – Sascha Venohr

Mit den Daten können Muster erkannt werden und diese bieten eine zusätzliche Grundlage für Journalismus. Danach folgen Fragen nach dem Warum, die von den Redaktionen weiter bearbeitet werden. Datenjournalismus kann Stoff für Debatten bieten. Kai Biermann über den Sinn von Datenjournalismus:

Das spannende ist ja, wie ich vorhin schon sagte: Bekannte Daten neu zu kombinieren und eine neue Frage in die Daten zu geben und eine neue Antwort zu bekommen. Da finde ich es wahnsinnig spannend, wenn jeder, der sich dafür interessiert daran rumspielt. Weil je mehr kreative Leute daran rumfummeln, desto mehr kreative Fragen und desto mehr spannende Antworten gibt es. Das kann der ganzen Geschichte nur nützen und ich meine nicht der Geschichte Datenjournalismus. Sondern der Gesellschaft. Weil viele dieser Punkte dienen dazu a) auf Missstände hinzuweisen, gesellschaftliche, oder b) auf Phänomene, die bisher keinem aufgefallen sind, zu belegen oder c) Fragen zu stellen, ob wir das so wollen. Wollen wir das wirklich so, wollen wir diese Entwicklung so, wie die sich gerade darstellt. Das finde ich eine wichtige Debatte, die in einer demokratischen Gesellschaft geführt werden soll. Von jedem möglichst. – Kai Biermann

Kai BiermannDas Spannende ist ja ... bekannte Daten neu zu kombinieren und eine neue Frage in die Daten zu geben und eine neue Antwort zu bekommen. Da finde ich es wahnsinnig spannend, wenn jeder, der sich dafür interessiert, daran rumspielt.Kai Biermann arbeitet für das Investigativ-Team von Zeit Online. 

Ärzte folgen dem Geld. Das können Sascha Venohr und Kai Biermann aus dem Zeit Online Investigativ Team nach ihren Recherchen bestätigen. In interaktiven Karten von Köln, Hamburg, Berlin und München zeigen sie, wo Ärzte sitzen. Das können alle Nutzer auf Zeit Online sehen.

Redaktion: Natalie Schorr