Hier ist der Antritt der Fahrrad Podcast auf detektor.fm mit der ersten Augustausgabe 2026. Mein Name ist Gerolf Meyer und ich verlebe hier gerade eine wunderbare Sommerwoche. Tagsüber arbeite ich, am Abend fahre ich zum Schwimmen ans Tagebau-Restloch und wenn ich dann nach Hause komme, dann schaue ich die Tagesetappe der Tour de France Femme in voller Länge nach.
Ich habe es neulich schon mal gesagt: Für mich ist dieser Rhythmus ein Begriff des Sommers und an die kommende Woche ohne Tour da denke ich einfach noch nicht, denn vorher kommen noch ein paar Etappen. Und wenn die so viel Spaß machen wie zum Beispiel die dritte Etappe, auf der Sigrid Haug seit nach 88 Kilometern Solofahrt durch den Jura in Poligny ins Gelbetrikot gefahren ist, dann wird es eine sehr gute Radsport-Sommerwoche gewesen sein.
Einer der Höhepunkte ist ganz klar der Freitag, also der Tag, an dem diese Ausgabe dieses Podcasts veröffentlicht wird, denn da gibt es eine Bergankunft auf dem Mont Ventoux. Und dass dieser Berg nicht nur für die Fahrerinnen der Tour de France Femme eine besondere Bedeutung hat, dafür habe ich einen weiteren Beweis gefunden. Ich spreche in dieser Ausgabe mit einer Frau, die so oft auf diesen Berg gefahren ist, dass es kaum zu glauben ist. Und ich will wissen, warum sie das tut, was diesen Berg so besonders macht und wie sie die Bergankunft der Profis einschätzt.
Wir sprechen über deutlich über eine Million gesammelte Höhenmeter allein am Mont Ventoux. Und jetzt klettern wir rein. Antritt, der Fahrrad Podcast von detektor.fm.
Der Mont Ventoux
In der Provence da steht ein Berg, der ist ein bisschen anders als die anderen. Der steht ziemlich allein da, man sieht ihn aus weiter Ferne. Seine Kappe gleicht einer Mondlandschaft und eine wunderbare Straße führt fast über seinen Gipfel. Der Mont Ventoux wird auch der Riese der Provence genannt und er hat für Rennradfahrerinnen und Fahrer eine enorm große Bedeutung. Schon viele Rennen haben über den Ventoux geführt.
2026 endet die siebte Etappe der Tour de France der Frauen mit einer Bergankunft auf dem Gipfel und man kann mit Fug und Recht sagen, das ist die Königin Etappe der diesjährigen Tour. Doch der Ventoux ist nicht nur für Profis ein besonderer Berg. Auch Rennradfahrerinnen ohne Profivertrag sind dort täglich zu beobachten und eine von ihnen ist Barbara Röhn, denn sie fährt zur Zeit wirklich täglich auf den Mont Ventoux. Und ich freue mich, dass ich mit ihr sprechen kann.
Ich sage hallo nach Maloussen. Hallo Barbara Röhn. Hallo an alle Radsportbegeisterten und alle, die gern was hören wollen über den Mont Ventoux. Ich freue mich, dass wir zusammen reden. Ich freue mich auch. Ein bisschen was über Sie wollen wir auch erfahren, Frau Röhn.
Die ersten Auffahrten
Als ich nach ihrem Kontakt gesucht habe, da bin ich davon ausgegangen, dass sie den Ventoux an 51 Tagen auf mindestens drei Auffahrten befahren haben, denn so kann man das im Netz lesen. Und jetzt habe ich sie erreicht und mir ist klar geworden, das ist ja total untertrieben. Wie oft sind Sie mit dem Fahrrad auf diesen Berg gefahren?
Also seitdem wir zählen, ist das mit heutigem Stand 799 Mal. Und morgen werde ich das 800. Mal den Berg hochfahren. Okay, eigentlich täglich, wenn das Wetter schön ist, fahre ich ein, zwei oder dreimal den Berg jetzt hoch. Ein, zwei oder dreimal? Also wir nehmen dieses Gespräch drei Tage vor Veröffentlichung auf und wir können fest davon ausgehen, dass Sie zum Zeitpunkt der Ausstrahlung 800 Mal oben gewesen sind.
Mal ganz platt gefragt: Warum machen Sie das? Ja, das fragen viele. Frage ich mich zwischendrin, wenn ich hochfahre, oft auch selber, weil es einfach schön ist. Es ist so eine Art Passion, der man so folgt oft ohne Nachdenken. Manchmal überlegt man, ist man da richtig unterwegs oder ist es völlig egal, ob die anderen denken, man ist ein bisschen verrückt. Man hat einfach Spaß daran und fährt gerade diesen besonderen Berg immer wieder hoch.
Genau, und man muss ja auch nicht immer wissen, warum man bestimmte Sachen macht. Ich habe einige Fragen an Sie und ich würde gern chronologisch vorgehen. Und zwar würde ich gern wissen, wann sind Sie denn zum ersten Mal auf den Mont Ventoux gefahren mit dem Rennrad? Das müssten jetzt ungefähr 27 Jahre her sein, dass wir das erste Mal den Ventoux erklommen haben mit dem Rennrad. Ja, so ungefähr um den Drehraum.
Wenn Sie sagen „wir“, wen meinen Sie da? War ja immer mein Schatzi eigentlich mit oder oft mit Autobegleitung dabei. Da spreche ich immer von „wir“ und die ganze Geschichte beginnt auch mit einer „Wir“-Auffahrt. Aber vielleicht kommen wir dazu noch. Heißt das, er fährt auch jetzt, ihr Schatzi? Ich gehe davon aus, Sie reden von Ihrem Mann. Heißt das, er begleitet Sie auch jetzt immer mit dem Auto? Oft, oftmals. Nicht mehr jedes Mal, nein, nein.
Aber so im Frühjahr und im Winter und im Herbst, wenn es dann so kalt ist, dann fährt er oft mit, mit Jacken. Also ich bin eine verwöhnte Single-Radfahrerin. Ich kann das Ganze auch ganz alleine, aber es ist ganz schön, wenn man so einen mentalen Support hat und trifft sich immer wieder und es wird einem die Jacke und die Thermoskanne nebenbei hergefahren. Das ist eigentlich eine wunderbare Sache.
Die Faszination des Ventoux
Für viele Menschen, die gern Rennrad fahren, ist das ja so ein Ziel: Einmal auf den Mont Ventoux fahren. Bei Ihnen hat sich das aber nachweislich anders entwickelt. Sie fahren ja immer wieder hoch. Was hat Sie denn damals dazu gebracht, nach dieser ersten Auffahrt das immer wieder zu machen? Ja, jede Auffahrt an jedem Tag ist immer irgendwie anders. Das Wetter ist anders, die Stimmung ist anders und es ist einfach toll, hochzufahren, zu fühlen: Man ist wieder mal hochgefahren.
Heute war die Aussicht so und so, die Vögel waren anders, der Specht hat geklopft. Das ist einfach das Gesamtbild von dem Berg und das Naturerlebnis und seine eigene Leistung, die da reinkommen, dass man sagt: Das ist so toll, muss ich morgen wieder machen. Ich habe hier eine Weile rumgesessen und mir meine Fragen notiert und meine vielen Fragen sortiert.
Und was ich mich da auch gefragt habe, ist: Hat sich Barbara Röhn eigentlich in diesem Berg verliebt? Kann man das so sagen? Das kann man eigentlich schon so sagen. Das fragen oft die Leute: Warum immer gerade dieser Berg? Dieser Berg übt einfach so eine Faszination aus und liegt direkt vor unserer Haustür. Kommt beides zusammen, dass man da immer wieder gerne hochfährt.
Ja, auf dem Ventoux führen drei Straßenrouten. Welche befahren Sie normalerweise? Am liebsten fahre ich die Malongsen-Auffahrt. Es ist die Nordseite, die im Winter nun gar nicht möglich ist, weil sie ganz vereist und verschneit ist. Die Nordseite hat den Vorteil, dass man jederzeit einen schönen Ausblick nach links und rechts hat, in die Region Drôme und in die andere Seite. Es sind viele freie Kurven, wo man weit weit gucken kann, hat einen schönen Ausblick. Ja, das ist meine favorisierte Seite. Deswegen fahre ich am liebsten Malongsen.
Ja, und haben Sie auf dieser Strecke, also ich habe es mal eingegeben hier in so ein Planungstool, das sind über 1500 Höhenmeter vom Ortskern in Malongsen bis auf den Gipfel. Haben Sie bestimmte Abschnitte, die Sie besonders mögen, auf die Sie sich freuen? Kann ich gar nicht so definieren. Ich freue mich auf alle Abschnitte. Unten im Wald ist es meistens erstmal schön warm, dann kommen steile Kurven, da kann man sich so sportlich auspowern.
Dann kommen oben so langgezogene Stücke, wo man einen wunderbaren Ausblick hat. Dann kommen zwei super schön steile Passagen. Das eine, wir nennen das immer der heiße Rücken, da steht die Sonne drin. Wenn man nicht rechtzeitig losfährt, ist es knackeheiß und schön steil. Danach schließt sich an so eine schöne schwarze Rampe, auch super steil und auch knackig heiß im Sommer. Danach wird es wieder leichter, wunderschön, und dann zieht sich nach einer kleinen Rampe nochmal eine wunderbare Traverse entlang, auf der man dann auch einen ganz tollen Ausblick hat. Dann endet das Ganze oben in der Mondlandschaft, was auch wieder schön ist. Also die ganze Strecke ist toll.
Ja, und ist sehr abwechslungsreich. Ich glaube, ich weiß, was Sie mit diesen schönen steilen Stücken meinen. Ich konnte die glücklicherweise auch schon ein paar Mal befahren. Sie sagen schön steil, das heißt, Sie haben da auch Freude dran, wenn es so richtig knackig wird? Ja, man kann sich dann so schön in den letzten beiden Gängen so gegen den Berg lehnen und richtig einfach schön hoch treten. Das fordert einen dann und das freut einen dann, wenn man das irgendwie ganz gut hingekriegt hat, ohne dass die Beine zu müde geworden sind und denkt: Yes, wieder mal die Rampen gut geschafft. Klasse!
Ich habe es eben gesagt, es sind ein bisschen über 1500 Höhenmeter und sind ein bisschen über 20 Kilometer. Wie lange brauchen Sie normalerweise dafür? Ich brauche so um die zwei Stunden, ein bisschen mehr, so um den Dreh ist eigentlich immer ganz schön hochzufahren. Und wenn Sie dann oben angekommen sind, gibt es so etwas wie ein Ritual? Also Ihren Mann haben Sie schon erwähnt, der dann oft mit oben ist. Aber haben Sie auch für sich irgendwie ein Ritual, was Sie dann machen, wenn Sie oben sind?
Ja, einmal tief durchatmen und die tolle Aussicht genießen. Man kann ja weit gucken, ein bisschen die Alpen rein, einmal einen schönen Rundblick. Dann Nico besuchen und begrüßen. Nico verkauft Bonbons und diese Wurst und Schinkenspezialitäten oben am Gipfel. Er fährt immer mit dem Hänger hoch und natürlich oben in den Kiosk rein zu Laurent und Patricia. Und meistens ist Laurent da, die betreiben den Kiosk. Da muss man natürlich auf alle Fälle jeden Morgen, jeden Tag Hallo sagen und dann ein Foto machen und mit Radlfahrern und Freunden und Bekannten oben eine Runde quatschen. Das ist so das Ritual oben.
Sind das Freunde von Ihnen, würden Sie das sagen? Ja, das sind so Radlfreunde, weil man sich ja ständig trifft, weil sie alle auch so eine Radlpassion haben, da hochzufahren. Zum Beispiel ein Bekannter von mir, Lionel, der ist 1200 Mal da schon hochgefahren, weil er eben auch diese Passion hat. Der Berg ist toll, wir fahren gerne Fahrrad, also fahren wir da hoch, treffen wir uns. Wunderbar, tolle Sache!
Die Aussicht vom Gipfel
Ja, Sie haben tolle Freunde. Können Sie uns diese Aussicht noch mal ein bisschen genauer beschreiben? Also was sieht man so in die verschiedenen Richtungen von dort oben? Ja, das kann man ganz genau beschreiben. Auf der einen Seite, auf der Malongsen-Seite, schließt sich ja hinten an, das ist ein bisschen ein Hügelland und dann hat man einen fantastischen Blick in die Alpen und oft ja noch schneebedeckte Gipfel.
Und auf der anderen Seite kann man ja weit über das Land gucken und wenn man weit und gut sehen kann, dann sieht man so am Horizont hinten das Mittelmeer glitzern. Und das ist eigentlich ein ganz tolles Gefühl. Man steht so wirklich über den Dingen. Man hat sich da hochgekämpft und steht dann oben drüber. Alles andere, den ganzen Schmarrn vom Leben, hat man dann manchmal unten gelassen und das ist ein wunderbares Gefühl.
Ich finde es auch so schön an diesem Gipfel, dass es wirklich ein Gipfel ist. Es gibt ja auch andere berühmte Anstiege, die auch zum Beispiel in der Tour de France befahren werden, wie zum Beispiel der Tourmalet oder der Galibier oder sowas. Aber das sind ja letztlich Pässe, die oft in so Schatten oder so drin sind. Aber beim Ventoux, da ist man ja wirklich fast oben auf der Kappe.
Ja, dadurch, dass der ja eigentlich so ein bisschen wie so ein Solitär da rausschaut, ist man wirklich auf einem Gipfel, was das Ganze noch schöner macht. Es ist zwar in dem Sinne ein Koll, aber Gipfelankunft ist eigentlich so immer ein schönes Ziel. Es ist dann wirklich so ein befriedigendes Ende von so einer Auffahrt.
Abfahrten und Herausforderungen
Ja, und jetzt haben wir über die Auffahrten gesprochen. Schön steil ist es. Sie treffen oben Ihre Freunde. Danach kommt eine Abfahrt. Wie ist das für Sie? Mögen Sie die Abfahrten auch so wie die Auffahrten? Eigentlich ja. Am Anfang mochte ich die Abfahrten irgendwie nicht so gerne, aber mittlerweile genieße ich auch die Abfahrten. Man kennt ja die Strecken alle und freut sich auf die Kurven und genießt auch den Ausblick wieder in den Abfahrten.
Und es ist einfach auch schön, wenn man dann so eine ganze Weile mal runterrauschen kann. Und ja, das ist eine wunderbare Sache. Ja, und haben Sie auch eine Lieblingsabfahrt? Lieblingsabfahrt? Die Lieblingsabfahrt? Oh, eigentlich Malongsen wieder, weil sie so abwechslungsreich ist. Würde ich bevorzugen. Malongsen ist toll. Das werden sicher viele Leute bestätigen.
Und jetzt sind wir ja in wirklich hohem Gelände. Also der Berg ist fast 2000 Höhenmeter hoch, ist dort oben verschiedenen, also allen möglichen klimatischen Bedingungen ausgesetzt, dem Wetter. Und so eine Abfahrt dort runter die kann ja auch wirklich richtig schnell werden. Hat es eigentlich schon mal brenzlige Momente gegeben auf Ihren Auf- und Abfahrten? Nee, brenzlig war es. Ja, doch, nach Bédouin runter, wenn sehr viele Radlfahrer hochkommen und die ganzen Autofahrer irgendwie den Radfahrern nicht genug Platz lassen, dann wird es eng auf der Straße und man muss schon manchmal echt in die Bremse reinsteigen, wo ich mir denke: Mein Gott, Autofahrer, fahrt halt dann einfach mal ein bisschen mit mehr Hirn und auch nicht schnell, dass das Ganze für alle Genussmomente beinhaltet.
Und auch die Motorradfahrer, die sind manchmal zu flott unterwegs, schneiden die Kurven und dann wird es eng. Aber es ist eher auf der Bédouin-Seite, weil da viel, viel mehr los ist. Dadurch, dass die Tour immer Bédouin fährt, ist das die Strecke für die Leute. Und da fahren dann die meisten. Und da ist runterfahren nicht so entspannend wie auf der Malongsen-Seite oder auf der Zoo-Seite.
Die Hitze des Sommers
Zum Mythos des Ventoux gehört auch, dass er im Sommer wahnsinnig heiß wird. Wir haben beide schon die Vokabel Mondlandschaft benutzt. Dafür, da oben ist ja wirklich keine Vegetation oder kaum Vegetation. Also man sieht es kaum. Und es stehen ja auch zwei Gedenksteine oben. Also es sind da ja auch schon Menschen umgekommen in heißen Sommerbedingungen. Ist es Ihnen im Hochsommer manchmal zu heiß? Ja, wenn man so ein Dreier oder gar den Sechser im Hochsommer fährt, muss man wirklich nachts starten, damit man dann vielleicht der Mittagshitze so etwas entfliehen kann.
Aber manchmal ist es schon heiß. Da muss man sich halt dann durchbeißen. Der Schweiß läuft und man denkt sich: Der einzige Weg, runterzukommen, ist, wenn ich erst hochfahre. Und jetzt haben Sie Dreier und Sechser gesagt und ich vermute, was sich dahinter verbirgt. Können Sie das mir mal noch mal genauer erklären, was das ist? Ja, der Saint Lé, die Dreier-Auffahrt, ist jeweils von Malongsen einmal von Bédouin einmal und von Zoo aus einmal hoch. Und der Bisson Lé ist der, jede Strecke zweimal hochzufahren. Und das macht man am besten in den Juni- und Juli-Monaten, weil da die Tage schön lang sind.
Und da kommt man einfach in die Wärme, in die Hitze teilweise rein. Und da muss man sich halt durchbeißen. Und das ist auch das, worüber ich Sie gefunden habe. Es gibt diese Rangliste der Saint Lé du Mont Ventoux. Und das übersetzt heißt, das sind die Verrückten des Mont Ventoux. Sie stehen da als erste Frau an dritter Stelle, sind 51 Mal mindestens die drei Straßenauffahrten hochgefahren an einem Tag oder halt eben auch doppelt. Würden Sie sich auch als verrückt bezeichnen? Auf alle Fälle, ja. Schön, ein bisschen verrückt zu sein. Doch ja, klar. Nicht alles, was man tut, muss Sinn machen.
Es kann auch alles völlig sinnfrei sein und manchmal auch ein bisschen verrückt. Ich habe es am Anfang gesagt: Sie wohnen in Maloussen, also am Fuß des Mont Ventoux, genau dort, wo diese schöne Auffahrt hochgeht. Oder eine der schönen Auffahrten. Es hört sich aber nicht so an, als wären Sie dort geboren. Warum sind Sie an den Berg gezogen? So, wir haben lange südlich München gelebt, am Ammersee. Und ja, wir sind immer schon gerne nach Frankreich gefahren. Und dann haben wir uns irgendwie verguckt in die Gegend hier.
Das Departement Vaucluse ist eigentlich wie so ein Kleinod. Es ist ein kleines Paradies hier. Und dann haben wir natürlich den Mont Ventoux kennengelernt. Und nachdem wir schon so lange hier auch Urlaub machen, wussten wir irgendwann: Ziehen wir mal hierher, brechen die Zelte ab in Deutschland und wollen hier wohnen. Und Anfang letzten Jahres, im Februar, haben wir das alles wahrgemacht. Seitdem wohnen wir hier in Maloussen und sind ganz happy.
Das Leben in der Provence
Ja, schön, dass das geklappt hat für Sie. Wenn Sie sagen, das ist so ein kleines Paradies, was macht das neben dem Berg für Sie noch aus? Ja, das ist das Gesamtbild Frankreich. Die ganze Gegend ist schön, die Provence ist schön. Man ist schnell in den Bergen drin, man kann aber auch schnell ans Meer fahren. Die Wege sind relativ kurz. Und es ist so, dass die Leute hier uns so nett empfangen haben. Die Franzosen sind da so herzlich, so nett und so höflich.
Und das Gesamtbild von Frankreich und der Landschaft und den Menschen dazu. Wir haben hier viele Freunde gewonnen. Das gehört alles zusammen. Es ist einfach wunderbar hier. Ja, es gibt so dieses Schlagwort, ein bisschen ist es auch Klischee, dieses Savoir vivre, dieses Französischen, also dieses, naja, bestimmter Lebensstil. Trifft das so zu? Hat das eine Rolle gespielt? Ist das, wie man es so sagt, so ein bisschen, ein bisschen so der Ausstrahlung.
Der Vibe der Tour de France
Dieses Gespräch endet auf dem Gipfel des Mont Ventoux. Verfolgen Sie den Profisport und werden Sie an der Strecke stehen? Wir verfolgen das ja. Ich verfolge das schon auch. Ich weiß nicht, ob wir an der Strecke stehen. Meistens ist es sehr, sehr voll. Und ehrlich gesagt, über die Medien und über das Fernsehen kann man es noch viel besser sehen.
Bisher habe ich es immer geschafft, dass ich an dem Tag, wo die Tour ankommt, noch schnell in der Früh einmal hochfahre und mir den ganzen Vorgang, den Zirkus angucke, was auch inspirierend ist, wenn da so viel los ist und wenn dieser Vibe herrscht in der Luft. Und habe es dann im Fernsehen angeguckt und das war eigentlich eine tolle Kombination. Wir sind aber auch schon an der Straße gestanden, haben die vorbeiflitzen sehen und haben ihnen zugerufen. Es ist ja nur ein kurzer Moment.
Die Hitze da so hoch zu zischen, haben wir auch gemacht. Was ist dieser Vibe, den Sie da nennen? Was macht den aus? Das ganze Land Frankreich lebt so irgendwie mit der Tour. Es wird alles auf die Tour de France ausgelegt. Straßen werden neu gemacht. Die Leute freuen sich, dass es endlich losgeht. Die Leute gucken öffentlich zusammen Fernsehen in den Bars und Restaurants und jeder trägt T-Shirt und Trikot an und alle sind begeistert von der Tour.
Dieses ganze Radl-Thema ist überall und das macht es eigentlich aus. Das ganze Land und alle Leute leben damit und freuen sich darüber. Ja, ich denke manchmal darüber nach, was das so ausmacht, dass die Tour de France diese herausstehende Bedeutung hat. Es gibt ja auch andere große Rennen, Landesrundfahrten, alles Mögliche.
Aber ich habe bei der Tour de France immer so den Eindruck, und das zieht sich wahrscheinlich bis nach Deutschland, dass sie halt über den Kreis der Leute, die sich explizit für Radsport interessieren, über diesen Kreis hinaus so eine Wirkung hat. Also es klingt mir auch so ein bisschen danach, wie Sie das erzählen, dass es halt wirklich vielleicht nicht alle, aber sehr, sehr viele Leute interessiert und irgendwie bekommt dieser Vibe.
Ja, es ist begeistert, wirklich von kleinen Kindern bis groß. Alle sind da so gedanklich dabei und diskutieren, welcher Fahrer und wie und welche Fahrerin und dass die Frauen das ja auch super klasse machen, in der Hitze das so durchzustehen. Und es ist halt nun anstrengend, mehrere Tage hintereinander solche Etappen zu leisten. Und da ist eben von groß bis klein alles gedanklich auch dabei und feuert irgendwie an. Und ja, ganz Frankreich lebt in der Tour mit.
Frauenradsport und Gleichstellung
Ja, historisch gesehen hatten wir in der Wahrnehmung so einen großen Unterschied zwischen Männer- und Frauenradsport. Und der Frauenradsport ist ja auch noch nicht in allen Belangen gleichgezogen dem Männerradsport. Also die Rennen sind kürzer, die Gehälter, die Sponsoring-Gelder, alles ist noch ein bisschen kleiner. Gibt es viele Diskussionen darum und es gibt diese Entwicklung, dass es eben jetzt die Tour de France Femme auch gibt seit wenigen Jahren in dieser Form, wie es die gibt.
Was würden Sie sagen, vor Ort, die Wahrnehmung macht die einen großen Unterschied noch zwischen der Tour de France der Frauen und der Tour de France der Männer? Oder ist es inzwischen so, dass man sagen kann, das ist vom Vibe her ein ähnliches Niveau? Also lokal hier ist es schon ein ähnliches Niveau. Aber ansonsten würde ich sagen, leider ist es noch nicht so, dass die Tour de France der Frauen irgendwie den Anklang findet, wie die Männer.
Hier jetzt lokal schon, weil das Geschehen ja einfach im Ventoux noch drinnen steckt und mit dieser Bergankunft ist das ja sowieso gegeben. Aber sonst nicht so ganz. Da hängen die Frauen noch ein bisschen hinterher. Wie Sie schon sagen, die Gehälter sind weniger und die Etappen kürzer und das Ganze ist nicht so lang. Sicher auch von Sponsoring her nicht so ideal.
Wobei man aber feststellt, in den letzten zwei, drei Jahren, dass viel, viel mehr Damen und Mädels aufs Rennrad gestiegen sind, schick und knackig durch die Gegend fahren, was eigentlich eine wahre Freude ist. Das war früher nicht so. Da sind wirklich die Männer mehr gefahren. Es war eine richtige Männerdomäne und mittlerweile sind viele Frauen unterwegs, die super Radl fahren und das Bild ändert sich auf der Straße.
Stolz auf den Mont Ventoux
Sie wohnen da jetzt an so einem, ich sag mal einem Hotspot des Radsports. Also dieser Name Mont Ventoux, der strahlt wahnsinnig weit. Der erreicht sogar auch Podcaster in kleinen Studios in Leipzig und viele, viele andere Menschen auch. Sind die Leute in Maloussen und in Bédouin und um den Ventoux herum, sind sie stolz darauf? Merken die das, dass ihre Region, ihr Berg so eine Bedeutung hat? Ja, auf alle Fälle. Die leben damit, die sind stolz drauf, die fördern das Ganze auch.
Es gibt zum Beispiel ganz viele Künstler, die malen den Ventoux. Unser Freund schmiedet Collagen mit dem Ventoux, die er dann auf dem Markt verkauft. Also viel wird mit und um den Berg gemacht. Man weiß, dass das toll ist und dass der Berg eine Faszination ausübt. Damit leben sie und sind natürlich stolz drauf. In gewisser Weise konkurrieren die Dörfer ja nun miteinander: Wer ist denn nun das geschichtsträchtigste Dorf für die Tour? Und ja, man lebt mit dem Berg.
Klingt aber eigentlich auch ganz schön, finde ich, wenn es so eine kleine Konkurrenz gibt. Also wenn es nur einen Ort gibt, der so am Eingang zur Straße steht, dann hat er nicht so einen Wettstreit mit den anderen. Ich finde das eigentlich eine schöne Idee.
Die Etappe der Tour de France
Nun führt diese Etappe dieses Jahr der Tour nicht die Lieblingsauffahrt von Maloussen auf den Mont Ventoux entlang, sondern von Bédouin. Wie ist das denn auf dieser Etappe, bei dieser Auffahrt, bei diesem Schlussanstieg? Den werden sicher viele von den Leuten, die das hier hören, im Fernsehen zumindest verfolgen. Gibt es dort so etwas wie eine Schlüsselstelle?
Eine Schlüsselstelle wird sicher sein, diese steilen Kurven im Wald unten in Bédouin. Da geht es wirklich knackig hoch. Die Straße ist nicht sehr breit. Man sollte die Straße kennen, wenn man da ein Rennen hochfährt, weil es ist oft eng. Aber man hat wahrscheinlich Kurven, wo man sich absetzen kann und wo man überholen kann. Also ich denke, die Schlüsselstelle ist unten im Wald und dann nochmal der Knackpunkt ab dem Chalet Renat hoch in die Mondlandschaft oben.
Die letzten sechs Kilometer vom Gipfel, die ja eigentlich auf dieser Seite und insgesamt der schönste Teil von dem ganzen Berg sind diese letzten sechs Kilometer oben, wo es aber auch natürlich ziemlich heiß sein kann, wenn da die Sonne drin steht. Es ist die Südseite. Das wird auch nochmal eine Schlüsselstelle sein, um sich abzusetzen und hoch zu zischen. Denn da oben ist es dann nicht mehr so steil. Das heißt, man kann dann wahrscheinlich, wenn man so knackig drauf ist wie die Mädels bei der Tour, nochmal Gas geben und sich absetzen.
Warum ist es die schönste Passage? Weil das so von zu eigen ist. Da oben, diese Mondlandschaft. Kein Berg ist ja so wie der Mont Ventoux. Auch die ganzen Kolz und anderen Berge, die sind zwar oben dann nicht mehr bewaldet, aber so eine steinige Mondlandschaft, nur Steine oben hat ja sonst kein Berg.
Also es ist manchmal so hell, wenn die Sonne drin steht, dass man echt eine Sonnenbrille aufsetzen muss, weil das Licht so gleißend wird. Und das ist das Besondere.
Ja, und wir sprechen mit Ihnen, mit einer absoluten One-Two-Expertin. Es gibt wahrscheinlich nur sehr wenige Menschen, die öfter oben waren als Sie. Das haben Sie gemacht.
Es gibt aber auch viele Menschen, die waren noch überhaupt nicht auf diesem Berg, und für die ist das vielleicht so ein kleines Sehnsuchtsziel. Das könnte ich mal machen. Vielleicht, wann kann ich mir das zutrauen? Was muss ich vorher machen? Wie trainiert muss ich sein? Was können Sie Leuten, die noch nicht hochgefahren sind, für einen Tipp geben?
Ja, also trainiert sollte man schon sein. Es ist ganz schön, wenn man das genießen kann, wenn man sich nicht nur bis zum letzten Meter hoch kämpfen muss. Und wenn jemand sagt, so steil möchte ich es gar nicht, dann ist die Auffahrt von so ein Stückchen länger, aber nicht so steil. Sicher ein ganz lohnendes Ziel, damit anzufangen mit dem Berg. Und dann wird man sicherlich neugierig sein, die anderen Auffahrten auch irgendwann zu probieren.
Ja, das könnte passieren. Sie sind ja ein Beispiel dafür, dass das dann einen ziemlichen Effekt haben kann. Nun sind wir hier im Fahrrad-Podcast, aber wir haben auch noch so Nebenhobbys.
Und eine wichtige Frage muss ich Ihnen noch stellen: Wenn man dann hochgefahren ist und wenn man zum Beispiel diese schöne Abfahrt nach Malosen nimmt, die so abwechslungsreich ist und auch so schnell und so kurvenreich, was ist eigentlich in Malosen der beste Bäcker, bei dem man sich dann stärken kann?
Wir haben zwei Bäckereien hier, die beide ganz fantastisch sind. Die Geschmäcker sind unterschiedlich, aber auch der Supermarkt bietet ganz gute Brot- und Backwaren. Also man muss einfach ein paar Tage bleiben und alles ausprobieren. Dann weiß man, was man selber am besten mag.
Das sagt Barbara Röhn. Sie ist zum Zeitpunkt der Ausstrahlung dieses Gesprächs höchstwahrscheinlich 800 Mal auf dem Mont Ventoux gewesen, mit dem Rennrad, oder vielleicht auch schon öfter. Und ich konnte mit ihr sprechen. Ich freue mich wahnsinnig, dass das möglich ist, Frau Röhn.
Und es ist beeindruckend, was Sie machen. Und ich finde es sehr angenehm, wie Sie davon erzählen. Ich war jetzt hier eine knappe halbe Stunde mit Ihnen im Kopf am Ventoux unterwegs, und das ist sicher auch anderen Leuten so gegangen. Ich freue mich schon, wenn ich das nächste Mal wieder da bin. Und ich wünsche Ihnen wahnsinnig viel Spaß auf jeder Auffahrt in der Zukunft.
Ja, ganz herzlichen Dank. Ich habe mich auch gefreut, dass wir so schön über den Ventoux gesprochen haben. Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal auf den Auffahrten, treffen uns hier, trinken was zusammen und fahren vielleicht zusammen auf den Ventoux hoch.
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich werde mich melden, Frau Röhn. Vielen Dank. Ich habe es gewusst, und ihr bestimmt auch: Man kann sich in einen Berg verlieben, und man muss diese Liebe auch nicht hinterfragen. Einfach jeden Tag hoch, mindestens einmal.
Nach diesem Gespräch scheint mir, dass das ziemlich fröhlich macht, und ich freue mich, dass ich diese Geschichte hier im Antritt einsammeln konnte. Für den Tipp zur Rangliste der Saint Lé du Mont Ventoux bedanke ich mich bei Kai aus Offenbach, von dem ich begründet vermute, dass er gleich in mehrere Berge verliebt ist.
Und ich verlinke die Seite auch für alle, die das mit einer oder gleich allen drei Auffahrten auf dem Ventoux auch mal versuchen wollen. Außerdem bedanke ich mich bei allen, die unseren Podcast auf Steady und Apple Podcasts mit einem oder zwei Cappuccini im Monat unterstützen und es damit erst möglich machen, dass sich Geschichten wie die von Barbara Röhn hier überhaupt einfangen lassen.
Wir nennen diese Menschen unseren Peloton, und das ist wieder ein gutes Stück gewachsen. Seit meiner letzten Aufzählung Ende Mai sind Sarah, Tobias, Benjamin, Kai, Julia, Markus, Frank, Micha, Steffen, Ralf, Burkhard, Artyom, Julia, Lukas, Lukas, Fabian und Dennis dazugekommen. Christian und ich freuen uns sehr.
Wir sagen ganz herzlichen Dank, und ich gehe auch dadurch motiviert in die Nachturzeit, die in wenigen Tagen anbricht. Mein Themen- und Ideenzettel ist richtig gut gefüllt. Ein paar Aufnahmen sind schon gemacht, und wir haben einiges vor in der nächsten Zeit.
Die nächste Ausgabe dieses Podcasts erscheint am 14. August. Wenn ihr sie etwas früher hören wollt, kommt ins Peloton. Und wenn ihr findet, dass das hier ein guter Podcast ist, dann gebt uns doch eine gute Bewertung auf der Plattform eurer Wahl.
Und dort, wo man kommentieren kann, freuen wir uns natürlich auch immer über nette Kommentare, denn die machen diesen Podcast für noch mehr Menschen sichtbar. Ihr erreicht uns unter antritt@detektor.fm auf Instagram und Mastodon.
Diese Ausgabe hat Tim Schmutzler geschnitten, und ich wünsche uns allen spannende letzte Etappen und dass ihr auch einen Berg findet oder habt, in den ihr euch verlieben könnt. Er muss auch nicht in der Provence liegen, und man kann durchaus mehrere Lieblingsberge haben.
Viel Spaß beim Klettern und gute Fahrt. Bis bald. Ciao.
[Musik: Robyn – Dopamine]