Einstieg
Gerolf, hast du gut geschlafen? Fühlst du dich fit? Beine gut, Kopf gut? Gut. Ich werde zum ersten Mal kleine Probleme mit meinen Fingern bekommen. Die sind nämlich nicht nur kalt, sondern trotz Winterhandschuhen auch nass. Erstes Ziel ist erstmal, in dieses Hotel zu kommen, und dann weiß ich nicht, ein, zwei Stunden zu schlafen. Und dann werden wir nochmal weitersehen. Ja, ich hoffe, das funktioniert. Teilweise war es auch total schön und total entrückt, irgendwie durch so eine Winternacht zu fahren. Dann sind es ja auch nur noch, ich glaube, 70 Kilometer jetzt noch in die zweite Nacht. Und zur Abbauung gab es noch Hagel und Schnee und ganz starke Windböen, die Richtung gewechselt hat beim Radfahren. Also es war keine leichte Aufgabe. Ich habe jetzt schon wieder Bock. Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen.
Antritt
Hier ist der Antritt, der Fahrradpodcast auf detektor.fm mit der dritten April-Ausgabe 2026. Mein Name ist Gerolf Meyer und in dieser Ausgabe sind wir zusammen unterwegs, wenn ihr wollt. Denn ich nehme euch mit auf eine Tour, an die ich sicher noch eine ganze Weile denken werde. Ich habe in diesem Podcast schon so viel über das Langstreckenfahren gesprochen. Und es ist an der Zeit, das nun endlich konsequenter als bisher anzugehen. Und genau das passiert für mich in diesem Jahr. Und ich muss sagen, ich bin in diesem Fahrradjahr auch schon fleißig gewesen. Zwei sogenannte Brevets, das ist der Fachbegriff für Langstreckenfahrten, habe ich bereits absolviert. Und für den einen von den beiden habe ich mich von unserem tollen Audio-Team mit ein bisschen Technik ausstatten lassen. Denn es ist ein Brevet gewesen, auf das ich mich seit mindestens einem Jahr gefreut habe. Da bin ich nämlich schon mal angemeldet gewesen, war dann aber krank. Also habe ich mir gedacht, mach so einfach eine kleine Reportage von der 2026er Ausgabe.
Besondere Bedingungen
Und ich muss gleich sagen, das hier ist ein bisschen anders geworden, als ich mir das erst mal so vorgestellt habe. Das liegt an den besonderen Bedingungen, die Ende März geherrscht haben. Und ehe ich hier zu viele Worte verliere, nehme ich euch einfach mit und wir stolpern zusammen, genauso in ein Morgen Ende März, wie ich Ende März in ihn hineingestolpert bin. Aber zum Glück bin ich dabei nicht allein gewesen, und den Rest erzählen wir euch auch noch. Antritt, der Fahrrad-Podcast von detektor.fm.
Freiburg
Freiburg. Gerolf, hast du gut geschlafen? Fühlst du dich fit? Beine gut, Kopf gut? Schön, das ist cool. Es ist um 5:25 Uhr am 25. März früh in Freiburg. Ich stehe nicht immer um diese Uhrzeit auf, aber hier sind viele andere Menschen mit mir aufgestanden. Und einer, der ist vielleicht ein bisschen bekannt, zumindest seine Stimme. Guten Morgen! Guten Morgen, Gerolf und Zuhörer. Guten Morgen, Olaf.
Wangtu Brevet
Olaf, wir sind hier in Freiburg und wir haben uns ganz schön Kanten vorgenommen. Was war das nochmal, was wir machen? Wangtu Brevet, Ara Preisgau, 620 Kilometer von Freiburg im Preisgau nach Neu York, nördlich vom Mond Wangtu. Ja, wir haben 40 Stunden Zeitlimit. Also wir fahren jetzt hier um 5:20 Uhr los. Ich glaube, wann müssen wir da sein? 21:20 Uhr, ne? Das kann ich nicht sagen. Wir haben 40 Stunden und ich gehe davon aus, dass wir es in der Zeit schaffen.
Olaf Hilgers
Das ist Olaf Hilgers, ein sächsischer Randonneur und selbst Brevet-Veranstalter in Bennewitz an der Mulde. Das ist hier bei Leipzig. Und mit Olaf bin ich nach Freiburg gereist. Wir wollen in die Provence fahren. Die Eckdaten hat Olaf genannt. Und warum er sowas macht, das beantwortet Olaf an diesem Morgen in Freiburg so: Weil ich es cool finde. Ich habe es vor vielen Jahren schon mal probiert, 2016. Da war ich im Kopf nicht klar. Da habe ich abgebrochen. Vorher habe ich es dann wieder gemacht, 25. Da war es sehr cool, auch das Zusammensein mit den Radfahrern. Und dann hinterher ja, eine Herausforderung ist zeitig im Jahr. Aber die Zeit reicht. Und außerdem bin ich gerne in Frankreich und freue mich danach, zum Bäcker zu gehen, zum Patisser.
Erster 600er
Für mich ist es der erste 600er. Ich bin noch nie so weit gefahren am Stück. Wenn du mir einen Tipp geben kannst, welcher ist das? Am Anfang nicht zu sehr mitreißen lassen. Fahr dein Tempo. Kmh mal über dem Limit, das mag gehen. Aber das, was du vorne vielleicht gut machst, steck mal erfahrungsgemäß hinten raus. Doppelt und dreifach rein, wenn dann die Kraft weg ist. Und nicht nur die in beiden, sondern wenn der Kopf zu leer geworden ist. Zu anstrengend. Gibt es irgendeinen Gruß eigentlich, einen Randonneur-Gruß? Was sagt man sich so? Gute Fahrt! Bonne route, bon courage, bon voyage. Monsieur! Merci, Monsieur!
Gute Laune
Man hört es vielleicht, wir haben gute Laune und das liegt bestimmt auch an dem freundlichen Respekt, den man vor so einer Fahrt hat. Genau genommen ist es bei mir so, als eine Woche vor dem Start die Wetterprognose endgültig in Richtung gefühlter Weltuntergang gekippt ist und die Strecke deswegen auch ein bisschen entschärft wurde. Da habe ich eigentlich alle Hoffnung fahren lassen. Vorausgesagt waren Starkwind, genau gegen uns, mit Böen bis um die 90 km/h ab Mittag, dann Regen und Schnee, manchmal auch Gewitter, einstellige Temperaturen, nachts auch bis an den Frost ran.
Akzeptanz
Und mir ist es dann so gegangen: drei Tage hatte ich Schiss, dann hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt und dann habe ich mich einfach ergeben. Ich setze mich dem jetzt aus und dann werde ich schon sehen, wie weit wir kommen. Ich bin nicht nur mit Olaf angereist, auch Tine ist mit Kyubi aus Berlin zu uns gestoßen. Und auch mit Tine kann ich kurz sprechen. Wie geht es dir gerade? Ich bin sehr aufgeregt.
Aufregung
Warum bist du aufgeregt? Ich habe zu viel gegessen. Ich bin die ganze Zeit am Überlegen, ob ich alles eingepackt habe. Habe jetzt schon festgestellt, dass ich ein paar wichtige Dinge vergessen habe. Und es ist ein bisschen früh im Jahr für ein 600er, finde ich. Im Juni ist es ein bisschen einfacher, wenn man bereits ein 300er und 400er weggefahren hat. Aber Mitte Ende März ein 600er ist eine Ansage. Die Wetterbedingungen sehen auch so aus, als ob es anspruchsvoll werden würde. Deswegen bin ich sehr aufgeregt.
Herausforderung
Und wenn das eigentlich so früh ist, warum machst du es trotzdem? Es ist eine Herausforderung und mir haben ein paar Leute, die das bereits gefahren haben, gesagt, dass es ein ganz toller Brevet ist. Und das Ziel Mont Ventoux ist einfach fantastisch, weil ich diesen Berg sehr mag. Und Freiburg-Mont Ventoux hat mich sehr gereizt.
Frühstück
Ein paar Minuten später stehen wir vor dem Augustiner. Das ist die Gaststätte, in der es für die 80 Menschen, die hier antreten, noch ein Frühstück gegeben hat. Und wir warten, dass unsere Startgruppe loslegen kann. Das bedeutet, dass wir erstmal ein Selfie machen und das in die Brevet-App laden mit Zeitstempel und aktivierten Ortungsdiensten. Und wenn dann die App sagt, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, können wir auch schon losrollen.
Letzte Gedanken
Ich spreche noch ein paar letzte Gedanken ins Mikrofon, während im Hintergrund eine Amsel den Morgen besingt. Und wenn man genau hinhört, dann spürt man auch schon ein bisschen den Wind. Es wird meine längste Strecke sein, wenn ich sie schaffe. Ich bin noch nie so lange gefahren. Ich war schon ein bisschen aufgeregt in den letzten Tagen. Ich habe nicht genug trainiert. Es war eisig im Winter, dann war ich ein bisschen krank. Ich mache es trotzdem. Von Olaf Hilgers stammt der Satz: Man fährt einfach weiter. An dem versuche ich mich zu halten.
Kaltfront
Und es ist irgendwie jetzt schon sehr speziell, weil wir wissen, dass es hart werden wird. Es zieht eine Kaltfront rein, Mittag wird es ordentlich regnen. Und ich versuche mir die Windböen als meine Freunde vorzustellen. Jede Windböe, die über mich hinwegzieht und die mir entgegenkommt, die wird den Regen schneller über mich hinweg treiben. Insofern danke Wind, danke Regen. Dann werden wir mal sehen, was hier rauskommt. Bis später.
Abfahrt
Dann klicken auch gleich ein paar Pedale ein. Wir rollen in einer kleinen Gruppe los. Mir geht noch kurz die Orkanwarnung durch den Kopf, die ich gerade noch auf Kyubi’s Telefon gesehen habe. Das wird irgendwie auf uns zukommen, aber dann kommt es eben. Los geht’s! Aus Freiburg raus geht es dann erstmal leicht hügelig in Richtung Südwesten. Wir fahren in die Rheinebene und sobald die Hügel weg sind, ist der Wind da.
Über die Grenze
Ich sehe Olaf zum letzten Mal für eine ziemlich lange Zeit. Mit Kyubi und Tine halte ich mich an das Mantra, dass wir uns am Anfang ja nicht übernehmen wollen. Und so fahren wir bei Neuenburg über den Rhein und damit über die Grenze nach Frankreich. Meine Laune ist prächtig, denn ich bin schon seit ein paar Jahren dabei, so viele Lebenskilometer wie möglich in Frankreich einzusammeln. Und davon wird es in den nächsten anderthalb Tagen hoffentlich einige geben.
Mulhouse
Es geht durch Mulhouse an den Kanal Duro Nouran und an dem eine ganze Weile in einer Gruppe entlang. Wir sehen Störche, wir sehen Züge, wir rollen an kleinen Schleusenhäuschen vorbei. Und wenn man in manchen Augenblicken nur einen kleinen Ausschnitt vom Kanal sehen würde, dann würde ich es glauben, wenn mir jemand sagen würde, das ist die Ostsee. Da sind nämlich wirklich ordentlich Wellen drauf.
Wetterbedingungen
Die Orkanwarnung vom Wetterdienst, die gab es nicht ohne Grund. Die 620 Kilometer Gesamtlänge setzen alles ein bisschen ins Verhältnis, was wir hier machen. Und darum fühlen sich die ersten 100 Kilometer auch nur wie ein Auftakt an. Wir sind angesichts der Bedingungen gar nicht mal so langsam unterwegs, aber dann schnappt eine bekannte Falle zu. Bei allen Kilometersammelfahrten in Frankreich üben die Boulangeries, also die französischen Bäckereien, eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Und damit bin ich auch nicht allein.
Montbellard
Kilometer 105 ungefähr, wir sind in Montbellard. Es war sehr viel Wind, teilweise so am Kanal Ronde Ronde entlang, teilweise so 15, 16 km/h. Man hatte gut zu tun, manchmal auch über 20. Schöner Wind, schöne Gruppe. Straßenschilder sind umgefallen vom Wind, habe ich ein paar gesehen, bei denen das passiert ist. Es ist ein bisschen nicht so ganz entspannt, aber bisher hat es nicht geregnet. Jetzt fängt es draußen gerade an.
Verpflegung
Wir haben etwas Bäcker gesucht und jetzt hier groß eingekauft, weil man muss sich ja verpflegen. Fueling ist alles, deswegen gibt es hier natürlich Éclair und Pain au Chocolat und andere Dinge. Ich habe eigentlich voll Bock. Es ist jetzt ungefähr, ich habe es hier ein bisschen verbummelt, es ist kurz vor 11. Aber wir haben über 100 km. Geht schon, ich finde es eigentlich ganz gut. Ich habe eine frische Regenhose eines französischen Großhändlers für Sportartikel, die ich gestern noch günstiger stehen konnte. Dann werden wir mal sehen, wie fröhlich ich beim nächsten Mal klinge.
Regen und Hagel
Genau diese Aufnahme in Montbellard, die markiert den beginnenden Regen und in den fahren wir jetzt hinaus. Die Strecke wird auf den kommenden 90 km immer wieder wechseln zwischen Abschnitten am Kanal, Radwegen am Fluss Dube in seinem malerischen Tal. Am Rande des Jura und manchmal geht es auch über Straßen, die die eine oder andere Dubschleife abkürzen. Ich werde zum ersten Mal kleine Probleme mit meinen Fingern bekommen. Die sind nämlich nicht nur kalt, sondern trotz Winterhandschuhen auch nass.
Navi und Schutzbleche
Mein Navi ist im sehr praktischen Regensperrmodus und ich bin jetzt schon unendlich dankbar für die großzügigen Schutzbleche samt Spritzlappen an meinem Rad. Ich stelle mal wieder fest, damit im Regen zu fahren ist deutlich angenehmer, wenn man das so nennen kann, als mit einem klassischen minimalistischen Rennrad. Mein Körper bleibt wärmer, meine Rückseite bleibt verhältnismäßig trocken und ich habe außerdem eine praktische Duschhaube in freundlichem Gelb auf meinem Helm. Auch das ist eine neue Erfahrung für mich.
Stunden durch die Landschaft
So drücken wir ein paar Stunden durch die Landschaft und am nächsten Stopp haben wir schon fast die Distanz eines 200er Brevets im Kasten. Mit sowas beginnt man eigentlich Saisons. Diesmal ist eben alles ein bisschen anders. Besançon, 195 Kilometer. Was passiert? Viel passiert, oder? Der Wind ist eigentlich nicht weniger geworden. Regen. Manche sprechen auch von Hagel. Es war irgendwas, wo ich mich gefragt habe, ist es Graupe, ist es Hagel? Es war richtig nass. Ich habe irgendwann meine Finger nicht mehr gespürt. Ich bin super froh über diese Hose, die ich mir gekauft habe beim französischen Ausstatt.
Teilnehmer aus Berlin
Ja, und ein Teilnehmer aus Berlin hatte prophezeit, es wären 200 Kilometer gegen den Wind und der hat recht gehandelt. Also irgendwie habe ich trotzdem extrem gute Laune. Und ich freue mich drauf, wenn wir nach Süden schwenken und der Wind nicht mehr so frontal kommt. Achso, es gab auch noch kleine Mechanicals. Eine Speiche ist gerissen bei einem anderen Teilnehmer. Und ja, wir haben ein Hotel bei ungefähr 370 oder 380 Kilometer, also ungefähr doppelt so viel. Ja, wird bestimmt interessant werden. Mal sehen, wann wir dort sind und wie lange wir uns dann eine Pause erlauben können.
Kyubi
Aber Kyubi, wie geht es eigentlich dir? Jetzt nach der Bäckerpause hoffentlich wieder ganz gut. Vorher war ganz schön durchhängen angesagt. Weißt du warum? Keine Ahnung. Ich denke mal, es ist doch anstrengender als sonst. Und wenn Kyubi das sagt, dann hat das was zu sagen, denn der ist in meinen Augen eine Maschine und er hat auch viel mehr Erfahrung mit solchen langen Strecken als ich. Am Kanal hat er unsere Gruppe eine ganze Weile gezogen.
Wetter akzeptiert
Und ich weiß auch nicht, was das bei mir ist. Ich scheine das mit dem Wetter einfach alles akzeptiert zu haben. Ich ergebe mich in dieses Schicksal. Der einzige Kompromiss, den ich eingehen muss, ist der, dass ich während der Fahrt einfach keine Aufnahmen machen kann. Das würde der Technik nicht gut tun und meine Finger würden das wahrscheinlich auch nicht hinbekommen. Und die Idee, dann auch noch andere Menschen in der Gruppe auszufragen, würde ich mir sowieso verkneifen. Das geht einfach nicht. Wir haben mit den anderen Aufgaben wirklich genug zu tun. Und eins ist mal klar, langweilig wird uns nicht.
Kilometer 285
So, Kilometer 285 oder so. Wir sind in Lens le Saulnier. Es ist sehr interessant gelaufen. Wir hatten noch eine kleine Panne. Da hatte jemand keine Dichtmilch nachgefüllt. Zum Glück hat mir jemand geholfen. Und wir sind so ein bisschen rausgeschwenkt aus diesem krassen Gegenwind. Der war dann manchmal Seitenwind und war sowieso nicht mehr so viel, weil es immer mehr Richtung Abend wurde. Wir hatten völlig krass dann richtig nochmal Hagel. Und zwar so, dass auf der Straße dann so 2-3 cm waren. Also komplett auf dieser Straße. Das sah total krass aus.
Feiern
Wir haben total gefeiert, weil das auch zusammenkam damit, dass dieser Wind weg war. Und wir da relativ zügig irgendwie drüber ziehen konnten von den Autos gerade gezogenen Spuren. Wir hatten Gewitter auch kurz vor diesem Hagel, bei dem die Blitze also wirklich nicht weit entfernt waren. So krasses Wintergewitter. Und alles war schön. Und dann wurde es aber noch hügeliger. Und irgendwie haben uns relativ gleichzeitig wir sind zu dritt unterwegs, haben uns so auf den letzten 20 km ein bisschen einen Stecker gezogen.
Kontrolle
Wir sind zur Kontrolle, ein Pizzaautomat oder ein Restaurant, wenn man rechtzeitig da ist. Da sind wir aber nicht gewesen hier in Lausitz. Und dann sind wir ganz schnell hier zum Supermarkt, der um 10 geschlossen hat. Wir waren irgendwie 10 vor 10 oder so da, haben eingekauft, haben uns jetzt hier noch so eine Kneipe gesucht, wollten Tee trinken. Haben wir auch gemacht. Powernap, Powernap ist ein bisschen länger gegangen. Ich wollte mein Telefon auf um 11 stellen, also 23 Uhr. Ich habe es aber tatsächlich auf um 11 gestellt, also hat nichts geklingelt. Also auch vormittags.
Temperaturen
Achso, Temperaturen sind so um 0 Grad oder knapp drüber. Und jetzt stehen wir vor der Situation, dass unser Hotel ungefähr 90 km, glaube ich, entfernt ist von hier. Und das heißt, wir fahren jetzt schön durch die Nacht. Es ist aber kalt und es kann auch noch mal regnen. Und es ist gerade um Gefrierpunkt. Und das ist gerade echt so irgendwie hm, was machen wir eigentlich? Wie gehen wir das jetzt an? Zum Glück sind wir zu dritt.
Sinnfrage
Mir ist vorhin durch den Kopf gegangen, dass ich mir noch nicht einmal die Sinnfrage gestellt habe. Mach ich eigentlich auch jetzt nicht. Also ich finde es ziemlich geil, aber wir sind jetzt so wirklich in dieser Härtephase, glaube ich. Oder in einer der Härtephasen. Ich weiß nicht, wie viele noch kommen. Genau. Ob wir es in der Zeit schaffen, wissen wir nicht. Erstes Ziel ist erstmal in dieses Hotel zu kommen und dann weiß ich nicht, ein, zwei Stunden zu schlafen. Und dann werden wir noch mal weitersehen. Ja, ich hoffe, das funktioniert.
Wetterbedingungen
Krasser Gegenwind, Gewitter, Hagel, alles irgendwie dabei. Regen, Temperaturen irgendwie nah am Gefrierpunkt. So ist es nun mal. Aber das Interessante ist, dass jetzt bei dem zweiten Mal Regen und Hagel und so wir nicht gefroren haben, weil wir irgendwie entsprechend noch uns angezogen hatten und das ging dann ganz gut. Also es war nicht so schlimm. Es war halt ziemlich geil.
Dunkelheit
Kurz nach dieser Aufnahme kommt einer der Gäste aus der kleinen Kneipe noch mal auf mich zu und zeigt mir auf seinem Telefon ein Video von Jan Ullrich in den Pyrenäen 1997 Tour de France. Er ist völlig beseelt und so fahren wir gegen Mitternacht in die Dunkelheit. Und das mit dem Nichtfrieren, das lässt sich leider nicht ganz durchhalten. Es geht zwar erstmal ein bisschen nach oben und wir werden warm, aber dann kommen Regen und Schnee im Wechsel und das ist etwas speziell.
Schneewehen
An der Vorderseite unserer Helme bilden sich kleine Schneewehen. Wir halten an der Bushaltestelle, um was zu essen und kippen dort in so einen leicht absurden Quatschmodus, um uns warm zu halten. Einem vorbeibrausenden Auto winken wir übermütig und der Fahrer, der dreht sofort um und fragt, ob er uns irgendwie helfen kann in dieser Situation. Wir verneinen das freundlich und 20 Kilometer weiter halten wir nochmal und dann passieren zwei Dinge, die ich so wirklich nicht von mir kenne.
Kälte und Übelkeit
Zum einen fangen meine Bauchmuskeln an zu zittern vor Kälte und mir wird auch noch schlecht. Kyubi ist neben mir kurz eingenickt, also während der Pause. Und ich weiß, dass ich jetzt ganz dringend losfahren muss. Am Ende wird das alles eine komplette Nachtfahrt. Schnell sind wir nicht, den Wind habe ich ja schon oft genug erwähnt. Und im Morgengrauen sind wir dann an der nächsten Kontrolle in Amberieux und kurz danach im ersehnten Hotel.
Mütze Schlaf
Nach einer kleinen Mütze Schlaf spreche ich dann mal wieder ins Mikrofon. So, es ist früh um 8 Uhr. Wir sind in Amberieux. Wir hatten eine krasse Nacht, sind losgefahren, wie gesagt, gegen 12 Uhr in L’Anse aux Sonniers und mussten dann weiter. Es war krass kalt. Also mein Navi hat immer so oben oder unter den Gefrierpunkt gezeigt. Das Navi von den anderen eine andere Zeit. Wir mussten uns ein paar Mal unterstellen. Es hat geregnet, es hat geschneit, richtig. Es war schweinekalt.
Winternacht
Teilweise war es auch total schön und total entrückt, durch so eine Winternacht zu fahren. Aber es war dann am Ende auch ein ganz schönes Stück, uns zu schleppen, nicht einzuschlafen, dass es irgendwie safe ist. Und dann hat man halt irgendwann noch 50 Kilometer und muss was tun. Und man kann nirgendwo anders hin. Alles ist zu, es ist wirklich nichts an Infrastruktur zwischen den beiden Orten.
Hotel
Ja, und dann waren wir letzten Endes, waren wir halb Viertel vor sechs, waren wir hier im Hotel, was ja gebucht ist. Und wir haben jetzt wahrscheinlich so, ich sag mal, so ich hab vielleicht 70 Minuten geschlafen. Was wir noch schaffen, wie das geht, das wissen wir nicht. Regen ist aber gerade draußen nicht zu sehen, das hat aufgehört. Überhaupt mal zu schlafen ist gut. Vielleicht kriegen wir jetzt irgendwann Frühstück und dann, ja, probieren wir das einfach hier weiterzumachen.
Absagen
Das haben einige Leute abgesagt, sieht man in der Artikelgruppe, die es gibt zur Veranstaltung. Weil ja, das war gestern super speziell. Also erst dieser Sturm genau in die Fresse sozusagen. Und dann Schnee, Hagel, Regen, Gewitter, alles zusammen. Aber mein Gott, so ist es nun mal. Wir sind hier. Wir sind immerhin bis hierher gekommen und wir fahren. Also ich denke, wir versuchen auf jeden Fall, das zu Ende zu fahren. Ob wir es in der Zeit schaffen oder außerhalb der Zeit, das werden wir sehen. Aber die Idee ist anzukommen.
40 Stunden
Gut, und jetzt schauen wir mal, wie das geht. Diese Zeit, die ich da erwähne, das sind die 40 Stunden, die wir für die 620 Kilometer haben. Und man merkt auch, dass ich das dort in Amberieux gar nicht so eng sehe. Und das hat einen Grund. Tine hat von Anfang an festgelegt, dass wir ankommen werden, egal ob in oder außerhalb der Zeit. Und ich muss sagen, dass das eine total gute Ansage gewesen ist.
Umgang mit Eckdaten
Da kommt man nämlich angesichts der Zeit nicht ins Schlingern. Man muss nicht überlegen und diskutieren. Und was ist schon die Zeit, wenn es eigentlich ums Ziel geht? Einen Empfang wird es sowieso nicht geben und irgendwie passt mir dieser Umgang mit den Eckdaten richtig gut. Es wurde festgelegt, dass wir ankommen werden und daran versuche ich mich zu halten.
Boulangerie
Es dauert dann wahnsinnig lang in einer Boulangerie, was zu essen zu bekommen und woanders noch einen Kaffee. Und dann gibt es auch noch eine kleine gruppeninterne Kollision und ein kleines mechanisches Problem. Bei Kilometer 455 entdecken wir eine kleine Fernfahrer-Gaststätte und müssen uns gar nicht mehr absprechen. Selbstverständlich und glücklich sinken wir auf die Stühle und bestellen das Tagesmenü.
Zügiges Reiseradtempo
Ich glaube, wir sind bei zügigem Reiseradtempo angekommen. Wir hatten mechanische Probleme, wir hatten einen kleinen Unfall. Es gab wieder Regen, es gab Graupel, war es glaube ich diesmal. Schnee am Wegesrand diesmal nur. Es wird deutlich hügeliger. Die Strecke ist umgelegt worden, erst in den letzten drei oder vier Tagen, weil sie eigentlich über den Col de Bachus gehen sollte. Wegen der Wettervorhersage wurde das umgelegt und der Verkehr unten war teilweise schon speziell, so mit LKWs und so.
Zielzeit
Insofern werden wir ganz wahrscheinlich die offizielle Zielzeit reißen. Aber das ist egal, wir fahren da trotzdem einfach hin. Es wird eine Weile dauern, wir werden es dunkel reinfahren. Ich habe eben überlegt, ob die Sinnfrage inzwischen aufgekommen ist. Ich weiß es gar nicht. Wenn sie aufgekommen sein sollte, ist die Antwort ganz einfach: Man macht es einfach fertig. Oder man versucht es einfach fertig zu machen. Man fährt da hin, weil das Ding ist angesetzt und man hat sich darauf gefreut und dann versucht man es halt. Mehr ist es eigentlich nicht.
Provence
Und es geht in die Provence, es geht zu Mammut 2. Ich finde es ein bisschen witzig, mir dabei zuzuhören, wie ich mich da weiter in mein Schicksal ergebe. Irgendwie ist das eine gute Übung, denn es ist schon eher zäh dort um La Côte Saint André. Aber wir fahren eben trotzdem weiter. Es gibt einen ersten kleinen Pass, eine herrliche, schön langgezogene Abfahrt runter ins Tal der Isère.
Neue Strecke
Und dann kommt die neue Strecke, die eben nicht über den Col de Bachus führt. Und stattdessen genau an der Kante zwischen Gebirge und Rhone-Tal entlang. Herrliche kleine Straßen und Stiche, viele Ausblicke. In meiner Erinnerung ziemlich gute Laune und dann so langsam auch das Gefühl, wir kriegen das hin. Wir werden irgendwie ankommen.
Letzte Kontrolle
Die letzte Kontrolle ist direkt in einem Dorf und wir machen dort schnell unsere Beweisselfies mit Zeit und Geostempel. Fahren dann aber gleich weiter nach Crest, denn dort wartet sehnlichst ein Schnellrestaurant auf uns. So fühlt sich das jedenfalls an. Wir sind bei Kilometer 556. Und wir haben die letzte mögliche Zielzeit um in die Wertung zu kommen, natürlich gerissen.
Egal
Das ist uns aber völlig egal, weil immerhin man kriegt es hin. 556 finde ich ist eine interessante Zahl mit zusammen nicht mal zwei Stunden Schlaf. Fühlt sich toll an. Mont Ventoux ist nicht mehr weit. Wir kriegen eine zweite Bonusnacht, das ist auch nicht verkehrt. Es war noch sehr gummimäßig zwischendurch. Ich war wirklich in so einer Phase, wo ich dachte, das wird nichts.
Umfahrung
Das kriege ich nun wirklich nicht mehr hin. Und es ist auch nicht so richtig gerollt zwischendurch. Und dann plötzlich Holz wieder. Und dann ist ja dieser eine Berg rausgenommen worden. Und stattdessen gibt es eine Umfahrung und diese Umfahrung zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie quer zu den ganzen kleinen Bächen und Flüssen geht, die aus dem Berghoher rauskommen.
Steil
Und deswegen ging es so richtig belgisch steil hoch, steil runter, steil. Hoch, steil runter. Mit einer wunderbaren Aussicht übers Rhone-Tal bei Ballnors. Und das hat auch irgendwie ein bisschen versöhnt. Ich fahre mal kurz in die Runde, wie es so geht. Wie geht es denn? Halb am Schlafen, aber ich denke, nach den ersten Metern wird es wieder rollen.
. Und dann sind es ja auch nur noch, ich glaube, 70 Kilometer jetzt in die zweite Nacht.
Und wie ist es bisher gerollt? Perfekt! Ja, heute über den Tag war es super. Mit dem Wetter hatten wir Glück, ganz wenig Niederschlag. Aber der ist nicht ausgeblieben. Der Wetterwechsel ist hier ständig in der Gegend. Ja, aber es war gut. Besser als erwartet. Kaum Müdigkeit, sehr angenehm. Gute Begleitung. Man hört uns unsere Spritzigkeit ziemlich direkt an, nicht wahr?
Das meine ich sogar ein bisschen ernst, denn eine der Sachen, die ich wirklich interessant finde auf dieser Fahrt, ist der Effekt von kurzen Schlafeinheiten. Ich fühle mich danach wirklich erholter, als ich angesichts der Minutenzahl vermuten würde. Und auch wenn es ein bisschen länger dauert, in so einer zweiten Nacht in Schwung zu kommen, der Schwung, der kommt, und er muss auch kommen, weil noch zwei Pässe auf uns warten. Der eine mit 300 Höhenmetern, der andere mit 500.
Das ist natürlich alles irgendwie machbar unter Normalbedingungen. In einer zweiten Nacht mit ein bisschen Mondlicht, wenn man in Freiburg im Breisgau gestartet ist, fühlt es sich gleichzeitig ein bisschen schwerer und ein bisschen besser an als normal. Es schneit auch noch mal, wie zum Gruß. Wir fahren durch beeindruckende Felslandschaften.
Und kurz vor dem letzten Pass steht in einem Haus am Straßenrand eine Frau in einer Glastür und schaut absolut ungläubig nach draußen, wo wir langsam den Berg hochkriechen. Was machen die da? Wir fahren Fahrrad, sieht man doch! Warum sollten wir das nicht tun?
Am Col de la Source gibt es dann noch mal die volle Ladung Wind, diesmal von hinten. Es bläst uns wirklich fast um, und es gibt sogar kleine Eisflächen in den ersten Kurven. Dann geht es 20 Kilometer nach unten, und ich genieße diese Abfahrt, denn ich liebe Abfahrten. Es wird knackig kalt bei all dem Fahrtwind.
Wir sind lange Gefällsstrecken gar nicht mehr gewohnt. Und so rollen wir ziemlich genau um 3 Uhr in der zweiten Nacht, ein bisschen angefröstelt, in ein menschenleeres Neon. Wir machen unser Zielfoto an der Brasserie La Belle Epoque im Zentrum. Und ich liebe alles an diesem Moment.
Die Stühle auf dem Freisitz sind zusammengeschoben. Niemand bemerkt uns. Es ist ein kleiner fröhlicher Triumph, den ich hier spüre. Und nach uns werden auch nicht mehr viele Leute kommen. Von 80 Startenden in Freiburg sind 42 innerhalb der Zeitvorgabe angekommen. Insgesamt um die 50, und einen guten Teil von denen werden wir schon am nächsten Vormittag wiedersehen.
So, wir sind angekommen. Und zwar sind wir schon seit einer ganzen Weile angekommen. Um 3 Uhr war es soweit. Da waren wir in Neon, wo das Ziel ist. Zwei sehr schöne Pässe zwischendurch noch. Wir sind da ziemlich guter Dinge irgendwie reingefahren. War natürlich nicht mehr wahnsinnig spritzig oder so.
Es hat auch noch mal kurz ein bisschen so gekraubelt oder geschneit. Es musste sich irgendwie von uns verabschieden, dieses Wetter. Und dann sind wir hier um 3 Uhr eingefahren. Und ein wahnsinnig gutes Gefühl. Also, Zeitlimit gerissen, völlig egal. Angesichts der Bedingungen und überhaupt.
Wir sind hierher gefahren, 5000 Höhenmeter, sagt mein Gerät, 31 Stunden und ein paar 20 Minuten Fahrzeit. Aufaddiert, ich weiß nicht, geschlafen maximal zweieinhalb Stunden. Ging aber auch irgendwie. Und dann haben wir jetzt 5 Stunden geschlafen, sind aufgestanden, mussten raus aus dem kleinen Appartement, das wir gemietet haben.
Und das geht jetzt auch. Also, ich fühle mich nicht völlig zerstört. Olaf sagt, es kommt so in zwei, drei Tagen, dass man sehr müde wird. Wir haben jetzt hier lange in der Sonne gesessen, haben uns hier alle Leute getroffen. Es waren vielleicht so 40, 50 Mann, gefühlt geschätzt.
Einige sind schon losgefahren nach Bédouin, also an dem Fuß des Mont Ventoux. Also, es ist so ein kleines Stück von hier, 40 Kilometer oder 60, je nachdem, welche Strecke man wählt. Es ist Sonne. Im Gegensatz zu den letzten Tagen. Es ist nicht besonders warm, aber das macht nichts, weil die Sonne macht es.
Und gerade im Vergleich völlig entspannt. Es ist ein bisschen wie Urlaub. Und ja, also eigentlich habe ich jetzt schon wieder Bock. Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Und das Schöne ist, dass alle irgendwie so, weiß nicht, so ein bisschen wie beseelt.
Also, es haben halt alle das geschafft. Es haben sich alle wahnsinnig hart irgendwie was gegeben, und man ist dann einfach sehr zufrieden und ich glaube glücklich, das geschafft zu haben. Brevet-Routiniers werden jetzt natürlich feststellen, dass wir ganz schön viel Stehzeit hatten.
Wir haben knappe 46 Stunden gebraucht. Das macht 15 Stunden ohne rollendes Rad. Das mag für die einen viel erscheinen, für die anderen wenig. Für mich ist das in dem Moment alles nicht so wichtig, denn wir sind angekommen, so wie Tine es festgelegt hat.
Wir fahren dann irgendwann gegen Mittag locker nach Bédoir rüber, sehen den Berg, der der Veranstaltung den Namen gibt, aus verschiedenen Perspektiven, und die Zufriedenheit wird noch größer. Wir werden noch zwei Nächte da sein, uns abends mit anderen zum Essen treffen.
Manche von uns fahren in Richtung Gipfel, der aber angesichts von Schnee, Eis und Sturm unerreichbar bleibt. Ich spare mir das, denn ich kenne den Ventoux ganz gut und war in der letzten Zeit auch schon oben. Und ich muss meine Achillessehne ein bisschen schonen, denn durch meine Winterschuhe, die ich zum Glück getragen habe, ist die ein bisschen gereizt.
Die haben so einen hohen Schaft, und der hat auf 620 Kilometer immer wieder etwas gegen die Sehne gedrückt. Und ich bin ja sowieso einfach glücklich, hier zu sein. Auf der Rückfahrt gibt es dann noch ein Abschlussgespräch mit Olaf, der mir in allen Brevet-Fragen immer wieder gute Antworten gibt.
Wir haben in Freiburg am Start gesprochen, und dann war es ziemlich schnell weg. Wie war das für dich so? Was hast du denn erlebt? Na ja, wenn ich jetzt aus dem ganz neuen Speiseabteil im TGV gucke, sieht es von innen aus wie es am Start in Freiburg aussah. Kein schönes Wetter, es regnet nämlich gerade wieder.
Und die beste Strategie, im Regen zu entkommen, ist schnell zu fahren. Es regnet weiter, aber man friert nicht so und muss sich, wenn es aufgeht, nicht so lange im Regen aufhalten. Na ja, wie ich das empfunden habe. Wie viel hat es denn geregnet? Ach so, kann ich nicht mehr sagen.
Wie viel Wind war da? Toller Wind, viel starker Wind und fast immer von vorn, außer dann ab Höhe Lyon etwa. Da kommt dann der Mistral zum Tragen, der Rückenwind. Und wie viel Regen? Irgendwann stört es einen nicht mehr, man fährt einfach durch.
Und zur Erbauung gab es noch Hagel und Schnee und ganz starke Windböen, die die Richtung gewechselt haben beim Radfahren. Also, es war keine leichte Aufgabe, das Brevet zu fahren. Wie hast du dich gefühlt, als du da warst? Neutral.
Na ja, wenn man es viele Jahre macht, freue ich mich dann, dass ich es geschafft habe. Klingt vielleicht alles ein bisschen komisch, aber ich war froh und zufrieden, weil es doch anstrengend war mit den Bedingungen. Und 600 Kilometer sind 600 Kilometer. Das soll man ja mal nicht kleinreden oder so abtun.
Ich war zufrieden mit mir und habe mich gefreut, dass ich da bin. Denn danach kommt der zweite Teil des Brevets: zusammen sein mit Gleichgesinnten. Und das ist genial einfach. Ich habe selber immer ein paar Sachen aufgenommen an Kontrollstellen und habe gemerkt, dass ich mir die Sinnfrage, die sich manche Leute stellen, überhaupt nicht gestellt habe.
Weil mir klar war, ich will das machen, ich finde es cool, das ist hart, und deswegen mache ich es auch. Stellst du dir noch die Frage, warum mache ich das eigentlich, oder ist das so in deiner Routine drin, dass das überhaupt keine Rolle spielt? Bei manchen Brevets mache ich es kopfsache.
Und diesmal habe ich nicht darüber nachgedacht. Um es mal krass zu sagen: Eigentlich hast du keinen Bock mehr, es ist so anstrengend. Nein, diesmal war es wiederum entspannt. Und jetzt muss ich mal die Initiative ergreifen. Falls es keiner weiß, muss ich es jetzt sagen: Gerolf ist mitgefahren, zum allerersten Mal.
So eine lange Strecke hat sich gleich etwas ganz Tolles ausgesucht, bei besten Bedingungen. Und das muss auch mal gewürdigt werden, dass du das geschafft hast. Einfach coole Sache. Dankeschön! Also, hat ja auch total Spaß gemacht.
Jetzt könnte man ja fragen, warum fährt man nach Freiburg, meldet sich an und fährt diesen 600er so früh im Jahr bei dem Wetter so weit weg? Wir wohnen um Leipzig rum. Warum fährst du zum Ventoux Brevet? In der Hoffnung, dort die Provence in der Frühjahrssonne zu erleben.
Ja, einfach ein schöner Einstieg ins Jahr. Und die 600 Kilometer sind weg. Nächstes Jahr ist Paris-Brest-Paris. Da braucht man so etwas zur Vorqualifikation, also kann ich in die nächsten Brevets sehr entspannt reingehen.
Und es ist eben einfach etwas Besonderes, Ende März so weit zu fahren, weil es eigentlich immer, na ja, das Wetter ist eben Ende März. Es ist noch Winter, eigentlich, wenn man es genau nimmt. Und ich bin gerne in Frankreich. Provence sowieso schön und Ventoux, auch wenn es diesmal nicht hochging, weil Schnee, Eis und Sturm war, einfach eine klasse Sache.
Diese Vorqualifikation für Paris-Brest-Paris, diese große Langstreckenfahrt, die alle 4 Jahre in Frankreich stattfindet, die haben Tine, Jubi und ich natürlich nicht geschafft. Aber das kann ja noch werden, vielleicht auf einem anderen 600er.
Und überhaupt, wir haben das Ziel Nyon erreicht, und das kann ja auch erst mal genug sein. Wie man an den Aufnahmen vielleicht bemerkt hat, hat mir das alles auf eine spezielle Art Spaß gemacht.
Und ich fühle mich in meiner Ahnung bestätigt, dass mir dieses längere Langstreckenfahren irgendwas geben könnte. Auf diesem Brevet ist es auf jeden Fall so gewesen, und ich glaube, ich finde gerade diese Mischung aus einer heftigen Anstrengung und dann aber auch einer gewissen Unaufgeregtheit ziemlich gut.
Diese Brevet-Welt, die ist nicht glamourös, die ist nicht unendlich aufgeblasen und aufgehübscht und ausverkauft, und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Man setzt sich einerseits einer wirklichen Prüfung aus, denn das bedeutet das Wort Brevet, wenn man es übersetzt.
Man macht aber auch nicht den ganz großen Wind darum. Mir scheint es eher darum zu gehen, sich mal ein bisschen klein zu machen und ins Verhältnis zu setzen zu Landschaft, Distanz und Bedingungen. Da ist eine Aufgabe, die steht vor einem, die geht man an, und die durchlebt man mit allem, was dazu gehört.
Es gibt aber keine Startnummern, keinen Zielbogen, keine Fanfaren und keine Siegerehrung. Und am Ende hat man es einfach geschafft, wenn man es geschafft hat. Für mich bleiben dabei eine ganze Menge Bilder im Kopf, eine tolle Gruppe, ein paar lustig absurde Situationen und ganz viel Freude über elementare Dinge, wie zum Beispiel warme Hände und Füße, ein ersehntes Éclair, eine richtig schöne Landschaft und wieder ein paar hundert Lebenskilometer mehr in einem Land, in dem ich wirklich wahnsinnig gern Rad fahre.
Falls ihr so eine Fahrt in den Süden auch mal probieren wollt, dann könnt ihr zum Beispiel Ende September bei Mittelmeer-Brevet teilnehmen. Das geht über 1000 Kilometer von Freiburg nach Cassis.
Und wenn ihr kleinere Brötchen backen wollt, vielleicht näher an eurem Wohnort, dann schaut doch einfach mal auf den Link zu den Odara Randonneur Allemagne in den Shownotes. Dort sind alle Startorte und Termine in Deutschland verzeichnet, und es gibt Streckenlängen ab 200 Kilometer zur Auswahl.
Dieser Fahrradpodcast meldet sich schon in einer Woche wieder, am 24. April, und ihr erreicht uns unter antritt@detektor.fm bei Instagram und Mastodon. Ich sage danke fürs Mitfahren im Kopf und danke den Menschen, die solche Fahrrad-Erlebnisse möglich machen.
Und auch danke den Menschen, mit denen ich unterwegs gewesen bin. Es hat mir wirklich großen Spaß gemacht.
[Musik: Daniel Balavoine – Tous les cris les S.O.S.]