Antritt des Fahrradpodcasts
Hier ist der Antritt, der Fahrradpodcast auf detektor.fm mit der 4. Juli-Ausgabe 2026. Mein Name ist Gerolf Meyer und in dieser Ausgabe nehme ich euch mit ins detektor.fm-Studio hier in Leipzig. Aber nicht so, wie ihr das gewohnt seid. Denn am 18. Juli sind hier nicht nur Christian und ich am Mikrofon gewesen, sondern es waren auch noch einige der Menschen vor Ort, die diesen Podcast als Unterstützer auf Steady oder Apple Podcasts möglich machen. Wir haben zusammen einen Live Podcast aufgenommen, für den wir uns einen ganz besonderen Gast eingeladen haben. Martin Götze ist Rennfahrer in der DDR gewesen und auch noch danach. Er galt als unangepasster Charakter. Er ist trotzdem und unter besonderen Bedingungen viermal DDR-Meister auf dem Rennrad geworden. Und er gibt uns im folgenden Gespräch Einblick in seine spannende Sportgeschichte. Und ich wünsche euch viel Spaß damit.
Antrittstreffen in Leipzig
Antritt, der Fahrradpodcast von detektor.fm. Wir sitzen hier anlässlich des zweiten Antrittstreffens, das wir hier in Leipzig durchführen, mit unserem Peloton, wie wir das nennen, also mit einigen der Menschen, die uns unterstützen und die dafür sorgen und sicherstellen, dass es diesen Podcast gibt. Und ich habe mir ein bisschen Gedanken vorher gemacht dazu, welches Thema wir hier besprechen könnten und mit wem wir hier sprechen könnten. Und dann bin ich relativ schnell beim Nachdenken über Leipzig und Radfahren und vielleicht nicht nur in der Gegenwart, sondern auch im spannenden Abschnitt der Geschichte, der sich eigentlich bis in die Gegenwart zieht, auf Martin Götze gestoßen, den ich kenne von früheren Recherchen, die ich mal gemacht habe.
Ich möchte gar nicht so viel vorher zu Martin Götze sagen. Martin ist ein Rennradfahrer, ein Radsportler, ein Renner aus Leipzig, der 1957 hier geboren wurde und, wie wir sicher alle hören werden, eine spannende Rennerkarriere erlebt hat. Und wir haben jetzt die Möglichkeit, da einen kleinen Einblick zu bekommen. Und ich sage erst mal Hallo Martin, wir freuen uns, dass du da bist.
Martins Begeisterung für den Radsport
Hallo, ich freue mich auch, dass ich mal hier sein darf. Und das ist natürlich auch eine Ehre für mich, mal so meine kleine lustige Geschichte zu erzählen. Ich habe immer Freude daran, wenn sich Leute auch dafür interessieren. Ja, das können wir glaube ich jetzt schon sagen. Es ist sehr interessant. Wir haben ein großes Interesse, mit dir hier ein bisschen ins Gespräch zu kommen und freuen uns sehr, dass du da bist. Und vielleicht gibt es einen kleinen Applaus von unserem Publikum auch.
Martin, wenn man über dich liest und ein paar Sachen über dich hört und sich mit dir beschäftigt, mit dem, was du machst, dann kann man so den Eindruck bekommen, das Leben dieses Menschen ist ohne das Fahrrad nur schwer denkbar. Stimmt dieser Eindruck?
Ja, ich glaube, da hast du recht. Also für mich ist Radfahren die schönste Sportart, die man sich aussuchen kann. Und es ist natürlich auch die beschissenste Sportart, die man sich aussuchen kann. Aber ich glaube, unterm Strich überwiegt das Gute und das macht einen wirklich sehr glücklich, wenn man da einmal Blut geleckt hat.
Warum ist es die schönste Sportart? Dazu muss man selber Radfahren, um das zu kapieren. Also es ist so etwas Schönes, wenn man nach viel Training dann irgendwann so weit ist, dass man, ich sage mal, durch die Landschaft schwebt und einfach es tut nichts weh. Die Beine sind gut und du fährst die Hügel drüber und das tut nicht weh. Und du siehst, wie die anderen vielleicht Probleme haben und sagst: Ey, was haben die eigentlich? Oder wenn du dem Sonnenuntergang da entgegen fährst und die Luft ist schön und das ist alles toll. Also das gibt so Momente, die kannst du eigentlich gar nicht beschreiben. Das muss man erleben. Das ist wirklich Zauber.
Und warum beschissen? Ich habe mal gelesen von einem ehemaligen Rennfahrer, der sich über diese Radsportfans aufgeregt hat. Die sollen doch mal aus einem Auto mit nackten Armen und Beinen in einen Haufen Schrott reinspringen bei Tempo 50. Dann wissen sie, was Radfahren auch sein kann. Das Wort Fahrrad kommt ja von Gefahr, sage ich immer. Das muss man auch immer wissen, wenn man diese Sportart macht. Es geht sehr schnell zu und es geht auch um die Ecken rum und man weiß nicht, was hinter der Ecke ist. Es ist immer gefährlich.
Ich habe das auch niemals gemacht, meine Kinder zu dieser Sportart zu bringen, weil ich auch selber weiß, wie scheiße das sein kann. Es tut auch unheimlich weh oft und das will man seinen Kindern eigentlich nicht antun. Und mein Sohn hat jetzt gerade Blut geleckt und will jetzt anfangen mit Radfahren, nachdem er Fußball gespielt hat. Ich tue da nichts dagegen, auch nichts dafür, ein bisschen. Aber man hat da natürlich auch Angst. Das ist einfach, wenn man weiß, was da für Gefahren sind. Meine Mutter ist auch niemals zum Radrennen gekommen oder ganz selten, weil die einfach das nicht sehen konnte, wie gefährlich das aussah. Und ich bin heilfroh, dass die mich haben machen lassen.
Erste Erfahrungen mit dem Radfahren
Ich habe mit einem Freund mal eine Strecke gefahren in Tschechien. Da geht es eine Abfahrt runter und die ist ziemlich steil. Ich sage: Holger, mach mal ein bisschen langsam hier runter. Das ist wirklich nicht ohne. Übrigens bin ich hier auf dieser Abfahrt mal über einen drüber gesprungen, der vor mir gestürzt ist. Und dann sind wir da runter gefahren. Ich dachte: Um Gottes willen, wenn meine Mutter gewusst hätte, dass ich da über einen drüber springen muss und vielleicht auf den Schneidezähnen landen könnte. Und dann dachte ich: Wenn ich jetzt wüsste, dass mein Sohn da runterfahren muss und über jemanden drüber springen muss, möchte ich nicht haben.
Das finde ich super spannend. Ich habe schon von so vielen Eltern gehört, die sagen: Meine Kinder, bitte nicht Fahrradfahren. Ich denke, das ist logisch, wenn man Kinder hat, dass man Angst um die dann auch hat. Umso spannender ist natürlich die Frage, wie du zum Radsport gekommen bist. Du hast deine Mutter gerade schon angesprochen. Du bist 1957 in Leipzig geboren und aufgewachsen. Wie hast du die Stadt damals wahrgenommen? Ist das Fahrrad etwas gewesen, mit dem du die Stadt erkundet hast? Wie ist das Fahrrad so in dein Leben getreten?
Eigentlich durch meinen Vater auch. Der hatte einen Arbeitskollegen, der Friedensfahrer war. Das war der Rolf Töpfer. Und die hatten damals den Friedensfahrern oder den Sportlern so Arbeitsplätze gegeben, die sie wahrnehmen konnten. Sie hatten aber Priorität auf Training. Der war aber auch ein echt fleißiger. Er hat auch den Ehrgeiz, dort auf Arbeit zu erscheinen. Er hat das auch gemacht und war bei meinem Vater in der Abteilung drin. Und er hat natürlich dort auch kräftig Werbung fürs Radfahren gemacht, vermute ich mal. Jedenfalls hat mein Vater sich dann ein Fahrrad von seiner Mutter kaufen lassen. Da war ich dabei. Da war ich vielleicht fünf oder sechs. Und dann ist mein Vater mit dem Rad von Leipzig nach Zwickau zu seiner Mutter gefahren. Und wir waren mit dem Zug hingefahren.
Und irgendwann, späten Nachmittag, kam mein Vater dann dort an. Wir hatten irgendwie Mittagsschlaf machen müssen, als Kinder. Und als wir dann aufwachten, da saß mein Vater breitbeinig im Sessel und dem tat der Arsch weh. Da sagte er: Ab der Neuen Welt in Zwickau, das ist Ortseingang, musst dich im Stehen fahren, sagt er. Das hat uns aber so beeindruckt, dass wir gesagt haben: Wenn wir mal groß sind, machen wir das auch mal. Und ich habe das dann auch mit meinem Cousin zusammen gemacht. Da war ich dann 14. Da hatte ich dann ein Rad bekommen und dann ging das eigentlich los.
Und ja, wir hatten die auch immer mal besucht, den Rolf Töpfer und seine Familie. Und die wohnten in Lindenau. Und da standen da eben so die Pokale dort auf der Anrichte im Wohnzimmer. Ja, und das war schon irgendwie toll. Und er hatte auch eine total sportliche Lebensweise. Und das hat mir so imponiert. Meine Mutter hat mit seiner Frau mal irgendwie eine Zigarette rauchen wollen. Da hat er da rumgeschimpft und hat die in der Küche eingeschlossen, alle beide. Und das war natürlich auch so halb lustig alles. Aber das hat mir imponiert irgendwie. Und ich habe mein ganzes Leben nicht eine Zigarette geraucht. Also das war auch irgendwo der Anlass. Man kriegt ja irgendwo mal mit, dass jemand… Es kommen so Bilder auf einen zu, die man dann irgendwie abspeichert. Und dann irgendwann macht man dann in Folge dessen irgendwas.
Ja, das ist so eine Frage Motivation auch. Ja, warum macht man jetzt? Warum fährt man Rad? Warum will man da gut sein und solche Sachen? Das ist ein unheimlich interessantes Thema für mich. Wie ist es denn bei dir passiert? Also wie bist du denn Radsportler geworden? Weil ich sage mal, diese Vorbilder zu sehen und zu sagen: Ja, das will ich auch mal nach Chemnitz fahren und so. Aber das heißt ja noch nicht, ich werde auch Radsportler. Und vor allen Dingen dann in der DDR.
Der Weg zum Radsportler
Ja, das muss man natürlich auch so sehen. Das war damals auch eine unheimlich gehypte Sportart. Also Friedensfahrt war ja das allergrößte, was es gab. Man wusste ja gar nicht, dass es noch andere Radrennen gab, so ungefähr. Und da war eben jedes Jahr im Mai Remmidemmi und Alarm. Und dann galt ja so als Tour de France des Ostens. Ja, genau. Eigentlich wollte ich nur mal ein Rennrad haben. Ich hatte jetzt noch gar nicht so an Sport gedacht. Und ich dachte: Oh, mal so ein Rennrad mit so einem Rennlenker, das ist doch so etwas Fantastisches. Und dann blitzen die Speichen.
Und irgendwann habe ich dann mal so ein Werbeplakat von Aufbauzentrum Leipzig gesehen. Die hatten da so Werbe-Rennfahrer. Werde so ein schönes Plakat gestaltet. Und das war gleich bei mir um die Ecke, den Vereinslokal. Da bin ich da hingegangen und bin dann dort auch mit offenem Arm empfangen worden. Die waren gerade dabei, so eine Jugendgruppe aufzubauen. Ja, und das war auch so toll bei denen. Ich war eigentlich nur drei Jahre bei denen, aber die haben mich so geprägt. Die waren alle so voller Leidenschaft. Und wir haben dann auch so Touren gemacht zur Schneekoppe hin und solche Sachen.
Und da sagte der eine Übungsleiter: Ja, guck mal, so ist das ja auch bei Profis, wenn die berghoch fahren und so. Da flimmerte alles, die Speichen, die blitzen. Und das war einfach irgendwo so ein Traum. Und das sagt: Boah, das möchtest du auch irgendwie haben können oder möchtest du machen. Ja, und so kam das dann so. Und ich bin da so reingewachsen. Ich hätte auch niemals mir geträumt, dass ich mal das erreiche, was ich so erreicht habe. Das ist ja sicher nicht viel. Aber wenn man bedenkt, dass ich mit einer Luftrolle angefangen habe, dann ist das schon ganz gut.
Ja, und unter den Bedingungen man muss ja dazu sagen, der Sport in der DDR war ja auch sehr staatlich organisiert. Ja, das war auch so eine Zweiklassengesellschaft, kann man fast sagen. Es gab die Sportclubs und es gab die Betriebssportgemeinschaften. Und zwar eigentlich in den Augen der Bonzen so eine geduldete Sache, dass die auch Sport getrieben haben, um das mal so ganz hart zu sagen. Und wenn du nicht gut warst oder wenn du Verwandte im Westen hattest, hast du auch keine Chance gehabt, da irgendwie dich da weiterentwickeln zu können.
Also du musstest wirklich ein kleines bisschen rausstechen, dass du zum Club kamst. Und wir hatten aber eigentlich gar nicht das Ziel, dahin zu gehen, weil wir waren BSG-Fahrer und unsere Übungsleiter, das waren diese Betriebssportgemeinschaften. Genau. Und unsere Übungsleiter, die haben auch immer so ein kleines bisschen das gepusht und gesagt: Ja, diese Clubratten, denen werden wir es schon zeigen, so ungefähr. Das waren die staatlich geförderten Spitzenathleten. Genau, das waren die Staatsprofis, wenn man das so sagen will.
Es war ja so, dass kein Amateur in der DDR zur Weltspitze kommen konnte, weil die durften nicht nach dem Westen zum Profis. Es gab die Amateure und es gab die Profis. Und wenn du nicht irgendwie nach dem Westen abgehauen bist, hast du keine Chance zum Profis zu gehen. Und die wurden auch sehr verdammt zu DDR-Zeiten, weil die alle mit Doping rumhantiert haben und so. Da wurde überhaupt nicht reflektiert, dass die auch selber mit Doping irgendwas gemacht haben zu DDR-Zeiten. Man hat das auch andererseits mit bewundert, was da für Leistungen so kamen. Und das war auch eine ganz verrückte Zeit.
Der Einfluss von Wolfgang Lötzsch
Also einerseits hat man es bewundert, die Profis, andererseits hat man gesagt: Ah, nee, das möchtest du eigentlich auch nicht haben, da irgendwie so in so einem Milieu dann landen, dass du da mit Doping da irgendwie zu tun kriegst. Ich muss an der Stelle kurz nachfragen, weil ich kenne so aus Erzählungen, aus Interviews auch zu dem Thema, dass der Begriff Profis an sich eigentlich für die Clubfahrer in der DDR, dass der dafür nicht benutzt wurde oder nicht so oft benutzt werden sollte. Ich kenne so den Begriff Staatsamateure. Habe ich das falsch im Kopf?
Nee, das ist schon so. Und jetzt noch mal zum Verständnis, weil du eben von Profis gesprochen hast. War das dann der Blick zu den Profis im kapitalistischen Ausland? Genau, ja. Also man muss damals auch wirklich genau trennen. Also die Profis im Westen hatten ja auch Verträge, durch die sie Geld verdient haben. In der DDR war es so, dass du oder im Osten, dass du vom Staat gefördert wurdest und kriegst das natürlich, ich sage mal, eine Unterstützung, die war vom Lohn her eigentlich geringer als ein gut verdienender Arbeiter.
Also ich hatte 800 Mark oder so was in besten Zeiten. Bin ja dann auch zum Club gekommen und hatte dann bei der Reichsbahn einen Job gehabt. Welcher Club war das? DFK Leipzig. Das war dann also quasi die oberste DDR-Liga, die aber eben nicht Profi genannt wurde, sondern es waren diese Staatsamateure. Genau. Ist der Begriff richtig? Richtig. War bei mir so, dass ich nach drei Jahren dann so gut war in der Betriebssportgemeinschaft, da war ich dann 17, dass ich dann mit dem ersten Jahr Männer sozusagen zum Club, man sagte damals, delegiert wurde.
Es war auch ein bisschen traurig, dass ich den Schritt da gehen musste, aber wenn du da irgendwie ein bisschen was erreichen wolltest, da blieb dir eigentlich nichts anderes übrig. Und es war auch eine Ehre, da so ausgesucht zu werden. Und ich bin dann recht spät zum Club gekommen. Eigentlich ist der normale Werdegang zu DDR-Zeiten gewesen, dass sie dich dann mit zwölf oder so was schon zum Club geholt haben und dich dann da aufgebaut haben.
Sichtungssystem und persönliche Entwicklung
Es gab ja so ein richtiges Sichtungssystem. Genau, ja. Also Sie in die Schulklassen gekommen sind und gesagt haben: Der kann Radfahrer werden, der kann Hochspringer werden. Aber das ist dir nicht passiert? Nee, ich habe da auch gar keine Lust drauf gehabt irgendwie. Also ich habe auch später erst angefangen. Mit 14 sozusagen bin ich zum Radsport gekommen. Ja, und dann kam ich zum Club und hatte aber nicht die Absicht, mich von meinen BSG-Leuten da irgendwie loszusagen und habe da auch den Kontakt immer aufrechterhalten und muss zu meinem Übel sagen, dass die eigentlich auch ein bisschen verschrien waren als Staatsgegner und so.
Und es wurde mir nahegelegt, doch die Verbindung da abzubrechen. Ich habe das aber nie gemacht. Ich habe auch fleißig Postkarten irgendwo von wo geschrieben. Wenn wir mal dann später auch nach dem Westen kamen, nach Belgien oder irgendwo hin, Österreich, da habe ich denen eine Postkarte geschrieben. Die habe ich dann in meiner Stasi-Akte wiedergefunden später. Das haben die mir auch einmal ein bisschen übel genommen, dass ich mich da nicht so richtig von denen losgesagt habe.
Du hast von, als es um deine Jugend ging, von diesen Bildern im Kopf gesprochen, die man irgendwie hat, von denen man gar nicht so genau weiß, wo die herkommen und denen man aber irgendwie nacheifert. Und jetzt klingt es mir nicht so, wo du darüber sprichst, dass du aus voller Überzeugung Clubfahrer werden wolltest, um Clubfahrer zu sein, sondern ich habe so die Vermutung, das ist mit irgendeinem Bild verbunden, weil es klingt ja auch so durch, dass du die BSG quasi diese zweite Liga nicht so ganz verlassen hast.
Ja, ich bin vom Herzen her eigentlich immer BSG-Fahrer geblieben, muss ich mal sagen, einfach aus dem Grunde, ich habe, wenn es zum Beispiel irgendwie um die Unterstützung in der Fußballmannschaft oder sonst was ging, ich war immer auf der Seite der Verlierer, der Underdogs. Und das hat mir auch immer Spaß gemacht, wenn die dann irgendwie gewonnen haben oder so. Und so ein bisschen war ich auch immer mit dem Herzen auf der Seite von den Leuten, die nicht so die Unterstützung bekommen hatten.
Der Schritt zum Club und die Herausforderungen
Und welches Bild oder wie ist es dann gekommen, dass du trotzdem zum Club dann gegangen bist zur DHFK? Was hat dich da gezogen? War es sowas wie Belgien, Österreich, was du gesagt hast, die Möglichkeit? Ja, da habe ich noch nicht mal so dran gedacht. Eigentlich war es so die Chance, dich weiterzuentwickeln. Und du hast ja dann auch irgendwie die Hoffnung, irgendwie mal vielleicht Friedensfahrt zu fahren oder mal eine WM, also Weltmeisterschaft. Das war eigentlich mein größerer Traum, als Friedensfahrt mal zu fahren.
Ja, und dann hatten wir auch so in unserer Gruppe, zusammen saßen wir irgendwo in der Eisdiele und haben da so unsere Träume uns gegenseitig gesagt. Und da gab es damals irgendwie vier Brüder aus Schweden, die sind vierer Mannschaft gefahren und zum ersten Mal unter zwei Stunden. Und das war auch immer für uns ein Traum: 100 Kilometer unter zwei Stunden, über 50 km/h, irre. Und das war immer so, wenn man das mal erreichen könnte, das wäre schon toll.
Und ich habe dann auch wirklich das Glück gehabt, 1979 mit wirklich drei anderen super guten Leuten, das war damals Drogan, Hartnäck und Petermann, sind wir dann eine Stunde 59 und 30 Sekunden gefahren. Und das war auf einer Strecke mit Kleinflaster und Beton auch mit dabei und eins, zwei, drei scharfe Wänden. Das war schon super. Also da war ich auch total happy, dass wir es geschafft haben. Und das war schon eine coole Geschichte auch.
Du hast es aber auch schon angesprochen. Du hast diesen Kontakt zur BSG nie verloren, also zu deinen alten Freunden, sage ich mal von der Betriebssportgruppe. Und die Stasi war da bei dem Club. Und es gibt auch diese unangepasste Art. Also du hast da auch nicht so ganz reingepasst. Auf keinen Fall, weil ich bin ja nicht auf den Mist gewachsen. Ich kam sozusagen aus einer BSG und bin dort gut geworden. Und als ich schon dann wirklich auch gut war, recht gut, die konnten mich nicht bei sich an die Brust knallen, wie mit anderen, die es so aufgebaut haben.
Da war immer irgendwie der Club oder der Trainer. Die waren da immer noch viel mehr daran interessiert, dass die auch oben ankommen. Bei mir da war das nicht ganz so. Ich war immer so ein bisschen undurchschaubar für die. Trotz dessen, dass du 1980 zum ersten Mal DDR-Meister geworden bist, warst du dann trotzdem quasi jemand, der dort nicht so ganz dazugehört. Ja, das war schon ein bisschen immer. Also ich hatte auch Zeiten, da war das schon nicht mehr ganz so doll zu spüren. Die haben nämlich dann auch Österreich-Rundfahrt und sowas mitfahren lassen. Und ich war dann auch ein paar Jahre mit der Nationalmannschaft.
Aber wenn es eben so um die Nominierung ging zur Friedensfahrt oder so, dann waren die doch immer daran interessiert, Leute zu nehmen, die auch schon irgendwie aus ihrem Kreis da irgendwie kamen. Und ich hatte ein bisschen das Pech, dass ich aus einem Verein kam, die mit dem Herzen Rad gefahren sind, aber nicht ganz so beliebt waren. Wenn man sich mit der DDR-Fahrradgeschichte beschäftigt, dann stößt man auch auf einen Namen, also auf deinen Namen, aber auch auf einen anderen Namen, der auch immer so ein bisschen angeeckt ist: Wolfgang Lötzsch. Den wollte ich auch gerade gucken. Den kennen viele, galt auch so als das Jahrhunderttalent aus der DDR, den auch der Staat und die Stasi und so, man muss es glaube ich so sagen, auch gebrochen haben oder ihm sehr, sehr viele Möglichkeiten genommen haben.
Verbindung zu Wolfgang Lötzsch
Ihr hattet eine Verbindung, ne? Ja, auf alle Fälle. Als er richtig gut war, das war 78, 79, sowas, da ging das so richtig los bei ihm. Die haben ja total gekotzt. Also es war ja so eine Geschichte, dass er ein Bild von einem Profi-Rennfahrer bei sich im Spind hängen hatte, worauf sie ihn dann gefragt haben, was das denn irgendwie bedeuten soll, so ungefähr. Und er sagte, es würde mich schon mal interessieren, wie die so bei den Profis Rad fahren. Und das hat dann schon gereicht, ihn da völlig zu hinterfragen.
Und dann hatten sie seinen Vater, der nicht zur Wahl war, auf dem Kieker gehabt. Und es kamen viele Sachen zusammen. Und er war auch so ein bisschen so ein trotziger Typ und sagte: Dann mach ich das eben anders. Und ja, war so ein bisschen Chemnitzer auch und hatte seinen eigenen Kopf. Und da war er ganz schnell raus aus dem Club. Und dann haben viele noch versucht, ihn da zu retten. Also Werner Marschner war der Trainer, der hat eine persönliche Bürgschaft übernehmen wollen. Aber wenn du zu DDR-Zeiten einmal auf dem Kieker warst, da warst du eigentlich verloren.
Also so ging ihm das auch. Und die haben dort nur gewartet, bis er irgendwann mal einen Anlass geboten hat. Und der bot sich dann irgendwann mal nach einer Polterabend-Tour. Die sind leicht angedüdelt nach Hause gefahren, kam eine Polizei, hielt die an und es gab eine kleine Diskussion. Und er sagte dann: Ja, in der DDR ist doch sowieso alles scheiße. Und da haben sie das gehabt, was sie wollten. Und da hatten sie ihn erst mal für anderthalb Jahre oder so in den Knast gesteckt.
Wenn es ein anderer gewesen wäre, hätten sie ihn wahrscheinlich wieder laufen lassen. Aber so haben sie gesagt: So, mein Freund, das reicht jetzt. Eine Zeit lang war er in demselben Verein wie ich, bei Aufbauzentrum Leipzig, weil ich ihn keiner mehr haben wollte so richtig. Ich bin fünf Jahre jünger ungefähr. Da war ich 14, 15 und er war im besten Alter. Also es war auch, wenn man den gesehen hat, ein super Athlet, also lang und schlank. Und den haben wir auch vergöttert. Ja, das war für uns ein Fausto Coppi oder so. Also das war wirklich einer, zu dem wir aufgesehen haben.
Und dem haben wir alles nachgesehen, was der gemacht hat. Der hat sich von seiner Frau da verwöhnen lassen mit Brötchen schmieren zum Frühstück. Und also Sachen, wo du heute sagst: Ey, Langer, komm jetzt, mach mal dein Brötchen selber. War damals einfach, hat man das übersehen. Langer war sein Spitzname. Ja, ja. Oder Wolli, hat seine Frau immer gesagt: Wolli, was ist denn? Und zwar beim Radrennen irgendwie bei ihm nicht ganz so ging. Und sie war auch immer mit dabei und die gehörte da auch mit zur Szene. Und das war schon auch eine tolle Gemeinschaft, die ganzen BSG-Fahrer in der DDR. Also die hielten da auch ziemlich zusammen. Und je stärker die auch wurden, umso schöner waren dann auch die Rennen.
Chronologische Erzählung und Herausforderungen
Also er sich dann, aber das ist dann schon wieder später aus dem Club raus war. Oder ich mache, wir machen es lieber anders. Machen wir es chronologisch. Ich wollte dich gerade danach fragen, weil du hast diesen Status als Clubfahrer, also in der ersten Liga, sage ich mal, zu fahren, den hast du ja auch wieder verloren. Und es scheint so, dass es auch zum Beispiel was mit deiner Verbindung zu Wolfgang Lötzsch zu tun hatte, dass auch das, was Christian schon meinte, diese unangepasste Art, auf die man manchmal trifft.
Also was hat da zusammengespielt? Wie ist es am Ende zu dieser Entscheidung gekommen? Wer hat da gesagt: Der Götze, den schickt man jetzt mal eine Liga weiter runter? Eine Geschichte fällt mir noch ein. Als ich zum Club kam, hat mein Trainer vom Club mich ins Auto mitgenommen und hat gesagt: Guck dir das erste Rennen hier in Wolfen erst mal aus dem Auto raus an. Und da saß ich mit dem Auto und Lange Lötzsch, das war Windkante, fuhr das Rennen von vorne. Und am Ende war nur Thilo Fuhmern noch bei ihm am Hinterrad. Und der Lange hat die alle auseinandergenommen.
Und das war für mich auch so beeindruckend, das mal so ganz nah zu sehen, was der für eine tolle Form hatte. Also war wie Eddy Merckx. Der konnte wirklich die Rennen von vorne fahren, der brauchte keine Taktik. Der war so stark. Ja, ich habe das auch total bewundert, obwohl er eigentlich keine Chance hatte, mal irgendwie eine WM oder was zu fahren als BSG-Fahrer da trotzdem noch weitergefahren ist. Da habe ich auch schon so den Hut gezogen. Mich hat das auch so angekotzt, was die so mit ihm gemacht haben.
Und es war ja auch so diese Arroganz dieser DDR-Sportbonzen. Das war schon einem auch ein, ich sag es ganz einfach, widerliches Pack. Die haben da versucht, sich am Sport irgendwie zu bereichern. Als Sportler warst du eigentlich für die nur ein Werkzeug für ihre eigene Karriere. Die hatten keinen Sportgeist.
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Und was hat sich ganz konkret für dich in deinem Sportleralltag geändert, als du dann wieder zur BSG geschickt wurdest oder beim Club rausgeschmissen wurdest? Ich bin 1979 80, 81, 82, 83 noch im Club gewesen. Bin da zweimal auch DDR-Meister gewesen. Auf der Straße hatte ich eigentlich eine gute Zeit. Bin auch mit einem Vierer da unter zwei Stunden gefahren. Also ich war schon eigentlich ein guter Renner.
Also ich bin auch immer gerne offensiv gefahren. Das war schon auch eine tolle Zeit. Und warum ich dann aus dem Club rausgeflogen bin, das hängt ein bisschen damit zusammen, weil die Kinder oder die Jungs vom Cheftrainer Luchs und vom Ampler die kamen zu Männern hoch. Und es musste ein bisschen Platz gemacht werden. Also die konnten da nicht so viele gute Renner gebrauchen.
Die wollten eigentlich, dass für die beiden dann irgendwie gefahren wird. Und da mussten wir irgendwie die so einigermaßen… Wir waren noch besser damals als die, aber wir waren denen im Weg, sozusagen. Und die hatten auch beschränkte Kaderplätze, eigentlich nur in so einem Club. Und wir waren eine recht große Gruppe. Und dann haben die so die Leute rausgehauen.
Also ich war für Ampler, der dann mein Trainer war, der Klaus Ampler, doch so ein bisschen ein Dorn im Auge, weil ich auch immer mal ein bisschen nach seiner Ansicht, nach seiner Autorität untergraben habe, indem ich irgendwelche blöden Fragen gestellt habe, die ich mir hätte verkneifen können oder so vielleicht. Man hat das schon unterschwellig mir vermutlich auch angemerkt, dass ich meinen eigenen Kopf auch hatte und dass mich da viele Sachen genervt haben.
Wenn die dann uns Montag zusammengeholt haben nach dem Rennen und gefragt haben: „Ja, wann war denn der Wolfgang Lötzsch vorne? Und wie kann denn das sein?“ Und ja, das hat man dann schon auch irgendwie mir schon angemerkt. Also solche Fragen wurden auch gestellt, wann hat der Lötzsch gewonnen? Na klar, also das gab da in jedem Club Zusammentreffen nach dem Radrennen.
Und da wurde das immer schön ausgewertet am Montag. Und wenn der lange Lötzsch vorne war, dann konnten sich alle ein bisschen anschnallen. Es gab dann auch wirklich überclubmäßige Absprachen zwischen den Trainern, dass die gesagt haben, die sollen ja so fahren, dass keiner von den BSG-Fahrern mit vorne ist. Das ist ja spannend, weil genau Lötzsch war, ich sage mal, den DDR-Sportfunktionären ein Dorn im Auge.
Sie wollten nicht, dass der gewinnt. Der hat trotzdem immer gewonnen oder sehr, sehr oft hat er gewonnen. Und so eine ähnliche Geschichte hast du aber auch gemacht. Du bist 1985 als BSG-Fahrer auch DDR-Meister geworden. Ja, ich bin dann dort gelandet, wo ich eigentlich hingehört habe.
Als ich dann aus dem Club raus war, bin ich zur Armee gekommen. Da fing eigentlich die richtige lustige Geschichte an. Ich war wirklich völlig am Boden. Ich dachte, oh scheiße, es war so, dass ich nochmal einen privaten Antrag auf Wehrzeitverlegung gestellt habe. Also so, wenn die dich loswerden wollten im Club, dann haben die gesagt, der Junge kann zur Armee gehen.
Und dann kriegte ich eine Einberufung, musste da hin zu der Einberufungskommission. Und dann sagte der zu mir: „Ja, du bist ehemaliger Leistungssportler und wir können dich jetzt hier ziehen.“ Ich sage: „Nee, wieso? Ich bin doch noch im Sportclub.“ Und da zeigte er mir seine Akte von mir und da stand so mit Bleistift oben in der Ecke: ehemaliger Leistungssportler.
Ich sage: „Nee, das stimmt doch gar nicht. Ich bin doch noch im Club.“ „Ja, dann musst du mal zu deinem Verantwortlichen da im Club gehen und mal mit dem da sprechen.“ Dann war das wahrscheinlich so, dass die gesagt haben: „Hier, Götze, könnt ihr ziehen. Dann brauchen wir den nicht raushauen und dann ist er weg.“ So ungefähr.
Dann kriegte ich den Tipp, nochmal so einen privaten Antrag auf Wehrzeitverlegung zu stellen und dem wurde auch stattgegeben. Da bin ich 83 noch ein Jahr gegen den Willen meines Clubs weitergefahren und hatte auch ein super Jahr. Ich war im Zeitfahren, war ich, glaube ich, zweiter oder dritter bei der Meisterschaft.
Dann hatte ich bei der Meisterschaft 83 war ich auch dritter, glaube ich, in Schleiz war das. Also ich hatte zwölf Rennen gewonnen in dem Jahr. Das ist ja bei relativ wenigen Rennen recht viel und hatte eigentlich ein sehr gutes Jahr 83 gehabt. Aber dennoch musste ich dann im Herbst antanzen bei der Armee und dann war das sozusagen gegessen.
Ich war dann auch noch mal beim DTSB hatte da noch mal eine Eingabe geschrieben. Da war ich bei Ewald noch mal. Das war ja der Sportminister damals. Ja, da haben sie mir gesagt: „Ach ja, jetzt macht doch hier nicht so ein Erfriss und andere müssen dann auch mal irgendwie aufhören. Und mit 27 oder 26 war ich da. Da bist du doch jetzt auch schon zu alt dazu und solche Sprüche.“
Ja, ich dachte: „Oh, ihr blöden Dreckssäcke.“ Der DTSB, Deutscher Turn- und Sportbund, ja, das war sozusagen das Sportministerium, wenn du so willst. Ja, und da hatte ich wirklich, ich hatte richtig Wut und das Ding war für mich eigentlich gegessen, aber es nützte nichts.
Ich kam zur Armee, war dann in Halle, kriegte dann plötzlich vom Bataillonskommandeur eine Einladung, ich soll mal bei ihm antanzen. Und dann brachte mich der Unteroffizier, der uns da so die ersten Tage oder Wochen da gestriezt hatte, der brachte mich da quer über einen Appellplatz rüber zum Bataillonskommandeur.
Und wie wir da so zum ersten Mal alleine waren, da habe ich ihn gefragt: „Du kommst wohl aus Berlin?“ Da sagt er zu mir: „Für Sie bin ich immer noch Genosse Unteroffizier, wa?“ Und dann sind wir da beim Bataillonskommandeur rein und der stand auf, drückte mir die Hand sagte: „Setz dich her, Martin.“ Und zu ihm sagte: „Stehen Sie locker.“
Und dann sagt er: „Martin, es tut mir leid, dass du hier bist. Ich freue mich aber auch, wir werden dir Trainingsmöglichkeiten einräumen. Dem Ampler müssen wir es nochmal zeigen.“ Ich dachte: „Wo bin ich denn hier hingewandt?“ Das heißt, der war ein Fan.
Ja, ich dachte: „Das gibt es gar nicht. Ich hätte nie vermutet, dass es so einen Start im Start da gibt.“ Ja, „Wir werden dir hier in der Sporthalle einen Job geben, da kannst du schön trainieren und nächste Woche holst du dein Fahrrad von zu Hause und dann kriegst du auch Trainingszeiten und dann geht das schon.“
Ich dachte: „Oh boah, muss ich erstmal damit klarkommen.“ Ich hatte ja eigentlich mehr oder weniger damit abgeschlossen. Und dann haben die mich, damit ich ein bisschen unterging, weil ich war in der Halle Panzerjäger und da haben sie mich dann nicht so entbehren können.
Und dann haben sie mich nach Weißenfels versetzt. Die hatten ein bisschen mehr mit Sport zu tun, die hatten dort ein paar Ringer und die hatten auch Leichtathleten dort. Und da haben sie mich nach Weißenfels versetzt und von da an war wirklich das für mich perfekt.
Also ich hatte dort einen Sportoffizier, der kam zu mir ins Zimmer, das war so ein Typ wie Udo Bayer, ganz klasse Kerl, und sagte: „Martin, heute Nachmittag fährst du Rad. Hier hast du einen Dienstauftrag und bis 24 Uhr kannst du Rad fahren.“ Und dann war das wirklich so, dass ich fast jeden Tag rauskam nachmittags um drei, um vier.
Ich musste zwar jeden Tag auf diesen Dienstauftrag warten, dass der abgestempelt wurde vom Kompaniechef, das war immer ein Gemäher. Und wenn du dann aber raus warst, dann konntest du wirklich bis 24 Uhr draußen dich vergnügen. Ich bin dann sehr viel nachts gefahren, damit ich auch auf meine Kilometer kam.
Ja, und da habe ich so meinen Plan gemacht. Ich dachte: „Ja, okay, jetzt ist es im April, hatten die mich eingezogen um vier, acht, also Quatsch, im Herbst hatten die mich eingezogen, so war es. Und im Winter über richtig trainiert. Und dann dachte ich, die Meisterschaft ist im Juni, da fährst du die Meisterschaft noch mal bloß, um noch mal zu gewinnen.
So eine Trainingsmöglichkeit, die kriegst du nicht noch mal. Dass wenn ich danach, nach der Armeezeit, musste dann noch mal arbeiten, ja, da wäre nicht das möglich gewesen. Und dann habe ich da trainiert wie ein Weltmeister und bin auch wirklich nachts gefahren und bei jedem Scheiß Wetter.
Und es war auch im Winter viel Schnee gewesen. Und wir haben dann mit zwei anderen Sportlern, die auch bei der Armee waren, eine Vierer-Mannschaft gebildet und sind in Forst mitgefahren, Vierer-Mannschaftsrennen. Das war Olympiapreis zur Vorbereitung für diese Meisterschaft, die dann 1984 in Schleiz gewesen wäre oder war.
Ich hatte eigentlich nur das eine Rennen da noch so richtig im Hinterkopf gehabt. Ich dachte: „Wenn du das gewinnst, kannst du aufhören mit gutem Gewissen, dann hast du es dir noch mal gezeigt.“ Und ja, wäre ein schöner Abschluss gewesen. Und dann sind wir bei dem Vierer-Mannschaftsrennen Zweiter geworden und der ASK, Armeesportklub, wurde Dritter.
Cottbus hatte gewonnen und wir als Mottschützen wurden da Zweiter. Und die ganzen Clubs waren alle hinter uns. Und dann sind wir reingekommen und da haben die sich so gefreut, der Sportoffizier und waren noch ein Zivilangestellter, die da das geleitet hatten, dass die uns eine Woche Sonderurlaub verpasst haben.
Und nach der Woche Sonderurlaub, weiß ich noch, sind wir Weißenfels den Berg hochgefahren zur Kaserne hin. Da lief auf der rechten Seite einer, ein Offizier im langen Mantel und sagte: „Hey, hey, wartet mal, wartet mal, ihr müsst sofort zum Sportoffizier, es gibt Ärger.“ Ich dachte: „Scheiße, was haben wir denn jetzt gemacht?“
Und dann sind wir da rein und da saßen die beiden in ihrem Büro, hatten die Stirne so 20 Zentimeter über der Tischplatte oder 10 Zentimeter und sagten: „Ja, na ja, Herkner hat angerufen.“ Das war so ein Sportoffizier von der Armee, vom ASK. Und die Frage kam: „Wieso denn eine ASG, Armeesportgemeinschaft, also ganz normale Soldaten, vor den Sportlern des ASK sein können? Wir sollen mal eure Trainingszeiten überprüfen und solche Sprüche.“
Und ja, „Es tut uns auch leid, aber wenn ihr jetzt nochmal irgendwo beim Radrennen auftaucht, da können wir gleich unsere Schulterstücken abgeben und wir haben auch Familie, das müsst ihr verstehen. Ihr müsst jetzt irgendwie euch da zurückhalten, ihr könnt keine Rennen mehr fahren.“ Und dann hatten die Angst wirklich vor mir.
Da haben die an dem Tag, als die Meisterschaft in Schleiz war, musste ich tatsächlich einen Dienst stehen, den ich sonst nie stehen musste. Das war GOVD, Gehilfe vom Offizier vom Dienst. Und wenn du diesen Dienst hast, bist du wie vergattert. Und wenn du da abhauen würdest, das wird wie Fahnenflucht geahndet.
Also da wäre ich dann auch in den Knast gegangen für eine Zeit. Ja, und da überlegst du dann, ob du den Ärger haben willst. Und irgendwie hätte ich es… Im Nachhinein tut es mir auch leid, dass ich das nicht versucht habe, da irgendwie abhauen zu können und mit irgendeinem Dienstauftrag vielleicht noch.
Aber es war nicht… Ich dachte: „Ach scheiße, das heißt, die Meisterschaft hast du verpasst.“ Ja, ich habe dann Fernsehen abends gesehen, wie Ampler gewann. Das war in Schleiz. Und dann dachte ich: „Ach scheiße.“ Und das hat mich wirklich richtig, richtig runtergezogen.
Ja, du darfst nicht mal versuchen. Du weißt, du bist schon gut drauf, aber du darfst nicht. Du darfst nur zugucken. So eine Parallele auch zu Lütsch. Du bist so gut, deswegen haben die Angst vor deinen Fähigkeiten. Ja, bei ihm hatten sie sogar die Regeln so geändert, dass die BSG-Fahrer nicht die Clubrennen mitfahren durften, nur ausgewählte Clubrennen.
Also der durfte dann seine BSG-Rennen fahren. Und das hat aber keinen so richtig dann interessiert, ob der da in Serie gewonnen hat. Ja, da hatte ich natürlich richtig Wut. Und dann kam noch folgende Geschichte dazu. Das war auch ganz lustig.
Meine damalige Frau, die war Fechterin beim SCL, Sportclub Leipzig. Und die waren auch recht gut. Und dann kam dieser Olympiapokal Los Angeles. Und dann hatten die ihre Gegenspiele gemacht. Die Fechter hatten Wettkämpfe der Freundschaft in Budapest. Das zählte sozusagen wie Olympiade.
Und alle Medaillengewinner der Olympiade hatten immer die große Freude, irgendwie eine schöne Reise danach zu machen. Und in dem Fall war es mit der Völkerfreundschaft nach Kuba und mit dem Flugzeug zurück oder umgekehrt. Also das Gruppe wurde geteilt. Eine flog hin und eine fuhr mit dem Schiff hin und dann wechselte das dort.
Und ich hatte das Glück oder das Pech, dass mir die ganzen Bonzen mit drin waren, von Ewald über Hülsberg, die vom Radsportverband waren, die Chefs. Und dann saß ich da manchmal dort mit am Frühstückstisch mit Ewald. Und die fragt mich dann: „So, na Martin, was machst du denn jetzt so? Und wie geht’s denn so?“
Ich sage: „Naja, was soll ich machen? Bin jetzt bei der Armee und danach gehe ich arbeiten. Muss ich mich dann um meine Familie kümmern.“ „Das machst du richtig, das machst du richtig.“ Und da dachte ich so: „Oh, ihr Säcke, nee, so schnell nicht.“ Und habe dann nur richtig noch mal so eine Wut gekriegt.
Und dann hatte ich auch mit den Chefs vom ASK gequatscht und die hatten das natürlich auch alles so verfolgt und waren eigentlich auch interessiert, mich da irgendwie hochzuziehen. Und dann: „Martin, da kommst du zu uns und da verlängerst du deinen Armeedienst und dann kommst du nach Frankfurt und dann kriegst du da… Kommst mal hin und dann quatsch mal.“
Und da bin ich mit dem Rad hingefahren nach Frankfurt. Und damals war dort der Trainer Thomas Schädewie, der sich da so für mich eingesetzt hatte. Der zeigte mir da schon das Zimmer, wo ich wohnen könnte und hatte mir die ganzen Sachen dort gezeigt in ihrer Anlage.
Und es wären gute Bedingungen gewesen und ich hätte das auch wahrscheinlich gemacht, wenn damals nicht gerade so ein dummes Ding passiert wäre, dass Falkboden mit der Frau vom Thomas Schädewie so ein bisschen eine engere Beziehung hatte. Und Schädewie, der wollte seinen Sportler da nicht so in die Pfanne hauen und hatte das versucht, noch zu decken irgendwie.
Und daraufhin haben sie den Trainer ausgehauen und damit waren die natürlich auch völlig kopflos. Und ich war dann hinten runtergefallen. Also war keiner mehr da, der sich da für mich noch groß hätte einsetzen können. Die Opfer dieser kleinen… Ja, ja, sonst wäre ich wahrscheinlich beim ASK gelandet, wenn Falkboden mir da nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.
Aber am Ende hat sich das alles so gut ergeben. Ich hatte dann kurz vor dem Ende meiner Armeezeit einen Kontakt zu einer BSG in Grödez. Das war ein Stahl- und Walzwerk bei Riesa. Und die hatten einen Betriebsdirektor, der war mal früher Radsportler gewesen.
Und der ganze Verein war auch so sehr, sehr mit dem Betrieb verflochten, dass die bei einer Geburtstagsfeier, da war auch der Betriebsdirektor dabei, hatten die den Plan gefasst: „Lasst uns doch nochmal unsere BSG ein bisschen aufmotzen und ein paar gute Renner herholen. Und dann können wir da vielleicht noch mal ein bisschen Wörtchen im DDR-Radsport mitreden.“
Und der Betriebsdirektor sagte: „Ja, gehe ich voll mit. Und wir haben unsere Fußballmannschaft hier und da können wir auch die 5, 6 Radfahrer noch mit unterstützen.“ Und da sprachen die uns an und wir sind dann dahin gefahren und hatten dann Gespräch mit dem Betriebsgewerkschaftsleiter und noch ein paar Leuten.
Und dann kam die Frage: „Ja, was stellt ihr euch so vor an Trainingszeit?“ Ich sage: „Na ja, ich dachte, was sagst du jetzt am besten? Zu viel, zu wenig? Ich sage, es wäre schon gut, wenn wir so zwei Tage ab Mittag wegkommen könnten von Arbeit.“ War ein bisschen tief gestapelt, weiß ich auch, aber eigentlich war es völlig ungewöhnlich, dass sowas überhaupt gemacht wird.
Ja, also das hätte uns schon gereicht. Und da sagte der: „Ja, aber wir reden doch hier von Trainingszeiten.“ Und damit war klar, im schlimmsten Fall sind wir Montagfrüh mit dem Rad hingefahren, haben dann Mittag dort angefangen, ein bisschen was zu arbeiten, bis Feierabend, bis um vier.
Am Dienstag haben wir dann normal mitgemacht, bis nachmittags um vier. Hatten dann dort Krafttrainingsgerät und so. Also das war dann kein verlorener Tag unbedingt. Und Mittwoch durfte man dann Mittag schon wieder abhauen und wieder nach Hause fahren.
Es waren 100 Kilometer und wurden dann natürlich immer mehr. Aber das war der schlimmste Fall. Ansonsten sind wir bei den Tschechen und bei den Polen dort Radrennen gefahren. Die hatten da Partnerschaftsbeziehungen dorthin und es war wirklich der Chauffeur vom Betriebsdirektor, mit dem Auto vom Betriebsdirektor, fuhr uns dann dort durch die Gegend.
Und zu dem Rennen, ja, zum Rennen. Also das war irre. Die standen dazu voll dahinter. Und ich sage: „Ja, ich komme im April von der Armee und ich habe hier noch Plan B mit der Meisterschaft, die sie mir voriges Jahr versaut haben. Und ich würde eigentlich gerne die Meisterschaft 85 fahren und gewinnen. Und ich würde erst nach der Meisterschaft bei euch anfangen wollen. Das ist dann Anfang Juni.“
„Nee, du fängst an, wenn du von der Armee kommst und wir stellen dich gleich ein. Und dann kriegst du frei bis zur Meisterschaft.“ Ich: „Oh boah, cool.“ Und da hast du natürlich auch von der Seite her noch mal so eine Verpflichtung und denkst: „Ja, das musst du unbedingt irgendwie hinkriegen, das Ding.“
Und ich bin vorher noch richtig schön lange Kanten gefahren, 300 Kilometer da bis Lieberitz. Ich habe dort Bekannte gehabt und wieder zurück und habe mich vorher auch bei den Rennen in der DDR nicht groß gezeigt. Also ich wusste, die musste irgendwie kalt erwischen und die dürfen nicht wissen, wie gut es ihr geht.
Und ja, ich hatte eben auch den ganzen Winter über dann, nachdem die mich da so abserviert hatten 84, dass ich da nicht fahren durfte. Ich hatte dann wirklich eine richtige Wut im Bauch. Ich dachte eigentlich so, dass eine Rennung noch mal fahren, am besten die Säge dabei haben und nach dem Zielstrich dann das Rad zersägen und sagen oder vor dem Zielstrich demonstrativ stehen bleiben und schlafen.
Solche Gedanken hatte man dann auch. Wenn jemand das Buch von Ellen Silito kennt, „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“, das musst du mal lesen. Das war auch so ein Ding, was mich so damit motiviert hat, so etwas zu machen. Es geht in dem Buch darum, dass ein schwer erziehbares Kind irgendwie in so einem Erziehungsheim landet und dann von den Oberen dort als Langstreckenläufer benutzt wird, um da den Ruhm der Erziehungsanstalt da hochzubringen.
Ja, und so ein bisschen hatte ich das, solche Sachen auch im Hinterkopf. Das sind auch so, wo wir vorhin waren mit der Motivation. Und dann bist du 85 Meister geworden. Es hat geklappt. Der Plan ist aufgegangen. Ja, das war einfach.
Ja, ich wusste, wenn ich nicht Schaden habe, bin ich unter den ersten Zehn. Also das Gewinnen, das war für mich völlig klar, irgendwie und gar kein Zweifel. Wenn du so ein altes Kinderbuch von dir findest und so die erste Seite umschlägst, du weißt schon, was auf der nächsten kommt. Und dann geht das ganze Buch so durch und du kennst das schon.
Du weißt, was passieren wird. Und so war dieses Rennen dann auch. Ich hatte das vorher alles so im Kopf durchgespielt, dass mir da eigentlich gar nichts irgendwie fremd war, was dann passierte. Also ich wusste genau, wenn jetzt das passiert, dann wird das kommen. So war dieses ganze Rennen.
Ich war von vornherein immer in Kontakt mit der Spitze. Ich habe da niemals irgendwie was angrennen lassen. Und ich habe mich aber immer bedeckt gehalten. Also ich bin in der Spitzengruppe mitgelandet. Ich hatte mir so überlegt, die ersten Runden mich da immer ein bisschen am Berg zurück.
Das war Sachsenring, dann sehr schwere Runde mit einem schönen Berg drinnen. Und das war scheiß Wetter gewesen. Es hat früh gepisst und ich hatte mich eigentlich auf so einen heißen Tag irgendwie eingestellt vom Kopf her. Und dann habe ich mir erst mal Klamotten angezogen, die ich dann unterwegs weggeschmissen habe nach und nach.
Die ersten Runden einfach so zum Einrollen genommen und nach neun Runden dann kriegte ich mit, nachdem wir über den Berg vorüber fuhren, dass vorne sich eine kleine Gruppe rausgequetscht hatte. Und da waren so 15, 20 Mann weg. Und da bin ich als letzter noch vom Feld dahin gesprungen.
Da hätten die eigentlich schon mal stolz werden müssen, dass ich das noch zugekriegt habe, das Loch. Die hinten haben das ja mitgekriegt, die vorne, die haben das nicht so geschnallt. Und dann bin ich in der Gruppe bloß mitgefahren, habe da jetzt mir kein Bein ausgerissen.
Und es waren noch ein paar gute Bergfahrer mit dabei und so ungefähr acht Runden vor Schluss. Die ganzen guten Fahrer wie Ludwig, Ampler und Konsorten, Raab, der war ja Weltmeister und so, die waren alle im Feld, waren drei Minuten zurück. Und ich hatte eigentlich überhaupt keine Angst, dass die da irgendwie noch mal rankommen könnten.
Und wenn dann dachte ich, das Loch müssen erst mal wieder zufahren. Und dann sind sie auch breit. Und die Zuschauer sagten dann irgendwann: „Ja, jetzt geht’s hinten los, die kommen jetzt, die kommen jetzt.“ Ich dachte: „Lass es doch erst mal machen und dann werden wir ja sehen.“
Und so neun Runden vor Schluss hat es sich dann plötzlich gezeigt, dass die anderen, also sind die Bergfahrer mal ein bisschen zügiger den Berg hochgefahren und dann platzten die alle so nach und nach durch. Und dann waren wir plötzlich nur noch fünf Mann.
Und dann dachte ich: „Na scheiße, jetzt musst du ein bisschen mehr mitfahren.“ Und dann sind wir da relativ gleichmäßig auch weitergefahren. Und Lindner, der kriegt dann so ein bisschen Schiss. Das war der Verbandstrainer und holte dann so einen nach dem anderen ans Auto und gab denen zu verstehen, dass sie sich irgendwas einfallen lassen müssen, um dich abzuhängen.
Ja, ja. Und da war Heppner noch mit vorne, der war ein guter Bergfahrer. Und Lutz Lötzsch, ein Chemnitzer, auch ein guter Bergfahrer. Ich wusste, die könnten dich unter Umständen an dem Bad Berg da auch noch abhängen, wenn es wirklich ernsthaft probiert wird.
Also ich war gut drauf, aber so eine Restsorge hatte ich da doch ein bisschen. Und dann dachte ich: „Na, was werden die machen? Die sind ja auch faul. Die werden nicht drei Runden vor Schluss attackieren, frühestens zwei Runden vor Schluss.“ Da dachte ich fahre ich drei Runden vor Schluss den Berg mal so hoch, dass es wehtut und lass mir aber nichts anmerken.
Und da bin ich den locker hochgefahren. Es tat schon richtig weh. Also ich habe schon schwarz gesehen. Und siehst du dann so die Sterne von der Seite. Siehst du nur noch so ein Stückchen Straße, so ungefähr. Und dann war es schon. Und tust aber so, als ob das dich nichts angeht.
Dann waren die gelähmt, wie haben da irgendwie gar nicht mehr so richtig gezuckt. Und dann hat Lindner da im Auto rumgetobt und hat die da angeschissen. Und dann haben die da in der letzten Runde dann erst noch mal versucht, so einzeln wegzufahren. Ich bin dann aber auch gleich mitgefahren und habe die da wirklich gut in Schach halten können.
Dann wurde auch noch versucht, mir so vor das Rad zu fahren und mich einzubauen, dass dann selbst der Schiedsrichter näher kam und ein bisschen mit dem Finger drohte. Der haben sie das auch gar nicht im Fernsehen gezeigt, diese entscheidende Phase. Da wären wahrscheinlich auch ein paar Leute böse geworden.
Ja, und dann kam es tatsächlich so, dass ich dann in der letzten Abfahrt zum Ziel hin dachte: „Ist das schön, jetzt bist du genau da, wo du hinwolltest. Jetzt brauchst du eigentlich nur noch zu vollstrecken.“ Und es geht dann in so eine Senke rein, kurzer steiler Stich und dann auf die Zielgerade.
Und ich hatte dann kurz vor der Senke ein bisschen geguckt. Der Jäger von Berlin war auch ein ganz guter Sprinter. Der ließ auch so ein bisschen Loch. Und dann dachte ich: „Bevor der mich überrascht, dann musst du vor ihm antreten.“ Und dann, wenn du diesen letzten Hucken so richtig ein kleines bisschen mit Schwung reinsprintest und eigentlich…
So tust, als ob oben auf dem Hügel das Ziel ist, hast du gewonnen. Und dann musst du nur noch um die Ecke rum und dann nochmal so 200 Meter bis zum Strich fahren. Ich hatte dort 20 Meter Vorsprung oder so, als ich da oben um die Ecke bin. Und das war so schön!
Dann die Leute, die sind ja völlig ausgeflippt. Das war ja auch so, dass die sich alle so gefreut haben. Es war in der Chemnitzer Ecke, eben am Sachsenring. Der Underdog! Ja, also da war die ganze Vorgeschichte mit Wolfgang Lötsch. Und die haben sich so gefreut, dass mal ein BSG-Fahrer die Meisterschaft gewinnt.
Wie groß war der Skandal? Also, was hat es für eine Wirkung gehabt? Naja, das war wirklich schlimm.
Also, ein Freund von mir, der schickte mir einen Brief.
Das war auch immer von den Leuten, die mich immer so schön motiviert haben. Es war ein Lackierer aus Waren, Rudi Dümpe. Der schickte mir einen Brief zur Verwunderung der Staatssicherheit. Beflagte Rudi D. In den Morgenstunden des so und so vielten Bad und WC mit der DDR-Flagge.
Was war geschehen? BSG-Fahrer tüppiert die Weltelite. So einen schönen Brief hatte der mir dann danach geschrieben. Und ja, das war auch wirklich, die haben gekotzt.
Also die Club-Trainer haben mir hintenrum gratuliert, weil sie sich auch irgendwie gefreut haben. Aber die Mechaniker von den Clubs, das war für die auch eine Genugtuung. Also mit dem Herzen waren die auch schon alle mit bei mir, durften es aber nicht so zeigen.
Ja, das war schon toll. Also die Leute haben das auch schön genossen, die Siegerehrung. Und jetzt hast du vorhin ja schon mal davon gesprochen, dass du deutlich davor, Jahre davor, schon mal gedacht hast, okay, du könntest eigentlich aufhören.
Und du hast auch vorhin von diesem Bild gesprochen, deinen Rahmen zuzusehen. Und es ging aber trotzdem nochmal. Ja klar, wenn du dann das Meistertrikot hast und die damit ärgern kannst, ist natürlich auch schön.
Du hast dann die… Das war nicht dein letztes Meistertrikot. Du hast ja, du hast dann die Nummer eins. Und dann ärgert die natürlich jedes Mal, wenn sie dich sehen.
Und dann hatte ich auch das Vergnügen, dass mir dann die Clubfahrer gesagt haben: „Martin, wegen dir hatten sie heute früh nochmal eine Zusammenkunft.“ Ich sage: „Was haben sie denn gesagt?“
Ja, du weißt schon, Lötsch und du, ihr dürft nicht mit vorne sein. Ich sage: „Ja, okay, danke, dass ich es weiß.“ Ja, das ärgert einen natürlich auch so ein bisschen, weil sie einen dann auch so ernst genommen haben.
Ja, und dann war es auch tatsächlich so, dass… Also Lindner, der hatte sich da mal so über mich geärgert. Das war auch so mein spezieller Freund, dann der Verbandstrainer, Nationaltrainer.
Da war das Rennen Berlin-Leipzig und die Trainer hatten vorher die Anweisung durchgegeben an ihre Sportler, dass die Renner nicht irgendwie vom Rad pinkeln sollen. Das würde doch nicht so ein gutes Bild abgeben. Ach, keine Ahnung, sollen es irgendwie jedenfalls nicht irgendwo in Ortschaften oder sonst wie.
Das kam aber bei den BSG-Sportlern natürlich nicht an. Wir fahren nach Treuenbritzen rein und ich musste mal pinkeln gehen, habe mich ein bisschen zurückfallen lassen und habe da vom Rad gepinkelt.
Und da kommt Lindner mit seinem Auto neben mich und sagt: „Er hatte doch Bescheid gesagt, dass ihr das nicht machen sollt.“ Ich sage: „Ja, war völlig verdattert, wusste gar nicht.“
Er dachte wahrscheinlich, ich will ihn provozieren oder sowas. Und verpasste mir tatsächlich mit dem Auto eine Welle, dass ich auf die Fresse flog.
Und da bin ich danach hin zu ihm und sage: „Herr Lindner, das, was vorhin war, muss doch nicht sein. Ich sage, ich habe Familie und ich will auch gesund hier aus dem Sport rauskommen. Und meine Hose ist kaputt gegangen. Wenn ich nächste Woche nicht eine neue kriege, dann erfahren das alle, was heute passiert ist.“
Da habe ich nächste Woche eine neue Hose von ihm bekommen und er hat sich auch so ein bisschen entschuldigt dann. Aber er war eben auch so ein bisschen impulsiv dann manchmal.
Ja, das war so ein bisschen. Und 1988 bist du nochmal Meister geworden. Ja, da haben alle gesagt: „85, du, das war so toll, aber das passiert nicht nochmal. Die lassen dich nie wieder vorne mit ankommen.“
Und 88 war ja auch Olympia in Seoul. Ich sage mal offiziell, wärst du eigentlich ja wahrscheinlich der erste Mann gewesen oder oder wie war das?
Ja, das war natürlich für mich auch eigentlich klar, dass die Meisterschaften danach immer anders laufen würden, dass die immer ein paar Leute bei mir im Hinterrad ansetzen werden. Und das war dann auch so.
Also ich war dann auch nicht so viel besser, dass ich die hätte abhängen können. Und dann hat mir Thomas Barth auch 86 und 87 die Meisterschaften wirklich sich dabei selber aufgeopfert, dass ich nicht gewinne.
Wo ich dann auch dachte: „Eigentlich bist du mit den Quit, was soll der Scheiß?“ Und ich bin dann sehr viele Rennen in Polen gefahren, beim Tschechen. Das hat richtig Spaß gemacht.
Und der Respekt, den man dort entgegenbekommen hat, das war auch total schön und war echt schön. Und dann hatten die 87 im Winter so eine BSG-Besten-Ermittlungs-Ehrung in Berlin im Rahmen der Winterbahn-Sechstagerennen.
Und da war der fette Goethe, den haben wir immer genannt, der fette Goethe. Das war auch so ein Bonze, der machte diese Siegerehrung. Wir saßen da so im kleinen Kreis, nur BSG-Fahrer, und er sagt: „Wir wollten uns auch mal bei euch bedanken, dass ihr unsere Weltspitze-Fahrer so eine schöne Konkurrenz bildet und die zu solchen Leistungen herausfordert.“
Ich sage mal: „Wir helfen doch, wo wir können.“ Ja, und nächstes Jahr, da haben wir einen Kurs rausgesucht, der dem Kurs von Seoul entspricht. Und es werden definitiv die ersten drei der Meisterschaft zur Olympiade fahren.
Ich dachte: „Hä? Wie arrogant seid ihr denn, zu denken, dass da kein BSG-Fahrer gewinnen könnte?“ Ich dachte: „Jetzt muss ich die mal hier lügenstrafen.“ Da war wieder die Motivation.
Ja, da dachte ich: „88, die Meisterschaft, das ist meine.“ Der Kurs war in Frohburg, ein Motorradkurs, nicht allzu schwer, so ein kleiner Zier-Trennen.
Da habe ich mir den Kurs vorher angeguckt, also ich wusste genau, wie man den gewinnt. Und dann auch nochmal richtig schön dafür trainiert. Also es war, glaube ich, das Jahr, in dem ich die meisten Kilometer vorher gemacht hatte.
Und ich wusste: Wenn du als Erster um die Kurve kommst und mit einem kleinen Gang antrittst, gewinnst du dort. Du musst eben bloß erstmal bis dahin kommen, dass du als Erster dort um die Kurve rumfährst oder als Zweiter.
Das Rennen verlief dann so, es war tierisch heiß an dem Tag, dass am Ende eine Spitzengruppe zustande kam. Also vorher waren viele Spitzengruppen, wo ich auch mit drin war.
Und da hatten sie Olaf Jentsch nach hinten gerufen, das war ein Cote Bossa-Rennfahrer. Der war dann bei Linden am Auto und der hat ihm gesagt: „Nicht fahren, solange Götzicher nur alleine mit drin ist und kein Ludwig dabei.“
Ich so: „Olaf, was hat er denn gesagt?“ Nervös schon. Ich so: „Ja, okay, dann warten wir, bis eine nächste Gruppe steht.“ So ging das ganze Rennen.
Wir hatten dann irgendwann eine Gruppe, Ludwig davor, alleine mal weg. Das war vielleicht so sieben, acht Runden verschlossen. Das ganze Ding war ziemlich lang, 220 Kilometer oder so.
Und ich sagte zu Ludwig: „Wollen wir den jetzt hier noch lange vorne alleine fahren lassen?“ Oder: „Ja, lass ihn doch mal ein bisschen machen“, sagte der.
Und dann haben wir den so in zwei Runden fahren lassen alleine und dann sind wir wieder rangefahren. Das war auch riskant, weil Ludwig war ja ein super Zeitfahrer.
Also das war nicht so ganz klar, ob wir den wieder kriegen. Aber dadurch, dass eben auch viele andere BSG-Fahrer da auch schon inzwischen gut geworden waren, ich denke an Stolz aus Chemnitz oder Hahn aus Berlin, es gab viele gute Renner, die haben da auch wirklich das Lochendam wieder mit zugefahren.
Und dann sind wir angekommen. Ludwig, der fuhr gleich noch mal eine Attacke. Ich dachte so: „Jetzt bin ich auch dran.“ Und dann habe ich ihn noch in die drüber gesetzt und da waren wir weg.
Und dann kam noch Falk Bohnen dazu gesprungen und Bert Dietz. Und da waren wir vier Mann. Bert Dietz war damals unbeschriebenes Blatt DFK. Der war nicht so gefährlich als Sprinter, den hatte ich jetzt gar nicht auf dem Schirm.
Falk Bohnen war für mich ein Thema und Ludwig, Ludwig war natürlich ein super Sprinter und das ging eigentlich nur über die Kategorie. Ich konnte, dass Ludwig vorne mit ankommt, sonst hätten sie uns da nicht wegfahren lassen.
Alleine hätte ich auch das nicht riskiert, glaube ich. Jedenfalls kommen wir zu viert an und eine Runde vor Schluss haben die Zuschauer ein großes Transparent ausgerollt: „DDR Meister 88 Martin Götze.“
Das kam irgendwie aus Chemnitz. Das hatten sie auch noch in der Version mit Wolfgang Lötzsch vorbereitet. Und da dachte ich: „Da bleibt ja nichts anderes übrig.“
Dann haben wir uns in der letzten Runde belaut. Ludwig und ich, Bohnen war vorne mit Dietz und ich gehe aus der Führung raus. Ludwig guckt mich an, ich gucke Ludwig an.
Ich wollte bei ihm ans Hinterrad, er bei mir. Dietz kriegte mit, dass wir so ein bisschen rumklinkeln und wurde schneller.
Und in dem Moment habe ich geschnallt: Ludwig würde die fahren lassen, damit ich nicht gewinne. Da habe ich das Loch nicht zugemacht, aber habe es so klein gehalten, wie möglich, also dass die noch weiter die Hoffnung hatten, dass sie irgendwie wegkommen, dass es schnell blieb.
Ich war so halb im Windschatten. Dadurch blieb das schnell und Ludwig konnte mich nicht überraschen von hinten.
Dann kommen wir auf die letzte Kurve drauf zu und dann fährt Ludwig innen rein und will mich an seinem Hinterrad ganz nach außen nehmen.
Ich habe gleich wieder innen durchgenommen und habe die Innenseite gehabt, wo ich eigentlich hin wollte. Ich brauchte dann nur noch richtig anzutreten nach der Kurve.
Ich hatte einen kleineren Gang drauf, weil ich wusste: Wenn du dort schnell beschleunigst, bist du weg. Die anderen hatten alle ihre Walzen drauf und wenn sie die nicht in Schwung kriegen gleich nach der Kurve, dann bist du da schon am Zielstrich.
Ich habe dann unten durchgeguckt und dachte: „Wenn sie jetzt nicht kommen, hast du gewonnen.“ Dann gibt es noch ein lustiges Foto, da habe ich so ganz verkrüppelte Finger, weil ich meinem Freund Frank Herzog zeigen wollte, der vierte Sieg.
Als ich meine Hände oben hatte, dachte ich: „Ach du, wolltest Frank ja eine Vier zeigen.“ Dann habe ich versucht, da schneller eine Vier draus zu machen.
Dann sind die zum Schiedsrichter gegangen und haben gesagt: „Kann man disqualifizieren? Der hatte die Hände vom Lenker genommen, der hatte eine Trinkflasche angenommen von einem überrundeten Fahrer.“
Ich habe lauter Gründe gesucht, um mich zu disqualifizieren. Wir standen unten in der Sonne, es war tierisch heiß, mir klebte die Zunge am Gaumen und die Siegerehrung fand nicht statt.
Dann ist Hülsberg zum WA hochgekommen, die hatten da ja so einen WA-Turm. Ist das der Wettkampfausschuss? Ja, der Wettkampfausschuss.
Er hat gesagt: „Was ist denn hier los? Wir machen hier keine Siegerehrung.“ Ja, der hatte hier die Hände vom Lenker und der hat eine Trinkflasche angenommen.
Der eine suchte da zwischen den Zielfilmschnipseln nach dem entscheidenden Foto, was der eine WA-Mann bereits in der Brusttasche hatte. Er hatte das schon beiseite genommen, dass da nichts passiert.
Ja, sollen sie schneller fahren, so ein Quatsch. Jetzt macht die Siegerehrung. Und dann zog mir der Fosz Zähne knuschend das Trikot über und sagte: „Wir hätten dich disqualifizieren können, du hast die Hände vom Lenker genommen.“
Da musste ich noch feixen und habe mir das so vorgestellt, was dann passiert wäre. Die hätten wahrscheinlich die Autos umgekippt dort.
Das war schon so eine aufgeheizte Stimmung, das wäre wahrscheinlich dann noch ein paar Monate eher zur Wende gekommen.
Gutes Stichwort, gutes Stichwort. Alles, was du bis jetzt erzählt hast, hat unter Bedingungen stattgefunden, die für viele von uns schwer nachzuvollziehen sind.
Es kommt mir vor wie so ein ganz eigenes Regelwerk, auf was man zu achten hatte, wer da wie in so einem Schachspiel vielleicht auch Figuren bewegt hat. Es ist auf jeden Fall nicht so leicht nachzuvollziehen, wirkt so ein bisschen mysteriös.
Und Wende hast du eben schon gesagt, oder friedliche Revolution, die hier in Leipzig und an anderen Orten in Plauen in der DDR stattgefunden hat.
Und du hast ja auch mit deinem Meistertitel 88 noch nicht aufgehört, sondern du bist dann weitergefahren, weil du wahrscheinlich auch noch irgendein Bild hattest, im Kopf, was dich auf dem Rad, auf dem Rennrad gehalten hat.
Und mich interessiert, was sich damit für dich geändert hat mit der Wende, Wiedervereinigung, Mahlerfeind. Weil diese so schwer nachvollziehbaren Regeln und Verästelungen und Sachen, die man dir da in den Weg gelegt hat, also diese Strukturen, irgendwas muss mit denen passiert sein.
Und das interessiert mich, was das für dich bedeutet hat für deine Rennfahrerkarriere. Ich war dann 29, glaube ich.
Und es gab dann auch gleich so ein Angebot von einem Profi-Team, dass ich zum Profis gehen könnte. Die hätten mich da genommen. Es war damals Bukler, Ludwig Boden. Die Guten sind alle gleich zum Profis gegangen.
Und ich hatte aber gedacht: „Ach nee, das war mir ein bisschen suspekt, die ganze Geschichte.“ Auch vom Alter her dachte ich: „Bist du dort Fuß gefasst? Das brauchst du zwei Jahre.“
Weil Kapitalismus oder was war da suspekt. Der ganze Profisport war schon eine andere Nummer. Also erstmal viel mehr Rennen, da hätte ich jetzt nicht die Angst davor gehabt, aber ich hatte dann eigentlich auch genug.
Also ich war in so einem Alter, wo ich dachte: „Ich muss das jetzt machen.“ Und ich wusste auch: „Da ist irgendwas faul.“ Und meine Ahnung hat mich nicht getäuscht gehabt.
Man hat das ja auch schon mitgekriegt. Selbst bei den Amateuren gab es da plötzlich welche, die sonst hinterher fuhren. Das war mit der Wende im Prinzip, ging das los.
Die fuhren plötzlich einen Berg schnell hoch und die fuhren das ganze Jahr konstant gut. Wo du gesagt hast: „Was hat denn der gemacht?“
Also das waren da so ein paar Sachen, wo du dich schon gefragt hast: „Was ist denn jetzt hier anders? Du hast doch nicht anders trainiert.“
Im Nachhinein haben dann auch Leute wie Pafrat das waren Kölner Geschichten ausgepackt, wo du sagst: „Ach du Scheiße, das haben die gemacht.“
Da hast du dich dann schon echt gefragt, wo denen ihr letztes bisschen Funken Verstand geblieben ist, dass sich jemand so etwas antut.
Ist dir das nie angeboten worden? Zu DDR-Zeiten haben die ja auch versucht, mit Testosteron, also mit Oral Turinabol, die Sportler zu höheren Leistungen zu bringen.
Das war bei den Schwimmern, bei den Ruderern und so war das ja gang und gäbe, ganzen Kraftsportarten. Im Radsport wurde das auch versucht.
Wir hatten auch damals vom Arzt Bescheid bekommen, dass da auch leistungsfördernde Mittel da waren. Wäre möglich, wäre möglich. Und wenn ihr jetzt im Kader seid, dann nehmt ihr das jetzt mal.
Ich hatte aber das Glück, dass ich in meinem Bekanntenkreis Leute hatte, die auch Mediziner waren. Die sagten: „Wie hieß denn das Zeug? Ach du Scheiße, echt, das machen die?“
Ich war von vornherein immer gegenüber dem Staat misstrauisch gewesen und hätte das jetzt auch niemals gemacht.
Zumal ich auch durch meine Erziehung, ich hätte mir keine Schleife angewandt haben können, wo ich gewusst hätte: „Die hast du dir nicht verdient.“ Das hätte mir kein gutes Gefühl gemacht.
Ich hatte Sport auch immer mit Ritterlichkeit und Ehrhaftigkeit verbunden. Und das stand da nicht auf meiner Liste, dass man so etwas machen darf.
Und deswegen bin ich da eigentlich immer drum herum gekommen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich auch mal gedopt habe.
Das macht Park der Helder, Rennfahrer, irgendwie dann mal so ein Geständnis. Also ich bin jetzt wirklich hier das erste Mal dabei.
Und zwar hatte mir mein Ex-Trainer da so eine kleine Pille gegeben und sagte: „Das ist eine Rakete, die geht ab.“ Und das war… Was war das?
Das war irgend so ein Zeug, was die Fernfahrer da immer mal zum Muntern nehmen. Also eigentlich Cap D’Agon heißt das Zeug. Also eigentlich ein Gelumpe, was man vielleicht noch nicht mal so richtig als Doping betrachten könnte.
Aber wann war das? Das war 1987 oder so was. Da bin ich Erzgebirgsrundfahrt gefahren und hab das Zeug genommen und hab da auch eigentlich gedacht: „Oh Scheiße, das ist schon auch noch mal was anderes.“
Und ich kann aus dem Grunde auch verstehen, dass wenn man auch mal eine richtig gute Form hat und du hast so ein richtig gutes Gefühl, dass das gut geht, das ist vergleichbar dann mit wenn du so ein Ding da irgendwie genommen hast.
Und da kann ich auch die Leute verstehen, die dann völlig die Relation verlieren und denken, die sind gut vorbereitet und die haben alles richtig gemacht.
Wenn du Armstrong oder solche Leute jetzt mal hörst, die haben ja nicht mal ein schlechtes Gewissen, weil die sagen: „Ja, wir haben da alles richtig gemacht. Und das war doch eine gute Vorbereitung. Es war alles perfekt.“
Aber meine Meinung zu Doping ist wirklich: Also ich würde Leute, die so etwas nehmen, auch ganz hart bestrafen, damit einfach auch die Abschreckung da ist.
Ansonsten kriegt man da wirklich keine Ruhe rein. Und ich setze das mit einem… Es ist schlimmer als wenn jemand eine Bank überfällt, aus meinen Augen.
Weil du bescheißt ja Leute, die ehrlich Sport machen wollen. Und das finde ich eigentlich das Übelste.
Also du kannst ja deine Kinder nicht den Sport machen lassen, wenn du weißt, dass da irgendwas gemacht wird, was nicht gesund ist.
Und das war 87 das einzige Mal, dass du was genommen hast? Ja, und das tut mir auch leid, dass ich das gemacht habe.
Aber irgendwie in der Szene, da passiert sowas wahrscheinlich auch einfach, wenn du mit sowas in Kontakt kommst. Ich schäme mich dafür zu Grund und Boden.
Aber ja, es war eben auch so, dass man dann manchmal auch in Versuchung gerät bei sowas. Wer einmal lügt, dem klappt man nicht.
Mich hat nie jemand danach gefragt. Ich hab’s auch jetzt von mir aus erzählt. Danke für die Ehrlichkeit.
Ich fände es zumindest verwunderlich, wenn du damit nicht in Kontakt gekommen wärst. Das wäre fast unglaubwürdig, wenn man sagt, was man weiß.
Also wenn wir diese Pillen gekriegt haben, hat auch der Arzt meistens nicht geguckt, ob du die nimmst.
Also die haben ja immer noch so viel Spielraum gelassen. Ich war einmal bei der Vorbereitung zur Friedensfahrt. Ich war im Kaderkreis Augustusburg.
Da war irgendwie Bergzeitfahren oder irgendwas gewesen. Und danach sind wir dann vom Arzt in so ein Zimmer da reingerufen worden.
Und dann kriegte jeder so eine scheiß Spritze. Also das war das zweite Mal sozusagen bei mir. Und ich sage: „Nee, ich will das nicht.“
Ja, dann bist du aus dem Kaderkreis raus. Ja, was machst du denn da? Ich hab mich dann eine Woche später mit dem Olaf Jentsch in der Ortsgruppe wiedergefunden bei der Thüringer Rundfahrt.
Ich sage: „Ole, bei mir geht gar nichts.“ Der: „Bei mir auch nicht.“ Ich sage: „Scheiße, ich will das Zeug nicht haben.“
Ja, und dann immer vermieden, dass irgendwie. Einmal hat dann bei einer Rundfahrt, kriegten wir immer so ein Getränke-Mix vom Trainer.
Das war jetzt aber was Harmloses. Die hatten bloß Rotwein mit Eiern und sowas gemischt. Aber man ist misstrauisch, ne?
Und stellten uns das ins Zimmer und wir sollten das nehmen. Und in der Gruppenstunde sagt der Ampler: „Welcher blöde Hund hat denn nicht gespült, nachdem er das Zeug ins Klo gekippt hat?“
Ich dachte: „Ach du Scheiße, hab ich vergessen zu spülen.“ Und dann meldete sich Rolf Töpfer. Ich: „Ach komm bloß gut.“
Da hat sich ein anderer Dummer gefunden, der hat sich gemeldet. Aber auch ich nicht der Einzige, der das da nicht haben wollte.
Wir waren ja von deiner Renngeschichte, waren wir jetzt ja schon nach der Friedlichen Revolution, wo du weitergefahren bist.
Aber 1993 hast du dann wirklich aufgehört. Ja, mit welchen Gedanken hat es da eine Rolle gespielt?
Das, was du beschrieben hast, dass da auch Leute plötzlich gefahren sind in einer Art und Weise, wo du wusstest: „Das geht hier nicht mit rechten Dingen zu.“
Oder was waren deine Gründe dafür, dass du dann an der Stelle gesagt hast: „Okay, jetzt symbolisch gesprochen, zersäge ich den Rahmen.“
Ja, zersägen wollte ich das eigentlich nicht. Ich wollte auch immer weiterfahren. Aber ich habe dann eben gemerkt: „Du hast nicht mehr so den Biss und den Schneid, um da jetzt nochmal so zu trainieren, dass du dann auch trotzdem gut bist.“
Irgendwann war er dann auch schon 32 oder sowas. Ich dachte: „Okay, reicht dann.“ Ich hatte dann auch eine Tochter und Familie.
Haben sich die Prioritäten ein bisschen verschoben? Genau, ja. Und hatte dann irgendwann gedacht: „Ja, dann versuchst du eben, da einen kleinen Radladen zu machen.“
Und den kleinen Radladen gibt es heute noch. Ja, ja. Ich bin auch bei einer ganz interessanten Sache hängen geblieben.
Wir machen die Ostsee-Tour jetzt jedes Jahr seit 27 Jahren. Ich bin da wie die Jungfrau zum Kind gekommen und es ist so schön zu sehen, wie glücklich die Leute sind, wenn sie mal so eine ganz lange Strecke schaffen.
Das muss man erklären: die Fahrt von Leipzig vom Augustusplatz an die Ostsee. An die Ostsee, ja. An einem Tag. Immer an einem anderen Ort irgendwo und fahren in geschlossener Gruppe.
Und dann entsteht auch so ein schönes Gemeinschaftsgefühl und schöne Geschichten. Die Leute haben eine Woche Dauergrinsen danach.
Ja, das macht mir Spaß, die Leute ein bisschen dabei zu begleiten. Und das darf man sagen, das ist hier in der Region wirklich legendär.
Ich kenne viele Leute, die da schon mal mitgefahren sind und sagen: „Das ist ein besonderes Erlebnis.“ Das ist schon ein Vierteljahrhundert.
Ich finde, wir haben jetzt in dem Gespräch gemerkt, dass wir hier noch ganz viele Punkte haben, an denen wir anknüpfen könnten.
Ich habe da einige im Kopf, die lasse ich aber alle weg, bis auf einen. Du hast ganz am Anfang von diesen Bildern gesprochen, die man im Kopf hat.
Aus irgendeinem Grund, die einen dann motivieren zu Dingen, die man vielleicht noch gar nicht ahnt. Und wir sind heute auch ein Stück mit dir Rad gefahren.
Du hast den Radladen bis heute. Du sitzt wahrscheinlich nahezu täglich auf dem Rennrad. Schön wär’s.
Okay, du sitzt viel auf dem Rennrad. Man sieht es auf jeden Fall, wenn man dich auf dem Rad sitzen sieht.
Mich würde interessieren: Gibt es ein Bild, von dem du sagen würdest, das zieht sich durch? Also eins, was du damals vielleicht schon irgendwie gehabt hast und was bis heute da ist?
Ja, es ist schon einfach so, dass man auch Leute beneidet, die ein Ziel haben, die auch so danach leben und ihren Spaß auch dabei haben, auch wenn es manchmal eben scheinbar mit Entbehrung verbunden ist.
Eigentlich immer den Arsch hochzukriegen, das ist vielleicht auch so das Ziel, dass man nicht faul wird und auch keine Sachen macht wie Rauchen oder Alkohol, dass man das eben auch ein bisschen meidet und einfach so lebt, dass man sagt: „Ja, habe ich ein gutes Gefühl dabei und ich fühle mich fit.“
Und das ist was Schönes. Ich hatte mal einen Freund, der saß in der Badewanne und sagte: „Mensch, Martin, ich habe hier an mir runter geguckt und eigentlich so wollte ich mal nicht werden.“
Ich sehe ihn kaum noch, sagt er: „Ja, nee, das ist schon auch wichtig, dass man immer irgendwie guckt, dass man fit bleibt und nicht faul wird.“
Das ist eigentlich das, was ich so rausgehört habe. In Zwickau hast du dich da auf der Fahrt nach Zwickau bei deinem Vater.
Ja, auf alle Fälle, klar. Das war für mich auch motivierend, dass man da auch sich aufrafft, auch wenn man vielleicht gar nicht irgendwie mit Sport groß was zu tun hat und sich sagt: „Komm, das macht Spaß und ich setze mich aufs Rad und fahre jetzt mal im Urlaub damit.“
Das ist so das Ziel, was ich mit meinem Radladen so verfolge, dass ich die Leute dazu bringe, Rad zu fahren und das zu genießen.
Das ist so schön. Ich sage immer: „Man treibt Sport, ohne dass man es merkt. Du schwebst durch die Landschaft und brauchst keinen Trainingsplan. Fahr einfach Rad und guck dir die Welt an und das ist so schön.
Da hast du am Ende des Tages wirklich ein gutes Gefühl. Du kannst auch danach schön was essen und trinken. Das ist doch wirklich das Schönste, was man machen kann: Radfahren.
Da gibt es den Applaus, und es ist ja hier wirklich auch eine besondere Ausgabe, nicht nur, weil du zu Gast bist.
Ich bin mir ziemlich sicher, ohne jetzt in Gerofs Kopf gucken zu können, das wird nicht das letzte Mal sein, dass wir mit dir reden, weil wir haben noch viele Themen, die wir gar nicht besprechen konnten.
Technik ist so ein Thema, gerade auch dieser Übergang DDR. Welche Technik habt ihr da benutzt? Und so.
Ist vielleicht ein kleiner Spoiler, aber wir wollen natürlich auch den Leuten, die jetzt hier sind, die beim Antritt-Hörertreffen mit dabei sind, auch die Chance geben, Fragen zu stellen.
Gibt es denn aus eurer Runde Fragen an Martin Götze? Jetzt ist eure Chance! Zwei, drei Fragen können wir auf jeden Fall noch mitnehmen.
Ich komme zu euch mit dem Mikrofon. Ja, Christian kann in meinen Kopf gucken. Gibt es von euch Fragen? Wir haben noch drölfzig Fragen.
Ah, hinten gibt es eine.
Meine Frage ist, weil es gerade um Leistungssteuerung ging: Wie ist deine Einschätzung zu der Leistung der heutigen Rennfahrer? Wie denkst du darüber?
Zuerst würde ich mal sagen, ich habe mich wirklich darüber gefreut, wie entrüstet die ganze Welt war, als diese ganze Dopinggeschichte rauskam mit EPO. Das ist ja eigentlich ein sehr gutes Zeichen, wenn eine Gesellschaft sagt: Das wollen wir nicht haben. Und ich finde auch, der Sport sollte als Vorbild der Gesellschaft vorneweg gehen und ehrlich bleiben, auch wenn der Rest der Welt betrügt und bescheißt.
Als Sportler sollte man eigentlich so viel Ehrgefühl haben und sagen: Nee, mach ich nicht, dann mach ich nicht mit. Und es ist natürlich so, dass im Sport unheimlich viel reinspielt, was die Bedeutung eben sehr erhöht vom Sport. Das ist eine politische Geschichte, das ist eine Riesengeldgeschichte. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass im Fußball nicht genauso die Register gezogen werden wie in anderen Sportarten, wo beschissen wird.
Im Radsport hat es wirklich richtig gut gekonnt, bescheißen. Und ich bin wirklich sehr froh, dass die Bombe damals auch geplatzt ist. Das hat natürlich auch erst mal richtig wehgetan. Und die Leute, die vorher Sport geguckt haben, haben das zum Teil dann nicht mehr getan, weil sie gesagt haben: Die bescheißen ja sowieso.
Und auch heute ist es natürlich so, dass diese Frage immer wieder gestellt werden muss: Wird beschissen oder nicht? Aus meiner Sicht wird beschissen, so gut es geht, ohne dass es verboten ist. Also es gibt ja Mittel, die nur auf keiner Dopingliste stehen oder so. Und ich denke, die Medizin und die Wissenschaft sind inzwischen so weit, dass sie sehr viele Register haben, die sie ziehen können, ohne dass sie irgendwie eigentlich erwischt werden können.
Und das ist wirklich das ganz Perverse an dieser Zeit, dass es so viele Tune-Möglichkeiten gibt am Menschen. Und ich finde es ganz schlimm, dass das gemacht wird. Irgendwie müsste das noch viel besser verhindert werden können. Ich vermute, dass die jetzt auch sehr viele Register gezogen haben im Radsport. Also wenn die jetzt alle so schnell fahren, das ist schon sehr verdächtig.
Am Ende bleibt es trotzdem so, dass diese Höchstleistungen für die Menschen alle irgendwie eine Inspiration sind und auch dazu führen, dass man selber sich aufs Rad setzt und Sport treibt. Keiner will, dass das passiert und dass es gemacht wird. Und man wäre auch total enttäuscht, wenn man jetzt irgendwie was rausbekäme, dass Pogačar nicht sauber wäre oder so.
Und eigentlich habe ich so die Befürchtung, dass die aus dem Grunde gar nicht das in Frage stellen, wie es damals auch bei Ullrich war. Ich habe damals, als die so schnell fuhren bei Telekom, gesagt: Nee, das geht gar nicht. Also wenn plötzlich die ganze Mannschaft so schnell fährt, da ist irgendwas faul.
Im Nachhinein war es auch so, als Armstrong seine erste Attacke am Berg gezündet hat, nachdem er krebskrank war, haben alle gejubelt und sich gefreut. Und ich habe gesagt: Nee, geht nicht. Das ist faul. Da ist irgendwas. Und schön wäre es, wenn es nicht so wäre.
Und im Moment sage ich auch: Es wäre wirklich superschön, wenn die sauber sind. Und ich hoffe das auch ganz doll. Und ich will da auch wirklich keinem was unterstellen. Aber so ein Zweifel. Aber klar, das ist auch gut, dass man die hat, die Zweifel.
Und ich finde, das muss auch wirklich so schwer für die Sportler sein, wenn die da ständig zu Dopingkontrollen müssen und so. Aber das muss wirklich auch gezeigt werden, dass man da dagegen ist. Also ich finde, das ist einfach die Gesellschaft sich selbst schuldig, dass sie sagt: Nee, wir geben das nicht frei. Was soll denn das? Also das kann man nicht machen.
Es gibt ja auch jetzt inzwischen solche Gedanken, dass man sagt: Ja, lass die doch machen. Die machen sich doch selber tot und keine anderen. Also das finde ich so was von menschenverachtend, dass man das überhaupt in Erwägung zieht. Also das geht gar nicht.
Gibt es noch mehr Fragen? Ja, hier vorne gibt es eine. Moment.
Hallo, ich hätte eine Frage: Wie war denn das Verhältnis zwischen Club und BSG-Fahrern? Habt ihr euch ausgetauscht, was vielleicht auch leistungsfördernde Mittel angeht? Also haben die Clubfahrer euch gesagt: Naja, wir haben die Trinkflaschen ordentlich voll bekommen. Das werden wir euch zeigen, wie das wirkt.
Und eine zweite Frage: Wie war denn das vom Material her? Wart ihr auf einem ähnlichen Level oder waren die Clubfahrer euch voraus und ihr habt nachgebaut, nachgebastelt und habt versucht, das mit extra Motivation und Ehrgeiz auszugleichen?
Also grundsätzlich war es nicht so, dass da jetzt die verschiedensten Mittel da benutzt wurden oder sowas. Das war nicht so. Also ich will mal sagen, der DDR-Radsport war sauber. Die haben dann auch gemerkt, dass die mit diesem Zeug da nicht so richtig zu Hand kamen und dass das eher für die Kraftsportler irgendwie was war.
Also die hatten für die Ausdauersportler nicht so die richtigen Mittelchen gehabt. Und da es ging jetzt auf der Bahn noch für die Sprinter und so, war das okay. Die hatten dann richtige Muskelpakete. Aber im Straßenradsport, da ist das ja eher hinderlich, wenn du dann zu fett wirst.
Und aus dem Grund gab es da auch keinen Austausch in der Richtung, weil da war eigentlich nicht viel. Man wusste, dass die mit diesem Oral Corona Boulder was versucht haben. Und nachdem ich raus war aus dem Club 85, habe ich natürlich auch so ein bisschen rumgefragt, ob da irgendwie was anderes jetzt wäre. Aber da hat auch keiner dann irgendwie groß was erzählt. Und ich glaube auch nicht, dass da wirklich was war.
Mit dem Material war es so, dass du natürlich total bescheiden dran warst als BSG-Fahrer, weil du kamst ja gar nicht an das Material ran. Also du konntest ja dir selbst als einfacher Arbeiter, Sportler, sag ich mal, nicht einfach mal ein Rennrad kaufen. Da musstest du schon jemanden kennen.
Das kostete damals 640 Mark oder so ein Rennrad. Ach, aber den Park hast du verdient, hast du gesagt? Ja, das fing ja aber auch schon mit den Schlauchreifen an. Da kamst du ganz schwer ran. Also wenn du da mal ein paar gekriegt hast, dann hast du gleich ein paar mehr genommen.
Und dann musstest du auch Leute kennen in Waltershausen in der Fabrik, die dir dann mal irgendwie ein paar verkauft haben. Und ja, das Glück war dann für mich auch, dass die Mechaniker von den Clubs mir dann auch immer mal was zugesteckt haben. So, wenn du gesagt hast: Ich brauche mal ein paar neue Bremsgummis oder irgendwie sowas, dann hast du die auch mal gekriegt.
Und die haben dich da auch schon versucht, ein bisschen zu unterstützen. Es gab einen kleinen schwarzen Markt. Das lief über Polen. Da gab es einen Delitzsch, den Hansi Furte. Der hatte da immer mal ein paar polnische Gäste, die haben irgendwas gebracht und er hat denen dann Schlauchreifen dafür gegeben oder so.
Und da konnte man dann auch mal irgendwie ein paar Bremsgriffe kaufen oder sowas und hast dann mörderisch viel Geld dafür hingelegt. Ich habe mir mal ein Tretlager für 1000 Mark gekauft. Das war schon mehr als ein Monatsgehalt. Aber das auch erst mal zu bekommen, das war eigentlich ganz schwer.
Also wenn du das bekommen hast, war es toll. Ich bin mal nach Warschau gefahren, habe mir ein paar Bremsen für 850 Mark gekauft. Ich habe viel von meinem Ersparten da irgendwie gelassen beim Material. Ich hatte auch ein bisschen so eine Materialmacke.
Hier steht übrigens mein Rad, was ich mir dann so selber zusammengebaut habe, damit das ein bisschen leichter ist für die. Das bin ich fast nur bei den Meisterschaften gefahren. Das wog so knapp 8 Kilo. Das war damals sehr wenig. Und damit habe ich eben auch versucht, da noch so ein paar Reserven rauszukitzeln.
Die Bremsen, die da dran sind, hatte ich von einem Kolumbianer bei der Kuba-Rundfahrt getauscht gegen ein paar Kampag-Bremsen. Und ja, so hat man dann versucht, sich das Material zusammenzuschachern. Und man war auch total glücklich, wenn man da irgendwie was bekommen hat, was irgendwie zu gebrauchen war. Das war schon schwer.
Eine Frage können wir noch stellen. Gibt es noch eine Frage? Weil dann musst du los. Gibt es noch eine Frage? Ja, eine gibt es. Dann stellen wir die noch.
Die Frage gab es letztes Jahr auch schon. Sieht man dich auch als Alltagsradler? Ja, klar. Also ich fahre eigentlich viel lieber mit dem Rad durch die Stadt, weil ich da auch schneller bin. Und ich fahre im Urlaub mit dem Rad mit meiner Frau sehr gerne.
Also wir fahren eigentlich im Urlaub nur Rad. Also das ist schon seit wo 2000 Standard. Unsere erste Tour hatten wir nach Florenz gemacht. Also ich kann nur jedem empfehlen: Fahrt mit dem Rad im Urlaub rum. Da denkt ihr, ihr habt statt einer Woche fünf Wochen Urlaub gehabt. Und das ist einfach was Tolles.
Und klar, Straßenbahnen kenne ich gar nicht. Also da bin ich fast gar nicht damit unterwegs, weil ich mir sage, bist du mit dem Rad auch viel schneller und viel schöner unterwegs. Ja, und das merkt man ja auch, dass viele Leute das auch mehr und mehr machen.
Und ich finde es total traurig, dass Leipzig nicht mehr aus seinen Möglichkeiten macht. Die könnten zum Beispiel vom Süden machen, mitten quer durch die Stadt einen Radweg am Fluss entlang bauen, unter den Brücken durch. Solche Möglichkeiten haben wenige Städte. Und wir haben sehr viel Grün in Leipzig.
Und da könnte man so schöne Wege durchbauen. Ich finde es eine Schande, dass man keinen Radweg zum Mückelburger See rausbaut. Wenn man da durch den Wald durch ist, ist es immer total staubig. Es ist eine Schande für eine Stadt, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, was für die Radfahrer zu tun.
Die Sache mit dem Ring finde ich ganz gut, weil da zumindest erst mal ein Zeichen gesetzt wird und die Autofahrer auch merken, dass sie nicht alleine sind. Da vielleicht als Erklärung: Man hat um den Ring in Leipzig, ich würde mal sagen, zwei Drittel eine Fahrradspur gebaut und dafür eine Autospur weggenommen, womit sich auch schon viele Autofahrer arrangieren können.
Klar ist das erst mal ein ganz schöner Eingriff in den Verkehr. Aber es muss einfach passieren, wenn man auch für die Zukunft denken will. Man muss sagen, zum Kollaps ist es nicht gekommen. Es funktioniert auch trotzdem.
Nein, das muss einfach auch in die Köpfe der entscheidenden Leute kommen. Weil das Radfahren ist für eine Stadt eigentlich auch ein Lebensretter. Gerade durch die Radfahrer wird die Stadt viel ruhiger.
Und wenn du in Berlin guckst, die Fahrradstraßen, da kann man auch mal sitzen, ohne dass da die Autos vorbeidüsen. Das ist schon auch sehr entspannend. Wenn man dann auch in Wien und Prag und die großen Städte, können das alle. Kopenhagen brauchen wir gar nicht reden.
Das muss einfach der Plan sein. Und wenn du sagst: Leute auf dem Rad sind die Lebensretter für die Stadt, dann würde ich mir mal ausleihen das Bild und sagen: Für den Podcast ist es wahnsinnig wichtig, lebenserhaltend und eigentlich auch die Lebensgrundlage eines Podcasts ist es, dass es interessante, spannende Gäste gibt, die beeindruckend erzählen können von dem, was sie erlebt haben.
Und ich glaube, das haben wir hier heute erlebt. Wir haben längst nicht alles geschafft, was wir besprechen wollten. Die Nachfrage zur Technik ist ein super Cliffhanger. Ich kann jetzt gleich sagen, Martin, wenn du Lust drauf hast, ich habe auf jeden Fall Lust, das Thema nochmal gesondert mit dir zu besprechen in einer anderen Folge.
Und ich sage aber jetzt erst mal in meinem Namen, aber ich glaube auch in Christians Namen und wahrscheinlich auch von mehr Leuten: Vielen Dank für die offenen und eindrücklichen Worte und die Erzählungen von dir. Danke. Und den Einblick in dein Leben. Danke.
Das sagt Martin Götze hier im Antritt. Und wer sich auskennt und genau hingehört hat, hat es vielleicht gehört: Martin ist natürlich 1979 zum ersten Mal DDR-Meister geworden und nicht 1980, wie ich es aus Versehen gesagt habe, weil ich in meinen Notizen in der Zeile verrutscht bin. Ich hoffe, ihr seht mir das nach.
Ich persönlich finde Geschichten und Lebenswege wie den von Martin Götze immer wieder sehr spannend und interessant, weil sie einerseits dort stattgefunden haben und stattfinden, wo ich selbst lebe und die Umstände doch manchmal so weit weg scheinen, unter denen das alles passiert ist.
Und natürlich ist auch die Radsporttechnik aus dieser Zeit faszinierend, und auch der werde ich weiter nachgehen. Wie ihr gehört habt, ist das das zweite Antrittstreffen gewesen. Und auch zum ersten im Sommer 2025 haben wir Besuch gehabt.
Wir haben mit Hanka Kupfernagel darüber gesprochen, wie sie zum Radsport gefunden hat und wie sie so oft Weltmeisterin in verschiedenen Disziplinen werden konnte. Wer das Gespräch nachhören will, ich habe es euch in den Shownotes verlinkt.
Und wenn ihr im nächsten Jahr dabei sein wollt, dann kommt doch einfach in unser Peloton, unterstützt uns mit einem Cappuccino im Monat und seid dann auch im nächsten Jahr dabei, wenn ihr wollt. Wie das alles geht, bei Steady seht ihr in den Shownotes.
Und wenn ihr uns erreichen wollt, dann könnt ihr das unter antritt@detektor.fm tun, sowie auf Instagram und Mastodon. Der nächste Antritt erscheint am 31. Juli, und ich denke, jetzt noch ein bisschen darüber nach, ob ich schon mal einen Radsportler so schön übers Rennradfahren habe sprechen hören wie Martin Götze.
Er ist da auf jeden Fall in der Spitzengruppe unterwegs, und ich wünsche euch einfach gute Fahrt und dabei dieses gute Gefühl, das Martin beschrieben hat. Macht’s gut, bis bald. Ciao.
Untertitel von Stephanie Geiges. Stellt euch vor, dass ihr ein Rennradfahrer seid. Und ihr habt ein Rennrad.