Wir leben in Zeiten von Krieg und Krise. Wir leben in Zeiten, in denen sich Menschen vielleicht mehr als zu anderen Zeiten auch ohnmächtig fühlen. Und dieser gefühlten Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, zu erleben, dass man gebraucht wird, dass man etwas bewirken kann durch gemeinsames Tun und Mittun, das genau davon bin ich überzeugt, trägt eben auch zum Gelingen von Demokratie bei.
Das sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Pressekonferenz zu dem von ihm ins Leben gerufenen Ehrentag. Der findet am 23. Mai statt anlässlich des Geburtstags unseres Grundgesetzes und soll zum einen eine Bühne sein für all die Menschen, die sich schon ehrenamtlich engagieren, aber auch anderen Lust machen, das mal auszuprobieren. Dafür finden überall im Land ganz verschiedene Aktionen statt. 27 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich, also jeder dritte kann man sagen. Und das ist auch in Sachsen-Anhalt so. Das reicht von privaten Initiativen über Vereine bis hin zu so lebenswichtigen Bereichen wie Feuerwehr und Katastrophenschutz. Salopp könnte man also sagen: Ohne Ehrenamt geht gar nichts oder zumindest geht es deutlich schlechter.
Gleichzeitig gibt es aber Menschen, die sagen, das Ehrenamt ist in Gefahr. Und auch die Landtagswahl macht einigen Menschen im Ehrenamt große Sorgen. Warum Menschen sich engagieren, welche Probleme das Ehrenamt hat und wie Engagierte damit umgehen, darüber sprechen wir heute bei Dazwischen. Vorher schauen wir aber wie immer kurz zurück.
Ja. Marie ist leider immer noch krank. Du musst also auch heute noch mal mit als Host ran. Wurdest du denn nach der letzten Folge darauf angesprochen? Ja, tatsächlich von einigen Leuten. Ich soll Marie auch von sehr vielen Menschen gute Besserungen wünschen. Sie freuen sich alle sehr, dich bald wieder im Podcast zu hören und vermissen dich ein bisschen. Das war natürlich schade für mich. Bei mir direkt haben sich tatsächlich aber auch Leute gemeldet und gesagt, dass sie uns als Duo sehr harmonisch fanden und dass sie relativ schnell dann vergessen haben, dass ich es bin, der da redet. Ich glaube, auf Sachsen-Anhaltig sollte das ein Kompliment sein, dass sie mich vergessen haben. Fand ich schön.
Und meine Eltern haben sich auch gemeldet und gesagt, dass sie sich gefreut haben, mich zu hören. Kleine Kritik wahrscheinlich auch, dass ich zu selten anrufe. Aber das Allerwichtigste ist, du hast mich das erste Mal seit wir uns kennen gelobt und gesagt, dass ich die Aufnahme gar nicht so schlecht gemacht habe. Und das habe ich mir natürlich direkt im Kalender rot markiert. Ich sage es mal als Sachsen-Anhalterin: Gewöhn dich bitte nicht dran.
Ja, ich bin aber gespannt, wie die Community unsere Folge fand. Anne, gab es denn Reaktionen? Ja, es ist zahlreiches Feedback reingekommen. Auf Mastodon hat ein Follower geschrieben, dass das Thema Stiftungen und Fonds bisher viel zu wenig Beachtung in den Medien gefunden hat und entsprechend begeistert war er von der letzten Folge. Michael hat uns in einer E-Mail geschrieben, dass er selbst schon einmal zugestiftet hat. Er hat nämlich der Kirchgemeinde, in der er geheiratet hat, Geld zu ihrem Stiftungskapital dazugegeben.
Und nicht zum Thema Stiftungen und Fonds, aber trotzdem interessant: Anne aus Bremen hat geschrieben, dass sie seit 25 Jahren nicht mehr in Sachsen-Anhalt wohnt. Für sie sind deshalb die Themen Zurückkehr nach Sachsen-Anhalt und Pflege von Angehörigen, die nicht mehr in der Nähe wohnen, spannend. Ja, Pflege ist ja ein Riesenthema in Sachsen-Anhalt und dieser Aspekt mit Aus der Ferne, den finde ich auch auf jeden Fall richtig spannend.
Es gab nicht nur Lob, es gab auch ein bisschen Kritik. Olaf aus Bernburg hat sich zur allerersten Folge über die Entstehung von Sachsen-Anhalt zurückgemeldet. Er ist einer der Ideengeber des diesjährigen Sachsen-Anhalt-Tages in Bernburg, der vom Achtung Veranstaltungstipp vom 5. bis 7. Juni stattfindet. Und ihm war die Darstellung der Entwicklungsgeschichte von seinem Bundesland zu ungenau und klischeehaft. Sachsen-Anhalt darf seiner Meinung nach nicht als künstliches und geschichtsloses Gebilde dargestellt werden. Denn das ist aus seiner Sicht nicht nur falsch, sondern suggeriert, dass hier quasi alles erlaubt sei, etwas, das die Parteien wie die AfD für sich nutzen könnten.
Ja, schade, weil eigentlich ging es uns ja darum, eher so zu zeigen, wie viel Vielfalt der Identitäten es in Sachsen-Anhalt gibt und dass es ja eigentlich auch ein Gewinn ist. Aber so ist das manchmal. Man kann es wahrscheinlich auch nicht allen recht machen. Und natürlich ist uns das Feedback auch total wichtig und wir nehmen die Kritik auch sehr ernst.
Ja, mich hat tatsächlich auch zu dieser ersten Folge schon mal Kritik erreicht von Winfried, der mir erzählt hat, er hätte sich gewünscht, dass wir ein bisschen besser nochmal erklären, wie sich die Gründungsgeschichte auf die Gegenwart auswirkt. Auch dieses Feedback ist für uns sehr wertvoll. Also vielen Dank, dass ihr eure Gedanken mit uns teilt. Auch und besonders auch die kritischen. Teilt sie gern weiterhin. Wir lesen wirklich jede eurer Nachrichten und schickt uns jederzeit Lob, Kritik, Themenvorschläge oder was euch sonst so bewegt. Die Mailadresse lautet dazwischen@detektor.fm. Ihr findet uns aber auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach detektor.fm suchen und uns eine Nachricht hinterlassen.
Leonard, ich habe das Gefühl, dass wir eigentlich in fast jeder unserer Folgen irgendwann aufs Ehrenamt zu sprechen kommen. Also Mitmachlokal Dessau, Reparaturcafé Zeitz, aber auch der Dorfladen in Dersheim. All das würde ja ohne Ehrenamtliche überhaupt nicht funktionieren. Ja, total. Also es ist Wahnsinn, was Ehrenamt alles leistet und wie aufgeschmissen wir als Gesellschaft wären, wenn sich nicht so viele Menschen freiwillig für alle einsetzen würden. Ehrenamt steckt ja fast überall drin.
Also wir haben es ja schon ganz oft angesprochen: In Sportvereinen, in Dorffesten, in der Arbeit mit Menschen, im Kulturbereich und auch in Bereichen, die im Zweifel eben über Leben und Tod entscheiden, wie zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr oder der Katastrophenschutz. Das ist, finde ich, ein so wichtiges Thema. Das sollten wir echt nochmal uns gesondert anschauen. Denn freiwillige Feuerwehren, die löschen ja zum Beispiel nicht nur Brände, sondern die halten vielerorts auch wirklich Dorfgemeinschaften zusammen, haben aber eben auf der anderen Seite auch häufig Nachwuchsprobleme.
Also ich finde, da gibt es viel zu erzählen. Und wenn ihr in der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Katastrophenschutz oder ähnliches seid und uns was darüber erzählen wollt, dann macht das unbedingt. Schickt uns gerne eine Nachricht an dazwischen@detektor.fm. Dann gucken wir uns das Thema nochmal an.
Für die Folge heute habe ich erst mal versucht, so einen Überblick zu bekommen, wie Ehrenamt in Sachsen-Anhalt aussieht und habe dafür alle freiwilligen Agenturen angeschrieben. Ja, alle freiwilligen Agenturen klingt nach viel. Da hast du wahrscheinlich eine Menge Mails rausgeschickt. Es gibt ja einfach viele Agenturen und auch sehr, sehr viele Projekte in Sachsen-Anhalt. Was hast du denn rausgefunden?
Man kann sagen, das Ehrenamt vor Ort ist so vielfältig, wie man sich die Interessenlage eben auch vorstellen kann. Also ganz klassisch Sport, Kultur, Inklusion, Bildung und Integration bis hin zum sozialen Zusammensein. Also zum Beispiel Jugendliche, die eben Begegnungsorte für junge Menschen schaffen oder auch Senioren und Seniorinnen, die eben in Ruhestand gehen, aber eben noch Lust haben, in der Gesellschaft aktiv zu sein. Menschen, die ein bestimmtes Talent mitbringen, also zum Beispiel beim Handwerk oder beim Klavierspielen und das eben für einen guten Zweck einsetzen wollen.
Aber natürlich auch jeder und jede, die jetzt sich für irgendeinen Förderverein engagieren, egal ob jetzt für die Schule der eigenen Kinder oder auch für irgendeine Kultureinrichtung. Jetzt ist Ehrenamt ja nicht Hauptamt, sondern eben Ehrenamt, also etwas, das man per Definition zusätzlich zu dem macht, was man sowieso im Leben schon macht oder machen muss, also Job, Schule, Studium, Familienleben. Und das kostet ja auch Zeit und oft Energie. Weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Ich habe auch immer mich irgendwie engagiert.
Was hast du denn rausgefunden? Was motiviert die Menschen trotzdem, sich noch einzusetzen? Ich habe darüber mit Jan Greiner gesprochen, einem der Geschäftsführer der LAKFA, also der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligen Agentur in Sachsen-Anhalt. Der ist übrigens ein super Verbindungsmann zu unserer letzten Folge über Stiftungen und Fonds, denn er verwaltet den Engagementfonds Sachsen-Anhalt, über den in den letzten elf Jahren 900 Projekte in ganz Sachsen-Anhalt unterstützt werden konnten.
Jan Greiner kennt dadurch super viele Ehrenamtler persönlich und der hat zu der Frage der Motivation Folgendes gesagt: Ehrenamt ist immer sehr positiv normativ behaftet. Man tut was für die Gesellschaft, man stärkt die Gesellschaft, man gibt der Gesellschaft etwas zurück. Das sind solche klassischen altruistischen Motive. Und hinzu kommen natürlich in den letzten Jahrzehnten und Jahren zunehmend auch persönliche Gründe, dass Menschen sagen: Ich habe Spaß daran. Das ist mit Abstand der größte Faktor. Mir macht das Freude. Das, was ich tue, das mache ich gern. Ich liebe Geselligkeit. Ehrenamt lebt mal davon, dass es in einem drinsteckt und dass man sagt: Ich möchte das machen.
Und da kommt es mir jetzt nicht darauf an, wie die Bedingungen sind oder was ich dafür vielleicht auch zurückbekomme, sondern ich möchte erst mal was geben und mich an einer Sache beteiligen. Aber es gibt ja wahrscheinlich schon auch die Fälle, wo Menschen Dinge tun, weil sie sonst keiner tut und weil es eben gerade in ländlichen Regionen ja, weil da sonst auch Dinge wegbrechen, die für sie vielleicht auch selber wichtig sind. Das sind solche Grenzfälle, wo wir wirklich dann auch davon sprechen, dass wir damit ein Problem bekommen.
Also niemand sollte sozusagen aus dem Zwang heraus glauben müssen, dass er dort einspringen muss. Klassisches Beispiel: Es wird in vielen Bundesländern seit vielen Jahren gefeiert, das Modell des Bürgerbusses. Ja, also dass man in ländlichen Regionen, wo nichts mehr passiert, dass man dann über den Landkreis Busse anschafft, dann ehrenamtliche Gewinn, die von den Trägervereinen dann diese Busse fahren. Und da gibt es viele Gründe, die ihm hier die Nackenhaare aufstellen lassen zu sagen: Wir schaffen öffentliche Daseinsvorsorge nicht mehr sicherzustellen über den Nahverkehr.
Im Gegenzug organisieren wir aber ein Ehrenamt darum, was sozusagen so eine Infrastruktur dann tragen soll. Ja, ich finde das total cool, dass du diese Frage gestellt hast, weil das ein Punkt ist, den ich mich auch manchmal frage. Also genau diese Gratwanderung, die er da gerade beschreibt zwischen: Ehrenamt hilft total, Ehrenamt kann total gut Strukturen unterstützen, total tolle Projekte machen. Aber was ist eben, wenn es zum Zwang wird? Irgendwie, was ist, wenn das Strukturen ersetzt, die eigentlich anders da sein müssten, weil es ohne die einfach nicht geht? Ab wo wird es dann problematisch?
Ich glaube, das kann man wahrscheinlich auch gar nicht so ganz fest definieren, weil das ja irgendwie immer eine Gratwanderung ist und auch von Projekt zu Projekt ja ein bisschen unterschiedlich ist. Ja. Aber es ist natürlich nicht der Sinn der Sache, dass Menschen sich am Ende total aufreiben und weil sonst mehr oder weniger so die Basisversorgung zusammenbricht und Ehrenamt vielleicht auch ausgenutzt wird. Also finde ich einen total spannenden Punkt.
Ja, das Beispiel, was er da anbringt mit den Bürgerbussen, das ist auch ganz interessant, weil wir in vielen Landkreisen jetzt schon sehen, das haben dann eben häufig Rentner gemacht, weil sie Zeit hatten. Und das bricht jetzt halt teilweise schon wieder weg, weil sie eben zu alt werden. Und das ist dann eben auch nicht nachhaltig. Und dann haben quasi in dieser Zwischenzeit vielleicht auch noch Menschen ihre Gesundheit gefährdet, weil sie da halt einen halben Tag im Bus gesessen haben. Das kann ja irgendwie dann auch nicht das Ziel sein.
Und da sagt Jan Greiner eben auch, da müssen wir ganz dringend eine Grenze ziehen. Und wenn man so ein Modell mal zu Ende spielt, könnte man auch böse und pläschämisch die Frage in den Raum werfen: Wie sieht es denn aus mit ehrenamtlich geführten Schulen oder ehrenamtlich geführten Rathäusern, Verwaltung? Und das kann man ja dann auf ganz viele Bereiche noch ausweiten und zeigt deutlich, dass dort, wo Arbeit im Mittelpunkt steht, Ehrenamt eigentlich nichts zu suchen hat.
Also ich verstehe seinen Punkt. Ich weiß nicht, ob ich den selber genauso teilen würde. Es wäre natürlich naiv gesprochen schön, wenn Ehrenamt immer nur in Anführungsstrichen so extra Aufgaben übernehmen würde und die Basisbereiche immer abgedeckt sind. Und gleichzeitig, wir haben es ja schon angesprochen: Zum Beispiel Feuerwehr, freiwillige Feuerwehr ist ja total essentiell. Und es gibt ja auch Berufsfeuerwehr, die bezahlt wird oder Menschen, die sonntags, samstags Bibliotheken offenhalten, obwohl es da auch eine bezahlte Besetzung gibt und so. Und das finde ich zum Beispiel, ohne das ging es ja gar nicht so richtig gut.
Und ich finde, jetzt müsste man zumindest diskutieren, ob man sagt, da darf auf gar keinen Fall Ehrenamt ran, weil es ein Berufsbereich ist. Was wären denn für ihn so Vorzeigeprojekte, wenn man mal andersrum rangeht? Wo ist denn Ehrenamt richtig gut?
Also erst mal muss man, glaube ich, nochmal sagen, beim Ehrenamt gibt es wirklich ein krasses Stadt-Land-Gefälle. Wir haben ja leider bei vielen Dingen genau dieses Problem. Und nach spätestens acht Folgen Dazwischen haben wir, glaube ich, alle verstanden: Sachsen-Anhalt ist ein Flächenland. Wir haben sehr viele ländlich geprägte Regionen und da funktioniert eben alles ein bisschen anders.
Also in den großen Städten Magdeburg, Halle, Dessau, da haben wir ein großes, ein vernetztes, zum großen Teil auch so institutionalisiertes Engagement. Das ist eben in den ländlichen Regionen anders. Da ist das viel mehr Lebensrealität der einzelnen Menschen, ganz einfach, weil es eben ohne auch gar nicht funktioniert. Und dort ist für uns ein Erfolgsmodell eigentlich die Entwicklung kleiner Vereine oder Initiativen von Menschen im ländlichen Raum, die sich manchmal rund um Heimatvereine oder einfach auch nur um eine Initiative, die sich erst mal um den örtlichen Spielplatz oder meinetwegen eine Streuobstwiese kümmert, da eine gewisse Dynamik mit sich bringt und daraus sozusagen mehr erwächst.
In Nöstdienstorf der Heimatverein Wildtulpe, der da klein angefangen hat und mittlerweile ein tolles Gemeinschaftshaus betreibt und ganz viele kulturelle Aktivitäten, ein Hotspot geworden ist quasi im Saale-Kreis. Wir haben kleinere Vereine wie Bier e.V. aus Nauendorf oder auch ganz klassisch im ländlichen Raum im Harz Frohnend in Ballenstedt gibt es den Verein Heimat bewegen, der dort mehr oder weniger so ein Vierseitenhof, also ein größeres Anwesen ausgebaut hat, so ein soziokulturelles Zentrum mehr oder weniger, wo quasi mit jedem Schritt, den man gemeinsam geht, neue Ideen hinzukommen, man neue Mitstreiter findet und das eine unheimliche Dynamik im ländlichen Raum gewinnt, weil sich da auch Jung und Alt mit unterschiedlichen Interessen angesprochen fühlen und das verbindet ungemein.
Und das sind für mich so Erfolgsbeispiele. Okay, also ich glaube, wir können festhalten: Ehrenamt ist vielfältig, Ehrenamt ist super wichtig und wir finden auch wirklich bei unseren Recherchen, aber auch sonst immer wieder total tolle Projekte, total tolle Menschen, die irgendwas am Leben halten und wo einem wirklich so das Herz aufgeht, weil die so tolle Sachen machen.
Und gleichzeitig, was unsere Gesprächspartner ja auch mal wieder sagen, es gibt viele Ehrenamtliche, die ausbrennen. Es gibt einfach Projekte, die nicht weitergeführt werden können, die kaputt gehen. Es gibt Strukturen und Förderungsprobleme, die fehlen. Es gibt so Sachen, wo einfach vom Ehrenamt eigentlich ein bisschen zu viel abhängt. Es ist also ein schwieriges Feld, auch obwohl so tolle Sachen entstehen.
Was sind denn so klassische Probleme, mit deren Ehrenamtliche häufig kämpfen? Das habe ich die freiwilligen Agenturen natürlich auch gefragt und ich würde die Probleme mal so in drei große Bereiche gliedern: Bürokratie, Nachwuchsmangel und etwas, was ich vielleicht so mit der Überschrift Staat und Politik versehen würde.
Über die Bürokratie haben wir ja schon in der letzten Folge gesprochen. Da ging es ja auch darum, dass viele Ehrenamtliche von Bürokratie und Förderanträgen überfordert und genervt sind, weil sie sich einfach praktisch engagieren wollen und nicht mit so etwas beschäftigen wollen. Genau, und das ist natürlich auch ein ziemlicher Spagat, denn auf der anderen Seite brauchen viele Initiativen ja Geld, vor allem auch um die Projekte langfristig aufzustellen, aber manchmal eben auch nur für die Weihnachtsfeier oder den neuen Rasen auf dem Sportplatz.
Aber ganz praktisch sieht es dann eben häufig so aus, dass man ziemlich komplizierte Anträge für ganz kleine Summen stellen muss, dann dazu auch nicht wissend, ob sich das lohnt, also ob das Geld dann auch tatsächlich kommt und irgendwie auch immer so ein bisschen mit der Angst, dass man dabei irgendwas falsch macht, was einem hinterher auf die Füße fallen könnte.
Und da finde ich so Ansätze wie den Engagementfonds, über den ich ja vorhin schon kurz gesprochen habe, richtig gut. Tobias Quednau von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, der kennt sich damit ziemlich gut aus und der hat auch einen guten Überblick und hat uns auch erklärt, warum eben so kleine Förderungen so extrem wichtig sind.
Wenn man von Stiftungen spricht, da werden auf große Summen ausgegeben, aber das ist natürlich auch für den Sportverein vor Ort teilweise zu viel Geld und auch zu aufwendig, was damit dann an Antrag, Berichtspflichten etc. pp. verbunden ist. Da ist eher die Frage, wie komme ich an die 500 Euro für meine Weihnachtsfeier oder ähnliches, so niedrigschwellige Förderung. Das ist ein Punkt, der auch sehr wichtig ist, den es in Sachsen-Anhalt mit diesem Engagementfonds schon eine Weile gibt. Das machen auch andere Bundesländer jetzt vermehrt. Wir als Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt machen das auf und da ist einfach ein großer Bedarf da, einfach mit wenig Aufwand auch an Fördergeld zu kommen.
Genau, also Geld, das ist so das eine. Dazu kommen für Ehrenamtler aber auch so was wie Finanzen und Buchführung, Datenschutz, rechtliche aber auch Steuerfragen. Also ich finde, es ist auch ganz schön viel, was sie da so auf dem Schirm haben müssen. Und das sagt auch Jan Greiner von der LAKFA. Wir sind von einem rechtlichen Rahmen umgeben, der uns auch in einem Engagement herausfordert. Man muss wissen, was man tut und wo auch die Grenzen des Möglichen sind.
Und da ist es natürlich wichtig, gerade ob es jetzt Vereinsrecht, Steuerrecht, wie auch immer ist, Förderrecht, dass man da auf dem Laufenden ist, dass sie ihren Vereinsverantwortlichen oft besser wissen. Und da auch greifen Freiwillige und Unternehmen nur die Arme, indem sie qualifizieren, da Fortbildung anbieten.
Ja, ich erinnere mich noch total gut an diese riesigen Ordner von den Fortbildungen, die man in den Büros standen von meinen Freiwilligenleitern. Und auch als normaler Freiwilliger in Anführungsstrichen musste man ja auch oft Fortbildung machen. Fängt ja schon bei der Jugendarbeit an, bei der Julaika. Da gab es auch rechtliche Qualifizierung. Und die sind ja auch durchaus sinnvoll. Aber ich weiß, auch die haben immer viel Zeit gekostet. Die Wochenenden waren voll. Es war anstrengend. Es ist ja nicht ganz easy, immer die zu machen.
Nee, genau. Und ich glaube, das macht man auch nur, wenn man im Zweifel sich sicher ist, dass das eigene Projekt, die eigene Initiative, dass das eben langfristig auch läuft. Und das ist meistens gar nicht so einfach. Also aus den freiwilligen Agenturen habe ich auch die Rückmeldung bekommen, es gibt in Sachsen-Anhalt eben relativ kleine Fördertöpfe und das verhindert eben so langfristige Planungen. Und das ist natürlich schwierig, denn wenn das eigene Projekt immer wieder auf der Kippe steht, wenn immer die Geldfrage über allem hängt, stresst das natürlich alle Beteiligten. Und es fehlt dann auch einfach schnell ein Gefühl von Wertschätzung.
Ja, das ist ein Riesenproblem. Und ja, auch einer der Gründe für diesen Ehrentag, den Ehrenamt sichtbar machen, vielleicht auch so ein bisschen feiern. Ich finde, das ist auch was, das sollten wir vielleicht nicht nur an diesem einzelnen Tag machen. Und was ja bei diesem Ehrentag schon auch gemacht wird, da will man die Hürden nochmal so ein bisschen herabsetzen.
Also die Hürden, sich zu engagieren. Du kannst also einfach mal gucken, was ist denn da so los in meiner Region. Du kannst einfach mal hingehen, du kannst mal mitmachen, kannst dich da anschließen. Und das ist deswegen so spannend, finde ich, weil wir aus Befragungen wissen, dass von den Menschen, die sich noch nicht engagieren, 41 Prozent sagen: Ich würde das schon machen, aber mir fehlt irgendwie so ein bisschen der Zugang. Also deswegen ist es da so wichtig, dass wir das niederschwelliger gestalten.
Ja. Und es ist ja auch so, dass manche Menschen sich gerne engagieren würden, aber sich das schlicht nicht leisten können, weil man muss ja mindestens Zeit übrig haben, aber manchmal auch irgendwie Geld, Ressourcen und Kraft auch einfach. Diese Debatte, dass Ehrenamt auch ein Luxus ist, den man sich leisten können muss, die gibt es immer wieder. Und wir sehen das auch in den Zahlen.
Also umso höher das Bildungsniveau ist, umso höher das Einkommen ist, desto mehr engagieren sich Menschen auch. Und ich finde, das ist auch total verständlich, denn es gibt ja Menschen, da draußen, deren Leben ist so voll, so schwierig, dass sie manchmal auch einfach erst mal selber schauen, wie sie damit zurechtkommen. Ich glaube allerdings, nicht, dass das unbedingt die Mehrheit ist.
Und zur Wahrheit gehört auch: Ehrenamt muss ja nicht immer so aussehen, dass ich jetzt dreimal in der Woche zum Sportverein rammele und da dreimal in der Woche das Jugendtraining gestalte, sondern vielleicht ist es ja auch der Förderverein, wo man einmal im Jahr eben etwas organisiert oder eine Veranstaltung organisiert oder Einladungen rausschickt.
Also vielleicht müssen da eben, genau wie ich es vorhin schon gesagt habe, die Zugänge so ein bisschen niederschwelliger werden. Aber klar ist, glaube ich, auch, wir werden da nie die 100 Prozent erreichen, dass sich alle engagieren. Ist vielleicht auch nicht nötig. Aber natürlich ist es schon so, dass Ehrenamt eben auch mit anderen Menschen verbindet. Das sagt ja Jan Greiner auch. Und ich glaube, wenn wir das ein bisschen mehr hätten, dann wäre die Spaltung in der Gesellschaft vielleicht auch nicht ganz so groß.
Ja, das glaube ich auch. Also ich finde, niemand sollte sich verpflichtet fühlen, da was zu machen, um Gottes Willen. Aber wenn diejenigen, die es gerne machen möchten und da Teil von was sein sollen, das wäre schön, wenn die das könnten und wenn die Zugänge da leichter wären.
Das bringt uns vielleicht auch so ein bisschen zum zweiten Problemfeld: Nachwuchs. Denn wir wissen ja aus den Vereinen, da kommen einfach zu wenige Menschen nach. Das liegt zum einen natürlich am demografischen Wandel. Darüber haben wir ja an vielen Stellen schon gesprochen. Das heißt, es gibt einfach schlichtweg weniger junge Menschen, gerade in den ländlichen Regionen, denn da ziehen die ja dann auch nochmal weg, um zum Beispiel zum Job zu fahren, zum Studium oder eben auch zur Ausbildung.
Also ja, das ist ein großes Problem. Und die, die nicht wegziehen, wiederum, die haben häufig weniger Zeit, weil sie dann zum Beispiel pendeln müssen. Und insgesamt zeigen uns eben auch Befragungen, dass Menschen ihren Alltag heute schon als deutlich voller, als deutlich komprimierter wahrnehmen, was sicherlich auch an Care-Arbeit liegt, aber auch an so einer digitalen Immer-Erreichbarkeit.
Das gibt uns ja auch so ein Gefühl von: Da ist ganz schön viel. Und das sorgt eben dafür, dass zum Beispiel in den Vereinsvorständen gerade diese Generation zwischen 30 und 50 fehlt. Ich habe gerade darüber nachgedacht. Glaubst du, dass mehr ältere Menschen sich engagieren, weil viele ältere Menschen auch einfach fit sind und noch Zeit dann haben?
Ich glaube schon. Also ich glaube, dass gerade so zwischen 30 und 50 hat man vielleicht im Leben auch ein bisschen einen anderen Schwerpunkt.
. macht vielleicht doch noch ein bisschen mehr Karriere, gründet eine Familie. Also, da ist, glaube ich, das Leben tatsächlich auch voller. Und vielleicht hat man im etwas späteren Alter dann doch wieder ein bisschen mehr Zeit.
Aber es ist natürlich ein Problem, weil es müssen jetzt Leute nachwachsen, damit diese Vereine und die Strukturen, die dahinter stehen, natürlich auch langfristig funktionieren. Ja, ich habe bei meinen Recherchen ganz oft so den Eindruck gewonnen, dass Vereine irgendwie ihre Rolle verändern. Dass Vereine früher viel wichtiger waren, dass dann, meinetwegen, das halbe Dorf wirklich in der Freiwilligen Feuerwehr war und da alle zusammengekommen sind.
Und das so, ja, sag mal auf Neudeutsch, so No Brainer war, da einzutreten. Und ich glaube, dass sich da das insgesamt etwas verändert hat, weil die Menschen ihr Leben etwas flexibler und individueller gestalten im Moment. Genau. Also ich glaube nicht, dass es insgesamt wirklich weniger junge Menschen gibt, die sich engagieren oder engagieren wollen.
Aber was mir die freiwilligen Agenturen schon auch gespiegelt haben, viele Menschen wollen sich eben flexibler engagieren. Also die wollen jetzt nicht oder die sagen jetzt nicht: „Ich werde jetzt Schatzmeisterin für das nächste Jahr“, sondern die sagen dann: „Hey, ich würde vielleicht das Sommerfest mit organisieren.“
Und das ist mit den Vereinen wiederum eben gar nicht so einfach, weil es ja laut Vereinsordnung einfach bestimmte Posten gibt, die musst du benennen. Die müssen also auch da sein. Da muss sich jemand finden, sonst kannst du diesen Verein nicht betreiben. Trotzdem glaube ich, es braucht da so ein bisschen mehr Spielraum, vielleicht gerade für den Eintritt in einen Verein oder so für die Anfangsphase.
Da muss man vielleicht Erwartungen und Wunschvorstellungen auch so ein bisschen besser übereinkommen und da eben die Hürde niederschwelliger gestalten. Und dann, und das finde ich, ist der zweite Punkt, diesen jungen Menschen, die danach kommen, auch wirklich Gestaltungsspielraum geben.
Das ist vielleicht auch ein bisschen einfacher bei der Planung von einem Sommerfest, als wenn jemand Schatzmeister ist. Ja, also ich glaube, da braucht es Entgegenkommen von beiden Seiten. Ich glaube, Vereine müssen ein bisschen flexibler werden und junge Menschen auch wirklich da reinlassen und gleichzeitig erkennen vielleicht auch jüngere Menschen nach einer Zeit, was Vereine auch alles leisten, weil ganz ohne Strukturen ist es halt auch oft sehr anstrengend und geht dann auch schneller wieder kaputt.
Genau, also es ist ja auch so ein bisschen Stabilität, die die Vereine dann da mitbringen. Ich glaube auch, ein wichtiger Punkt ist, Engagement wird natürlich auch attraktiver, wenn wir es wertschätzen. Und Tobias Quedner von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt hat auch nochmal erklärt, warum sowas wie die Ehrennadel dafür halt auch nicht ausreicht.
Also die Ehrennadel und das Dankesfest ist immer der eine Teil und der ist auch wichtig. Aber es gibt dann auch einfach die ganz handfesten Sachen. Also wie werde ich dann tatsächlich unterstützt und wie wird das anerkannt? Also ein schönes Beispiel ist auch immer wieder, wenn ich mich irgendwo ehrenamtlich einbringe, stellt mich mein Arbeitgeber auch mal frei oder nicht.
Also man muss einfach dahin kommen, dass gesagt wird in der Öffentlichkeit: „Schön, dass du dich engagierst und einbringst“ und nicht, dass man so eine Erzählung hat: „Wie blöd bist du denn, dass du da irgendwie unentgeltlich arbeitest? Das ist doch eigentlich Aufgabe von wem auch immer.“ Also dass es einfach positiv gesehen wird, dass sich die Menschen einbringen und nicht irgendwie als negativer Punkt.
Da herrscht aber bei vielen Arbeitgebern auch Unsicherheit, bis Unwissen, würde ich mal sagen. Und das ist auch blöd, denn bei so sicherheitsrelevanten Ehrenämtern wie freiwillige Feuerwehr oder auch beim Katastrophenschutz, da gibt es eben gesetzliche Regeln, bei den meisten anderen nicht. Und das sorgt immer so ein bisschen für so Fragezeichen im Kopf.
Und es gibt aber so ein paar Sachen, die muss man da tatsächlich beachten. Also geht es um so Sachen wie Arbeitszeitengesetz, aber auch um Versicherungsschutz. Und ja, da müssen wir uns auch nichts vormachen. Für so kleine bis mittlere Betriebe ist es natürlich auch einfach schwierig, jemanden einfach mal so freizustellen.
Du hast gesagt, es gibt drei große Probleme im Ehrenamt. Bürokratie und Nachwuchsmangel haben wir ja schon darüber gesprochen. Dann hast du noch eins genannt. Da war die Überschrift so: Staat und Politik. Wir haben schon gesagt, es bräuchte weniger Bürokratie.
Aber gleichzeitig ist das Ehrenamt ja auch oft von staatlichen Strukturen abhängig oder auch von politischer Unterstützung. Wie ist denn da das Problem oder das Spannungsfeld? Ja, ich finde, Spannungsfeld ist tatsächlich ein ganz interessantes Wort, denn es ist ja nicht so, dass politische Entscheidungsträger nicht verstehen, dass Ehrenamt irgendwie wichtig ist.
Also in Sachsen-Anhalt zum Beispiel gibt es die Basisfinanzierung für die Freiwilligenagenturen schon ziemlich lange. Und die sind, wie wir ja schon besprochen haben, eben auch so Motor und Unterstützer, Beratungsstelle fürs Ehrenamt im Land. Und auch in politischen Reden merkt man das schon. Da wird Ehrenamt dann immer mal so wieder heraufbeschworen und betont, wie wichtig das ist.
Tobias Quednau, der hat mir gesagt: „Na ja, trotzdem ist es eben wichtig, was außerhalb dieser politischen Reden auch wirklich ankommt.“ Unsere Beobachtung ist tatsächlich, dass auf kommunaler Ebene und auch auf der Ebene der Bundesländer das Thema durchaus an Bedeutung gewinnt oder politische Aufmerksamkeit gewinnt.
Aber man ist natürlich noch lange nicht da, wo man sein sollte oder, glaube ich, sein könnte. Es fällt dann im Vergleich zu anderen Themen doch oft hinten runter. Ja, und da merken wir auch immer, kommunale Kassen, die nicht gefüllt sind, helfen dabei mit Sicherheit nicht weiter. Viele Sachen werden eingespart.
Zum Teil sind Kommunen dann ja sogar die Hände gebunden. Das haben wir auch in der Folge zum Mitmachlokal in Dessau besprochen. Und da fand ich so spannend, dass man eigentlich mal rechnen müsste, welchen Mehrwert diese Projekte haben für unsere Gesellschaft.
Ja, das ist natürlich schwierig. Deswegen habe ich quasi umgedreht und habe unsere Gesprächspartner mal gebeten zu skizzieren: Was würde denn eigentlich passieren, wenn das Ehrenamt wegfällt? Es soll nicht so dystopisch klingen, aber zigtausende Sportvereine in diesem Land, die davon leben, dass nach der Arbeit noch jemand hingeht und den Kindern Fußball beibringt oder Tischtennis oder Geredetrum.
Das alles wäre von heute auf morgen nicht mehr da. Ganz viel kulturelles Leben würde nicht mehr stattfinden, weil viele Dorffeste, Konzerte, Bibliotheken auch durch einen großen Teil von Ehrenamtlichen gestemmt werden. Das ist oft nicht so präsent, was da tatsächlich an Leistung gebracht wird.
Viele Dinge, die im Alltag das Leben sehr attraktiv und vor Ort lebenswert machen. Also jeder ist eigentlich tagtäglich irgendwo mit Engagement in all seinen Facetten berührt. Und wenn man sich das mal zusammenrechnet, wenn das alles wegbricht, dann fehlt mir kaum ein Bereich, in dem darunter nicht extrem leiden würde und wo wir nicht erhebliche Probleme hätten.
Lass uns gar nicht so sehr in der dunklen Dystopie verharren, denn zum Glück sind wir von so einer Situation ja ziemlich weit entfernt. Aber es gibt natürlich schon Gefahren für das Ehrenamt. Über einige haben wir gerade schon gesprochen, was so Probleme sind. Eine die wir bisher außen vor gelassen haben, ist die Wahl im September.
Ich weiß jetzt aus unseren Recherchen von einigen Projekten, die sich wirklich große Sorgen machen. Denn im Wahlprogramm der AfD steht zum Beispiel, dass Vereine und Projekte nur noch Fördermittel erhalten, wenn sie sich zu einer sogenannten patriotischen Grundhaltung bekennen oder dass man eben Strukturen wie Demokratie leben einschränken möchte.
Manche haben da richtig Angst um ihre Förderung und haben ja gesagt: „Wir wissen wirklich nicht, wie es weitergeht.“ Ist das laut deinen Recherchen ein größeres Problem? Ich würde sagen ja und nein. Also ich habe ja gesagt, dass die Bandbreite an Ehrenamtlichen enorm groß ist.
Also viele brauchen jetzt gar nicht unbedingt die Fördergelder. Die arbeiten zum Beispiel mit Mitgliedsbeiträgen oder leider stecken sie vielerorts auch eigenes Geld in ihre Projekte. Für die ist das viel weniger ein Thema als die anderen Probleme, über die wir jetzt schon gesprochen haben.
Aber natürlich gibt es auch einen ganz großen Teil, das hast du ja gerade schon angesprochen. Gerade bei Demokratiebildungsprojekten oder eben auch Ehrenamtliche, die mit Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Da wirken sich solche Ansagen natürlich ganz direkt aus und zwar jetzt schon.
Das hat auch Jan Greiner von der LAKFA bestätigt. Menschen, die sich engagieren, fühlen sich in bestimmten Bereichen zunehmend unter Druck gesetzt, fühlen sich manchmal vielleicht auch bedroht. Ein klassisches Thema ist zum Beispiel der Bereich Integration, wo es eine pensionierte Grundschullehrerin, die seit vielen Jahren Nachhilfe und Lesen-Lernhilfe gibt, sich mittlerweile dafür fast entschuldigen muss, dass sie Kinder mit Migrationshintergrund das Ankommen und die schulische Laufbahn erleichtert und sie dabei unterstützt.
Ja, und da geht es ja nicht mal um Fördergelder, sondern nur um die Haltung, die wir eben zu solchen Initiativen haben. Und das ist ganz interessant, weil Studien gezeigt haben, dass Menschen, die sich engagieren, auch insgesamt zufriedener sind mit der Demokratie.
Und da kann man sich natürlich jetzt schon die Frage stellen, ob das eben etwas ist, was man in der AfD gar nicht möchte. Ja, ich hänge gerade noch an diesem Beispiel fest. Ich finde es immer wieder krass, wenn man das dann so konkret hört.
Stell dir das mal vor: Du gibst einfach Nachhilfeunterricht für Menschen mit Migrationshintergrund. Du wirst dann angefeindet. Dann wirst du dafür angefeindet und du hilfst da bei einer Integration und bei irgendwie einem guten Miteinander und machst das ehrenamtlich. Du kriegst keinen Cent dafür und dann sagen Leute: „Was machst du da? Was soll das?“
Also das finde ich immer wieder krass. Und wenn so Leute dann aufhören, wenn so Strukturen wegbrechen, wenn so Vereine weg sind, das kommt ja auch einfach nicht so schnell wieder, weil einfach das ist dann erst mal nicht mehr da. Das muss man erst mal alles wieder aufbauen, wenn es einmal weg ist.
Also ja. Ja, ist interessant. Mir geht es ganz genauso wie dir. Ich fand es allerdings interessant, weil unsere Gesprächspartner trotzdem insgesamt relativ, ja, ich sage mal, vorsichtig optimistisch gestimmt waren. Jan Greiner von der LACFA, der hat das mal so zusammengefasst: „Uns ängstigt erst mal nicht politische Entwicklungen in irgendwelcher Form, sondern wir gehen ja davon aus, dass die Menschen vor Ort nach wie vor wissen, was für sie wichtig und gut ist und was sie auch am Engagement in seiner Breite haben, weil wie gesagt, ein Drittel ja auch selbst involviert ist.
Das heißt also, das ist eine Lebenswirklichkeit, die wir erst mal jetzt nicht als in Gefahr und gefährdet sehen. Insgesamt natürlich ist uns die Zuspitzung im politischen Raum, die bereitet uns Sorge, dass es auch nach einer Wahl sozusagen mit unklaren Verhältnissen, vielleicht auch mit unklaren Mehrheitsverhältnissen, noch schwieriger wird, vielleicht die Rahmenbedingungen für Engagement verlässlich zu setzen.
Das ist vielleicht unsere größte Sorge. Es gibt von der LACFA einen Vorschlag, wie die Rahmenbedingungen für Ehrenamt gestärkt werden können. Das steht im Positionspapier zur Stärkung freiwilligen Engagements und engagementfördernder Strukturen. Das verlinken wir euch auch in den Shownotes.
Und da gibt es so fünf große Punkte und über alle haben wir heute eigentlich schon gesprochen. Deswegen finde ich, sie sind eine super Zusammenfassung. Erstens: Engagement stärkt die Demokratie. Dafür braucht es aber politischen Rückhalt. Zweitens: Es braucht klarere Strukturen und Prozesse und natürlich auch mehr Sichtbarkeit. Drittens: Ehrenamt muss für alle zugänglich sein.
Wir müssen da also vielleicht noch die Zugänge niederschwelliger gestalten. Es braucht viertens eine langfristige finanzielle Planungssicherheit und fünftens weniger Bürokratie. Ja, ich finde es irgendwie gut, dass unsere Gesprächspartner nicht so negativ sind und da irgendwie Hoffnung haben.
Und gleichzeitig wenn ich mir das anhöre, finde ich es schon krass. Wir haben ja gerade schon drüber gesprochen, warum diese Punkte wichtig sind. Aber ich habe auch echt noch Fragezeichen, wie die genau umgesetzt werden können. Und gerade wenn ich dann sowas höre wie: „Politischer Rückhalt ist wichtig“ oder „Eine finanzielle Planungssicherheit“, die hängen ja maßgeblich von der Politik ab.
Und insofern kann ich dann doch verstehen, wenn Gesprächspartner große Sorge vor der Wahl haben und dann denken: „Diese Punkte sind vielleicht gefährdet.“ Ja, es geht mir ganz genau so. Aber was wir, glaube ich, an dieser Stelle auf jeden Fall schon sagen können, ohne dass wir damit Bauchschmerzen haben, ist: Dankeschön an alle Ehrenamtlichen und alle, die sich in den Dienst der Gemeinschaft stellen.
Denn wir begegnen bei unseren Recherchen wirklich immer wieder ganz vielen tollen Menschen, die echt richtig viel konstruktiv bewegen. Und ich finde, das macht irgendwie auch Mut. Auf jeden Fall. Damit sind wir mit der Folge auch schon fast wieder am Ende.
Und der Veranstaltungstipp diese Woche ist natürlich der Ehrentag. Unter www.ehrentag.de/slash aktionen-minus finden könnt ihr schauen, was in eurer Region so los ist. Oder ihr abonniert einfach noch schnell unseren Newsletter. Da haben wir natürlich auch einen Überblick für euch zusammengestellt.
Wer jetzt sagt: „Ach Mist, dieses Wochenende ist ja ganz blöd. Das passt ja bei mir gar nicht.“ Für den haben wir noch einen Veranstaltungstipp von Olaf Ebert von der Stiftung Bürger für Bürger aus Halle. Die Stiftung will ja die Aufgabe von Engagierten vor Ort sichtbar machen und die auch untereinander besser in so einen Austausch bringen.
Und dafür haben sie sich Folgendes überlegt. Deswegen haben wir jetzt das Zukunftsfestival „Streit und Zuversicht“ am 12. und 13. Juni in Halle im Volkspark geplant, wo wir eben Engagierte aus ganz Ostdeutschland einladen, sich auszutauschen, sichtbar zu werden, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich auch noch nicht einbringen.
Deswegen ist es auch eine offene Einladung an Menschen aus der Region, hier zum Zukunftsfestival zu kommen und sich einzubringen, wahrzunehmen, dass nicht alles schlecht in unserem Land ist, sondern dass man durch Engagement viel verändern und bewirken kann. Mehr Infos dazu findet ihr auch auf zukunftsfestival.de.
Und wenn ihr noch mehr Tipps für uns habt, Leute, denen ihr schon immer mal für ihr Engagement danken wolltet, dann schreibt uns eine Mail oder noch besser, schickt uns eine Sprachnachricht an dazwischen@detektor.fm.
Nächste Woche fahre ich für euch in einen kleinen Ort namens Talwinkel. Dort wohnen nur noch 120 Menschen und man macht sich große Gedanken, nämlich was passiert denn, wenn hier immer weniger Menschen leben, wenn das Dorf noch weiter schrumpft.
Und das ist auch das große Thema der Folge: Dorfsterben. Wir gucken nämlich, wie dramatisch die Lage in Sachsen-Anhalt ist und was man zum Beispiel in so einem kleinen Ort wie Talwinkel dagegen tun kann. Dazu hören wir uns dann nächste Woche wieder hier bei Dazwischen. Ich freue mich drauf.
Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast Hosts: Marie Landes, Katja Schmidt und heute Leonard Schubert. Community-Redakteurin: Anne Kuslofski. Arkneig Podcast: Redaktion: Leonard Schubert. Cover Design: Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik: Florian Siebers. Audioproduktion: Benjamin Serdani, Stendi Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.