Persönliche Gespräche und gesellschaftliche Veränderungen
Was nützen persönliche Gespräche, wenn sie gesellschaftlich nichts verbessern? Gegenfrage: Was sollen wir denn tun, außer sie zu führen? Sie reichen nicht. Solange man sich dazu in der Lage fühlt, sind sie aber trotzdem besser, als nur in seiner eigenen Blase zu bleiben. Das schreibt Valerie Schönian in ihrer Reportage „Lohnt sich das Reden?“, die Ende Juni, also vor der Landtagswahl, in der Bochum Zeitung veröffentlicht wurde. Ja, und das ist ja so ein Thema, das viele in Sachsen-Anhalt nicht erst, ja, sag ich mal, nach der Wahl, sondern auch schon davor beschäftigt.
Wie gut kann man eigentlich im Gespräch bleiben? Wie gut kann man miteinander leben, wenn die Meinungen, die Ansichten so eklatant auseinandergehen? Ja, oder wenn vielleicht Menschen sich sogar bedroht fühlen von den Meinungen und Haltungen des Gegenübers? Ja, und wo muss man vielleicht auch die Grenze ziehen von diesem Miteinanderreden? Valerie Schönian ist nicht nur Journalistin. Sie kommt, so wie wir, aus Sachsen-Anhalt, geboren in Gadelegen, aufgewachsen in Magdeburg. Setzt sie sich in ihren Artikeln immer wieder mit dem Osten der Nachwendegeneration, der sie selbst angehört, ja, und der Frage der Gesellschaft auseinander.
2020 hat sie darüber ein Buch geschrieben und veröffentlicht: „Ostbewusstsein – Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die deutsche Einheit bedeutet.“ Wir sprechen mit ihr darüber, wie man im Gespräch bleiben kann, trotz Referenzen, was Ostbewusstsein eigentlich bedeutet und warum das heute noch wichtig ist. Valerie Schönian heute zu Gast bei Dazwischen. Und damit herzlich willkommen! Schön, dass du bei uns bist. Hallo, ich freue mich auch!
Reportage und persönliche Gespräche
Du hast ja vor der Landtagswahl eine Reportage veröffentlicht. Ich habe gerade kurz daraus vorgelesen, und du berichtest darin, wie du deine Verwandten besuchst, die mit der AfD sympathisieren. Du wirst verstehen, warum mich interessiert: Jetzt nach der Wahl hast du sie direkt wiedergesprochen? Nee, ich habe sie noch nicht wiedergesprochen. Ich schaue mal, wie es weitergeht. Es ist ja noch alles sehr frisch. Ich glaube, man guckt dann vielleicht mal bei der nächsten Familienfeier.
Aber ich weiß nicht, wie das bei euch ist. Also, es wird auf Familienfeiern dann doch sehr wenig über Politik gesprochen. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum ich den Artikel geschrieben habe, weil ich mich in dieser Rolle der Journalistin getraut habe, Fragen zu stellen, die ich sonst, glaube ich, mich nicht getraut hätte. Der rosa Elefant dann immer so im Raum: Man weiß, man müsste eigentlich mal darüber sprechen, aber es wird nicht besprochen. Ja, und bei Familienfeiern geht es ja auch eigentlich so ein bisschen um was anderes.
Und ich habe da schon so ein Bedürfnis, das merke ich, aber dann da hinzugehen und zu sagen: „Entschuldigung, können wir mal ganz kurz reden?“ Das passiert dann einfach nicht. Also, ich habe bei mir gemerkt, dass ich mir vorgenommen habe, irgendwann, dass wenn es irgendwie zu einem Thema kommt, ich eine Aussage schwierig finde oder auch einfach nur interessant, dass ich vielleicht mal nachfrage. Aber es ist ehrlich gesagt sehr wenig gekommen. Vielleicht auch, weil die Leute natürlich wissen, was ich so mache und was meine Haltung ist.
Sprachlosigkeit und Erleichterung
Und dann habe ich aber gemerkt, dass ich mich gefragt habe: Die Umfragen sind ja schon seit letztem November so, dass die AfD bei über 40 Prozent steht. Und ich bin immer so durch Sachsen-Anhalt gefahren und habe mich umgeschaut und auch bei Familienfeiern und dachte so: Wer ist es denn? Also, wer ist es denn? Und ja, hatte da dann so dieses Bedürfnis, es vielleicht rauszufinden. Also, ich glaube, ich hatte einfach so eine Sprachlosigkeit und wusste nicht so richtig, was ich schreiben soll, was ich machen soll, ehrlich gesagt.
Und hatte auch keine Ahnung, was genau für ein Artikel rauskommt, aber dachte, ich muss mit meiner Familie reden und dann schauen wir mal, was passiert. Wie war das denn dann so? Wie hat sich das angefühlt, mit denen dann tatsächlich mal in so ein Gespräch zu kommen? Da kommen ja dann auch nicht nur angenehme Dinge bei raus. Also, vorher hatte ich ehrlich gesagt einen ziemlichen Stein im Magen. Auch bevor ich mich getraut habe, einige Anrufe zu tätigen, bin ich so eine Stunde ums Telefon herumgetänzelt, um dann irgendwann auf diesen grünen Hörer zu drücken.
Und ich wusste vorher nicht, wer AfD wählt und wer nicht. Und es kam auch so, dass einige, bei denen ich so ein Fragezeichen hatte, gesagt haben, dass sie es nicht tun. Bei anderen, bei denen ich nicht damit gerechnet habe, bei denen war es dann eben so. Und ich war dann erst mal erleichtert, dass sie ja gesagt haben, alle. Also, alle haben gesagt: „Ja, klar, kannst du mit uns reden.“ Und das hat mir schon mal irgendwie geholfen und mich beruhigt, weil ich gemerkt habe: Okay, ich bin ja auch einfach Valerie, die Verwandte, die Nichte, die Cousine, die Großcousine, was auch immer.
Gute Gespräche und Fragen
Und wir können miteinander noch reden. Und auch dieses Gespräch, was ich dann mit denen hatte, die offen dazu stehen, dass sie AfD wählen, war nach objektiven Gesprächskriterien ein gutes Gespräch. Also, wir haben uns zugehört, wir haben uns ausreden lassen, wir haben, glaube ich, schon auch gegenseitig versucht, uns zu verstehen. Und das hat mich dann sehr beruhigt in dem Moment. Da hatte ich, glaube ich, erst mal so ein Hochgefühl. Und danach waren da trotzdem wieder so ganz viele Fragezeichen.
Also so: Ja, okay, sie saßen jetzt mit mir da, weil ich eben ihre Verwandte bin. Aber was ist dann eben mit den ganzen Menschen, die direkt davon betroffen sind? Mit Menschen mit Migrationsgeschichte, mit queeren Menschen und so weiter. Du hast gesagt, dass du auch in den Artikel reingegangen bist. Da waren die Umfragewerte ja schon so, dass die AfD 40 Prozent oder mehr holen wird. Jetzt, wo die Wahl vorbei ist, blickst du auch nochmal anders, auch mit einem anderen Gefühl auf die Gespräche, die du da geführt hast?
Das kann ich gerade ehrlich gesagt noch gar nicht so richtig sagen. Also, ich bin noch, glaube ich, so ein bisschen im Schockmoment auch selbst und muss das jetzt selber noch realisieren und frage mich: Warum habt ihr das denn gemacht? Warum war ich das denn egal? Und bin da selber jetzt gerade noch so im Antwort suchen. Aber ich bin trotzdem froh, das gemacht zu haben und glaube, das ist weiterhin wichtig.
Parallelwelten und WhatsApp-Journalismus
Und ich glaube, vielleicht ist das trotzdem zu spät passiert und vielleicht passiert es auch einfach zu wenig immer noch. Also, weil ich habe das Gefühl, dass da in Teilen Ostdeutschlands und Sachsen-Anhalt und der Altmark, wo ich herkomme, dass da so eine Parallelöffentlichkeit und Parallelwelt so ein bisschen entsteht, wo man so ganz schwer rankommt. Also, das, wo man die Leute vielleicht, glaube ich, noch am ehesten erreicht, sind so WhatsApp-Statusse.
Deswegen habe ich versucht, ich weiß nicht, ob das die korrekte Mehrzahl war, deswegen habe ich versucht, irgendwie so WhatsApp-Journalismus in den letzten Monaten auch so ein bisschen zu machen. Also, das, was ich sonst bei Instagram mache, dann halt da zu teilen, weil ich das Gefühl habe, das ist das, wo man einfach noch Leute erreicht. Hast du Reaktionen drauf bekommen? Ja, also viele Herzen, aber auch einige, die dann einfach nicht kommentieren, aber jetzt nicht viel Ausformuliertes.
Und ich weiß natürlich nicht, ob die das lesen und sich anschauen. Ich weiß es einfach nicht. Bei uns haben viele, die uns hören, auch so die Frage gestellt: Wie schaffen wir es jetzt trotzdem, auch wenn sie erschüttert sind, mit denjenigen zu sprechen, die eine gesichert rechtsextreme Partei gewählt haben? Wie bleibt man im Gespräch mit der Familie? Hat man ja doch irgendwie da so einen anderen Link? Ja, du hast ja auch gesagt, da bin ich auch noch die Valerie. Genau, man teilt Erinnerungen. Man möchte eben vielleicht auch noch beim nächsten Geburtstag von der Oma mit der Großcousine Kuchen essen und nicht hingehen.
Gespräche mit Unbekannten
Man hat da einfach eine andere Verbundenheit. Aber was macht man mit denen, mit denen man eben nicht verwandt ist, mit den vielen anderen? Hast du eine Idee? Wie bleiben wir da im Gespräch? Ich glaube, es kommt natürlich total darauf an, um wen es da geht. Ich glaube, da gibt es einfach keine pauschale Antwort. Also, man kann natürlich auf einem Podium mit Leuten reden. Man kann einfach auf der Straße mit Leuten reden. Man kann irgendwie am Rande einer Demonstration mit Leuten reden oder eben beim Obststand auf dem Marktplatz oder so.
Und ich glaube, man muss dann einfach immer die jeweilige Situation so ein bisschen anschauen. Also, ich glaube, was wir als Gesellschaft irgendwie schaffen können oder sollten, also von allen Seiten, ist so ein bisschen wieder runterzufahren. Ich habe da gerade Sorge, dass eben das Gegenteil passiert, also dass eher aufgerüstet wird, auch gerade von rechts, auch von teilweise linker Seite. Und dass man aber halt schafft, dann nicht immer gleich auf die Barrikaden zu gehen, sondern erst mal durchzuatmen und zu fragen: Woher kommt das denn? Was meinst du denn konkret?
Zu sein bei einem Thema zu bleiben. Aber es ist natürlich nicht immer jedes Mal möglich. Und ich glaube, es ist im Zweifel, wenn man jetzt zum Beispiel an so einem Obststand am Marktplatz irgendwie steht und da kommt irgendein Spruch, dass man im Zweifel einfach trotzdem mal was sagt und mal so gegenhält, ohne dass man gleich beleidigend wird oder so. Aber dass man ja ehrliche Gespräche führt, denen ja gehört, dass man wirklich auch zuhört und das annimmt und so.
Grenzen setzen und Gesprächsregeln
Und das ist natürlich auch teilweise schwer. Und trotzdem kann man in Gesprächen ja Grenzen setzen. Also kann man sagen: „Okay, ich will nicht mehr, dass du dieses Wort sagst, sonst können wir jetzt hier einfach nicht weiterreden.“ Oder so. Oder ich möchte jetzt einfach, dass du diese Realität kurz anerkennst. Und hörst du mich? Also, das ist so eine Formulierung, die ich öfter verwende: „Hörst du eigentlich gerade, was ich sage? Ich höre, was du sagst. Ich glaube, du sagst das und das. Hörst du denn, was ich sage?“
Weil du musst ja nicht meiner Meinung sein, aber ich wünsche mir, dass du mich verstehst. Also so ein bisschen so ganz klassische Gesprächsregeln. Also so auch, dass man erst mal zuhört. Und dann, wenn es ein gutes Gespräch ist, bedeutet das ja auch, dass die andere Seite auch fragt: „Wie ist es denn bei dir?“ Das ist jetzt auch in dem Familiengespräch dann passiert. Also ich habe erzählt und ich habe gefragt und irgendwann habe ich auch von mir erzählt und einfach meine Sorgen geteilt.
Ernsthafte Fragen und Selbstschärfung
Und dann kam irgendwann diese Frage: „Ja, wovor hast du denn aber Angst?“ Und ich denke, wenn man an dem Punkt ist, dass wirklich eine Frage kommt, die ernst gemeint ist, dann ist man schon sehr weit. Und es hilft ja auch, sich selber zu schärfen. Also es bringt ja auch nichts, wenn wir alle die ganze Zeit nur so auf Instagram rumhängen und da quasi so rausballern und dann so unsere Herzen bekommen.
Also man muss ja auch sich ein bisschen selber seine eigenen Argumente schärfen. Also ich habe diesen Klassiker danach gehabt, wo mir noch 5000 Sätze eingefallen sind, die ich lieber gesagt hätte auf diese Frage hin. Und beim nächsten Mal habe ich die aber so auf dem Schirm. Und dafür ist ja auch wichtig, diese Gespräche zu führen. Und jetzt geht es ja nicht nur um ins Gespräch bleiben mit der eigenen Familie, sondern auch eben vor allem mit denjenigen, die wir nicht kennen.
Medien und Diskurs
Da würde ich schon sagen, dass viele Medien versucht haben, Raum zu geben, ins Gespräch zu kommen, Perspektiven zu hören, eine Stimme zu geben. Und trotzdem scheint sich da eine riesige Mauer Diskurbanz aufgebaut zu haben. Könnte man dann nicht, wenn man die andere Perspektive einnimmt, auch sagen: Wir haben doch jetzt versucht, lange genug zuzuhören. Wir scheinen da nicht weiterzukommen. Ehrlich gesagt, so lange ist es ja dann auch noch nicht. Vor zehn, zwölf Jahren gab es erst mal so einen großen Aufschrei mit Pegida. Dann nehmen das die AfD, das erst mal zweitstärkste Kraftworte, auch hier in Sachsen-Anhalt. Und dann ging so ein Umdenken los.
Aber wir haben ja immer noch den Umstand, dass viele Posten von Nicht-Ostdeutschen besetzt sind. Wir haben Friedrich Merz, der es irgendwie nicht so gut hinbekommt mit Menschen auf einer mitfühlenden Ebene, nicht nur mit Ostdeutschen, aber so generell zu kommunizieren. Und ich glaube, dass ja, was ich eingangs schon meinte, dass es da so ein Abkapseln von der Medienöffentlichkeit gibt. Das heißt, es wird jetzt auch gar nicht so schnell registriert. Das dauert halt.
Erreichbarkeit und Kommunikation
Und ich glaube, dass da die AfD halt total mit ihren Kanälen reingeht. Also ich finde das wirklich erstaunlich. Früher, wo ich auf der Journalistenschule war, hat man irgendwie auch gemerkt, wenn es so Diskussionen gab: Okay, die lesen alle die Zeit, die lesen alle die Süddeutsche Zeitung und so. Und jetzt, wenn man so Aussagen von AfD-Wählern hört, also jetzt so auch um Umfragen, auch am Weg hierher habe ich das gerade wieder gemacht, die sagen alle das Gleiche. Die sagen alle das Gleiche. Die sagen das, was Ulrich Sigmund sagt.
Die gehen halt da zu den Dorffesten. Die gucken halt, was auf TikTok bei Ulrich Sigmund los ist. Und die gucken im WhatsApp-Status, was der Nachbar so gesagt hat. Und ich glaube, das ist super schwierig, ranzukommen. Und wenn der die ganze Zeit erzählt: „Wir werden hier nicht gehört“, dann gibt es da natürlich wenig Gegenwind. Also die Lokalzeitung vor Ort ist halt die Volkstimme, da wo ich herkomme. Die sitzt da, ich weiß nicht, mit wie vielen Leuten genau, aber mehr als zwei Handvoll auf jeden Fall nicht, eher eine Handvoll.
Und die sind natürlich nicht überall. Die sind natürlich nicht so oft da. Gerade wieder in der Mitteldeutschen Zeitung ein Artikel gelesen aus dem Ort, wo die AfD irgendwie am besten abgeschnitten hat, wo auch ein AfD-Wähler meinte: „Ulrich Sigmund war der Einzige, der irgendwie hier war.“ Und ich glaube, für mich geht es darum, um die Frage: Wie erreicht man denn die Leute überhaupt? Ich glaube, das ist sozusagen gar nicht mehr. Also Kommunikation ist natürlich auch eine Frage, aber dieses Erreichen.
Digitale Chancen und lokale Präsenz
Und das macht mir ehrlich gesagt, wenn ich jetzt irgendwo mal Hoffnung suchen muss, machen mir diese ganzen Streamer so ein bisschen Hoffnung und auch der Internetauftritt von Ulrich Sigmund und der Internetauftritt von Heidi Reichenegg. Warum? Weil man ja gesehen hat, dass es nicht im Digitalen bleibt. Also Ulrich Sigmund hat Hallen gefüllt. Ich war bei so einem Abend mit Heidi Reichenegg in Stendal, wo 500 Leute waren. Also ich habe noch nie so viele junge Leute in der Altmark gesehen, mal ein bisschen zugespitzt gesagt. Es waren alle da. Ja, es waren alle da.
Und dann so mit zitternden Händen auch: „Und unsere Heidi!“ und so, Tränen in den Augen. Und danach auch sich zwei gemeldet haben zum Haustürwahlkampf. Das kann natürlich nicht im Digitalen stehen bleiben, aber es ist eine Chance, wie man wieder Leute erreicht. Weil die Parteimitglieder sind natürlich wahnsinnig ausgedünnt. Die Medien sind nicht alle vor Ort. Und das kann man ja machen von woanders her.
Und dann kann man halt sagen: „Erstmal seine Crowd sammeln und dann sagen: Detektor FM oder MDR oder was auch immer, okay, an dem Tag kommen wir da, aber schaut doch vorbei.“ Und dann kommen vielleicht auch Leute, wie jetzt bei Markant, diese Ost-Tour, die er gemacht hat, die ich auch sehr spannend und toll fand, wo man gesehen hat: „Okay, die kennen den alle.“ Und die kommen da hin, weil der da hinkommt. Und dann kann man halt auch mit denen reden. Und dann fühlen die sich auch auf einmal gehört.
Medienberichterstattung und regionale Perspektiven
Weil das Ding ist, wenn man als Journalistin einfach mal dann willkürlich an einem Tag X auf den Marktplatz geht, dann hat man die Leute vielleicht gehört, aber es kriegen ja die anderen gar nicht mit. Jetzt hast du schon über, ich sag mal, die Lokalmedien da vor Ort gesprochen. Jetzt, als Wahl war, war Sachsen-Anhalt ja quasi überall. Alle haben da einmal hingeschaut und haben auch Kolleginnen und Kollegen hingeschickt. Auch Menschen, die noch nie in Sachsen-Anhalt waren, haben plötzlich über Sachsen-Anhalt berichtet.
Wie hast du das wahrgenommen? Und ist es sozusagen auch aus deiner Sicht ein Vorteil, wenn man selber aus Ostdeutschland kommt, aus Sachsen-Anhalt kommt, aus dieser Region zu berichten? Oder hat man da manchmal vielleicht auch so ein bisschen blinde Flecken? Ich glaube, beides so ein bisschen. Aber man muss jetzt nicht hier aufgewachsen sein und geboren sein, aber man muss irgendwas, also entweder geboren oder hier aufgewachsen oder hier leben, ist natürlich schon praktischer, wie bei allen Sachen.
Also, wenn man im Ausland Korrespondenten hat, dann ist es ja auch besser, wenn die da halt irgendwie leben oder einen Bezug dazu haben. Klar ist Ostdeutschland jetzt nicht Ausland, aber Ostdeutschland ist ja die Region, wo es keine überregionalen Medien gibt, die da sitzen. Also keine überregionale Zeitung, kein überregionales Fernsehen, außer Kika, glaube ich. Und das ist natürlich etwas, was man auflöst, indem man dann Leute von dort in Redaktionen hat oder halt da einzelne Freie hat oder Redakteure oder eben Büros.
Berichterstattung und persönliche Erfahrungen
Ich habe jetzt natürlich nicht alles verfolgt. Ich finde es prinzipiell gut und wichtig, natürlich, dass Journalisten und Journalistinnen da jetzt hingefahren sind. Was soll man auch machen? Ich denke dann selber manchmal: Naja, wir sind ja weiter. Und wir wissen ja alle, dass jahrelang über den Osten eingefallen wurde wie so ein Kriegsgebiet und alles so angeschaut wurde wie im Zoo. Und das machen wir ja nicht mehr. Es gibt so etwas wie dieses Format. Es gibt andere tolle Podcasts auch. Es gab also super viele tolle Sachen.
Und dann waren schon einige Artikel, wo ich dann aber dann doch den Kopf geschüttelt habe und mir einfach dachte: Wie kann das eigentlich sein? Und die mich wirklich wütend gemacht haben. Und ich dann gemerkt habe, ich habe eigentlich gar keine Kapazitäten für diese Wut. Also es fühlt sich an wie so Bullshit-Pfeile, die man so abwehren muss, obwohl man gar keine Zeit dafür hat, weil dann muss man so nach rechts gucken, wo die Pfeile herkommen, obwohl man eigentlich nach links gucken müsste, wo halt einfach gerade so was Krasses passiert.
Ost-West-Debatte und gesellschaftliche Wahrnehmung
Und das lenkt halt so wahnsinnig ab. Und es gab ja auch so eine Ost-West-Debatte noch davor, direkt vor der Wahl, die mich auch sehr geärgert hat, um es vorsichtig zu formulieren. Und die ich auch nicht verstanden habe und die ich auch wahnsinnig anmaßend finde. Also der Tino war ja so ein bisschen: „Wenn die Ostdeutschen jetzt hier immer noch rummucken, obwohl wir die so viel bezahlen“, ich spitze ja zu, „dann ist das so deren Problem, sollen sie doch bekommen, was sie wählen.“
Und das ist halt so einseitig und so verkürzt. Und vor allen Dingen kann ich wirklich nicht verstehen, wie man in diesem Jahr, wo die AfD auch bei über 20 Prozent steht in Westdeutschland, wo sie vor zehn Jahren in Sachsen-Anhalt stand, alle hier eingefallen sind und gefragt haben: „Was ist mit den Ossis los?“ Wie werden wir in dieser Zeit sozusagen dann die Ost-West-Debatte aufmachen? Das kann ich wirklich nicht verstehen.
Ostbewusstsein und persönliche Identität
Ich glaube, Ost und West ist ein ganz guter Übergang, weil wir sind ja alle sozusagen in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, groß geworden. Und zumindest von Marie und mir weiß ich, dass so dieses Aus-Ostdeutschland-Kommen eigentlich so am Anfang gar nicht so ein großes Thema war. Da haben wir irgendwie nicht so viel drüber gesprochen. Es gab dann, glaube ich, für alle von uns irgendwann so einen Punkt, wo man gemerkt hat: „Ach, es ist doch anders als bei den anderen.“ Da hast du ein Buch drüber geschrieben.
Das habe ich vorhin schon gesagt. Vielleicht, bevor wir da noch so ein bisschen mehr drauf eingehen, du benutzt diesen Begriff Ostbewusstsein. Vielleicht kannst du noch mal so ein bisschen sagen, was du damit meinst, weil man läuft ja immer so ein bisschen Gefahr in so eine Ostalgie. Wo ist da so deine Abgrenzung? Also Ostbewusstsein meint für mich dieses Bewusstsein: Ich komme aus Ostdeutschland und das hat noch was mit mir zu tun. Auch dieses Selbstbewusstsein: Es darf auch noch was mit mir zu tun haben.
Und diese Aufforderung, es bewusst zu sein, also es vielleicht auch einfach nach außen zu tragen, einfach damit die Leute ein bisschen ihre Vorurteilsschublade aufgesprengt bekommen. Und ich benutze aber auch bewusst den Begriff Ostbewusstsein, weil es für mich auch einfach dieses Bewusstsein meint: Da gibt es den Osten mit einer anderen Geschichte und einer eigenen Perspektive, die sich immer noch so ein bisschen von der westdeutschen unterscheidet.
Und das ist jetzt nicht nur Identitätsfragen, das sind politische Fragen, strukturelle Fragen. Und das können eben auch Westdeutsche haben. Also auch Westdeutsche können Ostbewusstsein haben, das finde ich halt wichtig. Und ja, Ostalgie, also ich meine, ich habe ja gar nicht in der DDR gelebt, ihr ja auch nicht. Also die DDR hat den Osten zu dem gemacht, was er heute ist, in anderer Sozialisation und Erfahrungsraum.
Geschichte und gegenwärtige Herausforderungen
Und auch die Geschichte nach der DDR ist diametral anders verlaufen. Und wir müssen auch über die DDR reden. Wir müssen darüber reden, dass es eine Diktatur war. Wir müssen darüber reden, was da falsch gelaufen ist. Wir müssen auch darüber reden, wieso jetzt eigentlich so kurz nach dieser Diktaturerfahrung schon wieder so viele in eine rechtsextreme Partei wählen. Aber trotzdem für mich als mein Hauptpunkt, weil es ist was anderes, ist sozusagen der Osten von heute.
Und ist dieser Punkt, dass da die Perspektive einfach gesehen wird, dass gesehen wird, dass da Menschen ganz normal und gut auch leben. Ja, also ein bisschen differenzierteres Bild, das versuchen wir ja bei uns auch. Ich habe es ja schon gesagt, also ihr hattet, glaube ich, auch so Erweckungsmomente, wo man gemerkt hat: „Oh, ich komme aus dem Osten, das ist irgendwie anders als die, die aus dem Westen kommen.“ Wann war das bei euch? Was da so passiert? Marie, wie war es bei dir?
Kindheitserinnerungen und Studium
Ich glaube, ich würde es zwei teilen, weil es gibt einmal quasi: Mir war das als Kind schon bewusst, dass es mal so ein anderes Land gegeben hat, in dem ist meine Mama aufgewachsen. Die haben das schon immer erzählt. Also ich habe jetzt, kam wirklich vor der Grundschule, weiß ich, dass meine eine Tante immer in Frankfurt am Main gewohnt hat und so. Und ich kannte die Geschichte, dass es schwierig war oder sie hat irgendwie besondere Geschenke mitbekommen. Ich konnte logischerweise aber in dieser Zeit als Kind die Dimension nicht greifen.
Mir war aber klar, dass es da mal einen Unterschied gegeben hat. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass ich in diesem Unterschied auf gewisse Art und Weise lebe oder dass das Auswirkungen auf mich haben könnte. Und zum ersten Mal dann, die hatte ich schon mal erzählt, war dann, als ich im Chor war, so mit 8, 9, und mit einem Partnerchor in Buxtehude. Das war das erste Mal, weil dann mir doch irgendwie Fragen gestellt wurden als Kind, die mir merkwürdig vorkamen, weil ich habe das gar nicht so wahrgenommen, dass ich in einem anderen Teil von Deutschland aufgewachsen wäre.
Und so richtig war es dann eigentlich erst im Studium, im Bachelor, als ich in Dresden studiert habe, dass ich eine von wenigen, interessanterweise waren die, die quasi aus Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Thüringen kamen. Und dann so viele Interessierte daran waren, wie ich Abi gemacht hätte. Und ich das überhaupt nicht verstanden habe, weil ich dachte: „Hä, haben wir doch hier alle gemacht, wo soll denn da der Unterschied geben?“ Also wäre auch so ein bisschen klischeebehaftet. Sehr klischeebehaftete Fragen mir gestellt wurden. Und das zum ersten Mal tatsächlich erst da ich so wirklich gemerkt habe: „Okay, also ich habe das nie so gesehen, aber das ist der Moment, wo oft wirklich andere mir gerade zuschreiben, dass ich aus einer Region komme, die anders ist.“
Weil ich habe mich eigentlich nie anders gesehen. Und ich glaube, so ein bisschen ist es bei dir ja auch gewesen. Ja, also bei mir war es auch im Studium, ging es so ein bisschen los. Aber wann hast du da studiert? 2000 beim Bachelor habe ich angefangen. Ah, okay. Also, weil ich frage das, weil ich habe, glaube ich, auch so in dem Dreh angefangen. Und ich habe dann auch gemerkt, es gibt Unterschiede. Du hast in München… Ich habe halt zuerst in Berlin studiert. Und da habe ich gemerkt, es gibt Unterschiede. Aber für mich war es eher so ein bisschen lustig. Es gab halt Leute, die hatten keine Jugendweihe. Schade für sie.
Wie haben die ihren Führerschein bezahlt? Die haben dann ja oft dann eher im … das andere gemacht, Konfirmation gemacht oder so. Ich habe auch Konfirmation gemacht, aber sozusagen mein Bruder hat dann Jugendweihe gemacht.
Aber genau, es war alles eher so klamaukig und lustig. Oder auch so ein bisschen, ja, bin da nicht tiefer reingegangen. Ich habe irgendwann mal ein Praktikum in München gemacht, bevor ich da studiert habe. Und da haben die Kollegen und Kolleginnen auch so Sprüche über den Grauen Osten gemacht. Und ich habe halt Sprüche über Bayern gemacht, weil es ist sehr leicht, Sprüche über Bayern zu machen. Und deswegen war das auch irgendwie okay, weil es sich so auf Augenhöhe angefühlt hat.
Veränderungen durch Pegida
Und dann, 2014, hat sich das aber so ein bisschen geändert. Weil da war ich dann in München und da ging Pegida auf die Straße. Und plötzlich kamen so Ossi-Klischees raus, die dann aber nicht mehr einfach nur so eine andere Lebensrealität waren, so ein bisschen anders aufgewachsen, andere Begriffe oder so, sondern es ging dann so los, so ja, die Jammer-Ossis. Also das, was wir jetzt ja gerade wieder mit der Ost-West-Debatte hatten. So ein bisschen die Kerbe, dass ihr euch immer noch benachteiligt fühlt, obwohl ihr ja so nach dem Motto so viel Geld bekommt.
Und da ging es quasi bei mir dann so ein bisschen los, dass es so eine Irritation und Leerstelle war, die ich aber gar nicht in Worte fassen konnte. Und ich wollte halt auch nicht in irgendeine Ecke gestellt werden. Also es gab irgendwie gefühlt keine Sprache dafür, irgendwas vom Osten zu verteidigen, ohne jetzt Pegida verteidigen zu wollen. Und da ging quasi so ein Prozess los, den ich meine Ossi-Werdung nenne. Der hat sich dann quasi, ohne dass ich schon Worte dafür hatte, einfach daran geäußert, dass ich plötzlich nur Rotkäppchensack getrunken habe und überall Klang.
Identitätsfindung und regionale Unterschiede
Und irgendwann wurde es dann, es war dann so ein Mix, glaube ich, aus Identitätsfindung, die man hat, vielleicht auch einfach an dem Alter. Dann du triffst das erstmal auf Leute aus anderen Regionen, aber dann halt so in der Kombination. Deswegen habe ich gefragt, wann das war mit so politischen Realitäten, die da auf einmal so reinkommen. Und Medien, die plötzlich so auf den Osten gucken. Das war total interessant, weil Pegida hat bei mir auf jeden Fall auch eine große Rolle gespielt.
Ich war tatsächlich im Studium eher in so einer sehr gemischten Gruppe. Also in meinem engsten Freundeskreis waren fast nur Ossis, also fast nur Leute sozusagen aus Ostdeutschland. Wir hatten ja auch ein paar Leute aus Stuttgart und so. Da haben wir auch, weiß ich noch, das erste Mal so Gespräche geführt über, krass, deine Mutter war bis zur Schule zu Hause. Das ist bei uns unvorstellbar. Aber halt genauso, wie du es beschrieben hast, auf so einer eher interessierten Ebene, die sich total nach Augenhöhe angefühlt hat.
Überraschung über die Reaktionen
Und als Pegida kam, da war ich total überrascht, weil dann so, weiß ich noch, da wurde dann auch so nachgefragt, wo kommen denn jetzt diese Nazis her? Und ich habe gedacht, hä, wo kommen die her? Die waren doch immer da. Ich bin mit denen groß geworden. Wahrscheinlich haben die mal zwischendurch Kinder gekriegt und sie tragen jetzt keine Bomberjacken und Springerstiefel mehr, aber ansonsten waren die so da.
Und da bin ich mit Freunden auch ins Gespräch gekommen und habe so über meine, ja, eher so Jugend erzählt in Magdeburg. Ich bin ja auch in Magdeburg groß geworden, wo wirklich regelmäßig auch Freunde dann so Wache gehalten haben und gesagt haben, Achtung, die Nazis kommen. Und dann sind so alle losgerannt. Und da habe ich so gemerkt, wie die dann teilweise reagiert haben in so einer totalen Unglaublichkeit, also so total ungläubig, dass mir so etwas passiert ist. Und ich dachte, hä, wie seid ihr denn groß geworden?
Unterschiede in der Sozialisation
Und da habe ich das erste Mal gemerkt, okay, krass. Und auch darüber bin ich dann sozusagen auch mit anderen Leuten, die in der gleichen Region zum Beispiel groß geworden sind, da hat man sich plötzlich ganz verbunden gefühlt miteinander, weil die natürlich ähnliche Dinge erlebt haben. Und das fand ich total interessant.
Ich finde, es gibt aber, also für mich zumindest, zwei Unterschiede. Einmal dieses Bewusstwerden, dass man in einer anderen Region mit anderen, vielleicht auch Regeln und Gegebenheiten auch gewachsen ist und dann das sich selbst eingestehen, dass man auch anders sozialisiert ist. Das hat bei mir dann noch viel länger gedauert. Also das erste war dann für mich irgendwie naheliegend.
Reflexion über die eigene Sozialisation
Ich habe mich eher geärgert, dass ich mit so einem Quatsch dann für mich mich auseinandersetzen muss, weil ich habe ja auch nicht gefragt, oh, wie war es für dich in Baden-Württemberg im Schwabenland? Also, weil es für mich einfach eine Region ist und die haben Unterschiede und so habe ich das lange wahrgenommen. Aber mir selbst einzugestehen, dass ich selbst in meinem Verhalten und Denken so doll davon beeinflusst, das hat dann noch mal ein bisschen länger irgendwie gedauert, weil ich mich davon lange so doll abgrenzen wollte.
Echt? Ja. Ja, bei mir war es das Gegenteil. Bei mir war so völlig Trotz und mitten rein, als ich das dann gemerkt habe. Wo es mir auch aufgefallen ist, ich habe vorhin schon mal gesagt, als ich dann so über, als ich mit Studienfreunden darüber gesprochen habe, die haben natürlich dann auch immer Kinder gekriegt. Dann hat man so darüber gesprochen, wann gehen die Kinder eigentlich in die Betreuung? Wann sind die eigenen Mütter wieder arbeiten gegangen?
Unterschiede in der Kinderbetreuung
Und ich weiß nicht, wie es bei euch war, aber bei uns gab darüber nie Diskussionen. Also die Mütter sind so schnell wie möglich wieder arbeiten gegangen und waren auch ihr ganzes Leben lang arbeiten. Und die Kinder waren eben in Fremdbetreuung. Und da merke ich zum Beispiel, auch, dass sozusagen auch da, wenn man zum Beispiel so sich feministische Influencerinnen oder so anguckt, die dann so Themen machen, wo ich manchmal so da sitze und denke, das ist ein Thema, ist ja krass. Bei uns ist das gar kein Thema.
Und das ist ja eigentlich fast was Schönes, finde ich. Also da habe ich eher so das Gefühl von, also da sind wir drei Schritte weiter. So, wie geht es euch damit? Ja, und gleichzeitig denke ich mir, naja, also meine Mutter hätte gar nicht zu Hause bleiben können, weil sie haben so wenig verdient, dass die Option gar nicht im Raum stand, auch wenn sie das nicht gewollt hätte, sondern ich schon auch immer so erzogen bin mit, verdiene mal lieber dein eigenes Geld und geh deinen Weg und mach dich, sei unabhängig, auch bei meinen Omas schon.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Aber ich glaube, es ist trotzdem so ein bisschen zweischneidig auf gewisse Art und Weise. Ich habe aber auch immer so den Aha-Moment gehabt, eigentlich ist, glaube ich, die Vereinbarkeit Beruf Familie eher eine westdeutsche Debatte, die soll geführt werden. Unbedingt. Unbedingt, weil wir alle davon profitieren, als Frauen vor allem, aber auch als Männer oder beide sogar zugleich.
Aber genau, weil ja, wie bei euch, sich die Frage irgendwie gar nicht stellt. Aber da brauchte ich auch wieder so diesen Reflexionsmoment eines Artikels, weil ich sollte dann, wurde gebeten, darüber zu schreiben, ich als ostdeutsche Frau. Ich hatte da schon so ein paar Sachen drüber geschrieben, ich als ostdeutsches Nachwendekind und war dann so, ostdeutsche Frau spielt, glaube ich, keine Rolle, weiß ich jetzt nicht.
Reflexion über die eigene Identität
Und dann bin ich halt so zu meiner WG, also meiner WG, wo ich damals noch gelebt habe, bin ich zu meiner Mitbewohnerin gegangen, die aus Westdeutschland kommt, und habe sie gefragt, sag mal, waren deine Eltern eigentlich lange zu Hause oder deine Mutter? Und sie so, ja, zehn Jahre. Ja, okay, genau. Dann hatte ich diesen Moment, den ihr gerade beschrieben habt, so dieses, ah, okay, das ist ein Unterschied. Und da bin ich aber richtig froh drum.
Also ich bin dankbar dafür, dass da wirklich bei mir, also ich kann mir nicht vorstellen, sollte ich mal Kinder haben, dass da irgendeine kleine Stimme in meinem Kopf flüstert, so Rabenmutter. Bis zur Schule. Ja, also das höre ich von vielen westdeutschen Freundinnen, dass selbst wenn die sich dafür entschieden, dass du in Skandinavien kommst.
Unterschiede in der Erziehung
Also ich habe auch eine Freundin, die lebt in Stuttgart, die hat dann nach anderthalb Jahren entschieden, ihr Kind in die Betreuung zu geben. Und ich meine, das ist für unsere Verhältnisse ja schon eher spät. Die hat auch zwischendurch hier in Leipzig eben auch studiert. Und die wurde da richtig verurteilt für da vor Ort. Und da habe ich auch gedacht, krass, also da sind immer noch so große Unterschiede.
Und du hast natürlich aber trotzdem recht, also es hat ja niemand in der DDR gesagt, das machen wir jetzt für die Frauen. Es gab natürlich andere Gründe, das zu tun. Das ist, glaube ich, auch wichtig, das nochmal zu sagen. Und natürlich ist es ja immer gut, wenn Frauen sozusagen die Wahl haben. Und wenn du auch nicht immer alles unter einen Hut kriegen musst.
Denn ich glaube, das ist ja die andere Seite dieser starken weiblichen Vorbilder, dass man, also mir ging es zumindest so, ich habe so ganz lange gedacht, okay, das muss auch alles gleichzeitig gehen. Und so Arbeit reduzieren, nee, auf keinen Fall. Also ich habe jetzt ein Kind und die Arbeit läuft aber einfach trotzdem so weiter.
Eigener Weg und Selbstverständnis
Und dann glaube ich auch selber da in diesem, so bin ich groß geworden. Und das ist die andere Seite, irgendwie seinen eigenen Weg zu finden. Das ist ja sowieso, glaube ich, Aufgabe von uns allen, das ganze Leben lang. Ja, ich würde sagen, ich glaube, ich finde es gut, dieses Selbstverständnis mitgegeben bekommen zu haben, auch aus dieser Sozialisierung aus dem Osten heraus, dass man als Frau, Mutter, einen Job haben kann, darf, eine Karriere machen kann, dass es voll in Ordnung ist.
Aber das dann auch mal immer mit sich auszuhandeln und vielleicht auch einzugestehen, ich kann aber eigentlich gar nicht alles leisten. Und das ist ja in gewisser Art und Weise dann vielleicht die Weiterentwicklung davon von der Gegebenheit, aus der man selbst heraus erwachsen geworden ist. Voll. Ich glaube, so auf persönlicher Ebene, aber dann würde ich das so voll unterschreiben.
Politische Perspektiven
Und dann ist so die Frage, was du aber so politisch förderst. Und da denke ich mir, sollten wir erst noch zu diesem ersten Schritt kommen, dass Frauen mit Kind auch arbeiten können. Aber gewisserweise finde ich schon, kann man hier was vom Osten lernen, von Ostfrauen vor allem. Das finde ich eigentlich ganz schön.
Gibt es noch was, wo du sagst, auch vielleicht angesichts in der aktuellen Debatte, eigentlich müssen wir uns da jetzt nicht klein machen, sondern wir können auch hier aus uns selbst heraus was lernen, auch vielleicht unser Ostbewusstsein zurückgreifen und versuchen, nach vorne zu gehen? Ich glaube, es ist ganz viel.
Lehren aus der DDR
Also einerseits natürlich aus der DDR noch, das kommt ja aus der DDR, so die Frauenrolle, so ein bisschen. Da werden ja ganz oft die Polykliniken genannt, die jetzt einfach medizinische Versorgungszentren sind. Oder halt auch einfach die Frage, genau, was macht es denn eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn eben nicht alles so auf Profit ausgerichtet ist? Ich glaube, da kann man schon was lernen. Lehrbetreuung hast du ja jetzt gerade auch schon gesagt, finde ich, ist ein super Beispiel.
Ganz genau. Und ich finde aber auch, jetzt kann man einfach natürlich ganz viel von Ostdeutschland lernen. Nämlich, wie gehen wir denn mit den ganzen Entwicklungen um? Also das macht für mich halt so einen Unterschied, ob man sagt, wir reden über Ostdeutschland oder ob man einfach so die ostdeutsche Perspektive sichtbar macht.
Sichtbarkeit der ostdeutschen Perspektive
Also was ich mit dem Unterschied meine, ist, es gibt Erhebungen dazu, auch eine von der Uni Leipzig und Hoferichter und Jacobs, dass schon jetzt mehr über den Osten geredet wird, aber dass es immer noch so sehr punktuell passiert, immer zu den jeweiligen Jahreszeiten, also so im Herbst, wenn die Jubiläen anstehen, heutige Deutschseinheit, ganz genau, Mauerfalljubiläum, noch manchmal so ein bisschen.
Und nach irgendwelchen Wahlen, aber dass eben der Osten kein Teil der kontinuierlichen Berichterstattung ist. Und ich glaube, das ist einfach wichtig. Also, dass eben nicht nur Markus Söder gefragt wird zu seiner Meinung zu politischen Entscheidungen, sondern irgendwie auch ein ostdeutscher Ministerpräsident, immer und ostdeutsche Ministerpräsidenten.
Strukturelle Merkmale im Osten
Also der Osten ist zwar in sich noch so total verschieden, aber die haben einfach einige Strukturmerkmale, alle fünf Länder, die sich ähnlich sind. Und deswegen sollte man wenigstens eine Stimme da so mit reinnehmen. Und was man dann eben lernen kann, ist, wie es den Leuten dann halt so vor Ort geht. Und das sind ja natürlich auch Dinge, die es auch im Westdeutschland gibt.
Und da kann man halt auch ganz viel lernen. Also ich finde einmal natürlich, wie es den Ostdeutschen geht, aber halt auch so für Westdeutschland. Also gerade wenn man sich die aktuellen politischen Entwicklungen anguckt.
Politische Fragen und die AfD
Also ich wünschte, dass wir einfach vor zehn Jahren, als die AfD begann, im Osten so stark zu werden in Sachsen-Anhalt, dass wir angefangen hätten, die richtigen Fragen zu stellen. Nämlich, welche politischen Entscheidungen führen dazu, dass die AfD so stark ist, damit man damit umgeht, damit man Antworten findet. Ich habe die jetzt nicht, weil ich das Gefühl habe, die richtigen Fragen also ich hätte vielleicht ein paar Ideen, aber die richtigen Fragen wurden halt gar nicht gestellt.
Und es muss ja auch von der Politik her irgendwie kommen. Aber stattdessen wurde immer so sich darüber gebeugt, als sei der Osten so ein Patient auf der Therapiebank und gesagt, was ist mit den Ostdeutschen los? Später wollen sie ein bisschen nettere Kindergartenfragen. Was habt ihr denn so erlebt, dass ihr jetzt so wählt? Aber immer halt dieses, so eure Vergangenheit, eure Psyche, anstatt halt politische Fragen zu stellen.
Umgang mit neuen politischen Realitäten
Und ich glaube, wenn man das halt macht, dann kann man erstens erkennen, was da Gefährliches passiert. Ich glaube, wenn man da auch als Medienöffner hingeguckt hätte, vielleicht wäre das auch irgendwie anders gewesen. Ich glaube auch, dass man in Ostdeutschland jetzt die Antworten darauf finden muss, wie wir mit unseren neuen politischen Realitäten umgehen.
Weil da eben auch die Menschen sind, die einfach schon länger Antworten suchen. Auch zum Stichwort, wie bleiben wir im Gespräch? Also ich habe aus Ostdeutschland schon zu einem Zeitpunkt, wo in einigen Kreisen noch pauschal gesagt wurde, wir dürfen nicht mit Rechten reden, habe ich in Ostdeutschland die ganze Zeit die Stimme gehört, na, wie soll denn das gehen? Das sind halt unsere Nachbarn.
Dialog und Austausch
Und da wurde dann, wurde man schnell abgewatscht, anstatt halt vielleicht zu sagen, ja, okay, wie macht ihr das denn? Und wie führt man, also die Fragen, die wir jetzt gerade besprochen haben, wie macht man denn das? Denn wie führt man denn dieses Gespräch? Und hätten wir das vielleicht auch schon vor zehn Jahren gemacht, wären wir auch vielleicht an einem anderen Punkt.
Jetzt reden wir drei nicht nur vier über Ostdeutschland. Beruflich sind wir auch alle vier in Sachsen-Anhalt unterwegs. Privat vielleicht auch oft auch mal auf Familienfeiern. Aber wann das letzte Mal so richtig privat, wann hast du das letzte Mal was entdeckt, nur für dich in Sachsen-Anhalt?
Entdeckungen in Sachsen-Anhalt
Ich bin sehr oft tatsächlich privat in Sachsen-Anhalt. Da steht das Haus meiner verstorbenen Oma. Und da gehe ich ganz oft hin, zum Arbeiten und zum Leben. Und habe da, als ich im Sommer mal da war, bin ich da spazieren gegangen auf den einen kleinen Hügel, dessen Namen ich jetzt gerade vergessen habe, der da in der Nähe ist. Und genau, es ist einfach eine wunderschöne Gegend.
Wie war es bei dir? Ach, würde ich mich gerade fragen. Nee, du machst es ernst. Ja, natürlich, kommt das immer so ein bisschen zu kurz. Also ich bin schon in Sachsen-Anhalt, aber dann halt so, das meinte ich gerade, gemischt, beruflich, privat, wahrscheinlich gemischt, beruflich, privat. Genau.
Verbindung von Beruf und Privatleben
Also wenn ich es schaffe, versuche ich es auch zu verbinden. Wenn ich in die Freundeswohnung bin, dann meine Oma zu besuchen. Aber ich entdecke dann ja irgendwie nichts Neues. Und ich finde, manchmal ist man da auch dann trotzdem so ein bisschen blind von dem Bundesland, in dem man aufgewachsen ist.
Ich war aber letztens tatsächlich, das hat mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt, die auch gar nicht hier aus der Ecke ist, waren wir Weinwandern. Und tatsächlich ich war schon sehr oft im Saloonstrohgebiet, aber ich war noch nie Weinwandern. Das ist auch ein bisschen schräg. Und da musste ich mir eingestehen, dass das jetzt auch hier mein erstes Mal ist. Und das war aber sehr, sehr schön.
Naturerlebnisse und Freizeitaktivitäten
Das erinnert mich daran, ich war in der Nähe von Freiburg wandern und da gibt es so eine freilebende Wildpferdherde. Und das war echt ein bisschen cool. Also da hatte ich vielleicht so einen kleinen Fangirl-Moment, weil die sind auch super neugierig. Also du gehst dann so auf so eine Ebene und ich meine, das ist ja sowieso eine superschöne Region. Und du gehst auf so eine Ebene und dann kommen die so näher und du denkst so, sind wilde Pferde, wie verhalten die sich? Aber die waren echt sehr, sehr cool.
Und ansonsten bin ich tatsächlich gar nicht so selten privat unterwegs. Ich war letztens mit meiner Tochter im Erlebnispark in Memleben. Also wenn man mal so einen kleineren, das ist so eine Mischung aus Zoo und Rummel und so. Und die machen aber auch so Schnitzeljagd auf dem Gelände und so. Das war tatsächlich ganz süß. Hat das Potenzial für einen Lieblingsort für Kinder und Familien vielleicht.
Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt
Aber ich weiß, worauf du hinaus willst, weil wir fragen unsere Gäste nämlich immer nach ihrem Lieblingsort in Sachsen-Anhalt. Und das Haus deiner Oma zählt jetzt nicht mehr. Boah, da habe ich so viele. Da müsste ich mich jetzt entscheiden. Also was mir gerade noch so im Sinn kam, als ihr so erzählt habt, ist der Gutshof Linnstedt. Der ist in der Altmark. Da habe ich auch geheiratet, tatsächlich. Und bin da jetzt noch oft.
Das ist ein richtig schönes, altes, ausgebautes, ja, eine Scheune, wo die tolle Veranstaltungen machen, wo auch so ganz engagierte Leute hinterstehen. Das liebe ich sehr. Aber ich liebe natürlich auch Magdeburg. Deswegen musste ich jetzt auch was zu Magdeburg sagen. Und da war ich jetzt gerade auf dem Kulturbrücken-Festival. Und das war einfach kostenlos. Und ich konnte es einfach gar nicht fassen.
Aufruf an die Hörer
Also in Berlin gibt es sowas, wo ich mittlerweile lebe, gibt es sowas nicht. Tolle Lieblingsorte, würde ich sagen. Wobei ich hier einen kleinen Aufruf an der Stütte starten muss. Wir hatten in letzter Zeit sehr viele Magdeburg-Lieblingsorte. Liebe Menschen aus Halle, zu Recht. Liebe Menschen aus Halle, habt ihr auch Lieblingsorte in eurer Stadt oder in der Altmark oder im Süden Sachsen-Anhalt? Vielleicht auch im Mansfeld-Südharz? Man weiß es nicht.
Dann schickt ihn uns doch. Wir freuen uns über euren Input. Wir freuen uns auch, wenn ihr einen Held oder eine Heldin des Alltags habt, die einfach viel zu selten gesehen wird. Und vielleicht jetzt gerade in Zeiten, in denen wir uns gerade befinden, wichtig sind, einfach mal hervorzuheben und zu sagen, ihr macht einen richtig tollen Job für unsere Gemeinschaft hier im Dorf, im Viertel, wo auch immer.
Die E-Mail-Adresse von uns lautet dazwischen at detektor.fm. Oder ihr nutzt unseren WhatsApp-Kanal. Da könnt ihr uns zum Beispiel auch direkt eine Sprachnachricht schicken. Die Nummer findet ihr in den Shownotes.
Abschluss und Ausblick
Ja, danke, Valerie, dass du hier warst und das auch alles in dem WhatsApp-Status, was wir jetzt hier machen. Das kannst du ja übernehmen. Du möchtest ja WhatsApp-Journalismus betreiben. WhatsApp-Journalismus mit Valerie Schönjahn, jetzt hier bei Dazwischen. Nächste Woche nimmt euch Leonard mit auf eine Radtour. Und zwar durch die Hansestadt Werben an der Elbe. Er ist dort gemeinsam mit Gerolf von unserem Fahrrad-Podcast Antritt unterwegs gewesen.
Ja, was die beiden so in Werben erleben, vor allem wen sie unterwegs alles treffen und auch sprechen, das hört ihr in der kommenden Folge. Ich freue mich drauf. Macht’s gut.
Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast-Hosts Marie Landes und Katja Schmidt. Podcast-Redaktion Leonard Schubert. Cover-Design Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers, Benjamin Serdani, Stanley Beidauf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian Bollert. Musik.