Das kann man für die DDR ganz deutlich sehen: Menschen, die gute Kompetenzen hatten im Reparieren, die da viele Fähigkeiten hatten, dass die auch häufig in ganz hohem Ansehen genossen. Also, das war etwas, worauf man wirklich stolz sein konnte und wo man auch sicher sein konnte, dass andere einen dafür sehr anerkennen.
Egal ob Brotschneidemaschine oder Rührgerät: In vielen ostdeutschen Haushalten stehen noch Geräte, die schon seit über 40 Jahren durchhalten. Ja, und wenn die aus irgendwelchen Gründen doch mal nicht funktionieren, dann werden sie eben repariert. In der DDR haben Menschen, die Dinge reparieren konnten, viel Wertschätzung erfahren, und die fiel dann mit der Wiedervereinigung und der Wegwerfgesellschaft weg. Und jetzt ploppen an vielen Orten sogenannte Reparaturcafés auf. Sie sind Begegnungsorte, sie bringen Wertschätzung zurück und sind ein wichtiger Baustein der Gesellschaft. Und deshalb sprechen wir heute darüber, hier bei Dazwischen.
Vorher schauen wir aber, wie immer, kurz zurück: Was ist bei dir passiert seit der letzten Folge? Ich fand das ganz spannend. Wir haben ja in der letzten Folge über Grenzerfahrungen gesprochen, und ich habe am Wochenende meine Eltern getroffen. Die hatten gerade die Folge gehört, als wir uns trafen, und haben dann so ein bisschen erzählt. Meine Mutter sagte eben auch nochmal: Ja, das mit den Passierscheinen, das stimmt. Uns haben sie auch bis 14 in den Bus gesetzt. Na ja, und wenn man so 15 war, dann konnte man immer noch so ein bisschen so tun, als hätte man den Ausweis vergessen. Aber das ging dann natürlich nicht lange, und dann hatte man eben wirklich diese elende Nerverei mit diesen Passierscheinen. Also, das fand ich auch ganz spannend, weil das auch in der eigenen Familie nochmal so Gespräche aufmacht.
War das bei dir auch so? Jetzt so mit meiner Mama nicht, aber tatsächlich mit meinem Freund habe ich nochmal darüber gesprochen. Bisschen anders: Seine Oma kommt tatsächlich ursprünglich aus Sachsen-Anhalt. Die ist dann aber als kleines Kind, als die DDR sich gefunden hat, sag ich jetzt mal, als Staat, mussten die fliehen, weil die hatten Land, so Richtung Altmark, und die wurden enteignet. Und deshalb war da dieses über die Grenze und Familie zurücklassen nochmal immer ein bisschen anders. Thema, und da haben wir uns dann doch nochmal viel drüber unterhalten.
Ansonsten hatten wir zu diesem Thema ja auch eine kleine Umfrage. Anne hat die betreut und ist jetzt auch wieder bei uns im Studio. Hallo Anne! Hallo Marie, hallo Katja, schön dich zu sehen! Was kam denn bei der Umfrage diesmal raus? Ja, ich habe gefragt, ob die Teilung Deutschlands auch heute noch auf das Leben unserer Leser und Hörer eine Auswirkung hat. Und die Leute waren sehr geteilter Meinung. Also, ungefähr 50 haben ja geantwortet, aber gleichzeitig 40 mit nein, und der Rest war unentschlossen. Also, so fast 50:50 könnte man sagen.
Spannend! Du hast ja auch unser Postfach im Allgemeinen im Blick. Kam da noch was rein? Ja, Michael hat uns geschrieben. Den kennen wir aus der letzten Folge, denn er ist im Raum Helmstedt aufgewachsen und war ja der Impulsgeber für das Thema Grenzerfahrung. Und jetzt hat er uns geschrieben: Ich zitiere: „Dass ihr mein Thema aufgenommen habt und eine Folge dazu entwickelt habt, hat mir sehr viel bedeutet. Danke!“ Ja, sehr, sehr gerne! Und danke dir, Anne, und danke an alle, die mitgemacht haben oder uns eine Mail geschickt haben. Wenn ihr was loswerden wollt, Lob, konstruktive Kritik oder einen spannenden Themenhinweis habt, ihr wisst, schreibt uns eine Mail. Und wir suchen auch für unsere Kategorien immer Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt oder Heldinnen und Helden des Alltags. Unsere Mailadresse dafür lautet: dazwischen@detektor.fm. Ihr findet uns aber auch bei Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach detektor.fm suchen und uns eine Nachricht schreiben.
So, Marie, jetzt lass uns mal gar nicht lange aufhalten. Ich will heute nämlich mit dir ins südliche Sachsen-Anhalt nach Zeitz und zwar ins Krimskrams. Krimskrams, das kenne ich auch aus Leipzig. Das ist so ein Laden in der Georg-Schwarz-Straße. Genau, und diese Namensdoppelung, die ist kein Zufall, denn das Krimskrams gibt es mittlerweile in Leipzig, Halle, Wurzen und seit 2024 eben auch in Zeitz. Und die Idee ist erstmal an allen Orten die gleiche, nämlich, dass man da so einen Ort zur Verfügung stellen möchte, an dem Menschen Dinge abgeben können, die sie nicht mehr brauchen, die aber eben noch gut sind. Und andere Menschen können sich eben Materialien dort abholen, also zum Beispiel Bau- und Bastelmaterialien, um eben kreative Projekte zu starten.
Ja, und wenn es so einen Ort dann schon mal gibt, dann kann man natürlich diesen Ort auch nutzen, um Veranstaltungen oder Workshops zu machen. In Zeitz zum Beispiel findet ein Handarbeitstreff statt oder eine Kinderholzwerkstatt. Naja, und eben das Reparaturcafé, wenn ich dich richtig verstanden habe. Genau, also einmal im Monat findet das statt und das auch schon seit zwei Jahren. In Zeitz befindet sich das Krimskrams genau in der Innenstadt, so ein dunkelrotes Gebäude mit schöner Balustrade, und da steht in großen roten Buchstaben „Krimskrams“ dran. Vor der Tür steht noch ein großes Schild, auf dem steht „Reparier ab 4“. Und schon in dem Moment, wenn man eben diesen Laden betritt, da wird es ganz wuselig und laut. Und wenn man reinkommt, stehen gleich rechts Kaffee und Kuchen, denn es ist ja immerhin ein Reparaturcafé. Und wenn man noch ein Stückchen weiter geht, dann stehen da zwei Tische und überall hängt Werkzeug.
Ja, und ich war schon so kurz vor vier da, aber ehrlich gesagt, da war schon richtig die Hölle los. Da wurde fleißig schon getüftelt, und auf einem der Tische lag ein Vakuumierer, der gehörte der Rentnerin Ellen, die auch so ein bisschen aufgeregt daneben stand und zugeschaut hat, wie Reparierer Thomas den Vakuumierer untersucht hat. „Einschleusen geht ja noch, aber die Luft rausholen, schalte automatisch um, was ich weiß, wo du hinmachst. Das gibt es nämlich welche, die machen das automatisch, die schalten das um. Ich habe nie zugeguckt, wenn er das gemacht hat, weil er da auch immer genascht hat dabei, Gehacktes und Aufschnitt und alles sowas. Ich komme nicht wieder und frage, wie war denn das? Wie haben Sie mir das erklärt? Ich weiß, ich habe doch noch mehr zu stehen. Ich komme immer stückchenweise. Da habe ich immer einen Grund, hierher zu kommen. Da ist es nicht so langweilig im Leben.“
Also, das klingt so, als wäre der Vakuumierer wieder repariert. Und es klingt auch so, als ging es da auch um Begegnungen und ins Gespräch kommen. Das scheint ja irgendwie in sehr vielen Orten zu stecken, die wir schon besucht haben. Ich sage nur Mitmachlokal Dessau, Dorfladen Dersheim. Hört da gerne auch noch mal in die Folgen 3 und 5 rein. Auf jeden Fall! Also, es ist auch wirklich so angelegt, dass die Leute da eben nicht einfach hingehen, ihre Sachen abgeben und dann irgendwann später wieder abholen, sondern dass sie eben auch mit da bleiben und eben auch mit zuschauen und dadurch eben ins Gespräch kommen. Also, Ellen, das fand ich total interessant. Die wusste auch noch vom letzten Mal, wer da wo im Urlaub war. Und eben auch die Reparierenden untereinander, die tauschen sich aus. Also, wenn da jemand mal nicht weiterkommt, dann sprechen die miteinander und versuchen dann eben auch gemeinsam eine Lösung zu finden. Und ich glaube, das ist schon auch ein großer Teil dessen, warum die Leute das machen. Der andere Teil ist ja aber eben das Reparieren. Das muss man aber auch erst mal können.
Was für Menschen reparieren denn da in Zeitz? Das ist ein relativ festes Team von so ungefähr fünf Menschen, vor allem Männer. Und ich habe an dem Tag mit Thomas und Bert gesprochen, beide so Mitte 60, beide in Rente oder so kurz davor. Und beide schon aus so technischen Berufen, also Instandsetzungsmechaniker und Elektro-Konstrukteur, aber vor allem eben mit einem großen Interesse am Reparieren. Und deswegen haben sie sich das auch viel selber angeeignet. Ja, okay. Aber was ist deren Motivation, das in so einem Café für andere zu machen? Die Frage habe ich Bert und Thomas auch gestellt. Naja, erst mal ist es der Ehrgeiz, dass irgendwas, was kaputt gegangen ist, wieder irgendwie funktioniert. Und man muss natürlich nicht alles wegschmeißen. Das ist ja auch noch so ein bisschen unsere Überschrift hier auf das Reparaturcafé. Aber ich habe auch so einen Hintergedanken: Ich will hier dabei auch noch was lernen. Was von anderen Kollegen, sag ich jetzt mal, sind ja nicht meine Kollegen. Ja, was der eine nicht weiß, weiß der andere. Wie fühlt man sich, wenn man was repariert hat? Toll! Merken sie ja gerade: Ich habe gerade was geschafft. Ich bin schon wieder in Hochform. Also, das hat man schon auch gemerkt. Das macht denen wirklich Spaß. Die tüfteln gerne, die wollen auch lieber reparieren als etwas, was eigentlich noch geht, wegzuschmeißen. Und dazu gibt es eben noch diesen Austausch und das Miteinander.
Und was ist noch so auf deren Werkbank gelandet, als du da warst? Es kam noch ein Rasentrimmer, ein Toaster. In so einem alten Schrank stand auch noch ein altes Röhrenradio. Das war richtig cool. Das haben sie inzwischen mal rausgeholt. Das ist so ein Langzeitprojekt, weil die irgendwie die Röhren noch bestellen müssen und dann da reinbauen. Also, es war wirklich cool. Und dann kam noch eine ältere Dame, die etwas auspackte, was ich so noch von meiner Oma kannte. „So, und was ist da rausgekommen? In der Kutschnette noch.“ Ach so, da wollten wir losstarten und dann macht sie 500. Das hört sich dann meistens wieder nach einem kaputten Kabel an. Also, ich bin mir sicher, du kennst die auch noch. Das ist so ganz typisch DDR, Marke A K A. So ein weißes oder helles Kunststoffgehäuse mit so einem Drehknopf, um die Dicke der Brotscheiben einzustellen. Hast du das schon mal gesehen? Ja, stand ganz lange bei uns in der Speisekammer und hatte ich als Kind große Angst vor, daran mir die Finger zu schneiden. Wurde ja auch immer gesagt. Dabei gab es, glaube ich, sogar eine Kindersicherung. Ja, die war wirklich scharf. Ja, unbedingt! Und besonders spannend fand ich die Antwort auf meine Frage, wie alt diese Maschine denn ist. „Also, mindestens 20 Jahre.“ Das geht gar nicht! 35 Jahre, immer 40. Ich würde sagen, die haben ja auch noch länger. Ja, das ist ordentlich. Also, ich kaufe tatsächlich nicht so oft neue Geräte und habe auch oft dann die alten, zum Beispiel von meiner Mama, übernommen oder so. Aber so alt ist dann, glaube ich, doch kein Gerät mehr bei mir zu Hause. Ja, also ich habe auch gedacht, ich habe, glaube ich, nicht mal ein Gerät, was halb so alt ist, ehrlicherweise. Und dass so ein relativ einfaches Gerät dann 40 Jahre hält, das finde ich schon bemerkenswert.
Ja, jetzt die große Frage: Haben Sie die Brotschneidemaschine auch wieder hinbekommen? Ich mache das mal wie in einer guten Serie und baue hier einen kleinen Cliffhanger ein, und ich verrate es dir dann am Ende dieser Folge. Denn so nett es im Reparaturcafé war, ich hatte ja eigentlich für diese Folge eine etwas größere Frage. Ich wollte nämlich wissen, welchen Stellenwert hatte das Reparieren denn eigentlich in der DDR und ist das so etwas typisch Ostdeutsches? Und in meiner Recherche bin ich auf die Historikerin Reinhold Kreis gestoßen. Die hat sich nämlich ganz viel mit diesem Thema beschäftigt. Unter anderem hat sie eine Publikation herausgebracht, die heißt „Die DDR ist unser Haus: Reparieren und instand setzen als sozialistische Gemeinschaftsaufgabe“. Und das klingt ja schon mal so, als hätten die Ostdeutschen tatsächlich einen ganz besonderen Bezug zum Thema. Und deswegen habe ich Reinhold Kreis auch zuerst gefragt, was dran ist an dem Klischee.
Ich denke, da ist sehr viel Wahres dran. Man wird nicht als ostdeutsche oder westdeutsche Person in dem Sinne geboren, mit einem spezifischen Reparaturverständnis oder sowas. Und auch sowas wie die Lust am Reparieren, am Heimwerken, das ist ja in der Bundesrepublik, wenn ich die mal als Vergleich heranziehe, nichts Ungewöhnliches. Also auch da ist das ein boomendes Segment. Die Leute fangen an, heimzuwerken. Es wird ein riesiger Markt und eine große Freizeitbeschäftigung. Aber in manchem unterschieden sich die Bedingungen in der DDR sehr und damit auch die Notwendigkeiten. Die Bereitstellung von Gütern und die Wünsche der Menschen, was sie gerne hätten, die klafften oft sehr, sehr weit auseinander. Das heißt, eine Motivation, die in der Bundesrepublik nicht so stark gegeben war, in der DDR aber eben sehr stark war, sich Dinge zu verschaffen, die man gerne hätte, die man aber eben nicht kaufen konnte. Und das ist unglaublich interessant zu sehen, was daraus erwachsen ist. Vor ein paar Jahren gab es zum Beispiel mal eine ganz tolle Ausstellung im Stadtmuseum von Jena zum Thema „Selbstgemacht“ in der DDR. Und wenn man sich das anschaut, was dort ausgestellt worden ist, das war teilweise wirklich extrem beeindruckend. Also, das reicht von sehr einfachen Gegenständen, aber eben auch bis dahin, dass Leute gesagt haben: Okay, ich hätte gerne eine Kreissäge. Die scheint mir dringend notwendig zu sein. Ich kann aber keine kaufen. Also sehe ich doch mal zu, ob ich nicht aus dem Motor von einer alten Waschmaschine, die ich habe, und irgendwelchen anderen Gerätschaften, ob ich mir das nicht selber bauen kann. Und also beim Reparieren gilt Ähnliches. Also, wenn klar ist, dass man nicht jederzeit im Laden alles nachkaufen oder neu kaufen kann, was man will, dann macht es einfach Sinn, das zu reparieren und diese entsprechenden Kenntnisse auch zu haben.
Ja, und es gab ja auch ein anderes gesellschaftliches System. Das hat doch sicher auch eine Rolle gespielt, oder? Also, wenn man sich die Ideologie des Sozialismus anschaut, da war es nie ein Ziel zu sagen, es soll Angebote in den Läden geben, Moden, die jedes Jahr wechseln, neue Modelle, die permanent herauskommen, sondern die Idee des Sozialismus im Bereich der Versorgung mit Gütern und mit Dingen des täglichen Bedarfs war ja die, dass alle Menschen gut versorgt sein sollten, aber auch, dass es nicht darum ging, sich über diese Dinge voneinander zu unterscheiden. Und dementsprechend hat auch so eine Kultur von Reparatur in diesem Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, sage ich jetzt mal, das einfach ganz anders gelagert ist als das im Kapitalismus, wo Unternehmen ständig darauf hinwirken, dass Menschen sagen, sie haben zwar irgendwas, das funktioniert vielleicht auch noch, aber sie wollen die Menschen dazu anregen, Neues zu kaufen. Das ist eine Art von Denken und auch von unternehmerischem Handeln, was man in der DDR überhaupt nicht kannte. Also auch Werbung hat in der DDR ja ganz anders funktioniert und war nicht darauf angelegt, Menschen zum permanenten Neukauf zu verleiten. Und auch da speist sich, glaube ich, ein spezifisch ostdeutsches Reparaturverständnis heraus. Gleichzeitig herrschte auch eine ausgeprägte Handwerkerknappheit. Also, es war bei vielen Tätigkeiten auch nicht so ohne weiteres möglich, einen Handwerksbetrieb einfach mal nach Hause zu stellen und zu sagen: „Können Sie mal dies machen? Können Sie mal jenes machen?“ Das ging nicht so einfach, sondern da lief vieles entweder über Beziehungen, dass man einfach in Wechselverhältnissen sich ausgetauscht hat: einem wird geholfen, man hilft anderen. Aber es war dann eben auch sehr sinnvoll, selbst viel machen zu können. Und weil eben Handwerkermangel herrschte und weil aber gleichzeitig auch ein hoher Bedarf da war, Bausubstanz zu verbessern oder instand zu halten, auch neuen Wohnraum zu schaffen, war auch dem Staat sehr viel daran gelegen, dass die Menschen selber reparierten oder heimwerkerisch tätig wurden. Also, das heißt, da gab es auch Anreize, da gab es Programme, um das zu fördern, dass Menschen das in ihrer Freizeit selber übernahmen.
Also so etwas wie Reparaturstützpunkte, wo man sich Materialien und Werkzeuge ausleihen konnte. An einer Sache bin ich hängengeblieben, nämlich die Frage: Wer repariert denn eigentlich? Denn das hat ja sicherlich auch mit so gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zu tun und damit ja auch so ein bisschen mit einem Abbild unserer Gesellschaft als solcher. Das war sehr mannigfaltig, je nachdem, in welchen Bereich man auch schaut. Also, es gibt zum Beispiel interessante Studien über das Autobasteln und Autoreparieren in der DDR. Und wenn man da zum Beispiel mal auch in Fotografien oder sowas reingeht, dann sieht man, das sind hauptsächlich Männer, die am Wochenende oder nach Feierabend zusammenstehen und auch gemeinschaftlich da sich so ein Auto mal angucken und schauen, was man da so machen kann. Also, das war eine relativ stark männerdominierte Angelegenheit. Wenn man jetzt dann so ins häusliche Reparieren reingeht, da wird die Gemengelage sehr viel unübersichtlicher oder sehr viel gemischter, könnte man auch sagen. In der DDR gab es zum Beispiel schon in den 60er Jahren eine Bohrmaschine, eine Bohrpistole, hieß sie, aus Schmalkalden, wo auf der Verpackung eine Frau zu sehen war, die bohrt und kein Mann. Also, das war, wenn man das international auch vergleicht, ziemlich früh, dass da ganz selbstverständlich auch davon ausgegangen wurde, dass Frauen das genauso gut können. Die Quellen geben allerdings den Eindruck, dass es da doch auch insgesamt bei solchen Fragen von Reparieren, gerade im Zusammenhang mit Mobilität oder mit Wohnraum, dass das doch ganz stark auch eine männerdominierte Sache in vielem war. Also, wenn man sich in so Zeitschriften, wenn man die anguckt, wie die Praktik, also eine Heimwerkerzeitschrift der DDR, dann sind das ganz überwiegend auch Männer, die da zum Beispiel hinschreiben und Vorschläge gemacht haben, Tipps gegeben haben, aus ihren eigenen Erfahrungen berichtet haben.
Ich finde, daraus kann man ja auch ein bisschen was ableiten zu der Bedeutung von Reparieren. Was ich in dem Zusammenhang sehr spannend fand, sind zwei Dinge. Das eine: Ich habe mir mal für die Berliner Zeitung die Kontaktanzeigen ausgewertet. Und es war doch sehr auffällig, dass es einen substanziellen Teil von Kontaktanzeigen von Frauen, die einen Mann suchten, gab, wo drin stand, dass handwerkliche Kenntnisse erwünscht sind. Also, dass das etwas ist, was man bei einem Mann auch sucht. Handwerklich zu sein, das drauf zu haben, das war schon auch eine attraktive Qualität von Männern. Ganz maßgeblich ist das Freude haben und auch sich gut fühlen und das auch zum Teil einer Identität werden zu lassen, abhängig davon, wie reagiert das Umfeld darauf. Und das kann man für die DDR ganz deutlich sehen: Menschen, die gute Kompetenzen hatten im Reparieren, die da viele Fähigkeiten hatten, dass die auch häufig in ganz hohem Ansehen genossen. Also, das war etwas, worauf man wirklich stolz sein konnte und wo man auch sicher sein konnte, dass andere einen dafür sehr anerkennen.
Mir ist im Gespräch mit der Historikerin Reinhard Kreis nochmal klar geworden: Diese Wertschätzung, diese Anerkennung für Menschen, die Dinge gut reparieren können, die fiel dann mit der Wiedervereinigung eben weg. Und das hat natürlich auch schon was mit den Menschen gemacht. Kann ich mir sehr gut vorstellen. Und ich finde es aber unabhängig davon wahnsinnig interessant, dass das jetzt irgendwie ja nicht nur so eine Frage ist, mit der wir uns jetzt hier in der Folge beschäftigen, sondern dass sich wirklich damit auch eine Historikerin wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. Und Partneranzeigen dafür analysiert. Was die Wissenschaft so tut! Abgefahren! Kann man dann jetzt sagen: In Zeitz kehrt diese Wertschätzung wieder zurück. Lass uns doch nochmal in das Reparaturcafé schauen. Ja, gerne! Denn ich muss echt zugeben, ich fand diesen Nachmittag da total spannend. Du erinnerst dich ja vielleicht an die Brotschneidemaschine. Die hat Thomas dann erstmal so auseinandergebaut, und ich fand es total irre, wie einfach die aufgebaut ist, was ja irgendwie auch Sinn ergibt, denn umso weniger Teile, desto weniger kann ja auch kaputt gehen. Und in dem Moment, als Thomas sie dann aufgemacht hat, hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass die Maschine nicht im eigentlichen Sinne kaputt ist, sondern dass ein ganz kleines Verschleißteil einfach aufgebraucht ist. Am Antrieb von dieser Maschine sind nämlich so kleine Grafittstifte, die nutzen sich eben nach und nach ab, und die werden von der Feder eigentlich immer so nachgeschoben. Und was jetzt halt passiert ist, ist, dass einer von diesen Grafittstiften nach 40 Jahren dann doch einfach alle war.
Ja. „Hier ist es, hier sehen Sie bloß die Feder. Die Kohle ist alle. Das gibt es auch in der Waschmaschine.“ „Gibt es ja, ja. Sehen Sie, hier ist sie noch da. Hier ist sie noch dran.“ „Also, die ist abgearbeitet. Das war jetzt vom Material her, das gäbe 50 Cent.“ Abgefahren! Heißt, wenn man dieses kleine Teil noch hätte, würde die 40 Jahre alte Maschine immer weiter laufen. Ja, das fand ich auch verrückt und eben auch so ein bisschen schade, dass es dann daran quasi scheitert. Aber die Besitzerin der Brotschneidemaschine, die war jetzt nicht über alle Maße traurig. Die hat mir auch gleich erzählt: „Ach, ich habe mir eigentlich schon eine neue Maschine gekauft. Ich wollte die eigentlich nur mitnehmen, weil ich arbeite in der Gemeinde und da müssen wir manchmal Schnittchen schmieren, und da wäre es irgendwie praktisch gewesen.“ Also, ich hatte auch da so ein bisschen das Gefühl, es ging eigentlich vor allem darum, dass man sich da so ein bisschen austauschen kann.
Okay, und ich höre ja auch, es geht ja eben nicht nur ums Reparieren, sondern auch um gemeinsame Erinnerungen, weil diese Brotschneidemaschine, die kannten die anderen ja sicher auch. Und vielleicht ein bisschen Faszination fürs Tüfteln und Basteln, aber auch mal gucken, wie das eigene Gerät so aufgebaut ist und am Ende einfach die Begegnung mit den Leuten dort vor Ort. Und wie wichtig solche Orte für die Menschen, aber auch für unsere Demokratie sind, das haben wir ja in unserer dritten Folge schon besprochen. Da hat der Soziologe Reinhard Mante gesagt: „Ohne diese Begegnung mit Fremden stirbt unsere Gemeinschaft.“ Hört da gern nochmal rein. Und ich habe das Gefühl, das ist ja das Gleiche. Genau! Also, das Krimskrams in Zeitz ist auf jeden Fall auch einer von diesen dritten Orten, über die wir da gesprochen haben. Und mit dieser Materialsammlung und auch den anderen Veranstaltungen kommen da eben wirklich Menschen zusammen.
Ich habe auch nochmal mit einer der Projektleiterinnen gesprochen, Katrin von Oh, und die hat gesagt: „Das Reparaturcafé ist wirklich so ein Selbstläufer. Ich würde sagen, die Leute kommen ins Gespräch miteinander. Das hat allein damit zu tun, dass man nicht was Kaputtes abgibt und dann kommt man eine Stunde später wieder oder eine Woche später und holt es ab, sondern man schaut dabei zu. Man sieht zum Teil zum ersten Mal, wie es im eigenen Radio so aussieht. Und das klappt auf jeden Fall ziemlich gut. Es gibt auch Leute, die kommen wegen Kaffee und Kuchen vorbei. Irgendjemand meinte mal: „Ach, morgen ist wieder Reparaturcafé, da muss ich schnell noch was kaputt machen.“ Das ist natürlich gut! Also, ich hoffe, niemand macht da extra was kaputt, sondern geht dann einfach so hin, wenn es nicht Kaffee oder Kuchen gibt. Nach dem Nachmittag würde ich das nicht ausschließen. Ich hatte schon das Gefühl, es gibt so Menschen, die kommen dann auch jedes Mal. Da muss man immer zumindest mal gucken, was man noch so mitbringen könnte.
Na gut, aber ich finde es eine total schöne Idee und auch ganz grundsätzlich einfach, dass man, ich weiß nicht, gewinnt ja auch bestimmte Geräte vielleicht lieb, weil man gern mit denen kocht oder was im Garten macht und dann das nicht einfach wegzuwerfen, sondern zu wissen: Ich kann da hingehen und an dem Ort fühle ich mich auch noch wohl und kann da ein bisschen schnacken und dabei wird mein, weiß ich nicht, liebgewonnener Mixer oder so noch repariert. Das ist doch toll! Unbedingt! Und für die Reparierer ist es eben doch so eine Wiederkehr der Wertschätzung. Du hast es ja vorhin schon so gesagt, und das spielt auch wirklich eine große Rolle. Also, ich habe mir dann so gedacht: Stell dir mal vor, du hast immer so ganz großes Lob für irgendwas bekommen, was du richtig gut kannst, und plötzlich interessiert das einfach keinen mehr. Also, die Leute, die da reparieren, die haben natürlich auch trotzdem immer weiter im Privaten getüftelt oder Dinge repariert. Aber im Reparaturcafé bekommen sie jetzt eben wieder mehr Anerkennung. Man repariert jetzt für Leute, die man gar nicht kennt, und das ist auch ein bisschen aufregend. Und man kann da auch ziemlich leicht unter Druck geraten, weil man das Gefühl hat, das muss jetzt auch klappen. Aber wenn es dann klappt, ist es natürlich was ganz anderes, wenn jemand dann irgendwie „Dankeschön“ sagt, die man sonst auch nie begegnet wäre. Also, das Wertschätzung, Dankbarkeit, Wertschätzung für die Gegenstände und für die Menschen. Da kann man sich vorstellen, dass auf dieser Grundlage bei einem Stück Kuchen und einem Kaffee sehr wichtige Begegnungen stattfinden.
Ja, und das ist auch ein ganz wichtiges Instrument gegen Einsamkeit. Wir haben ja Ellen am Anfang dieser Folge gehört. Sie hat gesagt: „Ich komme immer stückchenweise, da habe ich einen Grund, hierher zu kommen, und dann ist es nicht so langweilig im Leben.“ Und ich finde, da merkt man eben schon, dass solche Orte auch wirklich einfach eine wichtige Rolle spielen. Auf jeden Fall! Und das gerade auch in Sachsen-Anhalt, wo teilweise Dörfer und Angebote aussterben, ist Einsamkeit ein großes Thema, dem wir uns auch in einer zukünftigen Folge widmen wollen.
Ja, lass uns nochmal zusammenfassen. Das Reparaturcafé ist also ein richtig besonderer Ort für viele Menschen, und ich finde, das passt ja auch ganz gut, denn hier im Podcast sammeln wir ja Tipps von euch für besondere Menschen und Orte, die man kennen sollte. Und einige stellen wir natürlich auch vor. Ja, diese Woche haben wir einen neuen Lieblingsort, nämlich von Annika aus Kochstedt. Kochstedt, das ist ein Ortsteil von Häcklingen im Salzlandkreis. Von dort braucht man mit dem Auto nur eine gute halbe Stunde zu Annikas Lieblingsort. Was für uns im Sachsen-Anhalt das Lieblingsausflugsziel ist, so als Familie mit zwei Kindern und Hund, würde ich sagen, die Burg Regenstein im Harz. Die besondere Felsenburg ist nämlich direkt in den Sandsteinen gehauen und hat Treppen, Räume, Gänge, in denen vor allem unsere Kinder immer wieder ein kleines Abenteuer erleben können. Oben genießen wir anschließend die Aussicht, da alle genug Platz zum Entdecken und Toben haben. Für uns immer wieder die perfekte Mischung aus Natur, Geschichte und Abenteuer und jedes Mal wieder ein richtig schöner Familientag. Vielen Dank, Annika, für diesen Lieblingsort!
Ja, und habt ihr auch einen? Dann her damit! Schickt uns eine Mail oder, noch besser, schickt uns eine Sprachnachricht an dazwischen@detektor.fm. Nächste Woche geht es bei uns ums Geld, denn wir beschäftigen uns mit Fonds und Stiftungen in Sachsen-Anhalt. Die übernehmen ja oft Aufgaben, die der Staat oder der Markt nicht vollständig abdecken. Jetzt haben wir aber ein folgendes Problem: In Ostdeutschland gibt es nämlich viel weniger und vor allem auch nicht diese großen Stiftungen. Die großen Stiftungen wiederum kennen sich in Ostdeutschland aber oft nicht so gut aus, und Stiftungsarbeit läuft oft über Kontakte oder Netzwerke, und auch darin gibt es viel weniger Ostdeutsche. Was das für ein Land wie Sachsen-Anhalt bedeutet und was für Initiativen sich auf die Fahne geschrieben haben, die Situation zu verbessern, das hört ihr in der nächsten Folge. Ich freue mich drauf! Bis dann! Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund Podcast. Hosts: Marie Landes und Katja Schmidt. Community-Redakteurin: Anne Koslowski. Arkneig Podcast Redaktion: Leonard Schubert. Cover Design: Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik: Florian Sievers. Audioproduktion: Benjamin Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.