Wir haben heute eine statistische Lebenserwartung als Frau von 85 Jahren. Und wenn eine Geburt, die kostet uns ja extrem viel Kraft. So ein Kind, so lieb wir sie haben, aber die betreiben Raubbau auch an unseren Körpern. Also uns fehlen ganz viele, ich sag jetzt mal, Nährstoffe. Uns fehlt Blut und so weiter. Und wenn wir nicht die Möglichkeit haben zu heilen, dann setzen wir mit der Geburt schon einen Meilenstein in unserem weiteren Leben. Was bedeutet, dass wir nicht in Gesundheit altern können, sondern es fängt dann irgendwann an, dass wir wirklich klapprig und gebrechlich werden. Und warum? Ich bin der festen Überzeugung, weil uns einfach niemand die Chance gegeben hat, wirklich wieder in die Kraft zu kommen.
Mama konkret, der Podcast. Und damit herzlich willkommen! Das ist Mama konkret. Der Podcast von Julitane und dem Podcast Radio detektor.fm. In der letzten Folge von Mama konkret haben wir darüber gesprochen, wie Mütter aus der Mental Load Falle rauskommen. Heute wird’s körperlich. Es geht um die Zeit nach der Geburt, um den weiblichen Körper, um das Körperbild, Heilung und Würde. Heute bekommst du mein Weiber als Mama Fachwissen von einer Expertin und ganz wertvolle Tipps, die du wieder für dich mitnehmen kannst. Hi, ich bin deine Host Julitane und das hier ist meine Gästin heute. Kerstin Lücking ist Hebamme, Buchautorin, Journalistin, Unternehmerin. Die Liste ist lang. Content-Expertin und siebenfache Mama. In 25 Jahren hat sie über 4000 Familien begleitet und ist überzeugt: Unsere Gesellschaft funktioniert nur, wenn Frauen in ihrer Kraft sind. Seit zehn Jahren produziert sie Bücher, Hörbücher, Videos, Podcasts und Texte und arbeitet zudem als Speakerin, Moderatorin und Beraterin. Hallo Kerstin Lücking, ganz, ganz herzlich willkommen bei Mama konkret!
Juli, ich freue mich sehr. Vielen Dank für die Einladung! Gerne. Ich habe mal eine ganz typische Situation rausgesucht. Und zwar ist es ja oft so, dass bei frisch gebackenen Müttern, die gerade ein Baby bekommen haben, so eine kleine Babyschau manchmal zu Hause entsteht. Also was ich meine, ist, dass frequentierter Besuch da ist oder auch manchmal unangekündigt. Und das Baby steht natürlich im Vordergrund und wird bewundert. Aber die Mutter bekommt oft nicht die Aufmerksamkeit, die sie bekommen sollte oder vielleicht auch gar nicht. Also da gibt es wenig wie von wegen: Wie geht es dir eigentlich? Oder was brauchst du jetzt? Oder wie kann ich dich unterstützen? Und die Mütter, die fragen sich dann auch zurecht: Wie schaffe ich denn das alles jetzt? Die fühlen sich, glaube ich, schon relativ manchmal auch einfach schon da allein gelassen, weil sie einfach komplett hinten runterfallen. Und ich kann auch aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass ich beim ersten Kind das Gefühl hatte, dass ich alles schaffen muss und dachte: Okay, Haushalt, Termine, Heilung, Baby, Organisation, möchte ich alles schaffen und gut hinbekommen. Und habe mir deswegen auch relativ schnell mein Wochenbett selbst beendet. Und beim zweiten Kind war das kein Wochenbett, sondern ich sage jetzt mal ein Tagebett, weil ich noch ein einjähriges Geschwisterkind auch hatte. Und was mir einfach zunehmend auffällt, ist, dass aus dem Wochenbett oft nur noch Tage werden. Und es gibt auch so einen Trend mittlerweile schon fast, der nennt sich das drei Tage Wochenbett. Und jetzt wollte ich dich mal fragen: Erlebst du das auch? Also nimmst du das auch so wahr? Und wenn ja, wie ordnest du das ein?
Also du beschreibst natürlich etwas, was Standard ist. Also es ist der Klassiker: Das Kind ist geboren, die Familie rennt an der Frau vorbei, rennt zum Kind. Und das, was ich erlebe, ist bei den Frauen Traurigkeit, eine riesengroße Traurigkeit, dass sie nicht beachtet wird, dass sie eben nicht gefragt wird: Wie geht es dir? Wie war es? Kann ich dir helfen? Was brauchst du? Sondern dass wirklich der Fokus auf dem Kind liegt. Und das ist etwas, was mich als Hebamme, als Fachfrau und auch speziell als siebenfache Mutter stört, dass wir in unserer Gesellschaft einfach keinen Stellenwert haben und dass das niemand auf dem Schirm hat, dass eine Geburt ein wirklich einschneidendes Erlebnis in unserem Frauenleben ist. Das macht was mit uns, das verändert uns und niemand interessiert das. Und ich bin immer sehr dafür, dass wir über unseren Tellerrand gucken: Wie kriegen das denn andere Kulturen hin? Und ich bin erstaunt, dass wir in diesem Punkt so ein bisschen beratungsresistent sind und uns nicht daran orientieren, was eben auch andere mit ihren Frauen frisch Entbundenen machen. Dass wir nicht diese Tradition hier etablieren können, dass eine Frau nach einer Geburt 40 Tage wirklich eine schützenswerte Person ist, die gepflegt und gehegt werden muss, der man Sachen abnehmen muss, damit sie einfach gesund und heilen kann.
Wir haben ja schon so ein bisschen auch im Vorgespräch darüber gesprochen. Wir haben heute eine statistische Lebenserwartung als Frau von 85 Jahren. Und wenn eine Geburt die kostet uns ja extrem viel Kraft. So ein Kind, so lieb wir sie haben, aber die betreiben Raubbau auch an unseren Körpern. Also uns fehlen ganz viele, ich sag jetzt mal, Nährstoffe. Uns fehlt Blut und so weiter. Und wenn wir nicht die Möglichkeit haben zu heilen, dann setzen wir mit der Geburt schon einen Meilenstein in unserem weiteren Leben. Was bedeutet, dass wir nicht in Gesundheit altern können, sondern es fängt dann irgendwann an, dass wir wirklich klapprig und gebrechlich werden. Und warum? Ich bin der festen Überzeugung, weil uns einfach niemand die Chance gegeben hat, wirklich wieder in die Kraft zu kommen.
Hast du denn einen Erfahrungswert gesammelt, wupi mal Daumen, ob die Mehrheit der Mütter tatsächlich das Wochenbett nicht einhalten? Also aus deinen eigenen Erfahrungen heraus, was würdest du denn da so sagen? Sagst du dann: Okay, zwei von zehn gönnen sich oder können, dürfen das überhaupt sich die 40 Tage nehmen oder gibt es da irgendso eine Tendenz selber, die du erfahren hast?
Also ich würde mal sagen, es hat eine Trendwende eingesetzt. Ich würde das jetzt mal vergleichen mit den Frauen, die ich so ganz am Anfang meiner beruflichen Karriere betreute, also vor 26 Jahren, als ich damit angefangen habe. Da war es wirklich noch so, dass ich die Frauen im Schlafzimmer angetroffen habe, also im Schlafanzug und ums Bett herum war so ein bisschen Chaos. Hier eine Teetasse, da eine Müslischale und so. Und das erlebe ich, ich würde mal sagen, seit vielleicht 10 bis 12 Jahren so in dem Dreh, vielleicht ein bisschen länger, anders. Die Frauen sind in der Regel angezogen, die Schlafzimmertür ist zu, sie sitzen auf dem Sofa. Ja, es ist sehr oft aufgeräumt. Und ich glaube auch in dem Zusammenhang, dass Social Media wirklich da ein sehr großes Beiwerk getan hat. Ja, auf den Punkt kommen wir später nochmal zu sprechen. Das ist auch ein wichtiger Punkt. Also dieser Perfektionismus, funktionieren zu müssen und alles wirklich schick und tippitoppi zu haben, das ist schon was, was auffällt. Und ich glaube, dass das getriggert wird. Weil du gerade Social Media ins Spiel gebracht hast, das deckt sich auch total mit meiner Mütter-Community auf Social. Ich habe die nämlich gefragt vor einiger Zeit, ob sie ihr 6-Wochen-Bett eingehalten haben oder nicht. Und es haben fast 9000 Mütter mitgemacht bei der Umfrage. Und 12 gaben an, dass sie sich dafür teilweise Zeit genommen haben. 57 also mehr als die Hälfte gaben an, deutlich weniger Zeit im Wochenbett gehabt zu haben. Und jetzt hast du ja gerade auch erzählt, dass natürlich Heilung unheimlich wichtig ist. Und deswegen finde ich gerade vor diesem Hintergrund, dass mehr und mehr Frauen sich weniger Zeit nehmen, besonders beunruhigend.
Was mir aufgefallen ist, ist vor allem, dass in Geburtsvorbereitungskursen, und das habe ich selber auch so erlebt, nimmt man durch, wie man Wehen veratmet, wie das Kind den Geburtsprozess durchläuft, was da passiert. Aber ich habe relativ wenig darüber erfahren, wie es eigentlich in meinem Körper, in meinem eigenen Körper nach der Geburt aussieht. Also mir ist schon klar, dass da was heilen muss, aber genau was muss denn in mir drin physisch auch heilen? Ich finde, da wird auch relativ wenig Wissen vermittelt. Und ich frage dich jetzt, und ich nutze die Chance, dass du hier bist: Denn wie sieht es denn in einer Frau drinnen aus, so nach einer Geburt? Wenn man da jetzt mal reingucken kann.
Bevor ich dir die Frage beantworte, möchte ich nochmal dir auch zustimmen. Denn das, was du gesagt hast, das kann ich nur bestätigen. Dieser Teil, der ja auch mit dazu gehört, nämlich das Thema Wochenbett, wird in den meisten Veranstaltungen rund um Schwangerschaft und Geburt ausgeklammert. Es ist ein extrem uninteressanter Teil für viele, wo ich so sage: Liebe Leute, so uninteressant ist das überhaupt nicht, weil der ganze Spaß fängt eigentlich nach der Geburt erst an. Und das unterschätzen viele. Also wir arbeiten, und ich wiederhole mich da, ich habe schon oft darüber geredet, gerade in Geburtsvorbereitungskursen. Wir hecheln immer zu diesem Highlight der Geburt. Wir bereiten das akribisch vor in Form von Geburtsplan, Babyshower und so weiter. Aber das, was danach kommt, das fällt komplett hinüber. Was du schön veranschaulicht. Und das ist etwas, wo ich so sage: Da sehe ich einen absoluten Markt und Bedarf. Und ich möchte mich einfach auch dafür einsetzen und stark machen, dass wir in unserer Gesellschaft dieses Thema Wochenbett, inklusive wie kommen wir Frauen wieder in die Kraft, so ein bisschen en vogue machen.
Ja, was passiert nach einer Geburt in einer Frau? Also damit überhaupt mal jemand versteht, was unter der Geburt mit uns Frauen abläuft. Also man kann sich das vom Schmerzempfinden so vorstellen, vielleicht auch mal für Männer oder Menschen, die keine Kinder bekommen können oder wollen, warum auch immer. Eine Geburt ist vom Schmerzlevel so, dass das ungefähr mit 20 Knochenbrüchen gleichzeitig gleichgesetzt werden kann. Ja, also so stark sind diese Schmerzen, die wir empfinden. Wir haben eine Gebärmutter, das ist ein Muskelkörper, der sich bis zum Ende der Schwangerschaft bis zum Rippenbogen auswalzt, also wachsen kann. Der muss natürlich wieder sich klein machen, zusammenziehen, damit er wieder hinter dem Schambein, hinter der Symphyse verschwindet. Das braucht schon eine gewisse Zeit. Laut Lehrbuch braucht es ungefähr 10 bis 11 Tage, bis die Gebärmutter sich wieder klein gemacht hat. Nach Kaiserschnitten dauert es deutlich länger. Und auch das tut weh, übrigens. Und auch das tut weh. Und je mehr Kinder man bekommen hat, umso mehr tut es weh, weil die Gebärmutter natürlich noch mehr Kraft braucht, um klein zu werden. Wir haben in der Gebärmutter die Plazenta-Haftfläche, die man ja es ist einfach eine große Wunde. Die Plazenta hat ungefähr 15 bis 20 Zentimeter. Das muss man sich mal vorstellen. Das ist wie so eine kleine Mini-Pizza, eine kleine Mini-Pizza, eine offene Wunde. Stell dir mal vor, du trägst sie draußen am Bein. Ja, also das ist ein richtig aufgeschlagenes schönes Knie, wenn du mal so einmal über den Schotter gerutscht bist. So sieht das da in dir aus. Und es ist ja nicht so, dass mit der Geburt der Plazenta diese Wunde, dass da nichts mehr mit passiert, sondern das blutet stetig weiter. Ein Wundsekret kommt raus. Das braucht auch einen Heilungsprozess von ungefähr 6 bis 8 Wochen, bis das einfach sich von der Wundfläche wieder erholt hat, dass eben auch Endometrium, also Gebärmutter-Schleimhaut, wieder aufgebaut werden kann. Wir haben massiv Wasser eingelagert. In der Schwangerschaft muss dieses Wasser raus aus dem Körper. Wir haben einen hohen Blutverlust. Also die Asiaten sagen: Wie viel Blut verliert eine Frau so bei der Geburt? Das ist unterschiedlich. In der Regel, wenn alles gut läuft, so 200 Milliliter. Wenn es ganz schlecht wird oder läuft, dann auch mal deutlich mehr. Und da sprechen wir über Liter. Also das ist natürlich das, was man niemandem wünscht, weil es den Frauen danach nicht sehr gut geht. Also wenn die zwei Liter oder auch bei einem Liter Blutverlust, da fühlt man sich nicht wohl. Dann die ganzen, eben auch die Psyche, die unter der Geburt leidet. Wir haben Nährstoffverlust und so weiter. Also eigentlich fühlt man sich nach einer Geburt wie vom LKW überfahren. Ich hätte da eigentlich 6 Wochen Wochenbett, wenn ich mir das alles so höre und mir das vorstelle, auch bildlich. Auch mit dieser kleinen Pizza, hast du gesagt. Ich habe mal irgendwo 20 Euro Schein gehört, wie auch immer. Wo ich jetzt sage, also 6 Wochen reichen doch beispielsweise nicht aus. Eine Wochenbettzeit rein von dem Lehrbuch 6 bis 8 Wochen. Da kann ich nur sagen, dieses Lehrbuch hat natürlich wer verfasst? Ein Mann. Du bist nach 6 bis 8 Wochen Wochenbett. Ja, bist du noch lange nicht raus. Das braucht unter Umständen Jahre. Ich entschuldige mich auch gerade innerlich bei meinem Körper. Jetzt aktuell sage ich mal: Großes fettes Sorry hier. Weil das, was du erzählst, wo ich jetzt sage: Wow! Also wenn ich jetzt nochmal ein Wochenbett erleben dürfte, dann würde ich mir viel mehr Zeit nehmen für meinen Körper, würde mir viel mehr Ruhe auch gönnen und würde einfach dankbar, noch viel, viel dankbarer dafür sein, was mein Körper geleistet hat. Und vor allem, wie der auch in der Lage ist, sich selber zu heilen. Ich finde das einfach unglaublich. Und natürlich unterstützen Rückbildungskurse und Beckenbodentraining und so weiter dabei, dass wir auch unsere Mitte wieder festigen können. Aber ich habe halt auch festgestellt, was du gerade schon so angerissen hast, dass sich halt auch seelisch unheimlich viel verändert. Und nur weil man jetzt vielleicht einen Rückbildungskurs gemacht hat und seinen Beckenboden wieder in Form bringt, sage ich jetzt mal so, lopp ausgedrückt, ist man noch lange nicht wieder beim alten Ich zurückgekommen. Und ich selber habe mir auch ein Stück weit von mir habe ich mich entfremdet gefühlt. Und erlebst du das denn auch oft bei anderen Müttern? Welche Gedanken machen sich Mütter nach der Geburt? Jetzt geht es auf die psychische Ebene. Was beschäftigt Mütter nach der Geburt? Es sind viele verschiedene Dinge wahrscheinlich, aber kannst du vielleicht so die Dinge nennen, die besonders häufig dir auffallen?
Ich würde mal gerne einen Schritt zurückgehen, weil einen großen Punkt habe ich gerade eben noch nicht angesprochen. Nicht, dass wir den vergessen. Auch das Thema Stillen ist ja etwas, was uns sehr viel Kraft kostet, was uns auch nochmal körperlich verändert. Also unsere Brust, die sieht ja anders aus in der Stillzeit. Und Stillen ist wirklich ein anstrengendes Geschäft. Also das möchte ich auch nochmal hinterher schieben. Und ja, womit beschäftigen sich Mütter nach der Geburt? Was mir ganz, ganz wichtig ist bei meiner Arbeit, dass ich den Frauen sage: Bitte sei wirklich dankbar. Danke jeden Tag deinem Körper, dass du aufstehst morgens, dass du wach wirst, dass er irgendwie funktioniert. Aber zu dieser Dankbarkeit gehört auch noch die Selbstfürsorge, die Pflege. Da kommen wir bestimmt nachher nochmal drauf. Und ich empfinde Frauen als extrem ungeduldig und auch nicht gerade sehr milde im Umgang mit ihrem Körper. Die hadern mit sich sehr. Ganz viel: Ich habe noch so einen dicken Bauch. Und guck mal meine Oberschenkel. Und ich passe noch nicht in meine Hosen. Wo ich so denke: So what? Du hast hier gerade ein Kind gekriegt. Und das braucht mindestens so lange, wie du schwanger gewesen bist, braucht es, bis du dich auch wieder einigermaßen regeneriert hast. Und ich finde auch zum Thema Mutter sein, Frau sein: Ich finde, das darf auch gezeigt werden, dass wir Mütter sind. Aber auch gerade in der heutigen Zeit, wo man mit einem Klick online auf Social Media gucken kann, wie andere schon wieder nach der Geburt aussehen, das ist ja auch ein Vergleichsthema. Früher war das ja nicht so. Aber da kommen wir später nochmal drauf wegen dieser Selbstfürsorge. Nochmal meine Muttis, die da bei der Umfrage mitgemacht haben, haben auch angegeben: Also zwei Drittel hadern tatsächlich mit sich und ihrem Körper. Also entweder mit sich selber in der Psyche, mit ihrem Verhalten, was sie da haben, mit sich selber auch. Oder wie sie mit der Situation umgehen hadern sie mit sich selber oder auch mit ihrem Körper. Und ich sage mal in Anführungsstrichen nur ein Drittel betrachten oder blicken auf ihren Körper und auf die aktuelle Situation in positiver Hinsicht.
Du hast ja gerade schon angerissen, dass Selbstfürsorge schon damit beginnt, dass eine Frau erstmal tiefe Dankbarkeit empfinden kann. Hast du noch irgendwie ein paar Dinge, wo du sagen kannst: Das und das können Frauen umsetzen für Selbstfürsorge? Also es fängt mit einer Dankbarkeit an, aber gibt es so ein paar einfache zwei, drei Dinge, die du so mitgibst Frauen, wo du sagst: Okay, so wie so ein kleiner Erste-Hilfe-Koffer, wo du sagst: Okay, also die zwei, drei Punkte, die kannst du schon mal machen, damit du dich um dich selber kümmern kannst. Hast du da noch ein paar?
Ja, also dass man einfach auch Routinen für sich entwickelt, dass man sich nicht immer hinten anstellt. Weil das erlebe ich bei Frauen, die Mütter sind, sehr häufig. Also bevor die sich um sich selber kümmern, da ist der Mann dran, da ist der Dackel dran, da sind die eigenen Eltern dran, die ja auch je älter sie werden, auch irgendwann vielleicht pflegebedürftig sind. Also auch nochmal in dem Kontext wir Frauen kommen aus dieser Kümmerinnen-Position einfach nie wieder raus. Und wir müssen uns ganz klar bewusst darüber werden, dass wir irgendwann einen Cut machen müssen und uns mal ein bisschen auf uns selber besinnen und sagen: So, wo bin ich eigentlich? Was brauche ich? Und dass wir das vielleicht auch mal mit einem Frühstückskaffee und einem Blatt Papier und einem Stift, da setzen wir uns mal hin und verschriftlichen das, wo man drauf schreibt: Was möchte ich eigentlich für mich? Was sind meine Ziele? Wie kann ich es irgendwie realistisch umsetzen, dass ich es erreiche? Und eine kleine Routine ist zum Beispiel ein morgendlicher Spaziergang, bevor die Frauen, die Mütter sind, aufräumen, Betten schütteln und diesen ganzen Quark. Schnappen sie sich den Kinderwagen und gehen mal irgendwie eine halbe Stunde spazieren. Da kann dann der Dackel von mir aus auch mitkommen. Und wenn sie noch irgendwas Schönes für sich machen wollen, gehen sie noch beim Bäcker vorbei und holen sich irgendwie einen Coffee to go oder so und atmen mal tief ein und aus. Ich hätte dich vor sieben Jahren an meiner Seite gebraucht. So, und dann habe ich das erste am Tag, das schon mal mir gehört. Und ich empfehle auch dringend, obwohl das auch jede Frau für sich selber entscheiden muss, dass wir uns mal keine Ohrstöpsel in die Ohren oder Kopfhörer aufsetzen, sondern dass wir wirklich auch mal ganz bewusst wahrnehmen, die Geräusche aus der Natur, uns mal am Vogelswitschern erfreuen oder am Wassergeplätscher, was auch immer. Dass wir nicht immer so diese Beschallung in den Ohren haben. Das beruhigt auch unser Nervensystem.
Auf der anderen Seite, und ich nehme mich da nicht aus: Was passiert denn, wenn es an Selbstfürsorge und Unterstützung fehlt? Ja, da wäre ich krank. Da wirst du krank. Ja, ganz klar. Und die Bindung zum Kind hat das irgendeinen Einfluss? Also ich sage mal so: Eine kranke, überlastete, überforderte Mutter, die keine Energie mehr hat, macht das einen Unterschied? Das macht einen Unterschied, das ist ja selbstverständlich. Wenn ich eine Mutter bin, die keine Selbstfürsorge macht, die wird krank, die geht stehenden Fußes ins Burnout im Worst Case und ist dann auch nicht mehr in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern oder um das Kind. Sie wird eine Mutter sein, die völlig entkräftet auf dem Sofa liegt, im Bett liegt, die kein Interesse mehr an ihrer Umwelt hat. Und natürlich leiden dann alle darunter. Das wollte ich jetzt ehrlich gesagt auch nochmal so richtig von dir hören. Und genau das hast du gesagt, weil es ist auch so ein Wachrüttler. Ja, sicher, na klar. Also ich sage immer so: Einfach ach, hätte ich das mal anders gemacht vor 7, 6 Jahren. Ich finde, so schlecht war ich gar nicht. Ich bin jetzt auch nicht so hart mit mir. Aber ich bin der Meinung, das würde ich jetzt nochmal ein drittes Kind bekommen, dass ich doch nochmal damit mit mir selber anders umgehen würde. Ich würde nochmal wertschätzender mit mir umgehen, tatsächlich.
Social Media. Jetzt könnte man ja Social Media dafür nutzen und sagen: Toll, wir haben eine Plattform, man kann viele Leute erreichen, man kann Aufklärungsarbeit leisten, so wie du es zum Beispiel tust. Man kann auch, so wie ich es zum Beispiel mache, die Echtheit zeigen, die Realität, den Druck rausnehmen bei Müttern. Dennoch ist es leider so, dass unheimlich viele Mütter sich gerade wegen Social Media direkt miteinander vergleichen. Ich sage mal die Beige Mütter, alles ist aufgeräumt, der Körper sieht wieder top aus, schon zwei Wochen nach der Geburt und wie auch immer. Wie können wir denn da eine Idee oder hast du eine Idee, was Mütter auf Social Media eigentlich wirklich brauchen könnten? Also wenn wir uns jetzt einen Katalog hier nehmen und den aufschlagen und sagen: Okay, solche Inhalte sollten auf Social Media gespielt werden, damit es Frauen nach der Geburt hilft. Was könnte das zum Beispiel sein? Wie können wir daraus lernen? Weil eine große Reichweite zu haben und viele Leute und Mütter zu erreichen, ist ja auch eine Riesenchance. Aber Mensch, wir müssen doch jetzt auch da mal raus lernen und sagen: Dieser Druck wird immer größer. Was können wir denn stattdessen für Content posten? Was hilft denn Müttern?
Also als erstes würde ich gerne was in den Raum geben, nämlich: Der Beginn des Vergleichs mit anderen ist das Ende von Glück. In dem Moment, wo du anfängst, dich zu vergleichen und festzustellen: Ich bin unvollkommen, dann fängst du an, an dir zu zweifeln. Und ich würde einfach vielleicht empfehlen oder als guten Rat mitgeben wollen, dass wir da vielleicht mal aufhören, dass wir auch in dem Punkt etwas milder sind und sagen: Wenn ich mir das schon alles angucke, dann versuche ich einfach das rauszupicken, wo ich so denke: Das könnte mir nützlich sein. Aber nicht auf biegen und brechen versuchen, etwas nachzueifern, was eine erfolgreiche Influencerin da in den Raum gibt. Und manchmal ist es vielleicht auch besser, mal eine Pause zu machen von Social Media, um mal wieder so sich ein bisschen auf sich selbst zu besinnen und diese Zeit zu nutzen, einfach mal für sich selbst auszuprobieren: Was passt denn überhaupt zu mir? Wir leben in einer so schnelllebigen Welt. Ich glaube, was wir alle mal mehr bräuchten, ist Ruhe und dass wir uns einfach mal, dass wir uns trauen, auch auszuprobieren. Das sage ich auch immer meinen Frauen im Wochenbett, wenn sie sagen: Wie mache ich es denn richtig? Schon allein diese Frage finde ich schwierig, weil es gibt kein richtig und kein falsch. Ich sage immer: Weißt du, ich möchte dir Mut machen, probiere es aus. Und du wirst merken, irgendwas wird zu dir passen und den Weg gehst du. Und wenn du mal ja, also ich meine, unser Elternleben, das ist kein Weg geradeaus. Wir gehen mal nach rechts, wir gehen mal nach links, wir stolpern mal über einen Stein. Und mit jedem Stein, über den wir stolpern, wachsen wir. Und niemand muss den Anspruch haben, dass wir perfekt sind. Wir werden nicht perfekt sein. Was ist denn die Definition von perfekt überhaupt? Weil jede Frau ist ja auch anders. Jeder hat ja ihren ganz individuellen Weg, ihre individuelle Wahrnehmung. Jede Frau fühlt, was anderes, was ihr gut tut, was ihr nicht gut tut, auf was sie Lust hat, auf was sie nicht Lust hat. Manche Frauen genießen es, in der Ruhe und Stille zu sein. Manche Frauen wollen nach draußen, wollen auch sich wieder unter Leute mischen, brauchen die Nähe zu anderen und brauchen Kontakte auch. Also jeder ist ja da komplett auch anders. Aber Julie, du sagst es ja eigentlich schon. Auch man muss sich die Frage stellen und ehrlich beantworten: Was brauche ich? Und nicht, was gibt mir ein anderer vor. Aber zu dem Punkt zu kommen, was brauche ich? Braucht es auch schon wieder eine gewisse Pause. Also ich habe immer das Gefühl, man muss einen Knopf drücken. So, Moment, jetzt bremse ich mal ganz kurz. Jetzt gehe ich mal zwei Schritte zurück. Jetzt betrachte ich mal die Situation von außen. Und dann kann man sagen: Okay, jetzt stehe ich hier, das bin ich. Was brauche ich jetzt? Da muss man ja erstmal hinkommen. Also das festzustellen und dann sich. Das zu fragen, richtig?
Ja, ja. Jetzt ist es ja so, dass wir uns nach dem Wochenbett, hast du vorhin ja schon angerissen, nicht gerade gut fühlen. Teilweise haben wir keine Zeit, um unsere Haare zu waschen. Wir bluten noch nach. Manche haben Geburtsverletzungen, die Schmerzen, Hämorrhoiden. Ja, runde Brustwarzen, genau. Mehstau, das hat mich ja, also das hat mich ganz viel Kraft gekostet. Mehstau und diese schlaflosen Nächte und Tage. Wie können wir denn erreichen, dass wir uns Frauen im Wochenbett so eine gewisse Würde erhalten? Also, dass wir sagen: Hey, ich fühle mich gut, ich bin dankbar für das, was mein Körper geleistet hat. Ich fühle mich ja schon fast wie eine Königin im Wochenbett. Wie können wir denn so eine Art Würdestatus uns selber verleihen? Weißt du, was ich meine?
Ja, indem wir uns mal hinsetzen im schwangeren Zustand und uns mal überlegen: Was wünsche ich mir? Und indem wir uns auch eine Umgebung schaffen, in der ich mich wohlfühle. Also, dass wir nicht immer diesen Nestbautrieb haben, der nur aufs Kind gerichtet ist, sondern dass auch ich mir, ich nenne es jetzt mal so altertümlich, eine kleine Wochenbettstube kuschelig und gemütlich herrichten. Also mit irgendwie schönen Stoffen oder Kissen oder einer Kerze oder einem Blümchen. Dass ich mal diesen ganzen Elektroschrott aus dem Schlafzimmer räume, das Bügeleisen und Bügelbrett weg und einfach aufräume und mir das schön mache. Ja, weil man sagt ja auch oft: Das kann ich ja später noch machen. Ja, ne, das kuschelt sich dann da zusammen. Das habe ich auch selber gemerkt. Eigentlich zeigt es ja nur, wie man mit sich selber auch umgeht. Richtig? Also, weißt du, ich möchte nicht in so einem vollgemüllten Schlafzimmer liegen und da mein Wochenbett haben, sondern wenn ich mich zurückziehen soll, möchte ich, dass es aber auch wirklich komfortabel und nett ist. Also, ich habe es selbst in der Hand, ich kann das gestalten. Das ist Nummer eins. Dann ist es ja auch fürs Baby. Legt man immer schöne Anziehsachen hin und dann sehe ich die Frauen in ihren ollen Hemdchen und Schlüppis, wo ich so denke: Mein Gott, also wenn es irgendwie machbar ist finanziell, kauf dir doch irgendwas Schönes, wo du sagst: Das unterstreicht jetzt auch nochmal so ein bisschen die Wertschätzung, die du deinem Körper gegenüber hast. Also, tu dir doch selber mal was Gutes. Und wenn du das gemacht hast, dann gehst du an dein Netzwerk ran. Dann sagst du: Liebe Mama, ich wünsche mir von dir, dass du mir eine Hühnersuppe kochst. Lieber Ehemann, Freund, Co- Mutter, ja, ich möchte, dass du hier mein Wochenbett managt. Liebe Freundinnen, kommt doch mal vorbei und putzt für mich das Klo und so. Ja, das können Frauen einfach nicht, weil sie Angst haben, dass sie auch eigentlich wieder in die Gegenleistung gehen müssen, dass man es von ihnen erwartet. Wo ich so sage: Nein, es erwartet überhaupt niemand irgendwas. In dem Moment, wo ich als Frau und Mutter einen Wunsch äußere, muss ich nicht gleich sagen: Ach ja, und im Gegenzug dazu kann ich dir anbieten das und das. Wo ich sage: Lass doch mal den Scheiß. Nehmt es doch einfach mal an. Es ist ein Geschenk der Gesellschaft an euch. Es ist auch eine Wertschätzung. Und du darfst jetzt einfach mal diesen für dich gebackenen Kuchen essen und darfst ihn einfach mal nur genießen, ohne dass du schon wieder darüber nachdenkst, wie kannst du dich denn jetzt erkenntlich zeigen. Danke, danke, danke. Das wäre gerne. Ganz, ganz viele Dinge gerade dabei gewesen, die mega hilfreich sind. Dankbarkeit, kleine Rituale. Zwei, drei kleine Rituale, wie ich Dankbarkeit nochmal meinem Körper gegenüber ausdrücken kann, die in eine Minute gehen oder so.
Ja, zum Beispiel über… Also, wir brauchen ja als Menschen alle irgendwie Körperkontakt. Wir lieben es, gestreichelt und irgendwie angefasst zu werden. Und wenn da nun mal keiner da ist, der das macht, dann darf ich mal auch meine Hand auf meinen Bauch legen, darf meinen Bauch liebevoll streicheln oder ich kann mir auch selber mal die Füße massieren oder so. Also, lieb dich selbst, fass dich selber an an Stellen, wo du so denkst: Du hast hier gerade echt eine mega Leistung gebracht. Ich gehe jetzt später raus hier aus dem Studio und irgendwann werde ich nach Hause fahren und dann werde ich gleich damit starten, auch wenn ich nicht im Wochenbett bin, das ist völlig egal. Ich werde mal schön dankbar mir gegenüber sein und meine Badezimmer-Session ein bisschen verlängern und mir einfach noch ein bisschen mehr Zeit schenken. Ja, und Julie, weißt du, dass auch Frauen mal morgens in den Spiegel gucken und nicht immer denken: Oh, da ist ja schon wieder ein Fältchen oder so, sondern dass sie sich mal anlachen und sagen: Ach, weißt du, du bist echt eine tolle Frau. Ja, und ihr alle Frauen da draußen, die ihr zuhört gerade, ihr seid echt so, ihr seid tolle Frauen und Mütter. Fangt doch mal an, euch selbst ein bisschen zu lieben. I love it, I love it. Ich wusste, dass es besser sein könnte. Das war Kerstin Lühking. Sie ist Hebamme, Buchautorin, Journalistin, Unternehmerin und Contentfahrfrau. Vielen Dank für das so wichtige und spannende Gespräch. Sehr gerne.
Das war es mit dieser Folge von Mama konkret, dem Podcast über Mutterschaft von Julie Tan und dem Podcast Radio detektor.fm. Ein großes Dankeschön ans Team hinter den Kulissen. Für Audio und Video waren Tim Schmutzler und Benjamin Serdani verantwortlich. Gäste, Recherche und Redaktion Ina Lebedjew. Und ich bin Julie Tan, deine Host, und ich danke dir von Herzen fürs Zuhören. In zwei Wochen geht es hier weiter mit Mama konkret und ich freue mich sehr, wenn du dann wieder mit am Start bist. Wenn dir gefällt, was du hier hörst, erzähl gerne anderen davon. Teil die Folge oder gleich den ganzen Feed mit Müttern, Freundinnen, Kollegen, einfach mit allen, für die diese Themen wichtig sind. Ich danke dir und ganz viel Liebe für dich. Mama konkret, der Podcast.