Hey, schön, dass ihr zuhört! Heute gibt’s zuerst einen wichtigen Hinweis in eigener Sache. Wenn ihr uns gerade über den Spotify Daily Drive hört, dann folgt diesem Podcast bitte ab jetzt direkt bei Spotify. Der Daily Drive soll nämlich in den nächsten Wochen eingestellt werden. Und wenn ihr uns auch in Zukunft noch zuhören wollt, dann geht doch einfach direkt auf „Zurück zum Thema“ als Podcast und klickt dann auf Folgen. Dankeschön!
Stellt euch mal vor, ihr hättet kaum Freizeit, würdet wenig schlafen, euch erschöpft und überlastet fühlen und wärt häufig krank. Dann, ich sag’s euch ehrlich, würde ich euch zum Arzt schicken. Für mich klingt das Ganze ein bisschen nach Burnout oder vielleicht sogar nach einer angehenden Depression. Für Eltern kleiner Kinder sind Schlafmangel, Krankheit und Überlastung Alltag, insbesondere für Mütter. Die übernehmen immer noch mehr Care-Arbeit als Väter, sie verdienen weniger und sind eher von Altersarmut betroffen. Mutterschaft ist deshalb ziemlich politisch. Aber wird Politik an Müttern ausgerichtet? Darum geht’s hier heute.
Ich lebe im Jahr 2026. Viele Eltern versuchen schon, sich Care-Arbeit gleichberechtigt aufzuteilen. Das gestaltet sich aber oft, trotz großem Idealismus, noch als ziemlich schwierig. Schlechte Rahmenbedingungen führen dazu, dass Mütter einfach ziemlich oft diskriminiert werden, insbesondere Alleinerziehende. Aber in der Regel haben gerade Mütter keine Zeit, sich politisch zu engagieren und diese Rahmenbedingungen von Mutter- bzw. Elternschaft politisch mitzugestalten und zu verbessern. Ideen, was sich in Politik und Gesellschaft ändern sollte, hat Mareike Kaiser. Sie ist Journalistin und Autorin und zu Gast in unserem Podcast Mama konkret bei Julie Tan, besser bekannt auf Social Media als Kokoli Brokkoli.
Ich bin so froh, dass du da bist, denn ich möchte dich mal was fragen. Hast du denn eine Idee, wie man das ändern kann? Wie kann man denn das ändern? Unsichtbare Care-Arbeit und Bedürfnisse werden überhört in der Politik. Wo fängt man denn da an? Wo tut es am meisten weh? Wo würdest du reingreifen und sagen: An diesem Schopf, da lange ich jetzt mal rein?
Ja, also auch da finde ich, was du sagst, ist richtig, aber auch nicht nur richtig. Es gibt mehr Mütter in der Öffentlichkeit. Es gibt auch mehr Frauen, die über Mutterschaft sprechen und es in die Öffentlichkeit holen und damit auch in verschiedenen Arten erfolgreich sind. Aber es gibt auch ganz viel was man dann nicht unbedingt in meiner Öffentlichkeit sieht, nämlich was das auch noch mit sich bringt. Zum Beispiel viel Hass. Also es gibt viel Frauenhass, auch gerade gegen Mütter. Also wenn wir zum Beispiel mal an Annalena Baerbock denken, das war ja in den vergangenen Jahren so eine populäre Mutter, die eben auch neben ihrem Job ja auch ihre Mutterschaft oft thematisiert hat. Auch in politischen Reden zum Beispiel oft auch ihre nicht nur ihre eigene Mutterschaft, aber eben auch andere Mütter und andere Kinder immer thematisiert hat. Annalena Baerbock hat total viel Hass bekommen und viele Mütter, die sich beschweren, bekommen Hass. Das äußern die nicht unbedingt, aber das ist so ein bisschen auch so die andere Seite, würde ich sagen. Und weil es einfach genau, also zum Beispiel diese Threadwives, die es gibt, da wundert mich jetzt auch der Erfolg nicht, weil das ist ja eigentlich, das ist genau das, was die Gesellschaft sehen möchte: Eben eine Frau, die sich in ihre Rolle fügt, die für sie vorgesehen ist. Aber sobald du aus dieser Rolle raustrittst, wird es schwierig.
Und dann finde ich auch wichtig, dazu zu denken, noch mehr Diskriminierungserfahrung. Also ich finde, natürlich ist Sexismus ein Punkt, mit Kindern zu leben ist ein Punkt. Das sind alles Benachteiligungen. Aber wenn du zum Beispiel Mutter bist und ein Kind mit Behinderung hast oder du bist eine rassifizierte Mutter oder lebst zum Beispiel auch selbst mit einer Behinderung, bist von Armut betroffen und so weiter und gehst dann an die Öffentlichkeit, dann ist der Applaus zum Beispiel oft gar nicht mehr so groß. Also von daher finde ich auch immer wichtig zu gucken, wer bekommt denn jetzt eigentlich den Erfolg? Also wem hören die Menschen gerne zu? Und das ist dann, also nicht allen Müttern wird gerne zugehört, finde ich, ist ein ganz wichtiger Punkt.
Und wenn du mich fragst, was man tun soll, ist das für mich so ein bisschen so die Schlussfolgerung daraus, dass Mutterschaft so politisch ist, wie wir am Anfang darüber geredet haben. Weil das könnte man ja auch umdrehen. Man könnte sagen, wenn Mutterschaft so politisch ist, dann könnte man ja Politik an Müttern ausrichten. Und das ist so meine liebste Vision, die ich mir wünschen würde, dass Politik eine alleinerziehende Mutter in den Mittelpunkt stellt. Also wenn wir uns jetzt den Bundestag vorstellen, wo eben Gesetze gemacht werden und miteinander über Politik gestritten wird, Entscheidungen gefällt werden, dann würde ich mir wünschen, dass bei jeder politischen Entscheidung, die getroffen wird, überlegt wird: Was würde das denn jetzt eigentlich für eine Familie, einer Alleinerziehenden, bedeuten? Sagen wir mal, Alleinerziehende mit drei Kindern, eins davon mit Behinderung, also erhöhtem Pflegebedarf. Was braucht diese Familie, um gut und glücklich zu leben? Und dann liegt es eigentlich auf der Hand, was man braucht. Man braucht Arbeitsbedingungen. Ich würde mal sagen, sie braucht einen Job, vielleicht 25 Stunden, die aber so bezahlt werden, wie heute Vollzeit bezahlt wird, damit sie eben leben kann, Wohnkosten zahlen kann. Die Kinder brauchen eine gute Betreuung in der Kita, in der Schule, eine inklusive Betreuung. Sie brauchen kurze Wege, damit sie dahin kommen, damit sie erwerbsarbeiten kann, aber sich auch um die Kinder kümmern kann. Die Kinder brauchen Freizeitaktivitäten, wo eben auch Pflege zum Beispiel mitgedacht wird. Die Familie will unterwegs sein zu ihren Freizeitaktivitäten in gesunder, guter Luft. Deswegen brauchen wir halt gute Klimapolitik und so weiter. Und ich glaube, man kann eben bei jeder politischen Entscheidung einmal darüber nachdenken: Was würde das für diese Familie bedeuten? Am Ende würde das eben nicht nur bedeuten, dass es dieser alleinerziehenden Familie gut geht, sondern allen. Also ich glaube sogar auch einem, keine Ahnung, älteren weißen Mann, der ohne Kinder irgendwo lebt. Weil ich bin fest davon überzeugt, auch der hat keinen Bock auf 60-Stunden-Wochentage und keine Freizeit und keine Freunde.
Ich finde das total cool, dass du das an diesem Beispiel der alleinerziehenden Mutter einfach mal jetzt mal so durchgedacht hast. Du hast es ja einmal jetzt wirklich von Anfang bis fast Ende einfach mal durchgedacht und hast jetzt auch verschiedene Szenarien oder Szenarien genannt. Also es ist eine Vision, aber ich höre auch raus, und das fand ich jetzt ganz wichtig, das Wort Frauen müssen auch verdammt mutig sein, sich zu äußern. Genau, weil ich fand das gerade einen ganz, ganz wichtigen Satz. Man hört, traurigen Satz, eigentlich: Man hört nicht jeder Mutter gerne zu. Also das finde ich schon eine krasse Aussage.
Ja, also da gehört ganz viel Mut auch dazu, sich da stark zu machen und sich zu äußern. Ich habe mal meine Social Media Mütter gefragt in meiner Community. Ich wollte nämlich wissen: Wie seht ihr das eigentlich? Sollte Care-Arbeit bezahlt werden? Ja, also mal direkt eine Frage rausgehauen. Es haben ungefähr 16.000 Mütter abgestimmt. 94 Prozent haben Ja gesagt. Ja, dann habe ich doch gleich noch eine zweite Frage hinterher geschossen. Ich habe nämlich gefragt: Fühlst du dich als Mutter in der Gesellschaft gewertschätzt? So über 50 Prozent, genauer gesagt 54 Prozent, also jede zweite Mutter, fühlt sich, Überraschung, nicht gewertschätzt und gesehen, nicht honoriert und nicht anerkannt.
Ja, und wenn wir uns darüber beschweren, wie anstrengend, schwer, ermüdend und wie auch immer Mutterschaft sein kann oder mitunter sein kann, bekommen wir auch des Öfteren gesagt: So, ja, warum hast du denn dein Kind bekommen? Du wusstest doch, dass das anstrengend wird. Das ist nicht nur übergriffig, sondern wertend und auch sehr verletzend. Und deswegen, wenn ich jetzt mal so frage: Was würdest du antworten? Was müssen unsere Gegenüber über das Muttersein denn wissen? Also was, wenn ich dir jetzt ein Megafon geben würde und gehe mit dir in Leipzig auf den Marktplatz? So, was würdest du denn mit deinem Megafon über den Platz rufen, damit es verstehen? Also was sollte das Gegenüber über das Muttersein wissen? Gibt es irgendwie prägnante Keywords? Weil ich denke manchmal, ja, warum hast du denn deine Kinder bekommen? Da kann ich manchmal gar nicht fassen, was das für eine Aussage ist. Da würde ich am liebsten mal was entgegnen, was Griff hat und irgendwie auch eine Sachlichkeit dabei hat. Was würdest du denn sagen?
Ja, also ich glaube, es ist schwierig, so allgemeingültige Sachen zu sagen. Und ich bin auch mittlerweile, muss ich sagen, ein bisschen müde, Menschen zu erziehen, kann man schon sagen. Oder auch davon zu überzeugen, dass Care-Arbeit wichtig für uns alle ist. Weil genau, es kommt ja auch immer so ein bisschen darauf an, wofür will man seine Energie verwenden. Und die möchte ich, glaube ich, eher in Verbindung zu Gleichgesinnten und irgendwie so in Organisationen und wie man sich zusammentun kann und sich solidarisch unterstützen kann. Also da soll meine Energie eher hingehen, als zu Menschen, die ja auch ein bisschen, weiß ich nicht, ins Internet gehen könnten, ein bisschen in Suchmaschinen was googeln könnten und sich das eigentlich auch selbst beibringen.
Trotzdem, also will ich dir auch auf deine Frage antworten. Ich glaube, was ganz easy ist, ist daran zu erinnern, dass wir alle mal Babys waren. Und auch diese Person, die das dann vielleicht nicht so einsehen will, höchstwahrscheinlich eine Mutter hatte, die sich höchstwahrscheinlich um dieses Kind gekümmert hat. Also es gibt ja wenig Mütter, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Und ich glaube, dass das auch ein ganz wichtiger Punkt ist, dass diese Care-Arbeit ja nicht nur von Müttern zu ihren Kindern, sondern Care-Arbeit ist ja in unserer Gesellschaft noch viel mehr. Also kann ja auch für Freundinnen sein oder für Nachbarinnen, aber ist eben oft in dem Familienkreis so. Und wenn wir uns überlegen, eine Gesellschaft ohne Care-Arbeit ist überhaupt gar nicht möglich. Und ich glaube, das kann man an vielen kleinen Stellen auch zeigen. Aber wie gesagt, da ist so ein bisschen mir so meine Energie zu schade, um da Leute davon zu überzeugen.
Und was ich aber wichtig finde, ist für die, die sowieso schon auf unserer Seite sind, sag ich mal, sich das auch immer wieder so zu vergegenwärtigen, wie wichtig das ist, dass wir uns umeinander kümmern. Weil wir leben ja im Kapitalismus und der Kapitalismus ist so eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform, da ist ganz viel höher, schneller, weiter. Wie werde ich am besten und wie kann ich mich selbst optimieren? Ganz viel arbeiten, ganz viel leisten. So, das finden wir irgendwie als Gesellschaft geil. Und in so einer Gesellschaft fällt aber alles andere hinten runter. Also wer mir das Schulbrot geschmiert hat, wer mir den Po abgewischt hat und so weiter. Absolut genau. Und ich glaube, dass es eben darum geht, das umzudrehen. Also in der Vision, die ich gerne hätte von unserer Gesellschaft, wäre eben so eine Freundin eine Postkarte schicken oder irgendwas in meiner Nachbarschaft organisieren oder so. Das wären halt die Sachen, bei denen wir sagen würden: Das ist echt eine coole Person, die macht solidarische Projekte.
Das sagt Mareike Kaiser. Sie ist Journalistin und hat schon mehrere Bücher veröffentlicht, darunter das Unwohlsein der modernen Mutter. Zu Gast ist sie in unserem neuen Podcast Mama konkret, ein Podcast, der Mutterschaft aus verschiedenen Perspektiven beleuchten möchte. Aus ganz persönlicher, aber eben auch aus gesellschaftspolitischer Perspektive. Hostin ist Julie Tan, die kennt ihr vielleicht schon. Sie ist nämlich Content Creatorin und im Internet besser bekannt als Kokoli Brokkoli. Das eben war nur ein Ausschnitt. Ihr könnt Mama konkret in voller Länge nochmal nachhören oder auch als Video anschauen. Der Podcast ist nämlich ein Videopodcast. Ich verlinke ihn euch in den Shownotes. Die Produktion hatte heute Clemens Möller. Dafür sage ich danke und ich bin Jessi Jus. Auch danke euch fürs Zuhören. Wir hören uns bis zum nächsten Mal. detektor.fm, Zurück zum Thema.