Sachsen-Anhalt. Woran denkt ihr bei diesem Bundesland? Vielleicht an den Harz, vielleicht an Ostdeutschland und die DDR, vielleicht auch direkt an die anstehende Landtagswahl, bei der es durchaus sein kann, dass die AfD stärkste Kraft wird. In den deutschen Medien ist Sachsen-Anhalt ansonsten eigentlich nur selten Thema. Und wenn doch, dann wird oft über Sachsen-Anhalt und nicht mit Leuten aus Sachsen-Anhalt gesprochen. Deshalb fühlen sich viele Menschen aus Sachsen-Anhalt in gesellschaftlichen Debatten nicht wirklich gesehen und irgendwie auch zwischen den Stühlen. Wir hoffen, dass wir das mit einem neuen detektor.fm Podcast bald ein bisschen verbessern können. Worum es genau geht, erfahrt ihr jetzt. Ich bin Jessi Jus, schön, dass ihr zuhört.
Sachsen-Anhalt liegt in vielen Aspekten dazwischen. Zum Beispiel geografisch. Es liegt zwischen Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen und Thüringen, mitten in Deutschland. Geht’s nach dem Glücksatlas, sind die Menschen in Sachsen-Anhalt mit ihrem Leben zufriedener als in anderen ostdeutschen Bundesländern und bewegen sich im bundesweiten Durchschnitt. Auch wirtschaftlich hat sich das Bundesland seit der Wende sehr dynamisch entwickelt. Im Vergleich zu den westdeutschen Bundesländern ist allerdings noch ein bisschen Luft nach oben.
Im Podcast „Dazwischen“ schauen unsere beiden Hosts Mari Landes und Katja Schmidt ausgewogen, interessiert und differenziert auf Sachsen-Anhalt und auf alle Aspekte des Lebens in diesem Bundesland: auf Politik, Wirtschaft, Kultur, Tourismus, Gemeinschaft, Herausforderungen und Zukunftschancen. In der allerersten Podcast-Folge werden aber erstmal wichtige Grundlagen geklärt. Denn das Bundesland Sachsen-Anhalt, das wir heute kennen, hätte es nach 1990 fast gar nicht gegeben. Sachsen-Anhalt, das liegt irgendwie so dazwischen. Und so heißt ja auch unser Podcast: Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und mittendrin ein Bundesland mit Bindestrich, der ja schon verrät, dass hier irgendwie etwas zusammengefügt wurde.
Ja, bei diesem Zusammenfügen sind auch ganz skurrile Geschichten entstanden. Ich weiß nicht, ob du zum Beispiel wusstest, dass es noch bis vor ein paar Jahren wirklich so brandenburgische Enklaven mitten in Sachsen-Anhalt gab. Also so im Jerichower Land bei Möckern. Da haben also Leute nebeneinander gewohnt, die aber faktisch in zwei verschiedenen Bundesländern wohnten. Und deswegen, zum Beispiel auch bei so Themen wie Breitbandausbau haben die einen dann Förderung bekommen und die anderen nicht. Und das finde ich so absurd, was da noch bis vor zwei Jahren passiert ist. Das stelle ich mir nur praktisch vor, wenn man zwischendurch mal wechseln konnte, immer so, wie es besser einem passt. Aber man hört es schon raus, es ist ganz schön kompliziert.
Und weil das alles so kompliziert ist, habe ich für diese Folge mit jemandem gesprochen, der sich damit auskennt: Steffen Rassloff. Er ist Historiker, lebt in Erfurt und hat Bücher geschrieben wie „Sachsen-Anhalt: 55 Highlights aus der Geschichte“. Warte mal, ein Thüringer, der jetzt uns etwas über Sachsen-Anhalt erzählt. Geht das überhaupt? Ja, das geht. Die Summe vieler Teile. Sollte Sachsen-Anhalt noch einmal auf der Suche nach einem Slogan sein, dann wäre das doch recht passend, oder, Herr Rassloff? Ja, also in der Tat ist das heutige Bundesland Sachsen-Anhalt aus vielen historischen Bestandteilen zusammengesetzt, die über Jahrhunderte hinweg andere Wege gegangen sind. Also insofern eher historische Vielfalt als ein einheitlicher Staat. Ich glaube, das ist charakteristisch für das Land.
Sie schreiben auf der ersten Seite Ihres Buches sogar von einem Land ohne Identität. Steile These! Wie kommen Sie darauf? Das ist durchaus unumstrittene Forschungslage. Also das sehe nicht nur ich, sondern auch der Grand Senior der Landesgeschichtsforschung, Matthias Tullner, etwa, schreibt das in seiner Geschichte Sachsen-Anhalt. Und das liegt ja eigentlich auch auf der Hand. Also ein Land Sachsen-Anhalt hat es erstmals 1945 gegeben, ist dann sehr schnell wieder aufgelöst worden in der DDR und im Grunde gibt es dieses Land auch seit 1990. Ja, und genau darüber möchte ich mit Ihnen hier noch ein bisschen detaillierter sprechen.
Sachsen-Anhalt ist eben kein, wie Sie es schon sagten, lang gewachsenes Bundesland. Es ist eher ein Konstrukt. Lassen Sie uns das mal aufdröseln. Was haben wir denn da? Also man kann es im Grunde sehr schön von Norden nach Süden durchgehen. Im Norden die Altmark, also ein urpreußisches Gebiet, die Wiege Brandenburgs. 1157 hat hier Albrecht der Bär die Mark Brandenburg begründet, und diese Altmark gehörte auch bis 1815 immer zu Brandenburg und ist erst dann zur preußischen Provinz Sachsen gekommen. Also eine Region, die sehr eng mit Brandenburg und Preußen verbunden ist.
Im mittleren Bereich die ehemaligen geistlichen Herrschaften Magdeburg und Halberstadt, Erzbistum und Bistum, mit weltlichen Herrschaften, die dann im 17. Jahrhundert an Brandenburg gefallen sind. Dazu das Land Anhalt, das über viele Jahrhunderte bestanden hat und erst 1945 im 1. Sachsen-Anhalt eigentlich aufgegangen ist. Und schließlich im Süden die beiden geistlichen Herrschaften Merseburg und Nürnberg, Zeitz, mit den altehrwürdigen Bischofsstädten, die dann nach der Reformation an Kur-Sachsen gefallen sind.
Gehen wir mal vielleicht so zu dem Jahr 1900. Da, wo heute für uns Sachsen-Anhalt ist, welche Regionen haben wir zu dieser Zeit? Also um 1900 hat es schon durch die verschiedenen Dinge, die napoleonische Zeit und dann auch spätere Entwicklungen in Anhalt, besteht diese Region im Wesentlichen aus zwei Bestandteilen, die sich auch im heutigen Landesnamen finden. Nämlich zum einen die preußische Provinz Sachsen, die den größten Teil des heutigen Landes umfasste, und das relativ kleine aber alte Land Anhalt. Also das sind im Wesentlichen diese beiden Bestandteile, die doch recht unterschiedlich sind, aber die bis heute ein Stück weit nachwirken.
Jetzt war ja aber das Fürstentum Anhalt, vor allem der alte Dessauer, ich komme aus Dessau an der Stelle, der war ja trotzdem dem Preußen sehr nah. Also wie groß waren denn da dann wirklich auch so vielleicht politische Unterschiede oder waren die gar nicht so groß? Die waren in der Tat nicht so groß, denn im Gegensatz sozusagen zu diesem sehr problematischen Verhältnis zwischen dem Preußen und den Sachsen, ja, das ist ja sprichwörtlich der Kampf zwischen Sachsens Glanz und Preußens Gloria, gab es zwischen den anhaltischen Fürsten in der Askania und den Hohenzollern im Preußen ein sehr gutes Verhältnis. Das hatte was mit der gemeinsamen Religion, dem reformierten Glauben, zu tun, aber auch mit vielen persönlichen Beziehungen. Also so groß waren die Unterschiede vielleicht nicht.
Trotzdem existierten die Grenzen hier relativ lang und zwar bis zu einer Zeit, in der gleich zweimal hintereinander die Welt erschüttert und auch neu geordnet wurde. Wir haben das Ende des Ersten Weltkrieges 1918, und das bedeutet ja auch das Ende der Monarchie in Deutschland und die Weimarer Republik wird gegründet. Die erste parlamentarische Demokratie für uns hier in Deutschland. Was bedeutet denn das für diese beiden Gebiete? Was passiert mit der Provinz Sachsen und auch Anhalt? Also man könnte jetzt einfach sagen, gar nichts, weil der Territorialbestand übersteht. Diese Königreiche Preußen und im Herzogtum Anhalt werden jetzt Freistaaten, werden jetzt Länder der Weimarer Republik, aber ihr Gebietsstand bleibt identisch. Allerdings gibt es vor allem in den 1920er Jahren sogenannte Reichsreformdebatten, wo man überlegt hat, wie kann man das Reichsgebiet besser aufteilen. Es gibt diesen erdrückenden großen preußischen Staat und viele relativ kleine und mittlere Länder, und da gibt es dann auch Debatten, die teilweise sogar schon die heutigen drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vorausnehmen. Aber unterm Strich dann bis 1933 faktisch ändert sich am Gebietsstand nichts.
Sie haben das Stichwort 1933 schon gegeben. Es folgt die Zeit des Nationalsozialismus. Deutschland wird zu einer Diktatur. Was heißt das für das Gebiet vom heutigen Sachsen-Anhalt? Also Sachsen-Anhalt wird jetzt in zwei Gaue aufgeteilt, die schon ein Stück weit die spätere DDR-Bezirksstruktur vorwegnehmen. Also es kommt auch im Dritten Reich zu keiner Vereinheitlichung der Region. Im Gegenteil, die NSDAP-Gaue spielen jetzt eine größere Rolle. Und ja, also neben sozusagen der Allgemeinentwicklung, dass hier natürlich auch die schlimme Zeit des Dritten Reiches die Region geprägt hat, hat sich hier auch territorial letztlich nichts getan, weil formal bestanden die Länder, also das Land Anhalt und die preußische Provinz Sachsen bis 1945 weiter.
Die NS-Diktatur führt Deutschland in den Zweiten Weltkrieg. Die Alliierten gewinnen diesen Krieg, teilen das gesamte Deutschland zu dieser Zeit in verschiedene Besatzungszonen auf, und auch dann entstehen neue Gebiete. Und das ist ja der Moment, wo man sagen kann, Sachsen-Anhalt wird ein erstes Mal jetzt richtig gegründet, aber zunächst als Provinz Sachsen-Anhalt. Was ist denn das damals für ein Gebilde? Also grob gesprochen kommt es 1945 erstmals zum Zusammenschluss dieser großen preußischen Provinz Sachsen und dem kleinen Land Anhalt, das dann auch, wie ich finde, völlig zu Recht den Namen Sachsen-Anhalt bekommt. Das ist allerdings, also da gab es keine große Mitbestimmung der Menschen, sondern das war eine Entscheidung der sowjetischen Besatzungsmacht, genauso wie in den westlichen Besatzungszonen ja auch diese großen neuen Kunstländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und so weiter entstanden sind. Und ja, dieses Land besteht aber auch wiederum nur kurze Zeit und wird schon 1952 dann in der DDR wieder aufgelöst in einem zentralistischen Staat, der von Ostberlin von der SED aus verwaltet wird. Also auch diese kurze Zeit des ersten Landes Sachsen-Anhalt hat ja keine großen Spuren hinterlassen können.
Ich finde das total spannend und es erinnert mich auch ein bisschen an eine Geschichtsstunde. Ich weiß nicht, ob die Lehrerin damals tatsächlich aus Halle kam. Jedenfalls hat die uns so ganz imbrünstig erzählt, dass Halle in dieser kurzen Zeit des ersten Landes Sachsen-Anhalt tatsächlich Landeshauptstadt war, eben weil Magdeburg so zerstört war nach dem Krieg und man da gar nicht so richtig wusste, wo man jetzt zum Beispiel die Parlamente hinbauen sollte. Also in Dessau hatten wir das nicht in Geschichte, spielte keine Rolle in Dessau, aber für uns Magdeburger war das relevant. Ja, und war nicht nur, ist es sogar, denn bis heute noch sorgt es ja, naja, vielleicht nicht unbedingt für hitzige Diskussionen, aber für eine liebevolle Rivalität zwischen den beiden Städten. Ja, diesmal liebevoll und mal vielleicht nicht ganz so liebevoll.
Aber lass uns mal zurückgehen in die Timeline, über die wir jetzt so gesprochen haben. Wie ging es denn dann nach 1952 weiter? Na ja, danach waren es dann nur noch zwei Bezirke: Magdeburg und Halle. Warum hat die DDR das gemacht? Ging es da sozusagen nur um Zentralismus? Teils, teils. Also die DDR gründet sich ja im Gegenmodell zur BRD und das passiert politisch wie strukturell. Was passiert genau? Sie gibt erst mal ihrem Gebiet eine ganz neue Verwaltungsstruktur. Die bis 1952 bestehenden fünf Bundesländer werden in 14 Bezirke unterteilt, plus Ostberlin. Und jeder dieser Bezirke hat eine Bezirkshauptstadt. Also der Bezirk Magdeburg hat die Bezirkshauptstadt Magdeburg. Das alles dient natürlich einem höheren Plan, denn die bis dahin zumindest für einen kurzen Zeitraum bestehende föderale Struktur, wie wir sie ja auch heute kennen, die wird aufgelöst und die neuen Gebiete werden so gestaltet, dass sie zentral von oben nach unten politisch wie wirtschaftlich verwaltet und natürlich kontrolliert werden können. Es ist damals eine Verwaltungsreform nach sowjetischem Vorbild, sagt Marie Landes.
Es folgten 40 Jahre DDR und was das mit den Menschen in Sachsen-Anhalt gemacht hat und wie es für das Bundesland weiterging, hört ihr in der ganzen Folge unseres neuen Podcasts „Dazwischen“. Da schauen Marie Landes und Katja Schmidt nämlich ganz genau auf die Geschichte des zweimal gegründeten und einmal gelöschten Bundeslands. Jeden Donnerstagabend erscheint eine neue Folge von „Dazwischen“. Mehr Geschichten aus und für Sachsen-Anhalt findet ihr aber auch im begleitenden Newsletter zum Podcast. Der liefert außerdem spannende Zahlen und Fakten sowie Tipps aus der Region. Ich verlinke euch sowohl den Podcast als auch die Anmeldung zum Newsletter in den Shownotes.
Und damit kommen wir auch schon zum Ende dieser Podcast-Folge und tatsächlich auch zur vorerst letzten Ausgabe von „Zurück zum Thema“. Wenn ihr unsere Themen auch in Zukunft nicht verpassen möchtet, dann abonniert doch am besten auch unseren detektor.fm Newsletter. Einmal im Monat informieren wir euch über Neuigkeiten aus dem detektor.fm Universum und über hörenswerte Podcasts. Auch diese Anmeldung verlinke ich euch in den Shownotes. An dieser Stelle jetzt noch Dankeschön für die Produktion dieser Folge an Paula Bültemann, und ich hoffe, wir hören uns wieder in einem anderen Format. Mein Name ist Jessi Jus, macht’s gut.