Eine marode Infrastruktur, veraltete Lehrpläne, zu wenige Lehrkräfte – das sind nur ein paar der Probleme, die das Schulsystem in Deutschland hat. Wir erinnern uns an die Zeit der Corona-Pandemie. Da wurde auch ziemlich schnell klar, dass auch das Thema Digitalisierung an Schulen absolut hinterherhinkt. Dazu kommt natürlich, dass auch Schülerinnen und Schüler sich mit der Zeit verändern. Die Aufmerksamkeitsspannen werden immer kürzer, und immer mehr junge Menschen kämpfen mit psychischen Problemen. Wie kann Schule den Anforderungen unserer Gegenwart eigentlich gerecht werden? Und wie sollte die Schule der Zukunft aussehen? Darum geht’s hier heute. Ich bin Jessi Jus. Hi!
Das deutsche Schulsystem steckt in der Krise. Dabei müssten wir eigentlich längst wissen, wie Schule besser geht. Die Wissenschaft erforscht schon lange, wie Lernen funktioniert und was guten Unterricht ausmacht. Wie würden Bildung und Schulkultur aussehen, wenn man diese Ergebnisse aus der Forschung und die Erfahrung aus der Praxis mal konsequent zusammendenkt? Um das herauszufinden, hat das Magazin Spektrum der Wissenschaft 17 führende Expertinnen und Experten aus der Schul- und Bildungsforschung, aus der Pädagogik und auch aus der Psychologie befragt. Einer dieser Experten ist Bildungsforscher Kai Marz. Im Podcast „Die großen Fragen der Wissenschaft“ erklärte er den Hosts Katharina Menne und Carsten Könnecker, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte.
Herr Marz, was funktioniert schlechter in diesem Land: die Bahn oder die Schule? Es kommt drauf an. Es gibt lichte Momente in beiden Systemen. Mal funktioniert die Bahn, mal funktioniert die Schule. Aber es ist vielleicht sinnbildlich, dass wir es in beiden Systemen mit Systemen zu tun haben, in denen mehr oder weniger weite Teile oder die gesamte Gesellschaft involviert ist. Und das hat zur Folge, dass wir ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Funktionalität der Bahn oder der Schule haben. Insofern ist die Antwort nicht ganz klar. Aber man kann eindeutig sagen, in beiden Systemen funktioniert es nicht so, wie es funktionieren sollte. Wir haben große Probleme.
Wir sprechen ja gleich über Probleme und auch über Lösungen. Aber vorneweg mal: Was waren Sie denn selbst für ein Schüler? Haben Sie auch mal einen blauen Brief mit nach Hause gebracht? Einen blauen Brief habe ich nie mit nach Hause gebracht, wohl aber schon mal einen Tadel, weil ich im Winter mit Schneebällen auf dem Schulhof nach anderen Schülerinnen geworfen habe. Nein, ich war ein relativ unauffälliger Schüler, vielleicht nicht sehr fleißig, eher faul, etwas minimalistisch veranlagt, also versucht, nicht mehr zu machen, als unbedingt nötig ist.
Wir haben ja schon über Bahn und Schule gesprochen, und man kann ja noch einen Vergleich ziehen. Und zwar kommen beide Systeme in Teilen noch aus der Kaiserzeit. Also sind vielleicht einige Probleme, die wir heute in der Schule sehen, auch darauf zurückzuführen, dass sich das Schulsystem nicht in der Weise weiterentwickelt hat, wie es es vielleicht hätte tun sollen. Ja, um es direkt am Anfang zu sagen: In meiner Beobachtung und Analyse ist das eines der Kernprobleme. Wir haben ein System, das in seinen Logiken heraus in der Vergangenheit agiert und den Anforderungen und den Erwartungen der Gegenwart, geschweige denn der Zukunft, mitnichten gerecht wird. Und dann kommt es natürlich immer wieder zu Störgefühlen, dann kommt es zu Problemlagen, dann kommt es zu Überforderungen. Und wir versuchen, all diese Dinge in weiten Teilen immer noch mit den Mechanismen und Strukturen der Vergangenheit zu lösen. Und das ist eines der großen Probleme.
Ein zweites Problem, das aus Ihrer Frage auch herauszuhören ist, dass wir versuchen, auf genau diese Probleme mit Aktionismus, mit Projekten zu antworten. Und das wird nicht funktionieren, weil all diese Projekte und der Aktionismus nie da ansetzt, wo die Probleme entstehen, sondern immer da, wo sie sichtbar werden. Und deswegen wäre es in meiner Analyse eines der zentralen und wichtigen Gründe, zu schauen: Wo ist wirklich die Ursache des Problems? Und da auch mit der Problembeseitigung anfangen und nicht da, wo sie in großen Bildungsstudien sichtbar werden.
Jetzt habe ich die Kaiserzeit und die Vergangenheit schon angesprochen. Vielleicht mal direkt zu Beginn: Wie sind denn Schulen, wie ist das Schulsystem überhaupt entstanden? Nun ja, jetzt kann man ganz weit zurückgehen. Bildung und das System, auch Bildung zu vermitteln, war lange Zeit ja ganz wenigen vorenthalten. Und gar nicht nur die Unterteilung nach Geschlecht, sondern wenigen privilegierten Gruppen. Und es ist eine der großen Errungenschaften, dass wir jetzt seit 100 Jahren im Prinzip eine Grundschule haben, die verpflichtend für alle Kinder ist. Und nicht nur eine Grundschule in Deutschland, sondern auch eine weiterführende Schulpflicht. Aber die Art und Weise, wie sich diese Schule entwickelt hat, mit einem niederen, einem höheren Bildungswesen, einem mittleren Bildungswesen und was wir jetzt an Strukturen haben, lässt erkennen, dass viele der Strukturen, die wir haben, immer noch tradierten Entwicklungen folgen, die, wie ich es eingangs schon gesagt habe, den Anforderungen an Bildung und an Schule der Gegenwart nicht mehr gerecht werden.
Warum brauchen wir denn Schulen überhaupt? Sie haben die Schulpflicht angesprochen, die wurde ja noch vor gar nicht allzu langer Zeit eingeführt. Was macht eine Schule also letztlich auch zur Schule? Nun ja, ich glaube, wir sind uns ja einig, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Bildung ein ganz zentrales Gut ist. Man könnte auch sagen, ein Rohstoff, und eigentlich auch unser zentraler Rohstoff, den wir haben. Und dieser muss entwickelt werden, dieser muss vermittelt werden. Und dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung. Das ist das Schulsystem von gestern gewesen. Und auch wenn man sich überlegt, wie sind Schulsysteme entstanden, dann ging es auch ganz stark um Wissensvermittlung. Auch weil Wissen wesentlich über Sprache und über Schrift weitergegeben wurde. Heute haben wir ganz andere Kommunikationsmöglichkeiten. Also kommen andere Herausforderungen dazu: Problemlösestrategien, Kreativität etc. Warum ist Schule wichtig? Weil letztendlich die Art und Weise, wie sich Kinder und Heranwachsende genau dieser Herausforderung stellen, keine Selbstläufer sind. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung, brauchen Rahmungen, brauchen auch Möglichkeitsstrukturen. Es gibt sicherlich Familien, da würde das wunderbar funktionieren, auch ohne Schule. Aber damit würden wir Ungleichheiten, die wir über Jahrhunderte, Jahrtausende letztendlich schon in den Gesellschaften etabliert sehen, weiter verfestigen. Und insofern könnte man sagen, die Schule und die Tatsache, dass alle Kinder und Jugendlichen zur Schule gehen, ist eigentlich die große Ermöglichungsstruktur, um Bildungsungleichheit überhaupt anzugehen und abzubauen. Also allen Kindern die Möglichkeiten zu geben, an Wissen zu partizipieren, ihre eigenen Potenziale zu entfalten, ihre eigenen Neigungen und Interessen weiterzuentwickeln, um daraus dann noch Perspektiven für den eigenen Lebensverlauf zu entwickeln.
Was würden Sie denn sagen, was die wichtigsten drei Eigenschaften der Schule der Zukunft, also der Schule, wie sie sein sollte, sind? Nun ja, die Schule der Zukunft sollte sich an den Dingen orientieren, die eine Gesellschaft auch als zentrale Kompetenzen oder als ein Kompetenzportfolio braucht. Ich glaube, wir können schon sagen, dass ein Mindestmaß an Basiskompetenzen, an basalen Kompetenzen notwendig ist und auch notwendig bleiben wird. Wir werden auch in Zukunft bei einer technologischen Entwicklung in die Lage versetzt werden müssen, Texten Sinn zu entnehmen und uns Texte nicht nur vorlesen zu lassen. Wir werden weiter in die Lage versetzt sein müssen, uns selbst in Wort und Schrift ausdrücken zu können, trotz KI und anderer Dinge. Und darauf muss Schule vorbereiten. Schule muss aber auch darauf vorbereiten, genau mit diesen neuen Technologien umzugehen, sie kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren, zu filtern: Wann arbeite ich mit welcher Information? Schule muss stärker in der Zukunft dazu beitragen, Kompetenzen zu vermitteln, um Herausforderungen anzugehen, sie zu erkennen, Problemlösungen zu entwickeln, kreativ zu sein. Und Sie merken, sind so diese ersten Bereiche, die ich genannt habe, Kompetenzen, von denen wir sagen: Das machen wir jetzt auch, das testen wir auch in den großen Schulleistungsstudien. Bei den letztgenannten sind wir noch eher so auf dünnem Eis. Das ist uns noch nicht so richtig gelungen. Es ist auch viel, viel schwieriger. Möglicherweise wird aber für die Zukunft meines Erachtens immer wichtiger werden, dass Schule über diesen klassischen Fächerkanon hinausgeht, neue Kompetenzbereiche sich erschließt, ohne die Basiskompetenzen dabei in Frage zu stellen.
Jetzt haben Sie den Begriff Kompetenz schon einige Male genannt, haben auch gesagt, dass Schule nicht nur Wissensvermittler sein kann. Sollte Schule also ganz explizit stärker auf Kompetenzen statt auf Wissen setzen? Sie muss auf beides setzen. Kompetenz wird ohne Wissen nicht funktionieren. Aber Wissen alleine reicht nicht. Und wenn wir uns die Formate in vielen schulischen Kontexten heute anschauen, dann sind diese auf Wissensvermittlung nach wie vor ausgerichtet. Prüfungen sind in allererster Linie Formate der Reproduktion von Wissen und nicht der Anwendbarkeit von Wissen. Und darum geht es. Es geht letztendlich darum, dass wir das Wissen, das wir generieren, auch in einen Anwendungskontext bringen. Allein zu wissen, wie der Satz des Pythagoras funktioniert oder wie der Dreisatz funktioniert, mag nett sein. Wenn ich es aber nicht transferieren kann in die Lösung konkreter Probleme, dann nützt mir dieses Wissen nichts. Das heißt, wenn wir von basalem Wissen sprechen, dann muss dieses Wissen an einem bestimmten Zeitpunkt sich transferieren und zu funktionalem Wissen werden, um mit diesem Wissen auch zu agieren. Also insofern ist die Art und Weise, der Umgang mit Wissen in Form von Anwendbarkeit von Kompetenzen etwas, was viel, viel wichtiger ist, aber voraussetzungsvoller auch in der Art und Weise, wie diese Dinge vermittelt werden. Wissen allein reicht nicht. Entscheidend ist, dass Schülerinnen und Schüler das Gelernte anwenden können. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis. Ich erinnere mich daran, dass mir das als Schülerin auch vor über 20 Jahren schon in der Schule gesagt wurde. In der schulischen Praxis scheint dieses Learning allerdings noch nicht so angekommen zu sein.
Das Schulsystem ist nicht mehr zeitgemäß. Warum das so ist und wie sich das System verändern muss, darüber haben hier gerade Carsten Könnecker und Katharina Menne mit Kai Marz gesprochen. Der ist Direktor des Leibniz Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Sprecher des Nationalen Bildungsberichts und Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Kai Marz kennt sich also nicht nur aus, sondern hat sogar einen direkten Draht in die Politik. Zu Gast ist er im Podcast „Die großen Fragen der Wissenschaft“. Ihr habt hier gerade nur einen kleinen Ausschnitt gehört. Es lohnt sich sehr, in das ausführliche Gespräch der drei einzusteigen. Ich verlinke es euch in den Shownotes und freue mich, wenn ihr da nochmal reinhört. Danke euch auch schon mal jetzt fürs Zuhören. Und wenn euch dieser kleine feine Podcast hier gefällt, dann empfehlt „Zurück zum Thema“ doch gerne weiter. Hier bekommt ihr immer einen Einblick in das Podcast-Universum von detektor.fm und unsere spannendsten Themen. Die Produktion hat diesmal Stanley Baldauf übernommen, und ich bin Jessi Jus. Sage ciao bis zum nächsten Mal. detektor.fm – zurück zum Thema.