Die Anfänge der Fotografie
Sein Blick aus dem Fenster – das zeigt die erste erhaltene Fotografie, die sein Erfinder, der Franzose Joseph Nicéphore Niepce, auf ein Bild band. 200 Jahre ist das nun her. Die Technik dazu hatte damals noch einen anderen Namen. Niepce nannte sein Verfahren Heliographie, was so viel heißt wie „Zeichnen mit der Sonne“. Mit dieser Technik sollte die Wirklichkeit festgehalten werden, und zwar so originalgetreu wie nur irgend möglich. In seiner 200-jährigen Geschichte ist hingegen etwas viel Komplexeres entstanden.
Und damit: Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge. Ich bin Sarah Marie Plekat. Schön, dass ihr zuhört: Kunst und Leben – der Monopol Podcast von detektor.fm. Dazu habe ich mir zwei Frankreich-Reisende eingeladen. Sebastian, du hast die beeindruckende Sophie Kall in ihrem Atelier besucht. Zu ihr später noch mehr. Und Elke, du warst gerade auf der Art Basel in Paris. Fotografie spielte da ja auch eine wichtige Rolle. Aber erst mal: Hallo und herzlich Willkommen. Schön, dass ihr da seid. Hallo! Hallo!
Der Zustand der Fotografie
Die Fotografie, die hat ja jetzt wirklich 200 Jahre auf dem Buckel. Das ist ganz schön viel. Wie geht es dir denn eigentlich momentan? Das ist eine gute Frage. Der Fotografie geht es sehr gut und sehr schlecht gleichzeitig, würde ich sagen. Also Fotografie ist überall. Fotografie hat die Welt erobert. Und wir alle knipsen die ganze Zeit wie blöd. Aber wir alle wissen auch, was der Nachteil ist, nämlich dass man gar nicht mehr – also dass es viel zu viel ist und dass man totale Probleme hat, noch das gute Bild zu sehen.
Also natürlich ist ein gutes Bild besser als tausend schlechte. Aber wir werden den ganzen Tag überflutet von tausend schlechten Bildern. Und deswegen muss man halt sich da seinen Weg durchfinden. Also eigentlich ging es den Erfindern der Fotografie ja auch darum, Wirklichkeit möglichst originalgetreu wiederzugeben. Mehr noch, eigentlich als Pinsel und Farbe es vielleicht auch könnten. Fragezeichen. Konnten sie das mit dieser Technologie einlösen?
Illusion und Wissenschaft
Ich weiß gar nicht, ob das der Anspruch war. Also interessanterweise war die Fotografie ja immer schon auch ein Werkzeug der Illusion. Also es ist wirklich ein Medium in der vollen Bandbreite der Bedeutung dieses Wortes. Das heißt, von Anfang an gehen eigentlich so neue wissenschaftliche Möglichkeiten, Okkultismus, Spiritismus Hand in Hand. Recht früh im 19. Jahrhundert entsteht ja auch die Geisterfotografie, die wahnsinnig populär ist.
Die wird oft auch in Verbindung gebracht mit den großen Kriegen in der Zeit, also in Amerika mit dem Bürgerkrieg, in Europa mit dem Ersten Weltkrieg, weil die Menschen einfach umgehen müssen mit dem Tod. Gott stirbt ja bekanntlich im 19. Jahrhundert, wie Nietzsche bemerkt. Und irgendwer anders muss uns ja zeigen, wo die Toten sind. Und die klopfen dann entweder in spiritistischen Sitzungen, machen die sich akustisch bemerkbar oder sie materialisieren sich in diesem magischen Medium der Fotografie.
Ja, man denkt irgendwie, das Objektiv der Kamera ist neutral, daher ja auch der Begriff „objektiv“. Es kann Unsichtbares sichtbar machen. Das sieht man dann in der Röntgenfotografie, die für die Wissenschaft total wichtig ist. Aber wie soll man das unterscheiden von der Sichtbarmachung der unsichtbaren Toten und Geister? Das heißt, eigentlich die Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft, die gibt es da noch gar nicht. Die wird da noch ausgefochten und das ist super spannend.
Fotografie in der Kriminologie
Und es geht immer so weiter. Natürlich ist dann die Fotografie auch im Einsatz in der Kriminologie. Es gibt die Spurensicherung, also bei der Polizei und so weiter. Da entstehen dann auch so interessante Theorien, die das Kameraobjektiv mit dem Auge gleichschalten. Unter anderem der Glaube, dass das Auge das letzte Bild, was es gesehen hat, das Auge eines Lebenden, bevor dieser Mensch stirbt, aufzeichnet. Sodass ja ein Mensch, der ermordet wurde, was als allerletztes gesehen hat? Den Mörder. Genau.
Das heißt, wir lachen heute ein bisschen drüber, aber das sind ja wirklich dann so Methoden, die angewandt werden, die man versucht, um Mörder zu überführen. Ich finde es aber auch spannend, was du gerade erzählt hast. Ich dachte dann auch sofort an diese Geisterfotografie. Aber also Fotografie ist ja insofern auch ein ganz vollwertiges künstlerisches Medium geworden im Verlauf der Avantgarde, weil sie über sich selbst nachdenkt.
Fotografie und Kunst
Also das ist ja immer der Punkt. Malerei handelt von Malerei immer auch. Und Fotografie handelt aber eben auch von Fotografie. Also man denkt, okay, Fotografie ist erfunden worden, um irgendwas abzubilden. Aber nein, auch Fotografie interessiert sich für sich selbst in einer narzisstischen Wende, die offensichtlich der Kunst irgendwie inhärent ist.
Und ganz toll finde ich, sieht man das bei Wolfgang Tillmanns, einem unserer absoluten Lieblingsfotografen über alle Zeiten. Ein Teil seines Werkes sind ja diese tollen Fotos von Menschen, Situationen, Szenen, Reisen. Und ein anderer Teil sind ja einfach abstrakte Sachen, die in der Dunkelkammer entstanden, wo er halt Experimente gemacht hat und wo er dann reine Farben und Formen hervorbringt. Und er stellt das nebeneinander und sagt, das geht halt beides. Und das ist halt, ja, so funktioniert halt die Kunst – die zeitgenössische.
Die Entwicklung der Malerei
Ja, und man kann auch noch sagen, dass natürlich die klassischen Medien, also die Malerei, natürlich dann auch eine andere Aufgabe bekommt oder neue Felder sich erarbeiten kann. Eben nicht mehr die klassische Porträtmalerei oder die figurative Abbildung von Phänomenen, sondern im weitesten Sinne abstrakt wird. Also vom Impressionismus angefangen bis hin zu wirklich komplett schwarzen Bildern.
Darauf kommt man natürlich erst in dem Moment, wo die wirklichkeitsgetreuen Abbilder von der Fotografie besser gemacht werden können. Bevor wir an dem Punkt sind, gehen wir noch mal ganz kurz zu Niepce und seinem ersten Bild zurück. Wie hat er das denn eigentlich gemacht? Der hat ja an sich auch schon mal eine unfassbar lange Belichtungszeit für sein Foto gebraucht. Ja, acht Stunden.
Niepce und die erste Fotografie
Also ich finde die Geschichte schon sehr lustig. Das war so ein Erfinder, relativ reicher Mensch, ein Franzose. Der hatte so ein Landgut und hat da irgendwelche Experimente gemacht. Also er war jetzt kein Künstler oder so, sondern er wollte einfach gucken, was man so machen kann mit Bildern oder wie man Bilder machen kann.
Und der hat dann eine Kamera Obscura gebaut und hat das Licht aus der Kamera Obscura auf einen Hintergrund fallen lassen, der mit Asphalt und Lavendelöl bestrichen war. Und der Asphalt, der färbt sich dann unterschiedlich, je nachdem, wie viel Licht da drauf fällt. Und am Ende, nach dieser achtstündigen Belichtungszeit, musste man das Lavendelöl auswaschen und dann war es ein Bild.
Er fand das, glaube ich, damals so richtig super. Also was er gezeigt hat, war der Blick aus seinem Fenster, weil das halt das Einfachste ist mit dieser Kamera Obscura. Er ist dann damit irgendwie rumgereist und wollte das allen Leuten zeigen, so nach dem Motto: Ich habe hier eine tolle Erfindung gemacht. Er ist aber auf komplettes Desinteresse gestoßen, was ich sehr lustig finde.
Und hat dann später aber mit anderen Leuten noch die Daguerre – Sebastian Daguerre – oh mein Gott, Daguerre! Mit Daguerre zusammen hat er dann noch andere Techniken entwickelt. Und es ist eigentlich erst wirklich viel, viel später wurde dann ein Abbild wiederum, also von diesem ersten Foto gemacht, das man dann auch ausstellen kann, sodass wir jetzt heute auch sehen können, was da eigentlich drauf ist.
Die Wahrnehmung der ersten Fotografie
Also man sieht nicht so viel. Ich muss auch zugeben, als es jetzt irgendwie hieß „200 Jahre Fotografie“, habe ich gedacht, die Leute haben sich in den Jahrzehnten geirrt, weil in meinem Kopf die erste Fotografie so 1870 war oder so. Aber es war tatsächlich schon ein halbes Jahrhundert vorher. Ja, krass.
Und ihr habt ja auch für dieses Jubiläum und diese Feier verschiedene KünstlerInnen gefragt, was dann eigentlich ihr Lieblingsbild ist. Eine sehr, sehr schwierige Frage. Erst mal die Frage an euch: Habt ihr ein Lieblingsbild? Na, wir sublimieren ja immer unsere Unfähigkeiten nach außen. Also die Frage ist wirklich ja unmöglich zu beantworten.
Die Herausforderung der Lieblingsbilder
Und ein Teil der Künstlerinnen und Künstler, die wir angefragt haben, waren auch total überfordert damit, haben sich dann wahnsinnig Druck gemacht. Einige haben dann auch hingeschmissen nach längerem E-Mail-Hin- und Herverkehr. Das ist natürlich total fies, die Frage. Und es gibt ja wirklich Millionen Bilder, die da in Frage kommen. Es gibt die bekannten historischen Meilensteine. Es gibt die wichtigen Nachrichtenbilder, natürlich Kriegsaufnahmen und so weiter.
Und dann gibt es noch den reinen Kunstfotografie-Bereich. Wir haben dann aber am Ende doch ganz tolle Leute bekommen. Quasi die gesamte Becher-Schule hat mitgemacht, aber auch international viele Leute, die eigentlich ganz gut auch das Spektrum der Möglichkeiten abdecken.
Lieblingsfotografen und ihre Werke
Und unter anderem einer meiner Lieblingsfotografen, also wenn man mich fragt, was mein Lieblingsbild ist, natürlich gibt es das nicht, aber mein aktueller Lieblingsfotograf ist eigentlich Akinbode Akinbi. Der lebt in Berlin und hat irgendwie die letzten Jahrzehnte – also der ist schon relativ alt – die letzten Jahrzehnte so ganz tolle Street Photography gemacht in Afrika, in Großbritannien, aber auch in Berlin.
Und zum Beispiel seine Serie über das sogenannte afrikanische Viertel in Berlin finde ich irgendwie ganz toll, wie er dann mit seinem Blick da wirklich so die Spuren der Migration in diesem Berliner Wedding irgendwie sieht. Den finde ich ganz toll. Deswegen hat es mich total gefreut, dass der zum Beispiel mitgemacht hat.
Und wer hat noch mitgemacht? Also ich finde auch toll, wir haben Leute wie Tyler Mitchell, amerikanischen Fotograf, jung, der so im Jahr in der Schnittstelle von Kunst und Mode auch ein bisschen bekannt wurde und nach neuen Formen von Schönheit und Begehren und Empowerment, aber auch fragt, vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte und der Darstellung von afroamerikanischen Menschen.
Wir haben Heidi Specker dabei. Wir haben ganz toll auch Rienike Dijkstra, eine niederländische Fotografin, die vor allem mit ihren Porträts von Jugendlichen und Kindern bekannt wurde, haben wir dabei. Schön fand ich auch die Antwort von Thomas Ruf, der ja auch immer extrem über das Bildermachen selber nachdenkt und sich jetzt entschieden hat für ein Bild, das eine sowjetische Mondsonde, ich glaube Mitte der 60er Jahre, von der Rückseite des Mondes aufgenommen hat.
Das erste Bild von der Rückseite des Mondes. Und so mischt sich das zwischen so historischen, zeitgeschichtlichen Meilensteinen und ganz persönlichen Geschichten, manchmal auch. Aber Annette Kellen, zum Beispiel, die wir ja auch sehr schätzen, eine Berliner Fotografin, die hat ein Bild genommen, was dann von 1869 ist, also wieder die Phase, wo Sebastian dachte, dass die Fotografie beginnt.
Experimentelle Farbfotografie
Und es ist eins der ersten experimentellen Farbfotos. Und das ist eigentlich auch wirklich lustig, weil das ist eine Aufnahme, ein Stillleben von einem Hahn und einem Kanarienvogel. Die Tiere sind aber präpariert. Also das heißt, es war jetzt kein Schnappschuss, sondern die sind schon tot. Und Annette freut sich halt darüber, wie scharf das ist und wie aber auch, wie komisch künstlich installiert.
Und ich glaube, das ist halt so etwas, was sie ja selber auch macht. Sie macht ja auch diese Stillleben, die immer so ganz rätselhaft sind und so wie er starrt im Moment. Und genauso sieht dieses Bild halt auch. Deswegen hat sie sich das ausgewählt. Und das finde ich halt auch ganz schön, dass man ganz oft so eine schöne Verbindung zwischen dem Werk und dem ausgewählten Bild sieht.
Entdeckungen im aktuellen Heft
Also da kann man auf jeden Fall im aktuellen Heft noch einiges entdecken, nicht nur an tollen Fotografen und Fotografinnen, sondern auch an ausgewählten Werken. Da kann man sehr schön drin schmökern. Mich hat überrascht, tatsächlich, du sagst gerade die erste Farbfotografie, aber es waren doch überwiegend – wenn ich mich erinnere – Schwarz-Weiß-Fotografien, die gezeigt wurden, oder?
Es sind viele Schwarz-Weiß-Fotos. Ich glaube, ganz, ganz lange wurde das als die seriöse künstlerische Fotografie ja auch interpretiert. Also William Eggleston war ja einer der ersten, der mit Farbfotos überhaupt in die großen Museen gekommen ist. Und ja, ich glaube, bis heute ist so irgendwie das Schwarz-Weiß-Bild ja auch immer noch das, was so ungewöhnlich ist.
Die Rolle der Farbe in der Fotografie
Also wir alle fotografieren ja jetzt in Farbe. Also das heißt, unsere Handyfotos sind in Farbe. Und wenn wir wollen, dass es cool aussieht, dann machen wir den Schwarz-Weiß-Filter rein und fühlen uns als wären wir in einem Film noir. Ja, kommen wir zu einer wirklich interessanten und wirklich auch sehr ungewöhnlichen Künstlerin, der Konzeptkünstlerin und Fotografin Sophie Kahl. Sebastian, du hast sie in ihrem Atelier in Paris besucht.
Das ist ja immer ein sehr besonderer Moment, gleichzeitig so öffentlich, aber auch sehr intim. Wie war es, da in diese heiligen Hallen zu treten? Ja, es war erst mal so, dass man sich fühlt wie in der Banlieue, ein bisschen so am Stadtrand. Da rauscht der Verkehr. Dann steht man vor einem nicht sonderlich hübschen Gebäude, klingelt an der Tür ohne Schild und denkt irgendwie, die Klingel ist kaputt, da passiert gar nichts.
Der Besuch bei Sophie Kahl
Dann öffnet sich aber doch die Tür. Man tritt hinein, kommt in einen verwunschenen Garten und von diesem Garten in das Atelier von Sophie Kahl, das seinerseits dann noch mal eine totale Wunderkammer ist, also vollgepackt mit ausgestopften Tieren, mit Fundstücken vom Flohmarkt oder vielleicht auch wertvollen Antiquitäten oder Kunstwerken. Man kann das alles gar nicht auseinanderhalten.
Persönliche Andenken, Fotografien, auch Nippes und Kleinkram, Plastikgeschirr. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob das angebissene Croissant auf dem Tisch echt ist oder aus Plastik. Und es ist so ein bisschen spooky, ein bisschen unheimlich und sehr beeindruckend, also wie eine gigantische Theaterkulisse. Und ja, viele dieser Objekte in dem Atelier haben für ihre Kunst auch schon mal eine Rolle gespielt.
Die Geschichten hinter der Kunst
Es geht viel ums Sammeln. Es geht aber auch um viel so sichtbar machen von Leerstellen in ihren Werken. Wie setzt sie da jetzt Fotografie ein? Es ist eigentlich totaler Wahnsinn, weil Sophie Kahl dann vor einem sitzt und einem die verrücktesten Geschichten, die ihre Kunst auszeichnen, mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, so als wollte sie sagen: Ja, ist doch nichts dabei.
Ich nenne einfach ein paar Beispiele, was sie gemacht hat. Jahrelang hat sie in einem Hotel gewohnt in Paris, das heute ein berühmtes Museum ist, das Musée d’Orsay. Daneben war ein Hotel. Das war Ende der 70er Jahre so eine Baustelle. Sie ist da über den Bauzaun gekrochen und hat sich da ein Zimmer ausgewählt und hat dann da irgendwie ihre Tage verbracht, hat sich Geschichten ausgedacht über die Gäste, die es damals gab, hat alte Hotelschilder und Schlüssel durchsucht, Briefverkehr gefunden und so weiter und hat immer so sich Geschichten dazu ausgedacht.
Verloren in Paris
Wusste noch gar nicht, ob das mal Kunst wird oder irgendwen interessiert. Sie war einfach Anfang 20 und irgendwie lost in Paris. Dann ist sie auf der Straße fremden Menschen gefolgt mit ihrer Kamera, verkleidet, ein bisschen wie ein Detektiv. Ist diesen Menschen gefolgt und dahin gegangen, wo die hingegangen sind, weil sie gesagt hat: Ich habe mich so verloren gefühlt in Paris.
Und wenn jemand vor dir geht, dann musst du nicht mehr nachdenken, wohin du heute an diesem Tag gehst und was dein Ziel ist. Diese Aktion hat sie ausgeweitet bis hin zu einer Reise nach Venedig. Bis dahin ist sie einem Menschen gefolgt. In Venedig wiederum hat sie sich als Zimmermädchen in einem Hotel angeheuert und hat da die Zimmer der Gäste fotografiert und so ein bisschen durchwühlt.
Trauer und Verlust
Hat sich dazu Geschichten ausgedacht. Sie hat später den Tod ihrer Mutter gefilmt, also wirklich die Mutter auf dem Sterbebett gefilmt. Es geht um Trauer, um Verlust. Es geht um Liebe. Sie hat auch den Abschiedsbrief, den ein damaliger Partner ihr geschrieben hat, hat sie auch in ein Kunstprojekt verwandelt. Der endete mit dem Satz: Pass auf dich auf.
Und sie hat dann erzählt: Ich wusste einfach nicht, wie dieser Satz gemeint war. War das so? War das einfach nur eine leere Floskel? Wollte er weiter in Kontakt bleiben? Soll ich darauf antworten? Und weil sie nicht wusste, wie sie antworten soll, hat sie Fremde oder am Anfang Freunde gebeten, darauf zu antworten.
Kunst als Überlebensstrategie
Ihre beste Freundin, eine Psychologin, eine Ärztin, eine Wahrsagerin, alle möglichen Leute. Die haben dann quasi auf den Brief des Labers geantwortet. Das hat sie dann wieder zu einem Kunstprojekt gemacht. Und sie sagt, durch diese Verarbeitung in Kunstform, das ist nicht unbedingt eine Therapie für sie, aber sie kann in Abstand treten zu dem Schmerz und durch dieses Wiederholende auch und durch eine Form von Fiktionalisierung ist es weniger real, wenn es quasi ein Kunstprojekt wird. Dadurch kann sie damit umgehen.
Ja, und diese Frau ist wirklich wahnsinnig beeindruckend. Sie macht das ja. Für sie ist Kunst wirklich eine Art von Überlebensstrategie. Aber das Interessante jetzt von meiner Perspektive, die ich nicht bei ihr im Atelier war, sondern natürlich über Jahre viele Ausstellungen gesehen habe von Sophie Kahl, ist, dass sie dann das alles – also dieses Leben, was sie da gemacht hat – überführt sie halt in so eine eigentlich relativ klassische konzeptuelle Kunst.
Spannung zwischen Chaos und Ordnung
Also das ist immer so, das wird dann so systematisiert. Das wird dann auch so sehr rasterförmig präsentiert und du hast immer so Serien und immer gleich und jeden Tag und so. Das ist so ein bisschen das Erbe der Konzeptkunst der 70er, also so Onkawara, der jeden Tag eine Postkarte schreibt und so weiter. Also das kommt dann von der anderen Seite auf dieses Werk.
Also es heißt, es gibt auf der einen Seite so das Chaos des Lebens, in das sie sich so reinwirft. Und auf der anderen Seite gibt es die Ordnung der Konzeptkunst. Und das ist so eine Spannung, finde ich, immer, wenn man diese Ausstellungen sieht oder wenn man ihre Werke sieht. Das ist halt total interessant.
Und das ist so diese Rigorosität, die zeigt auch so ein bisschen ihre Generation. Also ich glaube, jüngere Leute machen das gar nicht mehr so. Es ist schon so ein bisschen so Oldschool-Konzept, aber dann auch toll wahrzunehmen für mich. Sie nennt ihre Projekte ja auch immer Spiele oder Rituale.
Die Regeln der Kunst
Und es gibt auch immer feste Regeln, einen festen Ablauf, festen Anfang, festes Ende und so weiter. Und genau wie Elke beschrieben hat, die Werke wirken dann erst mal so spröde, eigentlich bürokratisch beinahe. Aber gerade der Clash von diesen hochemotionalen, traumatischen, obsessiven, voyeuristischen, wirklich deepen persönlichen Kram und dieser so Sprache der Bürokratie und Wissenschaft oder Konzeptkunst – genau der Clash erzeugt halt diese Spannung.
Und man kann sie und ihre Werke auch ab dem 13. November in Berlin erleben. Und zwar am Hamburger Bahnhof. Da wird sie eine Ausstellung zeigen, die heißt „Is It Better?“. Worum wird es da genau gehen? Was kann man dort sehen? Wisst ihr das schon?
Sophie Kahls Ausstellung
Ja, also Sophie Kahl hat viel in Frankreich gearbeitet, war aber Mitte der 90er dann auch in Berlin und hat hier im Ostteil der Stadt die Orte aufgesucht, an denen Denkmäler aus der DDR-Zeit abgeräumt worden waren. Also so, wo mal Lenin oder Stalinbüsten standen oder diese berühmten Wandmosaike, wo die abgenommen worden waren aus politischen Gründen der Nachwendezeit.
Da hat sie Fotos gemacht und die Bewohner der Stadt gebeten zu sagen, wie sie sich an das abmontierte Werk erinnern. Also es geht auch wieder um das Spiel von Abwesenheit. Die Dinge sind nicht mehr sichtbar. Sie hat dann quasi ein Foto von dieser Lehrstelle gemacht und daneben protokolliert die Aussagen der Bewohner.
Erinnerungen und Geschichtsschreibung
Und das Irre ist halt, dass sich die Bewohner komplett unterschiedlich daran erinnern, wie jetzt Lenin genau aussah, ob er grimmig aussah oder erhaben oder alltäglich oder herrschaftlich. Und dadurch hat man wieder diese Spannung von offizieller Geschichtsschreibung, persönlicher Erinnerung, von objektivem Fotobild und der Lehrstelle, die mit der Imagination und der Fantasie und der Erinnerung gefüllt wird.
Und wieder so ein Spannungsfeld, was so Bewegung einfach auch in Diskurse reinbringt, die ja auch eine sehr relevante politische Bedeutung haben. Interessant finde ich auch, ich glaube, sie hat auch ein Foto gemacht vom Palast der Republik, beziehungsweise der, der dann nicht mehr da ist. Und jetzt steht ja wieder ein Gebäude auf dieser Fläche, was ja auch viel diskutiert wird.
Der Humboldt Forum
Also genau. Ja, das ist quasi der neueste Teil der Serie: Ein Foto vom Humboldt Forum. Und daher kommt auch der Ausstellungstitel „Is It Better?“. Also ist es besser? Was sie eine Frage, die sie wiederum an Passanten gerichtet hat: Ist das Gebäude jetzt besser? Wie geht ihr damit um?
Und ich habe sie auch gefragt, ob sie irgendwie die politischen Debatten in Deutschland gerade mitbekommen hat. Also es wird ja viel mehr denn je gesprochen über die folgenden Wiedervereinigungen und die nicht verarbeiteten Traumata. Und sie war da so ein bisschen zurückhaltend und meinte, das war gar nicht so politisch gemeint am Anfang.
Politische Relevanz der Kunst
Der erste Teil der Arbeit ist aber tatsächlich vom Bundestag angekauft worden. Der Bundestag hat ja eine Kunstsammlung, weil man eben diese enorme politische Relevanz darin erkannt hat. Genau. Und ja, to be continued, würde ich sagen. Also ihr Werk geht jetzt mit diesem Foto vom Palast der Republik oder vom Humboldt Forum heute weiter, aber kann natürlich auch noch weitergeführt werden.
Abschluss und Ausblick
Ganz kurz zum Schluss noch ein Schlenker zum Anfang quasi. Ich habe ja schon gesagt, Elke, du warst gerade in Paris anlässlich der Art Basel. Wie wird dann im Geburtsland der Fotografie dieser runde Geburtstag gefeiert? Da sind eigentlich die meisten Ausstellungen. Also in Deutschland ist es ja, ist es ehrlich gesagt gar nicht so doll angekommen.
Da gibt es, es gab bei CO Berlin gab es ein schönes Symposium und so weiter. Also natürlich haben die Institutionen, die sich besonders mit Fotografie beschäftigen, das auf dem Schirm. Aber in Frankreich ist es ein Riesending. Es gibt so eine Webseite und da sind irgendwie 200 Ausstellungen drauf. Also es ist auch total, wirklich wahnsinnig viel.
Fotografie in Paris
Die haben das auch alles zusammengefasst in verschiedenen Plattformen und so. Und in Paris war jetzt die wichtigste Ausstellung, die sich mit Fotografie beschäftigt, war in der Bourse Commerz. Und da ging es wirklich – also das war so in Petersburger Hängung, Fotografie aus 200 Jahren. Und da war so alles dabei. Also es war ein bisschen viel fast, aber wirklich ja, wirklich beeindruckend.
Gleichzeitig gibt es einige Irving Penn-Präsentationen und so weiter. Also viel los. Und die Paris Photo, also die eigentliche Foto-Messe, die kommt ja dann noch im November. Also vielleicht ein kleiner Herbstausflug, wenn euch ja Fotografie da ganz besonders interessiert.
Vielen Dank an euch beide, Elke Bohr und Sebastian Frenzel vom Monopol Magazin für dieses schöne Gespräch. Sehr gerne! Gerne! Neue Folgen von Kunst und Leben, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin, den gibt es zweimal im Monat, immer am Dienstag. Mein Name ist Sarah Marie Plekat. Ich sage tschüss und bis zum nächsten Mal: Kunst und Leben – der Monopol Podcast von detektor.fm.