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Chor der Zeitastronauten von Ari Benjamin Meyers
Bild: Ari Benjamin Meyers, Chor der Zeitastronauten, 2026. | Anna Tiessen

Monopol-Podcast | Das Gegenteil von Jetzt

Es ist schon mitten unter uns

Angesichts andauernder Krisen des Jetzt sucht das Jüdische Museum nach seinem Gegenteil. Zwölf Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit der Frage auseinander, wie es anders sein könnte.

Wie können wir in ein anderes Denken kommen? Das ist eine der zentralen Fragen, die sich die Ausstellung „Das Gegenteil von Jetzt — Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“ stellt. Ein Denken über Utopie, über das gedankliche Experimentieren, darüber, sich die Offenheit für das Neue und Unbekannte zu gestatten und sich letztlich in die Lage zu versetzen, sich etwas anderes vorzustellen als das, was bereits ist. Impulse dazu zogen die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Shelley Harten und Julia Friedrich, u. a. aus Texten von Theodor W. Adorno und Ernst Bloch.

Das Problem ist, dass wir immer denken, alles müsste so sein, wie es jetzt ist.

Julia Friedrich, Sammlungs- und Ausstellungsdirektorin des Jüdischen Museums Berlin

Julia Friedrich, Sammlungs- und Ausstellungsdirektorin des Jüdischen Museums BerlinFoto: Yves Sucksdorff

„Adorno und Bloch machen dieselbe Feststellung eigentlich in den 60er Jahren“, sagt Julia Friedrich. „Adorno sagt, er hat immer so einen inneren Polizisten im Kopf. In dem Moment, wo sich ein utopischer Gedanke regt, kommt einer mit einem Knüppel und knüppelt ihn nieder. Und die Frage ist eben: Wie ist das heute? Ist der Polizist immer noch da? Ich würde sagen, er ist vielleicht noch ein bisschen besser ausgerüstet, als er damals war. Weil es wirklich sehr schwer ist, sich etwas anderes vorzustellen. Vor allem sich vorzustellen, dass es etwas besser werden könnte, als es jetzt ist.“

Utopische Kunst

Etwas Neues wagen, neue Wege gehen, das versucht zum Beispiel der US-amerikanische Künstler und Komponist Ari Benjamin Meyers mit seinem „Chor der Zeitastronauten“, für den er mit 90-jährigen Menschen zusammenarbeitet, die mit Beginn der Ausstellung zu proben beginnen.

Das ist auch etwas, was für unsere Ausstellung sehr relevant ist, diesen Neuanfang immer wieder zu suchen und anzuregen.

Shelley Harten, Kuratorin für zeitgenössische und moderne Kunst und Geschichte im Jüdischen Museum Berlin

Shelley Harten, Kuratorin für zeitgenössische und moderne Kunst und Geschichte im Jüdischen Museum BerlinFoto: J. Lemm

Die Künstlerin Andrea Büttner sucht die Utopie hingegen in den Maserungen von Holz. Für die Ausstellung hat sie großformatige Holzschnitte geschaffen, in denen sie Zitate des utopischen Denkens herausgearbeitet hat. Zum Beispiel von Ernst Bloch: „Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst.“ Es stammt aus der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ von 1964. Es geht darum, dass der Mensch noch nicht fertig ist und sich erst seiner selbst bewusst werden muss. Das wahre „Ich“, so Bloch, entstehe erst im kollektiven „Wir“. Ähnlich könnte es sich auch mit dem utopischen Denken verhalten.

Die Utopie ist schon ansatzweise das Jetzt. Das Jetzt ist nichts Zukünftiges, nichts Gegenteiliges, sondern es gibt jetzt schon die Möglichkeit zur Verwirklichung. Sie ist schon mitten unter uns.

Andrea Büttner, Künstlerin

Andrea Büttner, Künstlerin Foto: Julian Salinas

In dieser Folge von „Kunst und Leben“, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin, spricht detektor.fm-Moderatorin Sara-Marie Plekat mit Julia Friedrich und Shelley Harten. Die beiden haben die Ausstellung „Das Gegenteil von Jetzt — Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart“ am Jüdischen Museum Berlin kuratiert. Besichtigen könnt ihr sie ab dem 4. September 2026.

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