Wenn es nicht vom Menschen kommt, dann ist es auch keine Kunst. Das sagt der US-amerikanische Schriftsteller Dave Eggers. Denn wenn zum Beispiel die KI aktiv wird, kann da gar keine Kunst entstehen. Denn der fehlt es an Kreativität und eigenen Emotionen. Stattdessen solle man sich wieder mehr Bleistift und Papier widmen, sozusagen um die eigene Menschlichkeit zu verteidigen.
In seinem aktuellen Roman „Contrapposto“ beschreibt Dave Eggers die Welt der Kunst und erzählt von begabten, aber ambitionslosen Malern, solchen, die abmalen, was schon andere abgemalt haben und damit unfassbar viel Geld verdienen. Stichwort Appropriation Art. Und wieder solchen Menschen, die im Kunstbetrieb hoch hinaus wollen. Und das um jeden Preis.
Mein Name ist Sarah Mariplikat. Ich freue mich auf diese Folge „Kunst und Leben“. Schön, dass ihr dabei seid. „Kunst und Leben“ der Monopol-Podcast von detektor.fm. Silke Hohmann vom Monopol Magazin ist bei mir zu Gast. Sie hat ein tolles Buch gelesen: „Contrapposto“ von Dave Eggers. Das ist in diesem Juli erschienen, diesen Sommer also.
Dave Eggers, der ist in Deutschland auch und vor allem bekannt für seinen Roman „The Circle“ von 2013, der auch verfilmt wurde. In dem geht es um eine dystopische Gesellschaft, die sich Stück für Stück der Kontrolle einer mächtigen Internetfirma unterwirft. „Contrapposto“ geht hingegen tief rein in die Welt der Kunst und zeigt die Menschen, die auch Kunst machen, in ihren Facetten, in ihren Höhen und in ihren Tiefen.
Aber bevor wir da wirklich tief einsteigen, erst mal Hallo Silke, schön, dass du da bist.
Hallo Sarah, ich freue mich auch. Bevor wir direkt über das Buch sprechen, habe ich eine kleine Anekdote von gestern von meinem Küchentisch. Da saß ich nämlich und habe mit Stift und Papier eine Vollmacht geschrieben, weil ich selbst den Termin nicht wahrnehmen konnte, den ich da gerne machen wollte. Und der Grund dafür war, dass mein Drucker kaputt ist. Also nicht kaputt ist, aber der braucht eine neue Patrone, und deswegen konnte ich das Formular nicht ausdrucken. Online ging das nicht. Deswegen Zettel und Papier. Hat super geklappt.
Beruflich sitze ich vor allem vor einem Laptop, schreibe da viel und habe mich dann so gefragt: Meine Handschrift sieht ein bisschen komisch aus. Wann habe ich das letzte Mal per Hand geschrieben? Wie geht’s dir damit? Ich hatte dieses Aha-Erlebnis, dass meine Handschrift irgendwie ganz komisch aussieht. Nach so vielen Jahren an der Tastatur habe ich mir tatsächlich wieder einen Füller gekauft, und das macht auch richtig Spaß.
Und heute Morgen habe ich, weil ich mein Handy geschrottet habe, einen Überweisungsträger bei der Bank mit dem Kugelschreiber ausgefüllt. Das habe ich auch sehr lange nicht mehr gemacht. Krass, schade für dein Telefon. Ich hoffe, du kommst trotzdem gut durch. Aber da sind wir ja im Grunde schon genau im Thema des Buches, das sich auch damit beschäftigt: Zettel und Papier.
Genau, Dave Eggers‘ Buch „Contrapposto“ nimmt eine Hommage an Bleistift und Papier. Also, da gibt es diese Hauptfigur Cricket, den wir als jungen Mann kennenlernen, als Jungen eigentlich, der sehr gut zeichnen kann und dessen gesamtes Leben wir dann so verfolgen, eigentlich in so einem Zeitraum von fast 70 Jahren. Das Zeichnen und das Malen spielt für ihn immer eine ganz wichtige Rolle, die ganze Zeit seines Lebens.
Aber er wird kein erfolgreicher Künstler, obwohl er zur Akademie geht und Akt zeichnet und so weiter. Auf der glamourösen und auch auf der markt- oder geldtechnisch ertragreichen Seite der Kunstwelt findet er sich überhaupt nicht zurecht. Es funktioniert nicht für ihn, und er will das auch nicht. Ganz im Gegenteil.
Und seine Gefährtin Olympia, die so eine zweite Hauptfigur ist, die ist ein bisschen älter als er und die macht eine richtig steile Karriere als Kuratorin und später auch im Kunstmarkt und im Kunsthandel. Und Dave Eggers stellt diese beiden Seiten der Kunst oder dessen, wie man Kunst begreifen kann oder was Kunst in jemandes Leben bedeuten kann, so ein bisschen einander gegenüber.
Die eine ist so die Kunst, die sich an ihrem Erfolg misst, und die andere ist diejenige, die sich aus reiner Freude und Leidenschaft speist. Ja, und es ist auch ganz klar, auf welcher Seite Dave Eggers da steht. Will er da eigentlich so ein bekehrendes Moment schaffen? Also sagen: Okay, das ist nur das Richtige, und das ist das, was wir ablehnen sollten? Oder, weil du gerade schon gesagt hast, es wird ziemlich klar, auf welcher Seite er steht, lässt er das offen für die Leser?
Naja, also der Cricket, unsere Hauptfigur, ist natürlich der Sympathieträger, und er ist so ein bisschen schluffig und so, aber letzten Endes ist er glücklich, und sein Leben, auch wenn das nicht erfolgreich war, ist am Ende nicht weniger erfüllt als das Leben seiner erfolgreichen, zwischendrin drogensüchtigen, schwerkranken, dann wieder gesunden und aber die ganze Zeit unter Strom stehenden erfolgreichen Freundin Olympia.
Und ich glaube, das kann dann jeder für sich selber überlegen, welchen Weg er oder sie gewählt hätte. Also, Dave Eggers sagt eben, dass er eigentlich Kunst sehen will, in der Leidenschaft eine Rolle spielt, die emotional ist, in der auch das Chaotische und das eben zutiefst Menschliche eine Rolle spielt und dass wir gerade an einem Zeitpunkt sind, wo wir unsere Menschlichkeit mit Händen und Füßen verteidigen müssen und dass er eigentlich deshalb sich kein Zeug, wie er sagt, angucken will, das aussieht, als sei es von Maschinen gemacht.
Dann vielleicht nochmal ganz grundsätzlich gefragt: Worum geht’s in dem Buch und warum findest du das so toll? Also, es ist eine schöne Coming-of-Age-Geschichte. Einerseits, andererseits ist sie halt sehr glaubwürdig und sehr kenntnisreich in der Kunstwelt angesiedelt, und das ist gar nicht so häufig.
Dave Eggers kennt die Kunstwelt ganz genau, weil er hat früher über Kunst geschrieben. Er war so auch ein Kunstjournalist, eigentlich. Er hat in Galerien gearbeitet, und er kennt diese ganze Welt und auch diese geölte Maschinerie des erfolgreichen Kunstmarktes kennt er ganz genau. Wie er das beschreibt, da sind durchaus auch die herzlosen Seiten davon ganz genau unter der Lupe, also auch die Arroganz, die Hybris, auch die Traurigkeit von einem Künstler, also einem anderen Künstler jetzt, der ganz viel Erfolg hat, aber eigentlich überhaupt keine guten Ideen mehr und vor allen Dingen auch keine innere Balance.
Viele hielten so einige dieser Szenen aus der Kunstwelt von den Vernissagen oder von den Artists Studios, in denen irgendwie 100 Leute arbeiten, für Satire. Aber Dave Eggers meinte: Nee, nee, das ist absolut realistische Dokumentation. Und ich war überrascht, dass die sich so aus seinen eigenen Erfahrungen tatsächlich speisen.
Und ja, er hat das echt sehr, sehr treffend und amüsant niedergeschrieben. Also vielleicht auch für diejenigen, die vielleicht noch nicht so den großen Schritt in diese Szene oder in diese Welt eigentlich gemacht haben, auch vielleicht ein guter Einstieg, um zu gucken, wie es vielleicht in manchen Teilen der Welt in der Kunstszene aussieht.
Früher, da hat man ja sehr darauf geschaut, dass man das Maschinelle imitiert. Wir haben schon gerade darüber gesprochen, welche Art der Kunst Dave Eggers gut findet beziehungsweise wofür er auch plädiert. Jetzt ist es ja so, dass häufig auch Maschinen selbst Kunst machen, wobei man diskutieren könnte, ob das dann Kunst ist. Eigentlich eine absurde Entwicklung, oder?
Ja, genau. Ist das wirklich so? Also ich weiß nicht, ob jetzt die Maschine die Kunst macht oder ob wir da einfach mal schärfer trennen müssten und besser unterscheiden sollten. Ich habe nämlich eigentlich persönlich noch wirklich – und ich bin auf der Suche – aber ich habe noch nichts KI-generiertes gesehen, das mich wirklich überzeugt hat. Die Bildwelten sind wirklich visueller Schrott. Das braucht kein Mensch.
Und ich bezweifle auch, dass KI irgendetwas anderes für die Kunst wirklich tun kann, das vorher nicht ging oder nicht machbar war. Dazu hören wir auch nochmal hier Dave Eggers. Ja, Dave Eggers ist da wirklich sehr klar und deutlich: Wenn es nicht von Menschen kommt, dann ist es eben auch einfach keine Kunst.
Nicht alle Künstler teilen diese Ansicht und sehen in künstlicher Intelligenz nicht unbedingt jetzt den Untergang der Kunst, sondern manchmal auch einen Sparing-Partner oder eine Quelle von Inspiration. Manche entwickeln auch ihre Konzepte, die sie dann vielleicht umsetzen oder Ideen.
Interessant finde ich auch, was er über ein Gespräch mit einem der Chefentwickler von ChatGPT hatte. Hier auch nochmal Dave Eggers. Das war ein sehr interessantes Gespräch. Ich habe mich gefragt, was für eine Motivation das war, was für ein Problem man versuchen wollte, um das zu lösen. Wir haben schon seit vielen Jahrhunderten geschrieben. Wir haben geschrieben, wir haben