Man kann sich eigentlich gar nicht durch die sozialen Medien bewegen, ohne zu reagieren. Was einfach damit zu tun hat, dass auch der bloße Konsum, das bloße Scrollen, das bloße sich ein Video länger anschauen, dann natürlich auch es liken, kommentieren, teilen und so weiter, messbare Daten hinterlässt. Das heißt, wir sind eigentlich immer auf eine Art aktiv, in dem Sinne, als dass wir mit unseren Spuren einzahlen auf den Algorithmus und damit auch darüber mitbestimmen, was sichtbarer wird, was unsichtbarer wird. Das sagt Anne Kathrin Kohut. Die Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich in ihrer Arbeit intensiv mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Social Media. Instagram, TikTok und Co. gehören längst zu den Standardkanälen der Kunstwelt. Viele nutzen die Plattform auch als persönliche Visitenkarte, zeigen Werke, teilen Ausstellungen. JournalistInnen wiederum nutzen Social Media für die eigene Recherche. Es ist eine Wechselbeziehung aus Sehen und Gesehenwerden. Debatten werden auf Social Media angestoßen und weiterverbreitet. Nicht darauf zu reagieren, ist oft gar keine Option. Anne Kathrin Kohut spricht in diesem Zusammenhang auch von einer hyperreaktiven Gesellschaft. Welchen Effekt hat das auf die Kunst? Darum geht es in dieser Folge.
Mein Name ist Sarah Mariplikat. Hallo Kunst und Leben, der Monopol-Podcast von detektor.fm. Hyperreaktiv: Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird. So heißt das Buch von Anne Kathrin Kohut. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und freie Autorin und schreibt u. a. für die taz und Popkultur und Kritik. Mit ihr können wir uns erst mal einen Überblick verschaffen, um zu schauen, welche Dynamiken da herrschen auf Social Media und was es letztendlich auch mit der Kunst macht. Außerdem, mit Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins, haben wir noch mal den Blickwinkel aus der journalistischen Praxis. Wie sieht die Arbeit vor diesem Hintergrund aus? Ich freue mich sehr auf dieses Gespräch. Erst mal hallo, ihr beiden. Schön, dass ihr da seid. Hallo! Wir haben gerade schon ein bisschen vorher drüber gelacht. Aber ich würde gerne einsteigen mit der Frage: Wie ist euer Social Media Verhalten? Soll ich mal anfangen? Als hyperreaktive Autorin Also ich würde sagen, dass ich sehr aktiv bin in den sozialen Medien. Das hat so ein bisschen damit zu tun, dass ich es sowohl privat als auch beruflich nutze. D. h. ich chatte mit Freunden, ich tausche auch Berufs-Nachrichten aus, nehme Anfragen an, beantworte die da oder leite sie auf mein Mail-Programm weiter. Ich zeige ziemlich viel von mir und meiner Arbeit. Ich verfolge natürlich auch, was die anderen so zeigen und arbeiten. Ich glaube, hauptsächlich nutze ich es als Recherche-Tool, weil ich einfach eine Social Media Kolumne habe, viel über Social Media arbeite und auch ein bisschen im Bilde sein muss, was da eigentlich passiert. Ja, ich bin auch relativ viel auf Social Media, muss ich zugeben. Also vor allen Dingen Instagram ist so mein Kanal. Das rechtfertige ich immer damit, dass ich sage, ich muss das beruflich, weil ich auch selber natürlich einen Instagram-Account habe, den ich auch regelmäßig bespiele. Und der ist so halb privat. Also der ist eigentlich nicht wirklich privat, sondern mein Instagram-Account bin ich als Chefredakteurin von Monopol. Und da poste ich vor allen Dingen Kunst-Sachen, die mit Kunst zu tun haben, aber trotzdem die auch mein persönlicher Geschmack sind. Also das heißt, mein Account ist viel mehr ich als jetzt der Monopol-Account. Und ich mache so ein ganz bisschen private Sachen auch da rein, auch immer mal wieder ein Porträt von mir, meine Kinder nur von hinten und so. Also das heißt, es ist so eine komische halb-private, halb-öffentliche Persona, die ich da bin und auch schon lange bin. Und so macht man das halt. Und ich habe mich total daran gewöhnt. Also als ich damit angefangen habe, ich wurde praktisch dazu aufgefordert von einer Beraterin, die gesagt hat, wenn Monopol, wenn ihr euer Social Media-Auftritt, wenn ihr den richtig in Schwung bringen wollt, dann braucht ihr auch ein Gesicht, und das bist du, Elke, weil du bist die Chefredakteurin. Das habe ich auch eingesehen und dachte, das ist aber erst total gruselig, so diese Mischung aus privat und öffentlich, dann da so zu performen. Und ich habe mich total daran gewöhnt, und es macht mir auch irgendwie Spaß. Also es ist schon Und die Tatsache, dass ich diesen Account habe, nehme ich als Entschuldigung auch relativ viel, denn da rumzuscrollen und mit dem Effekt, dass ich ganz viele News, auch die für mich wichtig sind, schnell auf Instagram sehe und dann wiederum mit unserem Online-Team austauschen kann usw. Weil in unserem Bereich ist es ja so, man kriegt ja die News nicht über dpa oder so. Also die Kunstsachen, die kommen ja auf internationalen Kanälen, die kommen auf privaten Kanälen usw. Und insofern macht es auch total Sinn, da unterwegs zu sein. Und dass man zwischendurch dann noch immer total viel Trash reingespielt bekommt, irgendwelche schwachsinnigen Sachen, die man niemals sehen wollte, das ist halt so ein bisschen schade.
Ihr habt beide gerade gesagt, es ist auf jeden Fall was, womit ihr arbeitet, wo ihr als berufliche Person, also in eurem Beruf, aber auch als Privatperson, das vermischt sich an manchen Stellen auch so ein bisschen als Recherche-Tool. Wie aktiv seid ihr dann im Reagieren, z. B.? Also diese Frage kann ich ganz klar beantworten: Hyperreaktiv in dem Sinne, dass ich der Ansicht bin, man kann sich eigentlich gar nicht durch die sozialen Medien bewegen, ohne zu reagieren. Was einfach damit zu tun hat, dass auch der bloße Konsum, das bloße Scrollen, das bloße sich ein Video länger anschauen, dann natürlich auch es liken, kommentieren, teilen usw. messbare Daten hinterlässt. Das heißt, wir sind eigentlich immer auf eine Art aktiv, in dem Sinne, als dass wir mit unseren Spuren einzahlen auf den Algorithmus und damit auch, wenn auch sozusagen sehr subtil, aber dann eben doch darüber mitbestimmen, was sichtbarer wird, was unsichtbarer wird. Und deswegen bin ich natürlich einfach aus dem Grund, dass ich sehr, sehr viel online bin, auch sehr aktiv. So ganz konkrete Reaktionen, also liken und kommentieren, mache ich hingegen sehr bewusst, muss ich sagen. Also beim Kommentieren da überlege ich schon zwei, dreimal, ob und was ich kommentiere. Beim Liken geht es bei mir sehr, sehr oft um Support auch. Also eben schon doch sehr bewusst auch darüber nachdenken, wen will ich vielleicht hier auch ein bisschen zu mehr Sichtbarkeit verleiten oder Kolleginnen, Freundinnen unterstützen in dem, was sie tun. Genau, und größere Reaktionsformate, also Reaction-Videos oder Stitches oder so, mache ich eigentlich gar nicht. Ja, Action-Videos. Was ist ein Action-Video? Ich sehe dich jetzt gerade irgendwie auf so einem, keine Ahnung, auf so Mountainbikes und Berg runterfahren, das meinst du nicht, oder? Nee, ich sagte Reaction-Video. Also Videos, wo man quasi auf etwas reagiert. Und Thema ist halt eigentlich die Art und Weise, wie man darauf reagiert. Das wäre ein lustiges Format, was wir uns mal überlegen könnten, dass man so irgendwie, wir gehen als Kunstkritiker in die Ausstellung und filmen dabei nicht die Werke, sondern filmen, wie wir gucken. So viele Leute. Das ist gar nicht lustig. Das ist eine ziemlich gute Idee. Das vermisse ich nämlich noch. Das solltest du dir direkt aufschreiben. Aber natürlich muss man beides sehen: die Ausstellung und dann halt sozusagen, also Split-Screen, die Ausstellung und das Gesicht der Kritikerin.
Okay, ihr habt auch gerade zwei schon sehr interessante Punkte angesprochen, auf die ich gerne beide eingehen wollen würde. Und zwar bei den Reaktionen kann man ja auch auf der einen Seite super kreativ sein, also Memes, Gifs und so weiter. Da sind ja wirklich der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Da werden ja Inhalte im Grunde auch neu kombiniert. Es geht um Dekontextualisierung. Könnte man vielleicht auch so eine Art modernes Readymade nennen? Ab wann wird es denn dann problematisch? Ich fange mal an zu antworten. Ich glaube, es ist schon wichtig, erst mal zu betonen, dass es auch eine sehr, sehr kreative Praxis ist, im Netz sozusagen mit Reaktionsformaten zu arbeiten. Und tatsächlich habe ich auch die Beobachtung gemacht, dass viele Strategien, die man da so sieht, eigentlich an Methoden der künstlerischen Avantgarde, sage ich mal, erinnern. Du hast es gerade gesagt: Readymade. Aber auch so Formen wie Appropriation Art, Pop Art. Also man nimmt etwas, setzt es in einen anderen Kontext, geht damit sehr spielerisch, sehr frei, teilweise auch sehr provokant um. Das ist natürlich eben auch einerseits was Kreatives, aber es ist da natürlich immer ein Problem, dass es diesen Rahmen sozusagen der Kunst, die vielleicht auch etwas absteckt von einer gesellschaftlichen Realität oder auch einer politischen Realität, so in den sozialen Medien eben nicht gibt. Oft wissen wir auch, wenn uns etwas im Feed begegnet, gar nicht so genau oder zumindest nicht sofort, wenn man nicht ein bisschen Recherche betreibt: Ist das jetzt Kunst? Ist das jetzt politischer Content? Ist das jetzt ein Bild von einer Hobbymalerin? Und so weiter. Und diese Ununterscheidbarkeit, die ist natürlich auch mit einigen Falschstricken dann versehen. Und insofern, die Wirkung des Ganzen kann ja immer reale politische, gesellschaftliche Konsequenzen haben. Und deswegen muss man da, glaube ich, auch sehr viel genauer darüber nachdenken, wenn man diese Strategien verwendet: Warum, aus welchem Grund, mit welcher Wirkung und so weiter. Und realistisch betrachtet, die meisten verwenden es natürlich auch überhaupt gar nicht mehr im künstlerischen Kontext, sondern eben im politischen Kontext, um eben bestehende Narrative vielleicht zu stören, zu zerstören, eigene Narrative zu setzen, den Diskurs eben mitzugestalten. Und das dann eben teilweise mit sehr radikalen auch Mitteln, weil so ein Readymade hat ja auch was Radikales gehabt. Und das sehe ich heute im realpolitischen Raum eben auch.
Ja, das Interessante ist, finde ich, man sieht ja an der Debatte, man kann da halt gut sehen, was Kunst eigentlich ist, beziehungsweise wie wir uns über Kunst verständigen. Also der Witz bei Kunst ist ja seit der Moderne, ist das nicht, es ist sozusagen nicht ontologisch im Objekt, also nicht das Objekt bestimmt, ist es Kunst, sondern es ist ein Einverständnis des Kunstbetriebs, etwas als Kunst zu sehen. Nur so kann ein Pissoir Kunst sein, weil man es als Kunst behandelt. Das heißt, das Reden über Kunst setzt eigentlich voraus, dass man eine Gruppe von Leuten hat, die alle das ungefähr das gleiche Konzept davon haben, was Kunst ist, und die darüber reden, als wäre es Kunst. Das bedeutet, dass die Kunstfreiheit gilt, dass eine gewisse Uneindeutigkeit gilt, dass es klar ist, dass der Rahmen eben Kunst ist. Und wenn man aber auf den sozialen Medien diesen Rahmen verlässt, was ja total leicht passieren kann, wenn sozusagen ein Bild seinen Kontext verlässt, so wie Anne Kathrin das beschrieben hat, dann passieren eben diese sozusagen kommunikativen Unfälle. Also dann in dem Moment kann halt Kunst zur Waffe werden oder sie kann angegriffen werden. Oder man hat halt, ich finde, man merkt das immer, wie ungemütlich das auf einmal ist, wenn man in Kontexten über Kunst gezwungen wird, zu reden, wo Kunst auf so eine brutale Weise fast vergewaltigt wird und einfach falsch beschrieben, falsch verstanden, benutzt wird, um irgendeine Agenda durchzusetzen. Und das ist, glaube ich, was wir ständig erfahren in den sozialen Medien und was das halt so frustrierend macht. Also ich glaube, wenn wir sozusagen, wenn der Kunstbetrieb so schön seine Kommunikation auf den sozialen Medien benutzt, sich gegenseitig Kunstbilder hin- und herschickt, das kommentiert und so weiter, das ist ja total angenehm. Und das ist auch eine Bereicherung. Aber generell funktionieren halt die sozialen Medien auf so eine destruktive Weise durch diese Bevorzugung des Negativen, des Polemischen und so weiter, dass es halt immer wieder passiert, dass es da halt wirklich zu diesen Clashes kommt. Und ich finde, das beschreibt Anne Kathrin ja auch sehr gut in ihrem Buch. Und das ist eben was, wo man auch gar nicht so genau weiß, wie man das verhindern kann oder…
Da kann ich dir nur zustimmen. Man kann es auf jeden Fall nicht dadurch verhindern, dass man sozusagen wie so einen Trigger-Hinweis: Achtung, Kunst, bitte nichts anderes oder bitte nicht anders lesen. Oder manchmal gibt es ja auch so Hinweise in den Biografien: Man ist nur privat hier. Oder es gibt ja natürlich immer die Versuche, auch sich vor einer bestimmten Art der Aneignung oder der Interpretation oder Rezeption auch zu schützen. Und man konnte jetzt schon glaube ich sehen in den letzten Jahren, dass das nicht so viel bringt. Weil natürlich viele sich einfach sehr, sehr viel strategischer durch das Netz bewegen und da auch sehr hemmungslos sind dabei. Also um die eigenen politischen Ziele zu verfolgen, legt man dann auch jede Art von Ethik ab. Ich habe in meinem Buch ein Beispiel von einer Ausstellung von Miriam Kahn im Palais de Tokyo, wo sie ein Bild gemalt hat, das sich eigentlich mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigt hat und vor allem mit sexueller Gewalt in diesem Kontext. Und das wurde dann auf X von einem ehemaligen Vornational-Mitglied aufgegriffen. Der ist auch Anti-Pädophilie-Aktivist in den sozialen Medien und hat das Bild dann entsprechend interpretiert. Und es gab einen riesigen Shitstorm, zum einen natürlich einerseits in Richtung Palais de Tokyo, andererseits natürlich auch in Richtung Miriam Kahn. Das ging sogar so weit, dass am Ende eben das Werk in der Ausstellung mit Farbe überschüttet und zerstört wurde. Wo man, ich meine, es ist ein Einzelfall, das will ich jetzt schon auch hier noch mal dazu sagen, aber es ist dennoch sozusagen so ein Mechanismus, der uns doch zunehmend vertraut erscheint. Also dass eben diese mutwilligen Aneignungen mutwilligen Lesarten relativ ungehindert durch das Netz geistern und sich auch irgendwie ausbreiten und etablieren können. Und ich weiß auch nicht, was man sozusagen dagegen tun kann, außer sich zurückzuziehen, natürlich irgendwie Gegenkräfte zu mobilisieren im Sinne von… Also was ich ja auch immer wieder versuche, im Buch zu beschreiben, ist, dass die Deutungen sich durchsetzen, die halt eine große Deutungsgemeinschaft auch mobilisieren können. Das heißt, viele, die es eben liken, die es teilen, die darauf einstimmen und so weiter. Das heißt, das müsste man natürlich immer tun, versuchen, dann auch mit einer Gegendeutung eine ebenso große Deutungsgemeinschaft zu mobilisieren. Genau, aber ob und wie das gelingt, gerade wenn man zum Beispiel aus einem Milieu stammt, was nicht riesig ist oder sogar aus einer Minderheit stammt, das ist halt einfach auch deutlich schwieriger dann.
Wäre das dann, als würde man, weil du gerade gesagt hast Deutungsgemeinschaft und Deutungshoheit, wäre das so ein bisschen vergleichbar wie eine Demonstration zu organisieren, bloß online? Oder passt der Vergleich nicht? Ja, ich überlege gerade. Also einerseits passt es schon, also Demonstration gegen Demonstration. Ja, es passt insofern natürlich, weil dadurch deutlich wird, dass auch der digitale Raum eine Öffentlichkeit ist, die sehr ernst zu nehmen ist und in der eben ja durchaus auch über die politische Realität verhandelt wird. Also eigentlich, ich glaube, ganz spontan gefällt mir der Vergleich sogar. Es funktioniert natürlich sehr anders, weil es sehr viel dezentraler ist und genau eben über so etwas wie Likes und Shares und so weiter vielleicht weniger auch über eigene Inhalte, sondern eher sozusagen über Reaktionen funktioniert. Aber ich glaube, eigentlich finde ich den Vergleich sogar ganz erhellend.
Ja, ich finde das interessant, dass du das sagst, weil eigentlich gibt es ja auch diese Regel: Don’t feed the troll. Also man soll nicht eingehen auf die Irren und man soll sich auch nicht in Diskussionen mit Bots irgendwie verheddern und so weiter. Aber dann doch. Also jetzt nicht mit Bots, aber… Nein, nicht als Antwort auf die. Also natürlich ist es ganz, ganz wichtig, erstmal jede Verlinkung und jede Antwort auf die Trollinterpretation, ich nenne das jetzt mal so. Es sind ja nicht immer Troll, aber häufig. Die muss man natürlich vermeiden. Aber man muss versuchen, natürlich auf anderen Kanälen andere Deutungen so stark zu machen, dass sie an Gewicht sozusagen gewinnen. Es geht ja auch immer so ein bisschen darum, sozusagen Sichtbarkeit zu erzeugen, die dann auch über den digitalen Raum hinaus wirkt, die dann eben so sichtbar ist, dass vielleicht auch das Filtern anfängt, dann darüber zu berichten und so weiter. Und an diese Schwelle glaube ich, muss man kommen. Aber natürlich nicht, indem man auf die Trollnachrichten oder die Lesarten, die man zu unterbinden versucht, reagiert oder direkt antwortet. Also da würde ich immer die Verlinkungen versuchen zu vermeiden, maximal über Screenshots vielleicht, sondern natürlich schon, indem man das über andere Kanäle dann kultiviert.
Aber trotzdem muss es eine Gegenmacht geben, glaube ich. Wir haben schon so ein bisschen auch übers Sehen, Gesehenwerden, Schauen gesprochen vorhin. Da war die Idee, man sollte die Reaktion der Leute wenn sie in Ausstellungen sind, sich anschauen. Es gibt ja auch diesen Term von Ausstellung: Sollte oder müsste im besten, schlimmsten Fall Instagrammable sein. Wie geht ihr anders durch Ausstellungen oder schaut ihr euch Kunst anders an, einfach nur wegen Social Media oder dem, was ihr auf Social Media gesehen habt? Also ich gehe manchmal zweimal durch. Also ich bin ja viel in Ausstellungen, natürlicherweise. Und manchmal gehe ich halt durch und will erst mal nur wissen, worum geht es denn hier und was ist das? Versuche es zu verstehen, lese die Texte, gucke. Und dann bin ich eigentlich schon durch. Und auf einmal fällt mir ein: Ah, ich muss ja noch was posten. Dann gehe ich noch mal zurück. Und dann mache ich vielleicht noch zwei, drei Bilder. Und meine Bilder sind auch… Ich habe immer Bilder, die sind sozusagen… Es gibt Bilder als Gedächtnisstütze. Die mache ich einfach für mich, wenn ich denke, ich will später noch einen Text über die Ausstellung schreiben. Und dann will ich noch mal wissen, wie hing das da, wie sah das aus und so. Und dann gibt es die andere Sorte Bilder, von denen ich denke, da kann ich vielleicht einen schönen Post draus machen. Und ich glaube, ich finde es interessant, dass diese Posts, dass das sozusagen in unserer Community erstaunlich gut funktioniert. Ich treffe ständig Leute, die sagen: Ah, ich bin noch zu der Ausstellung gegangen, ich habe das gesehen bei dir auf dem Account. Dann ist es mir wieder eingefallen und so. Also man sollte ja meinen, die Leute wissen sowieso, was läuft, aber man vergisst es immer wieder. Und wenn man es dann bei einem Account von irgendeinem, mit dem man befreundet ist, sieht, dann geht man doch wieder hin. Und mir geht das selber auch so. Also ich sehe auch natürlich ganz viele Ausstellungen auf Social Media und dann werde ich neugierig. Und dann irgendwann ist es ja auch so dieser Effekt: Man sucht dann das Bild, was man schon kennt und hat davon eine komische Befriedigung. So wie wenn man irgendwie die Sonnenblumen anguckt im MoMA von Van Gogh, nach dem Motto: Das kenne ich, das will ich jetzt noch mal sehen. Das ist ja eigentlich absurd, aber der Mensch funktioniert so. Wir haben… Das gibt eine gewisse Befriedigung, was zu sehen, was man schon als Bild gesehen hat, weil man sich dann irgendwie sicher fühlt oder so. Ich weiß es auch nicht. Psychologen übernehmen sie. Nein, zum Glück bin ich keine. Dann müsste ich die Frage jetzt beantworten. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich kann die Frage ähnlich beantworten, weil ich auch durch Ausstellungen gehe, einmal ganz unbefangen und dann am Ende immer noch mal schaue, was kann ich eigentlich für Instagram mitnehmen. Nicht immer, aber schon doch recht häufig. Und dennoch würde ich aber sagen, dass in den letzten Jahren hat sich da bei mir was verändert. Am Anfang hatte ich auch immer so diesen Effekt, dass ich froh war, endlich dann auch was in echt zu sehen, was ich schon 20 Mal auf Instagram gesehen habe. Und mittlerweile sehne ich mich eher danach, von etwas überrascht zu werden und habe eher das Gefühl: Ach ja, das schon wieder. Manchmal denke ich sogar, muss ich eigentlich gar nicht noch mal hingehen, weil, ja keine Ahnung, schon zu häufig war das jetzt in meinem Feed. Und merke, dass da eher so ein Überdruss eingesetzt hat. Und ich jetzt immer fast schon die Challenge habe, auch so Dinge zu entdecken, die noch nicht, weiß ich nicht, zehnmal überall waren. Oder auch wirklich so nach Objekten oder Ästhetiken Ausschau zu halten, die eben vielleicht nicht diese Art von Aufmerksamkeit von mir einfordern. Und insofern, ja, also hat sich da was verändert, glaube ich. Aber nichtsdestotrotz auch ich überprüfe Werke und Ausstellungen am Ende immer noch mal für Instagram. Das kann ich jetzt nicht leugnen.
Wisst ihr, wie KünstlerInnen darauf reagieren? Also es gibt ja durchaus… Also Instagram ist jetzt schon sehr häufig gefallen. Ist ja auch häufig so eine Art Visitenkarte oder Aushängeschild. Aber ändert das an der Art des Kunstmachens etwas? Wisst ihr, habt ihr da Beispiele zum Beispiel? Oder ist es eher so, okay, ich gucke jetzt, dass es vielleicht so hängt, dass man es gut auf ein Foto bekommt? Also ich denke beides. Ich will jetzt auch gar nicht so einzelne Positionen highlighten, einfach aus dem Grund, weil das glaube ich ja auch sehr naserümpfend betrachtet und kommentiert wird, wenn man Kunst macht, die, ich würde jetzt mal sagen, im weitesten Sinne reaktionstauglich ist. Ob das jetzt eine Kunst ist, die deshalb gepostet wird, weil sie Instagramable ist, also einfach optisch, oder weil es eine Kunst ist, die ja auf eine Art politisch ist, dass sie eben auch gut teilbar ist online oder eben viele Reaktionen online auslöst. Ich denke schon, dass sich fast alle KünstlerInnen heute zumindest mit der Frage beschäftigen: Ist das etwas, dem ich mich aussetzen will? Oder ist das etwas, das ich verweigere? Aber in jedem Fall glaube ich, muss man sich ein bisschen dazu verhalten. Und ich würde natürlich auch sagen, dass Instagram da die hauptsächliche Plattform ist. Ich glaube, ein bisschen kommt vielleicht TikTok auch dazu. Aber es ist eine Frage, die, glaube ich, im Raum steht, ob man will oder nicht. Also ob man das soziale Netzwerk benutzt oder nicht. Es gibt ja die These, dass sich die Kunst sogar verändert hat, nicht nur mit Instagram, sondern überhaupt mit der Möglichkeit, Kunst per JPEG durch die Gegend zu schicken. Weil ja auch immer mehr Kunst digital gekauft wird. Das heißt, die Sammler gucken sich gar nicht mehr die Originale an, sondern kaufen per Bild. Und das verlangt natürlich, das geht dann oft in Richtung Malerei und so weiter, dass das funktioniert natürlich für eine ganz bestimmte Art der Kunst. Von meiner Erfahrung her ist es aber weiterhin so, dass es so ganz unterschiedliche Arten gibt, damit umzugehen. Und auch immer noch ganz unterschiedliche Sorten der Kunst. Es gibt halt dann wiederum Künstlerinnen und Künstler, die sich dem extra verweigern. Es gibt welche, die spielen damit und gehen da voll rein und die nutzen auch Instagram so als ihr Medium, sich zu vermarkten. Auch manchmal anstelle von Galerien. Also ich glaube, da ist irgendwie alles möglich. Aber sehr, sehr viele Künstlerinnen und Künstler haben sich daran gewöhnt, dass das einfach so dazugehört. Oder es sind halt diejenigen, die für mich besser sichtbar sind, sodass ich mittlerweile denke, es machen alle und die anderen, die es nicht machen, habe ich vergessen, weil ich die nicht täglich auf Instagram sehe. Das kann natürlich auch sein. Da müsste man mal eine empirische Studie mit ganz vielen Zahlen machen.
Zum Schluss würde ich euch gerne noch fragen: Wir haben jetzt über Reaktionskultur gesprochen. Warum muss ich denn oder haben wir denn häufig das Gefühl, dass wir das machen müssen und es gar keine Kann-Option mehr ist? Ja, also ich denke, das hat zum einen technische Gründe. Also die Infrastruktur und die Architektur der sozialen Medien ist einfach schon so, dass immer die Möglichkeit aufgebaut ist oder eingebaut ist, zu reagieren, also zu liken, zu kommentieren, zu teilen. Und was als Möglichkeit, aber eben wahrgenommen wird, ist ganz oft fast schon imperativ. Aber auch, denn ich glaube, das hat wiederum damit zu tun, dass der Feed so personalisiert ist und dann sich auch immer so ein bisschen so anfühlt. als sei er an uns adressiert, an uns persönlich adressiert. Wir eben das Gefühl haben, okay, es kommt etwas rein: eine Nachricht, ein Posting, was auch immer. Und ich muss mich auf irgendeine Art und Weise dazu verhalten. Ich kann es weiter scrollen, ich kann es liken, ich kann es teilen, aber es ist immer sozusagen als Möglichkeit im Raum. Und man fühlt sich dann natürlich auch auf eine gewisse Art und Weise, ja, nicht unter Druck gesetzt, aber sich schon eben gefragt: Mensch, wie reagierst du denn jetzt? Und ich glaube, was auch noch dazu kommt, ist, dass wir, das haben wir ja auch schon am Anfang kurz besprochen, ganz oft nicht wissen, was eigentlich genau unser Status ist. Also sind wir jetzt wirklich als Privatperson hier? Sind wir jetzt als mehr oder weniger Person des öffentlichen Lebens hier? Also alles, was wir machen, jede Reaktion online, ist einfach sichtbar. Und mit dieser Sichtbarkeit, also insofern wir ein öffentliches Profil haben, geht ja auch eine gewisse Verantwortung, sage ich mal, einher. Denn das andere auch wahrnehmen. Also man spricht immer, eigentlich auch wenn man vielleicht privat, in Anführungszeichen, kommentiert, vor irgendeiner Art von imaginärem Publikum. Und da überlegt man sich natürlich: Was sage ich? Und das geht oft dann damit einher, dass ich mich vielleicht zum Beispiel positioniere, um vielleicht auch mich so ein bisschen als eine Person zu zeigen, die so relevant ist, sage ich mal, dass sie eben irgendwie zu diesem gesellschaftlichen Diskurs was beizutragen hat, falls es so eine Thematik ist. Also es gibt so unterschiedliche Fälle, natürlich. Aber ich glaube, das ist auch schon so ein Punkt, den man selbst oft gar nicht so für sich reflektiert. Was bedeutet es eigentlich, auch so öffentlich zu sein, im Sinne von sichtbar zu sein, auch für andere? Und vor allem eben auch für das, was ich sage und wie ich es sage?
Ja, das Interessante finde ich ist ja, das wird ja auch oft beschrieben, es ist ja so ein physiologischer Trick irgendwie. Man kriegt diese Kicks, man kriegt dieses Dopamin. Es gibt diese, der Mensch reagiert auf Neuigkeit, genauso wie er auf Bewegung reagiert. Deswegen sind wir ja so, wir sind ja Tiere, wenn wir in diesem Feed feststecken und sind da irgendwie auf eine Weise fremdgesteuert. Gleichzeitig müssen wir aber natürlich irgendwie Kontrolle bekommen und müssen irgendwie reflektieren, was wir da machen. Wir sind da öffentliche Personen, wir müssen uns da zeigen. Und das ist, finde ich, das ist schon ein ganz schönes Dilemma. Also es ist schon kompliziert. Also man muss schon auch immer wieder überlegen: Was mache ich denn da eigentlich? Und ich weiß, man kann sich da ja gar nicht von frei machen. Es ist halt so, dass man da auch in diesen Endless Scroll hineingezogen wird und dass einen die Plattformen ja eigentlich beständig übers Ohr hauen und ausbeuten und so weiter. Und trotzdem hat man irgendwie Spaß daran. Also es ist schon ein richtiges Teufelszeug, obwohl es uns ja auch irgendwie viele interessante Sachen bringt. Und ich glaube, mit diesem Dilemma scrollt man sich halt so durch den Tag. Und man wundert sich ja immer über andere öffentliche Personen, die so einen Fail haben, die irgendwas geliked haben, was sie auf keinen Fall hätten liken müssen, und so weiter. Aber in Wirklichkeit, glaube ich, geht es ja so schnell, weil das Ding ja einfach immer auf die Affekte zielt. Und man wirklich sich letztlich merken muss: Okay, wenn du gerade dich richtig aufregst, dann halt am besten deine Klappe. Also das ist, glaube ich, Regel Nummer eins: sich nicht so mitreißen lassen. Und für mich ist es auch so, eigentlich das Feedback, was ich so gebe, ist eigentlich immer eher so ein Herzchen für jemanden, den ich kenne und mag oder für den Arsch, der mich gut findet oder so weiter. Also einfach so dieses Support-Ding und ansonsten jetzt nicht groß einsteigen. Also das ist so meine persönliche Regel. Und ich habe es natürlich auch gut, weil wenn man, ich bin jetzt Chefredakteurin des Kunstmagazins, nicht irgendwie politische Journalistin oder so, da wäre das nochmal ganz anders. Also ich weiß schon, das ist eine privilegierte Position und auch so ein bisschen, es ist eigentlich eine einfache Position. Und insofern ist es eigentlich okay. Und ja, deswegen laviert man sich halt irgendwie so durch. Aber wird es manchmal von dir erwartet, in bestimmten Debatten, oder gar nicht, dass du dich da irgendwie so verhältst? Ich glaube, es wird nicht unbedingt erwartet, dass ich auf Instagram einsteige. Es wird in manchen Debatten natürlich erwartet, dass Monopol als Plattform, als Stimme, sich zu irgendwas äußert. Und dann ist es aber natürlich die seriöse Variante: Ich schreibe einen Kommentar oder irgendjemand schreibt was online, das kann man dann wieder teilen. Also jetzt einfach so in irgendwelchen sozialen Medien in irgendwelche Debatten einzusteigen als Monopol oder als ich, ist eigentlich wirklich nicht der richtige Weg für mich. Ich glaube auch wirklich, dass wir da noch in so einer Übergangszeit einfach stecken. Man muss sich auch jetzt erst mal daran gewöhnen, dass sozusagen diese Öffentlichkeit online ist, wie sie ist und muss da eben auch so seinen Weg finden, wie du gerade gesagt hast, Elke, sich da irgendwie durchzulavieren, da seine eigene Rolle irgendwie für sich selbst auszumachen und entsprechend vielleicht auch ein bisschen verantwortungsvoller sich dadurch zu bewegen. Ich glaube, im Moment unterläuft einem da einfach noch ganz viel, weil man sich dessen noch gar nicht so stark bewusst ist. Aber ich glaube, das ist einfach ja auch so ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, der schon stattfindet und noch weiter stattfinden muss. Und ja, sodass wir dann hoffentlich nicht nur die Nachteile, sondern auch wieder ein bisschen mehr die Vorzüge genießen können. Wobei ich noch eine Sache sagen möchte: Ich finde es extrem ärgerlich, dass wir uns die ganze Zeit anpassen müssen an einen Algorithmus und an ein System, das wir überhaupt nicht kontrollieren können, was uns wirklich von irgendwelchen Leuten in Silicon Valley einfach aufgedrückt wird und wo wir alle irgendwie mitmachen, weil es auch keine richtige Alternative gibt. Das ist für uns als Medium auch total ärgerlich, finde ich, weil man hat gar keine Kontrolle. Also es ist ja auch so, die ändern manchmal ihren Algorithmus und dann werden wir wieder total runtergeregelt. Dann verlieren wir Sichtbarkeit, von der wir abhängig sind, weil wir ja auch die Anzeigenerlöse brauchen und so weiter. Und letztlich, also Meta, Google und so weiter kassieren in diesem Jahr erstmals 50 aller Anzeigenerlöse im deutschen Markt, über 50. Das heißt, dass wir sowieso irgendwie, wir strampeln uns irgendwie ab und die haben halt die Erlöse. Und es gibt sozusagen nichts, was wir jetzt als Einzelperson dagegen tun können. Und das ist etwas, was mich tief frustriert und was ich glaube, wirklich ein richtiger gesellschaftlicher Missstand ist. Und ich hoffe, dass irgendwann mal die Politik da irgendwie in Richtung kommt, dass sie das regulieren kann oder dass sie auch die freien Verlage und so weiter unterstützen kann oder irgendwas. Also ich finde es wirklich richtig ärgerlich. Absolut, dem kann ich nur noch mal zustimmen. Also dass da digitalpolitisch so wenig passiert ist in den letzten Jahren, ist wirklich ein Riesenmissstand.
Ja, dann sind wir gestartet mit der Einstellung zur Reaktion und enden mit einem politischen Appell. Vielen, vielen Dank für eure Gedanken, Worte, Kommentare. Ich habe gesprochen mit Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins, und mit Anne Kathrin Kohut, Kulturwissenschaftlerin und Autorin von „Hyperreaktiv: Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird.“ Vielen, vielen Dank euch beiden für das Gespräch. Danke! Sehr gerne. Und wenn ihr nicht verpassen wollt, worüber die Kunst spricht, welche Ausstellungen gerade viel diskutiert werden und welche Themen in der Welt der Kunst gerade besonders gefragt sind, dann folgt uns doch im Podcatcher eurer Wahl. Kunst und Leben gibt es immer zweimal im Monat am Dienstag. Ja, und in der vergangenen Folge, da habe ich mit Madeleine Freund und Oliver Kase gesprochen. Die beiden haben nämlich an der Pinakothek der Moderne in München die Ausstellung „Sweeter Than Honey: Ein Panorama der Written Art“ kuratiert. Wenn ihr einen kleinen Abstecher nach München machen wollt oder vielleicht gerade zufällig dort seid, „Sweeter Than Honey“ läuft noch bis zum 12. April. An dieser Stelle möchte ich mich außerdem bei meinem Kollegen Stanley Baldauf für die Audio-Produktion bedanken. Mein Name ist Sarah Marie Plekat. Ich bedanke mich bei euch fürs Zuhören, sage Tschüss und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm.