Album der Woche: Laura Veirs – July Flame

18.01.2010

Januar 2010 in Deutschland: Daisy fegt über Stadt und Land; kleidet Bäume, Häuser und Straßen in einen weißen Mantel und macht alle total kirre. Haben wir vergessen wie Winter geht? Wer fliehen will, nur zu. Dank Billigflug, Globalisierung und Co ist der Sommer-Trip nach Australien oder Südamerika nur ein paar Klicks entfernt. Es geht aber auch wesentlich kostengünstiger, z.B. mit Laura Veirs' Soundtrack zur Mittsommernacht.

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Foto: David Belisle

July Flame ist Laura Veirs siebtes Album, benannt nach einer besonders saftigen Pfirsich-Sorte, die genau wie die Musik Appetit auf Sommer macht. Die Geschichte dazu geht so: Laura schlendert am heißesten Juli-Tag des Jahres 2008 zusammen mit einem Freund über einen Markt in Portland, Oregon und kauft am Stand eines Bauern eine handvoll July Flames. Gekleidet in Badesachen werden die Früchtchen in Nelken und Sirup eingelegt – es ist die Impression eines perfekt entspannten Sommertages. Was hängenbleibt ist dieser Name – July Flame – und die Idee einen Song mit eben jenem Titel zu schreiben.

I’d been in a songwriting slump at that time and writing that song pushed me over my plateau and into a new place where I was surprising myself again.

Foto: David BelisleSinnbild der Natürlichkeit - Laura VeirsFoto: David Belisle 

Am Ende ist es der Song, der Laura Veirs von einer Schreibblockade befreit und der maßgebend ist für das von lauen Sommernächten, Lagerfeuer und Feuerwerk inspiriertem Album. In unscheinbarer Songwriter-Manier, mit zurückgenommener Gitarre und warmen Synthies schaukelt sich das Stück zu einer Sommerhymne epischen Ausmaßes hoch, an deren Höhepunkt sich ein von Streichern begleiteter Chor anschmiegt und unermüdlich fragt: Can I call you mine? Wem hier nicht das Herz aufgeht, der ist Daisy und Horrorwinter in Person. Großartig ist auch das Video zum Song: In liebevoller Stop-Motion-Handarbeit erleben die Tiere eines Waldes den Sündenfall, als sie von der vermeintlichen July Flame kosten und so alles in Brand setzen. Am Ende sitzen jedoch Reh, Schlange, Waschbär und Freunde versöhnlich am Lagerfeuer und rösten Marshmallows. Kann Harmonie animalischer sein?

Wie schon auf den Vorgängeralben ziehen sich diese Naturimpulse als Metaphern durch den gesamten Longplayer der studierten Geologin Laura Veirs, findet sie doch in ihrer Heimat Portland zwischen Bergriesen und großflächigen Wäldern, nahe des pazifischen Ozean, einen wahren Quell der Landschafts-Idylle. In Musik umgesetzt mündet das in seichten Gitarren-Pickings, sphärischen Piano-Klängen und Backing-Gesängen von My Morning Jacket Sänger Jim James, die zuweilen an die verhallten Falsett-Choräle der Fleet Foxes erinnern.


Über allem steht Laura Veirs‘ mädchenhafte und unaufgeregte Stimme, die alles zusammenhält und der Musik jene Note gibt, die auch der äußeren Erscheinung der Songschreiberin entspricht: Unscheinbar, natürlich und sympathisch – allesamt Ausschlusskriterien für das Breakthrough-Thema eines Major Labels. Doch Größe offenbart sich nach dem zweiten Mal hinhören. Und Laura Veirs tourt trotzdem durch die ganze Welt; Decemberists-Sänger Colin Meloy betitelte July Flame schon jetzt als das beste Album 2010. Es ist gewissermaßen ein Paradebeispiel für die Echtheit von Musik und den Sieg der Herzlichkeit über den Kommerz. Mehr davon!