Rückblick: Immergut-Festival 2016

Die Biene Maja unter den Rockfestivals

31.05.2016

„Fahrt ins Grüne“ – so lautet das diesjährige Motto des Immergut-Festivals. Und genau das bekommt man, wenn man Ende Mai in die mecklenburgische Seenplatte nach Neustrelitz fährt: viel grün, schlechten Handyempfang und gute Musik. Ein Erlebnisbericht.

Luftballons machen glücklich – immergute Stimmung beim Auftritt von Liima auf dem Immergut-Festival. Foto: detektor.fm

Fahrt ins Grüne

„Aber landschaftlich ist es hier echt schön“ ist einer dieser Sätze, der bei der Anreise ins mecklenburgische Neustrelitz des Öfteren fällt. Das jedenfalls berichtet Nagel, ehemals Sänger der Band Muff Potter, bei seiner Lesung auf dem Immergut-Festival. Es ist Samstagnachmittag. Das sichtlich verkaterte Festivalvolk sitzt Eis-mümmelnd auf der Wiese und lauscht im brütenden Sonnenschein den Geschichten von Stefanie Sargnagel, Manuel Möglich und eben Nagel. Tatsächlich ist die „Fahrt ins Grüne“ – so das Festival-Motto in diesem Jahr – immer eine kleine Expedition ins mecklenburgische Seen-Idyll, inklusive schlechtem Handy-Empfang und guter Musik.

Am Tag davor eröffnen Isolation Berlin das Festival auf der Hauptbühne. Für uns beginnt das Immergut mit Get Well Soon. Die Band um Konstantin Gropper hat sich das Thema und den Titel ihres aktuellen Albums in großen roten Lettern auf die Bühne gestellt: LOVE. Liebenswürdig sind auch die Ansagen Groppers: „Die Gitarre war verstimmt, aber ich hab’s mit Pur-Gesten gerettet.“ Die Love-Message passt, trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass schleppende Balladen auf Festivals meist nur so mittelgut funktionieren, sofern sie nicht „Wonderwall“ heißen. Aber dazu später mehr.

Back to the future mit Tocotronic

Die Freitags-Headliner Tocotronic freuen sich über ihr Immergut-Comeback nach neun Jahren und spielen sich munter durch ihren üppigen Backkatalog. Sie sagen Lieder für Weicheier an („Zucker“), skandieren Zukunfts-Prophezeiungen aus den 90ern („Digital ist besser“) und werfen Blumen ins Publikum.

Danach wird in den Sonnenaufgang getanzt. Entweder zum Indie-Ballermann im Diskozelt oder zu den Vibes von Cosmic DJ und Erobique, der schöne Gaga-Texte über seine Beats improvisiert.

Die Hartgesottenen stehen am Samstag um 11 Uhr schon wieder auf der Matte. Oder besser gesagt: auf dem Rasen. Das Fußballturnier „Immergutzocken“ steht an. Bei jedem Tor müssen die Spieler in der prallen Sonne Pfeffi trinken. Bolzen unter erschwerten Bedingungen.

Untenrum-Songs und 80s-Pop

Schnipo Schranke spielen am Samstag auf der kleinsten Bühne vor sehr vielen Leuten ihre charmant expliziten Untenrum-Songs. Und gefühlt spalten sie damit das Publikum, das sich in Teilen schon in Richtung Zeltbühne begibt, wo kurz darauf Drangsal seinen düsteren, aber sehr schmissigen The Cure-angehauchten 80s-Sound fährt. Der junge Max Gruber gibt sich Mühe im Grimmig-gucken und wirkt mit seiner Band noch etwas statisch auf der Bühne, sorgt aber spätestens mit dem Hit „Allan Align“ und allerspätestens mit einem Metallica-Cover als Zugabe für kollektive Ekstase.

  • Liima beim Immergut. Foto: detektor.fm
  • Maximo Park beim Immergut. Foto: detektor.fm
  • Maximo Park beim Immergut. Foto: detektor.fm
  • Maximo Park beim Immergut. Foto: detektor.fm
  • Drangsal beim Immergut. Foto: detektor.fm
  • Drangsal beim Immergut. Foto: detektor.fm

Die Samstags-Headliner Maximo Park funktionieren weniger generationsübergreifend wie Tocotronic am Vorabend. Die Mannen um Paul Smith spielen ihr Set relativ souverän runter, Smith kündigt Songs „from MY last record“ an und man merkt, dass die unzähligen Maximo-Park-Hits 2004 super waren, 2016 aber etwas blutleer wirken.

Bei Liima springt der Funke da schon eher über. Die Nachfolgeband von Efterklang spielt ein experimentierfreudiges, lärmiges und atmosphärisch dichtes Set. Und an der passendsten Stelle eines Songs sorgt eine plötzliche Luftballon-Invasion für große Glückseligkeit.

http://twitter.com/Liimaband/status/736918536115884032

They told me to stop singing Wonderwall. I said maybe

Ansonsten ist alles wie immer höchst entspannt auf dem Immergut. Trotz Zeltplatz-Trinkspielen und Bierdosen-Pyramiden ist die Atzendichte im größtenteils friedvollen Partyvolk angenehm gering. Und spätestens wenn sich im Diskozelt morgens um sechs die Leute in den Armen liegen und lauthals „Wonderwall“ mitgrölen, weiß man, wie sich Immergut anfühlt. Ein bisschen so, wie Nagel das in seiner Lesung am Samstagnachmittag formuliert: „Das Immergut ist die Biene Maja unter den Rockfestivals“.