Im Grunde genommen kann man sagen, jedes der Probleme, die wir haben, hängt voneinander ab. Das allergrößte ist die Chancenungleichheit. Die trifft auf ein massives Personalproblem, auf dem Land sehr viel größer als in der Stadt, im Osten größer als im Westen. Und auf ein Ressourcenproblem. Also mit anderen Worten: Es gibt Schulen, da kommt wirklich der Putz von der Decke. Das sind jetzt drei Punkte von 127, die muss ich nicht alle aufzählen. Aber eigentlich muss man sagen, es ist ein katastrophaler Zustand.
Das sagt Bob Blume, besser bekannt als der Netzlehrer, mit knapp 250 000 Followern auf Instagram und einem eigenen ARD-Podcast. Das Bildungssystem ist sein Thema. Er ist Gymnasiallehrer in Baden-Württemberg und promoviert gerade zum Thema Zukunfts- und Schlüsselkompetenzen. Viele von den Problemen, die er da gerade angesprochen hat, stehen auch im Nationalen Bildungsbericht. Da steht auch drin, dass die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern rückläufig sind und dass der Bildungserfolg immer noch enorm an die soziale Herkunft gekoppelt ist.
Lehrkräftemangel und Belastung von Lehrerinnen und Lehrern, fehlende Digitalisierung, Finanzierung – viele dieser Probleme sind in Sachsen-Anhalt sogar verschärft. Bildung wird deshalb nicht umsonst als eines der drei wichtigsten politischen Probleme in Sachsen-Anhalt von den Menschen genannt und spielt in den Wahlprogrammen der Parteien eine große Rolle. Und das ist deswegen so interessant, weil Bildung einer der wenigen Bereiche ist, in denen eine Landesregierung wirklich großen Gestaltungsspielraum hat. Denn Bildung ist Ländersache.
Bildungspolitik der AfD
Auch die AfD hat sich das Thema Bildung groß ins Programm geschrieben. Sie will zum Beispiel die Schulpflicht in eine Bildungspflicht umwandeln, Integration und Inklusion aus den Schulen verbannen und Einfluss auf die Lehrpläne nehmen. Welche Probleme hat das Bildungssystem? Können die Vorschläge der AfD daran etwas ändern? Und welche Lösungsvorschläge halten Experten und Expertinnen für sinnvoll und lassen sich eben auch umsetzen? Das besprechen wir heute bei Dazwischen.
Vorher schauen wir aber nochmal zurück. Anne hat ja immer eure Nachrichten und auch Kommentare im Blick. Was kam da so letzte Woche rein? Ja, ihr habt ja in den letzten Folgen viel über eure Rolle als Journalistinnen gesprochen. Und darauf hat Friedrich uns auf Mastodon geschrieben: Ich zitiere: „Wenn Journalisten für sich in Anspruch nehmen, die vierte Staatsgewalt zu sein, dann müssen sie ausschließlich der Sache Berichterstattung verpflichtet sein. Ihre eigene Haltung hat zurückzustehen.“
Das würde ich unterschreiben, wenn wir hier Nachrichten machen würden. Aber es gibt ja durchaus auch journalistische Darstellungsformen, die eben mehr Haltung und teilweise auch Meinung beinhalten. Und ich finde Podcasts, gerade so wie wir das hier machen, mit zwei immer den gleichen Hosts und mit sehr komplexen Sachverhalten, die vereinen eben beide Ebenen miteinander. Und das macht es ja auch so interessant, denn sonst könnte ja hier entweder jede Woche jemand anders sitzen oder auch einfach die KI, die dann die Texte vorliest.
Also ja, ich finde es eigentlich gerade spannend, dass wir hier auch transparent darüber reden, wie schwierig manchmal eben diese Übergänge sind. Ja, und an der Stelle, natürlich ist oberste Priorität Objektivität. Aber an den Stellen, wo wir einfach ganz persönliche Erfahrungen reinbringen, dann ist es natürlich eine Meinung und ansonsten ist es eine Haltung. Und das sagen wir aber auch eigentlich immer dazu.
Themenvorschläge und Feedback
Ja, und wir haben noch einen Themenvorschlag von Salbay auf Mastodon bekommen. Er oder sie schlägt eine Folge über die Bergbaufolgenlandschaften in Sachsen-Anhalt vor und schreibt dabei: „Mich interessiert besonders, was geplant ist und ob und wie ich mich als Bürger daran beteiligen kann, was mit den Flächen passiert.“ Auf jeden Fall ein spannendes Thema. Danke dafür an Salbay.
Habt ihr auch Feedback für uns? Lob, Kritik, Anmerkungen, Hinweise? Dann schreibt uns! Ihr findet uns wirklich so gut wie überall in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder das erwähnte Mastodon. Da einfach nach detektor.fm suchen oder kommentiert einfach auf eurer Lieblings-Podcast-Plattform.
Bedeutung von Bildung
Nelson Mandela hat mal gesagt: „Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern.“ Und Studien belegen, der Wohlstand eines Landes ist vor allem abhängig vom Bildungsgrad. Bildung ist also essentiell für uns und die beginnt natürlich nicht erst in der Schule, sondern schon viel früher im Elternhaus und dann natürlich auch in der Kita.
Trotzdem schauen wir sehr häufig isoliert auf die Schule, wahrscheinlich auch, weil es da natürlich viele Probleme gibt, die wir dringend lösen müssen. Bob Blume hat es eben schon gesagt: Zu den drängendsten Problemen im Bildungssystem gehören Personalmangel, Chancenungleichheit und fehlende Finanzierung von Schulen. Wir schauen als erstes mal auf den Personalmangel.
Marie, wie viel Schulausfall hattest du, als du noch zur Schule gegangen bist? Also so Grundschule, Sekundarschule gar nicht. Wenn dann Sekundarschule mal vorkam, da habe ich mich wirklich wahnsinnig gefreut. Und dann auf dem Gymnasium kam das öfter mal vor, aber ich hatte tatsächlich Freundinnen, die hatten damals, sie kamen ja alle aus anderen Schulen, dann in die siebte Klasse auf dieses Gymnasium, und die haben damals gesagt, dass sie so wenig Englisch hatten, also mehrere, weil es einfach da schon öfter ausfiel in der fünften und sechsten Klasse.
Und ja, das hat sich dann schon auch ausgewirkt. In Sachsen-Anhalt sind letztes Jahr 8,6 Prozent des Unterrichts ausgefallen. 28.000 Zeugnisnoten fehlten dieses Jahr einfach, weil eben zu wenig Unterricht stattfand. Und an solchen Dingen zeigt sich natürlich auch der Lehrermangel ziemlich deutlich. Eine Ursache dafür ist, wie in vielen anderen Bereichen, der demografische Wandel. Also unsere Gesellschaft wird immer älter. Sachsen-Anhalt hat im Schnitt die ältesten Lehrer in Deutschland. Fast 50 Prozent sind 55 Jahre oder älter.
Lehrermangel und Herausforderungen
Und klar, die gehen irgendwann in Rente und es kommen einfach weniger Menschen nach und damit auch weniger Lehrerinnen und Lehrer. Der Nachwuchs fehlt natürlich auch, weil die Bedingungen für viele Lehrer nicht besonders gut sind. In Deutschland gibt es insgesamt mehr als 1,5 Millionen Lehrkräfte. Laut Schulbarometer klagt ein Drittel über zu viele Aufgaben und zu wenig Zeit.
Wenn du mal schätzen müsstest, Marie, wie viele Lehrerinnen und Lehrer im vergangenen Jahr freiwillig aufgehört haben, was würdest du sagen? Ich habe das Gefühl, ich kann jetzt hier nur richtig falsch liegen. 6 Prozent? Ja, das ist ein bisschen doll viel, aber tatsächlich sind es 27.000, also fast 2 Prozent. Und das klingt erst mal gar nicht so viel, aber wenn man sich das mal anschaut, sind es wirklich doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.
Und das hat natürlich ganz verschiedene Gründe. Also die Anforderungen sind auf jeden Fall deutlich komplexer geworden. Das höre ich auch immer wieder in Gesprächen. Man ist ja doch öfter mal an der Schule für Beiträge oder so. Ich weiß, dass Schülerinnen und Schüler sehr viel mehr mit psychischen Belastungen zu kämpfen haben. Und das wirkt sich natürlich auf den Schulalltag aus.
Die kommen zum Teil mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen in die Schule, einfach weil ihre familiären Backgrounds so unterschiedlich sind. Und das müssen Lehrkräfte erst mal auf einen Stand bringen. Und dann hat der Personalmangel, darüber haben wir schon gesprochen, gerade kurz. Ich weiß, dass sie auch immer viel mehr dokumentieren müssen. Und das klingt irgendwie dann schon nach so einem System, was auf Überlastung ausgelegt ist.
Genau, und da haben wir jetzt noch nicht über die Rolle der Eltern gesprochen, die ja auch immer so ganz genau wissen, was die Schule alles noch so zu leisten hat. Also der Bildungsforscher Kai Maas, der am nationalen Bildungsbericht mitgearbeitet hat, der sagt ebenfalls, dass die Anforderungen wirklich sehr komplex geworden sind und dass es eben auch große Probleme gibt.
Anerkennung der Leistungen im Bildungssystem
Gleichzeitig findet er aber auch, wir müssten wieder mehr anerkennen, was dieses Bildungssystem eigentlich so leistet. Wenn man sich die 20 Jahre der letzten Bildungsberichte anschaut, dann haben wir große Finanz- und Wirtschaftskrisen gehabt. Wir haben demografische Verschiebungen, wir haben immer knapper werdende Haushalte, wir haben große Zuwanderungs- und Fluchtbewegungen, wir haben eine Pandemie gehabt. Jetzt endlich.
Also alles Dinge, auf die das System auch immer reagieren muss. Und wir würdigen an der Stelle meines Erachtens auch zu selten die Leistung, die das System erbringt. Dass 2022 mit dem beginnenden Krieg in der Ukraine über 200.000 Kinder und Jugendliche in das Schulsystem integriert wurden, das nimmt man beiläufig so zur Kenntnis. Aber dass das eine immense Integrationsleistung war, nicht alles ist gut gelaufen an der Stelle. Darum geht es gar nicht.
Wir müssen auch so ein bisschen auf die positiven Dinge schauen. Was Kai Maas damit aber nicht meint, ist jetzt die Augen zu verschließen vor den Dingen, die nicht gut laufen. Du hast vorhin ja schon angesprochen, Lehrerinnen und Lehrer leisten heute viel mehr als früher. Und da sieht auch Kai Maas auf jeden Fall eine besondere Belastung von Lehrkräften.
Wir haben in dem Beruf auch immer mehr Verwaltungstätigkeiten gelegt, mehr Dokumentationspflichten. Und das sind alles Dinge, für die entscheidet sich kein junger Mensch, Lehrerin oder Lehrer zu werden, sondern die möchten Kinder unterrichten, die möchten Kinder begleiten. Deswegen tun wir gut daran, zu überlegen, wie wir Unterstützungsstrukturen implementieren können, die genau solche Tätigkeiten aufnehmen.
Das wäre das eine. Das gelingt jetzt beispielsweise auch mit dem Startchancen-Programm, dass für die Chancenbudgets Schulen sich da auch in entsprechender Unterstützung organisieren können. Wir werden aber auch nicht darum hinkommen, viel stärker in multiprofessionellen Teams zu denken. Gerade weil die Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen kommen, braucht es Angebote, die die Kinder in diesen Situationen mitnehmen.
Und das wäre meines Erachtens völlig utopisch, zu denken, die einzelne Lehrperson kann das im Einzelnen dann auch wirklich lösen. Und es braucht ein gutes Kollegium, multiprofessionell zusammengesetzt, mit klaren Aufgabenbereichen und Zuständigkeitsbereichen, dass nachher im Prinzip auch das Kollegium weiß, wo die eigene Verantwortung ist.
Chancenungleichheit im Bildungssystem
Wir kommen zu dem Thema, das hast du eben auch schon mal angesprochen: Chancenungleichheit. Also Kinder kommen eben mit verschiedenen Bedingungen an die Schule, mit verschiedenen Kompetenzen. Und die Schulen sollen eben nicht nur Unterricht anbieten, sondern im besten Fall eben den gleichen Zugang zur Bildung ermöglichen, unabhängig von der Herkunft. Dabei soll das sogenannte Startchancen-Programm helfen, das hat Kai Maas gerade schon erwähnt.
Sagt dir das was? Also ich habe davon auf jeden Fall schon mal gehört. Und das soll ja genau dazu dienen, dass Kinder mit unterschiedlichem sozialem Background die Möglichkeit gegeben werden soll, den gleichen Bildungsweg gehen zu können und deren Chancen zu erhöhen. Genau. Das ist ein gemeinsames Programm von Bund und Ländern, wo bis 2034 ungefähr 20 Milliarden Euro investiert werden, um genau das zu tun, was du gerade gesagt hast.
Und wir sehen eben in Studien, wie zum Beispiel PISA, aber auch im neuen nationalen Bildungsbericht: Wenn ein Kind in Deutschland eingeschult wird, ist über seine Bildungschancen eigentlich schon entschieden. Ja, ich habe letztens auch gelesen, dass schon bei zweijährigen Kindern der Wortschatz total weit auseinander gehen kann. Kinder aus Familien mit hohem Bildungsniveau kennen da wohl im Durchschnitt schon über 150 Wörter und Kinder aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau nur etwas mehr als 95. Das ist natürlich ein riesiger Unterschied.
Ja, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass der Abstand sich nicht etwa verwächst, sondern immer mehr zunimmt, also auch nach Eintritt in die Schule und sogar bis hin zum Schulabschluss. Und deswegen ist das nicht nur eines der Kernprobleme unseres Bildungssystems, sondern sogar unserer Gesellschaft, sagt der Bildungsforscher Kai Maas.
Probleme, die einmal angelegt werden in den individuellen Biografien, werden in der Gesamtzahl nicht wirklich kleiner, sondern sie bleiben bestehen bis in die Weiterbildung hinein. Wir reduzieren das oftmals auf ein schulisches Problem, aber es ist weitaus mehr als ein schulisches Problem, weil es hängen Übergangsprobleme dann für den Übergang in eine vollqualifizierende Ausbildung dran. Damit zusammenhängt auch, welche Abschlüsse werden eigentlich erreicht.
Und letztendlich, wenn man das auf einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive betrachtet, dann ist das auch eine Frage der Fachkräftesicherung. Wenn wir nicht hinreichend qualifizierte Menschen haben, dann haben wir auch irgendwann nicht mehr hinreichend qualifizierte junge Menschen in den Ausbildungsberufen und auf dem Arbeitsmarkt. Ja, also auf jeden Fall ein Riesenthema, das man angehen muss.
Rückblick auf den PISA-Schock
Und wir waren da übrigens schon mal besser. Vielleicht erinnerst du dich noch an den sogenannten PISA-Schock im Jahr 2001. Bei der Studie schnitt Deutschland wirklich deutlich schlechter ab, als man erwartet hat. Und besonders auffällig war damals eben schon der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Und daraus hat man einen Haufen Reformen abgeleitet, zum Beispiel die Einführung von Bildungsstandards für die zentralen Fächer, den Ausbau der frühkindlichen Förderung, die starke Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten und den Ausbau von Ganztagsschulen.
Und die Bildungsberichte in den zehn Jahren danach haben gezeigt, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler sind besser geworden und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist gesunken. Und das zeigt ja, das Ganze ist nicht in Stein gemeißelt. Also man kann da was machen. Ganz genau. Und wir werden ja sicherlich an einem späteren Punkt in der Folge auch nochmal gucken, was für Möglichkeiten es da gibt, so etwas zu verbessern.
Probleme in Sachsen-Anhalt
Lass uns mal zurück nach Sachsen-Anhalt kommen. Du hast ja vorhin schon gesagt, viele Probleme, über die wir jetzt auch immer mal schon gesprochen haben, die sind hier sogar noch verschärft. Warum? Ja, ganz genau. Sachsen-Anhalt hat einen enorm starken Rückgang bei den jüngsten Altersgruppen. Darüber haben wir ja schon an der einen oder anderen Stelle gesprochen. Und das erschwert natürlich auch so die Kita-Planung, den Personalbedarf und auch sowas wie den Schulentwicklungsplan.
Ja, aber bei Kitas weiß ich zum Beispiel, da heißt es ja von vielen, die sich auf Forschungsebene beschäftigen, dass es ja eigentlich gerade ein Glücksfall auch sein kann, weil man könnte so zum Beispiel den Betreuungsschlüssel ja eigentlich verbessern, weil weniger Kids, aber gleiches Personal, viel bessere Förderung. Und das müsste ja für Schule genauso gelten.
Ja, und das sagt auch Bildungsforscher Kai Maas. Das könnte eine Chance sein, wenn man jetzt das Personal quasi hält und damit den Betreuungsschlüssel quasi absenkt. Das ist aber a) nicht immer möglich und b) wir haben ja in Sachsen-Anhalt wirklich viele ländliche Regionen. Und wenn da natürlich zu wenig Kinder nachkommen, dann kommen ja auch so Fragen wie „Können wir da Schulen und Kitas überhaupt noch halten?“ Da haben wir ja auch schon an anderen Stellen drüber gesprochen.
Und dann wird es natürlich kritisch. Und dann kommt ja noch dazu, wenn du dann eben Kitas und Schulen zumachst, dann müssen die Kinder wieder irgendwo anders hingebracht werden oder auch in eine andere Schule fahren. Und zum Beispiel diese längeren Fahrtwege, die beeinflussen dann auch wieder die Bildungsungleichheit, weil das ist eben schon etwas: Wenn du morgens schon mal eine Stunde unterwegs bist mit dem Schulbus, dann bist du schon mal auch ein bisschen erschöpfter als ein Kind, das fünf Minuten zur Schule läuft.
Ja, das habe ich persönlich auch erlebt. Ich bin in zehn Minuten mit dem Fahrrad bei meiner Schule gewesen, und ich hatte aber auch Leute in meiner Klasse, die eine Stunde Bus gefahren sind, tatsächlich. Genau, und ein weiterer Punkt, der in Sachsen-Anhalt deutlich verschärft ist: Wir haben einen sehr, sehr hohen Anteil von Quereinsteigern. Der ist viel höher als im Bundesdurchschnitt. Und das muss jetzt nicht per se was Schlechtes sein, aber Kai Maas warnt schon, dass man da natürlich aufpassen muss, dass sich da jetzt keine Deprofessionalisierung einstellt.
Und das sagt auch Netzlehrer Bob Blume. Also auf der einen Seite können Quereinsteiger eine wahnsinnig gute Ergänzung sein, und zwar nicht nur, weil dann jemand da ist, der betreut, sondern weil Quereinsteiger ja auch meistens praktische Erfahrungen mitbringen. Das Problem ist halt, dass das Know-how fehlt bei der Fragestellung, wie man das Ganze dann didaktisch Schülerinnen und Schülern auch nahe bringt. Und das ist ehrlich gesagt nicht trivial.
Ich meine, es ist nicht umsonst so, dass das Lehramtsstudium immer noch so sechs bis acht Jahre geht. Dann ist es eine ganz wichtige Aufgabe von der Bildungsverwaltung, Fortbildungsmaßnahmen auch zur Verfügung zu stellen, die dann dafür sorgen, dass die irgendwann näher an das kommen, was eben ausgebildete Lehrkräfte zu leisten imstande sind. Das ist ja schon allein deswegen wichtig, damit uns diese Quereinsteiger auch als Lehrer und Lehrerinnen erhalten bleiben und im besten Fall ja auch auf Augenhöhe mit dem Kollegium sind. Denn natürlich braucht es auch da Zusammenhalt.
Fall Max Heckel und politische Neutralität
Das wird nichts, wenn man ganz viele Quereinsteiger einstellt, aber dann die, die den klassischen Weg gegangen sind, sagen: „Nein, sich gar nicht als gleichwertig ansehen.“ Ja, also wenn das so Lehrer zweiter Klasse werden, dann haben wir, glaube ich, gar nichts gekonnt. Denn der Zusammenhalt, den du gerade ansprichst, der ist ja auch in diesen Zeiten, in denen die AfD daher schon auch jetzt ganz schön Druck macht auf dieses Bildungssystem, noch mal wichtiger.
Ja, da gibt es doch so einen Fall aus Stendal von einem Lehrer. Max Heckel heißt der. Genau, für alle, die den Fall nicht kennen: Max Heckel hat seinen Schülerinnen und Schülern auf Nachfrage hin erklärt, warum er selbst die AfD nicht gewählt hat. Und das hat die AfD öffentlich aufgegriffen und hat ihn im Landtag zum Beispiel für eine politische Indoktrination an Schulen gemacht.
Ja, und dann hat er vom Landesschulamt Sachsen-Anhalt eine Abmahnung wegen eines Verstoßes gegen seine beamtenrechtlichen Pflichten zur politischen Neutralität, wie es heißt, bekommen. Und gegen diese Abmahnung hat er dann wiederum vor dem Arbeitsgericht Magdeburg geklagt. Ja, das Urteil ist noch nicht raus.
Die AfD bezieht sich da immer auf den sogenannten Beutelsbacher Konsens und das Beamtengesetz und sagt: „Naja, Lehrkräfte müssen halt neutral sein.“ Aber vielleicht ist es die richtige Stelle, mal zu sagen: Das stimmt so nicht. Also was stimmt, ist: Lehrkräfte dürfen Schülerinnen und Schülern nicht sagen, wen sie zu wählen haben oder sie aufgrund ihrer politischen Meinung benachteiligen. Aber Lehrkräfte haben sogar die Pflicht, die Demokratie zu verteidigen und auf Gefahren hinzuweisen.
Und natürlich können sie auch Tatsachen benennen, wie die AfD gilt in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem. Dadurch, dass es aber so zu diesen Abmahnungen und Druck kommt, sind viele Lehrkräfte verunsichert und haben Angst, etwas falsch zu machen. Das heißt, auch dieses Urteil im Fall Max Heckel, das könnte da auch zu mehr Sicherheit führen, zu mehr Sicherheit reinbringen.
Aber es zeigt eben auch, dass da gerade ein Klima der Angst vor Abmahnung erzeugt wird. Und das könnte nach den Wahlen im September natürlich noch deutlich krasser werden. Ja, die AfD hat Forderungen in ihr Wahlprogramm geschrieben, bei denen viele Bildungsexperten sofort gewarnt haben. Die vielleicht umstrittenste ist die Umwandlung der Schulpflicht in eine Bildungspflicht.
Im Vorfeld der Wahlen werden wir uns in einer Extrafolge auch in Ruhe den Wahlprogrammen der anderen Parteien widmen. Aber da das AfD-Programm im Bildungsbereich so krasse Reaktionen hervorgerufen hat und da Bildung eben Ländersache ist und die AfD bei einer Regierungsbeteiligung viel umsetzen könnte, wollen wir uns in dieser Folge speziell die Vorschläge genauer anschauen.
Bildung als großes Thema
An der Stelle finde ich, muss man aber auch sagen: Bildung ist ja seit Jahren ein riesengroßes Thema. Lehrerinnen- und Lehrermangel beschäftigt Sachsen-Anhalt seit Jahren. Und gerade in diesem Schulbereich haben wirklich mehrere Ministerinnen und Minister verschiedener Regierungen, Herr Thürner, Frau Feusner, jetzt Herr Riedel, versucht, die Probleme anzugehen. Aber das ist natürlich auch kein Feld, in dem man schnell Erfolge feiern kann. Manches wird sich wirklich erst in Jahren zeigen, ob das effektiv ist.
Ja, da hast du sicher recht. Nur ist das natürlich immer so ein schwacher Trost für alle, die entweder jetzt gerade im Schulsystem stecken oder eben Kinder in der Schule haben. Deswegen werden diese Diskussionen, glaube ich, auch immer so super emotional und mit ganz viel subjektivem Eindrücken geführt. Und sowas spielt einer Partei wie der AfD natürlich in die Karten, die dann nämlich erst mal relativ einfach in diese Emotionen so einsteigen kann.
Verantwortlich für das Bildungsprogramm der AfD ist der maßgebliche Hans Thomas Tilschneider. Wer ihn nicht kennt, eine kurze Einordnung: Er ist Landtagsabgeordneter und der vertretene AfD-Landesvorsitzende. Der Verfassungsschutz stuft die Partei in Sachsen-Anhalt also den Landesverband jetzt gesichert rechtsextremistisch ein. Und in der Begründung dazu fällt immer wieder sein Name und Aussagen von ihm werden zitiert.
Was man gleich mal sagen kann: Das Bildungsprogramm bezieht sich vor allem auf die Schule. Also die frühkindliche Bildung, die kommt kaum vor. Es gibt dazu so einen ganz, ganz kleinen Absatz im Bereich Familienpolitik. Ja, und das obwohl wir gerade darüber gesprochen haben, dass es ein ganz wichtiger Ansatzpunkt ist, um Bildungsungleichheiten auszugleichen.
Ja, aber das ist eben gar nicht das, was die AfD will. Also im Wahlprogramm steht eigentlich genau das Gegenteil. Man fordert ein differenzierteres Schulsystem. Man wende sich gegen eine zu starke Vereinheitlichung von Bildungswegen. Also wieder weg von Gesamtschulen, das Gymnasium nur für die Elite. Man will auch die Wiedereinführung von Hauptschule und Realschule prüfen.
Das Ziel sind also so möglichst homogene Klassen. Das bedeutet auch ohne Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte und auch ohne Menschen mit Behinderung. Die sollen nämlich in eigenen Klassen oder sogar eigene Schulen unterrichtet werden. Läuft das nicht gegen das Diskriminierungsverbot und auch die UN-Behindertenrechtskonvention?
Das war auf jeden Fall auch mein Bauchgefühl, aber ich wollte das noch mal genauer wissen und habe mit Michael Wrasse gesprochen. Er ist Professor für Sozial- und Bildungsrecht an der Universität Hildesheim. Und er sagt dazu: „Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt eigentlich vor, dass diese Sonderschulsysteme, Förderschulsysteme, karduell aufzulösen sind im Sinne einer gemeinsamen Schulung von Kindern ohne Behinderung. Und so hat auch der UN-Fachausschuss, der für die Auslegung der Konvention zuständig ist, die Bundesrepublik mehrfach ermahnt, das auch in Deutschland umzusetzen.
Wir wissen aber, es gibt viele Förderschulen in Bundesländern, vor allem in den südlichen Bundesländern. Und das ist ein großes Problem bei der Umsetzung dieser UN-Behindertenrechtskonvention. Die ist eben ein völkerrechtlicher Vertrag, der erst umgesetzt werden muss. Die Kritik gibt es natürlich, aber es gibt keine Sanktionen gegen Deutschland.
Und ja, das Land hat dann natürlich die Möglichkeit zu sagen: „Ja, wir eröffnen halt jetzt drei neue Förderzentren.“ Weil allein das würde eben dazu führen, dass deutlich mehr Schüler wieder an diesen Förderschulen unterrichtet werden. Weiteres Problem ist natürlich die Sonderklasse für Flüchtlingskinder. Hier gibt es auch ganz klare international rechtliche und verfassungsrechtliche Vorgaben, dass man nicht einfach eine Gruppe von Menschen, die ja auch der Schulpflicht unterfällt, sozusagen komplett aussondern kann in Sonderklassen.
Das ist mit dem Diskriminierungsverbot und dem Gebot der Inländergleichbehandlung auch nicht vereinbar. Also zusammengefasst heißt das: Generelle Sonderklassen für Kinder mit Migrationsgeschichte, das ginge nicht.
Einfach wieder mehr Förderschulen bauen und so Kinder mit Behinderungen dahin zu verlagern, das würde zumindest erstmal gehen. Und dann müsste man eben gucken, wie man sozusagen damit umgeht, dass dann Kritik kommt.
Was ja auch wirklich groß durch die Medien gegangen ist, ist die Forderung, die Schulpflicht zu einer Bildungspflicht umzuwandeln und so zum Beispiel zu ermöglichen, dass Kinder zu Hause unterrichtet werden. Auch da sagt Michael Wrase: „Nicht so einfach, denn die Schulpflicht ist zwar nicht im Grundgesetz verankert, aber das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach entschieden, dass es dabei nicht nur um Bildung geht, sondern auch um gemeinsames Lernen und Kontakte zu anderen sowie Integration. Das betont auch Netzlehrer Bob Blume.
Das Ding ist, unabhängig von ihrer Funktion beim Wissenserwerb leistet Schule eine Sache, die man manchmal eher als Problem oder Herausforderung wahrnimmt, was in Wirklichkeit aber ihre größte Stärke ist: nämlich Kommunikation zwischen Menschen, jungen Menschen, die nicht der gleichen Meinung sind. Aber wenn das wirklich kommen sollte, dann hätten wir also Leute, die sich komplett zurückziehen und die von Kindesbeinen an gar nicht damit konfrontiert sind, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Und das fände ich wahnsinnig schlimm. Da hat die Schule also eine wahnsinnig wichtige Aufgabe.
Das hat auch das Bundesverfassungsgericht mehrfach so entschieden. Insofern ist es schon ziemlich unwahrscheinlich, dass eine Landesregierung Homeschooling einfach so möglich macht. Naja, man müsste sich ja auch da die Frage stellen, wer die Kinder dann zu Hause unterrichtet. Also das wären ja dann wahrscheinlich meistens die Eltern, und wie man den Lehrerfolg dann kontrolliert, damit die Kinder überhaupt anerkannte Abschlüsse machen können.
Da hatte ich einen sehr, sehr lustigen Moment im Gespräch mit dem Bildungsforscher Kai Maatz, und den will ich dir nicht vorenthalten. Man löst die Schulpflicht auf und möchte damit ein Problem lösen, was das System nicht gelöst hat. Das ist eine sehr naive Vorstellung. Und ich kenne aus meinem Umkreis niemanden, der sagt, ich möchte meine Kinder nicht in der Schule haben, sondern möchte sie zu Hause unterrichten. Ich würde einen Teufel tun, um meine Kinder zu Hause zu unterrichten.
Corona war eine Woche Zeit gewesen mit den Kindern zu Hause. Ja, aber die AfD greift hier natürlich etwas auf, worin irgendwie eine Wahrheit steckt, nämlich wir haben große Probleme in unserem Bildungssystem. Es gibt da auch Schwierigkeiten, sozusagen Kinder individuell sich anzuschauen. Gerade Kinder, die nicht gut in dieses System integriert werden, können haben dann eben manchmal Schwierigkeiten.
Und da gibt es natürlich auch Eltern, auch fernab der AfD, die sich wünschen, dass es andere Möglichkeiten geben würde, eben mit den Kindern gemeinsam zu lernen. Aber dieser Vorschlag der da jetzt im Raum steht, ja, der wird halt so nicht umzusetzen sein. Es gibt so viel, muss man sagen, natürlich auch im AfD-Programm Punkte, die kann man erstmal unterschreiben. Vor allem, wenn man nur die Überschriften liest.
Also zum Beispiel optimale Förderung, bestmögliche Bildung für alle, Handwerk stärken. Das hatten wir ja auch schon an anderer Stelle bei der AfD. Talente früh entdecken, Schulbildung nah am echten Leben, mehr Sportunterricht, Schulen erhalten, kostenlose Bücher für jedes Kind. Also da würde ja erstmal niemand streiten, ja, weil das klingt ja auch alles erstmal plausibel und einfach.
Aber solche Überschriften stehen auch ja in anderen Wahlprogrammen. Man muss ja immer auch mal ein bisschen mehr reinlesen. Genau, und eben im Wahlprogramm der AfD, da muss ich gar nicht woanders hinschauen, da stehen eben aus meiner Sicht auch sehr gefährliche Dinge. Und das sehe nicht nur ich so, das sehen auch Experten und Expertinnen so.
Die AfD will zum Beispiel sehr starken Einfluss nehmen auf die Wahl der Lehrbücher. Die will im Geschichtsunterricht einen deutlichen Schwerpunkt legen auf die Entstehung und die Erfolgsgeschichte des deutschen Staates und dafür eben zum Beispiel weniger über die NS-Zeit sprechen. Naja, und sie wollen Demokratiebildung an Schulen unterbinden. Darüber haben wir ja auch schon in unserer Folge „Wie lernen wir Demokratie“ gesprochen. Hört da gerne doch nochmal rein.
Im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt steht sogar, neben dem Militär oder den Wirtschaftsunternehmen, ist die Schule ein weiterer Bereich, wo das demokratische Prinzip fehl am Platz ist. Also das sind so Sätze, die der Bildungsrechtler Michael Ewrase wirklich als extrem problematisch einstuft. Letztlich finde ich es erstaunlich, dass die AfD hier so offen sagt, was sie machen möchte.
Aber hier werden tatsächlich Tendenzen Richtung Totalitarismus sichtbar in diesem Programm. Und ehrlich gesagt, dann ist denen das auch egal, ob das jetzt rechtmäßig ist oder nicht. Und für alle, denen dieses Argument noch nicht reicht, weil sie sagen: „Na gut, Totalitarismus, das können wir doch mal ausprobieren“, obwohl die Landesregierung, wie wir ja besprochen haben, viel Gestaltungsspielraum in der Bildungspolitik hat, das hat natürlich auch ganz reale Grenzen.
Also der Bildungsminister von Sachsen-Anhalt ist zum Beispiel Teil der Kultusministerkonferenz, die eben zum Beispiel auch vergleichbare Bildungsstandards festlegt, Regelungen für das Abitur findet oder eben auch sicherstellt, dass sie gegenseitig Schul- und Lehramtsabschlüsse anerkennen. Und wenn da jetzt Sachsen-Anhalt ein komplett eigenes Ding machen würde, könnte es ja dann eigentlich sein, dass so Schulabschlüsse aus Sachsen-Anhalt gar nicht mehr anerkannt werden und damit außerhalb von Sachsen-Anhalt ja auch nichts mehr wert sind.
Und das kann ja eigentlich niemand für sein Kind wollen. Unsere Expertinnen und Experten sind auch überzeugt, dass die AfD-Vorschläge in ihrer Gesamtheit die Probleme eher verschärfen als beheben würden, sofern sie juristisch überhaupt umsetzbar sind. Die Frage ist aber: Wie ginge es denn eigentlich besser? Ich würde sagen, schauen wir uns das mal an.
Wir haben ja vorhin schon darüber gesprochen, dass das eigentliche Problem schon vor der Schule beginnt, dass wir also verstärkt auch auf die frühkindliche Bildung schauen müssen, damit im besten Fall die Kinder nicht mit so großen Unterschieden eingeschult werden. Dazu sagt Bildungsforscher Kai Maaz, am besten wäre es, Kinder ziemlich früh, so früh wie möglich, in die Fremdbetreuung, zum Beispiel in die Kita, zu bekommen, um eben diese Ungleichheiten früh zu erkennen und dann auch anzugehen.
Ich finde, es muss darum gehen, dass wir frühe Bildung insbesondere in der Kita attraktiver gestalten, dass wir qualitätsvolle Angebote haben, dass Familien ihre Kinder dort guten Gewissens hinschicken, weil sie merken: Hey, das Kind hat dort Spaß, das lernt dort etwas. Da müssten wir meines Erachtens noch viel klarer und deutlicher und verbindlicher den Bildungsauftrag von Kita in den Fokus stellen, Bildungsziele formulieren, Bildungsstandards definieren, Zielvereinbarungen formulieren und die Kinder auch gezielt auf Schule vorbereiten.
Und Maaz sagt auch, einer der wichtigsten Schritte ist, frühzeitig, also so mit vier, viereinhalb, den Sprachstand von allen Kindern zu überprüfen und das eben auch obligatorisch mit Sprachförderung zu verbinden, wenn es denn nötig ist. Das wird schon in einigen Bundesländern so gemacht. Das machen zum Beispiel auch alle Stadtstaaten in Deutschland. In Sachsen-Anhalt ist es nicht der Fall, wäre aber ein sehr wirksames Mittel, um die Ungleichheiten noch vor dem Eintritt in die Schule auszugleichen.
Da muss man aber bei dem Vorschlag, alle Kids so früh wie möglich in die Kita zu bringen, müsste aber auch bedeuten, dass Kitas besser ausgestattet werden müssten. Ja, ganz genau. Da werden wir, glaube ich, insgesamt nicht drum herum kommen. Aber ich glaube, es ist eben auch eine Investition, denn wenn man den Förderbedarf eben früher erkennt, kann man da natürlich auch mehr ausgleichen.
Und es ist sozusagen longterm wirklich eine sinnvolle Investition, dem entgegenzuwirken. Und dann sagt Bildungsforscher Kai Maaz, sollten wir auch individueller schauen, welche Kinder wirklich schon schulfähig sind und welche vielleicht auch noch nicht. Und wenn ein Kind noch nicht schulfähig ist, aus welchen Gründen auch immer, dann ist das keine Schande, wenn das ein Jahr später in die Schule geht.
Wichtig ist also, wenn ein Kind nicht eingeschult wird, dass man dann das Kind nicht nach Hause schickt und nach einem Jahr wieder guckt, wo es steht, sondern dass dann obligatorische Förderung einsetzt im sprachlichen, sozialen, emotionalen Bereich, da wo das Kind Unterstützung braucht. Das ist übrigens ein Gedanke, der sich bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchzieht.
Also individueller aufs Kind schauen, vielleicht sogar datengestützt die Entwicklung im Auge behalten. Nicht nur in Noten, sondern eben auch in Fortschritten des Kindes denken. Und auch sowas wie durchlässigere Schulformen, weil Kinder sich eben unterschiedlich schnell entwickeln und weniger krasse Übergänge, wie zum Beispiel von Grundschule auf weiterführende Schule.
Also sowas wie eine Gesamtschule oder eben auch solche Bildungscampus, was man ja jetzt auch immer mal wieder hört, wo eben von Kita bis Gymnasium alles zusammen ist. Das sind eher so Konzepte der Zukunft. Naja, und auch da müsste es ja dann auch wieder bedeuten, dass eben die Lehrkräfte mehr Zeit bekommen, vielleicht auch in bestimmten Bereichen Stoff ausgedünnt wird, um dem Ganzen mehr Raum zu geben.
Da sind wir auch ein bisschen wieder bei der Frage vom Anfang: Was soll denn Bildung eigentlich leisten? Und ich erlebe oft, dass viele, auch gerade Eltern, noch denken, es geht darum, Stoff reinzuprügeln und so. Aber Schule ist ja eigentlich ein Ort, wo wir Gesellschaft lernen. Es kommt viel zu kurz, zu diskutieren, zu lernen, andere Meinungen auszuhalten, aber auch konstruktiv vielleicht Argumente zu finden.
Überhaupt: Wie kann man zusammenleben? Und das muss ja da auch gesehen werden. Das ist ja sogar das, was das Bundesverfassungsgericht da sogar schon geurteilt hat. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns vor Augen führen: Das eine ist sozusagen Investition. Also wir werden Geld brauchen in diesem Bereich.
Wir werden aber auch nicht drumherum kommen zu schauen: Was wollen wir denn vermitteln? Wie flexibel müssen wir vielleicht Bildungspläne, Lehrpläne gestalten? Wie viel Spielraum geben wir unseren Lehrerinnen und Lehrern? Wie effizient können die vielleicht auch miteinander Lehrinhalte entwickeln, damit das eben nicht jeder Lehrer, jede Lehrerin für sich machen muss?
Und wie kriegen wir das sozusagen viel besser angepasst an die Lebensrealität von jungen Menschen? Denn ich glaube, auch Bildung verfängt vor allen Dingen dann, wenn junge Menschen begreifen: Ah, das hat etwas mit mir und mit meinem Leben zu tun.
Also zusammengefasst sind ja dann zwei Punkte: Erstens, vor der Schule dafür sorgen, dass die Bildungsungleichheit so gering wie möglich wird. Und dann in der Schule ja die Vielfalt auch fördern, die wir einfach in unserer Gesellschaft haben. Und diese Vielfalt dann zu nutzen.
Ganz genau. Der Bildungsforscher Kai Maaz, der hat das ein bisschen anders gesagt, aber ich glaube, ihr meint die gleiche Sache. Das ist im Übrigen eine Forderung nach der ersten PISA-Studie, damals von Jürgen Baumert, dem ersten Leiter der ersten PISA-Studie, formuliert wurde, der glaube ich 2002 mal formuliert hat: „In einem klugen Umgang mit Vielfalt liegt womöglich die eigentliche Herausforderung in der Modernisierung des Bildungssystems.“ Und das trifft heute, 2026, noch genauso zu.
Katja, du hast am Anfang der Folge gesagt, eines der Programme, um genau diese Förderung der Chancen und Vielfalt zu erreichen, ist das Startchancen-Programm. Wie funktioniert das denn jetzt genau? Also es gibt drei Säulen: Die Infrastruktur, also moderne Klassenräume, digitale Ausstattung, Barrierefreiheit, Bibliotheken oder auch so etwas wie Fachunterrichtsräume.
Die zweite Säule sind Förderangebote, also zusätzliche Förderangebote in Deutsch und Mathe, Lese- oder Sprachförderung, Projekte zur Persönlichkeitsentwicklung, Demokratiebildung, aber auch Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Das finde ich auch ganz interessant.
Und die dritte Säule sind diese multiprofessionellen Teams, die hat Kai Maaz vorhin schon mal angesprochen. Und die findet auch unser Netzlehrer Bob Blume sinnvoll, bezweifelt aber, dass das so einfach umzusetzen ist. Da gibt es Personen für zum Beispiel Sprachförderung, Sozialarbeiter, Schulpsychologen. Naja, und das wäre sinnvoll, wenn wir genug hätten.
Aber wir haben ja nicht nur einen Lehrkräftemangel, sondern wir haben insgesamt auch einen Fachkräftemangel. Und multiprofessionelle Teams bedeuten natürlich gleichzeitig, dass man noch mehr Personen aus anderen Professionen reinzieht. Wäre das sinnvoll? Wäre es auf jeden Fall. Ist es realistisch umsetzbar innerhalb der nächsten Zeit? Ich fürchte eher nicht.
Wie so oft geht es also hier um Ressourcen. Die Vorschläge und Forderungen klingen gut, aber es bleibt natürlich die Frage der Machbarkeit. Das gilt für den Mangel an Lehrerinnen und Lehrern. Das gilt aber auch in Bezug auf die Modernisierung von Schulen, wenn, wie wir auch wissen, die Kassen klamm sind.
Wie schätzt du das denn ein? Wie viel kann dann so ein Startchancen-Programm wirklich bewegen? Naja, ich glaube, das Startchancen-Programm ist ein Anfang. Also in Sachsen-Anhalt gibt es mittlerweile 97 Schulen, die von diesem Programm profitieren. Die wurden anhand von sozialen Kriterien ausgewählt, und 60 Prozent sind Grundschulen. Die übrigen 40 Prozent sind weiterführende und auch berufsbildende Schulen.
Also das Startchancen-Programm ist wahrscheinlich schon ein wichtiger Baustein. Gleichzeitig muss man aber sagen: 20 Milliarden Euro auf zehn Jahre verteilt, das ist jetzt auch nicht die Welt. Zumal wir ja sogar einen Investitionsstau in diesem Bereich haben. Und es gibt eben auch noch keinen Plan, wie es nach diesen zehn Jahren weitergeht.
Also das Programm läuft 2034 aus. Wenn bis dahin keine gute andere Finanzierung gefunden ist, bricht das, was man da aufgebaut hat, dann auch wieder zusammen. Ja, und dann: Wie geht es weiter? Also Bildung ist ja so ein wichtiger Faktor für unsere Gesellschaft, für die Wirtschaft, für die Demokratie. Man wird ja hier irgendwie Geld in die Hand nehmen müssen.
Ja, das glaube ich auch. Aber es geht eben nicht nur ums Geld. Also selbst die Bildungsforscher sagen, wir brauchen vor allem als allererstes erstmal Zielvorgaben. Ja, was wollen wir denn eigentlich in diesem Bereich? Und auch kluge Konzepte.
Also nur mal so ein paar Gedanken, die ich aus den Gesprächen mit rausgenommen habe: Muss jede Schule für jeden Fachunterricht Lehrerinnen und Lehrer haben? Oder könnte man ab einer bestimmten Klassenstufe durch hybride Modelle da nicht auch Entlastung schaffen? Gibt es in Zukunft vielleicht mehr Formen wie den Bildungscampus, wo von Kindergarten bis Gymnasium oder Berufsschule alles an einem Ort ist und die Übergänge fließend sein können, aber eben unter einer Verwaltung, die dann auch effizienter und vielleicht auch kostengünstiger arbeiten kann?
Kosten und verbindliche Sprachstandstests, haben wir ja heute darüber gesprochen, und frühkindliche Förderung, wirklich mehr als dann eben diese Ungleichheiten, die daraus entstehen und die sich durch die ganze Bildungslaufbahn ziehen. Also ich finde, darüber lohnt es sich mindestens genauso nachzudenken.
Und was Netzlehrer Bob Blume noch sagt, ist: Wir müssen eben auch an unserer Haltung zur Schule arbeiten. Schule funktioniert wie ein nicht immer sehr leckerschmeckendes, aber feststehendes 12-Gänge-Menü. Du musst halt jeden Gang essen, egal ob du Bock hast oder nicht.
Gesellschaftlich leben wir aber in Zeiten von Netflix. Du suchst dir dieses raus, jenes raus, was deinen Interessen entspricht. Ganz so stark kann Schule das nie machen, weil ich würde sagen, es gibt immer Inhalte. Da wäre es schlecht, wenn man sich gegen die entscheidet. Sondern die wichtigste Frage ist erstmal: Wie können wir als Gesellschaft und vor allen Dingen in den Schulen dafür sorgen, dass Bildung als relevant wahrgenommen wird von den jungen Leuten?
Das wäre schon sehr viel. Ja, und damit sind wir mit dieser Folge über das Bildungssystem auch schon fast am Ende. Ich habe allerdings noch einen kleinen Bildungstipp für euch, und zwar einen musikalischen. Die Initiative „Lieder aus Sachsen-Anhalt“ veröffentlicht auf ihrem YouTube- und Instagram-Account jede Woche einen neuen Song von Musikern und Musikerinnen aus der Region.
Und hier mal eine kleine Erklärung vom Initiator David Perner: „Wir haben viele interessante MusikerInnen und Bands aus Sachsen-Anhalt, die einen Beitrag leisten wollen zur politischen Debatte. Im Juli erwartet uns beispielsweise noch Harlequin, eine Hip-Hop-Gruppe aus Magdeburg, die einen super interessanten Text geschrieben hat. Es wird uns noch eine Band aus der katholischen Musik, aus der Kirchenmusik sozusagen, einen Song liefern. Wir haben noch eine Hardrock-Band im Angebot und, und, und. Also das wird noch sehr spannend.
Herzliche Einladung an alle Hörerinnen und Hörer, jeden Sonntag um 18 Uhr auf unseren Kanälen auf Instagram oder auf YouTube hineinzuschauen und sich die Songs anzuhören. Es lohnt sich auch, die Playlist aller Songs, die bisher erschienen sind, anzuhören. Das ist eine tolle Unterstützung beim Nachdenken und beim Streiten, auch also beim guten Streiten, um die richtige Haltung und die richtige Sache, je nachdem, was das für einen bedeutet.
Und es ist ein tolles Zeichen für Vielfalt in unserem Bundesland. Wenn ihr noch mehr Tipps und Hintergrundinfos haben wollt, dann abonniert doch unseren Newsletter. Unsere Redakteurin Anne hat jede Woche die besten Infos für euch gut aufbereitet und direkt in eurem Postfach.
Habt ihr selbst noch Veranstaltungstipps oder Orte, die man in Sachsen-Anhalt gesehen haben muss? Oder kennt ihr engagierte Menschen, denen ihr schon immer mal Danke sagen wolltet? Dann schreibt uns eine Mail an dazwischen@detektor.fm oder schickt uns eine Sprachnachricht. Die Nummer dafür verlinken wir in den Shownotes.
Nächste Woche ist bei uns Maximilian Schneller zu Gast, besser bekannt als maximal demokratisch. Er macht politische Inhalte im Netz, vor allem für junge Menschen. Und wir wollen natürlich wissen: Was treibt ihn an? Welche Kritik begegnet ihm? Und wie blickt er denn so auf die aktuelle Situation in Sachsen-Anhalt?
Wir sprechen natürlich auch über seinen Werdegang, seine Überzeugungen und die Herausforderungen politischer Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Es wird auf jeden Fall spannend. Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche!
Untertitelung im Auftrag des ZDF für funk 2017. Projektleitung: Christian Bonnert.