Ich bin nicht hier, um zu feiern. Das möchte ich vielleicht schon mal vorweg sagen. Ich habe eine ganz andere Meinung als ihr alle hier. Ich bin hier, weil ich persönlich – und Achtung, Triggerwort – Antifaschist bin. Und ich bin hier als Schüler einer 10. Klasse, weil ich in der Schule lerne, wie gefährlich es ist, wenn Geschichte verdreht wird. Und weil ich jetzt draußen sehe, wie genau das jeden Tag passiert.
Ich habe genug davon, wie ihr euch hier als Freiheitskämpfer darstellt, während ihr Seite an Seite mit Faschisten marschiert. Das ist der Moment, der einen Schüler aus Sachsen-Anhalt bekannt gemacht hat: Max Schneller aus Bad Dürrenberg. Vielleicht einigen von euch besser bekannt unter seinem Internet-Pseudonym Maximal Demokratisch. Seine Gegenrede auf einer Querdenker-Demo im April 2025 in Bad Dürrenberg, die ist gefilmt worden und mehr als eine Million Mal angeklickt. Ja, und so wurde Max zum Internet-Phänomen quasi über Nacht, mit gerade mal 16 Jahren. Inzwischen hat er über 70.000 Follower auf Instagram und ist damit einer der reichweitenstärksten jungen politischen Aktivisten in Sachsen-Anhalt.
Max Schneller, unser Gast heute bei Dazwischen. Hallo Max, schön, dass du da bist. Hi, ich freu mich. Ja, auch von mir erstmal herzlich willkommen. Wir wissen, dass du dich noch nicht kennst. Wie würdest du dich selber beschreiben? Vielleicht so in drei Sätzen. Was muss man über dich wissen? Also das Wichtigste ist, ich bin nicht mehr 16, sondern 17 Jahre alt mittlerweile. Ich wohne immer noch in Sachsen-Anhalt und darf die politische Landschaft so ein bisschen aufwirbeln, kann man sagen.
Transparenz halber müssen wir an der Stelle sagen, du bist auch Mitglied bei Die Linke und bist da ja irgendwie arbeitstechnisch auch ein bisschen gerade eingebunden. Was machst du denn genau zurzeit? Also, du hast die Schule abgeschlossen? Vollzeit Influencer? Naja, nein. Also ich hatte bis März diesen Jahres eine Ausbildung, bin dann im Mai 2000, also jetzt diesen Jahres, in einen Bundesfreiwilligendienst übergewechselt. Und der Partei mache ich ehrenamtlich Social Media Arbeit für eine Kandidatin zur Landtagswahl. Ansonsten habe ich keine Funktion innerhalb der Partei.
Wir sprechen ja heute viel über dein Engagement, aber um vielleicht vorher noch ein besseres Gefühl für dich zu bekommen, haben wir zehn schnelle Fragen vorbereitet. Das heißt, du musst gar nicht lange nachdenken. Wir ballern dir sozusagen ein Entweder-Oder um die Ohren und du darfst dann ganz spontan aus dem Bauch heraus antworten. Ja, jetzt kannst du es ausprobieren. Okay, bist du bereit? Ja, los geht’s.
Entweder-Oder Fragen
Winter im Harz oder Sommer an der Saale? Sommer an der Saale. Tokio Hotel oder Gottsche Front? Weder noch. Weiß nicht, was das andere ist. Baumkuchen oder Hallonkugeln? Hallonkugeln. Meckern oder machen? Beides. Demonstrieren vor Ort oder Aktivismus im Internet? Auch beides. Stadt oder Land? Irland. Magdeburg oder Halle? Eindeutig Halle. Milchreis oder Jägerschnitzel? Doch lieber Jägerschnitzel. Simpson oder Bus? Ich Bus. Andere vielleicht Simpson. Als letzte Frage: Gehen oder bleiben? Bleiben.
Aber es bleiben nicht manchmal auch ganz besonders schwer. Denn du sagst bleiben. Viele andere in deinem Alter oder auch ein bisschen älter verlassen Sachsen-Anhalt. Warum bleibst du? Ich glaube, aufgrund der politischen Lage habe ich für mich entschieden, egal wie das Ergebnis auch zur Wahl am 6. September ausgeht, ich will nicht wegziehen. Ich will nicht nach Berlin ziehen oder in irgendeine andere Großstadt, weil ich glaube, genau das als Problem ansehe, was in den letzten Jahren gewesen ist.
Dass so viele Menschen aus Sachsen-Anhalt weggezogen sind und der extremen Rechten zum Beispiel im ländlichen Raum von Sachsen-Anhalt so viel Platz gegeben haben. Mir wird das Ergebnis sicherlich nicht passen. Aber dann ist es für mich der Anspruch zu sagen, ich will, dass es wieder in eine andere Richtung geht zur nächsten Wahl eventuell.
Aufwachsen in Bad Dürrenberg
Vielleicht nimmst du uns nochmal so einen Schritt zurück mit: Wie war das so als Teenager in Bad Dürrenberg? Wie war so deine Jugend? Wie bist du da aufgewachsen? Ich glaube, in recht einfachen und eigentlich muss ich auch sagen, armverhältnissen. Also meine Mutter zum Beispiel war immer so arbeitend, dass es trotzdem nicht reichte. Und demnach wusste ich natürlich zum Ende des Monats, also ich habe Armutserfahrungen, glaube ich, 16 Jahre meines Lebens zu Hause gemacht.
Und auch jetzt, nachdem ich meine Ausbildung abgebrochen habe, bin ich jetzt noch kein Mensch, der irgendwie wohlhabend leben kann. Aber ich würde behaupten, ich hatte trotzdem immer so ein bisschen dieses Menschsein an mir weiterhin gehabt. Und ich hatte ja trotzdem Menschen in meinem Umfeld und trotz, dass man nicht wenig hatte, hatte man irgendwie auch viel.
Ja, trotzdem ist es ja schon so, gerade wenn man wenig hat, muss man ja auch gucken, wie man irgendwie über die Runden kommt, wie man zurechtkommt. Hat vielleicht auch existenziellere Sorgen, als sich jetzt so um Instagram oder Influencen zu kümmern. Wie ist aus dir trotzdem ein Aktivist geworden? Wie kam es dazu? Also wir haben ja den Einspieler gehört. So wirklich aktivpolitisch bin ich schon zur Bundestagswahl 2017 geworden. Da habe ich das erste Mal Erinnerungen an Politik, als ich bei meiner Oma zu Hause die Wahlsendung zur Bundestagswahl 2017 verfolgt habe.
Und irgendwie lustig fand, dass ich gegen Angela Merkel sein konnte. Dann bin ich irgendwie etliche Jahre von Politik verschont geblieben und zur Landtagswahl 21 in Sachsen-Anhalt war ich dann voll auf FDP-Kurs. Und fand die FDP so toll, dass sie bildungspolitisch uns digitale Endgeräte versprochen hat. Davon habe ich jetzt nicht viel gemerkt, ehrlich gesagt.
Und so schnell habe ich mich von der Landtagswahl 21 Richtung Bundestagswahl 21 dann zur Partei Die Linke weiterbegeben. Und habe dann das erste Mal so Kontakt mit Bundestagsabgeordneten gehabt und mit Landtagsabgeordneten. Und ich muss aber auch sagen, dass ich zu Corona-Zeiten auch auf diesen Querdenker-Protesten stand und gegen die Schulschließung zum Beispiel demonstriert habe.
Weil das als Schüler einer 6. Klasse natürlich nicht selbstverständlich ist, dass man jetzt auf einmal im Homeschooling sein soll und irgendwelche digitalen Endgeräte haben muss, um überhaupt teilhaben zu können an diesem Online-Lernen. Und das hat mich natürlich schon sehr frustriert.
Und jetzt, fünf Jahre später oder vier Jahre später, habe ich mich 2025 dann irgendwie oder innerhalb dieser Zeit sehr demokratisiert, würde ich behaupten, oder beziehungsweise auch dazugelernt und viel Geschichtsunterricht gehabt. Innerlich war mein Anreiz zu sagen, ich will mich gegen Holocaust-Leugnung stellen. Das war eines der größten Dinge, die mich bewegt hatten, weil eine der Hauptrednerinnen dort in Bad Dürrenberg aus dieser Querdenken-Gruppe vor Gericht stand wegen Holocaust-Leugnung, aber freigesprochen wurde, weil sie die Inhalte nur verbreitet hat und selbst nicht geäußert hat.
Und das war für mich der Grund zu sagen, ich meine, wenn man 80 Jahre nach Ende des Hitler-Faschismus in Deutschland wieder solche Dinge straffrei sagen kann, ohne irgendwie Konsequenzen fürchten zu müssen, dann müssen ja gerade vor allem junge Menschen, denen der Auftrag von einem Holocaust-Überlebenden gegeben wurde, dass sie die Zeitzeugen sein sollen, die sie nicht mehr sein können, und dass wir vor allem aufpassen sollen, dass es nicht wieder geschieht, müssen wir halt aktiv und laut werden.
Und das habe ich, glaube ich, einfach nur gemacht. Und dass das so viral gegangen ist, war mir in dem Moment eigentlich nicht bewusst, weil am Ende stand ich da trotzdem nur alleine mit einem Beutel in der Hand, wo drauf stand: gegen jeden Antisemitismus.
Engagement gegen Holocaust-Leugnung
Du hast gesagt, du wolltest eigentlich etwas gegen Holocaust-Leugnung machen. Wie würdest du denn jetzt dein Engagement beschreiben? Also ich glaube, ich setze mich in allererster Linie für Demokratie ein, aber auch gegen dieses Narrativ, dass der ganze Osten und das ganze Sachsen-Anhalt nur noch als das Land der AfD betrachtet wird. Und das ist mir so wichtig, weil wir so viel mehr sind.
Es sind so viele Menschen, die in Sachsen-Anhalt auf die Straße gehen, und ich finde einfach, dass dieses Ungleichgewicht gerade so immens ist, dass es immer nur gezeigt wird, wir sind das Land, bei dem 42 % AfD wählen, obwohl der ganz andere Rest, also diese 58 %, einfach vollkommen übersehen werden, obwohl die ja auch noch da sind.
Und ich finde einfach, es ist wichtig zu besagen, dass Sachsen-Anhalt auch wir alle sind. Also nicht nur 40 % von denen, sondern auch wir, die halt aktiv sagen wollen, wir akzeptieren es nicht, dass es eine gesichert rechtsstaatliche Partei in Sachsen-Anhalt gibt, die vielleicht die Wahlen gewinnen könnte. Und das sollte man irgendwie auch wieder in den Vordergrund stellen und damit auch dieses Gleichgewicht herstellen.
Denn am Ende sieht es gerade so aus, als ob die Lautesten eigentlich die Mehrheit sind, obwohl sie eigentlich immer noch eine Minderheit sind. Was würdest du da sagen, ist vielleicht auch schon ein besonderer Erfolgsmoment für dich gewesen, wo du sagst: Hey, das wofür ich mich einsetzen möchte, ich merke, da kann ich vielleicht doch was bewegen.
Das war besonders toll. Naja, ich glaube, das sind auch immer die Nachrichten, die man auf Social Media bekommt, wenn Menschen einem schreiben, dass sie jetzt selbst – also ich habe einen zum Beispiel, der mir regelmäßig schreibt, dass er sich jetzt getraut hat, eine Rede zu halten, dank mir. Und das ist natürlich echt ein Erfolgsmoment, weil man weiß, man hat andere Menschen dazu animieren können oder inspirieren können, selbst laut zu werden.
Dann gibt es Leute, die schreiben, dass sie auf einen CSD gehen, obwohl sie vorher dachten, aufgrund der Bilder von außerhalb, dass das sexuell so betrachtet ist, dass Menschen sich drum herum ausziehen und sowas, was ja völliger Quatsch ist. Im Gegenteil, das sind eigentlich alles nur Menschen, die lieben und leben und die lachen wollen. Und das ist halt auf einem CSD so ganz einfach.
Und das haben Menschen dann kennengelernt, indem sie dann einfach aufgrund meiner Bitte, wo ich gesagt habe, geht doch einfach hin und schaut euch das doch mal an oder lauft mit und lernt die Menschen kennen, dass viele von denen Nachrichten geschrieben haben, dass sie das gar nicht so schlimm empfunden haben und das super toll fanden, dass es eine tolle Atmosphäre war.
Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die mir vor Ort, also draußen auf der Straße, ganz viel Zuspruch geben. Aber man muss natürlich auch über die Seite sprechen von Menschen, die einem vielleicht nicht so gleichgesinnt sind. Und ich glaube, davon gibt es genauso viele, die mich auf der Straße wahrscheinlich kennen, die ich aber nicht kenne und die mir jetzt aber keinen Zuspruch geben würden, sondern im Gegenteil, die mich vielleicht sogar hassen.
Umgang mit Hass und Bedrohungen
Und Hass hört ja nicht da auf, wo es irgendwie um Kommentare geht, sondern du hast ja, glaube ich, auch Morddrohungen tatsächlich bekommen. Wie geht man als Mensch, vor allen Dingen als junger Mensch, mit sowas um? Also in erster Linie finde ich, dass niemand, egal was er macht oder was er in der Öffentlichkeit sagt, dafür irgendwie mit dem Tod bedroht werden sollte. Und das ist so ein Punkt, den ich mir selbst auch immer wieder klar mache.
Ich habe gestern einen Beitrag gepostet, gestern Abend, bei dem ich mir selbst gesagt habe, also ich habe nach dem Vorfeld im Februar zum Beispiel, als ich eine krasse Bedrohungslage hatte, als mir nachts geklingelt wurde und sowas, habe ich gestern oder vorgestern den Brief bekommen, dass das Verfahren eingestellt wurde. Und das ist natürlich schon mal ein Schlag ins Gesicht, weil man wusste, also mir war klar, die Täter könnten nicht ermittelt werden, wenn ich gar keine hinreichenden Hinweise abgeben kann, weil ich eben nicht viel weiß davon.
Und das sind natürlich Dinge, die einen dann schon verunsichern, weil man weiß, man kommt oft ohne Konsequenzen davon. Und ich habe für mich auch gesagt, so ein bisschen, also wenn ich Morddrohungen bekomme, ist mein wichtigster Anspruch so ein bisschen, dass man trotz allem nie so ein bisschen das Lächeln verliert, sondern dass man trotzdem auch so wirklich versucht, laut zu bleiben.
Nicht darüber hinweg zu schauen, aber auch nicht das an sich heranzulassen. Und Morddrohungen, wie sie kommen, sollten alle konsequent angezeigt werden. Also man sollte diesen Rechtsstaat, der einem zur Verfügung steht, auch irgendwie nutzen. Und das mache ich auch.
Also positiv war bisher noch nichts. Also es gab bisher noch keinen Erfolg, leider. Also Bundesheersoldaten konnten mir schreiben: Lasst euch mal 9 Millimeter durch den Kopf gehen und wurden dafür nicht belangt. Das ist auch sehr spannend. Aber es gibt auch Erfolge. Das sind keine Morddrohungen, aber es sind Hitlergrüße, die mir auf der Straße gezeigt werden. Und da habe ich jetzt im August ein Gerichtsverfahren deshalb, weil ich eine Zeugenhase und die Person schon bekannt war, um demnach auch positive Beispiele mal zu nennen.
Also es gibt auch beim Rechtsstaat auch Dinge, die einem dann zum Erfolg werden, weil man eben diese Dinge konsequent anzeigt. Aber leider muss man auch sagen, dass das, was einem gerade sehr entgegensteht, das ist dieser blanke Hass und der wird halt meistens nicht strafrechtlich verfolgt, weil die Personen offenkundig nicht ausfindig gemacht werden können.
Gedanken über das Engagement
Du erzählst das jetzt hier so locker weg. Irgendwie, das sind ja aber extrem krasse Situationen. Hast du schon mal dann drüber nachgedacht: Ich hab gar keine Lust mehr, weiterzumachen? Ich glaube, die Gedanken hatte ich öfter und die habe ich vielleicht auch jetzt noch, ehrlich gesagt. Aber ich bin seit Mai zum Beispiel in psychologischer Behandlung, weil ich für mich gesagt habe, das muss man irgendwie professionell aufarbeiten.
Also aufgrund dieser Geschehnisse zum Beispiel habe ich meine Ausbildung abbrechen müssen, weil ich psychisch in den Monaten von Februar bis April, Mai so instabil war, dass es einfach nicht möglich war, dass ich irgendwie in der Öffentlichkeit präsent sein kann. Groß. Und das natürlich auch mit mir viel macht. Und ich meine, ich habe nicht den Rückhalt meiner Eltern. Also ich habe keinen Kontakt zu meiner Mutter und keinen Kontakt zu meinem Vater. Und demnach fehlt da natürlich eine große Rolle, die einem eigentlich diesen Rückhalt geben sollte.
Und im 17-jährigen Leben muss ich ja auch irgendwie nochmal betonen. Und ich habe aber mir halt gesagt, dass ich, also wenn ich jetzt aufhöre, dass ich irgendwie auch genau denjenigen diese Bestätigung damit gebe und ihnen diesen Erfolg gebe, dass sie eine Person mundtot machen konnten.
Und für mich ist klar: Niemals will ich mich irgendwie so einschüchtern lassen, dass es irgendwann dazu kommt, dass ich aufhören muss. Und ich hatte vor kurzem auch ein Interview mit der Funke Mediengruppe, und die haben mich das gleiche gefragt. Und meine Antwort, oder die ich auch jetzt sagen würde, ist halt so ganz einfach: Also ich engagiere mich so lange gegen Nazis und Rechtsextreme, bis es halt nicht mehr geht.
Und das will ich weiterhin machen und davon lasse ich mich nicht abkriegen, weil ich natürlich mir auch nicht das Engagement von Neonazis absprechen lassen möchte, weil deren einziges Mittel ist Gewalt und Hass. Und ich finde, da gibt es so viel, was man dagegen machen kann und so viel, was man dagegen aufzeigen kann.
Bedeutung von Begegnungen und Gemeinschaft
In unserem Podcast haben wir uns sehr viel damit auseinandergesetzt, wie wichtig Begegnungen sind, Gemeinschaft, die man gemeinsam lebt und wie wichtig das für unsere Demokratie ist. Und wie sehr, wenn sich Angebote verändern, Angebote auf Dörfern beispielsweise schrumpfen, und das Leben dort ja die Menschen sehr prägt. Was macht das mit dem?
Und du hast ganz am Anfang erzählt, wie so ein bisschen Aufwachsen für dich in Bad Dürrenberg war. Wenn du jetzt nochmal zurückschaust, was macht man denn da so? Was gab es denn da für Angebote für euch? Naja, leider war Bad Dürrenberg oder ist Bad Dürrenberg eher eine sehr freundliche Stadt für ältere Menschen. Das finde ich erstmal nicht verwerflich, aber sie schlägt halt dem Demografiewandel nicht entgegen, dass sie jungen Menschen Anreize schafft.
Sondern, nein, im Gegenteil, sie nimmt ihnen wahrscheinlich sogar noch die letzten Möglichkeiten, dort zu bleiben. Jungen Menschen wird halt jede Möglichkeit genommen, irgendwie einen Rückzugsort zu haben. Also es gibt kein Jugendzentrum, wie vielleicht in Leipzig in jedem Kiez oder in jedem Stadtteil. Es gibt halt auch keine Anlage oder irgendwas.
Im Gegenteil, sie hatten sogar noch darüber nachgedacht, dass sie diesen Skaterpark, der der einzige Ort noch für Jugendliche war, noch dicht machen wollen. Also es sind so viele Dinge, die gerade da so ein bisschen kaputt gemacht werden. Und dann gibt es nicht mal ein Jugendparlament. Also es gibt gar keine Mitbestimmungsmöglichkeiten für junge Menschen.
Und demnach ist man schon sehr frustriert, wenn man halt einfach keinen Ort hat in dieser Stadt. Das heißt, man trifft sich dann klassisch, Bild an der Bushaltestelle. Ja, zum Beispiel. Und dann beschwert sich die Stadtöffentlichkeit, dass die Jugend ja nichts macht, dass die Jugend ja nur an öffentlichen Orten abhängt, vielleicht so noch Vandalismus begeht oder irgendwas.
Also wird denen auch wieder nicht gerecht, so ein bisschen. Jetzt hast du gerade schon gesagt, Jugendparlament oder eine Form von Mitbestimmung habt ihr auch nicht. Was sind denn so die größten Themen, die größten Herausforderungen, die junge Menschen in Bad Dürrenberg, aber vielleicht auch in Sachsen-Anhalt aus deiner Sicht haben? Naja, vor allem im ganz, ganz ländlich geprägten Sachsen-Anhalt führt einfach diese Anbindung von A nach B zu kommen, für alle Menschen, die eben einfach keine Simson haben zum Beispiel.
Und ich glaube, das macht schon sehr, sehr viel mit jungen Menschen, weil die Frage von Mobilität auch immer eine Frage ist vom sozialen Status. Weil manche können sich vielleicht sogar das Busticket gar nicht leisten, wenn es denn noch eins geben sollte. Und ja, ich glaube vor allem, also das ist ja was, was mich geprägt hat, dieser fehlende Rückzugsort, wo man junge Menschen auch einfach treffen kann und sich kennenlernen kann.
Da fehlen Jugendzentren einfach in ganz vielen Dörfern oder Städten oder einfach so Verbandsgemeinden. Und ich würde behaupten, auch die Sorge, wenn wir jetzt wieder bei Mobilität sind, auch die Sorge davon, dass man sich einen Führerschein gar nicht leisten kann. Also das ist jetzt fehlende Mobilität.
Schule als Treffpunkt
Das sind Angebote für, ich sag mal, unter 18-Jährige. Du hast fehlende Orte genannt. Wie ist denn das dann mit Schule? Konnte Schule wenigstens ein Ort sein, wo man in den Austausch und Diskussion kam, auch vielleicht für unterschiedliche Meinungen oder? Aber ich glaube, Schule kann in vielen Teilen auch Ersatz sein für Dinge, die fehlen. Das ist halt eben der Treffpunkt.
Aber auch Schule hat nicht öffentlich, hat auch nicht jeden Tag offen. Und auch nicht Schule hat 24/7 offen. Und demnach muss es neben der Schule auch irgendwie noch eine andere Möglichkeit geben, sich zu treffen. Und für viele ist Schule auch irgendwie eine Belastung. Also für mich war Schule auch nicht immer der tollste Ort, vor allem politisch gesehen.
Und für viele andere ist Schule vielleicht auch nicht der tollste Ort, weil sie gemobbt oder gehänselt werden, das wissen wir ja alles nicht. Und demnach könnte Schule mit irgendwelchen Angeboten schon attraktiv sein, aber ich glaube, es ist nicht ausreichend.
Zur Bundestagswahl 2025 wurden ja auch die U18-Wahlen durchgeführt. Im Ergebnis hätten damals 30 % die AfD gewählt, etwa 28 % die Linke. 2017 holte bei den U18-Wahlen noch die CDU die meisten Stimmen, gefolgt von der SPD. Max, du hast auch so eine U18-Wahl durchgeführt, haben wir gelesen. Wie war das? Naja, also das war die Europawahl 2024. Und ich fand das Konzept erstmal cool, weil jungen Menschen die Chance zu geben, dass sie trotz des Wahlalters 16 wieder runter sind und nicht wählen durften, ist natürlich schon eine große Hürde, finde ich.
Und dass man einfach die Chance gibt, dass sie an der Probewahl teilnehmen können. Und das habe ich an meiner Schule initiiert. Und das Ergebnis war sehr, sehr eindeutig. Also es war wirklich überwiegend ganz, ganz rechts. Also fast 50 %, also genau 47 %, haben zur U18-Europawahl AfD gewählt. Und als sie ausgezählt haben, kam das Ergebnis dabei raus.
Und am nächsten Tag war Tag der offenen Tür an dieser Schule. Und sie wollten das Ergebnis nicht veröffentlichen. Und also habe ich dann gesagt, naja, ich habe dann ohne Absprache zu treffen, das Ergebnis veröffentlicht, habe das in meine Klassengruppe geschickt und die haben es weitergeleitet. Und dann habe ich es natürlich auch ganz, ganz öffentlich gemacht, weil ich das wichtig empfunden habe.
Und das ging sehr viral. Die Mitteldeutsche Zeitung hat darüber berichtet und so weiter und so fort. Und dann musste ich zwei Tage oder drei Tage später am Montagmorgen vor meinem Praktikum bei der Schulleitung antanzen und musste mir erstmal eine Standpauke abholen. Wieso ich denn nur dieses Ergebnis veröffentlicht kann, ohne Absprache? Es ging einfach um die Rufschädigung.
Es ging, glaube ich, gar nicht um das Ergebnis, es ging einfach darum, dass die Schule jetzt diesen Ruf hat, sie sei so rechtsversifft. Und ich habe mich natürlich auf dieses Gespräch vorbereitet und bin dann mit einem achtseitigen Gedankenprotokoll auf dieses Treffen gegangen und habe dann erstmal, bevor er mich dann zusammenscheißen wollte, meine Erfahrungen geschildert, die ich an dieser Schule erlebt habe.
Und habe sämtliche Vorfälle, die da extrem rechten zuzuordnen sind, geschildert. Und auch Lehrkräfte mit eingebunden, die daran beteiligt waren. Das waren vier Vorfälle. Und das ist so weit eskaliert, dass ich irgendwann nach einer Diskussion gegen sechs Schülerinnen und Schüler diesen Unterrichtsraum verlassen habe, vorzeitig nach Hause gegangen bin und habe dann die mobile Opferberatung aus Halle angerufen.
Und die haben dafür am Ende gesorgt, dass diese Lehrkraft, das war die letzte Stunde vor den Sommerferien, dass diese Lehrkraft im nächsten Schuljahr nicht mehr Teil meiner Lehrerschaft ist, sondern dass ich jetzt jemand anderes hatte.
Ursachen für rechte Wahlen
Jetzt hast du eben gesagt, du hattest das Gefühl, die Schule wollte ja lieber sozusagen das Ergebnis zurückhalten, als sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Was würdest du denn selber sagen, warum wollten denn oder hätten denn so viele deiner Mitschüler, Mitschülerinnen tatsächlich ganz rechts gewählt? Also was ich sagen muss, das größte Problem ist das Elternchaos, weil viele dieser Jugendlichen immer von ihren Eltern gesagt bekommen, was richtig ist und was nicht richtig ist.
Also eigentlich würde ich sagen, ich würde gar keinem zutrauen, dass sie irgendwie extrem rechtes Gedankengut besitzen, sondern einfach nur dieses Gedankengut haben, weil ihre Eltern ihnen das so vorschreiben. Also ich glaube immer, dass Eltern so ein bisschen das Problem sind, aber nicht alle.
Ansonsten auch der Freundeskreis bei jungen Menschen. Also ich habe bestes Beispiel zwei Jungs wieder getroffen aus meiner Schule, die waren bis vor einem Jahr so wirklich krass rechts, also richtig extrem rechts. Die waren schon krass drin, indem sie auch einfach die schwarze Sonne als T-Shirt trugen und so einen Scheiß und Springerstiefel an hatten.
Und jetzt habe ich sie vor vier Wochen mit einem RTL-Kamerateam an meiner Schule auf einmal zufällig wieder getroffen und ich war so irritiert. Auf einmal trug der eine ein T-Shirt mit „Free All Antifa“ und der andere trug ein T-Shirt mit „Rotsport“. Und dann war ich so: Also in welcher Welt lebe ich denn jetzt eigentlich?
Und dann habe ich sie eine Stunde danach wieder getroffen, ohne Kamerateam, und hab sie gefragt. Dann hatten sie mir erklärt, dass sie jetzt aus ihrem Freundeskreis raus sind, der maßgeblich daran beteiligt war, was sie denken und wie sie agiert haben. Und einfach dieses Gemeinschaftsgefühl hatten von: Wir sind auch so, weil wir einfach dazugehören wollen.
Und seitdem das nicht mehr so ist und sie jetzt Freunde aus Halle, also aus der Großstadt haben, offenkundig hat sich das ganz schnell gedreht. Und das zeigt auch manchmal noch so ein bisschen, dass die Jugend nicht immer verloren ist, wie man das denkt.
Ja, immer behaupten möchte in der Öffentlichkeit, und dass dieses einseitige Bild von der Jugend im Osten so geprägt ist von Simson und Rechtsextremismus, sondern dass es eben auch das Gegenteil davon sein kann.
Sag mal, du hast jetzt gerade schon gesagt, du hast natürlich, oder junge Menschen natürlich stark beeinflusst durch ihre Herkunftsfamilie, aber auch durch den Freundeskreis. Das ist ja, glaube ich, auch keine große Neuigkeit.
Schule könnte da ja eigentlich so ein Gegenpol sein. Da könnte ja auch einfach eine Bildung passieren, da könnte sozusagen auch eine Aufklärung passieren. Und trotzdem erleben wir halt gerade in einem Land wie Sachsen-Anhalt, jetzt schon bevor die AfD überhaupt Regierungsmacht hat, dass da Lehrerinnen und Lehrer eingeschüchtert werden, dass es da Denunzierungsplattformen gibt, dass über ganz viel über so Neutralitätsgebote gesprochen wird, die es offiziell nicht so richtig gibt, die dann aber trotzdem dazu führen, dass sie eben Abmahnungen bekommen.
Wie erlebst du sozusagen die Rolle der Schule und wie sollte sie vielleicht auch in deiner Wahrnehmung sein? Also, was wir jetzt erstens sagen müssen, ist, dass jede Schule diese Plakette wie „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ hat, dass sie ihrem Titel damit nicht gerecht wird, indem sie einfach nur sagt, wir haben diese Plakette.
Also, Schulen müssen viel, viel mehr leisten, und dazu gehört eben für mich auch die verpflichtende Fahrt nach Buchenwald oder in irgendeine andere Gedenkstätte von der NS-Zeit, also in eine KZ-Gedenkstätte. Wir haben das gemacht, glücklicherweise an meiner Schule in der 9. Klasse, finanziert von der Landeszentrale für politische Bildung.
Also, es würde sogar finanziert werden, und wir sind nach Buchenwald gefahren und haben es uns dort angeschaut. Und ich glaube, das regt viele junge Menschen nochmal zum Denken an, wie sie sich dort auch verhalten und wie auch eben nicht.
Und deshalb sage ich, dass Schule immer ein Ort der demokratischen Bildung sein müssen, der politischen Bildung sein müssen. Das fängt auch damit an, dass Schülerräte, die gewählt werden, und sie werden bewusst gewählt, sie werden nicht als Scheingremium gewählt, dass sie auch die Entscheidungsgewalt bekommen, die ihnen zusteht.
Also, man sollte vielleicht, wenn man als Schule diesen Auftrag hat, politische Bildung zu vermitteln, sollte man diese politische Bildung auch leben und Demokratie leben, statt sie einfach nur vorherzusagen. Und das ist für mich so eines der wichtigsten Punkte, dass man junge Menschen aktiv am Prozess auch einbezieht.
Und dass Lehrer auch ganz klar widersprechen, wenn Menschen verachten, dass Gedankengut im Unterricht geäußert wird. Also, natürlich darf man jetzt nicht sagen, dass man die AfD scheiße findet oder dass man die Linkspartei gut findet oder die Grünen gut findet oder die SPD gut findet. Das steht dem Lehrer gar nicht zu.
Also, parteipolitisch neutral zu sein hat er, und das ist klar. Aber ein Lehrer muss nicht neutral sein, wenn er sich auf Fakten beruft. Und wenn der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt sagt, dass die AfD eine gesichert rechtsextreme Partei ist, dann darf das der Lehrer sagen, weil das Land Sachsen-Anhalt sein Arbeitgeber ist.
Und ich meine, ich weiß nicht, warum Lehrer so immens Angst haben. Natürlich gibt es diese Denunziierungsportale von der AfD, wo Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte anscheißen können, also melden können. Aber es gibt auch einen starken Bildungsminister in Sachsen-Anhalt, der sich aktiv hinter seine Lehrkräfte stellt und der ganz klar sagt, dass er das nicht duldet, dass seine Lehrkräfte so diffamiert und diskreditiert werden und dass er sich vor allem wünscht, dass sie lauter werden und dass sie sich aktiv im Klassenraum dagegen äußern.
Das ist sogar ihr Auftrag. Sonst würden sie sogar eigentlich diesen Grundsatz von politischer Bildung oder diesen Beutelsparakonsens verletzen, wenn sie es nicht täten. Und natürlich verstehe ich auch die Angst, aber da muss halt auch die Schulleitung ganz klar sagen, wir stehen hinter euch. Und das passiert aber oft einfach nicht.
Also, um das mal zusammenzufassen: Es wäre wichtig, wenn es ganz allgemein in der Schule mehr Raum gibt, solche Gespräche zu führen und über Demokratie zu sprechen, auch klar zu sagen, okay, das hier ist jetzt der Raum, wo man verschiedene Meinungen haben kann, aber hier ist die Grenze, weil das gegen unser Grundgesetz spricht, weil es menschenverachtend ist.
Du hast gesagt, mehr Beteiligung auch im Sinne von Schülerräten. Das bespielt sich aber in vielen Bereichen in der Schule ab. Unabhängig davon, wo würdest du sagen, was bräuchte es noch in Sachsen-Anhalt für junge Menschen?
Also, wir haben ja auch eine Landtagswahl, die vor uns steht. Was brauchen sie noch viel mehr? Was sind konkrete Forderungen? Also, ich glaube, ich will gar nicht mehr anmassen, für die Jugend zu sprechen. Ich glaube, ich habe ganz andere Bedürfnisse als viele andere in meinem Alter.
Aber da sind wir wieder bei dem Punkt von vorhin, dass wir an Mobilität auch immer eine große Rolle sehen in der Wahl. Und ich glaube, zur Landtagswahl muss auch Mobilität für junge Menschen eine große Rolle spielen. Da muss Bildung eine große Rolle spielen.
Da darf es halt nicht solche Nebelkerzen wie von der BSW und der AfD geben, dass wir von Krieg und Frieden sprechen in Sachsen-Anhalt. Natürlich muss auch die Wehrpflicht ein Thema sein, weil eine Landesregierung auf bundespolitischer Ebene Dinge bewirken kann.
Aber ich finde, wir sollten uns vor allem auf die Themen in Sachsen-Anhalt konzentrieren. Und da ist halt eben die steigende Lebenshaltungskosten für junge Menschen ein Riesenproblem, wenn viele sich einfach zum Beispiel einen Besuch im Schwimmbad nicht leisten können.
Und das ist ja nichts, was ich jetzt abstrakt sage, sondern weil das einfach wirklich Dinge sind, die real passieren. Also es gibt so viele junge Menschen, die armutsgefährdet sind, die in Armut leben, und das frustriert ja immens.
Also, wenn man einfach nicht teilhaben kann am Leben von der Gesellschaft wie jeder andere auch. Und ich finde, da sollte es einfach viel mehr Entgegenkommen geben, dass jungen Menschen auch irgendwie signalisiert wird, wir wollen, dass ihr auch irgendwie Teil von dieser Gesellschaft sein könnt, trotz eures Statuses von der Sozialleistung oder vom Geld irgendwie her.
Sondern dass die einfach klar das Signal bekommen, ihr seid genauso Teil wie wir. Und das ist auch das, was ich mir auch damals so ein bisschen gefehlt hat, als ich selbst, oder ich lebe ja auch immer noch so ein bisschen in ärmlichen Verhältnissen, weil ich ja auch meine politische Arbeit eher ehrenamtlich mache als hauptamtlich.
Und das ist halt das, was in Sachsen-Anhalt, glaube ich, auch eine große Rolle spielt, von Zugehörigkeit und Teilhabe. Und wenn ich jetzt konkrete politische Forderungen aufstellen müsste, dann müsste ich erstmal drei Tage überlegen, weil diese Gesetzeslage dann doch so komplex ist, um zu sagen, was könnte man in Sachsen-Anhalt überhaupt verändern.
Das ist auch ein Problem, davon, dass ja Bundespolitik irgendwie immer mit Landespolitik vermischt wird oder dass man auf kommunalen Ebenen sogar schon bundespolitische Entscheidungen treffen möchte, auf einmal.
Die Landtagswahl steht ja an. Du bist sehr engagiert, du sprichst auf Podien, auf Parteitagen, versuchst irgendwie im Internet Menschen zu erreichen. Du darfst aber selbst gar nicht wählen, weil du noch nicht vorjährig bist. Was macht das mit dir?
Erstmal muss ich festhalten, das haben wir dieser Deutschland-Koalition zu verdanken in Sachsen-Anhalt, dass ich nicht wählen darf, weil die CDU sich immer noch dagegen strebt, das Wahlrecht 2016 einzuführen. Ich glaube, SPD und FDP wollten es sogar, Grüne und Linke wären auch dafür gewesen.
Die einzige Partei, die es nicht will, ist halt die CDU. Und man hätte eine Zweidrittelmehrheit jetzt noch gehabt, um dieses Wahlrecht zu zählen, dass auch junge Menschen wählen dürften. Nein, jetzt werden wir nach der Wahl sicherlich keine Zweidrittelmehrheit mehr dafür haben, weil die AfD so stark ist und die CDU dann mit 30 und die beiden schon vielleicht sogar eine absolut verfassungsrechtliche Mehrheit hätten.
Es enttäuscht mich, weil ich einfach weiß, über meine Geschicke wird jetzt bestimmt und ich darf dann erst 2031 oder 2032 mitwählen. Aber erst dann darf ich auch darüber entscheiden, was gewesen ist, und die Jahre davor musste ich einfach über mich entscheiden lassen.
Und ich finde, das macht auch was mit jungen Menschen, wenn ihnen immer ständig erklärt wird, sie sollen sich politisch engagieren, aber sie in der Politik kein Mitspracherecht bekommen, in dem Moment, dass sie eben wählen dürfen.
Und da bin ich immer so ein bisschen neidisch auf die Wahlen oder auf Brandenburg oder auf Mecklenburg-Vorpommern, auf Baden-Württemberg und sowas, wo es weiter ab 16 geht, wo junge Menschen wählen dürfen und man ihnen damit auch die Chance gibt, sich zu beteiligen.
Du hast vorhin schon mal in so einem Nebensatz gesagt, das Wahlergebnis wird dir wahrscheinlich nicht gefallen. Ich glaube, wie vielen Menschen in Sachsen-Anhalt diese Frage gehen oder bleiben stellt die sich dann nach der Wahl für dich nochmal neu.
Ne, ich bleibe. Also, wir fangen erstmal an damit zu sagen, dass wir optimistisch bleiben und dass wir uns nicht in diesem Mainstream-Sprech begeben, dass wir diese Weltuntergangsstimmung herbeireden.
Ich glaube, wir sollten optimistisch auf diese Wahl blicken und ich glaube, ich traue den Menschen in Sachsen-Anhalt so, dass sie kurz, wenn sie in die Wahlurne oder in der Wahlkabine stehen, dass sie sich nochmal anders entscheiden würden als für eine gesichert rechtsextreme Partei.
Ich glaube, die Menschen in Sachsen-Anhalt werden gewissenhaft entscheiden und ich glaube, wir werden nach dem 6. September auch noch demokratische Mehrheiten haben. Wenn es nicht der Fall sein sollte, wir müssen über alle möglichen Szenarien sprechen, dann ist das so, dann müssen wir es erstmal akzeptieren, weil das ist auch Demokratie.
Das wäre Ergebnisse akzeptieren, auch wenn sie uns nicht passen. Aber dann gilt es halt eben, mit allen Mitteln dagegen nicht vorzugehen, aber man muss schon seinen Protest zum Ausdruck bringen und irgendwie bestimmte Möglichkeiten in Betracht ziehen, um eben seinen Unmut darüber kundzutun.
Ich glaube aber erstmal, dass wir uns nach dem 6. September dahingehend noch in die Augen schauen können, dass es eben nicht so weit kommen soll, dass eine gesichert rechtsextreme Partei die Regierung stellt.
Sie wird aber natürlich sehr stark im Landtag vertreten sein. Das war sie 2023 auch in Sachsen und auch in Thüringen und das wird auch in Sachsen-Anhalt nicht vorbeigehen. Aber was auch klar ist, die Konsequenz muss sein.
Also, ich will keinem, also um es mal so zu sagen, ich will zum Beispiel keiner Werksarbeiterin im Leunerwerk ihre Sorgen absprechen, weil sie die AfD wählt. Ich will auch keiner Rentnerin, die Sorgen absprechen, weil sie die AfD wählt oder irgendwelchen Jugendlichen.
Aber klar muss denen auch sein, eure politische Entscheidung wird Konsequenzen haben müssen. Also, sie wird Konsequenzen haben, weil die AfD wird keine Mieten senken, die AfD wird auch keine Renten sichern, die AfD wird auch keinen Wohnraum schaffen.
Im Gegenteil, sie wird Menschen gegeneinander ausspielen, sie wird diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören wollen und am Ende des Tages wird sie diese Demokratie schwächen. Und das muss den Menschen klar sein, das muss ihnen auch ganz klar kommuniziert werden.
Und wenn sie es bis dahin nicht verstehen wollen, dann will ich auch nicht sagen, dann lasst sie auf die Schnauze fallen, sondern dann muss man halt schauen, was es noch für Möglichkeiten gibt. Noch ist ja aber vor der Wahl.
Wir haben noch vor der Wahl acht Wochen, wie du sagst. Und du sagst ja in dem Kontext auch, eigentlich liegt der Fokus viel zu sehr auf der AfD. Was wäre denn deiner Meinung nach jetzt noch ein guter Weg, vielleicht die acht Wochen zu nutzen?
Ich glaube, der größte Appell muss an diese CDU gehen in Sachsen-Anhalt. Also, wenn Fokus Online zum Beispiel titelt, das möglichste Szenario könnte sein, dass nach der Wahl dann zum Beispiel CDU-Abgeordnete aus der CDU austreten und eine eigenständige Fraktion könnte am Ende mit der AfD zustimmen, dann muss die CDU sich jetzt ihrer Verantwortung bewusst sein, dass es am Ende auf sie ankommen wird, ob es eben am Ende demokratisch mehr in Sachsen-Anhalt gibt oder nicht.
Und demnach finde ich einfach, dass die Parteien ihren Wahlkampf selbst führen sollten, so wie sie es für richtig halten, und nicht diesen Sprech der AfD übernehmen. Und das sehen wir ja gerade sehr stark, aber ich finde, es sollte nicht Konsens sein.
Und dann ist der wichtigste Punkt, weil ich es heute noch mal gelesen habe: Ich finde, dass mit dem taktisch wählen, was in Sachsen-Anhalt gerade wieder etabliert werden soll, völliger Quatsch. Also, die Menschen sollten nach ihrer Haltung wählen und nicht nach irgendeiner Taktik.
Am Ende müssen die Parteien über 5 % kommen, um in Fraktionen stärker im Landtag zu vertreten zu sein. Und deshalb würde ich mir wünschen, dass man dieses taktische Wählen einfach sein lässt, weil das einfach auch Parteien schaden könnte, die zur demokratischen Alternative gehören und das einfach vielleicht auch anderen Parteien die Stimmen kosten könnte.
Ich würde mir wünschen, dass die Grünen zum Beispiel in den Landtag einziehen, weil dann die Gefahr, dass die AfD eine Alleinregierung stellt, noch mal geringer ist, weil eine Fraktion mehr dazugekommen ist und da halt die Sitze von der AfD kleiner werden.
Bin zwar nicht so glücklich mit der FDP, aber auch bei denen würde ich sagen, ich würde es mir wünschen, weil je mehr demokratische Fraktionen, das BSW kann draußen bleiben, aber je mehr demokratische Fraktionen reinkommen, umso sicherer ist es, dass es einfach keine AfD-Alleinregierung gibt.
Und das muss jedem klar sein, das muss jedem in Sachsen-Anhalt klar sein. Und vielleicht noch eine Aussage, weil ich ja auch Mitglied der Linkspartei bin: Das wissen wir, zum Bundesparteitag wurde ja gesagt, dass die CDU ja dieselbe Politik wie die Faschisten macht von der AfD.
Oder dass die CDU auch Faschisten sind. Ich würde dahin gehen, dass ich sage, sie machen AfD-Politik, aber ich würde nicht sagen, dass das Faschisten sind, weil das ist so eine gefährliche Variante von dem, dass sie diesen Begriff von Nazi und Faschismus so inflationär verwenden, dass am Ende der Begriff so weit aufgeweicht wird, dass einem einfach nicht mehr klar ist, was ist ein Faschist und was ist ein Nazi oder was ist der Nationalsozialismus und so weiter und so fort.
Und deshalb würde ich mir auch wünschen, dass so Aussagen, die da getroffen wurden vom Parteipräsident der Linkspartei, dass die einfach in Zukunft vielleicht verantwortungsvoller gesagt werden oder einfach vielleicht unterlassen werden, weil am Ende würde es auch in Sachsen-Anhalt darauf hinauskommen, ob die CDU sich für eine Tolerierung der Linkspartei öffnet.
Und am Ende sage ich auch, ich finde, wenn der CDU gerade das größte Problem ist, dass sie sich von der Linkspartei ins Amt wehen lassen müsse, dann hat sie offenbar noch nicht verstanden, worum es gerade geht.
Ich glaube auch mir als Mitglied dieser Partei würde nichts ferner liegen, als mit der CDU zu regieren. Aber ich finde, wenn es um einen Staatshaushalt zum Beispiel geht, an dem Vereine und Initiativen ihr Geld bekommen würden, dann muss es Gespräche geben und dann müssen auch alle demokratischen Parteien miteinander sprechen, ob sie wollen oder nicht.
Aber am Ende geht es ja um die Menschen und nicht um irgendeine Partei oder irgendeine Person. So, das ist ein Punkt.
Und weil das so kompliziert ist, was du gerade beschrieben hast, was es ausmacht, welche Parteien wie ineinander kommen, werden wir uns dem in kommenden Folgen auch noch sehr ausführlich widmen.
Ich finde, du hast jetzt nochmal viele Denkimpulse auch mitgegeben für diese kommende Wahl. Aber was ich durchgehört habe, ist, wir bleiben optimistisch. Na klar, dafür braucht man ja aber auch Gründe und vielleicht auch so ein bisschen Motivation.
Was macht dir Mut, wenn du in die Zukunft schaust? Die Menschen, die zum Beispiel am 29. August in Halle auf die Straße gehen werden. Die Menschen, die am 5. September in Magdeburg auf die Straße gehen werden. Die Menschen, die jetzt zwischen solchen noch auf den CSDs auf der Straße sein werden.
Das sind so viele Menschen in Sachsen-Anhalt, die auf dieser Straße sind und die sich einfach blicken lassen, die mit ihrem Gesicht für diese Demokratie stehen. Und ich finde, wir sollten auch denen einfach viel, viel mehr Aufmerksamkeit schenken.
Wir können uns auch nicht von der Angst lähmen lassen. Das ist auch so mein Motto, dass Haltung immer lauter sein muss als die eigene Angst, weil Angst kein guter Ratgeber ist und Angst meistens Menschen empfänglich macht für diejenigen, die sowieso am lautesten sind.
Und demnach ist klar, wir dürfen nicht einknicken und wir dürfen nicht pessimistisch werden. Wir müssen resilient bleiben, wir müssen laut bleiben und wir müssen vor allem klar an der Sache bleiben und uns nicht von unserem Weg abbringen lassen. Denn ich finde auch immer, das ist so ein wichtiger Punkt: Man kann gemeinsam so viel erreichen, man muss es auch einfach nur wollen.
Max, damit sind wir schon am Ende, fast am Ende unserer Folge. Vielen Dank für deine ganzen spannenden Impulse. Aber du bist tatsächlich noch nicht so ganz entlassen an dieser Stelle, weil wir zum Schluss immer noch so Tipps und Hinweise für unsere Community haben.
Genau, und das können Veranstaltungen sein, Lieblingsorte oder Heldinnen und Helden des Alltags, bei denen man sich einfach mal bedanken möchte. Und wir dachten, du bist heute unser Gast. Eine Frage geht damit noch an dich: Was ist dein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt?
Oh, das ist eine gute Frage. Ich glaube, Sachsen-Anhalt ist so schön, da würde jeder Ort ein Lieblingsort sein können. Aber so ganz konkret ist es der Geiseltalsee in Mücheln, also in Braunsbedra, weil das einfach so, also es ist a, der größte künstlich angelegte See Deutschlands und b, auch einfach, man hat da so viel Ruhe, kann sich da an die Strandbar setzen und kann einfach eine rote Brause trinken und kann auch einfach mal genießen.
Aber wenn wir jetzt den schönsten Ort aussuchen wollen, dann ist das in Bad Nürnberg das Gradierwerk und der Churpark, weil man vor allem bei heißen Sommertemperaturen einfach zehn Grad weniger Luft hat und sich einfach richtig schön abkühlen kann und gern noch Eis essen kann.
Keine Ahnung, das ist der schönste Ort. Jetzt möchte ich noch einen Held sagen in meinem Alltag, weil das wichtig ist. Die ist zwar schon tot, die Frau, aber ich glaube, der politische also für mich politische Alltagsheldin ist immer noch Margot Friedländer, weil ihre Worte auch einem ja nach ihrem Tod noch so krass nachheilen und weil sie auch nochmal ganz klar gemacht hat, wie wichtig der Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist.
Und ich finde, jeder Mensch, der sich als demokratisch bezeichnet, der muss immer in ihren Worten agieren. Und das heißt, immer seid Menschen und bleibt vor allem gleich. Lasst euch nicht von eurem Weg abbringen und vor allem, die Demokratie muss bleiben.
Das hat sie uns ganz oft gesagt und das muss ich allen mitgeben, weil das ist unsere Pflicht. Wir stehen in der Verantwortung. Wir können nichts dafür, was passiert ist, aber wir können dafür sorgen, dass es eben nie wieder geschieht.
Und das hat sie uns mitgegeben und ich finde, ihr Tod sollte nicht umsonst gewesen sein und auch ihre Erfahrung sollte nicht umsonst gewesen sein, dass Menschen jetzt wieder in diese Richtung abdriften.
Vielen Dank, Max. Also, das ist natürlich auch an dieser Stelle der Aufruf an euch da draußen: Wenn ihr also noch Lieblingsorte habt, Veranstaltungstipps, Themenwünsche, Gedanken oder einfach konstruktives Feedback, dann schreibt uns gerne.
Die Adresse lautet dazwischen@detektor.fm und neuerdings findet ihr uns auch auf WhatsApp. Die Nummer verlinken wir euch natürlich auch in den Shownotes und in unserem Newsletter. Wer den noch nicht abonniert hat, sollte das unbedingt tun, denn da gibt es jede Woche spannende Hintergründe, Tipps und Mitmachaktionen direkt in euer Postfach.
Nächste Woche gibt es dann bei Dazwischen ein Thema, was auch im weitesten Sinne mit Veranstaltungen zu tun hat. Wir nehmen nämlich die Kulturszene mal in den Blick. Sachsen-Anhalt hat eine besonders vielseitige Kulturszene und immer mehr Akteure, Vereine und Initiativen dort haben sich nun zum Netzwerk „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für eine offene und vielfältige Kulturszene einzusetzen.
Grund ist der massive Druck, den die AfD ja jetzt schon auf die Kulturszene ausübt. Warum die Kultur zu so einem politischen Kampffeld geworden ist, wozu wir die freien Kultureinrichtungen brauchen und wie die Kulturszene natürlich auch selbst mit diesem Kulturkampf umgeht, darüber sprechen wir nächstes Mal hier bei Dazwischen.
Ja, ich freue mich drauf. Und noch eine Ankündigung: In der Woche darauf haben wir an dieser Stelle Ministerpräsident Sven Schulze bei uns zum langen Interview zu Gast. Dazu wollen wir von euch wissen: Gibt es ein konkretes Problem, das euch beschäftigt, zu dem wir ihn fragen sollen, welche Erlösung er hat?
Auch das könnt ihr einfach schicken an dazwischen@detektor fm oder an unsere neue WhatsApp-Nummer. Die Nummer findet ihr, wie gesagt, in den Show Notes.
Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor fm und dem Media Forward Fund. Podcast-Host Marilandes und Katja Schmidt. Community-Redakteurin Anne Koslowski. Podcast-Redaktion Leonard Schubert. Cover-Design Claudia Dörling und Anja Kremer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers. Audioproduktion Benjamin Serdani, Stanley Beidauf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian Bollert. Sprecher Jochen.