Migration und Vorurteile
Kennen Sie tatsächlich eine migrantische Person? Kennen Sie Ihre migrantischen Nachbarn? Sitzen Sie tatsächlich zu Hause? Sind Sie tatsächlich arbeitslos? Wer bringt Ihnen die Pakete nach Hause? Wer bedient Sie an der Kasse in der Kaufhalle? Wer arbeitet in den Industrien? Welche Menschen begegnet Ihnen dann in Ihrem Alltag? Das sagt Undra Dressler, Geschäftsführerin des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, kurz LAMSA, auf die Frage, wie sie auf Vorurteile gegenüber Migrantinnen und Migranten reagiert.
Und damit hat sie sicher ganz schön zu tun, denn laut Umfragen ist Migration das wichtigste politische Thema in Sachsen-Anhalt. Es gibt viele Menschen, die sagen, es gibt zu viel Zuwanderung, es gibt Probleme, wir schaffen die Integration nicht. Und auf der anderen Seite haben 10 Prozent der Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, eine Migrationsgeschichte. Es geht also um die Frage, wie können wir als Gesellschaft gut zusammenleben? Wie können wir Probleme lösen? Denn dass das gelingt, ist laut Experten allein schon aus wirtschaftlicher und demografischer Sicht wichtig. Das haben uns ja auch verschiedene Experten, zum Beispiel in unserer Folge zur Wissenschaftsfreiheit oder zur Wirtschaft, gesagt.
Fachkräftemangel und Landtagswahl
Menschen mit Migrationsgeschichte sind der einzige Weg raus aus der Überalterung und dem Fachkräftemangel in Deutschland. Deswegen schauen auch nicht nur Migrantinnen und Migranten mit Sorge auf die bevorstehende Landtagswahl. Wenn die AfD es tatsächlich schaffen sollte, die meisten Stimmen zu holen, möglicherweise sogar in Regierungsverantwortung zu kommen, wird das erhebliche Auswirkungen auf das Leben von Menschen mit Migrationsgeschichte und auch auf unsere Gesellschaft und damit auf uns alle haben. Kein ganz einfaches, aber ein enorm wichtiges Thema heute also bei Dazwischen.
Katja, mit dieser Podcast-Folge sind es tatsächlich nur noch zwei Monate. Ja, zwei Monate bis zur Wahl. Das ist schon ein bisschen verrückt, finde ich. Ja, ich hatte das tatsächlich vor ein paar Tagen, als ich in den Kalender geschaut habe, und ich habe wirklich die Wochen gezählt. Hat es mich irgendwie so ein bisschen überrascht, obwohl wir uns ja eigentlich die ganze Zeit mit dieser Wahl beschäftigen.
Zwischenphase und Emotionen
Und ich glaube, das liegt daran, dass wir uns gerade in so einer komischen Zwischenphase befinden. Also einerseits haben wir jetzt noch zwei Monate, das ist überhaupt nicht mehr viel, und wir haben so viele große, schwere und entscheidende Themen noch auszuhandeln und zu besprechen. Und gleichzeitig liegt jetzt über allem schon diese merkwürdige Sommerschwere, die irgendwie lähmt und mich irgendwie in dieser Vorwahlsituation ganz schwermütig auch macht.
Wie geht’s dir? Ja, ehrlich gesagt, ich würde auch gerne manchmal einfach an den See fahren und den Sommer genießen und irgendwie nicht mehr über diese großen Probleme, die wir als Gesellschaft gerade haben, mich mit denen einfach nicht mehr beschäftigen. Und gleichzeitig steht eben diese Wahl an in meiner Heimat, in der ja auch meine Familie noch lebt und arbeitet. Und ja, es bewegt mich irgendwie schon sehr. Absolut, mich auch.
Herausforderungen im Journalismus
Und ich finde, das ist auch eine der ganz großen Herausforderungen, so ganz grundsätzlich in diesem Job, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt oder in dem Fall mit einem Bundesland, in dem man ja verwurzelt ist, in dem man persönliche Beziehungen hat. Weil wir müssen diese Themen einfach behandeln. Und wir versuchen natürlich so objektiv wie es geht darauf zu schauen. Aber klar ist auch, Journalismus kann nicht absolut objektiv sein, weil wir sind nun mal Menschen. Wir haben Emotionen, wir haben eine persönliche Meinung. Und ganz frei davon können wir uns nie machen. Und das macht ja was mit uns, was da in Sachsen-Anhalt passiert.
Ja, unbedingt. Und es sind ja auch riesengroße Themen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen. Ihr habt das auch schon gemerkt, auch in diesem Podcast, dass wir so mit immer weniger werdenden Zeit zur Wahl dann auch die großen Themen uns natürlich anschauen und auch viel das Wahlprogramm der AfD. Warum nicht? Weil wir das jetzt so ganz besonders hervorheben, sondern weil die AfD eben Umfragewerte hat von über 40 Prozent. Und damit einfach ja wirklich sich da viel entscheiden wird bei dieser Wahl.
Rechtsextremismus und Demokratie
Ja, und die AfD ist bereits im Landtag oder auch im Bundestag vertreten, demokratisch gewählt. Aber es ist nun mal eine Partei, die vor allem der Landesverband in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist. Ja, und das hast du eben schon angesprochen. Das macht es manchmal eben so ein bisschen schwierig mit der eigenen Haltung. Das ist ja auch noch mal ein Unterschied zur Meinung. Aber natürlich bin ich als Journalistin auch verpflichtet, als vierte Gewalt in diesem Staat auch die Demokratie zu verteidigen.
Und wir sehen eben, wenn wir eine gesichert rechtsextremistische Partei haben, dass da die Grenzen der Demokratie oft überschritten werden oder der demokratischen Werte. Und dass es dann eben auch schwierig ist, da neutral oder objektiv draufzuschauen. Oder wo ist da die Grenze zwischen Haltung und Meinung? Das macht es manchmal ziemlich schwierig, finde ich.
Einordnung und Forderungen
Ja, und unsere Aufgabe ist ja einfach, da bestimmte Dinge auch einzuordnen und deutlich zu markieren. Das sind Forderungen, das ist eine Politik, die da betrieben wird, die einfach demokratischen Grundwerten widerspricht, die all das was auch unser Grundgesetz schützt, Vielfalt, eine offene Gesellschaft, beschneiden würde. Und wir wollen natürlich in diesem Podcast das verstehen. Was sind denn die Beweggründe, dass trotz alldem etwa 40 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt ja gerade die AfD wählen wollen?
Und ich glaube, was dabei noch mal wichtig ist zu sagen, es geht hier nicht um einzelne politische Forderungen. Wir haben ja zum Beispiel auch in unserer vorletzten Folge zur Wirtschaft besprochen, dass es zum Beispiel im AfD-Programm auch Dinge gibt, die man erst mal per se nicht schlecht finden muss. Es geht um das große Gesamtbild. Da ist es manchmal schon sehr dringend notwendig, Dinge in den Kontext zu setzen und einzuordnen. Und das ist natürlich ein Spagat. Ich bin mir sicher, nicht nur für uns, sondern für alle, die sich beruflich damit auseinandersetzen. Und das ist auch eine Herausforderung in der Folge heute.
Feedback und Migration
Ja, bevor wir damit anfangen, vielleicht noch die Frage an euch: Wie geht’s euch denn mit all diesen Themen? Was bewegt euch so zwei Monate vor der Wahl? Schreibt uns doch eine Mail an dazwischen@detektor.fm. Ihr findet uns aber auch in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach detektor fm suchen.
Wir haben es ganz am Anfang dieser Folge ja schon gesagt: Laut einer Infratest DiMA-Befragung halten sehr viele Menschen in Sachsen-Anhalt das Thema Migration für das wichtigste politische Problem in diesem Bundesland. Anders als beim Deutschlandtrend, wo auf Platz eins Wirtschaft landet. Wenn man jetzt in die Daten des Statistischen Bundesamtes schaut, sieht man, Sachsen-Anhalt ist im deutschlandweiten Vergleich eines der Länder mit dem niedrigsten Anteil an ausländischer Bevölkerung, also jene ohne deutschen Pass, worunter eben auch Menschen aus EU-Ländern fallen.
Sorgen und Ängste
Und das sind etwas mehr als 192.000 Menschen. Ins Verhältnis gesetzt zu etwa 2,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist das wirklich nicht so viel, also unter 10 Prozent. Und trotzdem haben viele Menschen in Sachsen-Anhalt da Sorgen und Ängste. Das kann man in den Kommentarspalten unter Artikeln oder auf Social Media lesen. Aber man merkt das eben natürlich auch einfach in Gesprächen.
Und ich finde es an dieser Stelle wichtig, einzuräumen, dass es da natürlich auch Probleme gibt. Also lange haben Kommunen zum Beispiel über die Verteilungsstüssel von Geflüchteten geklagt. Und natürlich gibt es auch Menschen mit Migrationshintergrund, die Straftaten begehen. Da müssen wir nicht drüber sprechen, sind eben auch nur Menschen. Und diese etwa zehn Prozent, die sind ja auch keine homogene Gruppe. Also da sind natürlich Menschen dabei, die erst in den letzten Jahren als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, aber auch Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben und einfach keinen deutschen Pass haben.
Migration als Urphänomen
Migration ist ja kein neues Phänomen. Das ist eigentlich, finde ich, so etwas Urmenschliches. Wir sind ja schon immer auch weitergezogen. Und auch in der DDR gab es Migration, vor allem in Form von staatlich organisierter Vertragsarbeit. Da kamen auch schon Menschen hierher aus Vietnam, aus Polen, aus Mosambik, Angola oder Ungarn. Nur dass die da wahrscheinlich nicht ganz so sichtbar waren, weil der Staat das nicht wollte.
Wenn wir uns nur die Geflüchteten anschauen, muss man sagen, laut Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge 2016 ja einen Höchststand erreicht. Und seitdem ist diese Zahl aber mit kleinem Schwenker nach oben aufgrund des Ukraine-Kriegs gesunken.
Gefühlte Wahrheiten
Ja, ich glaube, es geht ja aber auch nicht nur um die reine Anzahl. Es geht ja auch so ein bisschen um gefühlte Wahrheiten, wann immer man über dieses Thema spricht. Es wird zum Beispiel auch wieder darüber gesprochen, ob Migrantinnen und Migranten arbeiten gehen. Das finde ich immer paradox, weil es da so parallele Erzählungen gibt. Also entweder die gehen gar nicht arbeiten und leben vom Staat. Ja, entweder das oder sie sagen, die nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Alles schon gehört, alles leider schon oft gehört.
Aber lass uns da mal genauer hinschauen. Denn das kann man ja aufbrechen. Nehmen wir mal die Beschäftigungsquote. Bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne deutschen Pass lag diese in Sachsen-Anhalt zuletzt bei 55 Prozent. Bei Menschen mit deutschem Pass in Sachsen-Anhalt lag die, glaube ich, bei 66 Prozent und ist damit auf jeden Fall noch immer höher.
Strukturelle Ursachen
Ja, aber insgesamt haben Menschen ohne deutschen Pass so das Wörtchen der Statistik extrem aufgeholt in den letzten Jahren. Und die Lücke, die wir da sehen, hat ja vor allem immer noch strukturelle Ursachen. Zum Beispiel, ob und was für eine Arbeit ich finde, hängt vor allem mit meinem Aufenthaltsstatus zusammen und ob mein Abschluss überhaupt anerkannt wird. Natürlich auch klar, wie gut ich Deutsch spreche. Denn im Vergleich zu anderen Ländern ist Englisch einfach als Berufssprache bei uns immer noch nicht so gern gesehen. Machen viele Firmen noch nicht.
Und natürlich erhalte ich viele Jobangebote nicht nur über die Bundesagentur für Arbeit. Ich glaube, das kennen wir alle. Über Kontakte geht immer noch wahnsinnig viel. Und wenn ich kein Netzwerk habe, dann fehlen mir diese einfach. Wir haben es am Anfang der Folge schon gesagt: Sachsen-Anhalt ist stark auf Zuwanderung angewiesen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Allein schon, weil es aufgrund des demografischen Wandels überhaupt gar nicht aus sich selbst heraus die Lücke schließen könnte. Darüber haben wir ja auch schon in unserer Start-up-Folge oder auch der vorletzten Folge über die Wirtschaft gesprochen. Hört da gern noch mal rein, wenn ihr die verpasst habt.
Gesundheitssektor und Migration
Und darüber hinaus würde ja jetzt schon sehr viel ohne diese Menschen zusammenbrechen. Bestes Beispiel ist da, glaube ich, der Gesundheitssektor. Absolut. Egal ob in der Pflege oder unter der Ärzteschaft sehr viele Menschen haben dort eine Migrationsgeschichte. Im Jahr 2025 stieg zum Beispiel die Zahl ausländischer Ärzte laut Ärztekammer Sachsen-Anhalt auf 2035 Medizinerinnen und Mediziner. Sie machen damit mittlerweile einen Anteil von etwa 14 Prozent aus.
Ja, ich glaube, die will man sich dann nicht wegwünschen und mal überlegen, was das für das Medizinsystem heißt. Wir haben ja ganz am Anfang dieser Folge schon mal Undra Dressler vom LAMSA gehört. Das ist ein Verein, der etwa 120 verschiedene Organisationen, aber auch Einzelpersonen aus ganz Sachsen-Anhalt vereint und sich für die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte einsetzt.
Rassismus und Vorurteile
Wie geht es denen denn gerade, wenn eine Mehrheit in Sachsen-Anhalt sagt, Migration ist das wichtigste Problem in diesem Land? Also sie hat mir gesagt, dass es schon immer so war, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt jeden Tag in irgendeiner Form Rassismus erleben. Beim Einkaufen, im Supermarkt, auf der Arbeit, beim Arztbesuch. Aber dass sie schon merken, wie diese Vorurteile, Einfeindungen und auch Ausgrenzungen zunehmen.
Also unsere Erfahrung zeigt, auch in den letzten Jahren insgesamt, auch die gesamte Stimmung und die gesamte Situation und vor allem das Leben und der Alltag der migrantischen Bevölkerung in Sachsen-Anhalt sich stark verändert hat. Vor allem seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt hat sich die Situation extrem verschärft. Wir können auch als Landesnetzwerk eine extreme Zunahme der rassistischen Vorfälle dokumentieren und auch feststellen.
Reelle Bedrohungen
Und das ist halt der Alltag der Menschen. Also sie erleben jetzt viel häufiger rassistische Vorfälle, Beleidigungen, Bedrohungen, auch teilweise in ihrem nahen Umfeld. Bedeutet auch von ihrer Nachbarschaft erfahren sie das, wenn es auf der Tür steht, wenn hier „Ausländer raus“ oder ein Hakenkreuz auf der Tür bemalt wird. Das sind ja reelle Bedrohungen, reelle Ängste. Ich habe ja dann meine Kinder und ist meine Familie sicher? Also da muss man dann wirklich um eigene Sicherheit, meine Familie muss sich Sorgen machen und Gedanken machen.
Und deshalb haben wir auch bei unseren Communities, bei unseren Mitgliedern auch sozusagen die Stimmung erfasst beziehungsweise auch erfragt. Und da konnten wir auch feststellen, dass über 80 Prozent darüber nachdenken, Sachsen-Anhalt zu verlassen. 80 Prozent! Das kann man sich gar nicht vorstellen. 80 Prozent, die dann einfach weg sind, weil sie sich in ihrem eigentlich gewählten Zuhause, in ihrer eigentlichen Umgebung nicht mehr sicher fühlen.
LAMSA und die Migrationsdebatte
Ja, absolut. In einem Positionspapier schreibt LAMSA deshalb auch: Sachsen-Anhalt ist ein Ort, in dem es sich zu leben lohnt. Die nicht enden wollende Migrationsdebatte vermittelt Menschen mit Migrationsgeschichte seit Jahrzehnten Ausschluss und Nichtzugehörigkeit. Damit Sachsen-Anhalt lebenswert und lohnenswert für Zuwanderung bleibt, braucht es Visionen für ein wirklich weltoffenes Land.
Ein weltoffenes Land, das ist jetzt nicht unbedingt das, woran ich bei Umfragewerten von über 40 Prozent für die AfD denke. Eher das Gegenteil. Und dafür muss man sich nur mal das Wahlprogramm anschauen. Sie wollen das Grundrecht auf Asyl abschaffen, einen sofortigen und totalen Einwanderungsstopp für Menschen aus ausgewählten Nicht-EU-Ländern verhängen, die Hürden für die Einbürgerung erhöhen, auf die Anwerbung sogenannter kulturfremder Fachkräfte verzichten, Remigrationslotsen statt Integrationslotsen.
Angriffe auf Grundrechte
LAMSA sieht darin nicht nur einen Angriff auf Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch auf Grundrechte und die Demokratie und hat ganz konkrete Forderungen an eine zukünftige Landesregierung in Sachsen-Anhalt gestellt. Dazu später mehr. Jetzt mal davon abgesehen, dass viele dieser Forderungen ja auch auf Landesebene gar nicht umsetzbar sind und da auch nicht hingehören. Wenn natürlich solche Dinge im Programm der zurzeit stärksten Partei stehen, dann ist total nachvollziehbar, wie groß die Sorge bei Menschen mit Migrationsgeschichte sein muss, dass die AfD im September nicht nur die meisten Stimmen holen könnte, sondern auch die Verantwortung bekommt.
Ängste und Unsicherheiten
Genau, und Rathlessler hat mir zum Beispiel diese Geschichte dazu erzählt: Eine junge Frau hat mir vor Kurzem erzählt: „Mein Leben funktioniert gerade nur bis zur Landtagswahl. Also ich lebe in einer Phase bis 6.9. Ich kann momentan nicht klar denken. Ich kann nicht jetzt sozusagen, wie wird es für mich, wie wird es ab 7. September weitergehen, wie wird mein Leben sein, wie sieht meine Zukunft aus? Also ich kann gar nicht darüber nachdenken, weil ich so extrem auch damit beschäftigt bin, was passiert und hoffentlich passiert das nicht.“
Und sozusagen, um mit meinen Ängsten umzugehen. Und deshalb würde ich sagen, tatsächlich überwiegt die Ängste und die Verunsicherung. Das finde ich wirklich krass. Ich habe ja auch für die Start-up- Folge mit einem jungen Start-up aus Magdeburg gesprochen. Und auch da habe ich ähnliche Sachen gehört, weil es eben auch da um Gründer und Gründerinnen geht, die nicht aus Deutschland stammen und die eben auch bis zur Landtagswahl warten wollen, ob sie dieses Start-up in Sachsen-Anhalt gründen oder eben auch nicht.
Stärke aus Angst
Und gleichzeitig, und es war Unra Dressler auch sehr wichtig zu sagen, es gibt genauso aber auch Menschen in ihrem Netzwerk, in diesen Communities, die LAMSA vertritt, die aus dieser Angst gerade eine Stärke entwickeln. Jetzt erst recht, nach dem Motto: „Sehr stark entschlossen, die gut drei Monate bis zur Landtagswahl zu nutzen, um auch die Stimmung zu ändern und um zu zeigen, wie viel Mehrwert die MigrantInnen in Sachsen-Anhalt bringen, was das bedeutet, vielfältig miteinander gemeinsam zusammenzuleben.“
Und das ist ja wiederum eine der wesentlichen Dinge, die sich LAMSA ohnehin zur Aufgabe gemacht hat: Vorurteile aufbrechen, für die Interessen und Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte entstehen. Dazu gehört zum Beispiel die bereits im Herbst gestartete Kampagne „Mund aufmachen“. Die soll Alltagsrassismus sichtbarer machen und einfach dazu aufrufen, genauer hinzusehen, hinzuhören und nicht zu schweigen. Oder die sogenannten Tür-zu-Tür-Gespräche.
Tür-zu-Tür-Gespräche
Wie kann ich mir das vorstellen? Tatsächlich kannst du es dir genau so vorstellen. Es geht darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Dafür finden diese Gespräche in verschiedenen Städten statt, zum Beispiel in Halle oder in Stendal und in Dessau. Und diejenigen, die mitmachen, sind eigentlich alles ehrenamtliche Helferinnen und Helfer von LAMSA. Die wurden vorher natürlich noch mal gezielt geschult: Wie geht man in Kontakt mit Menschen? Man fährt natürlich nicht mit der Tür ins Haus und sagt: „Hallo, wir wollen über Politik reden.“ Wie gehe ich aber auch mit vielleicht brenzligen Situationen um? Denn natürlich, wenn man an Türen einfach klingelt, kann hinter dieser Tür auch jemand sein, der oder die eher aggressiv reagiert.
Und ja, die Idee ist einfach, durch Viertel zu gehen und ins Gespräch zu kommen über die Landtagswahl, über Politik. Und je nachdem, wer da aufmacht, natürlich verändern sich die Gespräche. Also ist da eine Person mit einer eigenen Migrationsgeschichte, dann geht es LAMSA natürlich darum, darauf aufmerksam zu machen: „Nutz deine Stimme, wenn du ein Wahlrecht hast, und geh demokratisch wählen.“ Oder einfach so ein bisschen auszuloten und wenn ihnen Menschen mit Vorurteilen zum Beispiel begegnen, diese aufzubrechen.
Offener Dialog
Das klingt auf jeden Fall nach einem sehr offenen Konzept, wo sehr viel Raum ist, sozusagen, dass Dinge auch einfach sich entwickeln dürfen. Ja, LAMSA sagt, das ist auch total wichtig, denn zum Kampf gegen Rassismus und Vorurteile und für Demokratie gehört nämlich ein ganz bewusster, offener Dialog.
Und die Landesgeschäftsführerin Unra Dressler erklärt die Idee quasi noch mal so: „Wir merken und wir bekommen das auch so zurückgespiegelt, dass Miteinander sprechen, miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig interessieren, die Zeit nehmen für meine Nachbarin, für meinen Nachbar auf der Straße, das fehlt einfach. Und wir merken das, und wir möchten mit den Menschen ins Gespräch kommen, in den Dialog kommen, um wirklich auch diese Themen also Demokratie, was bedeutet Demokratie für uns alle, wie wertvoll ist Demokratie für uns, was würde dann passieren, wenn es die demokratischen Verhältnisse nicht mehr gäbe? Und darüber wollen wir die Menschen einfach zum Nachdenken bringen.“
Respektvoller Austausch
Wichtige Botschaft ist, dass man unterschiedliche Meinungen haben kann, aber respektvoll und mit Menschenwürde sich gegenseitig auch behandeln kann und das stehen lassen kann. Und schlussendlich besteht unser gemeinsames Leben, Zusammenleben. Das ist ja schon auch ein Gedanke, der sich durch viele unserer Folgen durchzieht, also dass es eben Austausch, Dialog braucht, um trotz unterschiedlicher Meinungen oder vielleicht auch Lebensweisen gut gemeinsam leben zu können.
Erfahrungen in Stendal
Absolut. Und mich hat natürlich interessiert, was LAMSA da so bei diesen Tür-zu-Tür-Gesprächen erlebt und bin deshalb nach Stendal gefahren. Es war Samstagmorgen, wir haben uns an einer Straßenkreuzung getroffen, in der Nähe vom Stadtsee. Dort ist ein Viertel mit relativ vielen Wohnblöcken, wie man die irgendwie so kennt. In Dessau gibt es sie auch. Und dort hat Heike Kanter, die leitet das Projekt, erst einmal alle in Empfang genommen. „Herzlich willkommen! Ich sehe strahlende Gesichter. Wir sind alle schon ein wenig aufgeregt, was heute hier passieren wird. Wir haben noch Material vorbereitet, was wir euch mitgeben, sogenannte Giveaways.“
Die Idee von den Tür-zu-Tür-Gesprächen ist ja, spontan an den Türen zu klopfen, die Tür zu klingeln, und wir wissen nicht, ob uns jemand öffnet. Falls uns jemand nicht öffnet, hinterlassen wir der Person einen Türanhänger mit unserem wichtigsten Motto: „LAMSA verbindet“ und einem QR Code, der auf unsere zehn Forderungen mit Blick auf die anstehende Landtagswahl verweist. Über diese Forderungen sprechen wir später noch genauer.
Durchführung der Gespräche
Wie sah das denn dann konkret da in Stendal aus? Wie viele Leute wart ihr? Also, es waren so zwölf Ehrenamtliche da, und die wurden dann in so Zweier- bis Dreiergruppen eingeteilt. Es gab für jede Gruppe so zwei Beutel mit eben Infomaterial, Gummibärchen, Frühstücksbrettchen aus Holz. Es sollte so ein besonderes Goodie sein, wenn ein Gespräch wirklich toll verlief.
Und ich wurde dann Daniel und Johan zugeteilt. Johan lebt in Leipzig, hat dort Soziologie studiert und schreibt momentan ihren ersten Roman. Und Daniel lebt eigentlich in Brandenburg und ist tatsächlich Migrationsforscher an der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg. Und ich wollte natürlich wissen, warum Sie an einem Samstag bei diesen Tür-zu-Tür-Gesprächen mitmachen.
Motivation der Teilnehmer
Es gibt ja immer diese Erzählung: „Wir sind zu wenig im Gespräch.“ Und die einfachste Möglichkeit ist ja einfach, an den Türen zu klingeln und das zu tun. Ich bin auch sehr aufgeregt. Ich war sehr lange Pizzafahrer. Ich kenne die Situation, dass man klingeln muss, aber da war immer klar, was zu tun ist. Bei Johan war es ein bisschen anders. Ich glaube, die Aufregung kommt erst, wenn wir vor der Tür stehen. Gerade ist es noch so voll weit weg, auch wenn das Haus direkt da ist. Aber es fühlt sich gerade noch sehr unwirklich an.
Ich finde es sehr unintuitiv, von Tür zu Tür zu gehen und bei Leuten anzuklopfen und zu sagen: „Lassen Sie uns über Politik reden.“ Nachdem man sein ganzes Leben gesagt bekommen hat, man soll Politik meiden, wenn man Leute nicht gut kennt. Kann ich absolut nachvollziehen. Ich glaube, um das zu machen, muss man schon auch echt der richtige Typ Mensch sein. Wäre das was für dich? Nee, aber ehrlich gesagt auch, weil ich Privatsphäre total wichtig finde.
Vorgehensweise der Gruppen
Wenn ich mir vorstelle, dass am Samstag, egal wer, einfach bei mir klingelt, es könnte tatsächlich sogar jemand sein, den ich sehr gerne mag, da würde mich das schon stören. Aber das ist natürlich trotzdem total wichtig. Das interessiert mich auch: Wie seid ihr dann vorgegangen? Wie lief das dann? Also innerhalb von diesem Stadtviertel haben sich die Teams einfach aufgeteilt.
Wir sind dann auch direkt zu einem der etwas höheren Wohnblöcke gegangen. Ich fand, das war ein bisschen ein schräger Moment, weil dieser Wohnblock war wirklich komplett umzäunt. Um dort reinzukommen musste erst das Tor geöffnet werden. Du musstest wirklich jemanden finden, der beim Klingeln aufmacht. Ob der alle Klingeln gleichzeitig gedrückt, wie früher beim Klingelstreich? So ungefähr.
Erste Kontakte
Wir standen vor dieser riesigen Klingelanlage und haben so kurz so: „Okay, welche Klingeln drücken wir als Erstes?“ Daniel hat geklingelt. Niemand ist reingegangen. Also nächste Klingel. Klingelton: „Hallo, wer ist da? Hallo, hier ist Jon. Ich bin hier, wir wollen Tür-zu-Tür gespr…“ Ich drücke. Sie drücken. Ja, und damit waren wir im Haus. Daniel und Jon sind dann direkt zu der Frau gegangen, die da geöffnet hat. Ich hab mich im Hintergrund gehalten und gewartet.
Das war auch die Absprache mit LAMSA. Denn natürlich ist dieser Moment des ersten Kontakts und auch das Gespräch danach sehr sensibel. Diese Frau wollte dann nicht mit den beiden sprechen. Also mussten sie erst mal an einigen weiteren Türen klingeln. Steht jetzt neun zu fünf für neunmal nicht redebereit und fünfmal nicht aufgemacht. Mhm, wobei ich nicht… Nee, neun zu sechs.
Wir haben jetzt die letzte Person auch gefragt, warum. Weil jetzt wirklich jeder nicht mit uns reden wollte. Und ich glaub, wir waren… Ja, ich denke, das meinte sie gerade, dass Leute hier oft von Tür zu Tür gehen und versuchen, Sachen zu verkaufen oder Menschen irgendwas anzudrehen. Und ich glaube, dass sie deswegen alle ein bisschen scheu sind und skeptisch. Mhm. Und schmiedet das jetzt eure Motivation oder ich weiß noch nicht so richtig.
Ich habe jetzt schon noch den Drang, eher den Drang, einen Erfolg zu haben. Ja, haben sie auch durchgezogen. Es wurde an vielen weiteren Türen geklingelt. Und wir waren dann wirklich schon irgendwann am zweiten Hauseingang, als sie plötzlich irgendwie die Treppe runterkam, wo ich gewartet habe, und meinte, wir hätten gerade ein wirklich gutes Gespräch mit einer älteren Frau, die gerade vom Einkaufen kam.
Und ich bin daraufhin die Treppe hoch, habe diese Frau noch mal abpassen können. Und sie war ein bisschen überrumpelt von allem, aber natürlich total nett. Und ich wollte dann auch noch mal wissen, was sind denn die Themen, die sie gerade so beschäftigen? Dass es im Bundestag so abgeht, ja, ist sehr denkwürdig. Also, es geht eigentlich auf keine Kuhhaut mehr. Es sind einfach zu viele Menschen im Bundestag. Viel zu viele. Und jeder möchte was sagen, jeder möchte Recht haben und nichts funktioniert zum Schluss.
Bundestag und Landtag
Der Bundestag und auch der Landtag sollen natürlich auch die Vielfalt der Menschen in Deutschland abbilden. Aber trotzdem, ich höre so raus, sie würden sich vielleicht weniger Streit, mehr Kompromissbereitschaft wünschen. Ja, auf jeden Fall. Und sie sollen das, was sie beantragen, auch hinterdenken. Da wird irgendwas mitunter in den Raum geschmissen, wo man sagt, ja, haben die das überhaupt nachgedacht? Also, welche Folgen das auch wirklich für die normale Bevölkerung hat, quasi.
Ja, genau. Gibt’s da eine vielleicht auch ganz konkrete Sache, das zum Beispiel beschlossen wurde, und ich dachte mir, um Gottes Willen, wie sollen wir das leisten, stemmen? Was passiert dann? Ich meine, man will die Gesundheitsreform noch weiter voranziehen. Aber da sind auch so einige Sachen bei, wie kann ich den Psychologen 3 bis 5 Prozent Gehalt kürzen? Und dann muss man sich doch nicht wundern, dass dann wieder einer in die Massen in die Stadt mit dem Auto reinfährt und Leute tötet.
Es bräuchte eigentlich viel mehr Therapieplätze. Und jetzt wird genau da gekürzt. Und da befürchten Sie, dass es dann noch schlimmer wird? Natürlich wird es dann noch schlimmer, weil den Leuten nicht geholfen werden kann. Und die Leute gehen immer mehr in eine Depression rein. Was kein Wunder ist, denn der Leistungsdruck wird immer höher. Oder die Perspektiven werden den Leuten genommen.
Lebensrealität und Herausforderungen
Du kriegst keine Arbeitsstelle oder nur Halbtags, nützt dir nichts. Sparen musst du trotzdem. Reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Leute dann noch mehr Krankschreibungen haben oder noch mehr in eine EU Rente gehen, weil sie einfach nicht können. Oder bis 70 arbeiten. Halleluja.
Was ich hier interessant finde, ist, dass es auch mal wieder zeigt, wie sehr die Bundespolitik eigentlich so abstrahlt. Und wie doll sie sich eben auch auf das politische Verständnis der Menschen da draußen auswirkt. Das hat mir auch Rhein Grob erzählt, als ich mit ihm in der Wissenschaftsfolge gesprochen habe. Das finde ich interessant, weil das natürlich ein supergroßer Einflussfaktor ist vor einer Landtagswahl, der aber ganz woanders stattfindet.
Ging mir auch so bei dem Gespräch. Haben Sie das Gefühl, dass aufgrund von all dem, was Sie gerade beschrieben haben, unsere Gesellschaft frustrierter negativer wird? Ja, also wenn man März nicht irgendwann aufhält, ich weiß nicht, wo das alles noch hinführen soll für das deutsche Volk. Also nicht nur das deutsche Volk, für Deutschland allgemein, für alle, die dort wohnen.
Landtagswahl und persönliche Wünsche
Und so mit Blick auf Sachsen-Anhalt, gibt es da was, was Sie beschäftigt? Wir haben ja nun mal auch die Landtagswahl, da sind ja noch mal ein bisschen andere Themen relevant. Nee, bei den Landtagswahlen bin ich wirklich erst mal raus. Da hatte ich mich jetzt gar nicht so beschäftigt.
Trotzdem eine letzte Frage: Wenn Sie sich was wünschen könnten, was würden Sie sich wünschen, was sich ändern sollte? Ja, dass die Kindergarten- und Krippenplätze erst mal nicht so teuer sind, damit die Familien sich das auch leisten können. Und ja, dass man die Betriebe mit in die Pflicht zieht, dass die Kindergarten- und Krippenplätze mit anbieten.
Weil dann würde es auch viel zufriedenere Mitarbeitende geben. Also am Ende hat es ja dann irgendwie doch ein Thema getroffen. Kita ist ja Landespolitik. Und ich finde, was ich total interessant fand in dem Gespräch hier und was man auch sonst in unserer Arbeit merkt, wenn man es schafft, ins Gespräch zu kommen und über das Meckern am Anfang hinaus, was ja grundsätzlich auch erst mal okay ist, zu meckern, dann schafft man es schon, noch mal Perspektiven zu öffnen und einfach Menschen und dem, was sie denken und was sie sich wünschen näher zu kommen.
Insgesamt haben die Ehrenamtlichen wie Jon und Daniel an diesem Tag an 163 Türen in Ständer geklingelt. An vielen Türen haben sie niemanden getroffen. 47 Mal waren die Menschen gar nicht redebereit, 25 Mal aber schon. Und das klingt jetzt vielleicht erst mal nicht viel, aber für Lamsa ist wirklich jedes Gespräch wertvoll.
Dialog und Wert der Gespräche
Die Projektleiterin Heike Kanter hat mir dazu auch noch mal im Nachgang geschrieben: Auch wenn es nur ein kurzer Kontakt an der Tür ist, ist überhaupt in den Dialog zu kommen für uns das A und O. Es lohnt sich, Gespräche zu führen. Dazu ein Zitat: Schön, dass Sie da waren. Das gibt mir das Gefühl, dass an mich gedacht wird.
Marie, du hast ja vorhin gesagt, dass Lamsa zehn Forderungen aufgestellt hat. Was hat das denn damit auf sich? Also, Lamsa wurde ja als Dachverband der Migrantenorganisationen vor allem auch dazu gegründet, öffentlich Probleme anzusprechen, Sichtbarkeit von Migrantinnen und Migranten zu schaffen. Jetzt mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl hat Lamsa das natürlich noch einmal verstärkt.
Und eben bereits im vergangenen Oktober diese zehn Forderungen an die demokratischen Parteien und die zukünftige Landesregierung aufgestellt. Die standen zum Beispiel auch auf den Frühstücksbrettchen drauf. Mittlerweile sind es sogar elf Forderungen, denn das Papier wurde vor wenigen Wochen überarbeitet. Da steht eben so was drin, wie bedingungslose Menschenwürde, Gleichbehandlung im Erwerbs- und Berufsleben, kulturelle Selbstbestimmung, politische Partizipation für alle oder Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Ressource.
Menschenwürde und Migration
Ich bin gleich am ersten Punkt hängen geblieben, denn in Artikel eins des Grundgesetzes steht ja, die Menschenwürde ist unanpassbar. Was meint Lamsa denn, wenn sie eine bedingungslose Menschenwürde einfordern? Na ja, sie kritisieren, dass die Debatte um Zuwanderung z. B. zunehmend auf wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert wird. Also im Sinne von: Wir brauchen sie, weil wir haben ja Fachkräftemangel.
Zitat: Wer als nützlich gilt, darf bleiben. Und das widerspricht eben dem Grundgesetz, denn die Menschenwürde bemesse sich nicht nach der Funktion für den Arbeitsmarkt. Jetzt muss man fairerweise einräumen, da könnten wir uns jetzt auch an die eigene Nase fassen, denn das haben wir ja in dieser Folge auch gemacht.
Aber eigentlich nur, um zu verdeutlichen, dass wir eigentlich keine Debatte darüber führen müssen, ob wir Migration wollen, sondern wenn dann, wie wir mit Menschen mit Migrationsgeschichte leben wollen. Ja, ich finde, das ist ein total wichtiger Punkt, wenn man sich aus dieser Perspektive die Debatten über Zuwanderung, den Arbeitsmarkt und Fachkräftemangel ansieht, entsteht einfach wirklich ein Wir und Sie.
Rechtsextreme Positionen und Forderungen
Dabei leben und arbeiten wir alle gemeinsam in dieser Gesellschaft. Was Lamsa hier aber vor allem auch kritisiert, ist, dass rechtsextreme Positionen sich in der Debatte mittlerweile etabliert haben und Menschen z. B. als Bedrohung und Kostenpunkt angesehen werden. Ja, und da kann man dann natürlich schon sagen, dass die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde nicht beachtet wird.
Genau. Ganz konkret fordert Lamsa deshalb z. B. ein dauerhaft finanziertes Programm zur Demokratieförderung und politischen Bildung, weil genau das in Zeiten wie diesen wichtiger denn je ist und nicht jede Legislatur neu verhandelt werden sollte. Dieses Papier mit zehn Forderungen haben wir auch an alle demokratischen Parteien, die im Landtag vertreten sind, auch zugesandt.
Dringend, was wir brauchen, ist z. B. ein Landes-Antidiskriminierungsgesetz. Das fordert Lamsa auch schon seit längerer Zeit. Und was wir brauchen, ist auch die Vielfältigkeit und Mehrsprachigkeit und Transkulturalität als Leitprinzip im Bereich Bildung in den Verwaltungen. Das ist auch sehr wichtig.
Bildungsbereich und politische Vertretung
Und wir brauchen eine Lösung im Bildungsbereich, wie mit Diskriminierung und Diskriminierungsfällen umgegangen wird, z. B. eine unabhängige Beschwerdestelle. Und sie fordern auch eine Ministerin oder einen Minister mit Migrationshintergrund. Schließlich haben etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt diesen. Und genau das müsse sich auch im Landtag und bei Entscheidungsträgern widerspiegeln, die schließlich die Interessen der Bevölkerung vertreten sollen.
Du hast ja vorhin gesagt, dass es mittlerweile elf Forderungen gibt. Um was wurde das denn ergänzt? Da geht es um die Anerkennung von Migranten in Organisationen wie die, die Lamsa vertritt. Und natürlich Lamsa selbst. Sie fordern diese als gleichwertige politische Akteure anzuerkennen und zu finanzieren.
Die Kritik dahinter ist und ich finde, das geht nicht nur an die Politik, sondern auch wieder ein bisschen an uns Medienschaffende. Migrantenorganisationen werden meist nur bei migrationsspezifischen Fragen kontaktiert, also auf diesen einen Themenbereich reduziert. Dabei leisten sie auch zivilgesellschaftliche Arbeit.
Zivilgesellschaftliche Arbeit und Integration
Und Lamsa fordert eben hier die Anerkennung, dass diese Organisationen einen Beitrag zu Fragen wie Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Diskriminierungsschutz leisten und entsprechend auch finanziert werden sollten. Dass sie eben sehr viele andere Aufgaben erfüllen, zeigen ja auch beispielsweise die Tür-zu-Tür-Gespräche, die du begleitet hast.
Ich würde gern noch mal auf die andere Seite der Tür sozusagen schauen, auf die Menschen in Sachsen-Anhalt, die vielleicht Sorgen und Ängste beim Thema Migration haben. Denn ohne die geht es ja nicht. Also nachhaltige Integration ist ja davon abhängig, dass alle an einem Strang ziehen. Also jeder Einzelne, wir als Gesellschaft und natürlich auch die Politik.
Das Institut der deutschen Wirtschaft schreibt: Die Zuwanderung sichert Deutschlands Fachkräftebasis und stärkt die Innovationskraft. Integration in Arbeit und Bildung ist dabei entscheidend. Es ist hier wieder so ein bisschen Reduzierung auf den Nutzen. Aber es bedeutet auch im Umkehrschluss, von gelungener Integration profitieren eben nicht nur Zugewanderte, sondern auch Alteingesessene, unsere Wirtschaft und wir als gesamte Gesellschaft.
Herausforderungen der Integration
Aber es ist eben so ein bisschen wie mit der Demokratie. Darüber haben wir ja letzte Woche schon gesprochen. Dieser gemeinsame Aushandlungsprozess, der ist natürlich nicht immer einfach. Das stimmt. Für mich bleibt, wir nähern uns ja hier dem Ende der Folge, vor allem der Gedanke, dass sich hier – also mit hier meine ich Lamsa – Menschen engagieren aus einer betroffenen Perspektive heraus.
Also die erleben Rassismus und Ausgrenzung und auch, dass quasi sie zum Wahlkampfthema werden. Und trotz solcher Erfahrungen, die du, ich, die meisten von uns einfach nicht haben, engagieren sie sich sehr aktiv dagegen und auch noch für unsere Demokratie, für Sachsen-Anhalt.
Und ich glaube, da passt auch sehr gut eine Antwort, die mir Unrah Dressler noch gegeben hat auf eine Frage. Ich habe sie nämlich gefragt, wie sie eigentlich reagiert, wenn sie mit diesen ganzen Narrativen und Vorurteilen konfrontiert wird, über die wir in dieser Folge gesprochen haben.
Gegenfragen und Alltagsrealität
Und sie meinte, sie antwortet darauf mit einer Gegenfrage: Kennen Sie tatsächlich eine migrantische Person? Kennen Sie Ihre migrantische Nachbarn? Sitzen Sie tatsächlich zu Hause? Sind Sie tatsächlich arbeitslos? Wer bringt Ihnen die Pakete nach Hause? Wer bedient Sie an der Kasse in der Kaufhalle? Wer arbeitet in den Industrien?
Das sind so meine Fragen, ja. Also, welche Menschen begegnen Ihnen in Ihrem Alltag? Wenn Sie einen Döner kaufen, wenn Sie bei McDonald’s vorbeifahren und dort einen Burger kaufen, wer bedient Sie? Welche Menschen sind da? So, das ist meine Antwort. Da sind die Menschen mit Migrationshintergrund, die tagtäglich wie alle anderen Menschen arbeiten und ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten.
Ich finde „Puh“ ist an dieser Stelle genau der richtige Ausdruck. Denn für mich wird diese Folge sicher noch nachhallen. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist. Auf jeden Fall, ich muss ganz ehrlich sagen, gerade wenn ich mir vorstelle, dass es Menschen in Sachsen-Anhalt gibt, die da ihr Leben gestalten, die sich einbringen, die sich engagieren, die arbeiten, Steuern bezahlen, die einfach Angst haben um ihre Zukunft, die sich da nicht sicher fühlen, dann bewegt mich das schon sehr.
Ja, mich auch. Und so zum Nachhallen, Nachdenken. Für mich ist da immer ein ganz schöner Ort, einfach die Natur, irgendwie draußen sein. Vielleicht habe ich da einen passenden Ort für alle, wo das gut geht. Oder besser nicht ich, sondern Thorsten Zugehör. Er ist der Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg.
Lieblingsort und Ausblick
Ich habe ihn letztens zum Interview getroffen. Er hat mir als große Empfehlung seinen Lieblingsort in Sachsen-Anhalt verraten. Also, mein Lieblingsort kann ich immer wieder sagen, wenn ich mal länger auf Reisen bin, dann komme ich nach Hause und dann wohne ich in einem wunderbaren Ortsteil in Wittenberg, in Pratau, direkt an der Elbe.
Das ist die Elbwiese. Das ist das, wo Himmel und Erde sich berühren. Und das ist für mich ein ganz wunderbarer Ort, weil man da einen weiten Blick hat und trotzdem Natur und Ruhe genießen kann. Also die Elbwiesen, heute bei gefühlten 58 Grad in diesem Studio, klingt das wirklich ganz bezaubernd und vielleicht ja auch ein guter Ausflugstipp mit dem Fahrrad, jetzt wo dann die Sommerferien beginnen.
Wir nutzen währenddessen die Sommerferien, um das Thema Bildung einmal näher anzuschauen. Neben Migration und Wirtschaft sehen laut Infratest DIMAP nämlich die Menschen in Sachsen-Anhalt dieses Thema auch als ein sehr wichtiges politisches Problem an. Genau. Und eines der Themen, das ja wirklich Ländersache ist und deswegen umso spannender vor der Landtagswahl mal genauer zu schauen, wo liegen denn eigentlich die großen Probleme?
Gerade ist ja der Bildungsbericht 2025 herausgekommen. Und welche Lösungen schlagen die Parteien auf Landesebene denn vor? Das wird spannend. Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche.
Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017. Anne Koslowski, Agnay Podcastredaktion, Leonard Schubert, Coverdesign, Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik: Florian Sievers. Audioproduktion: Benjamin Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert. Copyright Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.