Jedes Jahr werden in Deutschland Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Und das, obwohl viele der Lebensmittel noch essbar gewesen wären. Und weil Essen ja auch kostet, landen so hochgerechnet mehrere Milliarden Euro pro Jahr einfach im Müll.
Die wahrscheinlich bekannteste Initiative gegen Lebensmittelverschwendung ist die Tafel. Große Supermarktketten oder Hersteller wenden sich direkt an die Tafel, zum Beispiel mit Lebensmitteln, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum fast erreicht ist oder mit Obst oder Gemüse, das Schönheitsfehler hat. Der gemeinnützige Verein die Tafel verteilt dieses Essen dann in Deutschland überall, wo es gebraucht wird. Übernimmt die Tafel damit eigentlich Aufgaben, die die Politik übernehmen sollte? Darum geht’s hier heute. Ich bin Jessi Hughes. Hi, detektor.fm, zurück zum Thema.
Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland nutzen regelmäßig Angebote der Tafeln. Etwa ein Drittel davon sind Kinder. Seit der Verein 1993 gegründet wurde, wächst die Nachfrage stetig. Mittlerweile helfen fast 80.000 Freiwillige dabei, Lebensmittel an Bedürftige weiterzugeben. Sabine Werth ist schon seit Anfang an mit dabei. Bis heute ist sie Vorsitzende der Berliner Tafel, dem Ort, an dem sich der Verein damals gegründet hat. Im brand eins Podcast spricht sie mit meinem Kollegen Christian Bollert über ein sehr ambivalentes Erfolgskonzept und das Spannungsfeld zwischen Ehrenamt, Wirtschaft und Sozialpolitik.
Haben Sie persönlich denn Sorge, dass der Erfolg der Tafeln in den letzten 30 Jahren es vielleicht Politikerinnen und Politikern und möglicherweise auch der Verwaltung zu leicht macht, sich aus der Verantwortung zu ziehen? Ich persönlich bin ständig damit beschäftigt, gerade die Verwaltung immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir eben nicht das Pflasterchen sind, was sie pausenlos kleben dürfen, sondern wir haben einfach in den letzten 33 Jahren erreicht, dass die Politik überhaupt akzeptiert, dass es Armut in unserem deutschen Land gibt. Und das halte ich schon mal für einen wesentlichen Schritt. Heute würde einfach niemand mehr sagen, es gibt keine Armut. Unter der Kohl-Regierung damals wurde gesagt, es gibt keine Armut in Deutschland. Wir haben ein Sozialsystem. Die Rentenversicherung, die Krankenversicherung, die Arbeitslosenversicherung regelt das. Und wenn jemand tatsächlich mit den Geldern nicht auskommt, dann kann er Sozialhilfe beantragen und alles ist gut. Da sind wir zum Glück weit davon entfernt. Aber wir sind natürlich auf der anderen Seite gerade in einer Zeit, wo die Politik wieder ziemlich konservativ in der Gegend rumrudert und so tut, als würden alle Armutsbetroffenen eigentlich den Staat bescheißen.
Sie haben es gerade angesprochen, dass Sie auch von der Verwaltung immer wieder damit beschäftigt sind. Sie haben es Pflasterchen genannt. Wie äußert sich das konkret? Haben Sie da ein Beispiel? Wir erleben es immer wieder, dass Menschen, die in ein Jobcenter gehen und dort die Leistung beantragen, einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen, wo dann gesagt wird, wir sind nicht so schnell mit der Beantragung, aber hier haben Sie einen Zettel, da stehen Möglichkeiten der Unterstützung drauf. Und da ist es bei so manchen Jobcentern inzwischen so, dass wirklich die Tafel einfach angekreuzt werden kann. Das ist schon auf dem Vordruck drauf. Und das ist einfach eine Unverschämtheit. Und das geht nicht. Es gibt keinen Anspruch, bei einer Tafel Lebensmittel zu bekommen. Nur allein, weil ich armutsbetroffen bin, kann ich nicht sagen, und jetzt will ich aber unbedingt was haben. Es hängt ja davon ab, was haben wir Tafeln gespendet bekommen und was können wir dann verteilen. Und je mehr Leute kommen und je weniger Waren wir kriegen, desto weniger ist es für die Einzelnen. Und da geht es natürlich überhaupt nicht, dass unser Staat sich darauf ausruht, dass es Tafeln gibt und die Leute auch noch ganz offensiv zu uns schickt. Das finde ich schon krass.
Habe ich noch nie gehört, dass es wirklich quasi schon im Formular steht. Das finde ich schon wirklich krass. Also das ist das Wort, was mir da auffällt. Können Sie sich denn noch erinnern, was Sie vor 33 Jahren bewogen hat, diese Initiative mit zu gründen? Was war damals so Ihr Antrieb? Wir hatten als Frauengruppe damals einen Vortrag der damaligen Senatorin Ingrid Stahmer zum Thema Obdachlosigkeit in Berlin gehört. Und das war die Zeit, da können sich vielleicht Ältere noch dran erinnern, da wurden Obdachlose aus den Innenstädten in allen größeren Städten an den Stadtrand vertrieben, damit die Optik stimmt und damit das touristische Erscheinungsbild der Städte auch wirklich weiter stimmt. Das war in Hamburg genauso wie in Berlin, in München, in allen Städten. Und zu dem Thema haben wir eben den Vortrag gehört, wie es unseren Obdachlosen in der Stadt geht. Und dann kam eine Frau aus dem Verein mit einem Zeitungsartikel über City Harvest. Und da stand drin, dass in New York die Ehrenamtlichen von City Harvest abends nach Empfängen die Banketts abräumen und das den Obdachlosen auf die Straße bringen. Und da haben wir gesagt, das ist eine gute Idee, das können wir auch mal versuchen. Und dann haben wir auch nicht die Banketts abgeräumt, sondern wir haben fünf Sternehotels in der Stadt angefragt, ob sie ein- bis zweimal in der Woche für 70 Personen kochen würden. Und wir haben dann, weil die wirklich super mitgespielt haben, wir haben dann dieses warme Essen in den Hotels abgeholt und einer Obdachloseneinrichtung zur Verfügung gestellt. Und das Essen wurde dort dann ausgegeben. Und so fing das Ganze an.
Dann haben wir Firmen angesprochen. Da war die erste Reaktion immer: Wie, ihr wollt unseren Müll? Und wir sagten: Nee, wir wollen nur das nicht verkaufen, aber das sei doch Müll. Das heißt, wir mussten uns mit den Firmen dann erstmal arrangieren, dass wir da einfach eine andere Vorstellung von übrig gebliebenen Lebensmitteln hatten. Für die Firmen war das halt für die Tonne, wofür sie dann ja auch zahlen mussten. Und für uns waren es ja aber immer noch einwandfreie Lebensmittel, die wir gerne verteilen wollten. So fing das Ganze an. Das ist ja übrigens auch gerne ein Vorwurf, den man hört, so nach dem Motto: Die Tafeln übernehmen die Müllabfuhr für die Lebensmittelkonzerne. Ja, ist sicher in gewisser Weise wahr. Wir sorgen natürlich dafür, dass sämtliche Firmen, egal ob es Konzerne sind oder ob es kleine Firmen sind, weniger Entsorgungskosten haben. Aber auf der anderen Seite geht es uns eben um die Lebensmittelrettung. Und da geht es uns nicht so sehr darum, jetzt zu gucken, wer spart woran, wie viel, sondern wir wollen die Lebensmittel, die einwandfrei sind, denn nur die verteilen wir ja an armutsbetroffene Menschen weitergeben oder an soziale Einrichtungen, je nachdem.
Jetzt haben Sie ganz gut beschrieben, finde ich, wie Sie angefangen haben und wie Sie auch nach New York geschaut haben, zu anderen Initiativen, sich haben inspirieren lassen damals Anfang der 90er. Gibt es so einen Moment, wo Ihnen persönlich auch klar geworden ist: Oh, wir müssen hier irgendwie wirklich professionelle Strukturen schaffen? Die professionellen Strukturen haben sich im Laufe der Zeit mehr oder weniger von alleine ergeben, weil es war ganz schnell so, dass ich festgestellt habe, die anderen Mädels kamen immer nur, wenn die Presse kam. Ansonsten war ich alleine am Machen. Dadurch habe ich das Ganze dann aus dieser Frauengruppe rausgenommen und habe da das Ganze ein bisschen anders aufgestellt. Das war schon der erste Schritt zur Professionalisierung, weil das waren alles Ehrenamtliche, aber die zogen alle an einem Strang und machten alle sehr bewusst bei dieser Sache mit.
Der Punkt ist schlicht und ergreifend: Tafelarbeit ist unheimlich leicht nachzuvollziehen. Wir nehmen es da, wo es zu viel ist, und geben es dahin, wo es gebraucht wird. Das ist das alte Robin-Hood-Prinzip. Wir sind auf der legalen Seite und damit ist es richtig schön und alle können mitmachen. Und das hat sich halt ganz schnell vervielfacht. Es war dann eine Initiative in München, die habe ich angerufen und habe gesagt: Nennen Sie sich doch auch Tafel. Vielleicht werden wir noch mehr und dann können wir auf einen Namen aufbauen. Dann kam Neumünster, dann Göttingen, dann die Hamburger Tafel. Und mit der Hamburger Tafel war dann der richtig große Durchbruch. Hamburg war damals Medienstadt und ich habe Anne Marie Dose damals gesagt: Wenn du die Tafel gründest, dann nimm dir die Presse zur Seite. Dann kriegst du richtig guten Schub bei der ganzen Sache. Und so entstand das Ganze. Es war auch an dieser Stelle, weil eben relativ schnell andere Städte auch mit aufgesprungen sind, war das auch eine Professionalisierung. Und dann haben wir natürlich über die Jahre und Jahrzehnte es immer noch verfeinert. Und heute sind zumindest die großen Tafeln alle extrem professionell und wir sind unheimlich gut aufgestellt. Und ja, es macht aber nach wie vor Spaß.
Ja, und Sie haben ja auch relativ schnell am Anfang dann auch beispielsweise sehr konkret die Namensrechte sich gesichert und so. Ja, ja. Also der Hintergrund für die Namensbildung war überhaupt, wir wollten mit dem Städtenamen eine Identifikation mit der eigenen Stadt bieten. Und das Tafel sollte bedeuten, wir wollen denen eine Tafel decken, die es sich selbst nicht leisten können. Und das ist halt wirklich ein ganz simples und schönes Prinzip. Und das hat sich halt unheimlich verselbstständigt. Und wir haben dann aber relativ schnell gemerkt: Oh, die Idee ist so toll und so einfach und wir müssen jetzt gucken, dass wir, die wir unter dem Tafelnamen laufen, auch alle in die gleiche Richtung uns bewegen. Und dann haben wir den Namen Tafel schützen lassen. Wir sowohl für Berlin, andere Tafeln haben das für ihre Städte auch gemacht. Aber ich habe dann zwei Jahre später die Gründung des Dachverbands heute Tafel Deutschland initiiert, hier in Berlin. Und da haben wir dann auch für Tafel Deutschland bzw. für alle Tafeln als Oberbegriff das Ganze schützen lassen.
Sagt Sabine Werth. Sie ist Mitbegründerin der Berliner Tafel und heute die Vorsitzende des Vereins. Wenn ihr mehr erfahren wollt über die Arbeit der Tafeln in Deutschland, dann empfehle ich euch den brand eins Podcast nochmal in voller Länge nachzuhören. Darin geht es nämlich außerdem noch um weitere Projekte der Tafel, und zwar in der Ernährungsbildung. Ich verlinke euch die Folge in den Show Notes. Das war es erstmal für heute. Schön, dass ihr zugehört habt. Die Produktion hatte Stanley Beidauf und ich bin Jessi Hughes. Ciao, bis zum nächsten Mal. detektor.fm, zurück zum Thema.