Der aktuelle Brand1-Titel „Like mich am Arsch“ über Sichtbarkeit in Zeiten von KI hat in den letzten Tagen in den sozialen Netzwerken oder wie unser heutiger Gast lieber sagen würde, in den algorithmischen Netzwerken, viel Aufmerksamkeit bekommen und auch viele neue Heftbestellungen ausgelöst. Was bei den Kolleginnen und Kollegen in Hamburg tatsächlich zu Zusatzschichten im Versand der Hefte geführt hat. Was ich aber auch weiß, was sie natürlich dann sehr gerne tun.
Sichtbarkeit in Zeiten von KI wird uns logischerweise auch in dieser Episode unseres gemeinsamen Podcasts ein bisschen beschäftigen. Ich bin Christian Bollert von detektor.fm und dann legen wir doch einfach mal los. Sichtbarkeit in Zeiten von KI ist unser Thema in dieser Episode hier und das gilt insbesondere für Werbung. Denn manchmal kann man ja als Nutzerin oder als Nutzer das Gefühl bekommen, dass Werbung heute zwar überall ist, aber vielleicht und auch gerade deshalb gar nicht mehr so richtig wahrgenommen wird.
Wir sprechen hier im Podcast ja auch immer wieder von der Schwemme an KI-generierten Inhalten. Aus der linearen Welt der 90er ist längst eine automatisierte und hyperindividuelle Welt geworden, wie wir ja vergangene Woche auch mit dem Wissenschaftsjournalisten Henning Beck intensiver besprochen haben. Für klassische Werbeagenturen stellt sich da schon die Frage: Welche Rolle spielen sie eigentlich künftig noch?
Alf Rommer arbeitet seit fast drei Jahrzehnten in der Werbebranche. Ende der 90er hat er bei der Hamburger Agentur „Zum goldenen Hirschen“ begonnen und ist heute nach einigen anderen Stationen Kreativdirektor bei RISM in Berlin und hat zum Beispiel Kampagnen für Lieferando oder die Berliner Stadtreinigung gemacht. In der Werbewelt erledigen heute KI-Tools in Minuten Dinge, wofür früher Teams ganze Wochen gebraucht haben. Sprechen wir also über KI in der Werbebranche und die Zukunft der Werbung. Ich sage Hallo und herzlich Willkommen im Brand1-Podcast, Alf Rommer.
Ja, guten Tag, ich freue mich, hier zu sein. Kommen wir doch direkt zum Thema: Was macht denn KI mit der Werbebranche? KI verändert die Art und Weise, wie man, ja, du hast es schon gesagt, Werbung erstellen kann. Sie verändert den Prozess und verändert damit auch Agenturmodelle, weil man halt mit weniger Leuten viel mehr Output erreichen kann. Das setzt die Branche natürlich auch unter Druck, weil auch Kunden durch KI-Tools viele Dinge erledigen können, die man früher eben für eine Agentur brauchte.
Aber ich will jetzt nicht nur negative Sachen sagen. Es ist auch für einen Kreativen wie mich ein hervorragendes Tool, wo man viel kreativer arbeiten kann. Wir können jetzt Kunden Ideen so viel besser präsentieren. Das ist ein absoluter Traum, weil man im Endeffekt schon mal per KI ganze Filme prompten kann und vorstellen kann und dem Kunden zeigen kann: Schau mal, so sieht am Schluss eine Werbung von dir aus. Das hat man früher halt über Illustrationen gemacht oder nur über textliche Beschreibungen. Das ist natürlich auch eine total positive Verbesserung. Feuer und Wasser, Licht und Schatten, Gut und Böse in einem.
Dann bleiben wir mal beim Wasser, bei den positiven Sachen. Das finde ich schon ganz interessant. Das heißt, früher, ich spitze mal ein bisschen zu, hat man es so ein bisschen hingekritzelt und gesagt: So könnte es aussehen, deine große Superwerbekampagne für ein paar Millionen. Und jetzt kann man halt sagen: So sieht sie wirklich aus oder ungefähr so. Also was es gab, das berühmte Texterskribbel. Ich bin ja gelernter Texter, wir können ja nicht zeichnen. Dann hatte ich eine Idee und habe irgendwas gekritzelt und habe das meinem Artdirektor hingelegt. Die haben meistens gar nicht erkannt, was es ist. Wenn man das aber einem Kunden präsentiert hat, hat man eben Illustratoren, die darauf spezialisiert waren. Die haben dann Storyboards gezeichnet, die sehr lebensecht aussahen. Das sind natürlich jetzt auch Jobs, die eine Maschine übernimmt. Insbesondere auch die Illustratorenbranche steht stark unter Druck, weil man halt genau diese Dienstleistungen, wo ich früher jemanden gebucht habe, Geld ausgegeben habe, manchmal eine ganze Woche an einem Storyboard saß, das kann ich jetzt in viel kürzerer Zeit erledigen und eben dann gar nicht gezeichnet, sondern es sieht ja lebensecht aus in einer Bild-KI.
Jetzt sind wir im Prinzip vom Wasser schon direkt zum Feuer gekommen, aber da würde ich natürlich auch gerne noch bleiben. Was sind denn so klassische Sachen, wo jetzt Unternehmen sagen: Nee, da brauchen wir euch eigentlich gar nicht mehr, machen wir selber? Na ja, also zum Beispiel eine KI kann dir super schnell sagen, was für Themen du in Social Media oder ich nenne es ja algorithmische Medien, wenn du so einen Redaktionsplan machst für einen ganzen Monat. So stellt man das ja auf. Dann kann dir eine KI ganz viele Formate angeben, Themen angeben, in die du dann halt reinarbeiten kannst als Unternehmen. Und natürlich kann dir auch eine KI einen Text schreiben für Instagram oder LinkedIn in Sekundenschnelle. Das muss ich natürlich dann noch redigieren und die Textqualität ist in Ordnung, aber jetzt nicht besonders super gut. Aber auf jeden Fall hätte ich dann erstmal ein Produkt und stehe nicht ganz nackt da. Das ist auf jeden Fall etwas, was für Unternehmen eine interessante Sache ist. Und die können natürlich auch sich in KIs reinarbeiten, mit denen man Bilder generieren kann. Und dann haben sie halt selber ein Bild generiert, was früher vielleicht eine Agentur gemacht hat, passend zu diesem Post zum Beispiel.
Einen super interessanten Aspekt finde ich tatsächlich, was du in der Brand1 ansprichst, dass es aber ein bisschen kompliziert und tricky wird, wenn man mal genau hinguckt und sich überlegt, wie das mit dem Urheberrecht ist, erst recht, wenn ihr irgendwas verkauft an den Kunden, was ihr mit KI gemacht habt. Genau, also das ist halt einfach so, das ist ja eigentlich irre, wenn man sich mal überlegt. Ich bin noch so die Generation, ich habe Napster benutzt und man hat sich illegal Musik aus dem Netz runtergeladen. Da wurde man dann von den Labels wenn man Pech hatte von deren Anwälten sozusagen erwischt und musste mehrere tausend Euro Strafe bezahlen. Und jetzt ist es halt so, dass professionalisiert große Firmen einfach alles aufsaugen, was sie im Netz halt finden an Bildern, an Texten und damit ihre KI trainieren. Und der Output der dann von einer KI kommt, die haben natürlich nicht die Rechte da dran, die haben das nicht eingekauft. Und es gibt so viele unterschiedliche KIs, da habe selbst ein Profi wie ich nicht den Gesamtüberblick. Aber es gibt nur eine KI, von der ich weiß, die trainiert ihre KI mit Bildern, wo sie die Rechte hat. Das ist von Adobe Firefly. Und da kann man sagen, da ist man dann rechtlich auf der sicheren Seite, weil zumindest Adobe hat die Rechte an diesen Bildern. Das Problem ist nur, die Bilder, die da rauskommen, sind viel schlechter, weil der Pool an Bildern, mit denen diese KI trainiert wird, wo man die Rechte hat, ist viel kleiner als wenn jetzt zum Beispiel Midjourney einfach alles aus dem Netz saugt, was es findet und damit eine KI trainiert.
Dann zoomen wir mal ein bisschen raus, gerade in sozialen Medien, die du ja wirklich lieber algorithmische Medien nennst, was ich übrigens eine sehr gute Idee finde. Begegnen einem heute ja schon mehr und mehr KI-generierte Inhalte, also AI Slop und so haben wir alles schon gehört. Würdest du so weit gehen, dass soziale Medien in ihrer Kernfunktion des sozialen Austausches tatsächlich so gut wie tot sind? Das würde ich nicht sagen. Ein gutes Beispiel ist bei Instagram. Da habe ich nur ganz wenige Followerinnen und Follower, da kenne ich die meisten auch. Da gibt es dann auch noch persönlichen Kontakt oder wenn ich da was sehe, dann weiß ich, das haben diese Menschen erstellt. Bei LinkedIn sehe ich das auch noch so. Das sind zwar jetzt nicht Freunde von mir, aber ich kann sagen, das sind zum Beispiel Leute aus der Branche. Und wenn die was posten, dann weiß ich, das macht ein Mensch.
Aber es gibt schon Netzwerke wie X, teilweise auch Instagram. Ich glaube, Sascha Lobo hat mal gesagt, Instagram ist ja beides. Also das ist einmal noch so ein richtig soziales Medium, wie ich es beschrieben habe. Man hat da seine Freunde, aber wenn ich dann in den 4U-Bereich gehe, dann bin ich halt in einem algorithmischen Medium. Da zeigen mir Maschinen irgendwas an, unter anderem auch sehr viele AI-Videos. Also die AI-Katzenvideos, die teile ich sehr gerne mit meiner Frau. Die machen auch Spaß, sozusagen. Aber die sind ja auch klar erkenntlich, dass es halt lustige Videos sind. Ich will da auch nicht sagen, dass alles immer gleich direkt schlimm ist. Aber wenn man sich halt X anschaut, was ich nicht mehr benutze, früher Twitter, dann ist das natürlich komplett abgerutscht. Oder auch Threads sehe ich es ganz viel, dass so viele KI-Inhalte dort geteilt werden. Und selbst jemand wie ich, der ja viel auch selber mit KIs arbeitet und selber auch KI-Bewegtbildfilme herstellt oder Fotos, muss doch bei der einen oder anderen Sache genau hinschauen, um zu erkennen: Ist das jetzt echt oder eine KI? Und da ist sehr viel Gefahr, dass viele Leute, die nicht so trainiert sind, das natürlich überhaupt nicht erkennen und glauben, diese Videos, die sie da sehen, sind echt.
Alf Rommer von der Agentur RISM im Gespräch beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir sprechen in dieser Episode noch weiter über KI in der Werbebranche und generell auch die Zukunft der Werbung. Alf, wir haben jetzt in Deutschland ja mindestens so drei Jahre Wirtschaftskrise hinter uns, den eben angesprochenen Druck durch KI-Werkzeuge. Und offensichtlich ist auch die Werbebranche für junge Leute nicht mehr so wahnsinnig attraktiv wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Wo geht denn die Reise da generell hin? Also insgesamt muss man natürlich sagen, hat die Werbebranche genau die gleichen Probleme wie jede Branche. Also es werden zu wenig junge Menschen oder wurden zu wenig junge Menschen in Deutschland geboren. Und ob es jetzt das Handwerk ist, die Banken oder wir, wir alle haben Probleme, Nachwuchs zu finden. Das ist wahrscheinlich für jede Branche eine Herausforderung.
In der Werbebranche ist es wahrscheinlich nochmal besonders eine Herausforderung, weil junge Menschen ja reinkommen und mit ihren frischen Ideen sozusagen wichtig sind für die Kreativität, für das Produkt, was wir letztlich herstellen. Und das ist Kreativität. Ich mache den Job jetzt seit 30 Jahren und ich finde, das ist die Aufgabe eines Kreativdirektors. Der ist ja sozusagen auch so eine Art Popkulturpapst, sollte er es sein. Er sollte sich für Kunst interessieren, er sollte sich für Musik interessieren, er sollte sich auch für das interessieren, was in algorithmischen Medien passiert. Aber natürlich ist klar, dass ein 27-Jähriger einen anderen Blick auf die Welt hat und auch ganz anders unterwegs ist als ich als 57-Jähriger. Ich mache jetzt nicht mehr regelmäßig die Nacht zum Tag oder bin im Berghain unterwegs oder solche Sachen. Und das sind natürlich auch alles, sage ich mal, Impulse, Einflüsse, Mode, Kunst, wie gesagt, die man braucht, um gute Kreationen zu machen. Weil sonst ist es halt dann so, dass man sich die Trends halt eben nur noch bei TikTok anschaut. Und dann ist man eigentlich nur noch Übersetzer von dem, was außerhalb einer Agentur passiert.
Weil die Agenturen verlieren ihre Gatekeeper Funktionen, so wie zum Beispiel die Musikbranche. Die Labels haben ihre Gatekeeper Funktionen bei Musik verloren. Also nicht mehr die sagen dir, was ist jetzt sozusagen angesagt, sondern auf TikTok wird ein Soundbyte benutzt und daraus entsteht ein Hit zum Beispiel. Oder auch der Journalismus, wenn wir jetzt hier mal so darüber reden, der hat ja auch seine Gatekeeper-Funktionen verloren, was Themen angeht. Die entstehen oft nicht immer in algorithmischen Medien. Donald Trump ist da ein Weltmeister drin. Wenn der irgendwas auf Truth Social erzählt, ist es dann irgendwie eine Stunde später eine Meldung beim Spiegel oder bei der Bild. Und genauso ist es auch in der Werbung. Also wir haben nicht mehr sozusagen wie früher die Oberhoheit darüber, was sind Trends. Früher gab es Werbespots und daraus sind halt Hits entstanden, weil die Musik, die in diesem Werbespot benutzt wurde, viele Menschen emotional erreicht hat. Und genau das macht jetzt TikTok. Man hat diesen Soundbyte und daraus wird Nummer-eins-Hit. Und das hat früher zum Beispiel auch die Werbung gemacht. Und da ist es halt wichtig, dass wir junge Menschen reinbekommen, die mit frischen Ideen weiterhin dafür sorgen, dass wir kreativ bleiben.
Wie macht ihr das denn? Jetzt an junge Leute kommen oder? Also da gibt es natürlich verschiedene Wege. Es gibt auch noch den Weg, dass wir Copytests anbieten. Also ein Copytest ist für Texte. Da kriegt man halt Aufgaben aus dem Werberleben, Texterleben. Da muss man Headlines schreiben, da muss man Filme schreiben, da schreibt man vielleicht auch einen Werbebrief oder bekommt andere Aufgaben. Das ist ein sehr barrierefreier Zugang, um zum Beispiel einen Job bei uns zu bekommen. Mein früherer Text-Trainee, der vor anderthalb Jahren zu uns gekommen ist, der war gelernter Koch und ist darüber reingekommen. Super Talent, ist jetzt bei uns Junior Texter.
Es gibt auch für Grafiker natürlich Grafikschulen, ganz normal an Universitäten, Universität der Künste oder FHs in Düsseldorf, die dann guten Ruf haben oder in Frankfurt oder private Schulen, um da reinzukommen. Aber natürlich machen wir auch so Dinge, dass wir als Agenturen auch auf Messen gehen oder Speed-Datings anbieten für junge Talente, dass die mit uns mal ins Gespräch kommen. Und dann haben BewerberInnen fünf Minuten Zeit und wir unterhalten uns und man pitcht sozusagen, ob man einen Einstieg finden kann. Aber es wird immer schwieriger.
Ja, und es ist wirklich komplett anders als in den 90ern. Oder du sagst, glaube ich, in der Brand1 auch ganz spannend, da konnte man irgendwie noch sagen: Hey, ich habe diese Kampagne gemacht und die hatte dann wirklich auch jeder gesehen. Heute gibt es Kampagnen mit Milliarden Klicks, die hat man trotzdem noch nie gesehen. Ja, genau, das ist genau wahrscheinlich auch das Ding. Früher, als ich angefangen habe, da sind so viele, da mussten die Werbeagenturen gar nichts machen. Die massenweise gab es Bewerbungen von Leuten, die unbedingt in eine Werbeagentur wollten, um dort kreativ sein zu können. Und das hat natürlich auch damit zu tun, wenn man sozusagen, man macht den Fernseher an, da läuft der Spot, man geht auf die Straße, man sieht das Plakat, man blättert im Sternen-Spiegel, natürlich auch in der Brand1, sieht eine Printanzeige und alles ist dann von einer bekannten Marke wie Mercedes, Media Markt etc. Das macht es natürlich attraktiv, da denkt man, da möchte ich mitmachen.
Und heutzutage gibt es Kampagnen, ich will gar nicht in Abrede stellen, dass die eine hohe Reichweite haben, aber diese fragmentierten Öffentlichkeiten, die ja auch mit algorithmischen Medien zu tun haben, also dass man in einer Bubble riesengroß ist, aber in der anderen halt überhaupt gar nicht vorkommt, das ist genauso auch ein Problem von der Werbung, dass man halt gar nicht mehr die Öffentlichkeit erreicht, weil die Öffentlichkeit eben heutzutage total fragmentiert ist.
Ja, definitiv. Ich finde es trotzdem spannend, dass du sagst, ich bleibe für die Werbebranche insgesamt zuversichtlich. Ich habe mit meiner Intelligenz, meinen körperlichen Fähigkeiten, habe ich halt auch alles geschafft, was man da so schaffen musste, selbst diesen sehr herausfordernden Einzelkämpferlehrgang. Aber ich habe nie so richtig dafür gebrannt. Und als ich dann in mir einen neuen Job suchte, als ich aus der Bundeswehr raus war, habe ich gesagt, ich möchte etwas machen, was ich unglaublich gern machen will. Und ich habe mit diesem Job genau das gefunden, was ich gesucht habe. Sonst würde ich es ja nicht für 30 Jahre machen. Und ich glaube auch immer noch, dass dieser Job super interessant ist. Man kann immer wieder sich was Neues ausdenken, man lernt unglaublich viel. Ich habe so viel über verschiedene Branchen gelernt, über Themen, über die ich mich sonst nie mit beschäftigt hätte, sei es in der Energiebranche, sei es, wenn ich jetzt für die Berliner Stadtreinigung arbeite, über Recyclingquoten oder wenn ich über das Malerhandwerk einen Job mache, dass ich halt auch mitbekomme, was hat das Malerhandwerk für Probleme, Nachwuchs zu finden. Also man geht ja immer wieder da rein und das ist für mich immer noch ein faszinierender Job, der unglaublich viel Spaß macht, eine Marke aufzubauen, eine Marke bekannt zu machen, das Image zu verbessern, Leute zu unterhalten. Ich war immer jemand, der schon in der Schulklasse gerne andere mit Witzen unterhalten hat und das kann ich jetzt heute sozusagen beruflich machen. Also das ist herrlich, sonst würde ich es nicht 30 Jahre machen. Ich bin froh, dass ich es so lange machen durfte und ich hoffe, dass ich es auch noch lange machen kann.
Alf Rommer von der Agentur RISM hier im Brand1-Podcast und wir sind gleich wieder da. Alf, du hast gerade beschrieben, warum du auch so zuversichtlich bist. Ich würde es gerne trotzdem noch mal ein bisschen konkreter machen. Warum brauchen denn in fünf oder zehn Jahren Unternehmen noch Leute wie dich, also Werberinnen und Werber? Also wir leben im Kapitalismus und viele von den Produkten, die wir so haben, sind eigentlich ja komplett austauschbar. Ob ich mir jetzt Nike-Schuhe, Adidas-Schuhe oder einen Puma-Schuh kaufe, das sind alles hervorragende Schuhe mit einer hohen Qualität, tollen Dämpfung, wahrscheinlich haben sie auch ein tolles Design. Und was macht diese Produkte eigentlich unterscheidbar? Warum sollte jemand sagen, ich kaufe mir statt einem Puma-Schuh ein Adidas-Schuh? Die können ja eigentlich das Gleiche, ist ja eigentlich egal. Da macht halt eben Markenbildung und Werbung den Unterschied, dass Menschen sagen, diese Marke ist für mich begehrlicher, deswegen entscheide ich mich dafür, ein Adidas-Schuh zu kaufen, kein Puma-Schuh. Oder ich kaufe mir lieber ein Puma-Oberteil statt ein Adidas-Oberteil.
Und das ist weiterhin wichtig, gerade im Kapitalismus, wo man in manchen Branchen unglaublich viele Marken hat, die, sage ich mal, gar nicht so groß unterschiedliche Produkte herstellen. Du hast vorhin diese Bundeswehr-Geschichte angesprochen, die kann man in der Brand1 nachlesen und da kann man auch ein, wie ich finde, ganz spannendes Zitat von dir lesen. Da sagst du nämlich, dass es in kaum einem Job das Wort „Nein“ öfter zu hören gibt als in der Werbebranche. Warum? Oder ein Kunde hat es letztlich gesagt: Von den fünf, die übrig bleiben von den Ideen, die wirklich umgesetzt werden, davon wiederum sind 80 % nicht genau so gemacht worden, wie ich sie mal aufgeschrieben habe, sondern da wurde nochmal was verändert. Die sind vielleicht zum Großteil so geblieben, aber es ist jetzt nicht ganz so, wie ich es ursprünglich mal hingeschrieben habe. Und das macht natürlich schon was mit jemandem, wenn man sehr, sehr viel eigentlich für den Papierkorb arbeitet, sage ich mal, und man oft auch nein hört, sei es intern, einen Kreativdirektor. Ich sage auch oft zu meinen Leuten „Nein“. Ich weiß aber, was das für die bedeutet. Ich versuche solche Entscheidungen immer zu erklären und nicht einfach nur zu sagen: Das ist nicht mein Geschmack, sondern ich versuche auch objektive Gründe zu finden, warum man eine Idee nicht macht. Da gibt es ja auch viele. Aber das ist schon auch für jemanden sehr psychisch auch nicht so einfach, wenn immer so viel Ablehnung entgegenkommt von allen möglichen Seiten. Und ich versuche mich immer dadurch zu motivieren, dass ich sage: Das habe ich jetzt durchbekommen, diese Idee haben wir auf die Straße gekriegt. Und wenn ich es im Jahr schaffe, zwei, drei, vier gute Kampagnen auf die Straße zu bekommen, ist das für mich etwas, was mich sehr zufrieden macht. Und diese Ablehnung, die gehört halt einfach mit dazu, weil über Ideen wird unglaublich viel diskutiert. Da gibt es ja kein richtig und kein falsch. Das ist kein Eins plus Eins ist zwei, das ist keine mathematische Formel. Da steckt so viel Subjektivität drin, Gefühl auch. Und das braucht es ja auch. Und diese Branche ist hoch emotional, auch was man sagt, wie man es sagt, warum man es sagt, wann man es sagt. Und da gibt es so viele Einfallstore, um zu sagen: Das macht man nicht.
Es gab dieses Jahr von einem der größten Texter, die, glaube ich, im deutschsprachigen Raum jemals gearbeitet haben, Jeremy von Matt, dem Gründer von Jung von Matt. Ich habe sein Buch auch gelesen und auch in seinem Buch steht so viel drin, was ich so nachfühlen konnte, dass man immer wieder Ablehnung bekommt, dass man auch sehr lange, das beschreibt er in dem Buch auch, das kenne ich auch. Man wird abgelehnt, dann kämpft man nochmal für die Idee, weil man sie gut findet, wird wieder abgelehnt, dann kämpft man nochmal für die Idee und dann hat man vielleicht irgendwann mal Glück und dann sagen die Leute, man macht es. Und da braucht man, wie gesagt, das habe ich auch in dem Interview gesagt, das habe ich bei der Bundeswehr gelernt, dass man halt Durchhaltevermögen braucht. Also immer dann, bei der Bundeswehr war es eher so, man war so am Ende seiner Kräfte, man war total übermüdet und dann geht es aber trotzdem noch weiter. Man kann trotzdem weitermachen. Und dieses Durchhaltevermögen das braucht man in meinem Beruf auch. Noch 10 Kilometer, noch 10 Kilometer.
Ja, du selbst hast früher auch beispielsweise bei Twitter ziemlich gern provoziert. Ich glaube, viele Leute kennen dich auch noch von dort. Heute sagst du aber: Ne, Provokation bringt uns eigentlich nicht weiter. Wie können wir, und du hast es ja auch schon so ein bisschen angedeutet im Gespräch, wie können wir denn differenzierteren Botschaften eher mehr Sichtbarkeit verschaffen? Also der Algorithmus, der reagiert auf Menschen. Natürlich gibt es auch Bots, ne Bot-Armeen, die dann, wenn was besonders rassistisches oder polarisierendes geschrieben wird, reagieren Bots drauf und liken das oder kommentieren das. Das haben wir dann nicht in der Hand. Aber wir Menschen, was wir in der Hand haben, ist, dass wir differenzierte Botschaften, Menschen, die differenzierte Posts schreiben, dass wir die unterstützen mit Likes, mit Kommentaren, so dass wir denen so viel Sichtbarkeit wie möglich geben.
Und warum ich nicht mehr provoziere oder nicht mehr so stark provoziere? Ich will jetzt gar nicht sagen, wie gesagt, das möchte ich auch differenzieren. Es gibt nicht 0 und 100 Prozent. Natürlich mache ich auch nochmal einen Scherz oder vielleicht bin ich an der einen oder anderen Sache vielleicht auch nochmal ein bisschen provokanter, aber nicht mehr so wie früher. Ich möchte nicht mehr ja so polarisierend sein, weil ich glaube, das bringt uns nicht weiter und wir spielen Demokratiefeinden am Schluss in die Hände, wenn wir sehr polarisierend sind und die Stimmen der Mitte, der Vernunft, runterdimmen. Das war früher vielleicht nicht so schlimm. Ich denke manchmal noch, es gibt ja jetzt diesen 2016-Trend in den algorithmischen Medien. Und 2016 waren die Leute, die jetzt in Sachsen-Anhalt bei 40 Prozent stehen, die AfD oder in Mecklenburg-Vorpommern bei 38 Prozent, da waren das so ein bisschen die absonderlichen Trolle, die rechten Nazis, über die man so dachte, die sind ja klar in der Minderheit. Und über die mache ich mich mal lustig. Und diese Menschen, die stehen jetzt kurz davor, in Sachsen-Anhalt zum Beispiel die absolute Mehrheit zu holen. Und was das für unsere Demokratie bedeutet, dieser Stresstest, das möchte ich mir gar nicht ausmalen. Und darum müssen wir da vereint stehen und eher die Gemeinsamkeiten betonen.
Natürlich finde ich unseren Kanzler manchmal sehr hölzern und würde mir auch wünschen, er hätte irgendwelche Berater, die ihm vielleicht sagen, dass so Dinger wie „Lifestyle-Teilzeit“ jetzt vielleicht nicht der beste Ausdruck sind, um Menschen mitzunehmen. Aber trotzdem steht der mit beiden Füßen auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und darum geht es mir jetzt erstmal. Und das tut zum Beispiel in der AfD nicht. Da gibt es halt klare Nazis und Faschisten in dieser Partei und die müssen wir gemeinsam bekämpfen. Ich finde auch nicht alles gut, was die Linkspartei so erzählt, aber auch die halte ich für eine demokratische Partei und mit der kann man auch zusammenarbeiten. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und ich hoffe halt einfach mal, wenn es wirtschaftlich auch wieder ein bisschen mehr aufwärts geht, dass diese Botschaften von Populisten nicht mehr auf so fruchtbaren Boden fallen.
Das heißt auch da, ein bisschen zugespitzt formuliert, mehr Flausch für demokratische Positionen, auch wenn sie einem vielleicht selber nicht so gut gefallen. Ich sage es mal so, natürlich gehört es zur Aufgabe von Journalismus, Dinge kritisch zu hinterfragen. Das soll er auch weitermachen. Aber manchmal habe ich so das Gefühl, in algorithmischen Medien, da sind auch Leute dabei, die freuen sich jetzt zum Beispiel auch so, dass die Umfragewerte von Merz jetzt noch schlechter sind als die von Scholz. Und irgendwie kann ich mich nicht darüber freuen, dass die Umfragewerte von der Ampel so schlecht waren. Ich kann mich jetzt aber auch nicht freuen darüber, dass die Umfragewerte von Schwarz-Rot so schlecht sind. Ich würde mich freuen, auch wenn ich nicht alles teile, was die CDU, CSU oder auch die SPD da so machen. In manchen Politikfeldern würde ich mir halt einfach wünschen, dass wir uns nicht darüber freuen, dass jetzt wieder eine demokratische Regierung nicht funktioniert. Weil am Schluss wird es ja nicht so sein, dass plötzlich dann Linke und Grüne die Regierung übernehmen, sondern wahrscheinlich wird die AfD weiterhin stärker. Und ja, deswegen möchte ich schon, dass Journalismus weiterhin kritisch Regierungsarbeit überwacht, ne vierte Gewalt. Aber wir Menschen sollten vielleicht nicht so schadenfroh sein und denken: So, haha, der Merz, jetzt ist er auch sozusagen im Sturzflug mit seinen Umfragen. Am Schluss wird die AfD davon profitieren, wahrscheinlich nicht die Grünen.
Alf Rommer von der Agentur RISM im Brand1-Podcast. Ich sage vielen Dank für das Gespräch. Ja, danke schön. Und wenn euch das Gespräch mit Alf Rommer gefallen hat, dann empfehlt es doch gern weiter und schickt es einem Freund oder einer Freundin, für die das möglicherweise interessant sein könnte. Vielleicht ja auch einer Bekannten oder einem Bekannten in einer Werbeagentur. Denn auch das kann helfen, differenzierte Inhalte besser zu verteilen. Wir haben es ja gelernt, den Algorithmus so ein bisschen in die richtige Richtung zu schubsen. Ich bin nächsten Freitag wieder für euch da und freue mich, wenn wir uns dann hier in diesem Podcast wiederhören. In diesem Sinne gern bis dahin. Der Brand1-Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brand1-Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1-Magazin. Moderation: Christian Bollert.