Preis der Schönheit
Schönheit hat ihren Preis. Soweit die Floskel. Manchmal ist dieser Preis jedoch einer, den nicht die Kundinnen und Kunden zahlen. Während wir in den ersten beiden Folgen hier über Schönheitsideale, Attraktivität und die Folgen für unseren Alltag gesprochen haben, geht’s diesmal um einen Ort, an dem täglich an Schönheitsidealen gearbeitet wird, nämlich ins Nagelstudio. Ich bin Christian Bollert, feile meine Nägel selbst und begrüße euch zu unserem Podcast.
Das Geschäft mit Nägeln scheint zu boomen. Kaum ein Einkaufszentrum mehr ohne Nagelstudio. Gepflegte Hände, perfekt lackierte Nägel und ein kleines Stück Selbstoptimierung für gut 25 Euro, das ist die eine Seite. Die andere: Ermittlungsbehörden und Fachberatungsstellen berichten seit Jahren, dass gerade in diesem Gewerbe Menschenhandel und Arbeitsausbeutung eine Rolle spielen. Für die Kundinnen ist das oft unsichtbar.
Erfahrungen im Nagelstudio
Claudia Robbe arbeitet seit zwei Jahrzehnten mit ausgebeuteten Menschen und zwar als Sozialpädagogin im Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart. Es ist eine der Fachberatungsstellen, mit denen die Behörden kooperieren, wenn der Verdacht auf Menschenhandel und Ausbeutung im Raum steht. Claudia Robbe berät Betroffene aus allen möglichen Ländern, die in Bordellen, Wäschereien, der Gastronomie, der Landwirtschaft und eben immer wieder auch in Nagelstudios arbeiten. Ich sage Hallo und herzlich Willkommen im brand eins Podcast, Frau Robbe.
Hallo, danke, dass ich da sein darf. Sind denn Nagelstudios schon immer auch ein Thema in Ihrer Arbeit gewesen oder hat sich das in den letzten Jahren verändert? Es hat sich in den letzten Jahren verändert. Nagelstudios sind kein neues Phänomen, aber werden immer mehr in den letzten Jahren. Können Sie auch sagen, warum? Vielleicht weil die Nachfrage steigt, weil in den Innenstädten immer mehr Geschäfte frei werden. Es sind keine Einzelgeschäfte, sondern oft sind es Gruppen und in den Städten oft ähnliche Anbieterinnen, die die Nagelstudios eröffnen.
Zugangswege zur Beratung
Können Sie vielleicht beschreiben, wie so ein Fall dann ganz konkret bei Ihnen landet? Wie läuft das ab? Es gibt unterschiedliche Zugangswege zu uns in die Beratung. Die meisten kommen tatsächlich über Kontrollen und in den Nagelstudios werden die Kontrollen durch den Zoll oder Finanzkontrolle Schwarzarbeit durchgeführt und da werden Betroffene identifiziert. Dann kriegen sie den Hinweis auf die Fachberatungsstellen und kommen so zu uns. Oder der Zoll hat auch Opferschutzbeauftragte oder die Opferschutzbeauftragte vom Zoll nimmt direkt Kontakt mit uns auf und wir machen so eine Beratung dann gemeinsam und unterbreiten der Person unser Angebot.
Was ist denn ihr Angebot? Also zuerst, gerade wenn wir so bei Kontrollen dazugeholt werden, also was sind die Opferrechte von Menschen, die dann identifiziert werden? Ja, das kommt drauf an. Arbeiten sie legal, also haben sie einen legalen Aufenthaltsstatus und eine Aufenthaltserlaubnis oder halten sie sich illegal hier auf und somit dürfen sie natürlich auch nicht arbeiten. Da bieten wir eine Beratung dann natürlich im strafrechtlichen Bereich und wir können auch unterbringen, weil es ja häufig so ist, dass dort, wo gearbeitet wird, auch gelebt wird. Das heißt, die Person muss dann dort auch weg und muss ja irgendwo hin und wir haben Möglichkeiten, Betroffene geschützt auch unterzubringen.
Herausforderungen der Beratung
Das klingt ja, aber so wie Sie es jetzt beschreiben, dass es selten bis nie vorkommt, dass Betroffene direkt zu Ihnen kommen. Ist das so? Also bei Vietnamesen tatsächlich sind es Einzelfälle. Also wirklich in den letzten fünf, sechs Jahren war es eine Vietnamesin, die selbst den Weg gefunden hat. Aber der ganz große Teil kommt über Ermittlungsbehörden. Dazu muss man vielleicht sagen, dass sehr, sehr viele dieser Nagelstudios tatsächlich von vietnamesischen Menschen betrieben werden. Also die vietnamesische Community kontrolliert einen großen Teil des Marktes. Und das ist halt das ganz, ganz große Problem, warum auch Betroffene sich nicht trauen, sich selbst zu melden. Erstmal, woher sollen sie überhaupt wissen, an wen sie sich wenden können? Im Nagelstudio hängt bestimmt kein Flyer vom Gewalthilfetelefon oder von irgendeiner Fachberatungsstelle. Und auf der anderen Seite haben sie natürlich ein finanzielles Risiko auf sich genommen, um überhaupt nach Europa zu kommen und sind auch zum Teil auf die Jobs angewiesen, also den Job im Nagelstudio, und haben eigentlich gar keine Chance, was anderes zu tun, weil sie in der Abhängigkeit zum Arbeitgeber stehen.
Einblicke in die Einreise
Was sind denn da Ihre konkreten Erfahrungen, die Sie gemacht haben? Also wie sind denn die Leute nach Europa gekommen? Es gibt unterschiedliche Erfahrungen. Also auch da hat sich das in der Zeit jetzt verändert. Die Reiserouten verändern sich. Also wenn es vor Jahren noch oft auch über Russland war, ist es jetzt eher Polen, aber auch die Balkanroute. Es kommt immer so ein bisschen darauf an, welche Länder auch vielleicht Abkommen mit Vietnam haben und Arbeitsvisa geben. Ja, Einreisen über Polen, also dass erstmal in Polen gearbeitet werden musste, weil sie auch für Polen ein Arbeitsvisum hatten und auch dort schon ausgebeutet worden sind. Vielleicht nicht unbedingt in der Nagelindustrie, aber in anderen Ausbeutungsunternehmen. Und erst dann wurden sie nach Deutschland weitergereicht, um hier gezielt in Nagelstudios eingesetzt zu werden. Denen aber oft dann auch nicht bewusst war, dass sie hier mit dem polnischen Titel, den sie vielleicht irgendwann mal hatten, überhaupt nicht arbeiten dürfen.
Schleusung vs. Menschenhandel
Das heißt, um das mal einzuordnen: Sie haben natürlich mit den Fällen zu tun. Sie haben es ja vorhin beschrieben, mit dem Zoll, mit der Polizei und so, die zumindest verdachtsmäßig illegal sind, die irgendwie von Schleusern organisiert worden sind. Das sind schon auch kriminelle Strukturen, mit denen Sie da dann zu tun haben. Genau, man muss aber halt ganz klar unterscheiden: Schleusung ist nicht gleich Menschenhandel. Also es gibt auch Personen, die sich gezielt schleusen lassen, also die zahlen den Schleuser und ihr Zielland ist dann irgendwo in Europa, Deutschland, Österreich oder wo auch immer. Und dann passiert aber erst mal nichts mehr. Aber bei den Menschen, über die wir reden, die haben ja gezielt Arbeitsvermittler kontaktiert. Und es wird über asiatische Plattformen da Arbeitsanzeigen vorgegaukelt. Eigentlich werden Angebote gemacht oder mittlerweile auch viel über die Fachkräfteanwerbung, dass zum Teil Jobs versprochen werden oder andere Jobs versprochen werden, nur damit man ein Fachkräftevisum bekommt und dann aber man hier irgendwo im Nagelstudio verschwindet. Und man aber ein Visum hat, aber überhaupt nicht fürs Nagelstudio, sondern für die Pflege oder für welchen Bereich als Fachkraft halt immer. Und das ist gerade unsere große Schwierigkeit, dass sie vielleicht erst mal ein Visum haben, aber überhaupt dann nicht wissen, dass sie mit diesem Visum nicht im Nagelstudio arbeiten dürfen. Ja, dass es dann trotzdem illegal ist. Und deshalb muss man ganz klar zwischen Schleusung und Menschenhandel unterscheiden. Ist ein bisschen schwer, ich weiß, aber beim Menschenhandel gehört halt noch die List dazu. Also das Ausbeuten, das Ausnutzen und auch selbst wenn sie ein geringes Gehalt kriegen, ist es nicht okay. Ja, also wir haben in Deutschland einen Mindestlohn und danach muss man natürlich bezahlt werden, auch in einem Nagelstudio. Und dann ist ja diese Abhängigkeit, was den Menschenhandel ausmacht. Wenn ich vielleicht meinen Pass nicht habe, wenn ich vielleicht nicht legal hier bin oder über ein anderes EU-Land mit einem anderen Visum eingereist bin und damit werde ich unter Druck gesetzt. Und erst dann kommen wir in den Bereich Menschenhandel.
Schleusung und Menschenhandel in der Praxis
Das heißt aber auch, Sie haben sowohl mit Schleusung als auch mit Menschenhandel zu tun dann in Ihrer Arbeit. Genau, haben wir. Schleusung ist immer ein bisschen schwieriger in den Opferrechten, weil Betroffene ja vielleicht hätten wissen müssen, in welche Situationen sie sich dort begeben. Das ist strafrechtlich ein bisschen kompliziert, ja, weil als Betroffener vom Menschenhandel hat man andere Rechte. Also ich habe andere Aufenthaltsrechte. Wenn ich mit den Behörden kooperiere, habe ich ein Recht auf einen Aufenthalt und auf Recht auf Integration. Und die Fachberatungsstellen können so die Betroffenen dann auch finanzieren und Sprachkurse und Krankenversicherungen halt anbieten. Und wenn ich mich schleusen lasse, also bewusst geschleust werde, habe ich diese Opferrechte halt nicht. Ja, dann muss ich den Menschenhandel, also wenn es kann, ja sein, dass der Menschenhandel irgendwann dazukommt. Das ist aber schwer an der Nachweisbarkeit.
Ausbeutung im Alltag
Die Sozialpädagogin Claudia Robbe vom Stuttgarter Fraueninformationszentrum FIZ beim Podcast Radio detektor.fm und wir sprechen in dieser Folge noch weiter darüber, wie die Ausbeutung im Alltag von Betroffenen aussehen kann und warum es für sie so schwer ist, aus dieser Situation auch wieder rauszukommen und was möglicherweise auch ein neues Gesetz in Zukunft daran ändern könnte. Frau Robbe, jetzt haben Sie schon so ein paar Herausforderungen, würde ich sagen, angesprochen. Wie ist das denn jetzt mal ganz pragmatisch auch mit der Sprache? Ich nehme mal an, Sie können jetzt auch nicht so gut Vietnamesisch. Nee, tatsächlich ist Vietnamesisch eine große Herausforderung, auch in der Beratung, weil man auch sehr aufpassen muss, wenn man eine Sprachmittlerin mit dazu zieht, dass die aus einer anderen Community kommt. Ja, weil man muss ja erstmal Vertrauen haben und die Betroffenen haben ganz, ganz große Angst, dass Informationen nicht nur an die Polizei, an den Vermittler oder an die Jobvermittler kommen. Und da muss man sehr aufpassen.
Kooperation und Vertrauen
Sie haben es gerade schon beschrieben, viele, gerade Vietnamesinnen entscheiden sich auch aktiv oder träumen davon, irgendwie in Europa, in Deutschland sich irgendwie ein Leben aufzubauen und sind deswegen vielleicht auch nicht so kooperationswillig, weil sie natürlich das Land auch nicht verlassen wollen. Wie gehen Sie denn da vor? Also wie muss ich mir Ihre Arbeit vorstellen? Es ist total schwer. Es sind wenige, die länger mit uns kooperieren. Viele von denen, die wir bei Kontrollen antreffen, bleiben zwei, drei oder vier Tage und dann ist die Gefahr groß, dass sie wieder in die Netzwerke geraten, weil sie vielleicht doch noch irgendwo ein Handy haben oder sich die eine Handynummer eingeprägt haben zu der Kontaktperson und dann wieder Kontakt aufnehmen, um doch wieder zu arbeiten, weil sie einfach zu viel Angst haben. Und wir, es gibt zwar die Opferrechte, aber wir können keine hundertprozentige Garantie geben, dass das immer so funktioniert, wie es im Gesetz steht. Ja, es kann auch sein, dass der Aufenthalt nach einem halben Jahr ausläuft oder dass die Verfahren eingestellt werden und dann haben Betroffene halt nichts und wir können nur eine Rückkehrberatung machen. Und das ist ja genau das, was Betroffene nicht wollen, weil sie aus einer wirtschaftlichen Notsituation oder aus einer anderen Bedrohungssituation aus ihrem Herkunftsland, also Vietnam, nach Europa geflohen sind.
Rückkehr und Druck
Das heißt, jetzt mal zu gespitz gesagt: Wenn sie mit Ihnen kooperieren, ist es eigentlich sogar fast gefährlicher, weil sie dann wieder zurück müssen nach Vietnam, wenn die Verfahren eingestellt werden. Eigentlich ja. Ist das auch die Erklärung dafür, dass sie viele eben dann in die Strukturen doch auch wieder zurückgehen, die zumindest problematisch sind, wie Sie es gerade ja beschrieben haben? Das ist vielleicht ein Grund. Ein anderer Grund ist tatsächlich die Kultur. Vietnamesen sind, also ich würde es mal zu gespitz sagen, alleine nicht lebensfähig. Sie kommen aus einer ganz anderen Kultur, aus einer Gemeinschaft. Und in Vietnam ist es so, alleine zählt der Mensch nichts. Man ist in einer Familie, in einer Großfamilie. Das Dorf ist die Familie. Und das ist ja auch oft so, dass die alle zusammengelegt haben, damit es für die Reise nach Europa reicht, fürs Visum und für den Flug. Und das ist ein Grund. Ich kann meine Familie nicht enttäuschen. Und ein anderer Grund ist, also gerade bei Vietnamesen, wir reden hier von einer Betroffenengruppe, oft 30 Jahre plus. Also bei anderen betroffenen Gruppen, also andere Länder, sind wir eher in einem Alter von 20, 21, 25. Ist es bei Vietnamesen oder Asiaten allgemein, sind die eher älter. Und das heißt, die haben vielleicht eigene Kinder im Herkunftsland und versorgen die von hier aus. Auch wenn sie ausgebeutet werden, schicken sie immer noch Geld nach Hause, um Kinder oder oft dann ihre Eltern zu versorgen. Und das ist der größte Druck, den sie haben, um in die Strukturen zurückzugehen.
Problematische Nagelstudios
Jetzt muss man natürlich ganz deutlich dazu sagen, dass nicht jedes Nagelstudio, wo Vietnamesinnen oder Vietnamesen arbeiten, auch problematisch ist oder problematisch sein muss. Können Sie denn trotzdem generell einschätzen, wie hoch die Quote ist? Also wie oft ist es so, dass Sie feststellen, das ist aber irgendwie problematisch? Also ich glaube, es kommt aufs Bundesland an und wie viele Nagelstudios gibt es. Also es gibt auch keine Checkliste, wenn ich ein Nagelstudio besuche, woran erkenne ich denn, ob die Vietnamesin jetzt ausgebeutet wird oder ob sie es freiwillig macht oder was auch immer. Also ich kann natürlich als Kundin so ein bisschen meine Augen aufhalten. Also wer nimmt das Geld? Wer bespricht, was ich denn möchte? Also mit wem mache ich meinen Termin? Und sieht man irgendwas so im Hinterzimmer? Sind da Schlafmöglichkeiten oder ja, so ein bisschen, wie ist die Person so drauf? Redet sie mit mir oder kann sie gerade so sagen, was das kostet? Und hält mir sonst nur das Angebot auf dem Papier, schiebt sie es mir rüber? Und es sind so Indizien, sind das auch so Klassiker wie, weiß ich nicht, mit Karte zahlen oder nur bar oder so? Oder ist das nicht mehr aktuell? Tatsächlich, bar zahlen wäre so ein Indiz, weil ja, Stichwort Schwarzgeld. Ja, aber nicht überall ist das Internet so gut. Könnte auch ein Grund sein, ja. Aber es wäre ein Indiz, tatsächlich.
Zwangsarbeit und andere Jobs
Jetzt sagen Sie in der brand eins, dass es tatsächlich auch oft so ist, dass die Frauen, wenn sie dann gezwungen werden, beispielsweise im Nagelstudio zu arbeiten, dass sie nicht ausschließlich dort arbeiten, sondern auch noch in anderen Jobs arbeiten. Warum ist das typisch? Genau, es kann gut sein. Das kann nicht nur sein. Es ist häufig so, dass sie tagsüber zu den Öffnungszeiten von dem Nagelstudio im Nagelstudio sind. Und wir erleben immer wieder Fälle, wo Frauen dann in der Prostitution tätig sein müssen, wenn das Nagelstudio nicht geöffnet ist, vielleicht am Sonntag oder außerhalb der Öffnungszeiten. Oder auch bei Männern, die ja auch häufig in den Nagelstudios arbeiten, in Restaurants, also in den Küchen, Spezialitätenrestaurants oder so, dann arbeiten müssen, weil freie Tage gibt es eigentlich nicht. Und das Schlimme ist oft diese 24/7 Abrufbarkeit der Person, dass sie halt bereit sein müssen, wenn es entweder einen Kunden gibt im Nagelstudio oder in der Sexarbeit. Also wenn sie zur Prostitution gezwungen werden.
Motivation in der Arbeit
Wenn Sie das alles so beschreiben und man das alles so, ich sag mal so puzzelmäßig zusammensetzt, dann klingt das ja wirklich auch ziemlich frustrierend. Wie motivieren Sie sich denn, diese Arbeit zu machen? Ja, tatsächlich. Ich bin oft mit den Ermittlungsbehörden gemeinsam frustriert, wenn irgendwie nichts mehr vorangeht oder wenn wir vielleicht gute Zeugenaussagen bekommen haben und Betroffene auch den ersten Schritt gehen und dann aber vielleicht die Ermittlungsbehörden sagen, reicht uns nicht oder der Tatort ist vielleicht woanders, andere Staatsanwaltschaft zuständig. Das ist manchmal schon ein bisschen frustrierend für uns alle. Aber es gibt ja auch viel positive Sachen in unserer Beratungspraxis, die uns dann einfach weitermachen lassen. Es gibt ja nicht nur negative Fälle, es gibt ja auch viele, die positiv ausgehen. Vielleicht nicht unbedingt bei den Vietnamesen, aber bei anderen Betroffenen.
Herausforderungen und Lösungen
Die Sozialpädagogin Claudia Robbe im brand eins Podcast und wir sprechen gleich noch weiter über die Vietnamesinnen. Frau Robbe, Sie haben es gerade angesprochen, es gibt auch in anderen Bereichen häufiger positive Erlebnisse. Was müsste dann geändert werden, um es mal konkret zu machen, damit beispielsweise die Frauen nicht nach zwei, drei Tagen wieder abhauen und dann in dieselben Strukturen wieder zurückgehen, wo sie der Zoll vielleicht gerade erst rausgeholt hat? Also es ist immer schwer zu sagen. Ich bin ja auch Vorständin im KOK, das ist der deutschlandweite Koordinierungskreis für die Fachberatungsstellen Betroffene von Menschenhandel in Deutschland und der mittlerweile dann auch jetzt der Focal Point ist in Deutschland, gemeinsam mit dem BKA. Wir fordern natürlich immer so ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für Betroffene von Menschenhandel. Also das heißt, ein Aufenthaltsrecht unabhängig vom Strafverfahren. Also wenn eine Betroffene sich äußert, dass sie Opfer von Menschenhandel geworden ist, dass es dann nicht abhängig ist, an welche Ermittlungsbehörden ich gerate und wie viele Kapazitäten die vielleicht auch haben und wie lange so ein Ermittlungsverfahren dauert.
Reformen und Herausforderungen
Also jetzt vielleicht mal unabhängig von den Vietnamesen. Ermittlungsverfahren im Arbeitsrecht. Also wirklich, ich habe von zehn Jahren bis fünf Jahren, bis es mal zu einem Strafverfahren kommt, ja, wo ich Betroffene begleite. Also die Kontrolle war vor zehn Jahren und das Strafverfahren oder das Gerichtsverfahren hat dann erst zehn Jahre später angefangen. Und dass Betroffene in der Zeit also nicht nur verdrängen und vergessen, was ihnen passiert ist, aber auch irgendwann ihr Leben weiterleben müssen. Sie müssen Geld verdienen und vielleicht nicht mehr da sind, wo die Ermittlungsbehörden sie brauchen. Ist auch klar, oder? Na, das klingt ja auf jeden Fall so. Auch in dem, was Sie vorhin beschrieben haben, dass ich sage mal, wenn Sie mit ihnen zusammenarbeiten, eigentlich sozusagen größere Gefahren eingehen als andersrum. Müsste man ja darüber nachdenken, wenn man jetzt mal von so einer Außenperspektive drauf schaut, wie man das umdreht und sagt, eigentlich schaffen wir hier eine größere Sicherheit für die Frauen.
Schutz und Stabilisierung
Ja, wir sind schon bemüht, auch geschützt unterzubringen. Ja, und wir brauchen am Anfang, also es gibt ja in Deutschland die Bedenk- und Stabilisierungsfrist für Betroffene. Und kann ich dann nur sagen, für Baden-Württemberg, da funktioniert es ganz gut. Es gibt andere Bundesländer, da ist es ein bisschen schwieriger, dass Betroffene erst mal überlegen können, was will ich, was brauche ich und vor allem, was total wichtig ist, stabilisieren sich. Stabilisieren können. Weil wenn sie in so einer Ausbeutungssituation waren und physische Gewalt vielleicht erlebt haben, also eher psychische Gewalt, physisch ist selten, ja, aber auch physische Gewalt, also den Druck auszuhalten, Bedrohung auszuhalten, dann brauche ich erst mal eine gewisse Zeit, um Vertrauen aufzubauen und mich selbst wieder zu stabilisieren. Und wir haben ja seit 2024 ist ja das Opferentschädigungsrecht, also jetzt das heutige SER 14 verändert worden und damit haben ja auch diese Betroffenen einen Zugang und die Dolmetscher Kosten werden mitfinanziert. Und das ist ein super Plus für die Betroffenen, dass sie sich erst mal stabilisieren können. Aber nichtsdestotrotz kommt dann noch der lange Weg auszusagen, wenn es überhaupt zu einem Verfahren kommt.
Reform des Straftatbestandes
Seit Ende Mai dieses Jahres, also 2026, gibt es ja auch noch die Reform des Straftatbestandes Menschenhandel. Das bedeutet, dass sich Kundinnen und Kunden, die wissentlich Dienstleistungen von Betroffenen nutzen, strafbar machen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Fortschritt? Hilft das? Also wir hatten davor auch schon die freie Bestrafung. Das Problem wird auch jetzt wieder sein, die Nachweisbarkeit. Das ist immer eine große Herausforderung für die Ermittlungsbehörden. Aber ich glaube, es ist positiv für Betroffene, weil wir vielleicht auch mehr in der Prävention tun können. Also wir müssen mehr in der Prävention tun, dass wir auch mehr aufklären müssen. Also ja, auch Täter, die Angebote in Anspruch nehmen. Ich finde es immer ein bisschen schwierig im Bereich Nagelstudios, weil wie identifiziere ich? Wir hatten das ja vorhin schon mal. Wie erkenne ich, dass jemand ausgebeutet wird? Was ja auch für andere Branchen eine große Herausforderung ist. Aber auch wenn jemand zur Prostitution gezwungen wird, also eine Vietnamesin, die in der Sexarbeit tätig sein muss. Woher weiß ich denn, dass sie das muss? Es steht ihr nicht auf der Stirn. Es ist ein Schritt nach vorn. Wir brauchen aber erst mal ein paar Verfahren, damit wir gucken, in welche Richtung es geht juristisch.
Ausblick auf die Zukunft
Jetzt haben Sie angesprochen, dass das Phänomen mit den Nagelstudios noch relativ neu ist. In der brand eins ist auch so ein bisschen die Rede davon, dass sich das nach Corona irgendwie verschärft hat, weil da viele klassische Nagelstudios auch zugemacht haben und teilweise eben Ketten mit vietnamesischen Besitzerinnen übernommen haben. Was macht Sie denn zuversichtlich, dass das in den nächsten Jahren vielleicht besser funktionieren kann? Welche Form von, Sie haben es gerade Prävention genannt, würde denn da aus Ihrer Sicht helfen? Ja, es gibt mittlerweile auch Spezialdezernate beim Zoll. Also natürlich Kontrolle ist nicht das Allheilmittel, aber sie können helfen, um Betroffene auch zu identifizieren. Die Zollbeamtinnen werden ja gesondert geschult. Es gibt digitale Schulungen, also wie kann ich Betroffene identifizieren, sodass einfach auf allen Wegen mehr sensibilisiert wird und der Bereich Menschenhandel auch immer mehr jetzt wieder in die Öffentlichkeit gerät, indem ja auch Deutschland den nationalen Aktionsplan umsetzen muss und auch das Gewalthilfetelefon immer mehr Kampagnen zum Bereich Menschenhandel macht, unter anderem auch Arbeitsausbeutung.
Fachberatungsstellen und Herausforderungen
Und auch die Fachberatungsstellen sind im Moment noch sehr konstant in Deutschland. Im Moment gibt es noch in jedem Bundesland eine Fachberatungsstelle für Frauen. Schwieriger ist es da schon, wenn Männer Opfer werden von Menschenhandel, da eine gute oder eine Fachberatungsstelle zu finden, weil viele spezialisiert sind auf Frauen und auch finanziert sind für Frauen und Männer nicht unterbringen oder beraten dürfen. Und was ich aus Ihren Schilderungen auch heraushöre, ist, dass wahrscheinlich Sie und der Zoll und allgemein die, ich sag mal, unterstützenden Stellen eigentlich auch einen besseren Draht in die vietnamesischen Communities bräuchten. Ja, tatsächlich, wir haben das vor Ort immer mal wieder versucht. Also wir haben einen ganz guten Zugang über Hilfsangebote, zum Beispiel die Malteser Migrantenmedizin, die es ja in verschiedenen Bundesländern gibt, wo man sich medizinische Unterstützung oder medizinisches Angebot holen kann, wenn man keine Krankenversicherung hat oder illegal ist oder vielleicht auch einen Arbeitsunfall hatte und nicht weiß, wohin, weil ich möchte nicht in die Notaufnahme, weil ich ja nicht identifiziert werden möchte.
Zugang zu Hilfsangeboten
Und mit den Kollegen arbeiten wir ganz eng zusammen, sodass wir da auch eine ganz niedrigschwellige Beratung anbieten können. Und so versuchen wir niedrigschwellig in die unterschiedlichsten vietnamesischen Communities zu kommen, was natürlich schwierig ist in den unterschiedlichen Bundesländern. Also gucken Sie nur nach Berlin. Ja, also viele, die bei uns nach zwei, drei Tagen wieder weg sind und wir finden dann immer mal noch so ein Ticket oder eine Kopie von irgendeiner E-Mail oder von irgendeiner Telefonnummer, führt ganz oft nach Berlin. Da scheint eine größere vietnamesische Community einfach zu sein, die da mehr Strukturen hat. Ja, das sieht man auch beim BKA. Im Lagebild kann man das ja ganz gut sehen. Gucken Sie sich mal die verschiedenen Verfahren an und betroffenen Gruppen. Berlin spielt ja immer eine ganz große Rolle. Und natürlich wahrscheinlich auch die deutsch-deutsche Geschichte. Die vietnamesischen Vertragsarbeiter der DDR sind ja Teil der deutschen Geschichte. Genau, also tatsächlich Berlin und dann, wenn man in die neuen Bundesländer guckt, die Kolleginnen aus Sachsen berichten das halt auch immer wieder. Also ja, oder Brandenburg, so an der Grenze zu den anderen EU-Ländern. Aber nichtsdestotrotz kommen sie in den Süden, also in die südlichen Bundesländer, Bayern, Baden-Württemberg, aber auch NRW, viele Nagelstudios, Spezialitätenrestaurants. Hat wahrscheinlich auch was mit der wirtschaftlichen Situation zu tun, dass man hier mit den Nagelstudios immer noch ein bisschen mehr Geld verdient oder akquirieren kann, wie vielleicht in dem einen oder anderen Bundesland.
Claudia Robbe vom Fraueninformationszentrum FIZ aus Stuttgart im brand eins Podcast. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch und auch für die Einblicke in eine Welt, die, glaube ich, viele unserer Hörerinnen und Hörer so gar nicht kennen. Dankeschön.
Den ausführlichen Artikel „Der Preis der schönen Hände“ von Julia Lauter findet ihr im brand eins Magazin zum Thema Schönheit auf Seite 78. Und den Link zum Artikel, wie auch zum gesamten Magazin mit weiteren lesenswerten Artikeln und Gedanken, packen wir euch in die Shownotes.
In eurer Podcast-App findet ihr auch die beiden schon erschienen Episoden mit Elisabeth Lechner und Rabia Weiser zum Thema Schönheit. Hört da gern mal rein, falls ihr das nicht eh schon gemacht haben solltet. Und schön wäre es, wenn euch der brand eins Podcast gefällt, wenn ihr ihn einer Freundin oder einem Freund empfehlt oder auch einer Kollegin oder einem Kollegen.
Denn wie wir hören, gibt es immer wieder Menschen, die uns von Woche zu Woche noch neu entdecken, diesen gemeinsamen Podcast hier von brand eins und dem Podcast Radio detektor.fm. Und eine Empfehlung im Freundes- oder Bekanntenkreis, die hilft uns auf jeden Fall deutlich deutlich mehr zu wachsen, besser zu werden und noch mehr von dem zu machen, was wir hier jede Woche machen.
Und solltet ihr euch im Vorfeld der Landtagswahlen mit Sachsen-Anhalt beschäftigen wollen, auch ein Land in den ostdeutschen Bundesländern, dann lege ich euch unseren Newsletter und Podcast „Dazwischen“ ans Herz. Denn darin setzen wir uns mit ganz unterschiedlichen Themen auseinander, die momentan und auch nach der Wahl für Sachsen-Anhalt wichtig sein werden.
Und ihr hört dort Menschen, die sich vor Ort für die Demokratie einsetzen und engagieren. Und dementsprechend kleiner Tipp von mir, hört gern mal rein in „Dazwischen“, ein Podcast aus dem Haus detektor.fm, genau wie dieser Podcast hier.
Und es wäre auf jeden Fall schön, wenn wir uns kommende Woche in der nächsten Episode hier im brand eins Podcast wiederhören. Ihr seht wahrscheinlich die nächste Episode. In diesem Sinne, gern bis dahin.
Der brand eins Podcast. Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor fm. Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert.