Schönheit und Macht
Schönheit ist immer eine Frage des Geschmacks. Na, nicht unbedingt. Oder sagen wir mal so: nicht nur. Denn Schönheit ist auch ein System und außerdem eine Frage von Macht. Wieso, weshalb, warum? Das erkunden wir in dieser Episode und in den nächsten Wochen hier in unserer Reihe zum Thema Schönheit. Schön, dass ihr dabei seid! Ich bin Christian Bollert und da gehen wir mal rein. Der Brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken.
Schönheitsideale und ihre Auswirkungen
Wer gut aussieht, gilt meist auch als diszipliniert, erfolgreich, begehrenswert und gesund. Wer hingegen nicht in dieses Bild passt, bekommt oft das Gegenteil zugeschrieben: zu viel, zu laut, zu alt, zu dick, zu queer, zu sichtbar oder auch vielleicht nicht sichtbar genug. Schönheit wirkt viel tiefer in unseren Alltag hinein, als es für viele von uns auf den ersten Blick so scheint. Denn es geht um Zugehörigkeit, um Arbeit, um Anerkennung, um Geschlecht, Herkunft, Alter, Behinderung und um Macht.
Ich habe es schon angesprochen: Denn Schönheitsideale entstehen nicht zufällig. Sie werden genutzt, geprägt, verkauft, gefiltert, algorithmisch verstärkt und politisch aufgeladen. Elisabeth Lechner hat in Wien Anglistik und Slavistik studiert und zu ekligen weiblichen Körpern, Pop-Feminismus und digitalen Aktivismen promoviert. Sie beschäftigt sich also schon seit vielen Jahren mit verschiedenen Aspekten des Themas Schönheit.
Mittlerweile lehrt und forscht sie an der Universität Wien an der Schnittstelle von Literatur und Kulturwissenschaft, Popkulturstudien, feministischer Medienwissenschaft, Gender und Body Studies. Außerdem publiziert sie wissenschaftlich und essayistisch und gibt Workshops zu Medienkompetenz, Feminismus, Body Positivity, Body Shaming und Lokismus.
Politische Dimension der Schönheit
Sprechen wir also über Körper und Schönheit. Servus nach Wien und herzlich willkommen im Brand eins Podcast, Frau Lechner. Ja, hallo, vielen Dank für die Einladung. Ist denn Schönheit politisch? Ja, ich würde sagen, zutiefst. Und die Hauptgründe dafür wurden in der Einleitung ja schon gut aufgezählt.
Also wenn mir gesagt wird, Schönheit sei ein oberflächliches Thema, gerne auch noch mit dem Nachsatz, dass ich ja wohl nur Frauen betreffe, dann würde ich sehr schnell kontern, dass wir es, wenn wir über Schönheit nachdenken und versuchen, Schönheit in unserer heutigen Gesellschaft vor allem zu verstehen, sehr schnell mit Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus konfrontiert sind und den Machtstrukturen, die das was wir für schön halten, eigentlich bestimmen.
Das heißt, ich glaube, da handelt es sich gar nicht um oberflächliche Fragen. Und vielleicht einleitend noch: Ich versuche auch immer mehr, von Schönheit als Problem für Partizipation und Demokratie zu sprechen, weil Menschen, die immer nur das Gefühl bekommen, nie genug zu sein, immer falsch zu sein mit ihrem Körper, also nicht akzeptabel zu sein, sich ganz oft aus gesellschaftlichen Zusammenhängen zurückziehen.
Und ich glaube, das können wir uns in einer Zeit mehrfacher Krisen auf keinen Fall leisten, all diese Menschen mit ihren Potenzialen zu verlieren.
Ungleichheiten und Schönheitsnormen
Warum ist das denn so? Ja, ich denke, weil die Nachteile, also es handelt sich, würde ich hier eingangs betonen, jedenfalls nicht um eine individuelle Form von Eitelkeit oder um eine Schwäche, dass man diesem Druck nicht standhalten kann, sondern zutiefst in unsere Gesellschaft eingeschriebene Strukturen, die dazu führen, dass der junge, dünne, weiße Körper als die Norm gilt, mit der sehr viele Vorteile hinhergehen, wirklich in allen Lebenslagen.
Das bedeutet ganz offensichtlich, zum Beispiel bei der Partnerinnensuche ganz krass, aber auch am Arbeitsmarkt, bei der Gesundheitsversorgung, schon im Bildungssystem, bei der Wohnungsvergabe, sogar bei Gerichtsprozessen gibt es Studien aus den USA, die belegen, dass jene Menschen, die als Norm schön gelten, die gelinderen Strafen bekommen, während all jene, die als hässlich oder gar eklig gelten, Nachteile in eben jenen Bereichen haben.
Und damit ist es dann der Wunsch, nach Normschönheit zu streben oder ihr zumindest näher zu kommen, absolut kein Eitelkeitsprojekt, sondern ganz oft eigentlich der Wunsch dazu zu gehören, in der Masse unterzugehen und dieses Privileg der Unsichtbarkeit zu erhalten. Also dieses X vom eigenen Rücken wegzunehmen, dass man als anders positioniert wird und als vermeintlich falsch.
Die Rolle der Schönheitsindustrie
Wo kommt denn dieses X her? Wer produziert das denn? Das ist natürlich eine große und ganz schwierige Frage. Da wirken unterschiedliche AkteurInnen zusammen. Ich meine, ganz offensichtlich ist die Schönheitsindustrie zu nennen, die immer neue Unsicherheiten, immer neue sogenannte Problemzonen schafft, um immer neue Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen.
Also man braucht sich nur anschauen, welche Körperteile immer wieder neu beschämt werden, wo man gar nicht drauf kommt, dass die ein Problem sein könnten. Aber so wird das sehr gerne dann dargestellt. Darüber hinaus haben natürlich aber auch die großen Erzählungen, die unsere Gesellschaft prägen, einen Einfluss.
Wenn wir uns ansehen, in der Popkultur, wer hat da die Rolle des Protagonisten, der Protagonistin? Wer hat das glückliche Leben und bekommt ganz klassisch in der Rom-Com, in der Romantic Comedy, wer hat dann das Happy End und wer ist vielleicht in dem Fall die dicke Freundin, die daneben steht, stolpert, über die man lacht und der dieser Rolle eben fast nie zukommt.
Und das heißt, es ist absolut kein Wunder, unserer Sozialisierung gemäß, dass man nach bestimmten Idealen strebt.
Konsumverhalten und Körperwahrnehmung
Stimmt denn auch diese These, dass wir, wenn wir unzufrieden sind, mehr kaufen? Ich könnte da jetzt keine empirischen Daten nennen, aber ich denke, dass sozusagen das, was ganz gemeinhin auf sozialen Medien „Retail Therapy“ genannt wird, also der Wunsch, bestimmten Mängeln mit dem Kauf von Produkten zu begegnen, auf jeden Fall unzugeriert wird als ein Lösungsweg.
Also wenn man sich Werbungen ansieht, dann strebt man ja nicht nur danach, dieses Produkt zu besitzen, sondern alles, was mit dem Produkt zusammenhängt. Also Anerkennung, Erfolg in Anbahnung von Beziehungen, Erfolg im Beruf etc. etc.
Ja, aber wenn man sich mal so anguckt, was die Kosmetik- und Schönheitsindustrie so allgemein verkauft, dann ist es ja eben nicht direkt Schönheit, sondern Lösung für Probleme: Verhalten, Körper, Haare, Gewicht, Haut, Alter, Beruf. Sie haben es angesprochen. Also vielleicht ist Charme doch so eine Art Geschäftsmodell.
Ja, jedenfalls. Genau, das würde ich sagen, dass die Beschämung, die aktive Beschämung von immer neuen Körperteilen, also die Parzellierung des Körpers in immer kleinere Regionen, dass man den Körper also gar nicht als Ganzes wahrnimmt und sieht dafür und wahrnimmt, dafür was er eigentlich leistet, dass er uns Zugang zur Welt ermöglicht, sondern wirklich nur als Rohstoff zur Selbstoptimierung und als Oberfläche, aus der man doch noch viel mehr herausholen könnte, so wird suggeriert.
Verantwortung und Medien
Ist es die individuelle Verantwortung? Das haben wir auf jeden Fall mit der Werbe- und Schönheitsindustrie. Sehen wir das immer stärker. Und in den letzten Jahren natürlich auch noch durch Filter und die Möglichkeiten, ganz viele Bilder von uns selbst zu machen mit Handykameras und diese auch noch nachzubearbeiten, sicherlich noch verstärkt.
Darauf werden wir sicher noch eingehen, auf die Rolle von Social Media und Algorithmen. Eines Ihrer bekanntesten Bücher heißt «Why it don’t diet». Was ist denn die Idee dahinter? Die Idee dahinter versuche ich im Untertitel auszudrücken, der heißt nämlich «Aufstand der widerspenstigen Körper».
Es ging mir darum auszudrücken, dass Schönheit, wie eingangs schon kurz angesprochen, nicht nur ein sehr lukratives Geschäftsmodell ist, sondern auch eine Form von patriarchaler Kontrolle, besonders über Frauenkörper, aber auch über queere Körper. Denn Schönheit ist auch ganz tief eingeschrieben das immer wieder Herstellen einer zweigeschlechtlichen Norm, in der es nur Frauen gibt und Männer, die einem bestimmten, sich komplementär ergänzenden Ideal zu entsprechen haben.
Solidarität und Körperfreiheit
Und die Idee ist, dass man versucht, all diese Unsicherheiten, die uns eingeredet werden, nicht in sich selbst zu suchen und mit eben jenen Produkten, die einem eingeredet werden, zu beheben, sondern vielmehr den Blick zu wechseln und in Richtung der Strukturen zu lenken, die uns diese Unsicherheit überhaupt erst einreden.
Das heißt, ich habe eigentlich versucht, mit diesem «Why it don’t diet» die Potenziale zu heben, die eine solidarische Schönheitsrevolution, wenn man das ein bisschen großkotzig formulieren möchte, vielleicht ja die sie freisetzen könnte.
Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Elisabeth Lechner beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir sprechen in dieser Episode noch weiter über möglicherweise solidarische Revolutionen und auch die Frage, was dieser Body-Positivity-Trend eigentlich ausgelöst hat.
Body Positivity und Kommerzialisierung
Frau Lechner, wenn man sich in den vergangenen Jahren mal das angeschaut hat, gerade Ende der 10er Jahre, dann konnte man ja schon den Eindruck gewinnen, dass gerade auch beispielsweise große Marken dieses ganze Thema Body Positivity doch durchaus für sich entdeckt haben. Im ersten Moment erschien das ja als Fortschritt, oder nicht? Das würde ich auch so sehen.
Also in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre haben wir den Höhepunkt der Body-Positivity-Bewegung erlebt, die, wie ich in meiner Forschung gerne sage, dem Prinzip der minimalen Abweichung eigentlich entsprochen hat. Damit möchte ich sagen, dass wir auch in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre trotz dieses wahrgenommenen Fortschritts jetzt nicht das Eldorado der radikalen Körperakzeptanz und der radikalen Inklusion gesehen haben, sondern wir haben gesehen, dass eine kommerziell verträgliche Vielfalt Raum gegriffen hat.
Das war im Vergleich zu den 2000er Jahren, in denen ich Teenager war, auch schon ein großer Fortschritt. Da gab es das nicht. Und da hatten natürlich auch soziale Medien und das Internet einen großen Beitrag dazu geleistet.
Gleichermaßen haben wir viel mehr gesehen, zum Beispiel von perfekten Plus-Size-Models mit der Sandu Figur, die einen großen Busen hatte, einen großen Hintern, aber einen ganz flachen Bauch, einen ganz schlanken Hals, ein schlankes Gesicht, die perfekte Schminke, die der heteronormativen Vorstellung einer attraktiven Frau entspricht: die langen Haare, natürlich keine Körperbehaarung.
Also alles, was irgendwie als anders wahrgenommen wurde, war unter Kontrolle. Nur durfte man ein bisschen, sofern man das Fett an den richtigen Stellen hatte, wie das gerne kommuniziert wurde, das durfte es sein. Und ich möchte nicht zu zynisch klingen, auch das waren Fortschritte und Repräsentation ist ganz wichtig.
Repräsentation und gesellschaftliche Veränderungen
Aus den US-Bewegungen kennt man dieses aktivistische Sprichwort: „You can’t be what you can’t see.“ Und ich glaube, es erinnern sich sicher viele ZuhörerInnen, als zum Beispiel das erste Mal Ariel schwarz war und Mädchen wirklich vorm Fernseher geweint haben und gesagt haben: „Wow, die hat dieselben Haare wie ich oder den selben Hautton wie ich.“ Das hat Vorstellungsräume ermöglicht.
Und wenn es jetzt nicht um Disney-Prinzessinnen geht, die im Meer herumschwimmen und dann den Prinzen abbekommen, sondern viel wichtiger noch um Frauen in politischen Führungsrollen, in gesellschaftlichen verantwortlichen Rollen, ist das natürlich noch sehr viel bedeutungstragender.
Aber es wundert mich persönlich nicht, dass das Pendel gerade in die andere Richtung zurückschlägt, weil eben nicht der Grundsatz radikaler Inklusion und Akzeptanz aller Körper in ihrem Da und So-Sein vorgeherrscht hat, sondern immer nur so viel möglich war, wie sich gerade noch verkauft hat.
Rückschläge in der Schönheitswahrnehmung
Und das heißt, es sind sehr viele Körper, die als vermeintlich zu eklig wahrgenommen wurden, weiterhin keineswegs gezeigt worden. Warum schlägt denn das Pendel seit ein paar Monaten zurück? Also beispielsweise, wenn man auf Laufstege guckt und so, ist ja wirklich wieder Skinny und so was voll angesagt. Ja, das kann ich absolut bestätigen.
Da gibt es auch von der Vogue einen Report. Also wir sehen gerade auf den Laufstegen wirklich gar keine Diversität mehr. Und auch in der Popkultur haben ganz sicher viele mitbekommen: Lizzo hat jetzt auch ihren Weight Release, nicht Weight Loss, also sie hat sich so befreit von ihrem Gewicht gepostet. Und sogar Serena Williams bewirbt jetzt Abnehmspritzen.
Also wir sehen, der Druck gerade auch auf schwarze Frauen muss wahnsinnig groß sein. Und ich würde sagen, die drei Hauptgründe, die man nennen kann, sind auf jeden Fall Entwicklungen rund um Filter und KI, also der Umstand, dass wir nur mit wahnsinnig perfekten Körpern und Gesichtern umgeben sind bei unseren Bildschirmen, Zeiten von mehreren Stunden am Tag, auf jeden Fall glaube ich, ist das ein wichtiger Rahmen dafür, wie wir unser eigenes Gesicht im Spiegel wahrnehmen.
Zweitens muss man die bereits kurz erwähnten Abnehmspritzen ins Rennen führen, die medizinisch, glaube ich, sehr ambivalent zu betrachten sind, jedenfalls aber in Sachen Körperpolitiken dazu geführt haben, dass ein dünnes Ideal wieder vorherrscht.
Und drittens, glaube ich, spielt dieses erstarrte, junge, fitte, weiße Ideal durchaus auch in die großen Erfolge rechtspopulistischer und rechtsradikaler Parteien hinein, deren Vorstellungen vom einzig akzeptablen Körper, gerade wenn es um Frauenkörper geht, sehr schnell auch verschwimmen damit, was als akzeptables Frauenleben gilt und wer nun als richtiger Körper gilt und nicht.
Gefahren und gesellschaftliche Strukturen
Und wir haben gerade auch in den USA gesehen, wie schnell sich das wirklich aktiv in Hass und Gewalt, zum Beispiel gegen queere Menschen, äußern kann. Aber auch ganz stark, das sei unbedingt explizit erwähnt, gegen Menschen mit Behinderungen richten kann. Und da ist man dann sehr schnell wieder in faschistischen Körperlogiken, obwohl ich mit diesem Begriff sehr vorsichtig umgehe.
Aber wenn Menschen, die einem bestimmten normativen Leistungsanspruch nicht genügen, als nicht akzeptabel gelten, dann sind wir sehr schnell in sehr gefährlichen Gewässern. Also würden Sie so weit gehen und sagen, dass dieser durchaus zu beobachtende politische Backlash, mindestens seit Trump 2, auch Folgen hat für die Schönheitsideale? Ja, genau das versuche ich zu sagen.
Ich sehe da Zusammenhänge, keine sofortigen Kausalen. Aber ich glaube, zum Beispiel, dass man das gut ausdrücken kann durch ein Beispiel. Es erinnern sich sicherlich ganz viele ZuhörerInnen an diese Werbung mit Sidney Sweeney, einer jungen, wahnsinnig schönen US-Schauspielerin, die eine Jeans-Werbung gemacht hat, bei der ein Wortspiel auf Englisch mit Genen und Jeans gemacht wurde.
Also: „Sidney Sweeney’s got good jeans.“ Das konnte man übersetzen als: „Sie hat coole Jeans an“ oder „sie hat gute Gene.“ Und dann würde ich dem jetzt nicht sofort eine eugenische Komponente zuschreiben.
Aber die Frage, wo sozusagen der Bruch ist, den die Werbung immer braucht, wo der Aufreger ist, der war in den letzten Jahren ganz woanders, nämlich dieses Spiel mit rechten Logiken, als er in den 2010er Jahren war. Da war der Bruch: Wir trauen uns, die kleine Speckrolle zu zeigen. Wir trauen uns auch, an Frauenkörpern die Körperbehaarung zu zeigen.
Während in den 2010er Jahren diese inklusive, immer noch kommerziell verträgliche, aber doch inklusive Grenzüberschreitung zentral war, sehen wir jetzt wieder ein Spiel mit der sehr exklusiven Norm. Und ich glaube, da sehen wir sehr gut, wie sich auch die Diskursräume verändert haben in den letzten Jahren.
Einfluss von Social Media und KI
Dann blicken wir auf den zweiten Aspekt, den Sie angesprochen haben: die Rolle von Filtern, Social Media, KI-generierten Bildern, möglicherweise aber auch so etwas relativ Profanen wie Videokonferenzen, wo wir alle ständig irgendwie uns selber sehen mittlerweile. Was macht das aus Ihrer Sicht in den letzten fünf, sechs Jahren?
Ja, das glaube ich, hat unseren Alltag sehr stark verändert, wie wir uns durch den Alltag bewegen, wie wir einander begegnen. Und ich bin jetzt wirklich kein Fan von einem Einbahnstraßenmodell von Mediennutzung, wo man sich ansieht: Okay, man sitzt vor dem Handy, man bekommt in so ganz kleinen Studien Bilder von perfekten Körpern gezeigt und dann kommt überraschenderweise raus, wenn man sich das zwei Stunden anschaut, dass man danach ein schlechteres Körperempfinden hat.
Also so ein einfaches Modell von Mediennutzung bin ich kein großer Fan, weil ich glaube, dass das sehr passive Nutzerinnen voraussetzt, auf die Inhalte nur so einprasseln und man kann gar nichts machen.
Also ich bin eine große Verfechterin von kritischer Medienkompetenz und einem kritisch-systemischen Verständnis von den Medien, auf denen wir uns bewegen und zu denen wir auch ganz aktiv selber beitragen.
Gleichermaßen, wenn unsere Bildschirmzeit sechs, acht, zehn, zwölf Stunden beträgt – ich habe wirklich in Schulen bei Workshops, die ich gemacht habe, schon alles gehört – dann wundert einen nicht, dass natürlich der eigene, notwendigerweise menschlich immer mangelhafte Körper, der mit dem einfach nicht mithalten kann, als ungenügend wahrgenommen wird.
Gesellschaftliche Herausforderungen und Lösungen
Es klingt ja wirklich so, als ob wir hier fast mit einem Perfect Storm zu tun haben. Also nehmen wir mal die Schlagwörter: Social Media, rechtspopulistischer Backlash und dann noch pharmazeutischer Fortschritt wie die Abnehmspritze. Das passt ja dann tatsächlich sehr gut in diese Erzählung.
Dann kann ich meinen Körper noch besser in diese Richtung bringen und so weiter. Und dann nehmen eben nicht nur Hollywoodstars irgendwelche Abnehmspritzen, sondern auch der Kollege um die Ecke. Absolut. Und ich denke, ja, ich würde sagen, das ist durchaus auch meine Analyse.
Die ist keinesfalls hoffnungslos, aber sie versucht durch einen pragmatischen Blick auf das, was uns begegnet, zuerst mal zu verstehen und dann daraus abzuleiten, wie wir Lösungen finden können.
Also ich glaube, mir ist ganz wichtig, noch hier zu betonen, weil die Hollywoodstars erwähnt wurden, dass die Frage danach, wer größere Möglichkeiten hat, den eigenen Körper entsprechend herrschender oder eigener Vorstellungen zuzurichten, natürlich diejenigen sind, die mehr Geld haben, ja, die mehr Zeit haben, die mehr Ressourcen haben.
Es sind immer diejenigen, die sehr privilegiert sind, die größere Möglichkeiten haben, den eigenen Körper zuzurichten, als jetzt beispielsweise eine alleinerziehende Mutter, die vielleicht nicht die Kinderbetreuung hat, um ins Fitnessstudio zu gehen, die sich nicht die Top-Bio-Lebensmittel leisten kann, weil sie einfach bei dieser verrückten Inflation viel zu teuer geworden sind, weil sie ohnehin schon mit dem Alltag struggelt und dementsprechend vermutlich nicht diesen Fokus auf die Optimierung ihres Körpers hat oder unter dem Druck, dem nicht zu genügen, dann noch stärker leidet, weil es ja einfach materiell nicht möglich ist.
Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Verantwortung
Also ich glaube, das ist noch eine ganz wichtige Komponente, die in der Analyse noch gefehlt hat, dass auf allen derselbe Druck lastet, einem bestimmten Ideal zu entsprechen, aber die Chancen, dem zumindest nahezukommen, je nachdem, was die eigene Ausgangslage ist, für manche sehr viel größer ist als für andere. Das ist noch eine zusätzliche Ungerechtigkeitskomponente.
Ja, das ist auch eine soziale Frage, weil klar, dann kann ich mir die Botox-Spritze nicht leisten für 250 oder 500 Euro immer wieder, weil Botox ist ja wie ein Abo-Modell von Schönheit. Absolut. Das muss man alle Quartale immer wieder auffrischen lassen.
Wege zur Veränderung
Elisabeth Lechner, Autorin des Sachbuchs «Why it don’t diet: Aufstand der widerspenstigen Körper» im Brand eins Podcast. Und hier geht’s gleich weiter. Frau Lechner, jetzt haben Sie schon angesprochen: Es gibt aber auch Sachen, die Ihnen Mut machen. Wie kommen wir denn vielleicht weiter? Wie können wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln aus Ihrer Perspektive?
Also wonach ich strebe, ist oder das Modell, das ich vorschlagen würde, ist überhaupt nicht, dass wir alle Körper in ihrer Schönheit abfeiern. Das kann durchaus in manchen Kontexten auch künstlerisch, politisch super relevant sein.
Aber ich wünsche mir eigentlich so einen Zugang von Körperfreiheit, Bodyfreedom, dass alle einfach sein können, wie sie sind. Das ist dem Prinzip der Bodyneutrality eigentlich entsprechend, die im Gegensatz zur Bodypositivity, die doch den Fokus auf das Schöne zu verschieben versucht und sagt: Ja, wir brauchen hier einen inklusiveren Schönheitsbegriff.
In einer Gesellschaft, die so stark aufgrund des Äußeren differenziert ist, das ist ein ganz wichtiger Schritt. Ich wünsche mir aber darüber hinaus, dass dieser große Druck wegfällt. Also auch wenn ich mit Jugendlichen arbeite, dann merkt man richtig: Die Pubertät ist ohnehin für die allermeisten eine herausfordernde Erfahrung, aber besonders Marginalisierte empfinden einen so riesigen Druck und haben dann nicht nur das Gefühl, nicht zur Party gehen zu können oder zum Schwimmbad, wo einem freudvolle gemeinsame Erfahrungen verloren gehen, sondern sich eben auch nicht zu melden für das Traumpraktikum.
Naja, so wird mir niemand zutrauen, Journalistin zu werden oder Ähnliches. Und ich denke, da gehen uns einfach Riesenpotenziale verloren.
Systemisches Verständnis und Solidarität
Und ich glaube, der erste zentrale Schritt um da hinzukommen, ist dieses systemische Verständnis von Schönheit als Geschäftsmodell, als Ausdruck patriarchaler Kontrolle und ein Verständnis davon, dass man nie individuell schlecht ist, nicht genügend, der Körper falsch wäre, sondern dass allen diese Unsicherheiten eingeredet werden und dass man, wenn man sich in Räumen von geteilter Verletzlichkeit begegnet, also versucht mal darüber zu sprechen: Wo fühlst du dich eigentlich unsicher? Gibt es da vielleicht Dinge, mit denen du auch haderst?
Darauf kommt, das betrifft alle. Und wenn alle sich hässlich finden, dann haben wir es ja wohl mit einem systemischen Problem zu tun. Und ich glaube, aus diesem Verständnis heraus können sich wunderbare Formen von gemeinsamen Boykotten, solidarischen Protesten und einfach einem gewissen Gefühl von, um es auf Wienerisch auszudrücken, Wurstigkeit ergeben, dass man vielleicht nicht sofort zu einer „Ich feiere meinen Körper rund um die Uhr“-Einstellung kommt, die glaube ich sowieso nicht haltbar ist auf die Dauer, sondern vielmehr einem: „Ja gut, jetzt habe ich ein paar Tage meine Beine nicht rasiert. Vielleicht auch nicht so wichtig.“
Räume für Handlungsfähigkeit
Vielleicht also diese Räume für Agency, für Handlungsfähigkeit, sich wieder zu erkämpfen und eben ganz wichtig, nicht alleine zu bleiben mit dieser Scham und dem Gefühl von Unzulänglichkeit, sondern sich mit anderen zusammenzutun.
Weil dann wird erstens die Last kleiner, die auf den Schultern lastet, und andererseits gewinnt man Handlungsspielräume zurück. Und ich glaube, das brauchen wir ganz dringend. Also ich sage mal erst mal gemeinsam Bewusstsein schaffen, um zu dieser Wurstigkeit zu kommen.
Auf jeden Fall, genau. Und da braucht es sehr viel Mut dafür, weil aus dieser Scham herauszutreten, die ja dazu führt, dass man ganz rot im Gesicht wird, vielleicht stottert, sein Gesicht wirklich verbergen will, man will eigentlich wirklich von der Erdoberfläche verschluckt werden.
Da muss man sich erst mal trauen zu sagen: „Das war jetzt schwer für mich.“ Besonders, zum Beispiel, das haben wir noch nicht erwähnt, auch Jungs leiden immer mehr unter dem Druck, zum Beispiel nicht muskulös genug zu sein.
Also auch so dieses Jugendwort „Lauch“, das kann eine ganz vernichtende Beschimpfung sein, weil es suggeriert, dass man eben nicht attraktiv genug ist, zum Beispiel eine Freundin zu bekommen, ein vernichtendes Urteil in diesen heteronormativen Erzählungen.
Oder weil es nicht genug ist, um Anerkennung zu bekommen in einer Jungsgruppe. Und dann ist es auch für Jungs noch schwieriger, darüber zu sprechen.
Verantwortung in der Gesellschaft
Das heißt, ich glaube, es braucht von allen, die die Möglichkeiten haben, solche Räume von geteilter Verletzlichkeit zu schaffen: LehrerInnen, alle Leute, die irgendwie pädagogisch arbeiten, auch Bewusstsein bei politischen Parteien und bei allen, die zum Beispiel Nachwuchsförderung machen, Mentoring.
All diese Menschen brauchen unbedingt ein Verständnis davon, wie ausschließend diese oberflächlichen Merkmale sein können und wie groß aber das Potenzial ist in dem Zusammenschluss von vielen, die sich als falsch wahrnehmen und die dann lernen, die Strukturen zu kritisieren, die uns das überhaupt erst einreden.
Nehmen wir mal an, wir schaffen das. Es gibt eine große gesellschaftliche Offenheit und Transparenz und viele legen da ihre Scham ab und reden darüber. Und es gibt ein Bewusstsein auch in Organisationen, die Sie gerade angesprochen haben, in der Schule, in den Parteien usw.
Handlungsspielräume
Was wären denn diese Handlungsspielräume, die Sie da andeuten? Ja, ich denke, dass dann alles möglich wäre. Also alles, was man sich verboten hat, dass man wirklich so die Vorstellungsräume auch ermöglicht. Also ich stelle mir das sehr viel weniger eingeschränkt vor.
Also ich habe das Gefühl, dass dieser große Druck oft dazu führt, dass man sich Dinge verbietet. Das beginnt über Dickenfeindlichkeit, haben wir explizit noch gar nicht gesprochen. Das ist ein Riesenthema. Aber das beginnt zum Beispiel dabei, dass man sich selbst als dicke Person oft dazu gezwungen fühlt, sich zu zensieren, was man isst in der Öffentlichkeit.
Man fühlt sich gezwungen, einen Salat zu essen, damit man nur ja als die Person wahrgenommen wird, die ohnehin ganz bewusste Entscheidungen für das Essen trifft. Oder dass man sich überlegt, welche Kleidung hier passend ist. Ja, dieser ganze Mental Load, das Nachdenken darüber, wie werde ich als zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch kompetent wahrgenommen?
Gesellschaftliche Erwartungen
Nur ja nicht zu kurz, nur ja nicht zu lang. Die Kleidung, wie soll die Schminke sein? Wie muss ich meine Haare machen? Also diese Vorstellungen von, wie entspreche ich einer Vorstellung von Professionalität, von akzeptiert werden und von ein Teil der Gesellschaft sein dürfen.
Ja, die sind, gerade wenn es um den Kontext Rassismus geht, zum Beispiel, es ist einfach eine unfassbare Ungerechtigkeit, dass schwarze Menschen wissen, wenn die Haare gekräuselt sind, wird man als professionell gelesen, als mit einem Afro. Warum ist das so?
Warum arbeiten wir nicht daran, Rassismen loszuwerden in den Köpfen der Menschen, anstatt Menschen dazu zu bringen, sich anzupassen an ein Ideal, dem man nie ganz entsprechen wird können? Und genau dieses Umdenken würde, glaube ich, sehr große Freiräume schaffen in wirklich allen Lebensbereichen.
Kleine Schritte
Wie können wir das denn vielleicht in kleinen Schritten auch schaffen? Also ich sage jetzt mal ganz platt, im Alltag diese Wurschtigkeit vielleicht hinzubekommen. Ja, also ich glaube, man kann durchaus austesten, was da möglich ist.
Und es wird unterschiedliche Handlungsspielräume je nach gesellschaftlicher Positioniertheit geben. Da gibt es von Brianne Farr ein ganz spannendes Experiment aus Australien, bei dem alle Studierenden, die bei dem Seminar mitgemacht haben, gefragt wurden, alle Körperbehaarung so wachsen zu lassen, wie sie ihnen eben wächst.
Und da gab es dann aus dem Umfeld unterschiedlicher Studierender sehr unterschiedliche Reaktionen. Also während es bei weißen Studentinnen so war, dass die Partner in Heterobeziehungen gesagt haben: „Na ja, ästhetisch weiß ich jetzt nicht“, war es zum Beispiel bei schwarzen und armutsbetroffenen TeilnehmerInnen so, dass das Umfeld wirklich gesagt hat: „Ich mache mir Sorgen um dich.
Wenn du deine Körperbehaarung nicht entfernst, machst du dich zur Zielscheibe“, weil eben diese großen, wirklich gewaltvollen Stereotype vorherrschen. Und ich denke, je nachdem, wie man positioniert ist – und das wissen, glaube ich, Menschen sehr, sehr genau – gibt es aber trotzdem immer Handlungsspielräume.
Umgang mit dem eigenen Körper
Und vor allem immer, wenn man nicht alleine ist. Also wirklich so mit den Freundinnen mal ausprobieren, was passiert, wenn man Haare nicht entfernt. Wirklich gar nichts. Oder sich einfach zu versuchen zu überlegen: Wie ist mein Verhältnis zu Essen?
Mir wird in allen Medien die ganze Zeit nur eingeredet: „Du musst dünner sein, du musst weniger essen. Wer braucht nicht noch die Abnehmspritze?“ Und wirklich zu überlegen: „Wow, vielleicht kann ich mir einen freieren Zugang zu Essen erarbeiten.
Vielleicht kann ich auch schwierige Inhalte aus sozialen Medien fernhalten und mir einfach einen Feed zusammenstellen, der mir alternative Beispiele von Umgang mit dem eigenen Körper vorlebt, der mir auch größere Freiheiten erlaubt und so weiter.
Also ich glaube, da sind der Fantasie in allen Bereichen keine Grenzen gesetzt. Und ich glaube, für den Alltag der wichtigste Tipp ist, dass man sich von diesen aussehensfokussierten Vorstellungen vom Körper versucht zu lösen, so gut es geht.
Wertschätzung des Körpers
Und ich möchte jetzt wirklich nicht so boomer-mäßig sagen: „Go out and touch some grass“, aber ich denke, ganz sinnvoll ist wirklich dieses Instun kommen, also fühlen und tun und den Körper lernen zu schätzen als Wahrnehmungsmaschine.
Und genau das Medium, das uns Zugang zur Welt ermöglicht, sei es in einem Chor, in einer Partei, in einer solidarischen Landwirtschaft, in einem künstlerischen Projekt, was immer einem selbst Freude und Erfüllung bringt, dass eben nicht dieses ewige Nachdenken über den Körper ist.
Was uns wirklich, glaube ich, konkret auch im Alltag verloren geht, ist einfach sehr viel Zeit, Geld und Ressourcen, die wir reinstecken in die Optimierung des Körpers, die wir anders auch nützen könnten.
Abschluss
Und dafür würde ich auf jeden Fall plädieren, sagt Elisabeth Lechner im brand eins Podcast. Und ich sage vielen Dank für das Gespräch und für die Impulse. Vielen Dank!
Diese Episode ist der Auftakt unserer Reihe Schönheit hier im Podcast. Und mit der Schönheit haben sich ja auch die Kolleginnen und Kollegen im brand eins Magazin sehr intensiv beschäftigt. Den Link zum Heft mit weiterführenden Artikeln und Gedanken findet ihr in den Show Notes.
Und schön wäre es, wenn ihr uns in eurer Lieblings-Podcast-App folgt, denn das Folgen ist eine der einfachsten und effektivsten Arten, unsere Arbeit hier zu unterstützen. Wir freuen uns auch über jede und jeden, die einen unabhängigen Podcatcher nutzen, so eine unabhängige Podcast-App, und das vielleicht auch mal ausprobieren.
Dazu zählen z. B. Castro, Overcast, Podcast Addict oder auch Pocketcasts. Und beim Aspekt Open Source wäre beispielsweise auch Antennapod eine gute Wahl.
Kommende Woche spreche ich dann mit der Journalistin und Buchautorin Rabia Weiser über den Unterschied zwischen schön und attraktiv und ob sich das überhaupt objektiv messen lässt. Also Attraktivität beispielsweise. Das versprechen ja mittlerweile einige Apps.
Das ist dann also nächste Woche unser Thema in der Reihe Schönheit. In diesem Sinne, gern bis dahin. Der brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm.
Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer in Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert.