Online Dating im Sommer 2026
Online Dating ist auch im Sommer 2026 ein Dauerthema. Seit Jahren heißt es ja, dass sich die meisten Paare online bei Bumble, Hinge, Tinder oder wie sie auch heißen, bei diesen Apps kennenlernen. Und gleichzeitig berichten viele Menschen, insbesondere Frauen, von einer großen Dating-Erschöpfung. Einer meiner Lieblingsaccounts auf Instagram, Jenny Jenster, gibt beispielsweise jede Woche donnerstags Männern Dating-Nachhilfe. Und das ist wirklich zum Schreien lustig. Vielleicht auch wegen dieser Enttäuschungen wollen uns einige der großen Dating-App-Anbieter gerade erklären, dass traditionelles Dating tot ist und alternative Formen, wie zum Beispiel Double Dates mit der besten Freundin oder mit dem besten Freund, jetzt die Rettung sein können.
Ich bin Christian Bollert, meine Hobbys sind Laufen, Radfahren und Lesen, und wir haben heute auf jeden Fall ein Podcast-Date. Der Brand1 Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Die von mir erwähnte Ernüchterung in Sachen Dating, die ist ja nicht neu. Schon Anfang 2023 haben wir beispielsweise hier im Podcast über die Tinder-Erschöpfung gesprochen. Meine Gesprächspartnerin ist damals Johanna Degen gewesen, und der Anlass war der 10. Geburtstag von Tinder. Der war da nämlich gerade erst kurz vorbei. Johanna Degen ist promovierte Sozialpsychologin und forscht an der Europa-Universität Flensburg zu den Themen Liebe und Dating. In einem der bis heute beliebtesten Gespräche dieses Podcasts hier geht es um zu viel Auswahl, zu viel Oberflächlichkeit und zu wenig echte Verbindungen.
Tinder und die Dating-Erschöpfung
Auch ein paar Jahre später ist Tinder immer noch die App mit den meisten Nutzenden in Deutschland. Neben der Dating-Erschöpfung sprechen einige Leute aber mittlerweile sogar bei einem Siebentel der Leute von einem Dating-Burnout. Demnach empfinden einige Leute bei der Partnersuche mit Apps starken Stress, Enttäuschung und Erschöpfung. Sie verlieren sogar den Glauben daran, überhaupt erfolgreich daten zu können. Aus all diesen Gründen ist es aus unserer Sicht im Sommer 2026 umso spannender, nochmal in die Analyse von Johanna Degen reinzuhören.
In der Brand1 steht nicht nur der von mir am Anfang zitierte Baumarktsatz, da steht auch: Alle finden Tinder scheiße. Wie passt denn das zusammen mit dem Erfolg? Tatsächlich befinden wir uns in einer Tinder-Erschöpfung, nenne ich das, also Tinder-Fatigue. Es hat sich im Diskurs und auch in dem, was einzelne Personen berichten in Interviews, gezeigt, dass man die App abwertet. Also man sagt: Tatsächlich, Tinder ist scheiße, alle hassen Tinder. Das heißt aber nicht, dass man nicht online ist. Das heißt nicht, dass wir die nicht mehr benutzen, sondern dass wir uns an den Verhaltensweisen, die wir da an den Tag legen, einerseits sattgesehen haben. Wir finden die anderen sind langweilig und dann werten wir auch ab. Und wir werden verletzt und werten dann eben auch die App ab.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
Dann versuchen wir es mal ein bisschen aufzudröseln. Also wir nutzen es ja trotzdem. Warum ist Tinder dann trotzdem so erfolgreich, obwohl alle sagen, dass sie es doof finden? Ja, also die mobilen Online-Applikationen, die lösen ein Problem. Da müssen wir ein bisschen größer in den gesellschaftlichen Kontext schauen. Wenn wir uns im Neoliberalismus verorten, dann haben wir das Gefühl, zum Beispiel, dass Zeit eine knappe Ressource ist. Und wenn wir auf die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern schauen im heterosexuellen Setting, dann sehen wir, dass sich die öffentlichen Räume schließen.
Man hat also einerseits das Gefühl, man hat gar keine Zeit, sich jetzt sehr in die Partnersuche zu vertiefen und vielleicht mehrere freie Tage zu opfern, im Park zu sitzen und zu hoffen, dass einen jemand anspricht oder bis man jemanden ansprechen möchte. Das ist sozusagen kann man sich nicht leisten. Und auf der anderen Seite hat man auch das Gefühl, es ist politisch risikabel, jemanden öffentlich anzusprechen. Das hat eben mit den Geschlechterverhältnissen zu tun, zum Beispiel mit MeToo, dass Männer eine gewisse Verunsicherung spüren oder es als unpassend empfinden. Und genau solche Dinge löst Tinder.
Also wir fragen oft: Auf welches Problem ist denn Tinder die Lösung? Und das erklärt auch, warum wir weiter dabei bleiben. Es scheint uns alternativlos. Das heißt, die Leute merken, dass es irgendwie doof ist, weil Tinder auch Geld damit verdient, beispielsweise mit den Sehnsüchten von Männern und Frauen. Und gleichzeitig kommen aber viele Leute auch nicht so richtig davon los. Ja, das ist richtig. Also eine Sache ist wirklich, die Tinder-Erschöpfung begründet sich auch darin, dass wir merken, mit unseren Sehnsüchten und Hoffnungen, die wir an diese Suche binden, dass jemand anders damit Geld macht. Also das stört Menschen.
Die Dynamik des Online-Datings
Und dann sind es aber auch die Prozesse, die wir da erleben. Und wir lösen uns nicht aus der Nutzung, sondern wir kompensieren die Verletzungen mit mehr desgleichen. Also wir sind genervt nach einem Date, das war oberflächlich, oder man hatte vielleicht mechanischen, oberflächlichen, wenig intimen Sex, ist frustriert, weiß auch schon, der andere meldet sich sicherlich nicht wieder, sitzt im Bus und denkt dann nicht: Okay, ich versuche es anders, sondern swipe weiter. Das heißt, dieser, ich zitiere jetzt mal, mechanisch nicht besonders gute Sex führt nicht dazu, dass man die App an sich in Frage stellt, sondern eher dazu, noch mehr von dem Gleichen.
Man stellt sie tatsächlich in Frage und sagt zum Beispiel: Tinder ist scheiße, Tinder-Dates sind scheiße oder sogar alle anderen Nutzerinnen und Nutzer. Das kennen Sie sicherlich auch aus dem öffentlichen Diskurs: Man sagt, die sind alle langweilig, die sind oberflächlich, so jemanden möchte ich ja gar nicht. Gleichzeitig sucht man weiter dort nach der Ausnahme. Also man hofft sozusagen, obwohl man es jetzt schon so oft erlebt hat, dass es nicht gut läuft, dass es noch sich für einen wendet. Und das liegt auch daran, dass wir eben viele Paare kennen, die sich dort kennengelernt haben. Es gibt Tinder-Hochzeiten, Tinder-Babys, und das ist wie so ein urbaner Mythos. Wir halten uns an diesen hoffnungsvollen Geschichten und machen weiter in der Dynamik, die uns aber selber verletzt.
Veränderungen in der Dating-Kultur
Das heißt, diese, ich nenne es jetzt mal, urbane Legende: Ich habe das heute zum ersten Mal ausprobiert, das ist eigentlich das, worauf alle warten, dass jemand das so macht. Das ist es. Ja, am besten ist es, es gibt so richtige kleine Geschichten dazu aus Interviews, dass man sagt: Ich wünsche mir eine, die da nur für eine Freundin guckt, oder ich wünsche mir jemanden, der sich gerade erst eingeloggt hat und dann schnappt man sich den weg. Wie sozusagen dass da jemand Frisches kommt und der eigentlich gar nicht so meint und der auf jeden Fall nicht schon 120 Tinder-Dates hatte.
Jetzt haben Sie die Tinder-Dates angesprochen und auch damit haben Sie sich ja beschäftigt. Kann man wirklich sagen, dass die sich unterscheiden von klassischen analogen Dates, wenn ich beispielsweise wirklich im Baumarkt oder im Park jemanden kennengelernt habe? Tatsächlich nicht. Und das liegt daran, wir haben das lange untersucht. Also unsere Hypothese war, das unterscheidet sich, und dann haben wir gemerkt: Nee, das unterscheidet sich nicht, weil sich die gesamte Dating-Kultur geändert hat. Also Online-Dating geht nicht nur Online-Dater an, sondern reicht weit darüber hinaus.
Die Auswirkungen auf Beziehungen
Die Logik, die sich da etabliert, die wirkt in unsere Beziehungen rein, die sich nicht auf Tinder gefunden haben, und die wirkt auch in unsere Dating-Kultur insgesamt rein. Es ist zum Beispiel so, dass man parallel daten kann. Das war vorher verpönt. Da war man diskreditiert. Wer in einem Club mit mehreren geflirtet hat, der war dann keine gute Wahl mehr, und da war man sich einig. Und heute akzeptieren wir, dass man parallel datet, also vier, fünf Dates die Woche hat oder zwei an einem Samstag. Das heißt aber nicht, dass das nicht als verletzend erlebt wird. Also es nervt uns, aber wir machen es, und es machen auch die, die nicht online daten.
Das ist aber spannend, dass diese Online-Date-Logik sich auch auf die analoge Welt auswirkt. Was ist denn das für eine Logik? Also ein Beispiel haben Sie jetzt genannt, dass mit diesem, ich sage mal, im Club, ich flirte mit fünf Frauen gleichzeitig, früher garantiert ein absolutes No-Go. So etwas geht heute. Gibt es dafür noch mehr Beispiele? Ja, zum Beispiel die Quantifizierung der anderen. Also man bestimmt seinen Wert nicht darüber, wie qualitativ man jetzt jemanden gefunden hat. Also zum Beispiel mal wegen dem Restaurantbesitzer aus dem Nachbardorf. Das ist doch ein toller Catch. Sondern wir schauen, wie viele wir haben können. Und da wird auch verglichen.
Also wir sind ja im sozialen Selbst immer im vergleichenden Modus. Egal, wie viele inspirational Quotes wir auf Instagram lesen, dass wir uns nicht vergleichen. Das tun wir, und wir vergleichen auch da, und wir vergleichen quantitativ. Also es wird dann zum Beispiel bedauert, wenn einer aus der WG nur einen Match pro Woche hat. Dann wird das als negativ erlebt und auch so bewertet. Und wir finden das toll, wenn wir viele haben. Gleichwohl die uns stressen, die vielen Matches und die vielen Dates. Aber so eine Quantifizierung, dann ist da eben dieses parallele Daten, und es ist auch niedrige Investition.
Veränderungen in der Dating-Dynamik
Also wenn wir uns da ganz kurz mal in die Datinggeschichte begeben, dann war das Date mal ein Akt, wo ich investiert habe. Ich habe Zeit investiert, Vorbereitungen Emotionen, habe mich gefreut und auch Geld. Also man ist ins Theater gegangen und hatte noch ein Dinner. Also es war auch ein ökonomischer Akt in mehreren Ebenen. Und heute schauen wir, dass wir möglichst wenig ausgeben, möglichst wenig riskieren, uns am besten noch nicht mal umziehen, noch nebenbei joggen gehen, Einkäufe erledigen. Weder Emotionen werden investiert, noch Zeit. Es wird parallel zu anderen Aktivitäten, die man eh machen muss, geschaltet, um ja nichts an Zeit zu investieren und auch das Monetäre wird gering gehalten.
Also viele sagen dann: Ja, ich kann ja nicht viermal die Woche in ein teures Restaurant, da muss ein Becher Bier reichen, zum Beispiel. Das ist ja ein Zitat. Der Becher Bier ist mir sehr hängen geblieben, weil das klang mir so billig. Ja, und dann muss dieses Mädel da mit dem Becher Bier zurechtkommen. Aber das finde ich ganz interessant, weil ehrlicherweise habe ich lange gedacht, oder eigentlich bis zu unserem Gespräch, dass viele Menschen auf der Suche nach Mister oder Mrs. Nice oder Perfect sind. Also so nach dem Motto: In Australien gibt es noch jemanden, der kann noch besser kochen. Und deswegen ist man immer weiter auf der Suche. Aber Sie sagen ja, ne, Quantität an sich scheint offensichtlich auch schon ein Merkmal zu sein.
Die Suche nach dem Besseren
Tatsächlich haben Sie dabei aber auch recht. Das ist natürlich sehr vielschichtig. Es ist so, und das ist auch ein Leidensdruck, dass man während man beim Date ist, schon denkt: Es ist ja immer direkt rund um die Ecke, sozusagen noch die nächste Möglichkeit, und es könnte noch besser werden. Und da sagen auch, also wenn ich nochmal zitieren kann, da hat zum Beispiel ein Philosoph, mit dem ich lange gesprochen habe, der hat gesagt: Also der als Nutzer, der hat gesagt: Oh ja, 98 Prozent perfekt reicht ja nicht. Ich weiß, aber wie dumm das ist, aber ich suche dann echt weiter, ob sozusagen noch was Besseres dabei sein könnte.
Und das gilt auch in den Beziehungen. Das ist niedrigschwellig. Wenn einen der Partner nervt, kann man kurz auf Toilette sich ein Kompliment abholen oder mal schauen, wie so der Marktwert ist oder was es für Alternativen gäbe oder einen kleinen Flirt ausleben. Und das ist schon auch neu. Also das ist sehr niedrigschwellig. Man kann schnell Bedürfnisse auslagern und man kann immer schauen, ob nicht jemand noch Besseres zu finden wäre.
Forschung zu Tinder
Die Sozialpsychologin Johanna Degen hat 2019 an der Universität Flensburg ein Forschungsprojekt zu Tinder gestartet. Und was Tinder will, was diese App so erfolgreich macht und wie wir schon gelernt haben, was es mit uns allen macht, selbst wenn wir die App nicht nutzen, darüber sprechen wir in dieser Episode noch intensiver mit ihr hier beim Podcast Radio detektor.fm. Frau Degen, Sie haben es schon angesprochen. Es hat Folgen für uns alle. Sie haben es, finde ich, auch sehr, sehr plastisch teilweise schon beschrieben. Hat das auch Auswirkungen auf die Art, wie wir Beziehungen leben?
Ja, also unsere Art, Beziehungen zu leben, verändert sich. Früher war das ein Versprechen fürs Leben, sozusagen. Und das erste Mal, dass man Sex hatte. Jetzt ist es so, dass ich aufhöre, mit anderen Sex zu haben, wenn ich in die Beziehung gehe. Und ich gebe mir ein Versprechen, bis die Beziehung zu Ende ist, sozusagen. Also da ändern sich schon ganz gravierende Verständnisse. Auch zum Beispiel das Verständnis der Monogamie. Monogamie war mal eine Bindung fürs Leben. Jetzt ist es eben die Bindung auf Zeit. Und da spielt das tatsächlich auch eine Rolle.
Nämlich es ist wie so, die Beziehungen spielen sich ab wie vor dem Vorhang der unendlich scheinenden Alternativen. Also ich muss ja nicht mal mehr ins Nachbardorf fahren oder auf einen anderen Tanzabend in einer weiteren Stadt gehen, um meine Möglichkeiten zu sehen oder auch mal zu schauen, was es sonst noch gibt. Sondern es ist eben so niedrigschwellig in meiner Handtasche möglich, mein Handy rauszuholen und mal zu schauen. Und wir sehen zum Beispiel bei Menschen, die nie Online-Dating betrieben haben, dass die Tinder-Neid haben. Es sind dann zum Beispiel auch oft Personen um die 40, 50, die sagen: Oh, das ist alles so spannend, so verlockend. Schade, dass ich das nicht erleben konnte. Schade, ich bin schon 15 Jahre glücklich verheiratet. Weil das von außen so attraktiv und spannend und verlockend klingt. Aber auch ein bisschen naiv.
Serielle Monogamie und Beziehungskonzepte
Na, das haben Sie jetzt gesagt. Aber was ich da raushöre, ich glaube, Sie haben auch, und das ist ja mittlerweile sogar auch ein Fachbegriff, das serielle Monogamie genannt. Also dieses immer hintereinander dann eben neue Partnerinnen, neue Partner suchen. Da hört man oder liest man auch raus, eigentlich als Gesellschaft haben wir noch kein richtiges Konzept für die Beziehung danach gefunden, oder? Haben wir auch nicht. Also wir rein Verliebtheitsphasen aneinander. Das ist das, was wir zurzeit tun. Und uns fehlt ein Denkangebot an einer dauerhaften Beziehung. Das ist der Ulrich Klement, der schreibt und redet da auch sehr viel drüber. Der sagt immer: Paare kommen auch viel in die Paartherapie und sagen: Bei uns ist die Spannung raus oder das Excitement. Oder wir haben gar keine Leidenschaft. Und dann sagt er immer so schön: Das finde ich witzig. Ja, warum soll denn da auch Leidenschaft sein nach zwei Jahren? Und was könnte denn da noch sein? Könnte es Ruhe sein? Wiedererkennungswert, Vertrauen, Loyalität.
Und uns fehlt, und das ist auch medial beeinflusst in der Gesellschaft, so eine Idee der dauerhaften Beziehung. Zum Beispiel die Anzahl von Sex, die wir haben, die nimmt eben ab nach anderthalb, zwei Jahren. Dann ist es vorher vielleicht dreimal die Woche, und dann ist es noch im Schnitt zweimal im Monat. Aber Paare identifizieren das als großes Problem, wenn sie zweimal im Monat sexuell aktiv sind. Und die denken dann: Wir haben ein Beziehungsproblem. Dabei kann man eigentlich sagen, die haben nur eine dauerhafte Beziehung. Aber das hat eben auch was. Da sind wir dann doch wieder auch bei Tinder und diesen Apps mit dem Erfolg dieser Apps zu tun.
Denn dahinter steckt ja auch ein spielerischer Ansatz, Neudeutsch Gamification, und der belohnt uns ja ständig. Ja, na klar. Also das ist auch so. Wir sehen das zum Beispiel, wenn wir uns Krisen anschauen. Menschen lassen sich scheiden oder sind in einer Ehekrise, und dann lädt sich einer Tinder runter, und dann hat man schon sozusagen das manifestiert. Dann hat man, dann guckt man schon nach außen, nicht mehr nach innen. Man guckt nicht mehr, was kann ich retten, sondern was kann ich Neues haben. Kommt dann vielleicht mitunter sehr schnell drüber weg. Das ist auch eine Chance der App. Also viele überwinden auch Krisen, Einsamkeit und Isolation damit. Das haben wir auch in der Pandemie gesehen. Das hatte auch so sehr heilenden und schönen Charakter.
Die neurophysiologischen Aspekte
Aber es ist eben auch so, dass ich mich schnell nach außen orientieren kann. Ich kann mich auch betäuben. Es gibt dann viele, die daten und daten und daten, um auch zuzudecken, dass sie eigentlich verletzt sind. Und es hat aber auch neurophysiologische Gründe. Also dieser spielerische Reiz, der sorgt schon auch für so Ausschüttung von Dopamin und Adrenalin. Also Sie beschreiben das ganz gut in der Brand1. Ja, das ist tatsächlich so. Also man kriegt dann immer wieder einen kleinen Kick. Allerdings nimmt er ab, und da braucht man mehr. Das erklärt auch, warum so sehr, sehr viele Nutzerinnen und Nutzer bereit sind, dafür zu zahlen, mehr als 100 Likes am Tag geben zu können. Und das ist jetzt keine kostengünstige App. Das kostet ja so ab 10 bis 15 Euro im Monat. Und das tut man, obwohl man von der Anzahl der Auswahl eigentlich gestresst ist und die Matches einen auch stressen. Eben um immer wieder diesen Kick zu bekommen.
Das macht natürlich die Applikation auch schön. Dann kriegt man so eine kleine Belohnung, eine Animation, und juhu, da hat mich jemand auch gematcht. Und dann kriegt man einen kleinen Kick. Das ist aber nicht so nachhaltig. Also mal in den kalten See springen, regelmäßig joggen gehen, das hält im Neurotransmitter-Verständnis länger und ruhiger glücklich. Und in Langzeitbeziehungen können wir zum Beispiel auch Oxytocin produzieren. Und das ist nachhaltiger, aber kickt nicht so. Muss man sich dann auch fragen: Bin ich hier auf der Suche nach einem Kick nach dem anderen, oder möchte ich so ein grundwohliges Dasein schaffen? Oxytocin gilt ja auch so ein bisschen als Kuschelhormone.
Reflexive Mediatisierung
Ja, genau. Dann kuschelt man, dann hat man weniger Sex. Und dann interpretiert man das als Beziehungskrise. Dann kommen wir nochmal zurück auf Tinder. Die traurige Wahrheit ist ja auch, dass sich die App immer unserer Nutzung eigentlich anpasst und auch anpassen wird, sagen Sie. Sie nennen das reflexive Mediatisierung. Können Sie das erklären? Ja, das ist interessant. Also natürlich, die Applikation beobachtet, wie wir sie nutzen und verändert sich dementsprechend. Das kennen wir auch unter der Pandemie zum Beispiel. Da wurde dann Video-Dating eingeführt. Das hatte nicht gut geklappt. Die Nutzerinnen und Nutzer haben das nicht angenommen. Dann ist es wieder verschwunden.
Dann in der digitalen Architektur hat sich verändert, dass man an mehreren Stellen ghosten kann. Nicht nur an einer, weil das eine Praxis war, die viel benutzt wurde und so weiter. Und so beobachten sich die Nutzerinnen und Nutzer und Applikationen. Und die, die dann eben die Nutzung betreiben, die schauen auch: Was ist möglich? Wie kann ich zum Beispiel den Algorithmus austricksen? Wenn ich zwei Tage nicht online war, dann kriege ich für mich höherwertig scheinende Partnervorschläge. Und dann geht man zwei Tage offline und versucht, den Algorithmus auszutricksen. Und so spielt man miteinander und verändert sich.
Und da liegt eben auch eine große Chance. Wenn wir jetzt erkennen, wir sind in der Tinder-Erschöpfung, wir haben nicht das Gefühl, wir können im öffentlichen Raum, im sozialen Raum wieder daten, dann könnte man auch die Nutzung ändern. Und man könnte sagen: Okay, ich ghoste nicht mehr. Dann wird das auch in der Architektur zurückgehen. Oder ich swipe langsamer, fülle das ganze Profil aus, schreibe länger oder was Sie eben machen möchten. Und dann würde sich das auch verändern. Also es sind auch Freiheitsgrade. Es klingt oft so: Ja, die Applikation ist schrecklich, Tinder ist scheiße, so oberflächlich. Naja, aber auch wie wir es benutzen und wie wir immer weiter in diese Richtung pushen.
Empfehlungen für Nutzerinnen und Nutzer
Das finde ich einen ganz spannenden Aspekt. Wie kann man sozusagen selber als Nutzerin oder Nutzer in dieser Tinder-Erschöpfung, und das betrifft ja, glaube ich, auch viele andere Dating-Apps, was kann man wirklich konkret tun? Was raten Sie denn? Sie haben schon so ein, zwei Dinge angesprochen. Also langsamer oder weniger swipen wäre so ein konkreter Rat. Ja, also die Tinder-Erschöpfung betrifft eigentlich alle Dating-Apps. Dann wird dann immer so geguckt: Okay, könnte Bumble funktionieren? Ach nee, funktioniert sehr ähnlich. Oder Lex soll dann freundlicher sein. Das gilt aber eigentlich. Das könnte man besser Online-Dating-Erschöpfung nennen.
Ja, da gibt es tatsächlich, also ich sage immer so ein Online-Dating-Imperativ oder so könnte man ja sagen, der Tinder-Dating-Imperativ, dass man zum, also das ist jetzt nicht Rocket Science, dass man sich so verhält, wie man auch selbst behandelt werden möchte. Keiner kann das leiden, geghostet zu werden. Dann könnte ich mich doch auch verabschieden. Das liegt auch daran, dass wir da immer sehr viel rein projizieren. Wenn wir geghostet werden, sagen wir: Ja, das liegt ja auch daran, dass ich drei Kilo zu viel drauf habe. Aber wahrscheinlich hatte der andere nur die App gelöscht, ein Date gefunden, sich verliebt, war eigentlich verheiratet, whatever. Und wir projizieren da sehr viel rein und sozusagen bestätigen negative Narrative über uns selbst.
Und darum ist das auch so schrecklich für das Selbst. Und man könnte weniger swipen oder sich nicht so sehr der Logik hingeben. Zum Beispiel beobachten wir etwas, dass man sehr schnell antwortet, weil man Angst hat, der andere verschwindet sonst. Und man willigt schnell auf Dates ein, zum Beispiel am gleichen Abend. Und man schaltet die dann parallel, dann geht die Spannung verloren. Aber wir haben uns auch angeschaut, welche Nutzerinnen und Nutzer eigentlich ziemlich happy beim Tindern sind. Und das sind die, die das nicht machen. Die antworten, wenn sie Zeit haben, lassen auch mal jemanden warten, machen ihr Date erst in zwei Wochen aus oder investieren in das Date, indem sie sagen: Ich wollte schon immer mal hier 100 Kilometer weiter in die Stadt in die Oper, sollen wir das zusammen machen? Und dann machen sie etwas, was wir eben vom früheren Dating kennen.
Die stoischen Dater
Sie zwingen den anderen zu investieren und investieren selbst. Und die Belohnung, die dann kommt, ist, dass die Spannungskurve hochgeht. Und dann macht es wieder Spaß. Und das sind alles Dinge, die sind sofort zugänglich. Das könnten wir ab heute und sofort so machen. Sie nennen die die stoischen Dater. Und offensichtlich machen die ein paar Sachen besser. Die sind zumindest gut gelaunt. Also es gibt ja den gut gelaunten Online-Dater. Die eine Sache ist natürlich, das ist schon mindestens eine mittelattraktive Person, weil das Online-Dating für die, die jetzt sehr wenig symmetrisch sind, sagen wir mal, das diskriminiert schon sehr stark. Also das macht einer gewissen Schicht am meisten Spaß.
Aber innerhalb dieser Person gibt es eben die, die relativ glücklich dabei sind. Und das sind die, die auch ein bisschen bei sich bleiben. Also jetzt wurde ich vorhin gefragt im Interview: Was wäre denn sozusagen der Disclaimer, den Sie jedem sagen wollen würden, wenn er die App aufmacht? Und dann habe ich gesagt: Ja, bei sich im Körper zu bleiben. Also wie fühle ich mich denn, wenn ich auf einem Date war und ich weiß, ich sehe die Person nicht wieder und ich hatte einen Sex, der uns beiden vielleicht gar nicht so viel Spaß hat und ich sitze jetzt im Bus und werde nicht nach Hause gebracht. Wie fühlt sich das an? Und dann mal schauen, kann ich was anders machen, statt mehr vom Gleichen drüber zu machen.
Schlussfolgerungen
Also statt sich diese Enttäuschung gleich wieder und wieder zu holen und noch mehr und mehr davon zu tun, könnte man im Körper bleiben und sagen: Was sich nicht gut anfühlt, das mache ich. Wo ist denn Spaß und Spannung? Bei sozialen Netzwerken hat ja BeReal in den letzten Monaten für ziemlich viel Aufsehen gesorgt, weil man dort nur einmal am Tag zu einer ganz konkreten Uhrzeit etwas posten kann. Die Uhrzeit bestimmen natürlich die Macherinnen und Macher der App. Aber egal, wäre das auch für Dating-Apps so ein Modell, was interessant sein könnte, weil es spannender wird? Ja, das ist smart.
Ich sage immer, ich sage das auch in der Wissenschaft, man könnte ein Papier pro Jahr publizieren, und im Dating wäre das ein, zwei pro Woche. Und dann kann man sich mal ganz genau überlegen, wen man diesen Swipe schenken möchte. Und vielleicht ganz zum Schluss nochmal zurück zum Oxytocin, dem Beziehungs- oder ja auch Kuschelhormon und etwas rausgesumt, vielleicht auch vom Online-Dating zu Social Media allgemein. Wenn wir gerade schon BeReal auch angesprochen haben oder Sie die wissenschaftliche Community. Denn Ihre Beobachtung aus der Brand1 finde ich auch sehr spannend.
Sie sagen nämlich, dass die vielen parasozialen Beziehungen, die wir so auf Twitter, Insta oder TikTok haben, sich anfühlen wie echte Bindungen und demnach projizieren wir Liebe, Bindung und Zuneigung auf Leute, die gar nicht wissen, dass es uns gibt, nämlich unsere Influencer, die Lieblings-Influencer. Und die triggern uns so wie eine analoge romantische Beziehung. Also da ist dann doch so diese Verlässlichkeit und dieses Ständige. Spricht doch eindeutig dafür, Smartphone-Verbot im Schlafzimmer, oder?
Ja, also ich war immer, meine ganzen Studierenden können das auch sagen, ich habe immer gesagt, es gibt eine gesunde Social-Media-Nutzung. Wir sollten da nicht so apokalyptisch sein. Und dann haben wir geschaut, was in Mikroprozessen passiert und in Beziehungen. Und seitdem laufe ich rum und sage, wir müssen alle aufhören, Social Media zu benutzen. Das macht unsere analogen Beziehungen kaputt, das stört Mutter-Kind-Bindungen. Und das hat sich wirklich für mich um 180 Grad gedreht. Ich muss immer ein bisschen selber lachen, wenn ich mich so höre.
Wir sehen das, wir machen noch schnell einen Post fertig oder sehen eine Story fertig, während unser Säugling schreit. Nach dem Sex drehen wir uns zur Seite und scrollen auf TikTok runter. Und da, wo wir unseren Fokus hinwenden, da binden wir uns auch. Und dann gibt es auch keine zweite Runde und nicht nochmal kuscheln und nicht in die Augen schauen. Dann sind unsere Augäpfel auf TikTok, da verdienen andere Geld mit. Und wir binden uns.
Wir beobachten, dass es dann mehr kickt, wenn Lieblings-Influencer eine Story-Update macht, als wenn wir zum Beispiel an dem T-Shirt von unserem Partner riechen. Also wir sind bald, wir sind unsere Gehirne hardwired. Oder es ist schon teilweise so. Die binden sich an die, die wir die ganze Zeit beobachten und denen wir die Aufmerksamkeit schenken. Und da muss ich inzwischen sagen, bin ich richtig apokalyptisch unterwegs. Das geht nicht.
Oder das geht aber da müssen wir uns auch überlegen, was es mit unseren Beziehungen macht, zu unseren Kindern, zu unseren Partnern, zu unseren Mitarbeitenden, wenn wir die Zeit mit dem Smartphone verbringen. Und haben Sie da eine Idee, wie das geht? Ich würde das radikal einschränken. Also auch im therapeutischen Setting, da bestimmt natürlich der Klient, die Klientin selber. Aber ich würde da mir einen Screen-Time einsetzen oder ein Nokia 3210 kaufen.
Johanna Degen im Brand1-Podcast. Dieses Gespräch haben wir zum ersten Mal im Januar 2023 veröffentlicht. Den Link zum weiterführenden Interview mit Johanna Degen in der Brand1 packen wir euch in die Shownotes.
Und in der kommenden Ausgabe unseres Blicks auf die besonders beliebten und hörenswerten Episoden dieses Podcasts hier geht es indirekt auch um uns beim Podcast Radio detektor.fm. Denn wir haben ja vor zweieinhalb Jahren hier die Vier-Tage-Woche eingeführt. Und das ist auch das Thema des Gesprächs, welches ich mit Hans Rusinek geführt habe. Und darin geht es um die problematischen Seiten der Vier-Tage-Woche, natürlich auch um die Vorteile und um mögliche alternative Ansätze für die Zukunft der Arbeit.
Ich hoffe, ihr kommt gut durch die aktuelle Hitzewelle. Solltet ihr diesen Podcast hier zügig hören und bewahrt vor allen Dingen einen kühlen Kopf. Sehr gern, dann bis nächsten Freitag hier im Podcast mit dem Thema Vier-Tage-Woche.
Der Brand1 Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brand1-Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1-Magazin. Moderation: Christian Bollert.