Jetzt in diesen Wochen ist ja gefühlt ganz Deutschland in der Sommerpause. Bundestag und Bundesrat haben ihre letzten Sitzungen schon länger hinter sich, und der Kanzler hat diese Woche seine Sommerpressekonferenz gegeben. Und mit Nordrhein-Westfalen geht diese Woche auch nun wirklich das größte Bundesland in die Sommerferien.
Wir liefern euch für diese, für viele ja durchaus auch etwas entspannteren Tage hörenswerte und besondere Ausgaben hier im Podcast. Und dafür haben wir uns anlässlich von 10 Jahren brand eins Podcast mal durch die spannendsten und beliebtesten Folgen gehört. Eine dieser besonderen Episoden präsentiere ich, Christian Bollert, euch diesmal in unserem gemeinsamen Podcast: Der brand eins Podcast – Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm.
Vor ziemlich genau fünf Jahren habe ich mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Michael Seemann über Kryptowährungen gesprochen, quasi mitten in der zweiten Hype-Phase rund um Bitcoin, Ether und Dogecoin. Auch wir hier in der Redaktion haben am Mittagstisch schon das ein oder andere Mal intensiv über Kryptowährungen diskutiert. Und Michael Seemann zählt zu den profiliertesten Kritikern von Kryptowährungen. Und das hat er auch in der brand eins deutlich gemacht.
Er betont, dass er die Blockchain-Technologie, die zum Beispiel hinter Bitcoin steckt, für überbewertet und ineffizient hält. In den vergangenen fünf Jahren ist in der Kryptowelt wirklich einiges passiert: Betrugsskandale und zahlungsfähige Kryptoriesen einerseits, andererseits aber auch zahlreiche Bitcoin ETFs und ein US-Präsident, der Krypto als Milliardenchance sieht.
Ich persönlich habe gerade erst einen aktuellen Rant von Podcast-Urgestein Tim Pridloff über Blockchain gehört. Und die Argumente und Standpunkte von Michael Seemann sind auch jetzt im Sommer 2026 durchaus hörenswert. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum dieses Gespräch von vielen Menschen auch heute noch immer wieder entdeckt wird in unserem Podcast.
Debatte über Blockchain und Kryptowährungen
Steigen wir also ein in die Debatte über Blockchain und Kryptowährungen mit Michael Seemann. Das Gespräch in der brand eins endet ja mit dem Fazit: Ich würde definitiv nicht in Kryptowährungen investieren. Warum? Ja, also der Markt ist natürlich gerade total überheizt. Wir sehen eine wahnsinnig hohe Bewertung der einzelnen Kryptowährungen, die auf einer großen Spekulationsblase im Endeffekt basieren.
Also nicht nur eine Spekulationsblase im Sinne von einer Aktienblase, wie wir es 2007/2008 gesehen haben, sondern es ist ja eigentlich sogar ein Pyramidenspiel, also so ein Ponzi-Scheme, oder wie man das so nennt. Das heißt, es gibt ja gar keinen Wert, der geschaffen wird. Das ist ja im Gegensatz zu Aktien und zu anderen Anlageformen, wird ja nichts hergestellt. Es wird ja kein Produkt hergestellt oder irgendwie eine Zukunft einer Firma bewertet, sondern es sind ja eigentlich reine, im Endeffekt reine digitale Scheine, denen man jetzt sozusagen einen Wert zumisst.
Und deswegen kann man eigentlich davon ausgehen, dass sozusagen der Reichtum, der dort in diesen Währungen steckt, immer aus den Anlegenden selbst herauskommt. Das heißt, mit einem Wort: Es gibt nur eine Umverteilung von Kapital zwischen den einzelnen Anlegenden und damit sozusagen ein Nullsummenspiel, eigentlich sogar ein Negativsummenspiel, wenn man bedenkt, dass dann eben durch die Stromkosten zum Beispiel mit Bitcoin halt ja eigentlich nur Kapital abfließt.
Also es geht ja sozusagen nur Wert verloren und kommt kein Wert hinzu, sondern es wird eigentlich so nur ein immer weiter schwindender Betrag umverteilt zwischen den Leuten. Jetzt könnte man ja aber auch sagen: Naja, es ist ja in vielen Bereichen so. Hohe Gewinne, die gibt es halt nur, wenn man ein bisschen Risiko eingeht.
Ja, genau, aber am Ende des Tages spekuliert man ja doch auf irgendwelche realwirtschaftlichen Ereignisse. Also man kann dann sagen: Okay, dieses Startup hier, das hat ein tolles Produkt und ich glaube, damit wird es irgendwann, keine Ahnung, Weltmarktführer werden. Und deswegen wette ich jetzt darauf, dass es groß ist. Das ist eine spekulative Wette. Das kann man machen, damit wird man auch häufig auf den Bauch fallen.
Aber wenn man auf Kryptowährungen spekuliert, dann spekuliert man ja nicht auf ein realweltliches Ereignis, sondern nur, dass noch mehr Leute in dieses Scheme einsteigen. Das heißt also, dass es sozusagen immer einen „greater fool“ gibt, also es gibt immer noch einen größeren Dummen als mich selbst und noch mehr von denen, die dann sozusagen in das System einsteigen und dann weiterhin mit Kapital versorgen.
Versprechen der Dezentralität
Und das ist ja eine ganz andere Form von Spekulation. Wenn man jetzt mal ein bisschen rauszoomt, ist ja das Versprechen von Kryptowährungen sogar noch größer, denn im Gegensatz zur klassischen Zentralbank heißt es ja bei Bitcoin und anderen, dass es alles jetzt dezentral wird und damit transparenter wird.
Eigentlich ja vom Grundansatz und vom Versprechen her ein ziemlich großes Ding. Ja, aber es wird ja im Gegenteil nicht transparent, weil natürlich die einzelnen Leute, die dort ihre Transaktionen machen, selber anonym bleiben oder zumindest bleiben können. In vielen Fällen gelingt die Anonymität natürlich trotzdem nicht, aber es gibt sehr, sehr ausgefeilte Methoden innerhalb dieses Kryptowährungssystems, seine Identität zu verschleiern.
Und deswegen ist es natürlich auch die bevorzugte, ich nenne es immer in Anführungsstrichen Währung, weil es ist ja eigentlich gar keine Währung, aber das bevorzugte Zahlungsmittel für Ransomware-Attacken und Geldwäsche und Erpressung und solche Sachen, das ja zu einem riesengroßen Problem auch geworden ist.
Warum ist es denn keine Währung? Also eine Währung ist ja erst einmal etwas, wie man es schön sagt, ein Medium of Exchange, also ein Medium, mit dem man sich austauscht, mit dem man Wert austauscht. Und das passiert ja nicht. Also es kauft ja niemand Dinge mit Bitcoin und man kann ja auch kaum Dinge kaufen mit Bitcoin.
Es gibt natürlich so ein paar ungefegte Ecken des Internets, wo man dann irgendwie Auftragskiller oder eben Ransomware kaufen kann mit Bitcoin. Das gibt es schon. Aber im Großen und Ganzen ist es ja keine Währung im Sinne von, dass Leute dafür ausgeben. Und das wäre auch hochgradig irrational, Bitcoin als Währung zu benutzen, denn wenn der Kurs ständig steigt oder zumindest auch die ganze Zeit hin und her fluktuiert, dann hat man ja keine Wertstabilität.
Dann kauft man heute Brötchen, die morgen irgendwie so viel wert sind wie ein Auto und übermorgen so viel wert wie der Dreck unter meinen Schuhen. Also das heißt, wenn man keine Wertstabilität hat, dann kann man auch so etwas nicht als Währung benutzen. Das ist einfach irrational. Das ist Quatsch.
Nutzung von Bitcoin
Aber es gibt ja schon Ecken, wo man weiß, ich kann eine Pizza auch mit Bitcoin oder sowas bezahlen. Genau. Es gibt schon Sachen, aber dann eben aus Mangel an anderen Alternativen. Also Leute, die dann halt wirklich darauf angewiesen sind, mit Bitcoin-Transaktionen zu machen, die können das dann nehmen, aber die tun das natürlich auch unter sehr, sehr viel Geld.
Das ist eben der große Unterschied. Sofern man die Möglichkeit hat, mit einer normalen Währung zu bezahlen, wird man immer die normale Währung nehmen, weil die kann man halt einfach ausgeben und Bitcoin kann man nirgendwo ausgeben. Dann bleiben wir mal beim Thema Währung. Sie haben es ja schon angesprochen, das Thema Wertstabilität ist für Währungen extrem wichtig.
Ist das auch der zentrale Grund, warum es vielleicht nicht so eine gute Idee ist, eine Währung zu dezentralisieren? Es ist natürlich inhärent in dem System von Bitcoin und anderen Kryptowährungen, dass sie deflationär sind, dass also ihr Wert immer weiter steigt, indem man eben die Geldmenge von vornherein begrenzt.
Und das ist natürlich ein Ansatz, der, sag ich mal, jeder, der in der Ökonomie auch nur mal kurz aufgepasst hat, der sich dann an den Kopf packt. Denn natürlich will man auf einer Welt leben, in der der Wohlstand steigt. Und wenn der Wohlstand steigt, dann braucht man natürlich auch mehr Geld. Dann muss man die Geldmenge auch expandieren.
Es gibt so eine Erzählung innerhalb der ganzen Kryptoszene, dass eben früher alles ganz gut war, als das Geld noch irgendwie an das Gold gekoppelt war. Und die Erzählung geht dann so, dass man mit den Kryptowährungen wieder sozusagen zu einer Art oder vergleichbaren Goldstandard zurückkehrt, was natürlich total Quatsch ist, weil der Goldstandard war halt immer nur Illusion.
Falsche Erzählungen in der Kryptoszene
Auch schon damals, zu den Zeiten, wo man den Goldstandard behauptet hat, gab es eine expandierende Geldmenge, sonst hätte das ganze System nie funktioniert. Und die Kopplung an das Gold, die dann halt doch irgendwie rudimentär noch vorhanden war, die hat das ganze System total instabil gemacht, weil dann plötzlich Spekulanten halt reingehen konnten und sagen konnten: Hey, Moment mal, diese und diese Währung ist total überbewertet und so weiter und so fort.
Und das war ja der Grund, in den 70er Jahren diesen Goldstandard aufzugeben. Also es gibt sozusagen auch einfach völlig falsche Erzählungen über die Ökonomie und Geldpolitik innerhalb dieser Kryptoszene, und darauf baut dann eigentlich diese ganze Ideologie auf.
Also es ist ganz interessant, wenn man sich so anschaut, wer da diese Bitcoins promotet. Es gibt immer Leute, die kennen sich mit Ökonomie aus, die sagen: Ja, so ökonomisch ist das natürlich totaler Quatsch, aber technisch ist das ganz interessant. Und dann gibt es die Leute, die kennen sich mit Technik aus, die sagen: Ja, technisch ist das eigentlich relativ banal, aber ökonomisch ist das total interessant.
Und dann eigentlich die wirklich hardcore Verfechter von diesen Kryptowährungen sind eigentlich Leute, die sich mit Weitem nicht auskennen. Und Sie glauben diesen Erzählungen nicht. Und ich fand noch einen sehr interessanten Gedanken in der brand eins. Da haben Sie gesagt, das ist ein bisschen vielleicht auch wie beim Internet, wo am Anfang auch alle dachten: Oh, dezentral und super, und am Ende ist doch was anderes passiert.
Zentralisierungstendenzen
Genau, das ist so eine tendenzielle Sache bei dezentralen Systemen, dass sie sich dann immer irgendwo wieder zu zentralen Systemen hinbewegen. Das hat man beim Internet ja auch gesehen. Also wir haben eben immer noch eine protokollbasierte digitale Infrastruktur, die die Daten austauscht mit TCP/IP.
Aber gleichzeitig haben wir natürlich diese großen Konzentrationserscheinungen: Google, Facebook, Apple, Amazon, hast du nicht gesehen, die nicht nur eben auf der Applikationsebene, also das heißt also auf der Anwendungsebene sehr, sehr mächtig sind, sondern mittlerweile ja auch ihre eigene Infrastruktur und ihre eigenen Datenleitungen gelegt haben, die praktisch ihr privates Internet neben das offizielle Internet gelegt haben.
Also das Internet ist schon lange nicht mehr dezentral, jedenfalls nicht mehr in seiner Grundform. Und das Gleiche sehen wir natürlich auch schon längst bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen, die natürlich auch genauso wie alles auf der Welt davon profitiert, wenn Ressourcen gepoolt werden, wenn Ressourcen zusammengezogen werden.
Diese Ökonomie der Skalen, also Skaleneconomie, dass es einfach wahnsinnig viel billiger ist, 10.000 Rechner in einem Rechenzentrum zu unterhalten, als wenn irgendwie 10.000 Leute irgendwie ihre zehn Rechner da unterhalten. Das heißt also auch dort bei Bitcoin sieht man diese Konzentrationserscheinungen.
Das heißt, wir haben mittlerweile eine Situation, wo die Mining-Power, die eben notwendig ist, um die Blockchain fortzuschreiben, bei einer Handvoll lauten Leuten liegt, die die Macht hätten, diese Blockchain auch einfach nach ihrem Willen umzugestalten, wenn sie sich absprechen würden.
Einfluss von Elon Musk
Also auch dort sind wir schon längst beim Dezentralisierungsprozess. Es gibt natürlich auch noch andere Phänomene, wie zum Beispiel Elon Musk, der mit einem Tweet den Kurs von Bitcoin um 20 Prozent beeinflussen kann. Und dann reden die Leute immer noch von dezentral. Das kann ich eigentlich nur lachen.
Aber gleichzeitig könnte man ja schon auch sagen: Naja, das ist jetzt noch so eine Anfangsphase, das wird sich alles noch einpegeln und normalisieren. Daran glauben Sie aber nicht. Nee, im Gegenteil, das wird sich natürlich weiter konzentrieren. Das ist der Lauf der Dinge, das sehen wir überall an allen dezentralen Systemen.
Und im Gegenteil, es war ja so, dass Bitcoin am Anfang wirklich dezentral war und jeder konnte seinen Node und jeder konnte sein Mining auf seinem Rechner haben laufen lassen. Das war am Anfang die Phase, so bis 2011 oder so. Die habe ich ja auch noch miterlebt. Damals konnte man mit Fug und Recht sagen, das ist ein dezentrales System.
Aber wie jedes dezentrale System hat es sich immer mehr zu einem zentralen System weiterentwickelt. Gibt es denn gar nichts Positives? Ich sehe momentan tatsächlich nichts Positives. Ich sehe eigentlich nur noch weiteres Negatives, zum Beispiel, dass Bitcoin mittlerweile, ich glaube, ein Prozent der gesamten CO2-Emissionen auf der Welt produziert.
Also so viel wie der gesamte Flugverkehr weltweit. Also das sind so Dimensionen, die oder halt wie eine mittelgroße Volkswirtschaft mittlerweile pro Jahr produziert. Und das halt im Endeffekt für ein reines Spekulationsobjekt, das eigentlich gar keinen wirtschaftlichen Nutzen für irgendjemand hat.
Also diese Art von Energieverschwendung halte ich wirklich mittlerweile für fast ein Verbrechen. Ich glaube, das Beispiel ist immer ungefähr Belgien. Da sind wir schon längst drüber hinweg, glaube ich. Also wir waren zuletzt bei Österreich, wo ich geguckt habe. Ist auch schon ein bisschen her. Es wird auf jeden Fall immer mehr, weil ja auch immer mehr Mining stattfindet und tatsächlich auch viele daran arbeiten.
Regulierung und Klimaschutz
Ist es aber wirklich wahrscheinlich, jetzt mal so ganz doof gefragt, dass da der Klimaschutz das Kapital schlägt? Ja, das ist eine gute Frage. Also meiner Ansicht nach gibt es jetzt auf jeden Fall verstärkte Bemühungen der Staaten zur Regulierung von Bitcoin. Das liegt aber in erster Linie nicht an Klimaschutzbedenken, sondern das liegt in erster Linie an dieser Ransomware-Gefahr.
Also wir erinnern uns, vor ein paar Monaten gab es diese riesengroße Ransomware-Attacke in den USA auf die Pipeline. Jedenfalls, das halt tatsächlich im Nordwesten von Amerika das Benzinkrab wurde, das weil die Computer dort alle befallen waren von dieser Ransomware.
Und diese ganze Ransomware-Schwemme, von der man heutzutage reden muss, die ist ausgelöst worden durch den Bitcoin-Hype und durch die Bitcoin-Verbreitung im Endeffekt. Denn vorher gab es zwar auch schon Ransomware, aber es gab noch keine gute Möglichkeit, wirklich anonym Geld einzukassieren.
Und wenn Bitcoin es irgendwo als Währung geschafft hat, dann wirklich in diesem Ransomware-Bereich. Und das ist natürlich mittlerweile eine nationale Bedrohung, so sieht es jedenfalls Präsident Biden schon. Und es gibt jetzt eben die ersten Vorstöße, regulativ da einzugreifen und zu sagen: Hey, Moment mal, diese ganzen Crypto-Exchanges, also diese Orte, wo man neben Crypto wieder in Geld zurückverwandeln kann, die sollten halt auch hinter verstärkter Bankenregulierung sein.
Also solche Sachen wie „Know Your Customer“, also dass man weiß, wer hinter den einzelnen Transaktionen steckt und so, müssen die dann alle gewährleisten. Und dann werden natürlich solche kriminellen Dinge werden natürlich dann eingedämmt und damit eigentlich auch die gesamte Ökonomie von Bitcoin, die ja, sag ich mal, zu einem sehr, sehr großen Teil ausschließlich aus krimineller Energie besteht.
Einen ähnlichen Fall gab es ja in Sachsen-Anhalt auch, wo ich glaube, so ein Landkreis komplett mit Ransomware erpresst worden ist und dann irgendwie Monate brauchte, um da die grundlegenden Sachen wieder aufzustellen. Wird das so ein Weg sein, dass tatsächlich der Staat einfach sagt: Okay, wir gucken uns das jetzt nicht mehr an, wir regulieren das?
Ja, also das passiert jetzt ja schon. Also in den USA, in Europa habe ich da jetzt noch keine Vorstöße gesehen, aber ich denke, das wird auch kommen. Und wir müssen alle irgendwie jetzt mal gucken, dass wir weniger Strom verbrauchen, dass wir weniger Energie verbrauchen.
Und da ist natürlich das allererste, was man kürzen kann, sind natürlich völlig sinnlose Spekulationsgewinne. Für Sie sind aber nicht nur Kryptowährungen ein Irrweg, sondern auch, wenn man ein bisschen rauszoomt, die gesamte Blockchain. Das ist ja so eine Art globales Transaktionsregister, auf der beispielsweise eben auch der Bitcoin beruht.
Denn auch die Blockchain löst überhaupt gar keine Probleme, sagen Sie. Momentan nicht unbedingt eine populäre Analyse oder, wenn man so sich mal umguckt. Also ich finde schon, also mittlerweile hat sich tatsächlich die, ja so ein bisschen diese Blockchain-Hype hat sich auch gedreht, weil die vielen Erwartungen, die da geschürt wurden, ja mittlerweile wirklich auch alle enttäuscht worden sind.
Probleme der Blockchain-Technologie
Also die ganzen Startups, die haben alle nicht abgeliefert. Und das hat natürlich seinen Grund. Und zwar löst die Blockchain eigentlich ein Problem, das es in der Realwelt kaum gibt, nämlich dass man im Endeffekt sozusagen seinen Systemadministrator, der die Datenbank betreut, misstraut.
Also was Blockchain ja tatsächlich kann, ist eine nachweisbare Integrität von Daten zu gewährleisten auf einer dezentralen Weise. Aber Datenintegrität war eigentlich in den seltensten Fällen jemals ein Problem. Und wenn man Datenintegritätsprobleme hat, dann tauscht man meistens seinen Systemadministrator aus.
Und ansonsten schafft die Blockchain auch nicht wirklich ja diese dezentralen Ansätze zu verwirklichen, weil am Ende des Tages man diese Blockchain immer verbinden muss mit realweltlichen Events. Also wenn man zum Beispiel sagt, man will jetzt ein Uber bauen, das irgendwie auf Blockchain-Basis basiert, dann kann man zwar die Daten alle dezentral in die Blockchain speichern.
Aber am Ende des Tages muss man immer feststellen: Hat jetzt wirklich der Fahrer den Gast von A nach B gefahren? Und um das zu überprüfen, muss es immer irgendeine Instanz geben, muss es immer irgendwo eine vertrauensvolle Instanz geben, die das überprüft und die dann auch sanktionieren kann im Zweifelsfall.
Das heißt, man braucht doch wieder irgendwie eine Zentrale, man braucht doch irgendwie wieder einen kontrollierenden realweltlichen Körper, der in der Welt herumspringt. Das heißt also, die Dezentralität ist auch nicht gegeben. Und was dann übrig bleibt, ist einfach die langsamste Datenbank der Welt.
Effizienz der Blockchain
Also mit Blick auf Blockchain: Warum ist es die langsamste Datenbank der Welt? Ja, also Blockchain ist, egal wie man eine Blockchain jetzt auch tatsächlich aufbaut und wie man den Konsensalgorithmus baut, jede Transaktion muss ja immer hunderttausende, Millionen Mal aufgeschrieben werden, bevor sie validiert ist.
Und ja, eine normale Datenbank muss nur einmal schreiben. Das ist halt der Unterschied. Und egal, wie man eine Blockchain-Technologie aufbaut, sie wird immer ineffizienter bleiben als eine zentrale Datenbank.
Dann kommen wir jetzt am Ende des Gesprächs vielleicht nochmal, ich sag mal, auf so ein bisschen so eine Metaebene. Sie beschäftigen sich ja sehr intensiv auch mit Plattformen und haben da so, ich sag mal, drei verschiedene Plattformen-Kategorien entwickelt. Das eine, sagen Sie, sind Schnittstellen und das andere sind Protokollplattformen.
Hier bei Blockchain geht es dann eher um Protokollplattformen. Was ist denn da der Unterschied und warum spielt das eine Rolle? Genau, also ich habe in meinem Buch „Die Macht der Plattform“ habe ich drei Arten von Plattformen unterschieden. Und eine davon ist die Schnittstellenplattform.
Das ist eben die Plattform, die über die Bereitstellung, also zentrale Bereitstellung von Schnittstellen funktioniert. Man kennt das so, das sind ja wie Prozessorarchitekturen oder Betriebssysteme oder Programmierframeworks. Das sind alles so Schnittstellenplattformen. Und dann gibt es eben die Protokollplattformen.
Das ist dann eben ein wechselseitig etablierter Standard, so etwas wie TCP/IP für das Internet oder eben Bitcoin oder Ethereum, andere Blockchain-basierte Sachen. Das sind alles Protokollplattformen. Da gibt es dann eben keine zentrale Instanz mehr, die sagt: So und so müsst ihr die Dinge machen und dies auch einfach jederzeit ändern kann, sondern da gibt es dann eben sozusagen wechselseitige Agreements, also Verständigung, Standards.
Und da gibt es noch eine dritte Form, das ist die Diensteplattform. Das sind dann eben solche datenbank-basierten zentralen Dienstleistungen über das Internet. Das sind Plattformen, über die man meistens ja redet, also sowas wie Facebook, Amazon und die dann eben die Kommunikation und den Austausch über zentrale Datenbanken organisieren.
Wechsel von Schnittstellen- zu Protokollplattformen
Und Sie sagen, es ist problematisch, wenn sozusagen aus Geld, also bleiben wir beim Thema Kryptowährung, wenn das von einer Schnittstellen- zur Protokollplattform wird, weil dann ist niemand mehr da, der zentral drauf guckt. Ja, also hier ist erstmal die Beobachtung, dass das, was die Leute mit Kryptowährung versuchen, ist eben der Versuch, von einer Schnittstellenplattform auf eine Protokollplattform zu wechseln.
Geld, wie wir es sozusagen kennen, als Medium des Austausches hat so eine ähnliche Strukturierung wie eine Schnittstellenplattform, im Sinne von: Es gibt eine zentrale Instanz, nämlich die Zentralbanken, die diese Form von Geld dann herausgeben. Dann gibt es noch Akteure wie zum Beispiel die Banken selber, die dann eben Kredite vergeben und damit auch Geld schaffen können, aber eben nicht die Schnittstellen kontrollieren können, sondern die können eben nur weiteres Geld herausgeben.
Und dieses System wird dann eben von den Leuten, die Kryptowährung herausgeben, kritisiert, dass es eben die Zentralbanken und die Banken und das System zu viel Geld, zu viel Macht hat, zu viel zentrale Macht hat. Und der Versuch ist eben, diese zentrale Macht dadurch aufzubrechen, indem man aus dem, aus der Schnittstellenplattform Geld eben eine Protokollplattform macht.
Das heißt also, die Prozesse dezentralisiert und für jeden zugänglich macht. Damit gehen natürlich aber ganz viele Features verloren. Zum einen geht verloren, dass man dort sozusagen politisch eingreifen kann oder auch zum Beispiel polizeilich eingreifen kann, dass man Konten einfrieren kann, dass man Geldwäsche behindern kann, dass man Auflagen machen kann, dass man im Zweifelsfall aber auch politisch eingreifen kann, insofern dass man die Geldmenge steuert, was eben einmal ein wesentlicher Auftrag der Zentralbanken war, die Geldstabilität dadurch herzustellen, indem man schaut, was auf den Märkten los ist und dann eben entsprechend viel Geld in den Markt pumpt oder eben nicht.
Die Zinsen reguliert und so weiter und so fort. Und all das geht natürlich auch nicht mehr, was natürlich große Probleme mit sich bringt. Ich finde also aus meiner Perspektive ist das eigentlich eher so: Ich sehe gar nicht, dass die zentrale Steuerung als eigentliches Problem an, sondern ich sehe eigentlich eher an, dass die Steuerung falsch läuft.
Also was momentan ja passiert, ist in der Krisensituation, die wir seit der Covid-Krise auch schon wieder haben, pumpt die Zentralbank zwar wahnsinnig viel Geld in die Märkte, die kommen aber meistens momentan nur bei den Asset-Märkten an. Und interessanterweise, und das ist, glaube ich, eine Ironie, die auch verloren gegangen ist bei den Bitcoinern, ist, dass natürlich der Wertzuwachs von Bitcoin und anderen Kryptowährungen vor allem daran liegt, dass diese Zentralbanken, also die von ihnen so verhassten Zentralbanken, gerade den Markt mit ganz viel Geld fluten.
Das heißt, sie sind eigentlich abhängig davon, dass die Zentralbanken ganz viel Geld rausgeben. Wofür ich eigentlich plädieren würde, ist, dass die Zentralbanken durchaus ihren politischen Job machen, aber dann auch viel gezielter, dass sie nicht einfach sagen: Wir schmeißen einfach ganz viel Geld auf den Markt, sondern wir schmeißen Geld auf den Markt für beispielsweise nachhaltige Projekte, für Klimawandelveränderungen, für Anpassungen von Infrastruktur an die Klimawandelveränderungen und so weiter.
Also das heißt, dass es ein größeres Maß an politischer Steuerung der Geldmenge gibt. Also das Gegenteil, was eigentlich die Bitcoiner wollen. Die wollen gar keine politische Steuerung der Geldmenge. Und ich möchte sozusagen eine dezidierte politische Steuerung der Geldmenge. Das wäre aber tatsächlich eine echte Veränderung, wenn Geldpolitik auch mit konkreten inhaltlichen, ja ich sag mal Forderungen verknüpft wäre.
Genau, da gibt es aber auch schon die ersten Vorstöße, interessanterweise, aber noch sehr zaghaft, weil, sag ich mal, das neoliberale Paradigma war ja immer, dass die Zentralbanken sich gefälligst aus jeglicher Form von Fiskalpolitik raushalten sollten, sondern sich einzig und alleine nur auf die Geldstabilität fokussieren sollen.
Und ansonsten sollten sie komplett unabhängig von der Politik funktionieren. Und ich glaube, dieses Paradigma ist jetzt sowieso kaputt, also eigentlich schon seit der Finanzkrise 2008, wo die Zentralbanken massiv Geld in die Finanzmärkte gepumpt haben, einfach um sie zu stabilisieren. Das heißt, sie haben eigentlich schon politisch agiert. Dann auch noch in der Eurokrise, wo sie dann durchaus auch, sage ich mal, politisch eingegriffen haben.
Und jetzt mit der Covid-Krise erst recht. Das ist also eigentlich, diese ganze Illusion schon längst zerstört, dass die Zentralbanken keine Politik machen. Und dann sollten sie aber bitte auch gleich die richtige Politik machen. Das ist meine Meinung.
Das heißt, würden sie auch so weit gehen? Sie haben ja schon gesagt, es gibt mittlerweile mehr Kritiker, die die Blockchain auch sehr, sehr argwöhnisch beobachten. Dass dann so Unternehmen wie, weiß ich nicht, IBM oder Deloitte und viele andere Beratungsunternehmen da auf dem Holzweg sind, wenn die denken, das ist irgendwie eine disruptive Technologie, die alles verändern wird.
Ja, das glaube ich. Wie wird es denn aus Ihrer Sicht jetzt weitergehen? Also ich denke, wir haben noch ganz viele andere richtig krasse strukturelle Probleme innerhalb des Kryptomarktes. Eins davon ist Tether. Das ist eine wertstabile Währung, die an den Dollar gekoppelt ist, die angeblich dazu dient, dass man sozusagen über Tether sich Bitcoin kaufen kann.
Also sozusagen als eine Art Zwischenschritt zwischen Fiat-Währung und den eigentlichen Bitcoin und den eigentlichen Kryptowährungen. Das basiert sozusagen, weil das in bestimmten Hinsichten regulatorisch einfacher macht. Aber diese Tether-Währung, die ist hochgradig suspekt.
Also die behaupten, dass sie sozusagen ihre herausgegebenen Tethers mit Dollar Werten gebackt haben, was aber ganz offensichtlich nicht stimmt. Also da gibt es halt ziemlich eingehende Untersuchungen, die zeigen, dass das eigentlich totaler Quatsch ist. Das heißt, die haben momentan den gesamten Kryptomarkt mit ausgedachten in einer Höhe von, ich glaube mittlerweile, 65 Milliarden US-Dollar.
Kann man sich gar nicht vorstellen. Das heißt, also irgendwann wird diese Blase platzen und das könnte natürlich den gesamten Kryptomarkt einmal komplett wegfegen. Das ist die eine Sache.
Die andere Sache sind natürlich diese regulatorischen Bemühungen, die dann bestimmte Bitcoin-Geschäfte auch komplett unprofitabel machen und vielleicht auch sogar die ganzen Tauschbörsen in arge Probleme bringen. Die dann, also diese Exchanges, die dann nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können, die dann auch Pleite machen könnten.
Das könnte auch noch mal Probleme geben. Also ich sehe da momentan sehr, sehr viel Unheil auf die Bitcoin-Welt, auf diese Blase dazurollen. Und ich gehe davon aus, dass sie innerhalb des nächsten, keine Ahnung, zwölf Monaten, wird das Ding richtig krass platzen.
Michael Seemann hier im brand eins Podcast. Erstmalig veröffentlicht haben wir das im August 2021. Dieses Gespräch. Blockchain und Kryptowährungen sind auf jeden Fall, aber bis heute stark umstritten und irgendwie sind sie auch durch KI so ein wenig aus dem Tech-Fokus geraten.
Wenn ihr tiefer einsteigen wollt, den ausführlichen Artikel mit Michael Seemann in der brand eins, den packen wir euch natürlich in die Shownotes. Dort findet ihr auch unseren begleitenden Online-Artikel aus dem Jahr 2021.
Und nächsten Freitag schauen wir dann hier in unserem Sommer-Best-of auf ein Thema, das leider, man muss es so sagen, immer noch hochaktuell ist, nämlich die Preise für Lebensmittel. Kommt gut durch den Sommer und gern bis nächste Woche.
Der brand eins Podcast. Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.