Wenn ein Unternehmen einen Familiennamen trägt, dann kann das wie eine Verpflichtung wirken. Hier schaffen die Schmidts seit Generationen, dort sind die Müllers seit 100 Jahren am Start. Oder hier gibt Frau Mayer ihrem Sohn den Firmenschlüssel in die Hand. Und wenn auf einer Firma der eigene Name steht, dann hat das Image dieser Firma oft auch was mit der Familie selbst zu tun.
Wir haben in den vergangenen Episoden ja schon gelernt, dass die Übergabe von einer Generation zur nächsten Generation gar nicht so einfach ist. Dabei haben wir dann über ganz verschiedene Aspekte gesprochen, aber noch nicht darüber, dass ja manchmal auch mehrere Kinder infrage kommen. Und genau das ist das Thema dieser Ausgabe. Ich bin Christian Bollert, habe eine Schwester und grüße euch.
Der Leier Großhandel
Der Leier Großhandel aus Tettnang am Bodensee handelt mit allem, was Handwerksbetriebe brauchen. Die Zentrale ist in Tettnang, das Unternehmen hat sechs Filialen und macht einen großen Teil seines Umsatzes mit dem Online-Handel. Über 300 Menschen arbeiten bei Leier. Das Unternehmen ist 1987 von Jürgen Leier gegründet worden und der sitzt inzwischen im Beirat des Unternehmens. Die Geschäftsführung liegt mittlerweile bei seinen Söhnen David und Patrick.
Patrick Leier führt das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder David und dass er das einmal tun würde, das hat er sich lange Zeit wahrscheinlich selbst nicht vorstellen können. Wir sprechen über seinen Weg ins Familienunternehmen und darüber, was ihn letztendlich überzeugt hat. Ich sage Hallo und herzlich willkommen im Brand1 Podcast, Patrick.
Rückkehr an den Bodensee
Hi Christian, ich freue mich, dass ich heute da sein darf. Du wirst, wenn man so Artikel über dich liest, als weltläufiger Kosmopolit beschrieben. Hast in China und in den USA gearbeitet, unter anderem für Tommy Hilfiger und Calvin Klein. Was zieht einen dann zurück an den Bodensee?
Puh, ich glaube relativ einfach. Wenn man älter wird, wenn vielleicht das erste Kind kommt, dann sieht man, dass die Welt zu Hause doch am schönsten ist. Und irgendwie kocht doch jeder mit Wasser. Und deswegen hat man vielleicht den Schritt wieder am Bodensee gemerkt, weil das doch hier ganz schön ist. Das heißt, da verschieben sich wahrscheinlich auch so ein bisschen einfach Perspektiven. Genau, also die Prioritäten shiften einfach.
Du hast ja gemeint, Kosmopolit, hättest du mich gefragt, mit 18, was ich mal machen will. Ist ja, wie gesagt, alles Zufall gewesen, dass ich da gelandet bin und zum Schluss wieder den Weg zum Bodensee. Retro-Perspektive ist das ein roter Faden, aber das weiß man nie, wohin eines eintreibt, sozusagen.
Der Weg ins Familienunternehmen
Was wolltest du denn mit 18? Puh, weg ist eine gute Frage. Ja, wirklich weg. Also hat angefangen, dass ich, wie gesagt, in einem Familienunternehmen bin. Das heißt, man hat sich gefreut, wo man klein war, dass man einen Rucksack den Mitschülern geben konnte mit einem Firmenlogo, weil man sozusagen jeden Firmenjob gemacht hat und das eigentlich dein bester Freund war.
So, und irgendwann hatte ich die Chance, über Freunde von meinen Eltern ein kleines Praktikum zu machen. Da war ich, glaube ich, 16 oder 17. Das war in New York, weil die da gewohnt haben, sozusagen in der Nähe. Und das war irgendwie die Eintrittsbarriere, dass ich nur noch weg wollte. Dass ich gedacht habe, hey, überall ist es grün und die Leute machen interessante Dinge. Und dann wollte ich einfach nur raus.
Und das war halt dann mit 18 genau das Thema, dass ich einfach nur weg wollte. Ich wollte Dinge entdecken, habe angefangen zu studieren und somit bin ich halt Schritt für Schritt die Welt bereist und irgendwann wieder im Familienunternehmen gelandet. Wollte ich nie, aber ist so gekommen.
Die Entscheidung zur Rückkehr
Ja, ich glaube, das ist ja total nachvollziehbar. Also viele Leute wollen ja erst mal raus und die Welt entdecken. Du hast es ja ganz schön beschrieben. Irgendwie denkt man, überall ist es besser als zu Hause. Man will erst mal irgendwie weg. Gab es denn trotzdem in dieser Zeit schon immer noch so einen Gedanken an möglicherweise sogar eine Übernahme oder eine Rückkehr in das Unternehmen?
Ja, ich musste ein bisschen weiter ausholen. Also früher war das so, ich habe ja einen Bruder, der ist zwei Jahre jünger, und es war halt immer so, dass ich die Person war, die immer im Familienunternehmen war. Das heißt, ich habe da meinen Ferienjob gemacht, ich habe verschiedene Abteilungen durchlaufen, Pakete ausgepackt, im Marketing, also eigentlich immer Lust hatte. Ich war beim Papa auf jeder Messe, die wir irgendwie hatten.
Und mein Bruder war eigentlich immer der, der sich ein bisschen dagegen gewehrt hat. Der, wie gesagt, sich vielleicht über den Rucksack super gefreut hat, den er seinen Grundschulkameraden geben konnte, einen roten Leierrucksack mit dem Logo, wo er so ein bisschen angeben konnte. Und irgendwie hat sich das zum Schluss dann so entwickelt, dass ich, wo ich dann die Luft von der weiten Welt geschnuppert habe, raus wollte.
Und im Endeffekt wir uns gegenteilig entwickelt haben. Das heißt, mein Bruder hat eine Ausbildung gemacht ins Familienunternehmen rein und ich wollte einfach nur weg. Der ist geblieben. Also der ist wirklich, ich würde sagen, ein Local Hero. Das ist nicht negativ gemeint, aber er ist jemand, der mich zwar überall wo ich auf der Welt war, egal ob jetzt Amerika oder Portugal oder Holland, immer besucht hat, aber er wollte selber nie raus, sozusagen, weil er das einfach so bodenständig genießt.
Unterschiedliche Wege
Er hat hier seinen Kosmos, ist hier auch fleißig umtriebig, aber halt in seiner Welt. Und bei mir war das halt damals so, dass ich halt irgendwie, wenn ich nach draußen wollte, man wird dann irgendwie abgelenkt. Und ich denke, man studiert dann Business und Anzüge sind toll, Excel-Tabellen, Work Hard, Play Hard, wie man so schön sagt. Das heißt, da habe ich mich Richtung Banking und Consulting natürlich auch entwickelt.
Und irgendwann endet man über Ex-Freundinnen in Holland, wo man in einem Start-up landet, das Bier selbst braut, sozusagen, eine Nespresso-Maschine für Bier macht. Und auf einmal wieder lernt, so ein Anzug ist ja was ganz Geiles, aber so eine Jeans und ein T-Shirt, ein paar Sneaker, das hat auch irgendwie was, weil im Endeffekt jeder ist irgendwie gleich. Man kommt einfach ein bisschen runter, sozusagen.
Und ich glaube, das Schönste ist, wenn man in ein Familienunternehmen zurückkommt, wenn man was anderes gesehen hat und für sich selber dann bewerten kann, hey, das finde ich gut, das finde ich gut, aber eigentlich das auch. Weil im Endeffekt wächst ja jeder so ein bisschen auf mit seiner Familie, die ihm so ein bisschen Werte mitgeben, ihren Weg aufzeigen, Dinge, die sie schön finden. Und die Dinge evaluiert man dann. Man hält sich so einen Spiegel vor, egal wo man in der Welt ist. Aber zum Schluss ist doch zu Hause am schönsten, wie man so schön sagt.
Der Weg zurück ins Unternehmen
Das heißt, du hättest auch Investmentbanker werden können, wenn du diesen anderen Weg weitergegangen wärst. Aber in diesem Start-up im Niederlanden hast du gemerkt, nee, eigentlich bin ich ein anderer Typ. Ja, also ob ich Investmentbanker geworden wäre, das hätten dann die Noten wahrscheinlich entscheiden, aber ich war auf jeden Fall bei der Deutschen Bank im Inhouse Consulting, sozusagen, da auf jeden Fall. Und hätte sein können, weiß man nicht.
Und im Endeffekt das Allerwichtigste im Leben ist doch, egal ob Familie oder nicht, dass man was hat, wo man für brennt. Und das hatte ich im Start-up, weil ich eine neue Idee verfolgt habe oder halt nicht. Also wir haben an einer Idee gearbeitet, die wir verfolgt haben. Und das heißt, du unternehmst auch jetzt, sind es zwar Schrauben, bei Tommy Hilfiger waren es mal Kleidung, sozusagen.
Und im Endeffekt macht alles Spaß, wenn man für etwas brennt. Und das ist vielleicht auch Unternehmertum in gewisser Weise, dass man etwas hat, was man weiterentwickeln will, egal wie die Firma aussieht. Man liebt es, mit Menschen zu arbeiten und ja, das macht auch Freude.
Der entscheidende Moment
Du hast es ganz gut beschrieben, finde ich, dass es so in der Rückschau, dass natürlich alles ganz toll nach einem roten Faden aussieht, aber im Sein natürlich wahrscheinlich nicht. Gab es denn so einen Moment, wo du gemerkt hast, oh, jetzt wird ein roter Faden draus? Also jetzt will ich wirklich zurück, ich rufe da mal an, ich mache das jetzt. Genau, gab es.
Also vielleicht gab es so zwei rote Fäden. Es gab den roten Faden von der Geburt an, wo das Familienunternehmen sich wieder ein bester Freund quasi begleitet hat, gut wie in schlechten Zeiten, bis ich dann den Absprung sozusagen gemacht habe. Und meine Eltern haben mit uns damals so eine, wie sagt man, Familiencharta aufgesetzt, wo einfach so festgelegt war, bis wann ich mich entscheiden muss, ob ich ins Familienunternehmen eintreten möchte oder nicht.
Dass sie auch wissen, hey, vielleicht muss man es extern suchen. Und der rote Faden hat, glaube ich, mit 18, 19, 20 oder aufgehört, wo ich mich dagegen entschieden habe und mein Bruder sich dafür. Das war dann klar, dass wir so getrennte Wege gehen. Nicht, dass ich nie eine Chance habe zurückzukommen, aber dass es in der Theorie nicht meine eigene Entscheidung war. Das war für mich aber gut, weil ich heraus wollte.
Rückkehr und neue Herausforderungen
Und dann habe ich durch den roten Faden viel Erfahrung gesammelt. Ich habe mir verschiedene Branchen angeschaut. Ich bin dann, glaube ich, so ein, wo ich richtig toll fand in Holland. Und dann hat der rote Faden wieder angefangen, als mein Bruder mich dann im Auto überfallen hat mit der Frage, hey, du Leier, ich bräuchte ein bisschen Hilfe, wäre es nicht was davon?
Und es war eigentlich relativ witzig. Wie gesagt, ich habe die letzten zehn Jahre in Holland gewohnt, habe da oben auch Frau und Kind, sozusagen. Und dann sind wir gerade umgezogen, die neue Wohnung komplett umgebaut, also sozusagen sich hergerichtet für länger. Und dann sind wir kurz vor Weihnachten eingezogen.
Und ich glaube, drei, vier Tage nach Weihnachten habe ich gesagt, ich buche spontan meinen Flug noch runter, dass man sich auch noch feiern kann. Meine Frau hat gesagt, hey, du ich habe so viele Umzugskisten, lass mich alleine wurschteln. Und habe meinen Bruder dann so abends um zehn, elf gebucht, hey, nächsten Morgen um sieben geflogen von Amsterdam und habe gefragt, hey, holst du mich ab am Flughafen in München?
Und dann komme ich da an mit so zwei Koffern, ein Kind, das weiß ich, ein halbes Jahr alt war, nicht geschlafen im Flug, also nur sozusagen am Heulen. Und wir sind dann runtergefahren an den See. Ich schauke das Kind noch so wirklich in Schlaf. Und dann fragt mein Bruder auf einmal so, du Leier, wäre das nicht was? Ich bräuchte Hilfe, in Anführungszeichen, oder halt, dass er Unterstützung gerne hätte und sich eigentlich nichts besser vorstellen könnte, dass sein Bruder, wie man sein Bruder das gemein macht.
Der Moment der Entscheidung
Und ich war komplett baff. Also wie gesagt, die zwei Stunden sind vergangen wie im Flug. Ich lag da nachts in der Nacht, lag ich wach und konnte an nichts mehr anderes denken. Und das war so vielleicht der Moment, genau im alten Kinderzimmer, ja fast. Meine Eltern sind umgezogen, aber halt in meinem Beistellbett.
Aber weißt du, hast du gemerkt, wow, die Frage hat was bewirkt. Und wenn ich nachts aufgewacht bin, ich konnte nicht schlafen. Ich habe mir aufgeschrieben, unter welchen Bedingungen ich mir das dann vorstellen könnte. Weil das war ja ich in Amsterdam, das ist die andere Seite von Europa, Frau und Kind da. Und wie soll das gehen?
Und das war relativ klar, dass ich dann irgendwie nicht mehr schlafen konnte. Und wir haben uns am nächsten Tag mal zusammengesetzt und einfach mal nachgedacht. Wie gesagt, so eine grüne Wiese vorgestellt, wie könnte es dann aussehen. Und es war dann so krass, dass ich dann, ich glaube, zwei, drei Monate später den ersten Schritt ins Unternehmen gewagt habe. Da haben wir noch ein bisschen zu beschnuppern. Aber ein halbes Jahr später habe ich angefangen.
Und es ging dann die ersten Jahre so gut. Das heißt, eine Woche hier, eine Woche da. Und zum Schluss bin ich am Bodensee gelandet. Patrick Leier im Brand1 Podcast. Und wir sprechen in dieser Episode noch weiter über kurvige Wege und was dann am Bodensee passierte, als er zurückgekommen ist.
Der entscheidende Grund
Patrick, du hast es gerade ganz gut beschrieben. Am Anfang war es noch so ein bisschen auf Probe, aber dann bist du ganz zurückgegangen. Was war dann der entscheidende Grund, das wirklich zu machen und diesen Schritt zu gehen? Es ist zweierlei in Sicht. Auf der einen Seite ist es Selbstverwirklichung, würde ich sagen, dass man sich einfach eine Chance hat, etwas zu gestalten, vielleicht die Legacy, was die Eltern aufgebaut haben, das weiterzuführen, sozusagen das, was er ein Jahr mitgeprägt hat.
Und auf der anderen Seite auch vielleicht der Familie helfen in einer gewissen Weise, wo man sagt, hey, wir haben davon genossen, sozusagen als Kind, dass wir einen Teil von dem Familienunternehmen hatten. Und jetzt will ich das einfach weiterführen. Ich will es in die nächste Generation führen und ich möchte, dass mein Kind auch eine Chance hat, das mitzumachen, sozusagen.
Ich glaube, in der Familienunternehmersprache sagt man immer „enkelfähig“ und das ist vielleicht so der zweite Hintergrund. Also wirklich einfach das, was die Eltern aufgebaut haben, weiterzuführen und auch für die neue Generation was zu schaffen.
Abgrenzung der Rollen
Stichwort Eltern. In den letzten beiden Episoden haben wir ja oft auch über die Abgrenzung und das Verschwimmen der Rollen zwischen Eltern und Kindern gesprochen. Ich kann mir vorstellen, dass das unter Geschwistern dann auch nochmal komplex ist. Also da gibt es ja nicht nur die Eltern, sondern eben ja auch noch den Bruder, der früher anders wollte und dann sich anders entwickelt hat und so. War das nicht immer einfach oder hat das ganz easy peasy funktioniert? Er hat einfach gefragt und du bist gekommen.
Genau, ich würde sagen, zweierlei Hinsicht. Schauen wir erstmal auf unsere Eltern hin. Meine Eltern haben das gemeinsam geführt, glaube ich, seit Ähnlichkeiten, sozusagen. Meine Mutter war kurz nach der Gründung dabei und ich bin in dem Büro, wo ich gerade sitze im Unternehmen, da bin ich aufgewachsen. Da war Sama im Babybett, bin ich beim Papa im Büro rumgelaufen, sozusagen.
Also es war schon sehr prägend. Und den richtigen Generationswechsel hat eigentlich mein Bruder schon ohne mich gemacht. Warum? Weil er reingekommen ist, dass er schon zehn Jahre im Unternehmen gewesen ist und sozusagen Schritt für Schritt von meinen Eltern die Verantwortung übernommen hat, sozusagen, aber halt gemeinsam mit meinen Eltern geführt hat.
Und ich glaube, den größten Generationskonflikt, den man meist im Unternehmen hat, da kommt jemand Neues rein mit einer anderen Führungsmethode. Das hatte er schon gemacht. So, genau. Und ich hatte sozusagen den Soft-Einstieg, weil er den Großteil ja schon gemacht hat.
Unterschiedliche Perspektiven
Aber mein Bruder und ich, wie du schon sagst, schaut euch mal ein Foto an. Wir sehen unterschiedlich aus. So sind wir auch. Wo wir, ich glaube, etwas kleiner waren. Ihr kennt es wahrscheinlich, der auch einen Bruder hat. Da hat man sich mal die Köpfe eingeschlagen hin und wieder. Da war man eher Feind anstatt Freund.
Aber wie gesagt, wir wachsen ja auch auf und werden auch reifer und mittlerweile passt es eigentlich ganz gut. Und das Tolle ist an dem Bruder, dass wenn du dieselben Werte mitgenommen hast und auf jeden Fall eine Einstellung da ist, die Grundwerte, dann kannst du noch so verschieden sein, weil du weißt, die Basis ist die gleiche.
Ich kann mich auf ihn verlassen und egal in welcher Situation, auch wenn er anders denkt, im Endeffekt, wenn es hart auf hart kommt, ticken wir gleich. Und ich glaube, das ist ein unglaubliches Geschenk, was viele vielleicht externe Geschäftsführer nicht haben oder die zu gemeinsamen Unternehmen führen, weil du halt die Grundwerte nicht hast.
Die Stärke der Familie
Und das ist das Tollste. Ich kann meinen Bruder mal anschreien, er kann mich anschreien. Wir können ärgerlich das Telefon auflegen und fünf Minuten später ist es wieder okay. Und das ist glaube ich das allergrößte Geschenk, was du als gemeinsames Bruder hast, wenn du die Werte mitbekommen hast und in so einer schönen Umgebung aufgewachsen bist. Und dadurch ergänzen wir uns eigentlich ganz gut.
Du merkst es, wenn ich einfach ein bisschen unstrukturierter bin, er eher ein bisschen strukturierter, eher sehr operativ Dinge liebt, also wirklich so in kleinen Sachen Prozesse zu verbessern und ich ab und zu ein bisschen mehr von der Welt träume. Und im Endeffekt ist genau das Tolle. Der David sagt, hey, hilfst du mir hier? Und ich sage, hey, übernimmst du das für mich? Und das ist eigentlich das Tolle, wenn man zwei Brüder sich die Geschäftsführung teilt.
Also das kann ich wirklich nur empfehlen für alle Leute, die sich noch fragen, ob das was ist. Ja, wenn man einen Bruder oder eine Schwester hat. Aber ich finde die spannende These dabei ist, dass man alle sagen, ja, immer man braucht unterschiedliche Perspektiven. Man muss unterschiedlich auf Dinge tun. Aber wie hält man das aus? Das ist im Alltag ja manchmal schwer auszuhalten.
Der Kit der Familie
Und du sagst, die Familie oder in dem Fall der Bruder, das ist der eigentliche Kit. Da hält man sowas aus. Genau. Also man muss das natürlich ein bisschen trennen. Wenn du die ganze Zeit über das Familienunternehmen an jedem Esstisch, an jedem Abendessen redest, dann wirst du natürlich auch ein bisschen verrückt.
Und ich glaube, das ist für uns ganz gut, dass wir uns natürlich im Geschäft jeden Tag sehen, natürlich auch an meinem Wochenende. Und wenn die Familie da ist, dann probieren wir, aber so wenig wie möglich über das Unternehmen zu reden. Es ist zwar immer da und ab und zu kommt es immer auf, aber es gibt ja auch ein Leben danach.
Und ich glaube, da den Spagat zu bewahren, das ist eigentlich super wichtig. Du hast vorhin gesagt, im Prinzip ist es fast schnurzpiepegal, was man da macht. Hauptsache, man brennt dafür. Brennst du denn für Schrauben und Werkzeuge? Ich glaube, ja. Es ist ja sozusagen egal, was du verkaufst.
Leidenschaft für Menschen
Und ich glaube, ich brenne für Menschen. Und wenn du für Menschen brennst, ob es jetzt ein kleiner Handwerksbetrieb ist oder ein multinationaler Konzern, im Endeffekt befähigst du ja Menschen, das zu tun, für was die brennen. Und wenn ein Zimmermann stolz ist, dass er einen Dachstuhl zusammenbaut mit deinen Schrauben, wenn er mit Stolz seine Arbeitskleidung trägt, seine Zunft für einen Zimmermann, und du lieferst ihm das und du mögst ihm, dass er wertschöpfend agieren kann, dass seine Mitarbeiter nach Hause gehen können und, wie gesagt, ein Weihnachtsfest mit den Eltern feiern können und Urlaub gehen, dann ist es ja was Tolles.
Und es macht jetzt keinen Unterschied, ob wir als Leier im Handwerk Industrie von Schrauben, Arbeitskleidung liefern oder eine Bohrmaschine oder ob ich bei Tommy Hilfiger die neuste Fashion-Kollektion verkaufe. Im Endeffekt genießen Menschen, dass du mit denen zusammenarbeitest, die genießen deine Produkte und das macht es aus.
Und das Allertollste ist auch, gerade im B2B, wo wir unterwegs sind, die langfristigen Beziehungen. Du freust dich, wenn du einen Kunden wieder siehst, ob es mal bei einem Event ist, bei einer Messe oder bei ihm vor Ort. Und das macht das Tolle daran. Also wie gesagt, ich bin ein Menschenmensch und die Produkte, die ich verkaufe oder die wir verkaufen, das ist komplett egal.
Veränderungen in der Branche
In den letzten Jahren hat ja jetzt mal ein bisschen rausgesucht, die Baubranche insgesamt doch ganz schön unter der Wirtschaftskrise gelitten. Gleichzeitig scheint ja aber momentan Handwerk auch echt wieder diesen berühmten goldenen Boden zu haben. Spürt ihr solche Veränderungen in eurem Unternehmen? Also hat das Folgen für euch auch?
Ja, wir spüren es zweierlei in Sicht. Ich glaube, seit 2012 hat die Baubranche einen Boom gehabt. Ich glaube, die Zinspolitik, die hat wirklich jedem ermöglicht und auch das Wachstum in Deutschland, sozusagen nach der Finanzkrise, dass jeder sich, ob es ein Einfamilienhaus ist oder einfach der Bau, der ist explodiert. Und das haben wir natürlich auch gemerkt.
Und der Höhepunkt war natürlich Corona, wo jeder, anstatt in den Urlaub geflogen ist, sein Haus saniert hat. Und wir hatten natürlich auch Wachstum. Und jetzt merken wir wirklich, wie das halt eingebrochen ist. Und ich glaube, das hat mein Bruder vor ein paar Tagen gesagt, dass die Baukonjunktur wieder auf dem Stand von Corona ist. Projektionisiert jetzt in 2031. Also jetzt in ein paar Jahren haben wir erst wieder den Stand, was wir in Corona hatten.
Das bedeutet natürlich, dass wir auch da Einbrüche hatten, dass wir kämpfen. Das ist auf jeden Fall. Ich glaube auch, du hast wie wir jetzt einen Generationswechsel durchlebt haben, auch einen Generationswechsel im Handwerk. Viele kleinere Unternehmen oder viele größere hören auf, weil sie keinen Nachfolger mehr haben. Das sind gerade die Babyboomer, wie die meinen Vater, sozusagen, auch Unternehmen gekündigt haben.
Herausforderungen und Wandel
Und da merken wir, dass wir kämpfen müssen mit der Wirtschaft, in der wir aktuell sind. Und das wird ja nicht besser durch die ganzen Krisen. Wie gesagt, was da sozusagen passiert, ob es Ölpreise sind oder Lieferketten. Und gleichzeitig den Generationswechsel. Das heißt, unser Markt ändert sich, wie unsere Kunden bestellen, was denen wichtig ist, ändert sich auch radikal.
Und hier ist eigentlich unser, ich sag mal so, das ist der richtige Nordstern. Du musst auf der einen Seite deine Mitarbeiter mitnehmen, du musst dich in den neuen Markt orientieren und im Endeffekt ja probieren, das Unternehmen in die nächste Generation zu bringen. Und da gibt es einen Wandel bei uns, da gibt es einen Wandel bei unseren Kunden und generell an der Welt.
Und irgendwo zwischendrin ist die Firma Leier. Und da müssen wir halt ab und zu mal gucken, wohin wir segeln oder wie wir mit dem Boot links oder rechts fahren. Und wie sieht die Zukunft aus von Leier? Rot, natürlich, wie die Unternehmensform. Rot, rosig eher? Nein, es bleibt spannend.
Veränderungsprozess
Also wir sind richtig im Veränderungsprozess. Ich glaube, dass unsere Kunden sich wahnsinnig verändern, dass es viel mehr um Prozesse, viel mehr um Lösungen geht. Und dass es eigentlich egal ist, wer jetzt das Produkt liefert. Wir müssen den Mehrwert für den Kunden schaffen.
Und es kann eine Prozessverbesserung sein, dass er die Arbeitskleidung komplett digital beschaffen kann. Und anstatt in der Euro-Palette zu suchen, welche Arbeitshose gehört jetzt Müller, sodass du einfach einen Mehrwert bietest. Und ich glaube, da entwickeln wir uns.
Und im Endeffekt, ich habe ja am Start-up gearbeitet. Es waren ja tolle Tischtennisplatten an jeder Ecke zu haben, große Büros, jeder einen Laptop. Wir saßen draußen auf der Bank am Kanal in Amsterdam, wo du halt ein Schiff vorbeifährst und am Arbeiten einen Teamscall hattest. Es wäre toll, wenn wir im Mittelstand auch irgendwann so eine Kultur haben.
Aber ich glaube, für den Mittelstand sind wir ganz schön jung, dynamisch. Und jetzt mal gucken, wohin uns die Reise bringt. Patrick Leier im Gespräch beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir sind gleich wieder da.
Engagement in der Community
Patrick, du bist auch Botschafter der Brand1 Übernehmertum Community. Warum engagierst du dich da? Meistens ist es die eigene Erfahrung. Und ich glaube, eines der schönsten Geschenke ist ja, dass man dem eine Nachfolge antreten kann. Das ist auch vielleicht eine große Bürde.
Und oft sind es ja Fragen und Probleme, die du ja selber hast. Aber du kannst nicht mit jedem deiner Freunde reden. Und ich habe halt selber gedacht, wo ich jetzt meinen Bruder übernommen habe, wo er damals übernommen hat, da hat eine Schulter gefehlt, an die man sich wenden konnte, der vielleicht vor der Übernahme Fragen beantworten hätte können, wie gehe ich mit den Eltern um, was mache ich in den bestimmten Situationen während der Übernahme oder auch nach der Übernahme.
Dass man einfach jemanden hat, mit dem man drüber reden kann, mit dem man sich austauschen kann. Und das war eigentlich der Kernpunkt, wo ich gesagt habe, hey, ich finde die Idee so super. Wir sind so eine eigene Spezies, ohne jetzt überheblich zu klingen. Aber du hast ganz eigene Probleme und ganz eigene Chancen.
Wert des Netzwerks
Und darüber wollte ich mit anderen Leuten reden und das Wissen, was ich selber aufgebaut habe, gerade in einer Duo-Führung, also zwei Brüder, das gibt es ja auch nicht so häufig. Das wollten wir weitergeben. Und deswegen sind wir Teil davon.
Was kann aus deiner Sicht wertvoll sein an so einem Netzwerk? Also du hast schon angesprochen, vor allen Dingen auch der Erfahrungsaustausch. Aber siehst du da noch mehr? Ich glaube, das Wertvollste ist wirklich der Erfahrungsaustausch. Also, dass man sich bei Events mal begegnet. Dass man einfach face to face sprechen kann.
Dass man auf der einen Seite aber auch trotzdem Case Studies bekommt, vielleicht Fragen stellen kann an der Community und eine Antwort bekommt.
Und ich glaube, der größte Mehrwert liegt im face to face, wenn man jemanden kennenlernt, wenn man weiß, dass man sich jemandem öffnen kann. Aber Schritt für Schritt, das kommt immer darauf an, wo du bist.
Für die ganz Jungen, die sich überhaupt mit dem Thema Nachfolge beschäftigen, ist vielleicht am Anfang das Wichtige: „Hey, ich habe da eine Webseite, ich kann mich da kurz einloggen, ich kann so ein paar Basic-Themen abklopfen. Ich kann mich im Heft informieren und irgendwann bist du bereit für so ein Event oder vielleicht für eine Eins-zu-eins-Begleitung.“
Und da ist halt einfach so: Jeder muss das nehmen, was er will. Wie so ein Kuchen-Trolley. Ich nehme das Stückchen da, hätte ich gern etwas davon.
Das finde ich ganz spannend, weil vielleicht mal so aus meiner eigenen Erfahrung als Geschäftsführer, auch von einem Podcast-Radio. Ich habe auch in den letzten 17 Jahren am allermeisten in so 1-zu-1-Gesprächen gelernt. Denn wenn sich jemand zum Beispiel intensiv mal mit deinem Geschäftsmodell und deiner Idee beschäftigt, dann habe ich das Gefühl, nimmt man da wirklich immer etwas mit.
Und du sagst es ja, man kann es nicht immer mit den Mitarbeitenden oder mit dem direkten Umfeld besprechen. Ich habe ja auch die These, deswegen gab es früher auch sowas wie einen Golfplatz, weil wenn da Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer zusammengekommen sind – früher waren es eher Geschäftsführer – dann konnte man mal über solche Themen reden.
Aber heute braucht man vielleicht dafür auch andere Formen. Genau.
Und wie gesagt, ich glaube, was die brand eins macht: Die brand eins zieht ja ein bestimmtes Publikum an. Und während meiner Uni war mein alter Professor Stefan Jansen, der immer noch eine Kolumne schreibt in der brand eins. Er schreibt regelmäßig in der brand eins.
Ja, genau. Und ich glaube, wenn du ein gewisses Netzwerk anziehst, eine gewisse Fokusgruppe hast, kannst du denen dann direkt Wissen weitergeben. Jeder weiß, wenn er mit brand eins zusammenarbeitet, es hat eine gewisse Qualität, es hat einen gewissen Fokus und es ebnet halt auch die Wege.
Und sobald ich eine Community habe, wo ich dann angeschlossen bin, fällt der erste Schritt, den du vielleicht früher auf dem Golfplatz hattest, einfacher. So, dass ich nicht selber rumlaufen muss in meinem Dorf, vielleicht um die Ecke, und fragen muss: „Hey, wer hat gerade eine Nachfolge? Wer hat dieselben Probleme wie ich?“
Sondern ich kann einfach gucken: „Hey, wer ist in der Community? Wer kann mich helfen?“ Und dann ist das Tolle, dass vielleicht nicht nur der nebenan dir helfen kann, sondern jemand anders in einem ganz anderen Geschäftsmodell, in einer ganz anderen Branche dir vielleicht einen Tipp geben kann, wo du gar nicht auf dem Radar hattest, weil es bei ihm vielleicht funktioniert hat.
Ich bin gespannt, wie weit sich das noch entwickelt. Patrick Leier vom Leier, einer der beiden Geschäftsführer des Leier Großhandels.
Ich sage vielen Dank für das Gespräch. Danke dir, Christian.
Und mehr Informationen zur brand eins Übernehmertum Community findet ihr in den Shownotes dieser Episode. Empfehlt doch gern unseren Podcast und vor allem auch die letzten Episoden Leuten, die auch über Nachfolge und Übernahmen nachdenken.
Egal, ob das jetzt auf dem Golfplatz ist oder vermutlich eher woanders, vielleicht am Kanal in Amsterdam. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Menschen sich freuen über einen Hinweis auf diese Podcast-Episode hier vom brand eins Podcast.
Wir können uns wiederhören am nächsten Freitag, wie gewohnt an dieser Stelle. Kommt gut durchs Wochenende und gut durch die Woche. Gern bis nächsten Freitag.
Der brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm.
Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert.