Wir beschäftigen uns ja hier gerade schwerpunktmäßig mit dem sehr persönlichen und oft ja auch emotionalen Thema Schönheit. Denn ich vermute, wir alle kennen auch die Selbstzweifel, die bei diesem Thema schnell aufkommen. Egal, ob jetzt Zornesfalte im Gesicht, die Oberarme oder vielleicht auch der Bauch oder Po.
In dieser Episode geht es dabei auch um den Unterschied zwischen Attraktivität und Schönheit. Schön, dass ihr mit dabei seid! Ich bin Christian Bollert und ich verspreche euch eine attraktive Episode. In dieser Folge geht es um das Sehen oder genauer gesagt um die Beurteilung dessen, was wir da so sehen. Denn ich spreche darüber, wann wir Menschen schön finden und wie wir damit umgehen, dass wir ja auch alle gesehen und beurteilt werden. Denn es ist gar nicht so leicht zu sagen, wann wir andere schön finden oder vor allen Dingen auch uns selbst.
Rabea Weiser und der Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität
Rabea Weiser differenziert zwischen Schönheit und Attraktivität. Sie hat das Kulturressort Weiszeit online geleitet. Im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Wie wir so schön wurden: Eine Biografie des Gesichts“ erschienen und sie ist Gastgeberin des Schönheitssalons an der Berliner Urania. Ich freue mich, Sie hier im Brand1 Podcast begrüßen zu dürfen und sage: Hallo und herzlich Willkommen, Rabea!
Hallo Christian! Ich habe schon erwähnt, dass dir dieser Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität sehr wichtig ist. Warum? Ja, ich glaube, Attraktivität ist das, was man objektiv messen kann, was die Attraktivitätsforschung untersucht, mit ganz vielen Studien. Und Schönheit ist etwas, was sich damit nicht so ganz bemessen lässt, weil zur Schönheit immer noch eine charakterliche Dimension gehört, die gar nicht so einfach zu begreifen ist. Zu umreißen ist. Und Schönheit bedeutet dann eben, dass eine charakterliche Schönheit und eine physische Schönheit zusammenkommen müssen. Und das passiert sehr, sehr selten. Also das heißt, Attraktivität ist der leicht messbarere, aber auch oberflächlichere Teil.
Die Rolle der Attraktivität in der Gesellschaft
Ja, genau, so ist es. Weshalb spielt denn das Thema Attraktivität überhaupt für so viele von uns dann doch eine so große Rolle? Ich denke, das hat mit unserem Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit und sozialem Status zu tun. Wir alle sehnen uns nach Anerkennung von anderen und die bemisst sich eben auch daran, wie wir aussehen, wie wir auftreten und wie wir mit anderen kommunizieren. Diese Kommunikation findet zum Großteil in unserem Gesicht statt. Und da gibt es dann eben Parameter, die sich über Jahrtausende in unsere soziale DNA eingeschrieben haben, auf die wir reagieren.
Was ich ja auch interessant finde, ist, dass viele Menschen damit offensichtlich auch, ich sag mal, so einen Wunsch nach nicht nur Anerkennung, sondern auch Aufstieg auch sich erhoffen. Ja, also wir kennen, glaube ich, aus den letzten Jahren sehr, sehr viele Studien und Artikel über das sogenannte Pretty Privilege. Also, was für Vorteile haben wir eigentlich davon, wenn wir besser aussehen als der Durchschnitt? Die grundlegende Annahme von Pretty Privilege ist der sogenannte Halo-Effekt und der ist auch gar nicht so neu. Also der ist schon über 100 Jahre alt, beziehungsweise seine Entdeckung. Und der sagt eigentlich, dass wir Menschen, die attraktiv aussehen, für vertrauenswürdiger halten, sympathischer, auch für ein bisschen intelligenter.
Und das Interessante ist, ab wann dieser Halo-Effekt tatsächlich greift. Weil wenn wir denken, Pretty Privilege, also alle sozialen Vorteile, die man haben kann, wenn man besser aussieht, also man findet bessere oder attraktivere Sexualpartner, man ist erfolgreicher im Job. Wir wissen, dass juristische Urteile zugunsten von besser Aussehenden ausfallen können. Dass eigentlich dieser Halo-Effekt schon eintritt, wenn wir durchschnittlich aussehen. Das ist eine ganz interessante Erkenntnis, die total konträr steht eigentlich zu diesem Optimierungswahnsinn, den wir gerade in den sozialen Medien beobachten können. Oder der ausgehend von den sozialen Medien tatsächlich unser reales Leben infiltriert und uns alle irgendwie dazu bringt, dass wir ständig darüber nachdenken, wie wir denn hübscher, schöner, besser und damit erfolgreicher, glücklicher, so das Versprechen werden können.
Der Passing-Wunsch und soziale Zugehörigkeit
Und dieser soziale Aufstieg, der spielt ja schon eine Rolle. Es gibt ja diesen Begriff des Passing-Wunsches. Ja, der Passing-Wunsch, da würde ich aber sagen, da geht es um soziale Zugehörigkeit und nicht unbedingt um Aufstieg. Also wenn der Aufstieg jetzt vertikal wäre, geht es eigentlich beim Passing erstmal darum, eine Gruppe zu finden, zu der man gehören möchte. Natürlich ist bei den meisten Leuten dieser Zugehörigkeitswunsch mit einem Wunsch nach sozialem Aufstieg und sozialer Anerkennung verbunden.
Historisch gesehen zum Beispiel die Erfindung der ästhetisch plastischen Chirurgie hatte ganz viel damit zu tun, dass sich Europäer und europäische Auswanderer in den USA anhand ihrer Nasen gegenseitig beschämt haben und glaubten, sich an den Nasen erkennen zu können. Also bestimmte Ethnien, bestimmte Gruppen, die Iren gegen die Engländer, also lauter schlimme Stereotype standen im Raum und denen, die davon betroffen waren, ging es dann darum, dieses Stigma nicht mehr im Gesicht tragen zu müssen. Und das trug eben maßgeblich dazu bei, dass sich auch in den USA dann im 19. Jahrhundert die ästhetisch plastische Chirurgie anhand der Nase so stark verbreitet hat.
Also es geht eigentlich immer darum, dass es eine soziale Gruppe gibt, ob das jetzt die mit den kleinen Nasen ist, oder die mit den großen Brüsten, oder die mit dem eckigen Kinn, von der ein Statusgewinn ausgeht, die vielleicht beliebter sind, die mehr Airtime haben, mehr in den Medien zu sehen sind. Und das Individuum denkt, das Leben wäre doch so viel besser, wenn ich jetzt auch dieses Kinn oder diese Brüste oder diese Nase hätte.
Die Bedeutung der Augenbrauen
Stichwort Gesicht und Nasen. Damit hast du dich ja auch besonders intensiv beschäftigt und das Gefühl zielt ja auch darauf, so der Großteil der Kosmetikindustrie. Also ich finde es sehr spannend, dass dabei, und das fand ich wirklich auch überraschend, offenbar die Augenbrauen eine ziemlich zentrale Rolle spielen. Warum? Ja, die Augenbrauen waren mir tatsächlich das wichtigste Kapitel im Buch, auch das erste, das ich geschrieben habe, weil ich das so faszinierend fand, was in den letzten zehn Jahren mit den Augenbrauen passiert ist.
Also wenn man so auf der Straße ist, dann sieht man überall, was machen die Leute? Also was ist da für ein Balken ins Gesicht gemalt? Warum sind die Augenbrauen so weit in Richtung Nasenwurzel gemalt? Warum sind sie festgeklebt mit Haarwachs? Also es gibt wahnsinnig viele Styles von Augenbrauen und ich habe mich eben gefragt, warum, wie du eben auch, warum ist die Augenbraue so wichtig? Also Form follows Function, was soll das eigentlich? Brauchen wir die wirklich noch? Was tut die eigentlich kommunikativ für unser Gesicht und wie verändert sich die Kommunikation, wenn wir sie stylen, wenn wir sie blondieren, wenn wir sie abrasieren, wenn wir sie schmaler machen? Pencil Brows sind jetzt gerade so das Ding, die Balken nicht mehr so.
Genau. Und dann bin ich eben drauf gestoßen, dass die Augenbraue im Gesicht ein wahnsinnig wichtiges Kommunikationsmerkmal ist. Also dass wir mit den Augenbrauen so viel ausdrücken können über Mikroexpressionen, dass die wichtiger sind als unsere Augen an sich. Also es gibt so eine ziemlich berühmte Studie aus den 90er Jahren schon. Da hat man ProbandInnen Bilder von Richard Nixon und Winona Ryder vorgelegt, beide sehr prominent. Und man hat einmal mit Tippex damals noch die Augen weggemacht und einmal die Augenbrauen weggemacht. Und man hat eben festgestellt, dass die ProbandInnen diese Gesichter nicht mehr erkennen konnten, wenn die Augenbrauen fehlten. Wenn die Augen fehlten, war nicht so schlimm.
Also die Augenbrauen sind nicht nur wichtig zur Mikrokommunikation, sondern geben auch dem Gesicht einen Rahmen, geben unserem Auge, also geben dem Gegenüber einen Halt. Ah, okay, das ist jetzt hier, ist die Augenregion, da ist der Augenknochen, das sind die Kontraste. Die Augenpartie ist sowieso eigentlich das Wichtigste im menschlichen Gesicht, weil wir an den Augen an sich ja auch so viel Emotionen ablesen können.
Ja, und dann Wurmlöcher nach Wurmlöchern bin ich dann auch noch drauf gekommen, dass die Augenbraue in alten Kulturen, auch im alten Ägypten schon in der Antike, als Symbol für Fruchtbarkeit stand, für weibliche Fruchtbarkeit. Und das finde ich eben ganz interessant, wie wir als Menschen immer wieder zurückkommen zu so Betonung von Biologismen, wenn man so will, oder zur Überbetonung von Sexualität, von Fruchtbarkeit, von Jugend, wo wir eigentlich ja zivilisatorisch schon weit darüber hinaus sind, dass wir uns wie Affen verhalten.
Schnelle Veränderungen der Schönheitsideale
Rabea Weiser im Gespräch beim Podcast Radio Detektor FM und wir sprechen in dieser Episode gleich noch ein bisschen darüber, über diesen Konflikt zwischen Kultur und Affen und auch über Schönheit und Attraktivität. Rabea, deiner Beobachtung nach haben sich die Schönheitsideale noch nie so schnell verändert und geändert wie in den letzten 15 Jahren. Warum ist das so? Gibt es da für eine Erklärung?
Ja, also ich führe das zurück auf die Erfindung des iPhones und der sozialen Medien, weil wir natürlich in den sozialen Medien und mit dem, was dieses Telefon kann, vor allen Dingen dann Filter drauflegen. Aber es geht eigentlich die ganze Zeit darum, dass sich das Gesicht in den sozialen Medien vermittelt, weniger als der Körper eigentlich. Und parallel dazu hat sich eben die Beauty-Kultur, die es schon immer gab, dieses Feldes angenommen und gesagt: Ah, ist ja toll, wenn jetzt alle ihre Gesichter zeigen, dann können wir ja auch einfach vorher-nachher Tutorials und schminken und so wirst du noch schöner und so weiter.
Dann können wir ja die ganze Konsumkultur oder alle Tricks, die wir eigentlich in den letzten 100 Jahren schon ausgebreitet haben, um mehr Produkte zu verkaufen, das können wir jetzt auf Social Media noch viel besser machen. Und ich glaube, aus dieser Verquickung von Konsumkultur, Marketing, Influencern und eben vor allen Dingen dem technischen Instrument, das Telefon, das Selfies fotografieren kann, hat sich diese Kultur entwickelt, in der Gesichtsmoden sich einfach so, so schnell verändern.
Der Einfluss von Filtern und Videokonferenzen
Klingt so ein bisschen wie der Perfect Storm. Du hast es angesprochen, es gibt ja schon seit mindestens 100 Jahren auch Kosmetikprodukte und Leute, vor allen Dingen Frauen, haben schon immer versucht, im Gesicht irgendwie was zu machen. Aber so Filter wie Bold Glamour oder so, das ist nochmal eine andere Qualität als klassische Schminke. Und gleichzeitig beeinflusst es das auch, höre ich da so raus. Weil wenn wir dann so viele Videokonferenzen sind und so, wollen wir da auch irgendwie toll aussehen.
Ja, das ist nochmal ein wichtiger Punkt. Was sich eigentlich während der Pandemie auch nochmal deutlich abgezeichnet hat, sind die Filterspiele und die Zoom-Konferenzen. Also dass wir angefangen haben, uns die ganze Zeit auf Videobildschirmen zu sehen und selbst zu beobachten, mindestens im kleinen Feld unten im Screen, hat dazu geführt, dass kosmetische Operationen und Eingriffe, zumindest die Nachfrage danach, auch rasant gestiegen sind.
Also diese Selbstbeobachtung, die mit digitalen Medien einherging, die führt ganz offensichtlich dazu, dass wir unsicherer werden und unzufriedener mit dem was wir im Spiegel sehen. Das ist auch ein interessanter Aspekt, wenn man jetzt mal noch auf das Thema Geschlechter guckt. Frauen sind dem ja schon deutlich länger ausgeliefert, wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Aber Männer haben auch jetzt offensichtlich das Gefühl, unsicherer zu werden, Selbstzweifel zu haben, sich auch optimieren zu müssen.
Das ist eigentlich ein bisschen absurd, dass jetzt sozusagen die da noch was nachholen. Ich finde das ja aus kapitalistischer oder Marketing-Perspektive total logisch. Also ich würde das nicht unbedingt befürworten, aber das, was das Instagram-Phase war, so in den letzten zehn Jahren, also das sehr klassische Influencer-Beauty-Ideal mit den langen, gewählten Haaren und den großen Augen und den Fake Lashes und dem schräg stehenden Lidstrich und den vollen Lippen der kleinen Nase, dass es dazu auch einen, also zu diesem Barbie-Gesicht eigentlich auch noch einen Kennen gibt, ist ja total klar.
Mit etwas Verzögerung finden wir den jetzt in der Menosphere und in Luxmexaforen. Und abgesehen von der politischen Grundierung gibt es natürlich auch schon seit ungefähr zehn Jahren in der Drogerie einen wachsenden Markt für Herrenkosmetik. Das finde ich auch ganz interessant, dass es ganz viele Produkte, die eigentlich unisex wären, jetzt nochmal geschlechterspezifisch verkauft werden. Auch das hat zu tun mit dem, was ich vorhin schon beschrieben habe, also mit der extremen Betonung von Geschlechterunterschieden. Man nennt das Sexualdimorphismus. Das ist auch ein Basis-Attraktivitätsmerkmal.
Aber dass wir jetzt, wo eigentlich vielleicht sogar Gendergrenzen ein bisschen fluider werden, wo sich alles so ein bisschen entspannen könnte, wo es auch nicht mehr so um die Sicherheit der Fortpflanzung geht, aus einem biologischen Sinne, dass wir da zurückkehren zu so einer biologischen Einfachheit, weil eben die Welt so wahnsinnig komplex ist. Ja, also ich glaube, das ist auch eine Antwort oder ein Kommentar zu den aktuellen politischen Vorgängen. Ja, so ein bisschen der Rückzug ins Private oder die Optimierung von dem, was man auch selber in der Hand hat, im wahrsten Sinne des Wortes.
Schönheitsoperationen und gesellschaftlicher Druck
Und Stichwort in der Hand haben, du hast es ja auch schon angesprochen, von Kosmetik ist der Schritt jetzt nicht so weit zu kosmetischen Eingriffen. Du hast die Nasen angesprochen, in den USA, die ja auch schon früh ein Thema waren. Schönheitsoperationen sind ja durchaus, ich sag mal, umstritten oder werden viel diskutiert. Die einen sehen es irgendwie so als Mittel der Selbstermächtigung, die anderen sehen es aber irgendwie als Ende der Skala von gesellschaftlichem Druck. Wie blickst du auf Schönheitsoperationen?
Ich würde sagen, dass das Mittel zum Zweck sind. Klar, aber wir müssen uns fragen, wessen Zweck wir damit erfüllen. Also ist das eigentlich ein Selbstzweck? Erfüllen wir damit unsere eigenen Wünsche oder für wen tun wir das? Es gibt ja diese Aussage: „Ja, schön mache ich mich doch nur für mich selber.“ Oder das ist auf jeden Fall ein Klassiker. Genau. Oder dieses Berühmte: „Weil ich es mir wert bin.“ Das halte ich aus einer soziologischen Perspektive für totalen Schwachsinn.
Weil wenn es das andere oder den anderen nicht gäbe, der uns beobachtet, dann kämen wir auch gar nicht auf die Idee, uns zu verändern oder nach irgendeinem Maßstab zu optimieren. Das heißt, damit will ich nicht sagen, dass das nicht einen positiven Effekt haben kann, wenn wir uns hübsch machen, wenn wir vorm Spiegel stehen und sehen: „Jetzt ziehe ich das gute Kleid an oder den guten Anzug und jetzt mache ich mir die Haare schön und bin frisch rasiert.“ Also jetzt Herren im Gesicht. Dass man sich dabei wohl fühlt bei diesem Ritual auch und dass es auch sinnlich schön ist, mit Texturen und mit Gerüchen und mit Cremes und so weiter umzugehen, gar keine Frage.
Aber was man nicht außer Acht lassen darf, ist, dass wir das alles auch toll und angenehm finden in Erwartung einer positiven Reaktion der Umwelt. Das Belohnungssystem ist in dieses Ritual schon eingeschrieben und ohne die Außenwelt, von der wir wissen, dass sie positiver darauf reagiert, wenn wir frisiert sind oder geschminkt sind oder irgendwie aufgerüscht, hätte sich dieser Effekt bei uns so nicht eingeschrieben.
Also das, was man Aesthetic Labor nennt, die Arbeit am eigenen Äußeren, macht man immer für andere und macht man immer mit dem Zweck, sozial besser angenommen zu werden als ohne. Ich teile auf jeden Fall die Analyse, dass es in den letzten Jahren da wahnsinnig schnell gegangen ist und dass, ich sag mal, die mobilen Telefone und soziale Netzwerke da einen krassen Effekt hatten.
Langlebigkeit von Schönheitsidealen
Gleichzeitig finde ich es interessant, und das kommt auch in der Brand1 zum Zuge, dass sich manche Sachen dann doch sehr lange halten. Und da bin ich jetzt mal ganz egoistisch. Ich als Typ mit so sehr heller Haut zum Beispiel, ich warte immer noch darauf, dass sich das mal wieder dreht, das Schönheitsideal und diese gebräunte Haut nicht mehr so angesagt ist. Aber außer meiner Hautärztin bin ich da ganz allein auf weiter Flur. Es gibt offensichtlich auch Sachen, die sind sehr, sehr langlebig und vielleicht dann doch wieder so biologisch orientiert oder wie erklärst du dir das?
Das mit der hellen Haut ist eine interessante Sache, weil geh doch nach Korea, dann bist du halt King of the Beauty World. Also in den asiatischen Ländern gilt helle Haut, makellose Haut als das Allerhöchste. Von dort kommen natürlich auch die allerbesten Lichtschutzfaktor-Produkte, die sich jetzt hier und in den USA ausbreiten. Und dass wir Bräune attraktiv finden, ist ja eigentlich eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das hat sich Coco Chanel in den 1920er Jahren ausgedacht, weil sie fand, dass die Upper Class, die draußen in der Sonne Federball spielen kann oder auf einem Segelboot sich eine kleine Sonnenbräune einfängt, dass das eben ein Statussymbol ist.
Da sind wir wieder bei diesen Zugehörigkeitswünschen und parallel entwickelten sich ganz viele Modemagazine, die dann entsprechende Bilder produziert haben von schönen TennisspielerInnen und Menschen auf Segelbooten, sodass das erstrebenswert wurde. Ich sage jetzt mal als weißer Europäer, braune Haut zu haben. Das hat sich dann seit den 80er Jahren wieder so ein bisschen zurückgedreht. Wir haben auch alle mitbekommen, dass man jetzt vielleicht nicht mehr unbedingt sich im Sonnenstudio verbrutzelt und sehen eigentlich im Moment eher, dass die Leute sich einen Sonnenbrand aufmalen und die Bräune aufmalen, als dass sie sich tatsächlich – also ich würde jetzt mal sagen in der avancierteren Beautykultur – als dass sie sich tatsächlich verbrennen oder jetzt noch irgendwie stark ins Solarium gehen.
Man ist da doch ein bisschen gesundheitsbewusster geworden und an einer hellen Haut konnte man auch immer ablesen, ob dieser Mensch ein gutes Immunsystem hat, weil man auf einer hellen Haut natürlich sofort alle Makel, alle Narben, alle Pickel, alle Krankheiten sehen konnte. Und das, was wir jetzt eigentlich in Korea und in Japan wahrnehmen, ist dieses alte Ideal: Wow, das ist eine totale Porzellanhaut, da sind keine Makel drauf. Ja, herzlichen Glückwunsch. Das ist, wie gesagt, das ist schon eine sehr, sehr alte kulturell überlieferte Tradition.
Aber man muss natürlich bei der Beurteilung von Hautfarben auch immer in Betracht ziehen, dass es ein sehr, sehr schweres postkoloniales Erbe gibt, gerade in Ländern, die eben von Europäern unterworfen wurden, dass dort das heute Hautbleichmittel verkauft werden, weil die Menschen helle Haut mit Wohlstand, Reichtum und gesellschaftlichem Einfluss verbinden.
Die Herausforderungen für attraktive Menschen
Rabea Weiser zu Gast im Brand1 Podcast und hier geht es gleich weiter. Rabea, eine andere ganz spannende These ist die, dass besonders attraktive Menschen es im Leben auch besonders schwer haben. Also anekdotisch habe ich das schon häufiger mal gehört, dass irgendwie die Klassenschönheit oder der schönste Typ der Schule dann doch gestruggelt haben, so im Leben. Aber da ist wohl auch ein bisschen was dran.
Ja, das ist bei Frauen tatsächlich noch ein bisschen auffälliger, dass man einerseits von ihnen fordert, sehr, sehr viel Ästhetik-Labor aufzuwenden, also sehr viel Zeit und Ressourcen in ihre Selbstgestaltung und Optimierung zu stecken, aber sie dürfen damit bitte nicht zu hübsch werden, weil dann unterstellt man ihnen, dass sie zu viel Zeit in ihre Gestaltung verwenden und sich nicht mehr auf die wesentlichen Dinge konzentrieren.
Also das ist aber eigentlich eine kulturelle, eine soziale Entwicklung und nicht so fest verankert mit dem, was Menschen tatsächlich universell attraktiv finden. Also da gibt es eigentlich nur kulturelle Erklärungen für. Okay, also es gibt keinen Zusammenhang, so nach dem Motto: Ich habe eine große Attraktivität und dann ist es, um jetzt mal in deinem Bild zu bleiben, schwer, dann auch noch dazu den Schönheitseffekt mitzunehmen.
Den einzigen möglicherweise biologischen Effekt, der dahinter liegt, den findet man dann wiederum doch bei Männern. Also dass Männer, die zu viele Attribute aufweisen, die durch viel Testosteron gesteuert werden, also die sich in der Pubertät ausbilden unter starkem Testosteron-Einfluss, dass die von Frauen als nicht besonders gute langjährige Partner angesehen werden. Die sind gut für einen One-Night-Stand, weil sieht ja super aus, aber man traut ihnen nicht zu, dass sie mit diesem Aussehen und mit diesem Hormondruck wirklich lange in einer Partnerschaft bleiben und ein guter, im alten Sinne guter Versorger sind.
Die Idee einer Steuer für Schönheit
Da sind wir immer noch so ein bisschen hart gedrahtet, offenbar, was die übermäßige Attraktivität von Männern angeht. Du hast so ein bisschen eine provokante These. Du sagst, du hast es auch vorhin angesprochen, es gibt ja dieses Pretty Privilege, dass man also Vorteile hat, wenn man attraktiv ist, wenn man irgendwie gut aussieht. Und eine Idee von dir ist eine Steuer für Schönheit. Ist das nur so eine Schnapsidee oder steckt da mehr dahinter?
Das ist bestimmt eine Schnapsidee, weil es viele und richtig anhören, aber die einfach nicht umsetzbar sind. Aber ich erkläre es trotzdem ganz gerne mal. Also wir wissen, dass es so viele Vorteile gibt für Menschen, die angenehmer aussehen und dass auf der anderen Seite Menschen, die nicht mit diesen Vorteilen geboren werden, viele Nachteile haben. Und das ist ja in einem gesellschaftlichen Sinn total ungerecht.
Die meisten fortschrittlichen modernen Gesellschaften versuchen ja irgendwie Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten zu nivellieren. Dann wäre doch eigentlich die Frage, wie man an diese angeborene Ungleichheit, aus der niemand so wirklich entkommen kann, es sei denn, er oder sie hat sehr viel Geld und operiert sich komplett um, wie man dagegen angehen kann.
Und ich muss zugeben, das ist nicht meine Idee, sondern von dem Wissenschaftler Winfried Menninghaus. Der hat ein tolles Buch geschrieben, das „Versprechen der Schönheit“, schon vor 20 Jahren, wo er evolutionäre Vorteile des Aussehens auch aus der Darwinischen Theorie ableitet. Und der kam mit dieser Idee: Können wir uns eigentlich vorstellen, dass wir die Diskriminierung auf Basis des Aussehens, den Lukismus, ausmerzen? Oder ist das nicht eigentlich die Basis dessen, wie wir miteinander kommunizieren? Also wie wir miteinander umgehen. Ist das nicht die Grundlage dessen, wie wir Menschen einschätzen?
Und das würde ich teilen. Und aus Lukismus kommen wir im Grunde genommen gar nicht raus. Aber wir können ja versuchen, uns ein bisschen zu zivilisieren. Und naja, Steuern und Verbote haben auch immer einen erzieherischen Effekt gehabt. Ja, ich kann mir nur tatsächlich vorstellen, wenn man es dann weiterdenkt, dass es sehr schwer ist. Wer muss dann Steuern zahlen und wer nicht? Wer legt das fest? Welche Behörde kümmert sich dann darum?
Zivilisierter Umgang mit Schönheit
Aber es ist auf jeden Fall ein spannender Gedanke. Aber ich würde auf den anderen Gedanken gerne zurückkommen als Schlussfrage, nämlich die Frage: Wie können wir uns denn ein bisschen zivilisierter oder kultureller verhalten und nicht ganz so biologistisch, sexual getrieben?
Ja, mein Ansatz ist, dass es erst mal hilft, zu verstehen, wie Menschen funktionieren, wie ihre Sinneswahrnehmung funktioniert, wie ihr sozialer Umgang biologisch-psychologisch programmiert ist. Und erst dann ist man ja meiner Meinung nach in der Lage, die eigenen Reflexe ein bisschen zu reflektieren.
Also wir reagieren alle unwillkürlich auf Reize, die auf uns einprasseln. Aber wir sind auch sehr, sehr oft in der Lage, kurz innezuhalten und zu sagen: „Nee, so möchte ich darauf nicht reagieren.“ Oder: „Nee, nee, nee, das mache ich jetzt anders.“ Und das ist eben gerade bei aussehensbezogenen Vorurteilen total wichtig, dass wir da ein bisschen mehr, ich nenne es Aesthetic Literacy, lernen, um uns im Umgang mit anderen besser zu verhalten und aber auch, um besser mit uns selber klarzukommen, um ein besseres Verständnis dafür zu haben, wie wir auf andere wirken und auch zufriedener mit uns zu werden und nicht so viel an uns rumzuschrauben.
Und das geht, indem man sich dem Ganzen ein bisschen bewusster hingibt und ein bisschen mehr reflektiert und zum Beispiel sowas erkennt wie was du auch erwähnt hast, dass oft der Durchschnitt schon völlig ausreicht. Genau, genau. Also letztlich ist das, was ich in dem Buch beschreibe, so eine Erkundungsreise durch das Gesicht.
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Warum machen wir uns schön?
Was finden Menschen schön? Und wenn wir das alles dann wissen, kommt man vielleicht am Ende eher zu einer Zufriedenheit, zu sagen: Der Durchschnitt und das wiederum belegen ja viele Studien, das durchschnittliche Aussehen ist total in Ordnung und ist auch das Ausschlaggebende für unser soziales Miteinander.
Das durchschnittliche Aussehen ist nicht das, was wir in den sozialen Medien finden. Da sehen wir vor allen Dingen Bilder von Menschen, die überdurchschnittlich attraktiv sind. Und das, was für unser soziales Miteinander, auch für unser psychologisches Wohlbefinden maßgeblich ist, ist der Austausch mit den Prototypen in der jeweiligen Population, also mit echten Menschen.
Wenn man sich unter echte Menschen begibt, dann hat man ja auch komischerweise sofort ein besseres Gefühl für sich selbst. Ach so, ich sehe gar nicht so scheiße aus. Eben im Internet hatte ich gerade ein schlechtes Gefühl. Jetzt ist eigentlich alles ganz okay.
Der Badesee-Effekt
Ja, das ist doch so der Badesee-Effekt, die Fußgängerzone. Das ist glaube ich sehr, sehr wichtig. Auch, dass wir nicht das Gefühl dafür verlieren, wie Menschen wirklich aussehen. Das ist ja auch etwas, was sich in den letzten Jahren so eingeschlichen hat, dass wir denken, dass es völlig normal sei, dass eine 70-jährige Frau in den Medien aussieht wie eine 40-jährige Frau.
Das ist nicht normal. Nur weil es geht, heißt das nicht, dass 70-jährige Frauen so aussehen müssen. Und deshalb glaube ich, müssen wir uns auch sehr, sehr viel mit echten Menschen umgeben, um das wiederzulernen oder zu kalibrieren und nicht abzudriften.
Dank und Unterstützung
Rabea Weiser im Brand1 Podcast. Und ich sage vielen Dank für das echte Gespräch. Vielen Dank für die Einladung! Und wenn ihr das, was wir hier jede Woche produzieren, schön oder attraktiv findet, dann bewertet uns doch gern auf den Podcast-Plattformen eurer Wahl, wenn es dort geht, mit fünf Sternen.
Für Podcasts sind fünf Sterne ja wie eine 10 von 10, kann man sagen. Und uns hilft es auch, wenn ihr diese Episode jemandem empfehlt oder auch weiterleitet. Denn das ist die einfachste Art, uns und unsere Arbeit hier am Podcast zu unterstützen.
Ausblick
Wir bleiben auch erstmal beim Thema Schönheit, denn schon nächste Woche Freitag gibt es dazu die nächste Episode. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dann hier im Podcast wiederhören. Euch bis dahin eine schöne und echte Zeit.
Der Brand1 Podcast wird produziert vom Podcast Radio Detektor FM. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1 Magazin. Moderation: Christian Bollert.